Nachtmahr

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Nachtmahr

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Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Golden schimmerndes Mondlicht im Mädchenhaar...
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Sendet Botschaften, dass sie unachtsam war...
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Kuscheltierchen ruht selig im Schaukelstuhl da..
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Silbernebel durchfluten die Nachtluft klar...


~*~

Da lag es noch immer auf der Brust.
Unsichtbar und nicht zu betasten, dennoch erdrückend schwer und schmerzhaft peinigend.
Es drückte langsam aber sicher das Brustbein tiefer ins Fleisch und presste die Rippen auf die Lungenflügel, so dass das Atmen eine Qual wurde. Fast farblose Lippen waren einen Spalt geöffnet, sogen die kalte Spätsommerluft scharf ein und entließen sie in rhythmischen, kurzen Stößen. Ansonsten rührte sich der kleine, kindliche Körper und erinnerte generell eher an eine bizarre Puppe oder Statue, die man da halb unter die Laken gepackt hatte. Von allem, was im Geist des vermeintlich jungen Mädchens vorging, zeigte die steinerne, starre Miene nichts. Lediglich die Augen, schieferfarben und von dunklen Rändern am unteren Lid umrahmt, waren etwas weiter als sonst und starrten Löcher in die schattenhafte Holzdecke der schäbigen Schlafkammer.
Dann und wann verriet ein Wimpernschlag, dass sie nicht mit offenen Augen schlief, sondern sich noch im Wachzustand befand und sah...

In den Schatten an der Decke, irgendwo hinter den wabernen Schemen der linken Ecke, quasi unmittelbar über ihrem Kopf, saß es. Eine gesichtslose Fratze schaffte es trotz fehlender Augäpfel auf sie herab zu lugen und ein zu weit geschnittener Mund verzog sich zu einem zahnreichen Lächeln, als es Einblick in ihre Gedanken und Gefühlsregungen bekam. Das wiederum war keine Frage des Gebens und Nehmens, sondern lediglich unausweichlich. Die Nachtalben hinter den Nebelschwaden und am Rande der Schattenwelt mochten vielfältig und facettenreich sein, doch ohne sich der Ängste ihrer Opfer bewusst zu werden, kamen sie einfach nicht weit.
Eine Hand mit zu vielen, spindeldürren, langen Fingern griff langsam herab und kostete den Moment vor der ersten Berührung grausam lange aus. Der Alb wusste, dass der Augenblick vor dem erwarteten Schrecken das größte Grauen bedeutete und jenes wollte er süßlich fühlen.
Lodernde Panik und hämmernde Angst waren seine Nahrung und doch nahm keines von beiden zu, als er die haschende Klaue so nah an sie heranführte. Es irritierte ihn nicht besonders, er und seine grotesken Geschwister kannten das Kind dort im Bette und er wusste, welche Fäden er ziehen musste, um auch hier die Früchte seiner Arbeit zu ernten.
Beinahe sanft fuhren die spitzen Finger über die Stirn, strichen das dunkle Haar aus dem bleichen Gesicht und wanderten dann über die Schläfe langsam zur Wange herab. Derweilen veränderten sich die Züge den Alben und ein ausnahmslos hübsches, doch unnahbares Frauenantlitz, umrahmt von orangeroten Haaren, starrte alsbald aus lavendelfarbenen Augen zum bewegungsunfähigen Opfer herab. Die Lippen des Traumbildgesichts öffneten sich und der Alb fand die richtige Stimme, wiederholte gesprochene Worte tragend und bedeutungsschwanger.
„Ihr habt wohl Schwierigkeiten mit Räumen unter der Erde.“


Das Gewicht auf der Brust nahm zu. Sie wusste wer oder was da weitere Steinchen zum Turm schlichtete und ahnte auch, dass die Rippen darunter nicht brechen, doch die Luft immer spärlicher werden würde. Der Atemrhythmus gewann an Geschwindigkeit.

Die Miene an der Decke veränderte sich nicht, doch bohrten sich die Spindelfinger kurz in das weiche Wangenfleisch, nur um es wenige Momente später zu tätscheln. Ein wenig so, als würde man einen Hosenmatz für irgendeine gelehrige Äußerung belohnen wollen. Dann erst erfolgten die nächsten Worte, ruhig und recht distanziert aber genau deshalb umso treffender und nagend.
„Was ist das mit Euch und Kellerräumen?“


Sie wehrte sich nicht gegen die Erinnerungsflut, versuchte aber im selben Moment nach anderen Bildermomenten zu greifen, um sich so rasch wie möglich abzulenken. Letztendlich blieben doch diverse Sinneseindrücke etwas zu lange haften und so kostete sie wieder einmal die modrige, feuchte Schimmelluft, spürte die Kälte des klammen Gesteins und sah sich von wimmelnden Schatten in endlos wirkenden, engen Gängen umgeben. Kratzende Geräusche auf blankem Boden, doch ehe die Mauern sie erdrücken und einschnüren konnten, griff eine warme Hand beherzt nach der eigenen. Ein fester Zug, ein Ruck und Riss durch die Knochen des Armes und ihre Füße setzten sich unweigerlich in Bewegung. Trap, Trap, Trap, Trap.
„Ich lass dich nicht alleine, niemals.“

Das Ding über ihr behielt die reservierten Züge der rotblonden Schönheit bei und doch wussten sie beide, das Mädchen und der Alb, dass er zufrieden mit seinem Werk war und das zahnige Grinsen dahinter noch weiter wurde. Die Klauenfinger umgriffen legten sich kurz unter das Kinn und hoben es etwas, erzwangen einen eindringlicheren Blick, ehe die Stimme ein weiteres Mal sprach.
„Ihr solltet wirklich daran arbeiten. Es macht Euch angreifbar.“
Dann erst veränderte sich das Antlitz so rasch und wabernd, dass sie nicht einmal recht Zeit zu reagieren hatte. Er spuhlte wahllos Gesichter ihrer Gedanken ab und sog gierig die reiche Beute, Angst in ihrer nackten, unverdeckten Gestalt, auf. Ein Festmahl, ein wohlverdientes Festmahl!


Ihr Kopf meldete unnötigerweise jede der schnell schwindenen Mienen, als galt es ein Ratespiel zu gewinnen und der Albschemen an der Decke reagierte selbst noch auf jene Regungen, die sie zu den Namen in sich fand. Zuletzt wählte er immer die gleichen Gesichter, die sich mal freundlich und dann wieder neutral oder gar erstaunt blickend ihr offenbarten. Irgendwann legte er sich zwei fest, die er mit jedem ihrer Lidschläge quasi im Takt wechselte. Sie waren sich nicht einmal ähnlich, das eine warm und lebendig, das andere starr und ausdruckslos und doch erkannte sie das Muster darin und schnappte würgend nach Luft: helles Haar umspielte die durchaus männlichen Züge.
Helles, sandfarbenes Haar.

Das Finale, da war es erreicht und der Spindelfinger legte sich zart auf die fast farblosen Lippen, dann veränderte irgendetwas Anderes mit Gewalt die Züge des Alben zum letzten Mal und beendete die Qual durch leise, sanft geflüsterte Worte.
„Schhhh, ich hab dir doch versprochen, dich niemals alleine zu lassen.“


Er war da.
Irgendwo in den Schatten, da war er noch immer und würde sie nie alleine lassen. Niemals.
Ein makaberer, skurriler Gedanke und irgendwie doch... tröstlich.

„Wir sind tot. Beide.“
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 2. Oktober 2014, 10:40, insgesamt 2-mal geändert.
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Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.


~*~

Es klebte unsichtbar noch immer über ihrem Gesicht.
Vom untersten Rand der Nasenlöcher rann es träge über das Philtrum, verkleisterte die Lippen und drang im selben Moment dennoch unnachgiebig in den Mund. Dort entstand der Geschmack und wollte nicht mehr schwinden, entfaltete sich stattdessen zum grauenvollen Bouquet, umgarnte den Gaumen und reizte neckend den Rachen.
Süßlich, warm und dennoch so roh, pappend-metallisch, salzig, dezent verdickt.

Blut ist dicker als Wasser, mein Herzchen.

Sie ignorierte die schnarrende Fispelstimme und riss sich selbst aus der lethargischen Starre, stieß sich von der Türe, an welcher sie seit einer vollen Stunde unbewegt gelehnt hatte, los, um den Kessel voller Wasser, der schon am Feuer bereit stand, zu erhitzen. Es musste nicht kochen, siedendheiß war es mehr als genug – Hauptsache sie bekam das Geklebe von der Nase, weg von den Lippen, raus aus dem Mund. Weg damit, weg weg weg weg weg weg weg weg...!

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.


~*~

Da drückte es im Inneren zu und griff mit Gewalt unter der Haut zwischen Kehle, Luft- und Speiseröhre. Sie brachte nur noch einen kurzen, erstickten Quietschlaut hervor, stürzte zur Türe, wankte noch einmal wenige Schritt in die Nacht hinaus und erbrach ein säuerlich-scharfes Milchgallegemisch ins ahnungslose Gras. Der Geist driftete ins Nirgendwo und wurde sich erst dann seiner Umgebung erneut bewusst, als sie längst wieder in der Badekammer des Hüttchens stand und mit zitternden Fingern Schlaufen löste, Ösen und Knöpfe öffnete. Obwohl das Wasser vor ihr dampfte und den kleinen Spiegel an der Wand mit milchigem Nebel überzog, fror sie erbärmlich und stieg, den Oberkörper mit den Armen bedeckt, bebend in den Zuber. Unter der gespensterhaft bleichen Haut erwachte ein belebter, rosafarbener Hauch, als zumindest die vielen kleinen Rezeptoren auf die tröstende Hitze reagierten. Einzig die Psyche konnte jene nicht fühlen und veranlasste den kleinen Körper in der hölzernen Zuberwanne weiterhin dazu, einen Schüttelschauer nach dem Nächsten vom Nacken über die Wirbelsäule hinab zu senden. Sie zog die Knie an den Körper, immitierte die Haltung im Mutterleib etwas und erhoffte sich so unterbewusst etwas mehr Rückhalt. Wie ein wabernder, nachtblauer Schleier breitete sich das lange Haar neben ihr im Wasser aus und schien sie wie eine zarte, lebendige Decke zu umfangen. Gerne wollte sie nun die Augen schließen, doch spürte sie die Blicke hinter dem dünnen Vorhang, der die vermeintliche Realität vom Traum und dessen Ebenen abgrenzt, eindringlicher werden und ahnte, dass es ihr nicht gut tun würde, sich genau jetzt fallen zu lassen. Ihre nackte Angst hatte sie angelockt und es war mehr als töricht, sich genau jetzt von der süßen Unachtsamkeit verführen zu lassen.
Verführen...

Blut ist dicker als Wasser, mein Herzchen.

