Das virre Ende

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Gast

Das virre Ende

Beitrag von Gast »

Vor wenigen Tagen war sie mit einer besonderen Bitte an einen Grauberobten getreten, die ihn vermutlich im ersten Moment sicher verwundert hatte, doch im Zweiteren hatte er sich ihrer dann angenommen. Er nannte ihr einen Ort und ein Datum, an dem sie sich erneut treffen würde und so begann sie in den letzten Tage Dinge zu erledigen, die zuvor gemacht werden mussten. Sie hatte ein paar ihrer Güter im Haus versteckt, wo niemand so schnell suchen würde. Sie würden nicht rechtzeitig gefunden werden und so würde auch niemand fragen, was sie genau vorhatte. Auch die Briefe, die sie zuletzt gefertigt hatte, würde sie erst im nachhinein ausliefern lassen. Nicht, dass sie erwartete jemand würde sie aufhalten, dennoch wollte sie ganz sicher gehen. Sie hatte ihre Entscheindung gefällt und würde sie nicht mehr zurückziehen. Auch wenn sich vieles in den letzten Monden verändert hatte, sie hatte ein neues Zuhause gefunden und auf gewisse Weise auch eine Familie, die sie auf ihre Art und Weise liebte. Dennoch fühlte sie sich in den meisten Momenten einsam und unverstanden. Jedoch war das ihre eigene Schuld, sie hatte nach einigen versuchten Fehlschlägen niemanden mehr gänzlich an sich herangelassen. Sie war zu gebrochen, um noch ein weiteres Mal so viel Vertrauen in ein Menschen zu investieren. Außerdem hatte sie die Sorge, dass sie es nicht verstehen würden. Wobei sie sich bei ihm besonders sicher war, dass er sie dafür verachten wird. Sie war schwach und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, konnte sie mit dem Glauben nicht mal mehr viel anfangen. Sie war nur dort, weil es sonst keinen Ort mehr für sie gab und auch dieser wurde ihr überdrüssig und so fiel es ihr zuletzt nicht mal mehr schwer, diese Bitte zu formulieren und auszusprechen...


Sie steckte die Briefe in ihre Tasche und machte sich dann auch schon auf den Weg, das Haus... die Stadt und diesen Ort für immer zu verlassen. Sie traf sich mit dem Diener und folgte ihm still, sie hatte nichts mehr zu sagen. Ihr Leben war gefüllt mit vielen Worten und doch schienen ihr die meisten eine Verschwendung im Nachhinein. Vieles hätte sie nicht sagen sollen oder dürfen und manches, was unausgesprochen geblieben war, hätte gesagt werden müssen. Sie bereute noch immer vieles in ihrem Leben und konnte sich dies auch nicht verzeihen. In ihren Träumen lebte sie noch immer bei ihm, hatte damals über ihre Ängste gesprochen, sie hatten es gemeinsam überwunden und lebten nun glücklich mit ihrem kleinen Jungen. So hätte es sein müssen, dann wäre sie vermutlich die glücklichste Frau, auf dieser Welt - im Nachhinein. Doch damals hatte sie so große Furcht, vor dem was kam, dass sie sich so dagegen wehrte, dass sie alles verloren hatte, was ihr eigentlich wichtig war. Damals dachte sie eigentlich, war ihr Lebenslicht schon erloschen. Doch irgendetwas hatte sie am Leben gehalten und sie hatte überlebt - bedauerlich, denn danach wartete nur viele weitere Momente des Schmerzes, des Verlustes, der Trauer und des Hasses. Sie hatte sich in ihrem Leben so oft falsch entschieden, dass sie es gar nicht mehr zählen könnte. Natürlich hatte sie auch viel Gutes erlebt, doch sie konnte niemals diesen Schmerz hinter sich lassen und je mehr hinzukam, desto größer wurde der Klotz an ihrem Bein, der sie in die Tiefe zog. Und als sie irgendwann aufhörte, darüber zu sprechen, wurde er nur noch schwerer. Wie ein großer Schatten folgte ihre Vergangenheit sie selbst und drohte sie jederzeit zu verschlingen und auch wenn der Gedanke des Todes sie stets beschäftigte, konnte sie sich nie gänzlich dazu entschließen.. aus Angst oder aus Scham. Sie wollte nicht ihr Gesicht verlieren, sie wollte nicht, dass es so früh schon endete... doch gänzlich überwinden konnte sie das Alles nicht und so holte sie dieses Schicksal ein und sie verlor all die Gedanken, die sie daran hinderten diesen Weg zu bestreiten..


