- Vereinzelte Sonnenstrahlen berührten in der noch kühlen, windigen Luft der Wüste die ersten Sandkörner. Wild werden diese weiter und weiter getragen durch die Dünen, hinfort durch schmalste Wege und Trampelpfade des Dorfes. Noch war es ruhig....kaum ein Treiben war innerhalb des Dorfes zu vernehmen, die Sonne war auch noch nicht ganz über den Horizont herein gebrochen. Nur wenige, übereifrige Händler bahnten sich ihre Wege zu den Stallungen, um ihre Tiere zu packen....Immerhin würde die nächste Karawane in den frühen Abendstunden aufbrechen und es galt meist einiges vorzubereiten.
In diesem Dorf, fernab von der großen Stadt MenekUr, inmitten der Durrah lebte auch Amali. Sie war schon seit ihrer Geburt ein Sonnenschein und eine kleine Träumerin, die hier und da immer wieder in ihrer eigenen, kleinen Welt versank....Wenn es nach Amali ging, gab es nichts Böses auf der Welt. Amali selbst hatte einige Geschwister, darunter auch ihr großer Bruder Jussuf.... sie kam als Nachzüglerin zur Welt, eigentlich war sie gar nicht mehr geplant gewesen. Umso größer war die Freude innerhalb der Familie über die frohe Nachricht der Geburt dieser kleinen Wüstenblume. Eine der liebsten Beschäftigungen der kleinen Wüstenprinzessin war das aufmerksame Verfolgen der Übungskämpfe ihrer Brüder. von dem kleinen Mäuerchen aus beobachtete sie interessiert und voller erquickender Freude, die zappelnden Beinchen schlugen immer wieder an die steinerne Mauer.....immerhin war ihr großer Bruder Jussuf bereits 22, als sie mit vier Jahren bewusst die Welt um sich herum im Alleingang entdeckte. Da ihre Eltern bereits fortgeschrittenen Alters waren, war es auch Jussuf, der sich hauptsächlich um seine kleinere Schwester kümmerte. Das erklärte auch durchaus dieses intensive Band, welches Amali zu ihm knüpfte. Während ihres Erwachsenwerden war es immer Jussuf, der sie begleitete und unterstützte...er war Bruder, Freund, Vater und Vertrauter zugleich für sie. Natürlich war auch sie wie jede andere kleine Natifah, sie war neugierig, sie war zappelig, sie war wissbegierig. Nicht zuletzt zum Leidwesen derer, die ihren Fragen ausgeliefert waren....nicht einmal ließ sie locker, wenn es darum ging, all ihre Fragen beantwortet zu bekommen. Aber so war das eben, sprach sie einmal, ließ sie sich nicht so schnell wieder ausbremsen. Aber auch Amali wurde größer und Jussuf älter. Immer öfter musste er weg, was sie furchtbar traurig werden ließ....jeder Weggang von ihm schmerzte, auch wenn er wieder zurückkommen würde. Sie verstand im höheren Alter, weswegen er gehen musste. Die Phase der Traurigkeit blieb jedoch meist über viele Stunden. Sie hatte Verständnis für ihn, er machte sich immer wieder auf die Suche nach dem Rest von der Familie...deswegen reiste er auch so viel. Aber Amali wusste: Mit jedem Abschied kam auch ein freudiges Wiedersehen.