Die Stimme war diesmal so nah an ihrem Ohr, dass sie sich hastig aus dem wärmenden Bad herhob und eilig hinaussprang. Sie schlitterte nur kurz über den unebenen Steinboden und kümmerte sich nicht um die Wasserpfützen, welche dort entstanden. Nackend und kaltschnass verharrte sie in der Mitte des Raumes, möglichst weit von sich bildenen Schattenecken entfernt, lauschte und ließ den Blick suchend über das Interieur gleiten. Die Kälte war verschwunden und hatte glühender Panik Platz gemacht. Sie hasste es, wenn die Alben ihre Vergangenheit wie eine Brunnenleiche aus dem tiefen Schacht zogen, um sie damit zu konfrontieren. Sie spürte deren Regung unter einer Schicht aus Schlick namens Vergessenheit und dem Schlamm der Verdrängung. Langsam erhob sie sich im Inneren des Brunnens und kroch Stück für Stück am Stein entlang nach oben – zu ihr. Der Blick wurde zum Zuber gelenkt. Zuber – Brunnenschacht!
Dunkle, blutige Masse auf dem dampfenden Wasser, welches noch immer den zarten Duft des Maiglöckchenöls mit sich führte. Unter unwirklichem, verzerrtem Meckerlachen brodelte dieser träge, rotbraune Film blubbernd zusammen und formte sich wie fleischiges Wachs langsam zusammen. Sie wagte nicht mehr auch nur einen Finger zu rühren, denn wenn sie sich nun bewegte, würden sie das Grauen lediglich beschleunigen und intensivieren. Stumm beobachtete sie mit geweiteten Augen die Verformung, lauschte den halbertränkten Gurrlauten des Blutgebildes und ahnte in wessen Züge sie schließlich blicken würde. Diese innere Wette gewann sie, denn schon bald drückten sich Nase, Mund, Augen und weitere Gesichtspartien aus dem heranwachsenden Masseklumpen und binnen weniger Lidschläge verzogen sich die Lippen zum weiten, wahngezeichneten Grinsen. Helle, lodernde Augen fixierten sie blicklich und dann erklang die gurgelnde, dumpfe Stimme.

„Hast du mich vermisst? Musst du an mich denken? Kannst mich nicht vergessen, was?“
Sie bildete sich ein mit jedem Wort den vergorenen Geruch des Alkohols in der Nase zu spüren.
„Was hat mich gerufen, Herzchen? Nackte Körper? Tavernenbesuche? Berührungen?“
Die Fragen reizten zur Antwort, denn obwohl die Alben ihren Tagesablauf kannten, stocherten sie noch im Dunkel umher aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie jene selbst in ihrer Seele fanden. Nur eine Frage der Zeit, der Zeit, der Zeit, der Z...
„Aaaaaach?“ Gefunden!
Das fleischige Blubbermassenmonstrum mit angedeutet menschlichen Zügen reckte sich etwas im Wasser auf und legte den Klumpenkopf schief. Süffisanz spiegelte sich in den eisigen Augen, Amüsement zog das Grinsen bizarr weiter.
„Spricht in einer dir bekannten Sprache? Kennt die Zeichen zwischen den Zeilen? Sieht vielleicht hinter die hölzerne Marionette?“ Sie presste die Lippen zusammen und ertappte sich erstaunt dabei, wie sie Panik und Angst durch Wut und Hass ersetzte. Er sollte nicht über ihn reden.
„Gezeichnet, Herzchen. Tiefer als Haut, Muskeln, Knochen, Herzchen. Ich sehe meinen Fingerabdruck auf deiner Seele. Wer hat ihn gezeichnet? Möchtest du ihn fragen?“ Zorn glüht heißer als Badewasser. Sie umarmte die aufsteigende Hitze. Er sollte nicht über ihn reden.
„Risse in den Tongefäßen, Herzchen. Wie lange gehen die Krüge noch bis zum Brunnen? Bis sie brechen und die Scherben hineinfallen – in den dunklen Schacht. Zurück zum Versteckten! Wie sieht sein Brunnenschacht wohl aus?“
Er – sollte – nicht – über – ihn – reden!

Schwesterlein, mach dem ein Ende. Er bekommt uns nicht!

Leben fuhr wie ein glühender Blitz in den Mädchenkörper und quoll lavagleich rauschend über. Sie griff nach dem nächstbesten Gegenstand. Ein Besen, welcher neben der windschiefen Kommode ruhig auf seinen Einsatz wartete. Dann sog sie scharf Luft ein, holte aus und schlug mit all der züngelnden Wut in den Gliedern dreschend gen blutiges Klumpenungeheuer. Geflochtene Reisigbündel drangen durch die Masse, teilten und zerschnitten sie – platzend zersprang der Kopf der Monstrosität und jetzt erst erlaubte sie sich die Augen zu schließen.

Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!


~*~

Als sie die Augen öffnete, schien der Spuk beendet.
Schatten waren verschwunden, sie stand alleine, den Besen noch immer in den Händen, mitten in ihrer Badekammer vor dem schwappenden Zuber, dessen Inhalt sies zu großen Teilen mit dem beherzten Schlag im Raum verteilt hatte. Stille umfing sie, in welche sich nur der keuchende Atem mischte, doch die Stimme im Kopf war noch leise zu vernehmen.

Blut ist dicker als Wasser, mein Herzchen.

„Wir waren nie durch Blut verbunden. Deinen Sohn nenne ich Bruder aber du bist nicht mein Vater.“
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 27. September 2014, 13:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Mentaler Nachtrag:

Müde bin ich, geh zur Ruh – so beginnt ein Kinderreim und genau diesem möchte ich folgen, kann aber nicht, denn wenn ich jetzt meine Augen schließe, dann ist der Tag endgültig vorbei und das, ohne dass ich ihn verstanden habe. Wenn Emotionen nicht gelten, muss die Logik greifen und wenn jene nicht mehr stimmt, dann sind die Grenzen bereits verschwommen und die Welt der Alben hat sich mit unserer vermischt. Ich warte auf diese Nacht, denn sie wird kommen aber noch ist es zu früh und somit fehlt mir die Erklärung für... eine ganze Menge.
Wenn ich nun also die Augen schließe, dann habe ich noch nicht für mich geklärt, wer sie ist, die die jene Dinge im Traum sieht, welche tatsächlich von Nachmahren und Gespinsten verseucht sind. Ich werde warten müssen, bis ich wieder erwache und es ist nie gesagt, dass ich erwache. Um genau zu sein, ist noch nicht einmal wirklich klar, ob ich jemals erwachte oder ob ich nicht schon seit geraumer Zeit im Traumgebilde wandle. Wer bestimmt, was Traum ist und was nicht? Pseudo-philosphisches Gefasel aber dennoch mit des Pudels Kern. Sie bringen mich aber im Moment nicht weiter und ich muss mir diese erste Niederlage eingestehen. Ich werde sie suchen, beobachten und irgendwann wohl befragen müssen, diese Andere vielleicht „Sehende“. Erstes Thema für heute beendet, die Logik siegt!
Wenn ich nun also die Augen schließe, dann habe ich noch nicht für mich geklärt, warum diese Worte in ihrer Gegenwart so einfach über meine Lippen kommen. „Du“ hat um genau zu sein nur zwei Laute, zwei Buchstaben, wohingegen „Ihr“ oder „Euch“ für sprechfaulere Gestalten die längere Alternative sind. Ich stehe in reger Kommunikation – doch nur mit mir selbst. Ich spreche gerne – doch nicht laut. „Du“ ist die einfachere Lösung, doch spricht es von Vertrauen und impliziert Zuneigung. Ist es das, was ich damit zeigen möchte? Hat sie es bemerkt oder kümmert es sie nicht? Und was kümmert es mich, ob es sie kümmert? Kümmern kommt eigentlich nicht von Kummer und doch beunruhigen mich diese müßigen Gedanken. Ich muss mich selbst beobachten, muss eine neue Analyse betreiben und werde sicherlich nicht umhin kommen, mich ihr weiterhin zu nähern, so sie das zulässt. Ich bin diesbezüglich guter Dinge. Zweites Thema für heute beendet, die Logik siegt!
Wenn ich nun also die Augen schließe, dann habe ich noch nicht für mich geklärt, wie ich die Untersuchung einstufe. OB ich die Untersuchung einstufe. Gibt es da denn Stufen? Fragen, die nicht gestellt werden können.
„Wie alt wart Ihr, als...“
„Was hat er getan, dass Ihr...“
„Wie seid Ihr davongekommen, wenn...“
„Habt Ihr Euch rächen können oder lebt Euer Monstrum noch?“
Sinnfrei und vollkommen kontraproduktiv, dennoch spuken sie mir im Kopf herum. Ahnungen, Mutmaßungen, ich komme nicht drüber hinweg. Er war jünger, als ich und der Abgrund ungleich dunkler aber doch hat es (s)ein Lied geschafft, mir ihr geliebtes Gesicht vor die inneren Augen zu malen und dies in bunten, lebendigen Farben. Ein gesummtes Lied, nicht einmal vollständig aber ein Lied der Mütter. Mutter. Ich komme hier nicht weit, stoße jetzt schon an meine Grenzen und spüre wie sich weitere Fragen mannigfaltig an meiner Schädeldecke brechen, ohne mir eine Antwort zu liefern. Meinem Körper geht es wirklich gut, die Aussichten sind rosig und ich habe artig eine Schüssel Spinat herabgewürgt, um die Anweisungen zu befolgen aber dafür stimmt es innen gerade nicht. Ich verliere mein Gleichgewicht, weil sich die Welt um mich herum dreht und ich obendrein zu Schwanken begonnen habe. Sie sagte mir, ich solle sie bald aufsuchen und ihr erläutern, was meine Angst geweckt hat. Welche nun genau? Ich kann ihr die Antwort nicht ganz geben, denn ich finde keinen Ansatz, der meiner Logik entspricht und mir erklären kann, warum ich mich gerade jetzt zu fürchten beginne, wo die Albträume fern sind und die Wirklichkeit erschütternd nah.
Wenn ich nun also die Augen schließe, dann habe ich Angst vor guten Träumen und meinen eigenen Worten.
„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 28. September 2014, 02:53, insgesamt 1-mal geändert.
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Ich brauche etwas Schlaf...
so kann es nicht weitergehen.
Hab versucht Schafe zu zählen,
doch eines scheint mir stets zu fehlen.


Sie kam nicht zur Ruhe.
Rußig dunkel und stark kontrastierend setzten sich die schwarzen Müdigkeitsränder unter den Augen von der bleichen Haut ab. Für wenige Tage waren sie etwas heller geworden, als die Behandlung angeschlagen hatte und der Grund ihrer Rückkehr lang nicht an der Blutarmut, sondern an einer ganz anderen Krankheit, welche die Schlaflosigkeit mit sich brachte.
Der Körper kam nicht zur Ruhe, sobald sie sich in die Decken packte und zerknitterte in den folgenden, wilden Umherwerfbewegungen nur das Laken. Schlimmer jedoch war es mit dem Kopf, welcher die Gedanken irgendwohin, in unbekannte Sphären, schickte.
Sie kam nicht zur Ruhe.
Und irgendwie hatte sie es auch leid, sich dem Ganzen zu fügen, also stand der bizarre Beschluss in jener Nacht schon recht früh fest. Wenn die Logik nicht zu finden war, so ließ sie es eben zu, dass diese für ein paar Stunden außer Kraft trat und folgte stattdessen einer... Laune?

