Wo der Horizont das Meer küsst

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Gast

Wo der Horizont das Meer küsst

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      • "Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin,
        • wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur."
    • [img]http://24.media.tumblr.com/d0b61749061299d2375f5e9079f63d7a/tumblr_n1d32iX8yD1s6p72oo1_500.jpg[/img]
MenekUr. Wahrlich, bei meiner Ankunft vor vielen Wochen war das Familienhaus leer. Alarash hatte sich meiner Person angenommen und mir das Meiste gezeigt. Aadish wuselte immer wieder durch den Innenhof. Aber viel mehr war nicht zu sehen. Ich hörte von vielen, gesehen hatte ich sie jedoch nie.

Meine Wege führten mich also wieder für ein paar Tage in die Wüste. Dort konnte ich meinem Geist freien Lauf lassen und mich inspirieren lassen von dem warmen Sand und dem rauschenden Meer. Meine Rückkehr hingegen war überraschender. Ich hatte mich gerade im Gras nieder gelassen und zu meinem Schellenkranz gegriffen, als es an der Tür klingelte. Cihan aus dem Hause Yazir suchte nach einem meiner Cousins. Natürlich musste ich mich als kompetent genug erweisen und versprach, Baschar etwas auszurichten. Aber wer bei Eluive war Baschar? Ein Cousin, so viel stand fest. Und Aaminah sollte ich auch etwas ausrichten. Aaminah..

Nachdem Cihan wieder kehrt machte, füllte sich das Haus. Zunächst war es Aaminah, die ich nun kennenlernen durfte. Sofort gingen wir in den Wohnraum und sie kochte köstlichen Tee. Wir hatten es uns gerade bequem gemacht, da klingelte es erneut. Gemeinsam hatten wir uns auf den Weg zur Tür gemacht, aber es war niemand mehr dort. Für einen kurzen Moment stand die Überlegung im Raum, ob wir wieder zu Tisch gehen sollten oder ob wir verharrten, vielleicht würde der heimliche Klingler ja noch einmal zurückkehren. Gerade, als wir beschlossen hatten, zu Tisch zurück zu gehen, stand doch wieder ein Menekaner vor der Tür. Wir öffneten die Tore. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um einen weiteren Cousin, Nadim, handelte. Wir hießen ihn Willkommen.

Und scheinbar hatte er eine komplette Invasion losgetreten. Auf einmal waren da Machmuth, Baschar, Wahid. Ganz anders als zuvor war im Viertel der Ifrey wieder Leben. Und es war schön. Es tat gut, zuhause zu sein. Im Kreise meiner Familie konnte ich ich selbst sein. Auch Cihan war wieder zu uns gestoßen, der sich im Hause der Ifrey nun als gern gesehener Gast bewirten lassen durfte.

Es tat gut, wieder zuhause zu sein. Und dieses Mal fühlte es sich auch wie "Zuhause" an. Ich lächelte, bis ich schließlich spät in der Nacht irgendwann einschlief.
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 4. Mai 2014, 20:08, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

      • » Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues
        • zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen. «

    • [img]http://24.media.tumblr.com/tumblr_lx74x418Bc1r7yssjo1_500.jpg[/img]
Es war der zweite Tag in Folge, an dem es im Familienviertel brannte. Also kein Feuer, das nicht. Aber es war ein Kommen und ein Gehen. Eine weitere Cousine hatte den Weg zu ihnen gefunden. Sie war, hm, anders. Nett, aber anders. Während die meisten Natifahs daran interessiert waren, schöne Kleider zu tragen, war sie es, die sich nach Hosen sehnte. Und auch das Kochen war ihr nicht ganz so geheuer. Ich führte sie umher und zeigte ihr alles, was sie wissen musste. Drückte ihr auch saubere Kleidung in Form von Kleidern in die Hand. Auf kurz oder lang würde sie sich daran gewöhnen.

Auch Cihan tauchte an diesem Tag wieder auf. Zwei Mal in Folge. Oder war er sogar drei Mal bei uns? Neda, zwei mal. Einmal, um zu fragen, ob jemand mit zum Blutdämonen möchte. Ein weiteres Mal spät abends auf der Suche nach einem Mocca. Er und Fahd begleiteten uns dann in die Schneiderei, da sich Aaminah uns gerade angenommen hatte. Samira bekam endlich ihre Rüstung. Und ich ebenso meine. Und.. viele Kleider. Ich hatte keine Ahnung, wie lange sie dort noch gesessen waren. Ich verabschiedete mich irgendwann und ging zu Bett. Ich war müde, immerhin war ich den ganzen Tag auf den Füßen.

