Von Füchsen und Seeräubern

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Gast

Von Füchsen und Seeräubern

Beitrag von Gast »

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Ich komme wieder zu mir, als die prasselnden Funken auf mich herabregnen und die Hitze unerträglich wird. Das irrsinnig laute, panische Geschrei von Hühnern zerfetzt mir beinahe das Trommelfell und ich drücke mich vom Boden auf, taumle schwach und verwirrt aus dem grob gezimmerten Verschlag, der bereits einzustürzen droht. Kalter Regen schüttet in Strömen auf mich herab - allerdings nicht einmal ansatzweise stark genug, um den hochzüngelnden Flammen Einhalt zu gebieten, die den Hühnerstall samt Federvieh vor meinen Augen verschlingen. Nur entfernt dringt das Gebrüll menschlicher Stimmen an meine Ohren und ich überlege für einen Moment, was ich hier überhaupt mache. Doch noch bevor ich von selbst darauf komme sehe ich ihn bereits. Er sitzt lauernd in den brennenden Trümmern und verzieht das Maul zu einem widernatürlichen Grinsen. Er grinst mich an, dieser verdammte Bastard. Ich nehme all meine Kraft zusammen, wühle im nassen Gras nach einem Stein und werfe ihn nach ihm - natürlich treffe ich nicht.
Ich würde es gern noch einmal versuchen, doch da packt mich bereits unsanft eine schwielige Hand an den Schultern und reisst mich herum. Ich erkenne das grobschlächtige Gesicht mit der Hasenscharte sofort. Vor kaum einem Wochenlauf habe ich es schon einmal gesehen - da hatte ich noch behauptet, ich wüsste nicht wer das Feuer gelegt hat und sei nur zufällig mitten in der Nacht zugegen gewesen. Schon da klang meine Ausrede mehr als zweifelhaft, doch üblicherweise traut niemand einem nicht einmal dreizehnjährigen Mädchen zu, wahllos Hühnerställe niederzubrennen. Nun jedoch sehe ich sich ausbreitendes Entsetzen in dem zerfurchten, hässlichen Gesicht, als der Kerl realisiert, dass es tatsächlich kein anderer als ich gewesen sein muss, der seit etwa einem Mond sämtliche Bauern um den Verstand und ihr Federvieh bringt.
"Du..." presst seine tiefe, bassige Stimme hervor und augenblicklich spüre ich wie sich mir die Kehle zuschnürt. Der Fuchs hatte mir versprochen, dass sie mich nicht erwischen werden - er hat wieder einmal gelogen. Mit einem verzweifelten Ruck befreie ich mich aus dem Griff der Hand, die meine Schulter inzwischen zu zerquetschen droht, und renne kopflos in die Dunkelheit. Wenn ich es bis zum Wald schaffe, kann ich sie vielleicht abhängen. Doch ich schaffe es nicht einmal bis zum Dorfausgang. Es haben sich längst Menschengruppen gebildet, die mit Wassereimern versuchen, das Feuer zu löschen, welches bereits auf die umliegenden Hütten übergreift, und jeder gottverdammte Mensch im Dorf ist auf den Beinen. Natürlich...
Man fängt mich ab noch bevor ich zehn Schritte geschafft habe und ich höre mich selbst in Panik schreien.
"Ich wollt's doch nicht tun! Er hat mich gezwungen, der verdammte Fuchs folgt mir überallhin, ich hab's wirklich nicht tun wollen! Er hat gesagt, wenn ich's mach, dann lässt er mich in Ruhe und..."
Ein gut gezielter Schlag in meine Magengrube lässt mich verstummen und nach Luft ringend zu Boden gehen. Scheinbar habe ich in meiner Verzweiflung zu kratzen und zu treten angefangen - einer meiner Häscher presst sich beide Hände in den Schritt, ein anderer flucht leise und wischt sich Blut von der Wange. Angst jedoch macht mir der Dritte, denn der sagt:
"Das Mädchen ist irre. Ludgar, bind' ihr die Hände fest - morgen bring'n wir sie in die Stadt."
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der Fuchs, einem Schatten gleich, mit eingezogener Rute an mir vorbei aus dem Dorf trottet.
Und noch bevor ich anfangen kann ihn aus tiefstem Herzen zu hassen höre ich seine weiche, freundliche Stimme in meinem Kopf.
Das tut mir leid... Wir kriegen das schon wieder hin.

