- Eine strategische Allianz zwischen zwei Starken ist äußerst selten.
Prof. Dr. Hermann Simon
Wahnsinn! Anders konnte ich die vergangenen zwei Tage nicht mehr beschreiben.
Ich war gerade erst von einer Reise zurückgekehrt. Zuhause bei den Eltern ging es drunter und drüber, weshalb ich kurzfristig aufbrach. So kurzfristig, dass keine Verabschiedung möglich war. Ich konnte mir keine Verzögerung leisten, so dass ich Tag und Nacht unterwegs war, zu Land und zu Wasser. Drei Tage hin ohne großartige Rast, wenn man von der Wartezeit auf dem Schiff mal absah, die auch kein Vergnügen war. Ich erinnerte mich noch an die Worte des Kapitäns, der warnte, dass die Sommerzeit fast vorbei wäre und die ersten Stürme aufkämen. Als hätte er es heraufbeschworen, bekamen wir eine kleine Kostprobe davon kurz vor unserem Ziel. Mir behagte die Seefahrt sowieso schon nicht, mit den windigen Kapriolen noch weniger.
Zeit zum Nachdenken blieb mir dabei auch nicht, ich hatte genug damit zu tun über der Reling zu hängen und hingebungsvoll die Fische zu füttern.
Der Aufenthalt zuhause versprach auch keine Erholung. Ich schlief kaum, war nur damit beschäftigt den Hof am Laufen zu halten, zum einen durch kräftiges Anpacken und schuften, als auch helfende Hände für meine Mutter zu suchen. Der Heiler war schon regelrecht bei uns eingezogen und kümmerte sich seit meiner Ankunft doppelt so angestrengt darum den alten Mann am Leben zu erhalten und zur Genesung anzutreiben. Angst beflügelte offenkundig, dabei hatte ich noch nicht einmal ein sprödes Wort verloren, sondern nur höflich gegrüßt.
Darüber hinaus war es der erste Besuch zuhause seit der Ernennung zum Ritter. Und genau das hatte ich törichterweise völlig unterschätzt. Ich war ein paar Tage zuhause. Lange konnte ich mich nicht hier aufhalten. Es war sowieso schon genug eigene Arbeit liegen geblieben. Aber die zwei drei Tage genügten, dass ich schwer mit meiner Selbstbeherrschung zu ringen hatte. Kein Tag, wo der Hof nicht von etlichen Leuten belagert wurde. Der einzige Vorteil daran war, dass helfende Hände schnell gefunden waren, die dann auch gleich fleißig zur Hand gingen und gelehrig aufnahmen, was zu tun war, so dass Fragen dazu nur einmal aufkamen.
Befriedigt, alles zuhause getan zu haben, was in der Kürze der Zeit möglich war, musste ich mich wenig später von meinen Eltern verabschieden. Der Heiler versicherte, Vater käme durch, er setze alles daran, dass der Alte wieder auf die Beine käme und so frisch und vergnügt durch die Lande hüpfen würde können, wie vor dem Unfall. Ich glaube ihm die Hälfte der Worte nicht, aber da ich nichts daran ändern konnte, käme es anders, ließ ich es dabei bewenden.
Auf dem Rückweg zur Stadt am Meer - und dem dortigen Hafen - machte ich einen kurzen Zwischenstopp bei meinem alten Lehrer. Besorgt wurde mir bewusst, wie alt der Mann geworden war, der mir die Grundlagen im Umgang mit dem Schwert beigebracht hatte. Noch auf dem Weg zum Hafen wurde mir bewusst, dass ich ihn vermutlich das letzte Mal gesehen hatte. Meinen Vater vielleicht ebenso. Auch das war nicht zu ändern und der Lauf der Dinge. Also behielt ich den Blick nach vorn gewandt und setzte mich auch auf der Rückreise der unruhigen See aus.
Ich kehrte zurück ans Festland nach weiteren zwei bis drei schlaflosen Tagen und Nächten, völlig ausgelaugt, schmutzig und müde. Trotzdem meldete ich mich zurück, holte mir ein paar Neuigkeiten ab, bevor ich in der Ritterfeste wie tot und schmutzig von der Reise wie ich war in eines der Betten fiel.