Dass ich nicht schlafen konnte, hatte mit Sicherheit auch seinen Grund. War der Tag zu aufreibend? Oder hatte es andere Gründe? Vielleicht war ich schlicht und ergreifend viel zu müde. Das Gespräch mit Fahd beschäftigte mich auch noch. Er hatte noch kurz mitbekommen, wie ich auf meinen Schellenkränzen herumklimperte und er freute sich, dass es eine Natifah gebe, die sich um genau das kümmerte. Das, was eine Natifah eigentlich zu tun hatte. Er sagte mir, es sei eine wunderbare und ehrenvolle Aufgabe. Ich sah meinen Nutzen momentan noch nicht. Ich war keine gute Einnahmequelle für die Familie, ganz im Gegenteil. Nunja, die Zeit würde es zeigen. Musik war etwas, was mir Kraft gab. Und dennoch hatte ich zu so großen Teilen riesigen Respekt davor. Es war ein Drahtseilakt, den ich stemmen musste.
Gast

Beitrag von Gast »

      • "Wer, außer dir, hat die Macht, über dein Schicksal zu entscheiden?
          • Wem vertraust du mehr als dir selbst?"
    • [img]http://24.media.tumblr.com/11cb7904f27eae07b2acd413d25c6eb3/tumblr_n0ow9ckR8l1s6p72oo1_500.jpg[/img]
Nadim hatte mich zum Nachdenken gebracht. Keine Frage, ich mochte meinen Cousin sehr. Er war herzlich, er war offen und er war vielleicht auch nicht ganz so streng, wie andere. Für manch einen lockeren Satz, der mir von der Lippe ging, hätte ich bei anderen schon eine Strafe bekommen. Aber nicht be ihm. Dennoch, für den Rest des Tages hasste ich ihn dafür, dass er mich zum Nachdenken brachte. Und das nur durch die Frage, was ein Mann haben müsste, um mich zu beeindrucken. Eigentlich hatte ich mir den Schlamassel selbst eingebrockt.

Also, was musste er haben? Die Frage ließ sich nicht leicht beantworten. Traditionell musste er sein und er musste wissen, wie er mit einer Natifah umzugehen hatte. Ichwollte nicht an solch einen wandelnden sandigen Mistkäfer laufen, der nicht wusste, wie er mich zu behandeln hatte und mich nur herumschubste. Ich glaube, ich wollte verzaubert werden. Auf eine ganz eigenartige Art und Weise. Es würde einfach alles passen müssen. Immerhin würde der Mann an meiner Seite ja auch eine, wie nannten es meine Cousins, wahre Natifah bekommen. Ich musste leise lachen. Ich würde die Antwort der Frage noch aufheben, bis ich mir selbst darüber im Klaren war, wie ich sie zu beantworten hatte.

Es war bereits dunkel geworden, als ich mich aus dem Familienviertel schlich. Ich konnte mich hier nicht mehr konzentrieren und wollte noch eine kleine Geschichte zutage bringen. Ich entschied für mich, die Taverne aufzusuchen. Ein Ort der Ruhe und der Phantasie. Dort angekommen stellte ich schnell fest, dass ich nicht allein war. Entweder wollte mich die Göttin ärgern, oder aber sie meinte es außerordentlich gut mit mir, denn ich lief Abbas erneut in die Hände. Ich wollte ihn eigentlich gar nicht stören, doch er bat mich darum, Platz zu nehmen. Ruhe vor dem Palastalltag. Konnte es im Palast so nervenaufreibend sein? Als Natifah wohl kaum, als Mann und dazu als einer der obersten Männer des Reiches? Vermutlich. Ich hatte mit so Männerkram nicht viel am Hut. Ich war Natifah und meistens war ich auch recht glücklich über diesen Zustand. Wir fanden recht schnell ein Thema, zu dem wir vielleicht sehr unterschiedliche Ansichten hatten: Sklaverei. Ich gab zu, dass ich vermutlich viel zu einfühlsam und zu lieb wäre, um mich mit einer Sklavin ausführlich zu beschäftigen. Aber das Volk schien sich hier in zwei Grüppchen zu teilen. Die Einen fanden es gut, die anderen weniger. Ich gehörte momentan eher zu denen, die es weniger gutheißen konnten und wollten.
Die Zeit mit Abbas schritt schnell voran. Er fragte mich, weswegen ich hier in die Taverne gekommen war und ich deutete auf mein Buch. Ich wollte schreiben, ein paar Zeilen. Wohl wurde dadurch die Neugier geweckt und ich erzählte ihm kurz, worum es in dem kleinen Werk gehen sollte. Natürlich fragte er, ob man dem Werk irgendwann einmal lauschen könne. Und wie jedes Mal erwischte er mich eiskalt. Vermutlich könnte man das, wenn es perfektioniert war und ich mit meinem Geschriebenen zufrieden war. Ich erklärte ihm erneut, dass ich mein schwierigster Kritiker war. Er fand daraufhin selbstverständlich die passenden Worte. Er war aufmerksam, das musste man ihm lassen. Wenn er Glück hatte, oder wahlweise, wenn er mich darum beten würde, würde ich ihm eine der Kostproben meines neuen Werkes zukommen lassen. Er schätzte meine Ehrlichkeit, so viel war sicher. Ich musste schmunzeln. Natürlich, wer würde ihm nicht sagen, dass er ein gern gesehener Gast war. Das allein trug sein Name mit sich. Dennoch war es nicht nur sein Name, der ihn zum gern gesehenen Gast machte. Ich hatte gerne Gäste zuhause.