In den Zeiten der Abwesenheit Jussufs war Amali bei ihren Cousins und Cousinen untergebracht. Viele davon waren glücklicherweise in ihrem Alter und die meisten kannte sie von klein an. Zu den einen Cousinen hatte sie mehr Kontakt, zu den anderen weniger....Nicht selten saßen also all die Natifahs in einem der vielen Zelte um den zentralen Marktplatz und tauschten sich aus. Geschichten, Erzählungen oder Unterricht im Schneidern stand oft zur Debatte. Mit etwa 12 Jahren nahm sie an ihrem ersten Unterricht teil....seit diesem Zeitpunkt war die Grundlage ihrer Leidenschaft geschaffen. Schon zuvor war die kleine Amali immer wieder fasziniert von all den schönen Kleidern. Gerade, wenn Natifahs aus anderen, umliegenden und vielleicht größeren Dörfern zu Besuch kamen....Denn diese trugen weitaus prachtvollere und aufwendigere Kleider. Am meisten hegte sie ihre Leidenschaft für die Sari. Im Grunde war dies nur ein großer, langer Fetzen Stoff. Er wurde mit einigen gekonnten Griffen um die Körper der Frauen gewickelt, um deren Antlitz zu verbergen. Die Besonderheit an diesem „Fetzen“ Stoff war schlichtweg, dass er höchst aufwendig verziert wurde. Nicht selten schimmerte ein solches Sari in allen erdenklichen Farben. Amali seufzte leise bei den Gedanken an dieses fabelhafte Kleidungsstück. Würden ihre Hände es irgendwann auch können, einen solchen Sari anzufertigen? Immer öfter besuchte Amali also die Unterrichte im Zelt. Sie lernte schnell dazu und noch schneller kristallisierte sich ihr Ehrgeiz heraus....auch hatte sie das Glück, dass ihr jenes Talent scheinbar in die Wiege gelegt wurde. Es gelang ihr bald, ihr erstes Kleid zu nähen....dennoch war sie noch sehr weit davon entfernt, ihr erstes Sari zu nähen. Manchmal war sie so vertieft in ihre Arbeit, das sie nicht einmal mitbekam wie ihr Bruder wieder nach Hause zurückkehrte....aber auch er musste schmunzeln und war gewissermaßen ein kleines bisschen stolz auf seine Schwester. Aber an diesem Tag schien er nachdenklicher als sonst......Amali war das nicht entgangen, aber sie hatte kaum Möglichkeiten mit ihrem Bruder zu sprechen. Er war kurz gekommen um sie zu begrüßen, dann saß er mit den anderen zusammen. Sie spürte, das irgendetwas nicht stimmte. Mit gerunzelter Stirn versuchte sie einzelne Gesprächsfetzen aufzusaugen.....sie verstand nicht viel. Nach vielen Stunden erst erfuhr sie von dem, was Jussuf zu berichten hatte. Das Haus der Masari bestand nicht mehr so, wie es einst bestand. Zerschlagen, verstreut in alle Ländereien lebten die Masari....aber die Stärke um zu einem erneuten festen Haus zusammen zu finden – sie war zu diesem Zeitpunkt scheinbar nicht vorhanden. Einer der Gründe, warum Jussuf auch an diesem Abend wieder abreisen musste. Mit getrübtem Blick sah Amali ihm nach. Mittlerweile war sie alt genug um zu verstehen, dass das sein musste.... sie war auch alt genug, um nicht nur traurig zu sein, weil ihr Bruder weg war....sie verstand auch, das jede Reise gefährlich sein konnte. Umso mehr betete sie abendlich zu Eluive, ihrem Bruder möge nichts passieren. Dieses Mal war seine Abwesenheit lang. Amali hatte neben ihrer Leidenschaft zum Tuchweben auch eine Leidenschaft für Geschichten entdeckt....Nicht selten saßen die Natifahs abends im Gemeinschaftsraum und erzählten sich gegenseitig Geschichten. Amali genoss das, sie mochte es nicht, alleine zu sein. Einsamkeit war erdrückend und Einsamkeit ließ das Herz grau werden. Viel lieber hatte sie angenehme und glückliche Seelen um sich herum, denn das ließ ihr Herz wärmer werden und ihren