Sie schüttelte den Kopf um diese Gedanken beiseite zu schieben und blickte auf die dunklen Treppen herab, die sich vor ihr darboten. Sie umgriff ihr Kleid und zog es ein wenig in die Höhe, um nicht herabzustürzen, ehe sie dann dem Graurock nach unten folgte. Seltsame Schatten warfen sich durch das matte Licht auf die Wände, doch sie spürte keine Furcht - nur noch Zuversicht vor dem, was kam. Ein ruhiges Lächeln bildete sich auf ihren Lippen und während sie weiter durch die dunklen Katakomben geführt wurde, schienen ihr all die schrecklichen Dinge, die sie erlebt hatte, wie Alpträume vorzukommen. Nach und nach warfen sie ihre Abbilder dieser Selbst an die Wände und verliesen ihre gequälte Seele. Mit jedem Schritt fühlte sie sich erlöster und befreiter, als jemals zuvor. Sie lass die Dunkelheit hinter sich und betrat das Licht...


Da stand sie nun.. im großen Raum.. vor ihr ein Pentagramm aus Blut gemalt. Sie übergab dem Diener ihre Tasche und nickte ihm leicht zu. Sie hatte zuvor alles mit ihm besprochen und wusste, er würde sich um ihren letzten Willen kümmern. Er überreichte ihr stattdessen eine übelriechende Tinktur, die sie einfach trank. Dann trat sie auch schon in den Kreis hinein. Es kostete sie keine Überwindung mehr, sie ersehnte es. Sie legte sich darin nieder und faltet ihre Hände über ihrem Bauch zusammen. Sie sah noch einen Moment an die Decke, ehe sie die Augen schloss, als würde sie schlafen wollen. Sie hörte noch, wie er ein paar Dinge vorbereitete. Sie sah nicht, ob er sich andere zur Hilfe geholt hatte oder er sich alleine um sie kümmerte. Es zählte nicht mehr.. zuletzt hörte sie noch ein paar seltsame Formeln und Anbetungen... ehe der Umtrunk sein Tribut verlangte und sie recht zügig in einem tiefen Schlaf fiel. Sie hatte in ihrem Leben genug gelitten und so hatte sie zu ihrem Tod nur einen Wunsch - er sollte schmerzlos sein. Als würde sie einschlafen... und nie wieder erwachen.. und dafür erhielt er ihre Seele. Wen kümmerte es schon... was mit dieser passierte..? Sie wäre sowieso niemals nach Nileth Azhur gekommen, fraglich ob es überhaupt existierte. Aber falls, wäre niemals ein Platz für sie dort gewesen. Sie war weder ein strenger Gläubiger, noch ein fleißiger. Sie hatte nicht viel getan.. und hatte daher nur einen Platz für ihre geschundene Seele - bei Krathor. Wieso versuchen zu verhindern, was sowieso unausweichlich war..? Und warum davor fürchten, wenn sie wusste, dass dort noch eine Menge anderer auf sie warten würden..? Es wäre eine Qual.. aber eine Qual, die sie mit denen teilen würde, die sie über alles liebte und sich so lange nach ihnen sehnte...