Ich wollte gerade ansetzen zu sagen, dass ich langsam aber wieder nach Hause musste, ehe noch jemand bemerken würde, dass ich nicht da war. Bei meinem Glück vermutlich am ehesten Aaminah. Allerdings kam er mir zuvor, was mich schmunzeln ließ. Ich wollte allein aufbrechen, doch er bestand darauf, mich in seinem Schutze zu begleiten. Wer wäre ich gewesen, wenn ich das abgelehnt hätte, zumal er mit hoher Sicherheit keine Widerworte duldete. Wir verabschiedeten uns und ich ging ins Haus. Und auch ziemlich schnell zurück in mein Bett. Was für ein Tag. Was für ein Tag...
Gast

Beitrag von Gast »

      • » Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur
        • wenn man es für möglich befindet. «
    • [img]http://37.media.tumblr.com/ccf55c0defe326e20405675c1d993bc5/tumblr_mhrytlFrwY1rnuf9ho1_500.jpg[/img]
Ich legte den Stift beiseite und schlief erstmal. Nach dem Aufwachen konnte es weitergehen. Ich hatte viele Stunden Schlaf gefunden, irgendwie war ich nach dem gestrigen Abend wirklich zufrieden in mein Bett gegangen. So kam es auch, dass ich mich an diesem Morgen äußerst gut fühlte. Ich setzte mich unter den Pavillon auf dem Dach und schrieb weiter. Ich hatte ihm eine Geschichte versprochen, also sollte er eine Geschichte bekommen. Es war interessant zu sehen, wie allein diese Tatsache mich dazu anspornte, wirklich eine Geschichte zusammen zu bekommen, von der ich selbst überzeugt war. Ich war gerade fertig geworden und hatte ein weiteres Pergament geholt, um einen Brief aufzusetzen, als es an der Türe klingelte. Schnell schob ich das Buch in meine Tasche und eilte quer durch das Haus zu den Toren zum Familienhaus.

Wie es der Zufall wollte, stand Abbas vor der Tür. Bedauerlich, dass ich ihm schon wieder sagen musste, dass er wieder kein Glück hatte. Wahid war nicht da. Wieder einmal. Ich wollte weitersprechen, als Abbas hingegen meinte, er wäre dieses Mal nicht wegen Wahid hier. Sondern wegen mir. Er wollte sich erkundigen, ob es noch irgendwelche Komplikationen gegeben hatte, weil ich so lange fort war am gestrigen Abend. Ich bat ihn herein, schließlich wollte ich ursprünglich eh einen Brief an ihn schreiben und ihm überbringen lassen. Also konnte man so beides miteinander verbinden. Seine Fürsorge und meine kleine Aufmerksamkeit. Ich mochte es, anderen kleine Aufmerksamkeiten zu unterbreiten. Bevor er sich setzen konnte, schüttelte ich die Kissen ein wenig auf und entfernte die angesammelten Flusen. Er nahm Platz und ich verschwand zunächst in der Küche, um einen Mocca vorzubereiten. Ich hatte mir gemerkt, dass er gerne Abwechslung hatte, wenn man ihm Mocca servierte. Und bisher hatte er hier noch nie den gleichen Mocca bekommen. Ich brachte den Mocca wie auch ein Glas Wasser zum Mocca für Abbas und ein Glas Wasser für mich zum Tisch und setzte mich. Da er ein äußerst intelligenter Mann war, konnte er sich recht schnell denken, weswegen ich ihm einen Brief hatte zukommen lassen. Und so führte es dazu, dass ich ihm das Buch präsentierte. Und ihm im Anschluss darauf vorlas. Ich mochte es zu lesen und ich legte all meine Freude und meine Emotion in den Tonfall. Natürlich spürte ich, dass er mich ständig ansah. Und auf einer Weise schmeichelte das auch, es gab genügend Zuhörer, die ihre Augen schlossen oder vor sich auf den Tisch starrten. Nachdem ich fertig war, überreichte ich ihm das Buch. Er hatte mir indirekt beim Schreiben geholfen, also sollte er mein erstes Werk erhalten.

Wenig später kam Nadim dazu und war meines Erachtens doch recht erstaunt, dass Abbas hier war. Nadim wäre nicht Nadim gewesen, hätte er nicht wieder irgendetwas gemacht, was mich innerlich den Kopf schütteln ließ. Er verschwand jedoch schnell wieder, um sich erst einmal angemessen zu kleiden. Währenddessen unterhielt ich mich mit Abbas weiter. Er bedankte sich auch nochmal für das Werk. Es war schon verblüffend, dass er es geschafft hatte, mir meine Musik zu entlocken. Und nun auch noch eine Geschichte. Schaffte ich es tatsächlich, meine Ängste und Schatten zu überwinden?