Auch am nächsten Tag kam ich gar nicht erst bis nach Hause. Ich konnte das Haus zwar sehen, wurde aber bereits auf dem Marktplatz aufgehalten. Auch wenn ich mich noch so sehr nach einem heißen Bad sehnte, schob ich den Gedanken daran nach hinten und ließ mich auf die Unterhaltung ein, bis hin dazu mich in der Taverne hinzusetzen und dort ein Wasser zu mir zu nehmen. Es dauerte gar nicht lange, da war soviel los, dass ich völlig vergaß, dass ich an sich ja heimwärts wollte und sollte, erst recht als das Lämmchen zur Schlachtbank stakste und mühselig versuchte dem Alkohol fern zu bleiben.
Es war also erforderlich das Lämmchen abzulenken und zu beschäftigen, was uns damit zum Übungsgelände der Garde führte und zu einer ordentlich schweißtreibenden Runde für die Abhängige. Faszinierend fand ich inzwischen das Gemurmel unseres neusten etwas irren Zugangs. Wenn ich eines feststellen durfte, dann dass er als Heiler sicherlich taugte, zumindest wenn es um Anatomie, Beobachtungsgabe und Stichpunkte ging, der er sich da machte.
Gleichzeitig vermutete ich, dass sein liebster Satz „Probantin diskutiert wieder" war. Irgendwie erwartete ich ja, dass die Furie beim Lämmchen langsam durchkam, aber nichts dergleichen geschah. Sie diskutierte zwar, aber sie tat auch, was man ihr sagte. Es zeigte auch die Wirkung, dass Versagen zu Wiederholungen führte, diese zu Erschöpfung und Schmerz durch Erschöpfung, trotzdem gab sie nicht auf.
Dank der freundlichen Unterstützung von Gabriella erhielt sie nach der kleinen Tortur saubere Klamotten, ein kurzes Bad und etwas Essbares.
Wir hatten uns gerade auf den Rückweg gemacht gen Rahal, als wir in ein Rudel Piraten, angeführt von Mederic reinliefen. Das war in etwa der Moment, wo mich die Erschöpfung wieder zu übermannen drohte, denn die Aufregung war nicht von der Hand zu weisen, die von dem Grüppchen ausging - und die Verletzungen, die zu sehen waren auch nicht.
Nach einem kurzen Bericht ließ ich unseren irren Wissenschaftler und das Lämmchen zurück bei dem Pack, die sich dort um die Verletzungen kümmerten, während ich mit Mederic den leichtsinnigsten Akt seit dem Ritterschlag antrat, an den ich mich zurückerinnern konnte. Es würde sich an diesem Abend wohl zeigen, wie gut es um den eigenen Ruf und den Respekt beim Feind bestellt war. Mederic holte in Düstersee noch Muireall ab, die mich an Bajards Kreuzung fröhlich mit den Worten empfing: „Ich bring dich um, wenn wir das überleben!"
Im Stillen und bei aller Nervosität dachte ich mir noch:
Das sind die rosigsten Aussichten der letzten Tage!
Letztlich hatte ich mich nicht verkalkuliert, die Situation weder überschätzt noch unterschätzt, was mich innerlich aufatmen ließ, während ich äußerlich so tat, als wäre das ja sowas von selbstverständlich gewesen. Sehr gut gefiel mir die Vorlage, die mir geliefert wurde für den Folgetag. Für diesen Abend sollten wir die zwei Schwätzer Schaf und Esel wieder mitnehmen können.
Was das kommende Duell anging, war ich guter Hoffnung. Die Einladung dem Duell beizuwohnen hatte überrascht. Aber auch hier hatte ich wenig Zeit darüber nachzudenken. Es gab noch einiges vorher zu klären, zu besprechen und irgendwann kam ich tatsächlich zuhause an, fiel in ein leeres Bett und schlief wie ein Stein, ohne mir Gedanken zu machen, dass ja eigentlich jemand fehlte.
Diese Person sah ich auch am nächsten Tag zunächst einmal nicht, so dass ich am Abend aufbrach zu besagter Einladung, nicht ohne die Vorlage genutzt zu haben.
Ich hatte mir die Freiheit genommen am Nachmittag tatsächlich Blumen zu organisieren. Dass die mich nicht dauerhaft zum Niesen brachten, war auch alles. Wie ich dieses Gesträuch hasste. Aber… es diente einem guten Zweck! Also Augen zu und durch.