Geist strahlen....Erst die Einsamkeit abends, kurz vor dem einschlafen, ließ die Gedanken weit fort tragen. Jeden Tag hoffte sie darauf, dass Jussuf zurückkehren würde. Eine endlos erscheinende Zeit.....Manchmal war sie so endlos, dass sie das Gefühl hatte, jede Sekunde würde sie erschlagen....aber ihre Mara hatte immer gesagt: Jede schlechte Zeit weicht einer guten Zeit. Die Aufregung war groß, als sie an einem der nächsten Tage einen Brief ihres Bruders in der Hand hielt. Ihre Augen flogen nahezu über den Text, den er geschrieben hatte. MenekUr also war sein letztes Ziel gewesen, welches er erreicht hatte. Sie hatte so viel von der Stadt gehört und immer wieder hatten sie darüber gesprochen, dass sie sich die Stadt irgendwann ansehen würden....Aber der Weg war weit und nicht ungefährlich, weswegen es nie dazu kam. Nun war ihr Bruder dort und schien zu planen, sesshaft zu werden. Er bat in seinem Brief darum, dass ihm so viele wie möglich folgen sollten. Er wollte die Familie wieder zusammenwachsen lassen, ihnen ein Haus und ein Dach über dem Kopf geben....oder eher vor dem geliebten Emir beweisen, dass die Masari wieder stark genug waren, um sie als eigene, große Familie aufzunehmen. MenekUr. Amali überlegte. Würde sie es schaffen mit der Karawane bis nach MenekUr durchzukommen? Sie wusste, dass es gefährlich war. Aber im Schutze einer Karawane konnte ihr beinahe nichts passieren. Die Nacht würde dafür herhalten müssen, eine Entscheidung zu treffen. Sie hatte nicht wirklich gut geschlafen..... Immer wieder wälzte sie sich in ihren Laken hin und her, so wirklich ein Auge zumachen? Daran war nicht zu denken..... Neben ihr schliefen die Natifahs seelenruhig. Die eine oder andere wurde nachts wach, holte sich etwas Wasser zu trinken und verschwand wieder unter den dünnen Laken. Amali starrte zu dem Baldachin über dem Bett und zählte die Muster darin. Sie wollte ihren Bruder so gerne wiedersehen. Außerdem hatte sie gehört, das die Ausbildung der Tuchweberinnen in der Stadt sehr gut waren....Hier waren ihre Möglichkeiten beinahe ausgeschöpft. Ein paar Gedankensprünge weiter waren ihr die Augen zugefallen und sie konnte doch noch wenige Momente Schlaf finden.Ihr war schon klar gewesen, das sie den Schlafsaal als Letzte an diesem Tag verlassen würde. Zu lange hatte sie ihre Gedanken hin und her gewälzt, um zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen.....Aber ihre Entscheidung stand fest: Sie würde heute Abend mit der nächsten Karawane nach MenekUr reisen. Wenn sie Glück hatte, würde sie sogar pünktlich zur Vermählung des Emirs eintreffen. Ein großes Ereignis für das ganze Land, auf welches sie sich sehr freute. Nun musste sie nur noch alles zusammenpacken und ihren Bruder unterrichten. Die Adler waren schneller im Zustellen der Pergamente als sie mit der Karawane..... Er würde also auf ihr Kommen vorbereitet sein.
Einige Wochen später.......
So viele Menekaner hatte Amali bisher kennengelernt und alle waren so unterschiedlich, so facettenreich. Viele kannte sie oberflächlich, zu einigen hegte sie schon eine tiefere Verbindung.... Die Flutwelle war überstanden, nach und nach nahm alles wieder den ursprünglichen Lauf der Dinge an....dennoch war MenekUr nahezu leergefegt. Viele Familien sah man kaum noch, das Familienhaus der Ifrey stand noch immer leer weil sich niemand um die Einrichtung kümmern konnte oder wollte......Talib war auf Reisen, Rija wollte verständlicherweise warten bis er wieder hier war. Amali hatte Rija dennoch ihre Hilfe angeboten sobald Talib wieder zuhause