In dieser Nacht lag eine kleine, bleiche Gestalt auf einer Strohmatte umgeben von taunassem Gras, im verwinkelsten Eck des Hafenviertels. Das geisterhafte Wesen steckte trotz der herbstlich anmutenden Kälte in Nachtgewandung, streckte die Arme seitlich in die kitzelnden, feuchten Halme, starrte in den dunstigen Nachthimmel hinauf und lauschte dem eigenen Herzklopfen.
Das nachtschwarze Band schien leer und düster, kein Licht am Firmament, kein Glanz kein Funkeln. Dunkle, feine Brauen zogen sich mit einer Mischung aus Enttäuschung und Trübsal etwas tiefer. Nicht einmal die wundersam-magische Romantik der Nacht wollte ihr diesen einen, winzigen Gefallen tun. Doch obwohl sie in Erwägung zog, sich einfach wieder zu erheben, spielte der Körper nicht mit, lag einfach nur da und ließ sie in die Schattenfinsternis blicken. Da setzte die Kehle ein und ehe sie sich versah, erklang das leise, wortlose Summen. Ton für Ton verwob es sich zur Melodie und füllte damit Strophe für Strophe, Lied für Lied, Stunde um Stunde.
Sie brach erst ab, als ein Wolkenband außeinander riss und in der Ferne, irgendwo dort oben, zwei blasse Sterne schwächlich zu ihr herableuchteten.
Während der frisch entstehende Bodennebel seine weißlichen Fingerchen nach der Mädchengestalt auf der Matte ausstreckte, entstand auf deren Zügen ein weites, seltsam verzaubertes Lächeln.

Sie wollte gerade nicht zur Ruhe kommen.
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 9. Oktober 2014, 10:57, insgesamt 1-mal geändert.
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Jedesmal,
wenn ich dich neben mir in dieser stillen Nacht atmen
und dein Herz schlagen höre,
dann fühle ich mich... so vollkommen.


Wer selbst bereits Teil des Traumes ist, kann sich dem nie gänzlich entziehen. Es mag für ein paar Stunden gelingen, an der Grenze beider Realitäten zu verweilen, doch wird der verquere Zauber der Maren, Alben und anderer Traumwesen immer wieder spürbar und so wird kaum ein Tag oder eine Nacht vergehen, in welcher sich der Weltenwandler traumlos schätzen kann.
Sie wusste, dass sie nicht nur in diese Spähren eintauchen würde, wenn die Lider herabsanken, sondern fürchtete zusätzlich, dass die Gespinster der Anderswelt bereits mit besonders grausamen Trugbildern auf sie warten würden. Der Kopf warnte ängstlich vor schlimmen Konsequenzen, hervorgerufen aus der Quintessenz eines durch und durch verwirrenden, alarmierenden Abends. Doch das Herz setzte dagegen und pochte mit wilder, jubilierender Überzeugung. Hervorgerufen durch einen hell lodernden Funken, welcher in der Brust irgendwo entzündet schien und ein stetiges Zitterbeben, nicht unangenehm doch fremd, darin veranstaltete. Neben diesem warmen, flattrigen Gefühl war im Moment einfach kein Platz für Angst. Immer dann, wenn der Geist mahnte und nervös an den bevorstehenden Schlaf mit all seinen unweigerlichen Ergebnissen erinnerte, legten sowohl Herz als auch die Sinne Einspruch ein. Trotz des braven Abstands dazwischen spürte sie die Wärme eines anderen Menschen, hörte den leisen Atem und als die Augen irgendwann in den fahlen Morgenstunden nicht mehr warten wollten und sie die Lider vorsichtig blinzelnd hob, sah sie in ein schlafendes Gesicht... für diesen Anblick jedoch fehlten Wörter und Beschreibungen wollten nicht einmal für sie selbst genügen. So brannte er sich wohl einfach mit dem Feuer des Funken irgendwo in ihr Bewusstsein ein und gab ihr die Ruhe zu schlafen, zu träumen – behütet vor den Schemenschatten, in schillernden, märchenhaften Ebenen wandelnd.

Als sie sich ein zweites Mal im Bett neben ihm befand, war der Mond in seiner Himmelszeltwanderung am nächsten Abend noch nicht so weit fortgeschritten, wie in der Nacht zuvor. Diesmal hatten sie sowohl Plätze, als auch Rollen getauscht. Sie verharrte an der Bettkante, er lag dort an der Wand und es oblag ihr nun zu wachen. Jetzt waren es keine fremden Gefühle, die den Herzschlag pochend bestimmten, doch hatte sie jene beinahe vergessen und die wiederkehrende Erinnerung daran schmeckte eher bittersüß: Sorge.
Wie Raben über dem Galgenbaum kreisten die Gedanken unentwegt um die Ereignisse der letzten 24 Stunden und kamen, selbst wenn sie sich kurz in andere Gefilde wagten, immer wieder zurück dem Menschen, der ihre Gesetzmäßigkeit durchbrochen und den Funken entzündet hatte: der schlafende Mann neben ihr, den kohlefarbene Augen nicht mehr aus dem Blick verlieren wollten.

Eine Hand in meiner. Deine Hand, um genau zu sein.
Ich müsste mich nun wundern, weshalb mich diese dauerhafte Berührung mit Zufriedenheit erfüllt und warum du sie überhaupt zulässt, denn es entspricht nicht der Logik, ganz und gar nicht. Doch für Logik und Verwunderung ist gerade kein Platz. Stattdessen balgen sich Angst, Schuld und noch etwas Anderes um die Vorherrschaft in meinem Inneren.
Angst, weil ich um dich fürchte und zu kalkulieren begonnen habe, wie lange ich wohl brauchen würde, um Hilfe zu holen, wenn deine Verfassung instabiler wird.
Schuld, weil ich weiß, dass weder die schändliche Tat des Schwertführers, noch die strenge Unbarmherzigkeit des Präfekten alleine für deinen Zustand verantwortlich sind. Nein, ich habe dir zusätzlich Kraft gekostet.
Das Andere ist nicht greifbar, nicht zu definieren und doch gewinnt es den Kampf gegen die beiden anderen Empfindungen immer wieder aufs Neue. Ich weiß nicht, was es ist, kann es nicht beim Namen nennen, doch ahne ich einen Teil seines Existenzgrundes:
Deine Hand in meiner.


Stoisch und mit beharrlicher Vehemenz ruhte der schieferfarbene Blick weiterhin auf den Zügen des Schlafenden und doch hatte sie die Bewegungen in den Schatten schon bemerkt, bevor sie entstanden waren. Sie brauchte das Augenmerk nicht beiseite zu lenken, um zu wissen, dass dort, in der Ecke hinter dem Bettpfosten in sich verdrehte, grotesk anmutende, scheinbar lebendige Dinge lauerten und sie beide grinsend betrachteten. Sie kannten ihre Gedanken, wussten um die Gefühle und warteten, um jene entweihend zu benutzen. Grund für ihr Heranschleichen war die Angst, noch immer besiegt und geschlagen, doch vorhanden. Als die ersten Kopfgebilde sich weiter in das Bett hineinbeugten, verzichtete sie auf die scheinbar nicht wirklich strafende Ignoranz und suchte stattdessen das Zwiegespräch. Blasse Lippen bewegten sich in kleiner Geste, doch schwieg die Kehle und so hallten die Worte nicht im Schlafraum, sondern hinter der verschwommenen Grenzlinie wider.

„Verschwindet. Für euch ist hier kein Platz.“

Gekeuchtes Flüsterlachen, eher ein scharfes Zischeln und kehliges Kichern drang ihr als erste Antwort entgegen, dann wisperten die Stimmen im Chorus zurück.

„Willkommen in unserem Reich. Hier ist genug Platz. Für uns, für dich... und ihn.“
„Ihr könnt ihn nicht haben.“
„Wer will uns davon abhalten?“
„Ich.“
„Wollen, Kindchen, heißt noch lange nicht können...“
„Verschwindet!“
„Was sagt dir, dass er nicht schon lange ein Dauergast unserer Gefilde ist?“
„Verschwindet!“
„Du kennst die schwach skizzierten Rahmenstriche seiner Vergangenheit, was veranlasst dich also zu der närrischen Annahme, dass wir ihn nicht schon längst besitzen.“
„VERSCHWINDET!“

Der Griff um die andere Hand wurde kurz fester. Ein plötzliches, loderndes Verlangen den Schlafenden schützend in die eigenen Arme zu schließen glomm auf und stieß sie im selben Moment vor den Kopf. Mairis beschreibende Worte hallten dort im Inneren leise, behutsam und zärtlich nach.
Erst nachdem sie eine ganze Weile stumm gelauscht hatte, realisierte sie, dass die Alben verschwunden waren und stattdessen eine andere Präsenz, körperlos dennoch irgendwie greifbar, im Raum hinter ihr stand.

„Warum?“
Sie schwieg und tastete blicklich die unbewegte Mimik ab, lauschte dem tiefen, regelmäßigen Atemzügen, welche die Brust hoben und wieder herabsinken ließen, spürte die Wärme der ineinandergelegten Finger.

„Warum... er?!“
„Weil er meine Sprache spricht, meine Worte versteht und mich dahinter sehen kann.“

Stille umfing sie wieder und mit ihr kam die erschlagende Müdigkeit. Vorsichtig legte sie sich an der Bettkante nieder, zog die Knie ein wenig an den Körper und beobachtete das andere Gesicht noch eine Weile stumm, ehe die Lider herabsanken.

Lass mich einfach nur deinem sanften Atem lauschen,
es braucht gerade keine Worte,
nur den Schlag deines Herzens.
Stille Wasser sind tief...
Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 14. Oktober 2014, 21:48, insgesamt 4-mal geändert.
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Words like violence
Break the silence
Come crashing in
Into my little world...



„Wir sehen euch, Kindchen. Wir zerfleischen euch, Stückchen für Stückchen. Es gibt kein Entrinnen, keine Flucht. Wir haben uns bereits tief in euren Geist gefressen, wohnen in euren Herzen und brechen die zerschlagene Seele zu noch kleineren Splittern. Ihr gehört uns.“

Sie war auf dem Küchenboden gelegen und hatte in die Decke gestarrt, als die Worte an ihr Ohr gedrungen waren. Sie wusste nicht einmal mehr genau weshalb sie dort lag, doch konnte sie genau sagen, wie sich die Stimme, viel zu nah an ihrem rechten Ohr, anfühlte. Heißer, dunkel, umgeben von einem scharfen, glühenden Atem, der vor Geifer triefend feucht klang. Ihr Körper reagierte schneller als der Geist – ähnlich wie bei der Kampfesertüchtigung mit dem Präfekten und Mairi – und rollte blitzschnell beiseite. Noch während sie sich aufrappelte, hatte der Besitzer der lauernden Stimme ihren Gedankengang aufgeschnappt und ein keuchendes Kichern drang schmerzlich in die Nervenbahnen ein.

„Hat dich der Präfekt am Handgelenk gepackt? Sowas! Erinnerungsfluten! Erinnerst du dich eigentlich noch an den glühenden Schmerz, wenn er dann die Knochen zusammengequetscht hat? Natürlich erinnerst du dich! Diese Erinnerung wird bleiben, auf ewig. Wir haben sie in die Scherben geritzt, Kindchen.“

Dann erst saß sie, den Rücken an den steinernen Arbeitsblock gedrückt, die Knie nah an den Körper gezogen und blickte mit schreckensgeweiteten Augen auf das Ding, welches unter ihrem Küchentisch saß. Kauerte wäre wohl das bessere Wort, ja kauerte. Ein bulliges, felliges, schwarzes Ungeheuer und gleichermaßen ein vertrauter Anblick, den sie nur einfach absolut nicht jetzt und hier erwartet hatte. Unter der Erde jedoch, war er ihr Führung und Verderben zugleich gewesen... damals? So lange her.

