- Name der Inszinierung: Krieg
Anzahl der Akte: Unbekannt
Autor: unbekannt
Darsteller und Statisten: Die Beseelten, Seelenlosen, mit Verstand Geplagten und die Götter selbst
Als Vorwort sei gesagt, dass die Akte und Szenen willkürlich benannt und allein aus der Sicht eines einzigen Protagonisten verfasst sind, gleichwohl zu den Szenerien sicherlich viele Sichtweisen vorhanden sein dürften. Im Grunde also handelt es sich wohl mehr um eine Art von Tagebuch, das in einen etwas zuträglicheren Rahmen verfasst sein will – allein der Nickeligkeit und der Tugenden wegen. Zum Beispiel wird der wache Sinn eher nicht diesseits vermutet, aber er soll wenigstens irgendwo gelebt werden, wenn schon nicht dort, wo diesem angeblich gefrönt wird. Ein Prosit auf das alumenische Reich, dem rechtschaffenen Glauben an die heilige Temora und ihren Tugenden, gleich welchem Kodex entsprungen. Keine Szene kann sich höher rühmen, als jene, in denen sie ihren Glauben so offensichtlich zur Farce werden lassen. Aber der Verfasser will nicht vorgreifen.
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Akt 1 – Szene 1Darsteller: Helisande Senheit, Thelor von Schwertfluren, Arenvir von Goldenfall, Lafayette, Dazen Wolfseiche
Den Umständen geschuldet, dass die Belagerung für die Alatari und ihre Verbündeten als verloren galt, blieb also eine Schlacht als geschlagen anzusehen. Des einen Leid war des anderen Freud, davon war mehr als sicher auszugehen, das Ende der Inszenierung damit aber nicht erreicht. Denn nach der Schlacht war vor der Schlacht.
Diese sollte auch ihre Fortsetzung finden, zunächst einmal auf Pergament und mittels geschriebener Worte. Gleichwohl sollte der geneigte Beobachter, Leser oder Zuschauer wissen, womit sich diese Lettern, die zwischen den verfeindeten Reichen verschickt wurden befassten:
- Der wache Sinn
Der ritterliche Mensch ergibt sich nicht dauerhaft tumben Vergnügungen oder allein der Gewalt seines starken Armes, sondern er bildet auch seine Verstandes- und Seelenkräfte durch das Anhören von klugen Balladen, durch Lektüre und Gebet aus. Unter der Priesterschaft wird der „Wache Sinn“ besonders gelebt, während die Paladine und Tempelritter naturgemäß den „Starken Arm“ betonen.
Das Duell sollte ausgetragen und gewonnen werden, ein Strauße von weißen Rosen und roten Nelken wurde überreicht und die Delegation zog um eine Person reicher wieder unbescholten ab. Vielleicht sollte an der Stelle noch erklärt werden, dass Frau Knappin und Oberstleutnant des geschätzten Regiments von Lichtenthal sich gegen den Gouverneur der Insel stellte und der Pirat ihr das Fell ein wenig gerbte, ganz verdient und gekonnt, während die geladenen Gäste dem Kampfe brav folgten und mit dem ein oder anderen Einwurf den Gouverneur gar beflügelten – oder die gesamte anwesende alumenische Bagage nervös machte durch unstetes herumwandern.
Da nun daheim befunden wurde, dass der Strauß nicht reiche, um die wahren Gefühle zu verdeutlichen, wurde Feder und Pergament gewählt und ein Brief verfasst, ganz dem wachen Sinne entsprechend in Worte gekleidet, die mehrerlei Deutung zuließ. Der Verfasser war sich indes sicher, dass die holde Maid auf der anderen Seite dies recht zu verstehen wusste. Und so verbrachte der treue Bote Lafayette die Botschaft ins alumenische Reich.
- Die schützende Pranke des Allmächtigen über Euch, Teuerste.
Es sind schon wieder ein paar Tage ins Land gestrichen, an denen wir uns nicht gesehen haben. So dachte ich mir, ich bringe mich wieder in wohlwollende Erinnerung.