war. So war sie eben, die kleine Amali, sie wollte immer helfen, wo sie konnte. Zumal Jussuf sie auch immer wieder darauf hingewiesen hatte sich mit der Familie Ifrey als alte Freunde des Hause Masari gut zu stellen. Haus Masari – in ruhigen Minuten konnte sie nicht verstehen warum man das eigene Familienheim so leerstehen ließ. Sie wäre so dankbar hätte sie wieder ein Familienhaus mit regem Familienleben und lachenden Momenten..... Sie hatte vom Familienleben nie viel mitbekommen, zumindest nicht von dem Familienleben von dem viele sprachen. Die Familie Masari hatte sich entzweit. Sturheit und Streit waren ihre Feinde, alte Fehden mussten begraben werden..... Aber sie war dem Ruf ihres Bruders Jussuf gefolgt und in ihr schwebte immer wieder Hoffnung auf dass der Emir sie in all seiner Güte und Weisheit wieder als eine Familie anerkennen würde. Nichts mehr ersehnte sich die Natifah im Moment als diesen großen Herzenswunsch. Es blieb nur zu hoffen das sich bald alles zum positiven wendete.... Immerhin waren da noch all ihre Cousinen und Nichten: Delilah.... Elenya, die der gleichen Berufung nachging wie Amali, Tamika. Und auch Hajifa die den Masari gar nicht mehr angehören wollte....... Amali wusste, dass man Freigeister ziehen lassen musste. Dennoch wunderte sich stets, dass Hajifa diese Einstellung teilte. Sie hätte keine Familie mehr, ihre Eltern waren nicht mehr da und zu den übrig gebliebenen Masari hegte sie keinerlei Verbindung. Dabei war sie doch eine Priesterin Eluives, gerade sie sollte wissen was Familie bedeutete. Aber vielleicht war es noch nicht zu spät. Für Amali würde sie zumindest immer ein Teil der Familie bleiben selbst wenn sie sich für andere Wege entschied – die Wege eines jeden einzelnen waren so unergründlich und stets voller Überraschungen und Amali konnte durchaus nachvollziehen, dass sie sich bei den Yazir wohl fühlte..... Bisher kannte sie niemanden der Familie, der nicht freundlich zu ihr gewesen war. Eshaty war die einzige Tochter der Bashir mit der sie bereits mehrere Worte wechseln konnte und bei denen sie das Gefühl hatte, jene würden auch ankommen. Nahlah war distanzierter. Ein nettes und freundliches Wüstenblümchen, so zart und zerbrechlich. Und verlobt....in jedem zweiten Satz sprach sie von ihrem Verlobten. Nicht nur mit den Wüstenblumen, auch mit den Gästen und Besuchern im Basar. Amali konnte es sich vielleicht einfach nur nicht vorstellen wie es war verlobt zu sein. Ihr Lebensmittelpunkt waren im Moment Stoffe. Stoffe, Stoffe und nochmal Stoffe und es war so schön nicht mehr allein zu sein. Jazmyn, Eshaty, Nahlah... und Elenya, wenn sie sie endlich mal wieder antreffen würde....
Dennoch gab es aber auch die schlimmeren Menekaner....das waren die, die es nicht einmal für nötig hielten sich einem vorzustellen. Da war diese Natifah, die Abbas gegrüßt hatte aber Amali gekonnt ignorierte. Gerade einmal ein Nicken wurde ihr zuteil....lange hatte sie überlegt ob sie sich falsch verhalten hatte, aber ihr war nichts aufgefallen. Es lag wohl schlichtweg daran, dass sie keine gute Kinderstube genossen hatte, wie Tamika es nur etwa einen Wochenlauf später bei einem ähnlichen Vorfall auf den Punkt brachte. So war wohl das Leben in MenekUr. Verschiedene Menekaner, verschiedene Charaktere – den einen eilte ihr Ruf voraus, die anderen entpuppten sich als sehr große Überraschung sowohl positiv wie auch negativ.... aber wie wurde ihr von ihren Eltern gelehrt als sie noch lebten: Leben und leben lassen, jedes Lebewesen hat seine Geschichte. Amali lächelte sanft.