„Kein halbes Jahr, Kindchen. Kein halbes Jahr. Bin ich dir ans Herz gewachsen in diesen vier langen Jahren?“

Mit einem Ruck riss sie die Arme hoch und bedeckte mit beiden Handflächen die Ohren. Sinnloserweise, denn die Stimme drang direkt in den Kopf ein und war dort zu vernehmen.

„VIER Jahre unter der Erde, Kindchen. Lies die Jahreszahlen endlich!“

„Ich bin bereits tot.“

„Nur teilweise...“

Die Lefzen verzogen sich zu einer Art verquerem, zahnigem Lächeln und das Wesen duckte sich tiefer unter den Tisch, machte ihn somit zur Höhle, veränderte die vertraute Holzstruktur. Weißliche, beinahe blind wirkende Augen verschlangen das zitternde, zusammengekauerte Opfergeschöpf auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes.

„Wenn du tot wärst, Kindchen, würde dich dann dieses Schreiben da noch so tangieren? Hm?“

Das Schreiben!
Sie erinnerte sich wieder an den wirren Moment, als sie es aus dem verwitterten Kasten vor ihrer Haustüre entnommen hatte und an die benommenen Augenblicke, als sie es ein-, zwei-, drei-, vier-, fünf-, sechsmal las und sich die Botschaft darauf noch immer nicht verändert hatte. Seufzend hatte sie sich auf den kühlen Steinboden herabgelassen und über die Schuldfrage gegrübelt. Was hatte den wichtigen Menschen nur dermaßen erzürnt?

„Althan. Der Name des Diplomaten ist Magister Althan, Kindchen. Es lag bestimmt an dir...“

„Ich habe doch nur einen einzigen Satz gesprochen! Ich habe ihm angeboten die äußeren Tische zu wischen und wollte ihm eine Saftschorle bringen!“

„AHA! Darin könnte der Grund liegen. Saft?! Was fällt dir ein, einem Diplomaten Saft anzubieten?
DIE SAFTSCHORLE IST AN ALLEM SCHULD... und jene, die dabei waren, müssen nun wegen deiner Kurzsicht leiden. Die Ritterin, Herr Laval und... achjaaaa...“
, das Grinsen zeigte noch mehr Zähne, „... natürlich auch er.“

Sie starrten sich eine Weile an.
Der höhnende Albtraumwolf und das bleiche Mädchen.
Keine drei Lidschläge später fiel die Türe klappernd ins Schloß, während die schmale Gestalt, eingehüllt in den roten Kapuzenmantel, fliehend durch die Gassen des Hafenviertels flog.

Es vergingen nur wenige Stunden und doch vermochten es zwei durchaus sterbliche aber ungewöhnliche Menschen die Spuren des Albtraumwolfes auf ihrem Geiste nach und nach abzuwischen. Der Eine heilte verbal, sprach sowohl aufmunternde als auch tröstende Worte, schaffte es die Logik in ihr zu erden und wieder erstärkend auszurichten.
Der Andere berührte...

Ich kann dir den Fehler in deinem gezogenen Schluss noch nicht erklären.
Sie folgen mir, kennen dich und mich. In gewisser Weise bin ich bereits ein Teil ihrer Welt und lebe darin, mit ihnen, durch sie. Ich kann nicht der Grund für das Fernbleiben der Alben und Maren sein, wenn ich sie ansonsten unweigerlich anziehe. Vielleicht hat die Ritterin Recht und es ist ein Fall der psychischen Stabilität? Vielleicht liegt es aber auch an dir selbst? Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um uns beiden eher eine Instabiliät zu attestieren und ich weiß, dass Magneten mit zwei negativen Polen sich abstoßen müssten, doch irgendwie scheint Minus mal Minus eben doch ein Plus zu ergeben. Die Logik zeigt sich hier ambivalent...!
Nein, sie greift einfach nicht bei dir und ich weiß nun auch langsam aber sicher weshalb.
Wir sind einander kein passender Topf zum adäquaten Deckel.
Wir sind Zuckerdose und Teetasse. Wir stehen starr nebeneinander und erkennen gerade, dass der jeweils Andere aus einem ähnlich zerbrechlichen Material besteht. Mairis Rat! Die Zuckerdose ist sich dessen bewusst, dass sie ohne die Teetasse nicht mehr „richtig“ wäre, sondern fehl am Platz.
Wie sonst könnte ich mir noch erklären, dass ich keine deiner Berührungen fürchte, sondern erwarte, danach verlange? Wie sonst könnte ich mir noch erklären, dass ich die Wärme deines Körpers nicht nur fühle, sondern brauche, ersehne? Wie sonst könnte ich mir noch erklären, dass ich spüre wie die Alben nicht in das Zimmer gelangen können, solange ich dich im Arm halte.
Solange ich dich im Arm halte, ist die Welt drum herum eine Andere.
Ich kann es dir noch nicht erklären, ich möchte es gerade auch nicht erklären.
Es ist gut, so wie es ist.



All I ever wanted
All I ever needed
Is here in my arms
Words are very unnecessary
They can only do harm
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 12. Oktober 2014, 23:53, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Mentaler Nachtrag:

Ich lausche dem pfeifenden Keuchen meines Atems und werde wieder einmal in aller Deutlichkeit daran erinnert, dass diese Hülle nicht den Erwartungen entspricht, die man in einen gesunden Körper legt. Eigentlich wäre meine Runde für heute geschafft, doch die Strafe besagt, dass ich eine weitere einlegen muss und danach doppelt so lange die Grundhaltung, sowie den Griff um die Waffe üben muss. Schuld daran ist nicht Mairi, schuld bin ich und es ist nur der Logik entsprechend, dass ich mich dem Ganzen füge. Ich habe gelernt, dass man die Zeit wesentlich einfacher vorbeigleiten lassen kann, wenn man auch den Geist auf Wanderschaft schickt, denn jener polarisiert so stark, dass die Aufmerksamkeit sich ganz ihm zuwendet und irgendwann ist dann auch die lästige Laufarbeit vorbei. Dennoch muss ich die Unterbrechungen einfügen, das bin ich meinem Leibarzt schuldig. Sollte ich kollabieren, wird er sich vielleicht in seinen Fähigkeiten beschnitten fühlen und dies wäre dann ein weiterer Tropfen in ein überfülltes Fass.
Es brodelt darin, irgendwo unter der Oberfläche, die so ruhig und klar liegt, tost ein Herbststurm.
Ah... Herbst.

Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob es sein oder mein Fass ist. Oder vielleicht gehört es einem ganz anderen Mitmenschen? Doch spüre ich das Erbeben im Inneren und frage mich wann wessen Sturm ausbricht. Kleinere knisternde Blitze und nachhallende Donnerschläge haben sich ja schon gezeigt, ich habe sie vernommen, trotz der Hände vor den Ohren.
Dieses schnaufige Geräusch, wenn das Leder die Luft zerteilt – es folgt mir bis in die Nacht hinein.
Wenn der knallende Klatschschlag erklingt spüre ich nicht den Schmerz von damals, sondern diesen Riss zwischen Harmonie und plötzlicher Gewalt, die Panik und den jähen Schock. Dann reagiert alles und während der Kopf versucht das Ganze zu begreifen, einen Grund dahinter zu finden, muss der Körper rasch eine Entscheidung treffen:
Flucht, Verteidigung/Angriff oder stumpfe Abwehr.
Diesmal wählte er Letztere und vielleicht wahr es die falsche Wahl.
Es dauerte nicht lange und der Geist hatte die Reise in die Vergangenheit angetreten.
Dem Leibarzt ist die recht zügige Geneßung zu verdanken und der Medizin, die ich noch immer irgendwo, wie ein Salbungsöl auf meiner Stirn spüre, obwohl der Verstand mir beurkundet, dass das gar nicht möglich ist. Meine Logik fällt, wie das rotbraungelborangengüldene Blattwerk im Herbst.
Ah... Herbst.

Wir sprechen nicht mehr darüber und es ist auch nicht passiert, doch steht die einst zerschlagene These wieder im Raum. Ich habe Gewalt ausgeübt und es hat ihn weniger verletzt als andere Taten... meinerseits? Ich bin mir nicht sicher. War es die Haarsträhne, war es doch die Saftschorle? Wir sind „du“ und nicht „Euch“, oder?
Müßige Gedanken, die nicht beim Laufen helfen!
Der Präfekt würde mir zürnen, wenn er mich so gedankenverloren sehen könnte. Würde er? Vielleicht nicht, denn er kann uns sehen, das hat er nicht nur bestätigt, sondern gezeigt. Anders als die Vicaria, welche des Lesens mächtig ist, kann er sehen. Ich beginne Mairi zu verstehen und werde ihn nicht nocheinmal mutwillig enttäuschen.
Doch dazu muss ich tanzen lernen, wo findet man einen Tanzlehrer in einem steinernen Meer?
Mein Problem, ich muss tanzen lernen, tanzen wie ein Blatt im Wind. Ein herabgleitendes Herbstblatt.
Ah... Herbst.
...
Gast

Beitrag von Gast »

Black and white...
Here comes a candle to light you to bed
and here comes a chopper to chop off your head


Sinniger Wahnsinn, Kostprobe:

Irgendwo tief in uns schlummern die Poeten und Freizeitdichter
und weil es schon immer so war, ganz typisch und ein wenig konventionell
sauge ich Reime aus meinen Fingern, spucke sie auf die Zeilen schnell
aufdass daraus ein Gedicht entstehen wird, welches meine Welt
all jenen, die, wie ich, anders mit allen Sinnen begreifen, vorstellt
… im Grunde nur ein Blick hinter maskenhaft unbewegte Gesichter

Dazu benötige ich keinen Punkt, Anfang oder Ende aber Worte, die
mir gefallen, mich ansprechen und meinen Ansprüchen genügen,
dafür werde ich hinsichtlich Reimschemata schlichtweg betrügen,
ein wenig von allem benutzen und den Inhalt nach vorne lenken,
schwesterlich teilen und reichlich zweifelhafte Gaben verschenken
… du begreifst noch nicht, richtig? Dann lausche mir und sieh
HER!



SCHWARZ
die Rinde des Baumes, in dessen kahlen Ästen das Glöckchen hängt, um dann und wann einen hellen, einsamen Ton in die dunkle Stille zu senden. Rußfarben die Nacht, welche drum herum ihre Fledermausflügel spannt und gierig alles in die lichterstickende Umarmung packt. Die Augen darin tragen eine noch schwärzere Farbe und starren durch Haut, Fleisch, Sehnen und Knöchlein bis in die Seele hinein. Sie warten auf dich... mich... sie warten.
Rabenfederfarbenes Wasser, rauschend und kälter als die eisige Berührung des Winters.
Nichts schläft unter dieser Decke, es lebt und brodelt, lauert und schnappt beutehaschend zu. Der Kopf mag unter dem Grase des Nachts rollen, doch in der Tiefe der schwarzen Fluten werden die Körper im Ganzen verschlungen. Es ist das Maul des finsteren Wolfes, das Pech der einstmals güldenen Marie, der Schatten auf dem Herzen.
Erzähle mir mehr!
Warum hast du die Sehnen zerschnitten? - Damit du nicht mehr so schnell wegkommen kannst!
Warum hast du die Stimmbänder durchtrennt? - Damit du nicht mehr schreien kannst!
Warum hast die großen, roten Adern geöffnet? - Damit du langsam ausbluten kannst!