Beigefügt habe ich diesem Schrieb gleichwohl eine kleine Gabe zur Lehre. Ich habe mich getraut einer eurer Tugenden anzunähern - der des wachen Sinns, gleichwohl ich feststellen musste, dass weder Malerei noch Musizieren etwas für mich ist oder gar je sein wird. Ich fürchte, das Gebet ist tatsächlich der Aspekt, der mir am nächsten ist. Vielleicht findet die Fabel ja dennoch Euer Wohlgefallen.
Es wäre mir eine über alle Maßen große Freude, Ihr könntet sogar eine Lehre daraus ziehen, so wie es bei Fabeln ja der Sinn sein soll.
Ich hoffe indes, es verläuft für Euch alles in den rechten Bahnen, dem Herrn zum Wohlgefallen. Ehrlich gesagt, bin ich ein wenig besorgt um Euch.Nicht nur wegen Eures Seelenheils, sondern auch wegen der davon getragenen Verletzung aus dem Duell.
Die Verletzung macht hoffentlich nicht zu sehr zu schaffen und die Genesung möglichst rasch voranschreiten. Nichts ist schlimmer als in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein. Das wünsche ich dem ärgsten Feind nicht.
Inzwischen verbleibe ich in stiller maßvollen Verehrung und wünsche Euch, dass dem Allmächtigem gefällt, was Er auf Euren Wegen zu sehen bekommt. Auf dass Er im Guten über Euch zu richten weiß, wenn Ihr einst vor Ihm steht.
Womit er indes nicht rechnete: Das arme Wesen musste sich gar sehr fürchten, denn es reichte die Zeilen direkt zum nächsten und so weitete sich die vermeintliche Brieffreundschaft auf zunächst eine weitere Person aus: Arenvir von Goldenfall. Erst hierdurch wurde dem armen Ritter bekannt, wer sein wahrer Vater zu sein schien, der ihm wohlwollend Ratschläge zu geben bereit war. Irritierend befand er allein den Pluralis, dachte er doch dieser sei Herzögen und Königen vorbehalten, aber was machte das schon. Es las sich fein. Doch die Bitte auf einen Termin hierzu blieb bis dahin zunächst ungehört.
- Wissen und Weisheit unter Phanodains aufmersamen Blicken, Ritter Wolfseiche.
Man kam nicht umhin, Eure letzten Ausschweifungen in Bezug auf unsere Knappin Senheit mitzubekommen. Was uns durch des Königs Begehr anvertraut, das schützen wir in Ausbildung, Rat und, so nötig, Tat.
Wir würden es sehr begrüßen, besinnet Ihr Euch darauf, kein Ritter des Reiches, sondern einer des Alatar zu sein und sähet Euch nach einem passenden Weibe unter Euresgleichen um. Solltet Ihr darob eines fachkundigen Rates bedürfen, laden wir Euch ein, Euch vertrauensvoll an uns zu wenden, auf das wir Euch beratend unterstützen.
Wir schließen diese Zeilen mit dem Wunsch Euch bis zur nächsten Schlacht wohlauf zu wissen, Euch dort vermutlich zu töten und nach Nileth Azur zu entsenden und verbleiben Euer ergebener Feind,
Oberst a.D.
Magister Magus Concilium Phoenicis
Frh. v. Goldenfall
Und Euer ständiger Albtraum, wenn Ihr diesen Unsinn nicht bald aufgebt, mein Sohn.
- Die schützende Pranke des Allmächtigen über Euch, verehrter Vater.
Ich bin etwas irritiert davon zu erfahren, dass Ihr mein Vater seid. Bislang ging ich der Annahme meine Frau Mutter sei dem Mann treu gewesen, den ich Vater nenne. Aber bei allem was ich von Euch hörte und sah, könnte der Gedanke auch wieder nicht so fern liegen, daher also mein überschäumendes Temperament manchmal.
Da Väter ja nunmal ihren Söhnen gute Ratschläge zu vergeben haben und ich gehalten bin, dank meines Glaubens, von den Älteren zu lernen, nehme ich das Angebot des Ratschlages an. Sagt mir doch einfach, wann und wo wir uns treffen sollen.
Ich hoffe in diesem Zuge, auch den tatsächlichen Beweis Eurer Behauptung zu erhalten.