Als Nadim wieder kam, fand sich das Gespräch auch recht schnell wieder auf meinen Künsten ein. Nadim fragte, ob man denn nun endlich einmal eine Kostprobe davon vernehmen könne und ich erklärte ihm, dass er ein paar Momente zu spät gekommen war, ich hatte eben schon Abbas etwas vorgelesen. Es half aber nichts, Abbas gab mir das Buch zurück und ich las erneut. Zuvor brachte ich beiden einen Mocca. Nadim bekam einen gesüßten Mocca, Abbas dieses mal einen mit leichtem Bananen-Dattel-Geschmack. Ich hörte, wie ein paar Mal mein Name fiel, als ich in der Küche war. Ich wollte gar nicht wissen, über was genau sie sprachen und brachte den Mocca an den Tisch. Im Anschluss daran begann ich mit dem Lesen. Wieder klebten beide förmlich an meinen Lippen und es erfüllte mich mit Stolz. Ich mochte die Geschichte, in ihr lag so viel Wahres. Auch, wenn ich davon vermutlich nur oberflächlich eine Ahnung hatte. Nach dem Lesen gab ich Abbas das Buch zurück und wir sprachen über die anstehende Hochzeit für den Abend. Abbas fragte, ob wir dort wären und ich meinte, ich würde zu späterer Stunde noch vorbei sehen. Irgendwie hatte ich innerlich die Hoffnung, ihn an diesem Abend dort anzutreffen.
Ich wurde aus meiner Hoffnung gerissen, als es an der Tür klingelte. Nicht einmal, neda. Ein paar Mal mehr. Samira war mittlerweile auch zu uns an den Tisch gekommen und saß mit in der Runde. Ich keuchte. „Das kann nur Cihan sein, da könnte ich wetten.“
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass irgendwer auf die Idee kommen würde, mit mir hier eine Wette einzugehen. Aber dem war nicht so. Abbas tat es. Er wettete mit mir. Wenn ich verlieren würde und es wäre nicht Cihan, müsste ich ihm erneut einen Tanz zeigen. Namid wurde bei den Worten recht hellhörig. Ich fragte, was sein Einsatz wäre und er erwiderte, ich könne ihn mir aussuchen. Im Schwall der Euphorie erwiderte ich, dass ich, falls ich gewinnen sollte und ich wusste eigentlich, dass ich gewinnen würde, ihm das Tanzen beibringen würde oder zumindest mit ihm tanzen würde, um seine Tanzkünste zu erproben. Immerhin meinte er, er könne ja auch ein hervorragender Tänzer sein. Es dauerte nicht lange, da stand Cihan vor uns. Und ich brach in quietschendem Lachen aus. Ich hatte meine Wette gewonnen, musste allerdings vorher noch mit Machmuth sprechen, ob ich diesen Wetteinsatz auch einfordern durfte. Wir kamen leider nicht allzu lange dazu, über das Thema noch zu sprechen, da Abbas aufbrechen wollte. Ich begleitete ihn noch zur Tür. Wir verabschiedeten uns und ich entschuldigte mich noch einmal dafür, dass ich ihn in die Situation mit der Wette gebracht hatte. Aber er schmunzelte nur, er hätte ja nicht wetten müssen. Wir kamen noch einmal auf die Hochzeit zu sprechen und er meinte, dass wir uns dann heute Abend vermutlich noch einmal sehen würden. Ansonsten würde sein Wetteinsatz ihn dazu bringen, mich noch einmal hier zu besuchen. „Ich freue mich schon.“, kam über meine Lippen und ich zog die Stirn kraus. Was redete ich denn da? Ich korrigierte den Satz so, dass es für die Familie allgemein sprach und blinzelte verwirrt. Er schmunzelte wieder und verabschiedete sich endgültig. Und so brach er auf und ich stand da mit der gestiegenen Hoffnung, dass wir uns am Abend auf der Feier wiedersehen würden. Ich blieb in der Türe stehen und wartete, bis er verschwunden war. Das Lächeln blieb auf meinen Zügen, er drehte sich noch einmal zu mir um, schmunzelte und ging weiter.

Ich ging langsam durch den Kopf zurück und fasste mir an die Stirn. 'Was sagst du denn da, Laila?' Für einen Moment verstand ich die Welt nicht mehr und ich war verwirrt. Sehr verwirrt. Irgendwas lag mir schwer im Magen, vielleicht hatte ich auch einfach zu viel Wasser getrunken. Als ich wieder zurück kam, ging ich erst einmal in die Küche und stand vor dem Wasserbecken. Meine Wangen glühten und mir war heiß. Also, anders heiß als sonst. Ich wurde bestimmt krank. Ich nahm mir ein Glas und füllte Wasser ein. Nadim und Cihan sprachen schon angeregt, als ich hereingekommen war. Das Thema, welches sie hatten, erfreute mich nicht unbedingt. Hochzeiten, Umwerben. Cihan meinte nur, er wüsste gar nicht, warum sich Natifahs so anstellen würden, wenn sie umworben werden. Ich wollte für einen Moment gar nicht wirklich zuhören, vielleicht, weil mir schlecht war und sich mein Magen ganz merkwürdig zusammen zog. Ich musste wirklich krank werden. Irgendwann verabschiedete sich auch Cihan und alle gingen ihre eigenen Wege.

