- Die Neugier lehrt reden, die Wissbegier schweigen.
Georg (Karl Friedrich Theodor Ludwig) Baron von Örtzen
Eine meiner gehässigsten Stimmen fragte sich im Stillen, ob sie sich deshalb so auftakelte und mit Farbe beschmierte, weil sie hoffte wenigstens darüber interessant zu wirken, wenn schon nicht über eine gelungene anspruchsvolle Unterhaltung. Vermutlich aber verkannte diese gehässige Stimme die Situation völlig und ich schob sie beiseite. Zudem tat ich dieser Frau ebenso vermutlich einfach Unrecht und verlor mich in meiner eigenen Überheblichkeit, nur weil ich mit ihrer Einsilbigkeit nichts anzufangen wusste. Ich konnte sie immerhin nicht als unhöflich, unfreundlich oder gar abweisend einstufen, und getan hatte sie mir auch nichts. Sie gehörte nur nicht unbedingt zu der Art Mensch, zu denen ich übermäßigen Kontakt suchte, da sie durch ihre Schweigsamkeit ziemlich ungesellig und wie eine graue Maus im viel zu schrillen Federkleid wirkte.
Wie ich die scheinbar nicht bewusste Aufdringlichkeit von ihr werten sollte, war mir allerdings auch nicht klar. Irgendwas warnte mich davor die Rothaarige als naiv und völlig unbedarft einzustufen, auch wenn sie es offensichtlich sein wollte. Was genau mich warnte, wusste ich nicht. Vielleicht die Tatsache, dass jederzeit ein Drachen in der Tür hätte stehen können und das für die Rothaarigen so faszinierende Feuer spie. Trüge ich nicht die Befürchtung, dass mich dieses Feuer selbst treffen könnte, hätte ich mir fast schon gewünscht, es wäre passiert, einfach nur um zuzusehen, was passiert.
Die Eigenschaften, die sie glaubte erkannt zu haben, fand ich bei aller leisen Gehässigkeit interessant:
Bedacht, interessiert, pragmatisch, zielorientiert, unnahbar… und noch etwas, was ich schon wieder vergessen hatte. An und für sich war bei all den getroffenen und doch vermuteten Feststellungen nichts Schlechtes, vom letzten vielleicht einmal abgesehen. Wobei auch diese Eigenschaft eine positive Seite an sich hatte. Es kam nur darauf an, wer es war, der diese bei einem zu erkennen glaubte und sie benannte. Sie war auch nicht die erste, die das feststellte.
Die Zeit, bis der Drachen dann tatsächlich heimkam, nutzte ich mir zu überlegen, welchen Eindruck diese Studierende noch auf mich hinterlassen hatte.
Wie bereits ausgeführt war da die Wirkung der grauen Maus in dem bunten Pfauengewand. Diese Art des Auftretens, oder auch Zurschaustellung wirkte nicht echt und aufgesetzt, vordergründig. Die wortkarge Art tat ihr übriges dazu sie uninteressant zu finden. Es gab genug Menschen, die gerade diese Paarung an Äußerem und Oberflächlichkeit mysteriös fanden und deshalb ihre Neugier weckte. Mich strengte es eher an und zerrte an meiner Geduld. Lex schien das fasziniert zu haben. Mir war es lästig gewesen. Auch die Überforderung, die plötzlich auftrat, als die zwei Kinder des All-Einen mit am Tisch platzgenommen hatten, wirkte falsch. Am Lagerfeuer hatte sie selbiges Verhalten nicht gezeigt.
Auch wenn ich dies als Spielchen ihrerseits einstufte, um sich mit mir allein unterhalten zu können, ging ich darauf ein. Immerhin hatte ich ihr die Zeit zugesprochen. Also saßen wir wenig später im eigenen Heim, das sie studierte, zumindest den Teileindruck, den sie davon gewinnen konnte. Sie spielte offensichtlich gern mit dem Feuer, auch als sie das Stückchen glühende Holzkohle aus dem Feuer klaubte. Zwar hielt sie es mit den langen Fingernägeln, das täuschte aber nicht darüber hinweg, dass sie offensichtlich keinen Schmerz verspürte. Weder war das der Fall, als sie es aus der Hitze herausholte, noch als sie es die ganze Zeit so vor meine Nase hielt. Auch als sie es einige Zeit später erst auf dem Tisch ablegte, wo das kleine glühende Stück fast umgehend zu Asche zerfiel waren keine Anzeichen davon zu finden. Liedkundig also. Eine andere Erklärung für solche Phänomene kannte ich nicht. Es passte außerdem zu der Aussage, sie studiere und lerne. Bei Alatar, ich fand sie genauso staubig wie die Bücher, die solche Leute so gerne wälzten.