Die kleine Jehanah hatte sie nun eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Sie wurde in die Obhut der Yazir gegeben und Amali konnte nicht viel dagegen tun. Sie hatte nur ihr eigenes kleines Häuschen, noch kein Familienhaus. Sie konnte dem kleinen Wüstenblümchen niemals all das bieten was sie bei den Yazir bekommen konnte....also war es für sie das Beste, würde sie bei den Yazir bleiben. Amali durfte sie auch besuchen wann immer sie wollte. Es war schlimm,nahezu eine Tragödie, das die Eltern des Mädchens nicht auffindbar waren. Aber wie auch, es gab keinerlei spuren. Umso deutlicher ging der Verdacht hervor, das die Eltern des kleinen Mädchens Opfer der Flutwelle wurden. Die Eltern zu verlieren war etwas tragisches. Amali selbst war selbst nicht allzu alt, als ihre Eltern starben. Bei ihrem Vater war sie gerade einmal 10 Sommer, bei ihrer Mutter 12. In letzterem Fall hatte sie schon verstanden was passierte und sie saß am Bett ihrer Mutter bis diese ihre Augen schloss. So friedlich war sie da auf ihrem Bett....keinerlei Sorge auf den Zügen und keinerlei Schmerz in ihrem Blick. Ihre Mara hatte ihr immer gesagt, es war nicht schlimm den Weg zu Eluive zu bestreiten und man müsse überhaupt keine Angst davor haben. Aber als es dann soweit war hatte Amali große Angst. Und sie war traurig. Unendlich traurig. Ein leises, bedauerndes Seufzen ertönte und sie hoffte schlichtweg, das die Eltern von Jehanah irgendwann einfach auftauchen würden. Sie würde es der zarten Wüstenrose so sehr wünschen.
Sah man von all den vielen Dingen ab die auf Amali eingebrochen waren war da immer noch das Thema Schnee......Was auch immer Schnee war sie wusste es nicht. Sie hatte viele Erzählungen darüber gehört, aber sie selbst hatte Schnee noch nie gesehen...., noch nie gerochen...., noch nie in der Hand gehalten. Aber das Nordland schien voll davon zu sein. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen Schritt über den Wüstensand hinaus gemacht, sie hatte sich noch nicht einmal am Rand der Wüste an der angrenzenden Gebirgskette aufgehalten....sie wusste um die Gefahr der Durrah.
Und doch war die Neugier immer größer bei dieser kleinen Natifah.... Sie war doch noch so jung und musste viel erleben. Abbas hatte ihr angeboten sie als Wache zu begleiten. Ihn hatte sie auch gebeten sich Zeit zu nehmen, wenn er sich Zeit nehmen konnte, denn sie hatte das lästige Umhertragen satt; dringend brauchte sie ein Packpferd. Doch die Antwort ließ und ließ auf sich warten....Vielleicht sogar so lange bis der Schnee wieder weg war.... Als Abbas sich hingegen bereit erklärte sie dennoch zu begleiten strahlte das Herz der kleinen Natifah, so sehr hatte sie sich auf den Schnee gefreut.
Gerade als sie los wollten stand Noelani vor ihnen. Amali hatte sie eine Weile nicht mehr gesehen und freute sich sie nun endlich einmal wieder zu erblicken. Den Blick den sie Abbas hingegen zuwarf als sie erfuhr, dass er Amali ins Nordland begleiten würde, war seltsam. Amali wusste ihn nicht einzuordnen. Angst? Eifersucht? Sorge? Nichts von alldem musste sie haben..... Man sah das Noelani mit Abbas sehr vertraut war, meist sah man sie sogar öfter gemeinsam mit Abbas als mit ihrem Ehemann. Von Amali hingegen war keinerlei Gefahr zu erwarten;.... sie war zu jung und viel zu quirlig, um sich über Männer den Kopf zu zerbrechen. So vieles wartete noch auf sie, da musste sie nun noch nicht an das Thema denken. Wobei, wenn sie sich recht erinnerte.... ihr Bruder hatte einmal eine solche Anspielung gemacht. Nicht nur einmal. Für sie waren es leere Worte über die sie gar nicht weiter nachdenken wollte, er hatte auch gar keine konkrete Linie eingeschlagen. Aber in Anbetracht ihrer Gedanken im Moment hätte man glatt meinen können, ihr Bruder wolle sie so schnell wie möglich unter die Haube bringen. Aber nicht mit ihr! Zumal sie tatsächlich noch so jung war.... gerade einmal 18 Sommer alt. Und er war.... Eluive sollte ihr verzeihen für ihre Gedanken.... nun wirklich alt. Für sie, nicht im gesellschaftlichen Sinne, aber für sie. Gedanklich lachte sie.... die Gedanken einer jungen Natifah manchmal. Wie dem auch sein mochte, für sie gab es aktuell wichtigeres und das war alles in allem die Familie.... Der Weg mit dem Schiff war