Weiße Rosen, rote Nelken - Ewigkeit und Wahrhaftigkeit, sowie hingebungsvolle Leidenschaft. Sehr hübsch, auch wenn die Bedeutung dahinter eher anders zu interpretieren war, als Liebende es täten. Immerhin hatte sie mir versichert, sie wolle mich mit aller Leidenschaft der Ewigkeit vorm All-Einen überantworten. Ich dachte mir, ich sollte dieses „Geschenk" vergelten, denn immerhin musste Mann sich sowas ja auch verdienen. Später, nach dem Duell sollte ich Arenvir sogar zusichern, sie mitzunehmen im Zweifel, immerhin konnte ich ja nicht verantworten, dass sie allein zurückblieb. Er sprach es einfach so schön offen aus, dass meine Zuwendung nochmal mein Tod sein würden. Ich vermutete, er wusste recht genau, wie nah das Ganze an dem Versprechen lag, das gegeben wurde.
Mit diesem Strauß im Gepäck, der Ritterin an meiner Seite, sowie mit genug Begleitung - und wieder waren Esel und Schaf mit dabei - ließen wir uns erneut zum Feind kutschieren. Einladungen sollten nicht ausgeschlagen werden. Erst recht nicht nach Zusicherung des freien Abzuges.
Ein wenig moralische Unterstützung für den Gouverneur würde nicht schaden. Ich wusste selbst, wie beflügelnd es sein konnte, stand man nicht alleine vor einer Horde Feinde, die im Grunde nichts anderes hofften, als dass man zu ihren Gunsten versagte. Genauso war mir bewusst, dass dies ohne Beistand nur allzu leicht und schnell passierte. Das zu verhindern, dafür musste der Beistand im Grunde nur anwesend sein. Ein Eingreifen war gar nicht nötig.
Während also meine wahrhaftig hingebungsvolle Leidenschaft mit der Ewigkeit rang im Ring, wanderte ich gemächlich um diesen herum und machte mir mein eigenes Vergnügen aus der ganzen beschissenen Situation, indem ich alle in schiere Nervosität stürzte allein dadurch, dass ich nicht artig auf meinem Hinterteil sitzen blieb.
Ich umrundete unser Singvögelchen, dessen Anwesenheit mich nicht überraschte, dank seiner zugesicherten Loyalität und Wahrheitsliebe. Nur ein kurzer Austausch hinter vorgehaltenem Milchbecher. Oh, das sollte man vielleicht wirklich erwähnen. Der gute irre Wissenschaftler und Heiler hatte tatsächlich an Honigmilch für mich gedacht! Eine Einladung ging eben nicht damit einher auch verköstigt zu werden, wie ich feststellen musste. Aber.. ich war gut versorgt!
Einige Augenblicke verblieb ich neben Merrik und kaum dass ich weiterstiefelte, hatte ich gefühlte 40 Augen auf mir ruhen - vermutlich waren es sogar so viele oder ein paar mehr. Der Akoluthin vertraute ich wenig später an, dass sie einen heimlichen Verehrer hatte - ich konnte es mir einfach nicht verkneifen den Esel in die Pfanne zu hauen. Kaum getan, war das Duell auch schon vorbei - viel zu schnell für meinen Geschmack. Wirklich Zeit sich ein wenig umzusehen und umzuhören war gar nicht geblieben. Ärgerlich. Aber nun, ich überreichte die Blümchen, als kleinen Trost und nach einem kurzen Wortwechsel war durchweg klar, sie kannte die Bedeutung - und ging erstmal von falschen Tatsachen aus. Allerdings war ich mir sicher, sie würde noch darauf kommen, wie sie tatsächlich gemeint waren. Später vielleicht. Und wenn nicht? Noch besser! So oder so, ich hatte mein perfides Vergnügen daran, auch wenn ich das „Honigbärchen" von Muireall mitten auf dem Platz nicht sonderlich gelungen fand. Aber, da ich ja auch Humor besaß, nahm ich es mit all diesem den ich gerade aufbringen konnte. Meine gute Laune konnte sie mir damit nicht verderben (auch wenn ich gelegentlich das Gefühl hatte, dass genau das die Intention dahinter war).
Artige Verabschiedungen folgten - weniger artige erhielt ich zurück. Hochgeboren neigte einfach dazu sich zu vergessen, aber Nachsicht üben konnte ich gut im Anbetracht einer Überzahl an Feinden um mich herum, auch wenn ich mir ein paar Takte dazu nicht verkniff und auf den Umstand hinwies, dass das wirklich ein stilloses Mittel war. Es blieb zu hoffen, dass beim nächsten Mal mehr zu erwarten war, als niveaulose Beleidigungen. Beherrschte ich auch, nutzte ich sogar - aber doch nicht vorm Feind, bitte schön!
