So zog ich meine Schritte durch Bajard. Ich hatte heute nicht vor Bartos Arcoza zu fangen oder mich mit dieser Thematik überhaupt zu befassen. Eigentlich wollte ich nur vom Hafen durchreiten, wieder in Richtung Heimat und hoffte dabei eventuell wieder meine Cousine zu treffen, die sich immer wieder seltsame Ausreden ausdachte, warum sie ohne Rüstung und tanzend vor Bajard hin und her sprang. Aber Renana war dieses Mal nicht anzutreffen und das war beruhigend. Jegliche Ruhe wurde aber gänzlich zerstört als ich ihn vor mir sah. Mein Leib erstarrte und ich versuchte mir im Kopf auszumalen warum er noch lebte, ob der Thyre noch lebte der ihn eskortierte oder was er nun vor hatte. Denn als er mich erblickte, rückte er sein Schild zurecht. Dabei spürte ich einen Kloß in meinem Hals, ich war ihm nicht gewachsen, das wusste ich, nicht alleine. Ich hatte regelrecht Angst vor ihm. Ich wusste nicht ob er das spürte, aber zumindest versuchte ich es zu unterdrücken. Ich hob den Kopf in die Höhe und faselte irgendwas, was ich eben immer tat. Große Reden, hinter welchen sich die Furcht versteckte.
"Ihr werdet mir nun ein Tröpfchen Blut von Euch geben und eine Locke Eures wundervollen Haares. Und ich bin nur höflich, wenn Ihr es nicht freiwillig tut, werde ich es mir holen."
In meinem Kopf sausten die Gedanken umher. Ich wusste was solche wie er mit solch Dingen taten. Ich hatte mich über so Sachen nie richtig informiert, aber dumm war ich nicht. Egal was er sagte, es ging an einem Ohr hinein und am anderen wieder hinaus. Ich musste überlegen, so oder so war ich unterlegen. Ich hatte nun also zwei Wege die ich gehen konnte. Entweder ich würde mich weigern, er würde mich verletzen und schlimmer und die restliche Woche wäre zerstört oder ich überlegte mir einen Handel, einen Handel der erst einmal meinen Leib schonte und ihn besänftigte. Ich dachte an meine Cousinen und alle anderen, die sich ab und an heimlich her schlichen und ging dann einen Schritt, wie aus Reflex, auf ihn zu. Jegliche Verzweiflung verscheuchte ich aus meinem Kopf und übertünchte sie mit Überzeugung.
"Du sollst kriegen was du willst, Rabendiener. Dafür wirst du alle meines Volkes, denen du hier begegnest, verschonen. Du wirst sie ziehen lassen und du wirst ihnen keinen Schaden zufügen."
Wieder redete er und redete und redete. Ich war seine Stimme so leid und es tat mir in der Seele weh. ihm überhaupt entgegen zu blicken. Zuzusehen wie er einwilligte, Blut und Haar nahm, zuzusehen wie ein Tropfen Blut in den Schnee fiel und dieses Bild eher ein Schreien in meinem Inneren erzeugte, als irgendwie schön zu sein. Er redete weiter, doch ich wendete mich bereits ab. Nur noch ein letzter Blick über die Schulter. Dieser hätte beleidigender nicht sein können und wäre es nicht die Erziehung, die mich zu dem machte was ich war, wären in diesem Moment Worte von mir gekommen, wo selbst einem alten Mann die Ohren geblutet hätten. In meinem Kopf hatte ich sie bereits.
Ich verfluchte den alten Piraten, denn mit ihm hatte alles angefangen und verfluchte den Rest des Seins. Ich hatte ein wenig Schutz über manche Seelen bringen können, habe aber einen bitteren Preis bezahlt. Erst als ich wieder auf Menek'Ur war, ließ ich das Ganze sacken. Mir fiel das Atmen schwer und immer wieder strich ich mit den Daumen über die Wunde in meiner Handinnenfläche.
Dem Erhabenen, meinem Emir, ging es wieder besser. So viel wie er an diesem Abend sprach, hörte ich ihn lange nicht mehr reden. Ich konnte ihn damit nicht belasten. Er musste genesen und so entschied ich mich für einen anderen Omar an diesem Tische. Ich vertraute mich Abbas an, bat ihn um Hilfe und jene streckte er mir ohne Zögern entgegen. Auch wenn ich mehr verzweifelt war, konnte ich manchmal dieses Glück nicht so recht fassen, welches mir meine neue Familie bescherte. Denn da wusste ich, dass der letzte Flügelschlag noch nicht gemacht wurde und das Spiel mit Eis und Feuer gerade erst begonnen hatte. Und die Worte Abbas hallten in meinem Kopf auch nach, als ich mich in Richtung Yazirviertel bewegte. Sie waren eigentlich nicht beruhigend, aber sie ließen mich eine Weile schlafen.
Ich hätte genauso gehandelt, aber das heißt nicht das es die richtige Entscheidung war...