Erst am Abend trafen wir nach und nach wieder aufeinander. Aaminah und ich hatten Samira in Kleider gesteckt und waren mit ihr dann zu der Hochzeit gegangen. Als wir kamen, waren sehr viele schon in Aufbruchstimmung. Ich empfand es als schade, ich hätte gerne mehr von ihnen intensiver kennengelernt. Aber es würde sich die eine oder andere Möglichkeit sicherlich noch ergeben. So saßen wir am Tisch, Aaminah, Samira, ich. Nadim kam auch noch dazu und Nahlah war die einzige der Bashir, die noch ein wenig länger geblieben war. Aaminah war fleißig dabei, den Alkohol zu verteilen. Immer wieder schlich sich mein Blick zum Eingang vom Zelt. Und immer weiter der Abend fortschritt, desto unangenehmer wurde das Gefühl in meinem Bauch. Gegen Ende hin verlagerten wir die Feier dann in das Haus der Ifrey. Wobei, genau genommen waren es nur noch die Ifrey, die das Brautpaar bis spät in die Nacht feierten. Ich wollte am Festplatz noch einen Moment für mich haben und zückte dann einen Zettel, um darauf zu vermerken, dass wir im Familienhaus feierten. Vielleicht würde der eine oder andere ja doch noch feiern wollen und war dann froh, eine Anlaufstelle zu haben.

Aber auch die Zeit zuhause schritt voran. Mir war im Grunde für den Abend schon egal, was zuhause noch alles passierte. Samira hatte wohl irgendwie den Bogen überspannt, ich hatte das alles gar nicht so wirklich mitbekommen. Ich bekam nur wieder mit, dass die Diskussion wieder irgendwie auf Abbas kam und ich verstand mal wieder den Sinn dahinter nicht. Samiras Worte waren vielleicht am Ende hin lieb gemeint, aber ich wollte von all dem nichts mehr wissen. Ich ging zu den Fenster, streunte durch den Innenhof zum Tor und entschloss mich dann dazu, mir ein paar Flaschen Wein mitzunehmen, um auf dem Dach ein wenig zur Ruhe zu kommen. Ich brauchte einfach ein paar Minuten für mich, um den Abend auf mich wirken zu lassen. Und den Tag allgemein. Der restliche Abend verlief dann trotz meiner unguten Stimmung doch noch recht lustig. Bis wir endlich schlafen waren, hatten wir noch so viel zu lachen. Angetüdelte Natifahs, die gegen Säulen und Wände rannten, Nadim, der gegen seine Zimmertür knallte und mich aus dem Schlaf riss. Ich brüllte nur quer durch das Viertel, dass Einbrecher hier waren. Und schon war wieder Tumult. Nadim und Baschar durchsuchten das ganze Viertel. Aber es war niemand zu finden. Natürlich, wie auch, wenn es Nadim war, der den ganzen Lärm verursacht hatte. Aber irgendwann war auch im Viertel der Ifrey Ruhe eingekehrt und alle schliefen. Außer mir. Ich starrte an die Decke und konnte kein Auge zumachen. Bis ich irgendwann so müde war, dass mir einfach die Augen zufielen.
        • [img]http://www.fotos-hochladen.net/uploads/unbenanntzedmfgxuol.jpg[/img]
Gast

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      • "Der Weg ist es, der uns glücklich macht, nicht das Ziel."
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Es tat unglaublich gut, ihn zu sehen. Irgendwie war auch all mein Groll, den ich gestern Abend noch gegen ihn hegte, hinfort. Da war dieser Moment, in dem ich mir sicher war, dass er nicht nur kam, um zu hören, wie die Hochzeit war. Da war dieser Moment, in dem ich hoffte, dass er nur wegen mir hier war. Der Moment, der mein Herz ein klein wenig höher schlagen ließ. Und der nächste Moment, an dem ich ihn wieder lächeln sah. Es war mir egal, ob ich mir da etwas einbildete oder nicht. Es war mir auch egal, ob ich mich da in etwas verrannte. Und umso bewusster ich mir dessen wurde, desto schwieriger war der Umgang mit ihm für mich. Und im gleichen Moment war der Gedanke hinfort, weil er mich wieder aus meinem kleinen, bescheidenen Eck locken konnte.



Kurz zuvor in der Küche der Ifreys:

„Ich glaube, ich werde krank.“
Ich hatte tatsächlich das Gefühl, krank zu werden. Ich hatte Kopfschmerzen, wobei diese vom vergangenen Abend sein konnten. Mir war warm, wärmer als sonst. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl in der Bauchgegend. Und ich konnte mich kaum noch konzentrieren. Nadim schob alles auf den Alkohol. Aber der war nicht schuld, den hatte ich erst am Abend getrunken und dieses Gefühl stellte sich bereits am Nachmittag ein. Nadim begann irgendwie dümmlich zu grinsen. Natürlich tat er das, immerhin war es Nadim. Vielleicht war es ein Fehler von mir, mit ihm darüber zu reden. Aber es hatte sich eh schnellstens erledigt, als Samira aufwachte und mit ihm sprechen wollte. Ich suchte derweil Baschar auf. Vielleicht konnte er mir ja helfen. Ich schilderte Baschar meine Wehwehchen und er bat mich, meine Stirn freizulegen. Dann fühlte er meine Temperatur, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Nadim stieß gerade hinzu, als Baschar mir etwas gegen meine Kopfschmerzen gab. Eine kleine Phiole, die ich nach dem Essen einnehmen sollte. Für die Bauchschmerzen wollte er mir nichts geben, da er nicht genau wusste, was mich plagte. Doch Nadim klärte ihn schnell auf. Seine Vermutung brachte mich ein wenig aus dem Konzept. Und ich dachte über seine Worte nach. Konnte das wirklich sein?
Ich brauchte Wasser, weswegen ich zurück in die Küche ging. Kaum war ich dort, klingelte es. Einmal. Nur ein einziges Klingeln. Es konnte nicht Cihan sein. Ich erwartete auch sonst niemanden. Der Stand der Sonne zeigte mir, dass es eine ähnliche Zeit war, an der er auch sonst öfter mal vor der Tür stand. Mein Magen wurde flau und ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen. Allein der Gedanke... Ich wollte öffnen, doch Nadim kam mir zuvor. Er wollte sehen, wer vor der Tür stand. Ich ging nervös auf und ab, natürlich durfte ich mir nichts anmerken lassen. Ich musste mich beruhigen und trank Wasser. „Laila!“, Nadim war samt dem Besuch zurück. Ich drehte mich um und... ja, es wurde schlimmer. Nur ein Blick und alles wurde schlimmer. Vielleicht hatte Nadim auch recht. Natürlich hatte er recht und es gab vermutlich nicht ein Mittelchen dagegen, was ich nehmen konnte.

Ich hatte ganz vergessen, dass heute die Expedition ins Grab der Ahnen erfolgen sollte. Ich war hin und her gerissen, aber letztendlich wurde ich überzeugt und schloss mich an. Was mich überzeugt hatte? Sein Versprechen, gut auf mich aufzupassen.
Wir fanden uns zunächst vor der Kaserne ein. Ich stellte mich kurz vor und unmittelbar danach ging es auch schon weiter in Richtung des Grabes der Ahnen. Zunächst wurde die Umgebung von Abbas und Hasim gesäubert. Im Anschluss wurden Zelte aufgebaut und Wachposten erbaut. Es hatten alle gemeinsam angepackt, damit es recht schnell ging. Die Zelte wurden mit dem Nötigsten ausgestattet und am Ende fanden sich alle um das Lagerfeuer ein und ließen ein wenig Ruhe einkehren.
Der Weg durch das Grab der Ahnen war mühsam. Ich war es nicht gewohnt, die Armbrust so lange in meinen Armen zu halten. Aber es war auch eine Herausforderung. Ich hatte mich Sahid und Anisah anschließen dürfen. Es war praktisch, sie in der Nähe zu haben. Immerhin erhellte sie die komplette Umgebung. Die Spuren führten uns immer tiefer in die Gemäuer. Anisah spürte scheinbar immer mehr, wir hörten Stimmen, die uns warnten. Dennoch wollten wir nicht so einfach aufgeben. Immer wieder kamen neue, untote Körper auf uns zu, Seelen, die gepeinigt wurden. In all der Anstrengung hatten sich auch meine 'Magenschmerzen' versteckt.

Es war wohl der letzte Raum für die heutige Expedition, die mich am meisten Kraft kostete. Dort befand sich ein Sarkophag, den Sahid zu öffnen versuchte. Es gelang ihm auch. Der Deckel begann zu beben und es tauchten erneut Untote auf. Aber auch die konnten wir gemeinsam besiegen. Dann wurde der Sarkophag geöffnet. Anisah erwies dem Leichnam die letzte Ehre. Wir konnten ihn hier nicht heraus schaffen, da er zerfallen würde. Zu lang war er hier schon gelegen. Also wurde er verbrannt. Übrig blieb nur ein Häufchen Asche und ein Siegelring. Der Siegelring der Familie Ifrey. Mich überkam die Trauer, die unsagbare Trauer, wie lange musste der Leichnam hier schon gelegen haben? In all dieser Unruhe. Auf der anderen Seite war da die Erleichterung, dass er nun Ruhe finden würde. Anisah nahm mich außerhalb der Gräber nochmal beiseite und nahm meine Hand, um den Siegelring hinein zu legen. Es handelte sich hier vermutlich nicht um irgendein Familienmitglied, sondern um eines der Gründermitglieder der Familie. Ich versprach, dass ich recherchieren würde, um mehr darüber in Erfahrung zu bringen.
Gast

Beitrag von Gast »