Und da Begann der Moment ihres Endes.. sie hatte das Gefühl, dass sie langsam abhebte und sich von ihrem Körper gänzlich trennte. Sie sah nicht zurück, sondern folgte einfach weiter voran. Langsam schloss sich eine Dunkelheit gänzlich um sie und als sie nichts mehr sah, wusste sie, dass ihr Tod nicht länger ein Traum war.. sondern gerade passierte. Sie atmete erleichtert auf und sie wollte fast weinen vor Glück. Es war wie eine Erlösung... vor der sie so lange Angst hatte und nun war es so weit und sie hätte es schon viel früher tun sollen. All der Schmerz war dahin.. alles sehnen und wünschen.. war vorüber...sie musste nicht länger hoffen.. oder träumen.. denn all das spielte keine Rolle mehr. Und all die Dunkelheit machte ihr keine Angst... denn sie wusste, sie war nicht alleine darin.. und da erhellte sich weit entfernt ein kleiner Punkt... ein Licht, dass ihr so vertraut vorkam und da begann sie zu rennen. Sie rannte und begann zu weinen, sie streckte die Arme danach aus und schrie laut seinen Namen... sie war bereit. Endlich konnte sie ihn zu sich nehmen.. Er war nicht länger alleine.. sie war endlich da, wo sie hätte vor langer Zeit schon hätte sein sollen.. und dieses Mal würde sie nicht schweißgebadet aufwachen und der Schmerz würde sie im ersten Moment nicht fast in die Ohnmacht treiben.. nein.. dieses Mal... würde sie ihn fest halten und nie wieder loslassen.. und da erreichte sie ihn. Für einen Moment hielt sie inne, vermutlich einfach eine Reaktion, die sie so kannte - von all den Alpträumen, die sie stets verfolgten. Sie sah auf die kleine Gestalt herab... die weissen Haare, die verschiedenfarbenen Augen... die zierliche Figur.. ein liebevolles Lächeln.. auf seinen Lippen... und da öffnete er sie und sprach zu ihr...


  • <<Ich habe auf dich gewartet Mama... danke, dass du endlich da bist..>>



Da fiel sie vor ihm auf die Knie und schloss die Arme um den kleinen Jungen und drückte ihn fest an sich. Sie hatte noch immer Angst, dass dieser Moment enden würde, doch es geschah nicht. Sie spürte nur seine Wärme, seine Nähe... seinen Atem... sie spürte, wie seine kleinen Arme sich um sie schlossen und sie ebenso festhielten... und als ihr all dies bewusst wurde, da fühlte es sich an, als würde ihr Herz vor Glück fast zerspringen.. und da begannen ihre Worte nur so aus ihr herauszusprudeln...


  • <<Ich werde dich nie wieder verlassen... es tut mir so leid, dass ich dich allein gelassen habe. Es war eine Qual und ich hab mich so gefürchtet und geschämt.. doch das ist vorbei.. ich bin nun bei dir... und für dich da.. ich werde nie wieder vor etwas wegrennen.. ich bin nun bei dir und werde es für immer bleiben.. mein kleiner Stern.. mein kleiner.. Etienne...>>



Mit den letzten Worten drückte sie ihre Lippen fest an die Stirn ihres kleinen Jungens, ehe das kleine Paar von schwarzen Schwingen umschlossen wurde und für immer von der Bildfläche verschwanden...






  • Lieber Dazen,

    wenn du diesen Brief erhälst, bin ich schon tot. Ich weiss, dass du mich dafür vermutlich hassen wirst und auch verachten. Doch es gab vieles, was du nicht weist und womit ich einfach nicht mehr leben konnte udn wollte. Ich bitte dich nur darum, dass du mich in Erinnerung hälst, wie ich war. Ich danke dir für die vielen schönen Momente, für ein neues Zuhause und dafür, dass ich ein Teil dieser Familie wurde. Es tut mir leid, dass ich gegangen bin, aber anders war es für mich nicht mehr möglich. Ich liebe dich... und jetzt, wo ich tot bin, kann ich es einfach schreiben und du kannst nicht mehr sauer auf mich sein deswegen. Ich werde stets in Gedanken bei dir sein und dich begleiten. Also streng dich an und mach mich stolz. Obwohl du dafür nicht mehr viel tun musst, da ich es eigentlich schon längst bin.
    In Liebe
    Neyla