Und dann wache ich auf.
Mein Kopf schmerzt, jeder Knochen tut mir weh, mein Herz rast und erst, als ich den Blick zur Seite wende und in Sebastianos Gesicht blicke kann ich einen tiefen Atemzug nehmen und den Traum für einen Moment verdrängen. Draußen ist es noch dunkel, aber die Inselvögel beginnen bereits ihr morgendliches Konzert und ich beschließe, mich nicht dem Risiko eines zweiten Alptraumes auszusetzen, sondern aufzustehen und mich nützlich zu machen. Da ich seit zwei Tagen im Besitz zweier Gäule bin, die ich in einem frauentypischen Anflug von Kaufrausch auf dem Festland erstanden habe, führt mich mein erster Weg direkt hinaus in den zwar warmen, doch monsunartigen Regen und für einen Moment halte ich inne - ein Moment, lang genug um mein Nachthemd und mich bis auf die Knochen zu durchnässen - und realisiere, dass mein Lebensweg mich letzten Endes an einen überaus angenehmen Punkt geführt hat.
Ausschlaggebendstes Argument ist zweifelsohne Sebastiano, doch auch die anderen Menschen, die ich in kürzester Zeit kennengelernt habe, machen einiges an schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit wieder gut. In Gedanken versunken füttere ich die Gäule, dann drehe ich mich herum und sehe zur Treppe. Da sitzt er, das gewohnte, spitzbübische Grinsen auf dem Fuchsgesicht.
Ich habe dir doch gesagt, dass wir Freunde sind und alles gut wird!
Ich ziehe die Mundwinkel herab und gehe mit erhobener Nase an ihm vorbei. "Bild' dir nicht zuviel darauf ein. Mir könnte es besser gehen!", lasse ich ihn abblitzen und verschwinde wieder ins warme Trocken des Hauses.
Gast

Beitrag von Gast »

Das silbrige Mondlicht beschien die schwarzen Planken der Toro de Muerte, allein unterbrochen von dem monsunartigen Regen, der die Insel und seine Bewohner seit unzähligen Wochen heimsuchte. Strähnig klebten uns die nassen Haare auf der Stirn, tropfte uns der Regen von den Nasenspitzen und für einen Moment lang versuchte ich, meinen Gedankenfluss zu stoppen und mich allein auf die gespenstische Stille zu konzentrieren, die zwischen uns - Sebastiano und mir - und dem Kapitän lag. Wir hatten unser Anliegen, das zugegebenermaßen vielmehr das meine war, ohne das Wissen der anderen vorgetragen und das recht spontan. Zu spontan vielleicht, denn Felipe musterte uns eine ganze Weile lang schweigend und mit zusammen gekniffenen Augen. Es war nicht schwer zu erahnen, dass er gerade lieber friedlich in der Kapitänskajüte geschlafen hätte anstatt uns mitten in der Nacht zu vermählen - aber was eilte, das eilte eben. Ich kann im Nachhinein nicht einmal sagen, warum ich genau diese Nacht gewählt hatte. Es war einfach ein Gefühl, das mich dazu drängte und nicht ablassen wollte. Vielleicht hatte es mit der Belagerung Schwingensteins zutun - damit, dass mir die eigene Sterblichkeit und die der anderen besonders bewusst wurde. Vielleicht wollte ich, für den Fall der Fälle, einfach das getan haben, was mir derzeit wichtig erschien.
Ich hielt Sebastianos Hand so fest umklammert, dass es unangenehm werden musste - ich bemerkte es erst, als er mir einen fragenden Seitenblick zuwarf. Die Zeremonie verlief schmucklos und praktisch, so, wie ich es mochte. Weder Sebastiano noch ich waren als hoffnungslose Romantiker bekannt und am wenigsten wollten wir, dass die Vermählung mit Fest und Tamtam vonstatten ging. Ich liebte ihn und es reichte mir, wenn er das wusste - die größten Hochzeiten scheiterten oft schon nach ein paar Monden an den albernsten Kleinigkeiten. Während wir nebeneinander vor dem Kapitän standen und die Worte wiederholten, die schon oft gesagt und doch nur selten eingehalten wurden, sah ich den Fuchs grinsend und mit leuchtenden Augen auf dem Achterdeck sitzen. Der Regen schien ihn nicht einmal zu berühren - sein Fell war schmutziggrau und struppig wie immer. Ich ignorierte ihn so gut ich konnte und konzentrierte mich auf das, was wichtig war. Meinen Mann.
Unweigerlich musste ich bei dem Gedanken schmunzeln, dass ich ihn von nun an so nennen konnte. Wir küssten uns vor Felipe - nicht so leidenschaftlich und stürmisch wie daheim, ein eher symbolischer Akt.
"'Nd wenn ich in' paar Woch'n hör', dass ihr mich umsonst mitten in der Nacht aus'm Schlaf gerissen habt schwör' ich euch bei allen Höllen 's ich euch persönlich in's Meer schmeiße!" Das waren offenbar des Kapitäns persönliche Glückwünsche an uns. Ich verkniff mir ein Grinsen, salutierte und blickte Sebastiano an. Wie immer konnte ich nicht genau sagen, was in ihm vorging - ein Umstand, der es immer wieder interessant machte. Vorhersehbarkeit war in Ordnung. Unvorhersehbarkeit war besser. Gemeinsam verließen wir das Schiff als Mann und Frau in einem Beiboot. Auf La Cabeza trennten sich unsere Wege für diese Nacht - kein leidenschaftliches Gewühle in warmen Fellen, keine Liebesschwüre die Nacht hindurch. Das Lager in Markweih verlangte seine Anwesenheit und auch ich wollte mich vorbereiten, um für die kommende Schlacht vorbereitet zu sein. Doch aller sentimentaler Gefühle zum Trotz blickte ich dem Schiff nach, bis es im Schleier des Regens und der nächtlichen Finsternis verschwand.
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