      • "Indem ich ehrlich auf meine eigenen Fragen antworte,
        • berühre ich auch die Herzen der Menschen."
      • [img]http://data1.whicdn.com/images/29125740/large.jpg[/img]
Ich betrachtete den Siegelring ausführlich. Wirklich viel Schlaf hatte ich in dieser Nacht nicht bekommen, zu lange stand ich noch in der eigenen Bibliothek und suchte nach Anhaltspunkten. Irgendwo musste ich doch mehr über die Familie finden. Vor allem etwas über ihre Gründer. Ich seufzte. Ich fand viele Bücher, die die unterschiedlichsten Geschichten der Familie erzählten. Aber ich fand nicht das, wonach ich wirklich suchte. Ich selbst trug meinen Familienring. Ich war nicht einmal auf die Idee gekommen, meinen Familienring abzulegen, um diesen viel prunkvolleren und geschichtsträchtigen Ring zu probieren. Zudem man schon von Weitem sah, dass meine Finger für den Ring viel zu filigran waren. Irgendwann hatte ich es aufgegeben und war wieder ins Bett zurück. Aaminah schlief schon tief und fest. Zuvor war sie weg gewesen, ich wusste nicht, wo sie hingegangen war. Es war schade, denn ich hatte jemanden gebraucht, mit dem ich reden konnte. Mit den Männern konnte ich das nicht. Nicht über das Thema. Und mit Samira auch nicht, sie war schon genervt davon, dass es von Nadim immer wieder zum Thema gemacht wurde. Vielleicht war aber auch Aaminah die falsche Natifah dafür. Ich seufzte leise und starrte an die Decke. Aaminah drehte sich herum und ihr Arm landete auf mir. Sie schmatzte mir genüsslich ins Ohr, was meinen Gedanken allerdings keinen Abriss tat. Während der ganzen Expedition hatte ich mich gefühlt, als würde jemand meine Hand halten und mich unbewusst führen. Ich wusste nicht, ob er, obwohl er in einer anderen Gruppe war, nicht doch ein Auge auf mich hatte, aber allein seine Anwesenheit, und wenn er noch so weit weg stand, beruhigte mich. Was zufolge hatte, dass ich im nächsten Moment unruhiger wurde, als er ging. Ich wollte eigentlich gleich hinterher, aber das wäre vielleicht aufgefallen und zum anderen wollte ich mich noch ein wenig am Feuer ausruhen. Und nun lag ich hier mit dem Kopf voller Gedanken. Irgendwann musste ich doch Schlaf finden.

Der nächste Morgen stellte sich als schwierig heraus. Schwierig für mich, meine Augen zu öffnen. Die Sonnenstrahlen drangen längst durch das Fenster ins Innere. Ich musste lang geschlafen haben, Aaminah lag nicht mehr neben mir und im Haus war auch schon Einiges los. Vermutlich waren die ersten schon ausgeflogen, um ihrer täglichen Arbeit nachzugehen. Ich sah davon ab, dass ich mich heute noch einmal daran setzen würde, um mehr über unsere Gründer herauszufinden. Ich wollte zunächst erst einmal etwas essen und dann ein wenig Ruhe finden. Ich hatte keine Zeit mehr gehabt, gestern mit dem Gesehenen fertig zu werden. Und es beschäftigte mich doch.
Ich sammelte ein paar Früchte zusammen und nahm den Ring mit mir. Dann beschloss ich, für den heutigen Morgen die Oase aufzusuchen. Ich setzte mich an die Stufen, die ins Wasser führten. Das kühle Nass um meine Knöchel tat gut und belebte meinen Geist. Ich hatte gerade den Ring aus meiner Tasche geholt und betrachtete ihn, als ich hinter mir eine mir bekannte Stimme hörte. Vermutlich erkannte er von hinten nicht wirklich, dass ich es war. Ich konnte für einen Moment einfach nur den Moment genießen, dass ich so sehr lächeln konnte und mich freuen konnte über sein Erscheinen. Ich begrüßte ihn, wie es sich gehörte, stand auf und neigte ihm mein Haupt tief zu. Er war überrascht mich hier zu sehen, doch ich erklärte ihm, dass mich die Schönheit der Oase immer wieder hierhin zurücktrieb und auch das Gefühl, dass ich hier meine Seelenruhe finden konnte. Er nickte und setzte seinen Weg fort. Natürlich war ich unschlüssig, ob ich folgen sollte. Als er mir abwartend entgegen sah, war es jedoch klar. Also setzte ich mich zu ihm. Ich hätte lügen müssen, würde ich sagen, dass ich mich nicht gefreut gefreut hätte ihn zu sehen. Zwar war unsere Zeit nicht lang, die wir hier verbrachten, aber sie war schön – wie immer. Ich hatte mich an diesem Tag auch zum ersten Mal gewagt, ihm direkt in die Augen zu blicken. Wie konnte es sein, dass man in diesen tiefgründig-blauen Augen so sehr versank? Selbst, wenn es für ihn nur ein paar Sekunden waren; es fühlte sich für mich an wie Stunden. Sein Blick war freundlich, aber man erkannte auch die Strenge dahinter. Und die Distanz. Ich durfte nicht vergessen, wer er war. Das tat ich auch nicht. Wir sprachen eine Weile über den vergangenen Tag. Ich erzählte ihm von dem, was Sahid mir sagte bezüglich der Armee. Und er fragte mich, ob ich schon etwas herausgefunden hatte. Das musste ich verneinen. Bei der Göttin, vermutlich hatten Nadim und Baschar tatsächlich Recht, was mich im Bezug auf ihn betraf. Als wir auf die Wette zu sprechen kamen und auf ein mögliches Nein von Baschar war es faszinierend, dass wir beide gleich reagierten: Mit einem leisen Seufzen und einem tiefen Luftholen. Meine Gedanken begannen wieder, sich im Kreis zu drehen. Konnte es wirklich sein...?