aufregend. Sie hatte sich warme Kleidung angezogen und Handschuhe mitgenommen. Diesen Tipp hatte ihr ihre Cousine Tamika gegeben. Sie war ein sehr lieber Mensch, irgendwas an ihr mochte Amali sehr. Vielleicht die gleiche Unbeschwertheit die auch sie selbst an den Tag legte. Abbas war mittlerweile gerüstet, immerhin hatte er für den notwendigen Schutz zu sorgen und nach den letzten Vorfällen war das wirklich wichtig. Sollten diese blauhäutigen Pestbringer an ihrer eigenen Zunge ersticken für das was sie ihrer Cousine angetan hatten... Das Schultertuch zog sie enger als sie das Schiff verlassen hatte, der Wind war gemein und eiskalt und der Schnee war im Moment noch nicht der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Erst einmal mussten sie Bajard verlassen, hier war es viel zu gefährlich. Also liefen und liefen sie und sie liefen und liefen bis sie weit genug von diesem kleinen Fischerdörfchen entfernt waren. Abbas blieb stehen und sie konnte zum ersten Mal den Anblick von Schnee genießen... er war weiß. Weiß und...... kalt. Beeindruckend war, dass man im Schnee, wie auch im Sand, seine eigenen Spuren hinterließ. Man mochte sie als albern ansehen, aber Amali sprang von unbefleckter Schneedecke zu unbefleckter Schneedecke, um die unterschiedlichsten Spuren zu hinterlassen. Solange, bis sie der Schneeball am Arm traf. Nicht fest, dennoch erschrak sie kurz. Schneebälle.... wie lustig. Sie stieg in das Spiel mit ein, formte Ball um Ball und bewarf Abbas damit und er wieder welche zurück. Kaum zu glauben das dort eine Natifah eines niederen Hauses stand und einen Omar frech mit Schneebällen bewarf. Aber es machte Spaß und das allem Anschein nach nicht nur ihr. „Hast du schon einmal Eis gesehen, Amali?“
Hatte sie nicht. Also zeigte er ihr einen zugefrorenen See. Er stieg vorsichtig auf die Eisschicht, Amali zog es vor gleich mit ordentlich Elan auf das Eis zu steigen.... Natürlich rutschte sie zunächst, balancierte ihr Gleichgewicht mit den Armen aus und fing sich wieder. Die Anstrengung wich ihrem Blick und sie freute sich wie ein kleines Kind. Abbas streckte den Arm nach ihr aus und schob sie an der Schulter über das Eis von sich davon, da sie so klein und so leicht war und er doch etwas Kraft in den Armen besaß war ihm das ein Leichtes. So schlitterte sie ein gutes Stück über das Eis und ruderte wieder mit den Armen weiter, das war ja auch so eine Sache mit dem Gleichgewicht. Sie hatte auf dem Eis ihr wahres Vergnügen, während Abbas eher wie eine festgefrorene Salzsäule dort stand und sich kaum bewegte. Das konnte sie so nicht dulden, sie schlitterte über den gefrorenen See zu ihm und schob ihn über das Eis.... Das sie all ihr Gewicht dafür aufbringen musste war ihr egal, es machte Spaß ihn so davon zu schieben. Und da der See so groß war blieb für sie genug Platz, um weiter herumzutoben. Immer mutiger wurde sie, ihr Anlauf wurde größer und größer und so schlitterte sie in höheren Geschwindigkeiten über die Eisfläche. Bis sie zuletzt das Gleichgewicht nicht mehr halten konnte und unsanft auf ihrem Hintern landete. Sie hatte sich noch gar nicht so wirklich von ihrem kleinen Schock erholen können da war Abbas längst bei ihr und sah sie besorgt an.... das schallende Lachen der Natifah versicherte ihm jedoch das alles in bester Ordnung war. Sie ließ sich auf das Eis zurück fallen und lag nur noch da, das Lachen durchzog weiter die Umgebung. Trotzdem....es wurde langsam wirklich kalt. Abbas reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Alleine hätte sie das nicht in dieser Geschwindigkeit geschafft, daher war sie ihm recht dankbar dafür. Warum sie auf dem Rückweg zusätzlich auf die blöde Idee kam sich unter einen Baum zu stellen und an einem Ast zu zupfen wusste sie im Nachgang auch nicht. Der ganze Schnee ergoss sich von oben herab über Amali und nun war Abbas es, der mit dem lachen nicht mehr inne halten konnte. Musste wirklich lustig ausgesehen haben wie sie dort so stand....wie ein begossener Pudel. Ihre Ausrede zu denken, der Schnee würde am Ast kleben bleiben, half ihr auch nicht aus der Misere, das es einfach nur dumm gewesen war. Und zudem sehr kalt, da sich der Schnee nun langsam in ihrem Nacken den Rücken hinab verteilte. Es war wirklich kalt.