Deine Mär, meine Mär, erzähle mir mehr!
Das sind sie, diese Schatten, die im Gleichschritt mit den Schemen der Nacht umherziehen und sie, die einzigartige Puppenspielerin, lernt sie bedienen, kann sie irgendwann dirrigieren, fordert sie zum Zwingtanz auf, weil sie die Angst meistern wird und die Furcht um den Schlag anderer Herzen nicht kennt. Ich möchte von ihr lernen und fürchte doch, dass es zu spät ist, denn ich hänge bereits an den Herzfäden und reihe mich dem dunklen Tanz ein. Dreh dich, schwarzes Püppchen, dreh dich.



WEISS
die bleichen Knochen, die sich so blankgenagt und deutlich vom Baumkonstrukt absetzen und mit trockenem Klagen im Winde klappern. Blütenrein und klar, mein Licht, blütenrein sage ich dir. Es ist die Dekonstruktion eines Gebildes, der Kern, welcher eine Weile noch zurückbleibt, trocknet und dennoch kälter als die Nacht selbst anmutet. Kälte ist ein gutes Stichwort, denn in dieser glitzert die Farbe wieder einmal mit.
Schneeflöckchen,
Weißröckchen,
wann kommst du zu richten,
jene die im Negativ-Abbild deiner Selbst leben,
du verdammte Miniatur eines eisigen Kristalls?
So schön, so rein und hell, dass mir die Augen tränen und vielleicht werde ich erblinden...
Dir zuliebe, mir zuliebe und nur folgerichtig aber was macht das Mädchen, welches dem Pfad eben nicht mehr folgen will? Richtig, es kommt vom Weg ab, Herr Wachtmeister-Jäger, es kommt ab und eifert einem Wolf unter alten Eichen nach. Leg die Flinte an, du hast nur einen Schuß, Freischütz.
PENG!
Wieder ist es eine Decke, in welcher sich die Schritte verewigen und was darunter schlummert weiß ich nicht – WEISS ich nicht. Um zu einer fundierten Aussage zu gelangen bedarf es mehr als nur den Blick unter eine Kapuze. Ich bin mir nicht sicher, ob tiefere Einblicke auch nur irgendeinem von uns beiden zuträglich wären, denn mein bleiches Licht beinhaltet eine andere Symbolik:
Maiglöckchen,
mein giftiges Glück
… auch sie läuten...


GRAU
… den Schlaf ein!


Goodnight, goodnight
Sleep sweetly, sleep sweetly
in delight!
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 25. Oktober 2014, 20:07, insgesamt 2-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Ein Buch sie zu binden, sie für ewig zu binden und dies mit einem Kuss zu festigen

Was hilft ein Gespräch mit einem Piraten? Einem vermeintlichen Frauenheld....doch wenn alles anders kommt? Wenn man nichts planen kann? Sich nicht vernünftig darauf vorbereiten? Dann....dann helfen einem die Gefühle aus der Patsche und alles wird gut.

Es war ein einfaches Gedicht, er musste den ganzen Tag an sie denken und schrieb es einfach, die Zeilen...sie schrieben sich ganz von alleine. Ihm gefiel es eigentlich nicht wirklich doch als Gegenleistung dafür, dass Mio nicht vom Glockenturm springt war es angemessen.

Seine Gefährtin las die Zeilen die sich im Buch offenbarten, zuvor musste er noch versprechen, dass keiner mehr von Ihnen versuchen würde fliegen zu lernen. Sein Blick lag gespannt auf ihr wärend sie die Zeilen verschlang. Nichts...er konnte nichts erkennen, weder das es ihr gefiel noch das es ihr missfiel.

Ich bin immer noch ein Mensch
und war es immer seit ich bin,
karg und rein und nackt geboren
wuchs heran und lerne stehen und wusste nichts von dieser Welt,
tausend Wege warn zu gehen auf 3 ging's los

Ich bin immer noch ein Mensch
Ich bin hungrig und leer, aber immer noch stark
Ich bin hier und am leben
Ich bin immer noch ein Mensch
Ich bin müde und klein, aber immer noch wach
Ich bin hier und ich lebe
Ich bin immer noch ein Mensch
Ich bin töricht und jung, ich bin weise und alt
Und so soll es sein, ich bin immer noch ein Mensch

Der immer glaubte es wird gut,
Dämonen spielen nicht nach Regeln,
der erste Weg durch Laub und Blut, die Sonne aus blankem Metall
drum lief ich fort und fand mich wieder
nichts ist vorbei

Ich bin immer noch ein Mensch,
Ich bin hungrig und leer aber immer noch stark
Ich bin hier und am Leben
Ich bin immer noch am Leben
Ich bin müde und klein, aber immer noch wach
Ich bin hier und ich lebe,
Ich bin immer noch ein Mensch
Ich bin töricht und jung, ich bin weise und alt
Und so soll es sein ich bin immer noch ein Mensch

Und war es noch als man mich trat, dass nichts es griff nach meiner Hülle
Es schickte mich auf dunklem Pfad, selbst mein Name war egal
Der dunkle Schein lässt mir kein halten,
hab alles Schönste überhört,
damit das Nichts mich nicht verschlingt
und meine Füße mich noch tragen
damit der Hass dich nicht durchdringt,
lieg ich niemals still,

Denn der Weg des Lichts ist Schweigen,
denn der Hass hat kein Gesicht,
die Maschine keinen Namen,
und die Feigheit kein Gewicht,
du kannst wählen dich zu drehen, doch die Räder drehen dich
du wirst laufen doch du scheiterst oder nicht

Ich bin immer noch ein Mensch, der dorthin ging wo nichts mehr schmerzt
es war keine dunkle Hülle es war mein Mich, es war ihr Herz,
fern allen Wahnsinns fand ich Licht
Es ist so still ich hör dich atmen, wir bleiben stehen

Ich bin immer noch ein Mensch ich bin hungrig und leer aber immer noch stark
Ich bin hier und am Leben ich bin immer noch ein Mensch
Ich bin müde und klein, aber immer noch wach ich bin hier und ich lebe
Ich bin immer noch ein Mensch
Ich bin töricht und jung, ich bin weise und alt und so soll es sein
Ich bin immer noch ein Mensch.

Ich bin immer noch ein Mensch

Wir sind die Kälte und das Licht wir sind die Sintflut und der Regen, sind verierte auf dem Weg, zwischen hier und Leben
Wir sind der Fluch und auch der Segen, wir sind die Flamme die erlischt
Wir sind der Anfang und das Ende wir sind die Sehnsucht nach dem Licht

Niemand kann mir sagen was ich tun muss damit ich lieben kann
Niemand kann mir sagen was ich denke, was ich fühle.
Kannst du meine Wunden heilen, ich ging den ganzen Weg mit dir,
zwischen allen Welten warst du bei mir.


Und die Antwort darauf war so lieblich wie ein Kuss...es war ein Kuss...zärtlich und sanft...kosten jedoch nicht auffressend wie Herr Jean es erwähnt hat.

Nein...der Zeitpunkt war nicht geplant...er war nicht vernünftig vorbereitet doch die Gefühle hatten ihn gerettet....
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 25. Oktober 2014, 00:05, insgesamt 3-mal geändert.
Gast

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Mentaler Nachtrag:
Sie haben sie zerbrochen, zerschlagen und verdreht!
In einem Berg aus Scherben liegt sie da, meine Logik und ich sehe nur die Splitter... Splitter im fahlen Mondschein, wie sie glitzern – trügerisch schön, tückisch scharf.


Glassplitter in der Nacht.
Glassplitter auf der Straße
Glassplitter im Straßengraben.

Schimmern, funkeln
im trübfahlen Licht der Laterne
wie abermillionen, winzige Sterne


Rotes Wasser in der Nacht.
Rotes Wasser an den Händen.
Rotes Wasser fließt langsam den Finger hinab.

Ein Tropfen bildet sich und fällt-
bis er auf die Splitter trifft.
Er rinnt hinweg und verschmiert-
wie der letzte Kuss von einem Lippenstift


Ich bin kein Dichter, kein Denker, ich bin eine Verirrte, begraben unter einem Haufen Stein und Geröll, verloren unter der Erde bahne ich mir meinen Weg tiefer in das schwarze, tote Herz hinein, wohlwissend, dass ich eigentlich in genau die andere Richtung möchte. Aber es ist nunmal ein verfluchtes Labyrinth und es ist ganz gleich, ob ich mich nun umdrehe, denn alle Pfade führen wieder dorthin, wo ich nicht hingelangen will und da wartet der Wolf auf mich, die Lefzen triefend, die Zähne blitzend und das Maul grinsend. Sein Blick geht mir durch Mark und Bein, wie immer – es ist ein Versteckspiel, bei welchem ich eines Tages den Kürzeren ziehe und alles an meinen Sinnen und Instinkten sagt mir, dass dieser Tag so nahe ist.

Briefe... es flattern Briefe gleich giftigen Pergamenttauben in meine Hände und ich verätze mich daran. Was möchte mir der Mann in der schwarzen Kutte sagen? Warum steht da eine Zahl in den Zeilen meines Onkels die nicht stimmen kann? Zwanzig? Zwanzig? ZWANZIG?
Das sind viel zu viel, nein vier zu viel!
Um mich herum beginnen die Alben zu tanzen, dabei ist doch noch nicht einmal Abend! Das Zwielicht der Schatten ist so fern und dennoch spüre ich, wie die klamme Kälte ihrer langen Finger nach mir ausstreckt und mich herabzieht, wie der Nebel in meine Schläfen dringt und die Sinne sowie den Geist verschleiert. Danach beginnt die grauenvolle Lesestunde und sie saugen die Informationen, spucken sie mir wieder entgegen, gieren geiernd auf die Reaktion.
Schreiende Träne!
Ich weiß es nicht, ich habe seit langem nicht mehr geweint. Es müsste Monate her sein... vier Jahre?! Niemals! Ich möchte gerade schreien und Tränen vergießen aber es erstickt mich weiter und ich sehe die Schemengestalten am Tisch, während die Wände langsam näher kommen. Umkommen werde ich dort unten nicht, denn dann wäre das Ende endlich da und wir beide wissen, dass ihn das Ende mit Schrecken nicht befriedigt – es soll der Schrecken ohne Ende bleiben.
Rennen, bis die Füße nicht mehr wollen und dann?
Ich sollte weitere Antworten verfassen.
Briefe schreiben.
Doch die Kälte lässt mich nicht.
Wo bin ich?
Im... Wald...?!


Mag nicht aufstehen.
Kalt?
Nein, es ist eher klamm.
Moos?
Grün, nass, dämpft Geräusche.
Welt?
Liegt verschleiert, wabernd.
Gestalten?
Sie schweben, ununterbrochen.
Öffnung?
Zwischen den Welten, genau jetzt.
Geister?
Sie wandeln hier.
Angst?
Nein, Kind, nur Trauer.
Trauer?
Luftabringend, herzdrückend.
Seufzen?
Dadurch wird es nicht anders.
Aufwachen?
Mag nicht mehr aufstehen...