  • Liebe Fann,

    wenn du diese Zeilen liest, ist mein Körper schon kalt und leblos. Ich wollte dir nur ein paar Worte schenken, da du mir - obwohl du so kratzbürstig bist - auch vieles gegeben hast. Du hast mich oft zum lachen gebracht und ich habe mich bei dir stets sehr wohl gefühlt. Du warst für mich wie eine große Schwester, die ich niemals hatte. Ich danke dir, dass es dich gibt und pass mir gut auf Dazen auf. Ich liebe dich und werde stets über dich wachen, auf dass du immer der Drache bleibst, der du heute bist. Lass dich niemals unterkriegen und geh stetig voran. Du bist für mich ein Vorbild, dass ich selbst leider niemals erreichen konnte. Vermutlich, weil du einfach viel stärker bist als ich es je war. Danke, für ein Stück Heimat, dass du mir geschenkt hast.
    In Liebe
    Neyla


  • Liebe Fenia,

    wenn du über diese Buchstaben siehst, liege ich schon unter der Erde und bin mit meinem Sohn vereint. Ich habe niemals über den Schmerz gesprochen, der mich quält. Ich wollte vor euch allen einfach nicht schwach wirken, aber ich bin es leider. Ich konnte nicht länger weglaufen und habe den Entschluss gefasst, dass es genug ist. Ich habe vieles verloren und konnte dem nicht mehr stand halten. Und auch wenn ihr mir vieles gegeben habt, konnte ich die Schatten meiner Vergangenheit nicht hinter mir lassen. Es tut mir leid, dass ich dich alleine lasse und hoffe, dass mein Bett bald ersetzt wird. Ich will dich nicht einsam wissen. Du bist eine wundervolle Frau und eine gute Freundin. Ich hoffe, dass du deinen Weg stetig bestreitest und weiter so mutig bist, wie du es heute bist. Ich liebe dich kleine Fenia und werde stets bei dir sein. Auch wenn du mich nicht sehen kannst, bin ich da und wenn du dich mal einsam fühlen solltest, dann denke an mich. Ich vererbe dir all meine Kleidung, dann hast du zumindest meinen Duft in deiner Nähe, sodass du dich im guten an mich erinnern kannst. Ich habe Dazen und Fann auch etwas im Bücherregal versteckt, sollten sie es wegwerfen, halte sie bitte auf. Ich kann mir vorstellen, das sie sauer sein könnten. Ich weiss, dass du es anders sehen wirst.
    In Liebe
    Neyla


  • Lieber Lucien,

    vermutlich wunderst du dich, dass du gerade jetzt einen Brief von mir erhälst. Ich wollte mich entschuldigen. Entschuldigen, für all die Dummheiten, die ich getan habe und ein ganzes Leben lang bereute, bis es mich schließlich einholte und ich nicht mehr länger wollte. Es tut mir leid, dass ich damals so sehr zweifelte, es tut mir leid, dass ich nicht an uns glaubte, es tut mir leid, dass ich damals die Hoffnung verloren habe und damit alles kaputt gemacht habe. Ich gebe mir die Schuld an dem Verlust unseres kleinen Jungen und so nehme ich die Aufgabe an mich, ihn zu finden und mich ihm anzunehmen. Ich kann ihn nicht alleine lassen. Er braucht seine Mutter und daher bin ich nun bei ihm. Ich hoffe, dass du dafür das leben kannst, was wir uns damals wünschten - wobei ich zu diesem Wunsch damals nicht stand und erst im Nachhinein erfahren musste, dass das alles war, was ich wollte. Ich hoffe, dass du eine große Familie hast, dass du geliebt wirst von deiner Frau und deinem Kind, dass du eines Tages Geschichten an deine Enkel erzählen kannst und du das Glück erlebst, dass du verdienst hast. In gewisser Weise habe ich dich stets geliebt und habe mich immer gesehnt, dass ich mich damals anders entschieden hätte und nicht alles zerstört hätte...
    In Liebe
    Neyla

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