Abbas legte seinen Gardemantel um Amalis Schultern, damit sie sich wieder wärmen konnte. Als er sich umgedreht hatte, griff sie nach dem viel zu großen Mantel und wickelte sich darin ein. Er war kuschelig warm... sie zog ihn noch ein Stück enger um sich, um auch Teile ihres Gesichtes darin zu vergraben. Mit einem debilen Grinsen auf den Lippen folgte sie Abbas nun, dessen Geruch sie durch den Mantel ständig in ihrer Nase hatte. Sie rechnete ihm diese Geste hoch an, immerhin war das keine Selbstverständlichkeit gewesen. Warum dieser Mann noch nicht verheiratet war wusste sie auch nicht so recht. Schon als Jussuf sie in einem Gespräch darauf hingewiesen hatte das Abbas unverheiratet war, war das für sie nicht wirklich verständlich. Natifahs mussten sich doch reihenweise um ihn reißen. Immerhin war er Junggeselle und ein Omar. Der Griff um den Kragen des Mantels wurde noch ein Stück enger; warum auch immer aber sie genoss diesen Moment. Ihr wäre nie in den Sinn gekommen in diese Geste eine tiefere Bedeutung zu legen, ihr war klar, dass er sie nur vor der aufkeimenden Kälte schützen wollte und dafür Sorge tragen wollte das sie nicht krank wurde wegen der nassen Kleider. Nichts desto trotz war da sein Geruch und der vorgewärmte Mantel, körperwarm.... ein kaum hörbares Seufzen. Darüber durfte sie doch nicht nachdenken. Sie war doch Amali. Sie war jung, sie hatte doch andere Interessen als.... so etwas. Auch Amali durfte in ihrem wilden Wüstenblumensturmleben einmal kurz Natifahträume haben, die sie dann aber ganz schnell wieder vergaß. Vielleicht hatte Noelani genau das geahnt und deswegen so geguckt.... vielleicht war Amali für diesen Augenblick, gefangen in den Natifahträumen, auch ein bisschen mehr Gefahr....die junge Masari schüttelte den Kopf kaum merklich unter dem Mantel. Amali war keine Gefahr, Amali war jung, eine Masari und weit weg davon ihren Kopf wegen eines Mannes zu verlieren. Glaubte sie.... hoffte sie.... dachte sie.... Sie war sich sicher. So sicher wie.... wie.... wieder sah sie von dem knirschenden Schnee unter ihren Füßen auf und umfasste mit ihrem Blick die Silhouette Abbas'.... ja, sie war sich sicher.
So vieles war in der zeit passiert die sie nun schon hier war. Anfängliche Bänder der Freundschaft wurden geknüpft, sie wurde mit reichlich Anerkennung belohnt und bekam Aufträge um Aufträge..... auch für das Haus Omar, von Taisha und Abbas, was ihr Herz wirklich lachen und erstrahlen ließ. Auch das nächtliche Gespräch mit dem Emir, Imraan, blieb ihr in Erinnerung. Sie war sich sicher er würde sich nicht unbedingt erinnern, immerhin sah er so viele Gesichter, aber sie behielt es in Erinnerung...so, wie kaum etwas ihrer Erinnerung wieder entgleiten wollte. Sie war angekommen in MenekUr und hatte Halt gefunden. Es blieb nur noch die letzte Hoffnung und die Erfüllung des letzten Wunsches.... das Haus Masari musste wieder bestehen.