In einem will ich Euch allerdings klar widersprechen. Ich hege nach wie vor keine Ambitionen dieser Art für Frau Oberstleutnant. Dass sie ebenfalls zur Knappin erwählt wurde, freut mich indes, wird sie doch nach erfolgreich absolvierter Knappschaft dann sogar das einfordern dürfen, was sie sich inniglichst wünscht.
Mein Ansinnen ist dahingehend allein nicht in Vergessenheit zu geraten und die gute Hoffnung für sie nicht aufzugeben. Ich bin mir sicher, das kann mir ohne Bang und Weh gestattet werden.
Mir ist übrigens bewusst, dass ich ein Ritter des einzig wahren Reiches bin. Wie könnte ich vergessen vor Euren Augen so gefehlt zu haben, werter Vater?
Wie stets ein Vergnügen von Euch zu hören, vor allem in der Hoffnung auf ein Treffen zu den angebotenen Ratschlägen. Ich will dabei doch sehr davon ausgehen, dass dies nicht empfindlich gestört wird durch übereifrige Regimentler. Wenn Ihr allerdings die Knappin mitbringen wollt, wäre ich höchst angetan.
Dennoch, es wurde sich zu einer Antwort schriftlicher Natur aufgerafft.
- Gegeben am 22. Ashatar 257 unter den wachsamen Blicken des Allmächtigen.
Die schützende Pranke des All-Einen über Euch, Teuerste.
Mit Bedauern muss ich feststellen, dass Euch offenbar doch der Mumm fehlt, den ich bei Euch vermutet hatte. Nun versteckt Ihr Euch schon hinter meinem Vater (zumindest bezeichnet er mich als Sohn, die Rechtmäßigkeit gehört wohl noch bewiesen). Sollte die Erwiderung von gestern etwa bedeuten, dass Ihr den alten Herren vorschickt, anstatt selbst zu tun, was Ihr ankündigtet?
Ich gebe zu, das bräche mir das Herz, da ich auf eine innige Vereinigung mit Euch hoffte. Waren die Zeichen derer noch nicht genug? Sofern es derer mehr bedarf, lasst es mich wissen und ich will bemüht sein noch unendlich viele Hinweise dergestalt zu finden, bis mein Ansinnen verstanden wird. Es liegt mir fern Duelle auszufechten euretwegen, wisset das. Immerhin zerstörte es doch Euer eigen Ansinnen, das Ihr mir mitteiltet in dem ruhigen Moment der trauten Zweisamkeit bei einem guten Kaffee, begleitet von dem leisen Plätschern der Meereswellen.
Vielleicht solltet Ihr in Erwägung ziehen unsere Privatsphäre zu wahren, meine Liebe, wenn Ihr noch auf ein gutes Gelingen hofft, auch wenn ich den Eindruck gewinne, dass Ihr dies nicht mit Eurem Gewissen vereinbaren könnt.
Nur wie soll es so möglich sein einandner endlich besser kennenzulernen?
Ich verbleibe in bester Hoffnung,
Sollte dieser auch nur ein wenig von seinem Bruder in sich haben, nun, vermutlich rollten Köpfe. Hätte er auch nur ein wenig von seinem Bruder in sich, säße er vermutlich aber nicht in Adoran, sondern in Rahal. Vertrackt, aber beizeiten sicherlich eine Überlegung wert.
- 25. Ashatar 257, Herzogtum Lichtenthal
Da Ihr so frei wart, Herr Wolfseiche, im Namen Eures Gottes zu grüßen, möchte ich Euch allen erdenkliche Schutz wünschen, den Temora für eine arme und verlorene Seele des Wahns Alatars erübrigen kann, wobei ich befürchte, dass dies nicht viel sein wird, und natürlich auch Grüße des Alumenischen Großreiches Seiner Majestät Ador Segenus Corbinian Victor der Erste von Alumenas mit Euch.
Es scheint mir so, als ob es reichlich schlecht um das Alatarische Reich bestellt ist, wenn ein Ritter des dunklen Gottes nun schon bei den Anhängern Temoras Brautschau betreiben muss. Ich vermute, wenn es so schlecht bestellt ist, wird spätestens unsere nächste Generation endlich das Pestgeschwür Rahal vom Antlitz Gerimors vertreiben können und somit endlich dem Land den Frieden ermöglichen, nachdem es sich seit Jahrhunderten sehnt.