...Stillstand.
Gast

Beitrag von Gast »

I know you've suffered
But I don't want you to hide
It's cold and loveless
I won't let you be denied


Das kalte, klamme Mauerwerk war durch den Stoff des roten Kapuzenmantels und dem des Leinenkleids hindurch am Rücken spürbar. Die Struktur der rauhen, teilweise noch zu eckigen, spitzen Steine stach hart und unbequem durch die Schichten in die Haut unterhalb der Schultern, hinterließ einen reliefartigen Abdruck darauf. Doch die kleine, schmale Gestalt, welche direkt an der Wand dort stumm und starr kauerte, schien dies nicht einmal zu bemerken, geschweige denn sich daran zu stören. Die Beine hatte sie wieder einmal eng an den Körper gezogen und mit den Armen umschlungen, das Kinn ruhte an den Knien. Wie so oft wirkte die Mimik auf den bleichen Zügen vollkommen ausdruckslos und leer, doch das sinnierende Funkeln in schiefergrauen Kohleaugen strafte diesem Eindruck Lügen. Beobachtend huschte der Blick über die rötlich glimmenden, zarte Adern, deren Illumination die düstere Kammer und den schwarzen Stein in deren Mitte in ein schwaches, mystisches Feenlicht tauchte. Nimmermüde folgte das Augenmerk diesen dünnen, unwirklich erscheinenden Fäden von den Aderpünktchen bis zum Runenfelsen und zurück. Eher feine, dunkle Brauen hoben sich langsam, als sie über ein neues Mysterium bezüglich der eigenen Empfindungen stolperte:

Der Ort hier, tief unter dem Erdboden, ohne Fenster oder auch nur einen dünnen Strahl Sonnenlicht, abgeschieden von Leben, eine Grabkammer eben, erweckte keine Panik oder Angstzustände mehr in ihr – im Gegenteil, er schenkte etwas Ruhe und brachte sie auf merkwürdige Art und Weise sanft zurück ins innere Gleichgewicht. Es ähnelte einem übergeordneten, göttlich-sakralen Frieden.
Sie wusste, dass es auch in dem gewaltigen Gemäuerkomplex mehrere Gänge oder gar Räumlichkeiten gab, die ihr rasch die alte Unruhe und den Schrecken zurückbringen würden, doch nicht diese weite Kammer, welche sie zum neuen Refugium erkoren hatte, mit mildem Staunen lauschte sie den vielen dort vorhanden Stimmen, weder feindlich noch freundlich – nur unglaublich alt und so weise - und lernte von ihnen immer wieder in sich selbst hinein zu hören, was erstaunliche Offenbarungen mit sich brachte. Die Neueste lag ihr wortwörtlich in den Händen und ließ das Herz spürbar rascher schlagen.

Langsam löste sie beim Aufkommen des Gedankengangs die ineinander gefalteten Finger und hob den Kopf, um die Arme wieder näher an die Oberschenkel zu ziehen. Regelrecht fasziniert betrachtete sie nur wenige Momente später die eigenen Handteller, welche ihr zugewandt auf den Beinen ruhten und so unscheinbar klein, keineswegs filigran oder zart, sondern kindlich rund und blass wirkten. Mehrere tiefere Linien durchbrachen ein Netz aus winzigen, feinen Strichkonturen und gaben ein durchaus beeindruckendes Musterwerk ab, doch war sie nicht in der Lage in den Händen die Zukunft zu lesen und gab sowieso wenig auf Wahrsagerei allgemein. Ihr Interesse und blicklicher Fokus lag auf den Fingerkuppen, welche sie vorsichtig mit den Daumenspitzen berührte, darüber striff und und im selben Moment leise nach Luft schnappte.
Ihr war durchaus bekannt, dass die Haut das größte Sinnesorgan des menschlichen Körpers war, doch bewusst, hatte sie dieses Wissen erst in den letzten Tagen begriffen und die fast schon erregende Entzückung dieser Erfahrung überforderte sie vollkommen. Jahrelang hatte sie Berührungen gescheut und nur eine einzige Hand je gehalten oder halten wollen...

Die Hand, die dir entglitten ist!

… und in den letzten Tagen hatte sie sich wie eine wahrhaftige Marionette ziehen und leiten lassen. Von der Puppenspielerin, die auf jene Weise den nächsten unsichtbaren Faden zwischen den beiden Körpern verbunden und fest verknotet hatte. Gelenkt hatte sie diese, denn ansonsten wäre allein der erste Schritt die Stufen hinab unmöglich... undenkbar gewesen. Doch da griff sie plötzlich zu, eine Hand so bleich wie ihre und ungleich feingliedriger, welche sie sanft, doch bestimmt in die Tiefe geleitet und dort unten begleitet hatte. Bis zuletzt war dieser Beistand geblieben, löste sich nur, wenn sie selbst es initiierte und war danach rasch wieder zur Stelle. Zittrig, nervös und erschlagen vom Ungewissen, genau wie sie selbst, doch tapfer und mutig genug, um ihr diesen heimlichen Schutz zu offerieren – an ihren Fäden würde sie sich spielen lassen.

Was ist mit der knöchernen Hand?

Ja, das war so eine Frage, die einmal wieder in die Kategorie „Unbeantwortbar – für den Moment“ gehörte, denn mit jener Geste hatte sie nicht gerechnet und dennoch danach gegriffen, zugelassen, dass sich das Monstrum namens Grabkammer dadurch Schritt für Schritt aus seinem hässlichen Mantel zu schälen schien, nur um schließlich in einem ganz anderen, heiligen Licht zu erstrahlen. Es war der Griff der knöchernen Finger um die eigenen und die nebenher, fast beiläufig erfolgten Erklärungen, welche ihr das Refugium als solches zeigten, ihr tatsächlich die Augen öffneten und den Blick nicht schärften, sondern vollkommen neu einstellten. Mairis Worte besiegelten die Erfahrung noch zusätzlich und waren Balsam für die Seele, welche – noch – die eigene war.

Seelenheil, danach hat er nicht gefragt.

Richtig, das hatte er nicht.
Er hatte hinter die Phrasen zur körperlichen Unversehrtheit geblickt, die geistige Verfassung angesprochen, doch auf so etwas Abgeschmacktes wie „Seelenheil“ war er glücklicherweise nicht gekommen, denn wie hätte sie sich dann noch rauswinden können, ohne auf Lügenmären zurückzugreifen? Müßiges „hätte, könnte, sollte, würde“! Es geschah doch sowieso, wie es eben geschehen wollte kam und sie hatte in den letzten Wochen gelernt, dass man nicht immer nach dem Sinn dahinter suchen musste.

Schöner sich überraschen zu lassen?

Vielleicht?
Nochmals strichen die Daumenkuppen über die vier anderen Fingerspitzen und schickten prickelnde, weiche Schauer durch die Gliedmaßen, weckten eine unbekannte Wärme im Inneren und verbreiteten im selben Moment eine kurze, schwerelose Leichtigkeit in der Brust. Die Gedanken drifteten nicht mehr ziellos, sondern flogen bestimmten Momenten und Eindrücken regelrecht zu, blieben an diesen kleben und umschmeichelten jene beinahe zärtlich. Die meisten Sinneskörperchen sitzen in den Fingerbeeren, der Zungenspitze und den Lippen, noch ein kleiner Beitrag aus dem Fundus ihres angelesenen Wissens. Doppelt hält besser hingegen gehörte zum Gebiet der Bauernschläue, doch schien eine Kombination der beiden Elemente in diesem Moment nicht nur sinnig, sondern auch so verdammt verlockend. Vorsichtig hob sie die Hände, streckte die Finger den Lippen entgegen und malte behutsam die Konturen von den Mundwinkeln bis hin zur weichen Kuhle des Philtrums nach. Wieder wurden die Gedanken von bekannten Bildern und versteckten Wünschen geradezu magnetisch angezogen...
Sie realisierte nicht, dass die Nasenflügel zu beben begonnen hatten und eine feine Röte nun die sonst so bleichen Wangen zeichnete. Ein recht wohliges Frösteln stellte die kleinen Härchen an den Armen und im Nacken etwas auf, während sie über die Worte „Sinnlichkeit“, „Berührungspunkte“ und „Verlangen“ zu grübeln begann.

I want to reconcile the violence in your heart
I want to recognize your beauty's not just a mask
I want to exorcise the demons from your past
I want to satisfy the undisclosed desires in your heart
Gast

Beitrag von Gast »

Immortal fear
That voice so clear
Through broken walls
That scream I hear


Wenn der Schlaf einen nicht ereilen mag...
… liegt man vielleicht einfach nur still im Bett, starrt in die Zimmerdecke hinauf und folgt der Endlosspirale mancher Gedankengänge, als würde man eine Wendeltreppe erklimmen und auf dem Weg immer wieder einen Blick in offenstehende Seitentüren erhaschen. Was sich darin offenbart muss nicht zwangsweise angenehm sein, zumindest aber sind es meist jene Teile des großen Ganzen, die derzeit auf der Seele brennen und so sieht man sich über kurz oder lang zwangsweise direkt damit konfrontiert.
Hinter den Seitentüren ihrer Wendeltreppe erblickte sie in dieser schlaflosen Nacht die grauen Roben vieler, doch nur ein Gesicht im Schatten der düsteren Kapuzen schien so hell illuminiert, dass die Züge klar zu erkennen waren. Ein männliches, feingeschnittenes, bärtiges Antlitz auf dessen Miene ein sanftes, wissendes und zugleich dezent wölfisches Lächeln gemeißelt war.
Immer dann, wenn sie sich geistig davon löste, abwandte und die Treppe hastiger emporkletterte, musste sie doch nur wieder feststellen, dass der Blick in die nächste Türe hinein, ein ganz ähnliches Bild präsentierte. So dehnte sich die ruhelose Reise des Geistes irgendwann eben doch auf den Körper aus und noch ehe die Morgenstunden wirklich erreicht waren, kletterte sie leise und behutsam aus dem Bett, kleidete sich stumm an und beschloss das Tagwerk bereits in der Dunkelheit zu beginnen. Das edle Ross der Ritterin ließ sich auch im Zwielicht gut ausführen und der Weg bis nach Düstersee würde sie sowieso erst einmal vor allem Zeit kosten.

Die Füße trugen sie durch die klamme Kälte und nach den Toren Rahals irgendwann folglich auch in die tiefe Schwärze der Nacht hinein. Doch betrog sie der Kopf ein weiteres Mal aufs Schmerzlichste und begann, angeheizt von der nächtlichen Mystik und der rabenfarbenen Finsternis, erneut den Wendetreppenaufstieg, stieß die unliebsamen Türen wieder auf.
Diesmal allerdings mit einer fiesen, gemeinen, kleinen Neuerung, denn nun mischte sich eine Stimme dazu, die Worte hauchig und so seltsam zart von sich gab, dass sie genau die falschen, labilen Nerven traf.

„Heisst das denn das du weiter gekommen bist mit deiner Aufgabe?“
War sie das? Vor wenigen Stunden hätte sie die Frage bejaht, doch nun war sie sich nicht mehr so wirklich sicher. Der Vorschlag die eigenen Tränen zu verwenden klang, nach seiner fundierten Erklärung und den eigenen Analysen dazu, alles Andere als falsch aber jene wollten nicht mehr fließen, seit.... langem nicht mehr. Um genau zu sein seit... mehreren Monaten.