Nun hatten wir nur noch ein Problem im Kerker der Adoraner: Drakhon. Und ich hatte beim besten Willen keine Idee wie ich diesen verfluchten Raben dort herausbekommen sollte. Das sie ihn auf den Scheiterhaufen stellen wollten, war nicht weiter verwunderlich, gefallen wollte es mir trotzdem nicht. Nicht, dass ich eine große Zuneigung zu den Raben entwickelt hätte, aber sie hatten uns nun einmal zahlreich unterstützt. Hier aber war ich mit meinen Sprachkenntnissen am Ende, wie man so schön sagte.
Nach einem kurzen Austausch mit dem Gouverneur vor Bajard war klar, dass wir so schnell nichts rausholen konnten, nichts desto trotz kam ein Aufgeben ja nun nicht in Frage. Seeseite. Schon wieder aufs Schiff! Ich möchte brechen. Ach was sagte ich, ich würde brechen!
Einerlei, das liebe Federvieh wollte rausgepaukt werden. Bündnisse musste man pflegen - also sollte der Versuch wenigstens unternommen werden, auch wenn mir schwante, dass wir zu spät einflogen.
Als wäre es an dem Tag nicht genug gewesen, folgten Uneinsichtigkeiten, Sturheit und Kleinlichkeiten, die aufwiesen, dass das große Ziel gerne mal aus dem Blick geriet, gefolgt von Konsequenzen, die mir nicht gefielen, aber wohl nötig waren. Letztlich hatte ich dahingehend getan, was ich konnte, das war offensichtlich nicht genug, und ich war nicht gewillt mir von jemandem auf der Nase rumspringen zu lassen, der zwar schon ein wenig geleistet hatte, aber bei weitem nicht genug, um sich derart weit aus dem Fenster lehnen zu dürfen. Er ging, am Ende konnte ich dafür nicht mal mehr Bedauern aufbringen.
Darauf folgte eine weitere Auseinandersetzung, bei der ich rigoros beschloss, dass das nicht mein Kampf war und die Weiber sich von mir aus gegenseitig selbst die Augen auskratzen durften. Wehe dem, es zog mich eine davon weiter mit hinein, dann hatte der Arsch aber Narrenfestzug! So hatte ich mir das Wiedersehen wirklich nicht vorgestellt.
Aber immerhin wurde es im Anschluss daran deutlich besser. Da mir die Lust zum Streiten fehlte - davon hatte ich ja vorher schon genug - hörte ich mir im Groben die Neuigkeiten an, gab im Groben selbige von mir wieder und ansonsten entspannten wir uns. Es war nicht viel Zeit, bis es so spät wurde, dass das Bett die laut rufende Alternative wurde. Ich nutze sie aber immerhin dazu, ihr noch etwas zu geben, das ich zwei Tage vorher noch abgeholt hatte. Wenigstens das hatte ich im ganzen Trubel geschafft! Darauf war ich mitunter bei weitem am Stolzesten. Immerhin hatte ich einiges wieder gut zu machen - und das fiel einem Kotzbrocken wie mir sowieso schon ungemein schwer. Aber offenbar war der Anfang wirklich gut gelungen. Wenigstens das! Nun ja, ich hoffte es zumindest. Oder.. glaubte, dass es gut war. Vielleicht ja auch nicht. Wer konnte das schon wissen bei den Weibern?
Alatar, warum hatte deine verdammte Mutter das Ganze so umständlich gestaltet, dass es zurecht als ungünstige Ablenkung galt?
Wie dem auch war.. beinahe hatte sie mich soweit gehabt, dass ich etwas gesagt hätte, das bestimmt fatale Folgen nach sich zog, sollte ich es jemals wagen. Aber eben nur beinahe! Und darauf war ich ebenso stolz! Nur um das mal klarzustellen!
Ich musste zugeben: Ich hatte sie vermisst. Auch ihre verdammte lose Klappe, die ich manchmal lieber knebeln würde, als die Worte daraus zu hören.
- Die heilige Allianz der Völker ist das Ziel meiner Jugend gewesen und ist noch der Stern des alten Mannes.
Theodor Mommsen