Um euren männlichen Gelüsten Einhalt zu gebieten, so sie Euer Antrieb sein mögen, um einer Knappin des Reiches und Offizierin Lichtenthals nachzustellen, sollte ich Euch warnen, denn sollten Eure Nachstellungen, Bemühungen und Bekehrungsversuche nicht aufhören, wird man zum Schutz der Knappin, ihres Ansehen und Rufes, etwaige Maßnahmen Eurer Person gegenüber treffen.
Und ich versichere Euch, dies werden einschneidende Maßnahmen sein, die nicht unbedingt sie betreffen. Solltet Ihr vorhaben, Euch Eurer Gelüste gar ganz zu ergeben, kenne ich einen netten Balken am Eingang des Ortes Bajards, an dem man Euch zur Schaustellung Eurer Wollust auch an dem männlichen Gehänge genagelt, zur Zierde des Dorfes ausstellen kann.
Ich hoffe deutlich genug geworden zu sein, auf dass Ihr Euren Jagdtrieb im Alatarischen Reiche auslebt, ansonsten betet zu Eurem Gott, dass Ihr mir gewachsen seid, wenn man sich begegnet.
Kronritter seiner Majestät Ador dem Ersten
- Gegeben am 25. Ashatar 257, Berchgard
Temoras ewiges, gleißendes Licht mit Euch, Ritter Wolfseiche.
Ich hoffe, Ihr seid davon allzu geblendet, denn Eure Anwandlungen mir gegenüber lassen nur den Schluss zu. Wisset und nehmt für Euch an, dass ich keinen Herren vorschicken muss, um meinen Hof zu bestellen und meine Arbeit zu erledigen. Eine dieser Arbeiten seid Ihr, keine die mir unendliches Entzücken bereitet oder mich vor Freude erblühen lässt, aber immerhin im Glanze des ewigen, wahren Lichtes eine Arbeit, die zu erledigen ist.
Treu als Dienerin des Reiches, Offizierin und Knappin, pflege ich die mir übertragenen oder die von mir übernommenen Aufgaben getreulich auszuführen bis zu ihrem Abschluss. In Eurem speziellen Fall ein bitterer Abschluss – für Eure Person.
Versucht nicht in diese Zeilen irgendeinen Zweifel herauszulesen oder entfernt an Euch angelehnte Zärtlichkeit. Ihr seid ein Ritter Alatars und ich werde Euch töten.
Nicht heute.
Nicht morgen.
Dennoch wird mein Gesicht das Letzte sein, welches Ihr seht, bevor Ihr Euren vergifteten Geist aushaucht.
Der Ruf tötet den Mann. Die Frau ist der Ruf. Ich bin für Euch diese Frau.
Schneidet Euch bitte nicht an diesem Pergament, es ist scharfkantig.
Ich freue mich schon auf ein erneutes Zusammentreffen mit Euch. Vor allem auf den Moment, an dem meine Klinge Euch trifft.
Temora beschützt. Ehre Reich und Krone.
Zu sehr war der Ritter betroffen, wie wenig dem wachen Sinne gefolgt wurde auf der anderen Seite, so dass er wahrlich die rechten Worte suchte, um seiner Empörung und seinem Bedauern darüber Ausdruck zu verleihen. Gleichwohl wollte er es sich nicht nehmen lassen, genau darauf zu verweisen und auf die Verrohung hinzudeuten, davor zu warnen – denn der Feind soll ja respektiert sein und werden. Nur schmälert es den Respekt, das Ernstnehmen des Gegenübers, wenn… ja, wenn… dieser sich mit gehaltvoller Niveaulosigkeit parfümiert.
Bedauerlich, aber die Antworten sollten noch auf sich warten lassen, vielleicht schon so lange, dass die geneigten Verfasser der Schmähungen davon ausgingen, der Ritter gäbe klein bei und kneife selbiges ein, das dem Balken Bajards versprochen wurde.
- Das Theater ist die Schule des Weinens und des Lachens.
Federico Garcia Lorca