„Jahren, Kindchen, Jahren.“

Die Bewegung fror noch im Schritt ein und jede Faser ihres Körpers spannte sich hingegen schlagartig an. Langsam hob sie den Blick vom Pfad am Boden vor den Füßen, lugte blinzelnd durch die fahle Dunkelheit, nur um einen weiteren, milden Schrecken zu erlangen. Vor ihr, am Wegesrand erstreckte sich der verdrehte, gepeinigte Schatten eines alten, breiten, toten Baumes, dessen Rinde schwärzer als die Nacht selbst war. Sie kannte, liebte und fürchtete diesen Ort, der sie wie ein Magnet immer wieder anzog. Selbst jetzt beging der Körper einen weiteren Verrat und lenkte ihre Schritte auf einen bestimmten Ort am Fuße des Stammes, ließ sich dann in der Kuhle einiger Wurzeln nieder, direkt unter dem güldenen Glöckchen, welches einen einsamen, wehmütigen Ton von sich gab. Der Klang erinnerte sie an die Worte des Wanderers und noch als sie sich unsicher umzusehen und gen Waldrand zu blicken begann, wusste sie, dass sie wirklich nicht alleine war.

„Richtig, Kindchen. Wir sind hier, du hast seit Tagen nach uns gerufen und dennoch versucht deine Spuren zu verwischen. Tölpelhaft und dumm, du solltest ihren Rat annehmen und auf uns hören, diesmal zumindest. Er hat im Übrigen Recht aber das wusstest du schon, nicht wahr...?“

Zwischen all den schwarzen und gänzlich weißen Augen der niederen Albenwesen und Schemen glommen seine Augen wie flüssiges, bläulich-graues Eis am Waldrand auf und schon drückte sie den Rücken fester an den Stamm, fühlte sich zum zweiten Mal in dieser Nacht wie ein Kaninchen, welches man nach der Hatz in die Enge getrieben hatte. Mit schreckensgeweiteten Augen starrte sie dem alten (Ver-)Führer und Feind entgegen.

„Keine Sorge, es ist noch nicht soweit, Kindchen, wir sind nur deinem eigenen Ruf gefolgt.“
„Ich habe nicht gerufen, schon gar nicht nach euch!“, die eigene Stimme klang so leise, zittrig und klein. Er verschlang die piesigen Töne mit einem dröhnenden, dunklen, gehässigen Lachen.
„Doch, hast du. In dem Moment, in dem der Wanderer sagte, dass du uns nach Rat fragen kannst, waren deine Gedanken bei uns, hinterließen eine feine Jagdspur und haben dich nun selbst in unsere kleine, traute Runde geführt... oder nicht?“
„Der Wanderer meinte, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich wirklich mit euch rede, dass ihr nur in meinem Kopf existiert, dass ihr also genau genommen gar nicht hier seid!“ Auch diese kurze, flammende Rede brachte nicht den gewünschten Erfolg, sondern weckten lediglich die Süffisanz in seiner Stimme.
„Schöne Theorie aber du weißt es besser und es ist zu spät sich etwas ein- oder auszureden. Die vier Jahre, Kindchen, die wir beide miteinander verbrachten, haben doch deutliche Zeichen auf deinem Körper und tiefer hinterlassen, meinst du nicht? Was siehst du, wenn du in den Spiegel schaust und was schrieb dir dein Onkel? Diskrepanz gefunden? Sie wird größer werden, Kindchen, zu schade, wenn du an dieser -bisher so kleinen- Unstimmigkeit jetzt schon zerbrichst...“
In fließendem Übergang zu seinen scharfen, geifernden Worten, mischte sich wieder die sanfte Flüsterstimme, welche nur im Kopf und hinter den Wendeltreppentüren zu bestehen schien.
„Tränen echten Mitleids. Ich hoffe Kra'thor gibt dir, was du willst, als Entschädigung für das, was dir die Albträume genommen haben...“
Stumm blickte sie dem alten Widersacher entgegen und beide, das Mädchen im roten Kapuzenmantel und der Wolf stellten einander die gleiche tieferschichtige Frage sinnierend.
„Was haben die Albträume denn genommen...?“
„Meine Unschuld?“
„Nur im seelischen Sinne... bisher.“
„Mein Leben?“
„Teilweise vielleicht, doch du atmest immernoch, dein Herz schlägt.“
„Was dann?“
„Zumindest ein klein wenig Erinnerung, was? Du wolltest weinen, oder? Ich denke es wird Zeit, dir etwas zurück zu geben, Kind...chen...“

Die Flutwelle schwappte im Sturm der zu zärtlich gesäuselten Worte stürzend auf sie ein und erdrückte das Mädchen gewaltvoll – sie ertrank in Eindrücken, welche aus dem inneren Brunnen hervorgespült wurden. Verdrängte Ungetiere, versteckte Leichen, Geschehnisse.

Seine Hand hielt ihre fest umgriffen, wenn sie rannten. Immer wenn sie rennen mussten.
„Ich lass dich nicht alleine, niemals!“
Er hatte sich dazwischen geworfen, als der menschliche Wolf mit Fäusten nach ihr schlagen wollte, hatte gefleht, bis die Rutenstrafe auf ihn übertragen wurde, war nicht von ihrer Seite gewichen, als die Übergriffe plötzlich einen anderen, klebrig-widerlich-süßen Beigeschmack bekamen.
„Ich lass dich nicht alleine, niemals!“
Er war auf ihr Anraten in die Katakomben gestiegen, führte sie dabei sanft mit sich, löste die Finger auch nicht, als der Mahr die Hetzjagd begonnen hatte. Nicht einmal, als ihre Kräfte am Ende waren, wollte er ihr Opfer annehmen.
„Ich lass dich nicht alleine, niemals!“
Dann die Kälte, das eisige Wasser und an Land die Feststellung, dass die eigene Hand leer war... LEER! Sie spürte die würgende Beklommenheit im Hals, den Druck der Panik auf der Brust und die heiße Kälte, die ihr siedend flüssig durch die Nervenbahnen rann, als sie die Erkenntnis traf.
Sie sprach seinen Namen, begann ihn zu rufen und schließlich verzweifelt regelrecht zu kreischen.
Schreie, bis die Stimme heiser wurde und kaum mehr einem schwachen Flüstern glich.
Dann erst mit der Gewissheit des wahren Verlusts kamen die Tränen...


Ein kindliches, gequältes Schluchzen am Totenbaum.
„Ihr ha... habt mi... mir das... Liebste... g.. genommen...“
Der Albtraumwolf verzog die Fratze zu einem zahnreichen, höchsterfreuten Lächeln und neigte das Haupt elegant bestätigend, gesättigt ob ihrer Reaktion und offenbar angenehm glückselig.
„Richtig, Kindchen und doch im selben Moment so einiges gegeben. Du wirst es begreifen, eines Tages, so lange aber musst du dich damit begnügen, dass dir da Tränen in kleinen Sturzbächen über die Wangen kullern. Deine Tränen. Ich würde sie nicht verschwenden, Kindchen, wer weiß, wann du das nächste Mal wieder weinen wirst, hm? Sie duften verführerisch... wenn du sie nicht willst, wird es mir eine Ehre sein, sie von deiner Haut zu lecken.“
Noch während er die ersten tappenden, geduckten Bewegungen in ihre Richtung machte, hatte sie die Phiole aus dem Kittel gezogen und den Korkpfropfen zittrig gelöst. Der dünne Rand des kühlen Glases berührte die Wangen seitlich auf Lippenhöhe und kurze Zeit später mischte sich die eigene, salzige Tränenflüssigkeit mit der des... Bruders?

„Na schau einer an, Bruder für Bruder, Kindchen. Was ist der Verlust eines Bruders, wenn man im Austausch dafür so viele Geschwisterherzen gewinnen kann?“
Sie machte sich nicht die Mühe auf diese gehässigen Worte auch nur einzugehen, denn allein die Impertinenz des angedeuteten, vollkommen absurden Tausches zündete ohnmächtige Wut im Herzen – welche der Wolf sowieso binnen weniger Momente spürte und den Grund dafür zielsicher erraten konnte.
„Komm komm, Kindchen. Es ist nun nicht so, als würde die ein oder andere Person in diesen Reihen nicht doch eine gewisse Faszination auf dich ausüben, hm? Oder... sogar mehr als das?“
Ein letztes, kehliges Knurrlachen und der gesäuselte, boshafte Abschied.
„Wir werden uns noch einmal sehen, ehe die Stunde gekommen ist, Kindchen, also bis bald. SEHR BALD!“

Dann erloschen die unzähligen Augen und der Schatten des Wolfes verschwamm mit der pechfarbenen Schwärze des Waldes. Zurück ließ er seine Antagonistin, das Mädchen mit dem Kapuzenmantel, welches nunmehr unkontrolliert zitternd am Fuße des Totenbaumes kauerte und auf die Phiole in den Händen herabstarrte. An den Wangen waren sie beinahe schon versiegt und getrocknet, doch hinter dem Glas glitzerten Tränen. Farblich nicht zu unterscheiden, eine Einheit quasi und dennoch eine höchst bizarre Mischung.
Zum dritten Mal öffnete der Geist die Türen an der Wendeltreppe und wieder lächelte das sinnierende, ansehnliche Gesicht fast wehmütig und mit einem Hauch Mitleid. Diesmal allerdings verharrte sie selbst, zwang sich gedanklich über die Türschwelle zu gehen, um sich alleine dem Kommenden zu stellen.
„Aber du bist nicht alleine...niemals.“
Sie wusste nicht, woher die gehauchten Worte gekommen waren, doch schienen sie aus vielen Stimmen gewebt und eine Hand legte sich sanft und zuversichernd auf ihre Schulter. Erstaunt und überrumpelt drehte das Mädchen den Kopf und blickte in ein liebreizendes, bekanntes Antlitz, in dessen Mitte bernsteinfarbene Augen stillen Beistand bekundeten und das Herz wärmend berührten.
„Mairi...“

Cry little sister – thou shall not fall.
Come, come to your brother – thou shall not die.
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 9. November 2014, 04:21, insgesamt 4-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