Immerhin machte sie mir deutlich, dass ich eine gepflegte Unterhaltung durchaus schätzte und Eigenmonologe nicht so meins waren, auch wenn ich bisweilen gerne und viel redete. Aber da ging mir irgendwann sogar der Stoff zum Reden aus.
Bestimmt war die Aussage richtig, dass Freunde es verstanden auch gemeinsam zu schweigen, aber hier handelte es sich weder um eine Freundin, noch war mir nach tiefgründigem Sprachlosigkeit. Die Frage, weshalb sie das Gespräch gesucht hatte, war ebenfalls nur dürftig beantwortet worden. Neugier. Das konnte nun alles und nichts bedeuten. Sehr sinnbehaftet schien mir unsere etwas einseitige Unterhaltung nicht gewesen zu sein. Und an der Stelle führte ich meine Gedanken wieder zum Ausgangspunkt zurück. Was für Eigenschaften hatte sie mir eigentlich von sich gezeigt?
Ich stellte erneut fest, dass ich es nicht in kurze Sammelbegriffe packen konnte. Zu jedem Wort, das mir einfiel, benötigte ich eine endlose Erklärung. Die Quintessenz des Ganzen aber war am Ende: Ich fand sie nichtssagend, bunt verfärbt, oberflächlich. Damit gab ich es dann auch auf mehr draus gewinnen zu wollen. Einzig die Einsicht blieb, dass ich ihr damit vermutlich Unrecht tat, aber das schlechte Gewissen stellte sich deshalb nicht ein.
Vielmehr schweiften die Gedanken ganz von ihr ab zu meiner Waffenschwester, denn wie das so ist, wenn man Zeit hat und mal keine Pflichten, denen es nachzugehen galt, kehrten auch schon mal Erinnerungen zurück, die zurückgestellt worden waren auf Grund eigenem Aktionismus.
Es dämmerte mir, dass die Kleine etwas von einem bedrohlichen Fremden berichtet hatte. Ich maß dem Ganzen an dem Abend gar nicht soviel Bedeutung bei, da sich meine Waffenschwester darum gekümmert hatte. Nun aber fiel mir auf, dass ich dazu gar nichts weiter mehr gehört hatte, weder von der Kleinen, noch vom Wissenschaftler, auch nicht von der Nervensäge oder meiner Waffenschwester selbst.
Da ich mir aber nicht vorwerfen lassen wollte, mich nicht zu interessieren, nichts zu tun oder mich gar überhaupt nicht darum zu scheren, was vor sich ging, stellte ich ein Nachhaken dazu auf meiner ‚Zu erledigen‘-Liste ganz nach oben. Vor allem fiel mir ein, dass sie beiläufige Bemerkungen machte, die mich damals schon stutzig machten und zudem auch neugierig. Genau die waren es, die eigentlich nur zu deutlich aufzeigten, wie wenig wir uns eigentlich kannten, aber doch gut zu kennen glaubten. Nicht, dass ich davon ausging, dass sich das jemals wirklich änderte. Dafür hielt sie sich viel zu fern von mir und ich mich mittlerweile wohl auch von ihr. Aber auch das war ja kein Umstand, der nicht änderbar war. Dem stand nur die Tatsache im Weg, dass wir beide kaum das Verlangen verspürten uns übermäßig mit den jeweiligen Partnern des anderen zu befassen, außer es ergab sich eben mal so. Das wiederum barg in sich schon eine gewisse Ironie, die von außen betrachtet auf die ganze Angelegenheit einen völlig falschen Eindruck erwecken konnte. Dieser Eindruck sorgte zumindest bei mir für enorme Belustigung.
Außerdem musste ich… nein, ich wollte mich mit ihr abstimmen, was die Knappen anging. Das hieß, ich konnte womöglich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
- Bestimme ich die Stärke des Feindes,
während meine Gestalt nicht wahrnehmbar erscheint,
so kann ich meine Stärke konzentrieren,
während der Feind unvollständig ist.
Der Höhepunkt militärischer Entfaltung findet sich im Formlosen:
Weiset keine Form auf und sogar der sinnestiefste Spion suchet Euch vergebens
und der Weise kann keine Pläne gegen Euch schmieden.
Sunzi