Ein kleines Tröpfchen im Ozean
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Amali Rana
Ein kleines Tröpfchen im Ozean
Zuletzt geändert von Amali Rana am Donnerstag 8. Januar 2015, 12:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Jussuf
Sie standen kurz davor. Die Anerkennung war nur noch ein formaler Akt, ein Warten bis zum Abend. Jussuf Masari schaute zurück, wie steinig der Weg war. Zuerst war der Streit in der Familie zu schlichten, dann war Einigkeit zu schaffen und die Masari im Umland zu informieren. Dann die vielen Gespräche mit den anderen mächtigen Familien, insbesondere den Ifreys. Dann die Flutwelle und der Kampf gegen die Invasoren. Dann der Wiederaufbau der Stadt und an den anderen mächtigen Häusern. Dann die Enttäuschung durch den Emir, der Yussufs Eifer bremsen wollte. Dann die Rückschläge, dass zwei der Familienmitglieder wieder abgereist waren. Und das Gespräch mit Hajifa, ein wertvolles Familienmitglied, das lieber eine Yazir wäre. So viele Rückschläge! Und trotzdem machte er immer weiter mit Geduld und Diplomatie. Er war sogar in die Armee eingetreten, als Akemi. Und Eluive selber weiß, wie wenig er davon begeistert war.
Alles das forderte Kraft von dem Mann. Die Kraft, die er in Amali, seiner kleinen Schwester, seiner Lieblingsschwester fand, indem sie einfach da war. Oder indem sie einfach für ihn da war. Sie kannte ihn. Ihr konnte er nie etwas vormachen. Sie wusste immer ganz genau, wie und was er über etwas dachte. So viel Zeit hat er in ihrer Kindheit mit ihr verbracht. Das kleine Mädchen, das mit einem einfachen Lächeln die ganz Welt erobern konnte. Sie war ihm nachgereist. Sie hatte alle Gefahren auf sich genommen, um an seiner Seite zu sein. Seine kleine große Schwester.
Eines Tages wird ein anderer Mann sich um sie kümmern. Und dann ist er nur noch ein Bruder. Und Amali ist schon so alt. Sie sollte verheiratet sein. Es ist etwas Unausweichbares. So einen Juwel möchte mancher Mann besitzen. Je früher Jussuf das akzeptiert, desto besser war es für ihn. So sagte er zu sich selber. Er war furchtbar stolz auf seine Schwester. Sie war so stark und so sehr hilfreich im Kampf um das Haus. Sie hatte sich in kurzer Zeit einen Namen in der Stadt gemacht. Und ihr Name ist Masari. ihr Ruhm ist Ruhm für die Familie.
Alles das forderte Kraft von dem Mann. Die Kraft, die er in Amali, seiner kleinen Schwester, seiner Lieblingsschwester fand, indem sie einfach da war. Oder indem sie einfach für ihn da war. Sie kannte ihn. Ihr konnte er nie etwas vormachen. Sie wusste immer ganz genau, wie und was er über etwas dachte. So viel Zeit hat er in ihrer Kindheit mit ihr verbracht. Das kleine Mädchen, das mit einem einfachen Lächeln die ganz Welt erobern konnte. Sie war ihm nachgereist. Sie hatte alle Gefahren auf sich genommen, um an seiner Seite zu sein. Seine kleine große Schwester.
Eines Tages wird ein anderer Mann sich um sie kümmern. Und dann ist er nur noch ein Bruder. Und Amali ist schon so alt. Sie sollte verheiratet sein. Es ist etwas Unausweichbares. So einen Juwel möchte mancher Mann besitzen. Je früher Jussuf das akzeptiert, desto besser war es für ihn. So sagte er zu sich selber. Er war furchtbar stolz auf seine Schwester. Sie war so stark und so sehr hilfreich im Kampf um das Haus. Sie hatte sich in kurzer Zeit einen Namen in der Stadt gemacht. Und ihr Name ist Masari. ihr Ruhm ist Ruhm für die Familie.