- Auf ein Wort...?
- Wann immer du dafür bereit bist, Kindchen. Ich lasse dich nie ganz aus den Augen, verliere deine Spur nicht und höre jedes Wort, dass deine Lippen verlässt.
- Also hast du bereits auf mich... auf meinen Ruf gewartet?
- Ja und nein. Ich sagte dir doch, dass wir einander noch einmal sehen würden, ehe die Stunde gekommen ist...
- Aber du warst nicht wirklich mein Ende, ich bin mir auch nicht sicher, inwiefern du zugegen warst, als es schließlich soweit war. Seltsam wie schnell es gegangen ist, selbst der Schmerz war kurz und erträglich. Dich sah ich nicht.
- So? Dann hast du nicht wirklich hingesehen, blindes Kindchen. Sicherlich ging es schnell, warum auch nicht? Denkst du denn tatsächlich, dass alles ein Affentheater und unnötige Dramatik braucht? Menschen, ihr seid in vielen Belangen so unglaublich naiv. Unsereins kam auf seine Kosten, wir brauchen kein Geschrei, keine Schmerzen, keine Weinerei – wir kosten stummen Schrecken, nackte Panik, süße Angst und glaub mir, davon war genug vorhanden.
- Du übertreibst maßlos.
- Das, mein Kindchen, wünscht du dir nur...
- Sag das nicht!
- Kindchen...?
- Nein...
- Ach, nun hast du ein Problem mit Possessivpronomen? Lass mich raten: erst seit wenigen Stunden, ja? Weil sie Besitz andeuten und du nicht einmal mehr widersprechen konntest.
- Warum pickst du dir genau diesen Teil des Ganzen heraus? Es fiel doch so viel mehr im Laufe des Gesprächs. Weitaus bedeutendere Worte, quasi zukunftsweisend.
- Richtig, doch nichts davon hat dich auf diese amüsante Art und Weise... berührt.
- Amü...sant?
- Für mich sehr wohl. Dabei kam in mir dann doch so langsam die interessante Frage auf, inwiefern du dich selbst kennst oder zu kennen glaubst.
- Was meinst du?
- Weißt du denn, warum es dir so durch Mark und Bein ging?
- Nun, weil ich Angst hatte.
- Glaubst du?
- Weiß ich.
- Gut, dann lass es mich umformulieren: Weshalb, nein, wovor hattest du Angst?
- Vor... ihm? Was soll das denn für eine selten dämliche Frage sein!
- Sehr faszinierend...
- WAS?!
- Du Menschlein, du und deinesgleichen. Denkende, sehende Wesen, die wirklich manchmal so unglaublich blind sind.
- Ich verstehe nicht...
- Exakt.
- Wie dem auch sei, ich habe dich nicht hergebeten, um mir irgendeine halbseidene, unverständliche Belehrung über das Mysterium Mensch anzuhören.
- Hergebeten? Hah, das klingt ja unglaublich niedlich, wenn man bedenkt, dass du uns nicht entwischen kannst, hm? Nun, es geht dir also um die plötzliche Unsicherheit, die jene Veränderung mit sich bringt. Um die quälende Gegenwart, die nebelige Zukunft und siedendheiße Vergangenheitsfehler?
- War es denn ein Fehler?
- Och, lass dich ein wenig überraschen... es liegt wieder eine wunderbar unbestimmte Zeit vor dir.
- Als... es geschah, da dachte ich, es wäre vorbei. Ein Ende mit Schrecken.
- Mein Kindchen, ich versprach dir aber einen Schrecken ohne Ende und auch ICH halte meine Versprechen!
- Hmmm...
- Ja?
- Ihr habt eine recht ähnliche Augenfarbe.
- Soso... bist du dir immernoch so sicher, dass ich wirklich nicht anwesend war?
- Ich... ich...
- Jaaa-haaaa?
- ...habe... habe...
- Sprich dich aus, mein Kindchen.
- … einen Pakt mit dem Wolf ausgehandelt.
- Willkommen in der schönen Welt der Erkenntnis. Als wäre dir das nicht schon vorher irgendwo bewusst gewesen, hm?
- Also hab ich es tatsächlich ganz verbockt?
- Wie meinen?
- Die Mär ist verdreht und nicht mehr richtig so, keine Logik, keine Systematik, kein rechtes Ende.
- Oh, das liegt einzig und alleine daran, dass es hier nicht endet, Kindchen, deine eigene Mär beginnt erst an diesem Punkt, denn jetzt liegt es an dir, sie selbst zu schreiben... greif nach der Rabenfeder und der pechschwarzen Tinte, zeichne es unter deine Haut, Sehnen, Muskeln und Knochen bis in den Teil hinein, der dir schon so lange nicht mehr gehört. Seit vier Jahren, um genau zu sein!
- Sehr wohl...
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 13. November 2014, 17:26, insgesamt 2-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Mentaler Nachtrag:

Hereinsegelndes Pergamenttäubchen, oh du störrisches, nervenraubendes Knatterflattergetier! Kommst doch nun in bizarren Schwärmen und die Melodien, welche du singst, sind mir so fremd, verwirren mich und wecken erneut den Teil meiner Selbst, den ich nicht verstehe: Emotionen.
Hass, Wut, Frust - ich stehe auf unsicherem Boden und das muss natürlich jetzt geschehen, wo ich meine Schritte in einer neuen Welt mühsam wackelig erlerne, wie ein koordinationsgehemmtes, tappendes Kind.

Der eisige Boden knarrt und ich sehe die Risse darin, doch bin ich zu weit vom Ufer entfernt und kann nicht mehr umkehren. Somit bleibt mir der Pfad geradeaus und diesen gehe ich einfach stoisch weiter. Unbeirrt. Nunja, so unbeirrt, wie man sein kann, wenn man das hässliche Gezwitscher der Pergamenttauben vernimmt, denn weghören... das schaffe zumindest ich nicht.

Die Eine ist anonym und zu feige, um sich meiner zorneserfüllten Antwort zu stellen. Sie berichtet mir scheinheilig von meinen Verfehlungen, kreidet mir "Naivität", "Jugend" und "Unwissenheit" an. Jene wiederum nutzt sie, um den eigenen Schluss daraus zu ziehen, dass ich damit wohl ein schutzbedürftiges Wesen wäre und bewacht gehöre.

Grandios!

Ohja, faszinierend. In der Tat.
Zwar bin ich laut den Zwitscherworten noch ein eigenständiges Wesen und meiner selbst Herrin, doch im selben Moment ein "Kind", welches sich von Wölfen fernhalten soll, welche in mir einen Leckerbissen sehen könnten.

Hört, hört...

DICH FRAGT GERADE KEINER, also erspare mir wenigstens du deine Kommentare, wenn ich geistig versuche die Abgründe, die sich da Zeile für Zeile auftun zu erfassen. Es ist kein Versprechen, selbst wenn mir das die Überschrift weismachen will. In diesem Fall handelt es sich ganz eindeutig um eine Drohung.

Unsereins gibt es eben in vielerlei Pelzen. Was besagt die andere Taube?

Die Andere trägt einen Namen mit sich und es zerpflückt mich innerlich, wenn ich ihr länger lausche, mit dem Wissen wer mir da was ankreiden mag. Es ist ein ganz anderer Dolch diesmal, der da noch in der Wunde umgedreht wird. Schon grotesk zu wissen, dass es nicht so sehr schmerzt, wenn er fachmännisch ins Herz gerammt wird. Dieser aber ist daran vorbeigeschrammt und nagt sich seitdem durch die Brust. Mir, die mit den Gewissensbissen gekämpft hat, wird ein Vergehen andeutend unterstellt, welches davon kündet, dass es mit dem lieben Vertrauen wirklich nicht sehr weit her ist.
Vertrauen...
Boshaft amüsanter Galgenhumor weist mich darauf hin, dass wir das Thema doch erst gestern hatten und scheinbar lässt sich der ernste Rat hierzu auch auf andere Personenkreise ausweiten.
"Vertraue keinem..."
Sicherlich, wie kann ich das denn auch noch, wenn man im Umkehrschluss mir nicht vertraut? Ver-trauen. Ist diese Vorsilbe nicht eigentlich irgendwie negativ behaftet? Ver-irren, ver-gebens, ver-fluchen. Traue ich in diesem Fall einfach falsch? Ver-trauen...

Verlieben.

Fremd, so fremd und kalt. Das ist der Punkt, welcher mich am meisten verstört: die Wut erkaltet so rasch, wie die letzten Aschereste der Glut mitten im klirrenden Winter. Zurück bleibt der eisige Frost...

Und ein Lebkuchenhaus-Feuer, Kindchen.
Gast

Beitrag von Gast »

Langsam kempelte er die Hose etwas höher und betrachtete dabei die Schienbeine kritisch.
Auf beiden Seiten waren sie mit einigen hässlich schwarzen Blutergüssen bedeckt, die ihm wohl noch ein paar Tage Spaß versprachen. Erstaunlich wieviel Kraft in dem kleinen Körper steckte.

„Biest...“

Er hatte wirklich nur mit dem besten Gewissen und im Glauben gehandelt, ihre blinden Augen zu öffnen und war, welch Ironie, auf taube Ohren gestoßen. Nein, ganz mit offenen Karten hatte er nicht gleich zu Beginn spielen wollen. Natürlich hatte er ihr verschwiegen, dass er schon seit Beginn der Woche Rahal erreicht hatte. Der Grund warum er sie nicht sofort aufgesucht hatte, würde jetzt nur einen noch weiteren Schatten auf die negative Entwicklung ihrer Beziehung werfen. Er war gerade auf dem Weg zu ihr, als er die Gestalt über den Dächern hatte wandeln sehen und etwas verwundert aber auch neugierig war er ihr am Boden gefolgt. Nur um dann im Nachhinein herauszufinden, dass es sich dabei um seine Nichte handelte, die wie eine Mondsüchtige in der Kälte dort oben kauerte und etwas in der Ferne zu beobachten schien. Ein Haus, vermutete er.
Ja, äußerst seltsam und doch hätte er es darauf beruhen lassen, wäre der zweite Besuchsversuch nicht ähnlich verlaufen. Diesmal war er später als am Tag zuvor angekommen und hatte ihr Haus düster und leer vorgefunden. Der Verdacht, wo sie sich befinden könnte, wurde bestätigt: schon wieder auf dem Dach und wieder mit Blick in die gleiche Richtung.
Er hatte nicht lange gebraucht um einen Tag später zu ahnen, wessen Haus sie da wohl beobachtete und auch dieses Wissen schmeckte nicht.
Ein Mädchen, mehr nicht, selbst wenn sie zwanzig Jahre zählte, so wirkte sie kindlicher und er wollte verdammt sein, wenn sie den gleichen Fehler beging, wie...

Allein der Gedanke an sie schmerzte.
Den Verlust eines Geschwisterherzen hatten sie gemeinsam und er hoffte durch diese Verbindung an sie herankommen zu können, als er dann doch den Weg zu ihr fand. Weit gefehlt! Nichts als Uneinsicht und Trotz. Da war sogar noch ein Ärgernis im Spiel und jenes hörte auf die Bezeichnung „Gefährte“, interessanterweise aber nicht auf „Liebster“. Der genannte Grund hierfür brachte ihn selbst jetzt noch zum Schmunzeln:
Sie sah sich als Mensch der Logik, als Mädchen ohne große Gefühle, als Vernunftmensch.
Welch gequirrlter Schwachsinn, wo sie doch allein im Gespräch mit ihm anfing ein Gefühl nach dem Nächsten offen darzulegen. Leider wohl nicht nur im Gespräch mit ihm.

„Oha. Es gibt noch jemanden, der dich zur Weißglut bringt, hm? Ein Mann...? Und du weißt anscheinend nicht, was das bedeutet. Weckt er das Chaos in dir?“
Sie hatte in angeschwiegen und so getan, als könne sie ihn nicht hören.
Taube Ohren!
Bei der Frage nach seinem Namen hatte sie ihn rauskomplimentiert und damit dafür gesorgt, dass er die Briefe geschrieben hatte. Jedem einen. Dem „Gefährten“, dem „Chaoserwecker“ und natürlich ihr. Dass er keinen Dank zu erwarten hatte, war schon klar. Mit Ohrfeigen und Tritten aber hatte er nicht gerechnet und so erfolgte der Refelex-Gegenschlag fester, als eigentlich geplant. Stolz war er darauf nicht, doch hatte er sie vorgewarnt, dass er bereit war, sie im Notfall zu züchtigen.
Fraglich nur, ob dieses Wissen oder seine anschließenden Worte irgendetwas gebracht hatten.

„Verliere dich nicht. Bleib kühl und widme dein Herz dem All-Einen.“
Die Antwort darauf war ein weiterer Schienbeintritt und ein erneuter Rausschmiss.
Diesen Abend hatte er sie in Ruhe gelassen und sich stattdessen zurückgezogen. Blessuren mussten heilen. Äußere und Innere. Ihre und seine. Er hatte die Zeit, verdammt viel Zeit.

Noch einmal betrachtete er die eigenen Beine, doch merkte er, wie sich die Mundwinkel diesmal ein wenig hoben.
Der Widerspenstigen Zähmung hatte gerade erst begonnen.

[img]http://vangor.de/hogwarts/leute/guen.jpg[/img]
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