Als ich mich wieder auf den Heimweg machte, ließen mich die Gedanken nicht los. Ich setzte mich in die Küche und klimperte auf meinen Instrumenten herum. Tausend Gedanken hielten mich davon ab, mich wirklich auf das Instrument zu konzentrieren. Samira war es, die mich irgendwann aus meinen Gedanken riss. Sie bat mich um Hilfe, die ich ihr nicht verwehrte. Sie hatte scheinbar das Gefühl, dass sie sich verändern musste oder zumindest ein bisschen mehr Aufgaben einer Natifah übernehmen musste. Sie wollte es allen Recht machen. Ich konnte sie verstehen, beide Seiten verstehen, die sie ausmachten. Auf der einen Seite, war sie eben, wie sie war. Eine Natifah, die nicht unbedingt in Kleidern herumlaufen wollte und vom Kochen nicht viel Ahnung hatte. Auf der anderen Seite wollte sie dennoch nicht für Ärger sorgen und alles richtig machen. Ich bot ihr an, den nächsten Mocca bei Gelegenheit gemeinsam zu machen. Denn mit einem guten Mocca konnte sie bei den Männern schon viel gut machen. Auch wollte sie sich daran machen, ihr Hosenproblem zu lösen. Wir fanden recht schnell eine Lösung, die vermutlich alle zufrieden stellen würde. Eine Kombination aus Hose und Wickelkleid. Eine Kombination, die ich selbst auch öfters trug, einfach, weil es bequem war. Und für sie war das ein Trumpf, den sie ausspielen konnte. Sie hatte somit ein Kleid an, musste aber nicht auf die Hose verzichten. Sie umarmte mich, was ich erwiderte, im Anschluss ging sie in die Schneiderei, um nach Kleidung zu suchen. Nadim war zwischenzeitlich auch aufgetaucht und ich musste ihm unbedingt vom gestrigen Tag erzählen. Ich berichtete ihm von allem, von der Expedition und von dem Ring. Von den Worten Sahids. Man merkte, dass Nadim stolz war auf mich. Und ich musste zugeben, ich war es auch. Auf irgendeine Art und Weise war ich wirklich Stolz auf mich. Als Samira zurückkam, zogen wir uns irgendwann auf Aaminah und mein Zimmer zurück. Ich gab ihr eines meiner Wickelkleider und noch eine gehäkelte Bluse dazu, die sie gut mit all dem tragen konnte. Es sah gut aus, ich war begeistert. Und den Rest des Tages verbrachte ich auf dem Zimmer. Ich saß auf den Kissen und spielte. Und wenn ich nicht spielte, las ich in Büchern und versuchte, mir Notizen zu machen. Bis meine Gedanken wieder abschweiften. Ein Blick auf das Pergament vor mir und die Zeichnung darauf und ich musste schmunzeln. Es war nur eine Skizze mit dem Kohlestift gewesen, aber es hatte eine verblüffende Ähnlichkeit. Ich seufzte wieder leise und legte alles beiseite. Ich brauchte Musik, denn Musik ließ den Geist wieder frei werden. Und so begann ich mit dem Spielen...
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 4. Mai 2014, 22:25, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

  • „Und dann gibt es diese wunderbaren Momente, in denen einfach alles stimmt.
    • Du bist bei dir angekommen und spürst eine unendliche Liebe zu allem was ist.“
    • [img]http://24.media.tumblr.com/6e75ba8b5e24b59198fd8a97b46941f5/tumblr_mvm3pycIST1scmispo1_500.jpg[/img]
Wie hätte mein Bruder gesagt, wäre er bei mir gewesen? 'Oh Laila, meine kleine, süße Laila. Du hängst schon wieder deinen Tagträumen nach.'

Tagträume. Was waren Tagträume überhaupt? Waren sie wichtig? Erzählten sie uns etwas über das, was wir tief in unserem Inneren wirklich wollten? Wie sollte ich denn Antworten auf all meine Fragen finden? Ich saß auf dem Kissenhaufen im Zimmer und klimperte auf meiner Laute. Ich begleitete diese mit leisem Summen. Ich konnte wirklich träumen. Das Träumen konnte mir niemand verbieten. Weder Nadim, noch sonst wer. Und träumen war im Moment das Einzige, was mich lächeln ließ. Ich verstand die Vorwürfe nicht, die Nadim aussprach. Ich hatte ihm zugehört. Und ich hatte das Gehörte verstanden, aber ihm erklärt, wie es für mich gewesen war. Aber es interessierte ihn nicht. Ihn interessierte nur seine Wahrheit. Und seine Wahrheit war, dass Abbas unser Haus wohl nicht respektierte. Ich bekam dieses Gefühl überhaupt nicht. Wie oft war er in den letzten Tagen in unserem Haus gewesen? Nicht nur einmal. Er wusste Wahids Arbeit zu schätzen, er wusste unser Haus zu schätzen und er war ein sehr ehrbarer Menekaner. Allein sein Name verhalf ihm zu dieser Ehre. Ich erinnerte mich an ein Gespräch mit meinem Bruder. Es waren Kindheitsschwärmereien. Das übliche Geschwärme einer kleinen, unerfahrenen, jungen Blüte, gerade einmal fünf Jahre alt. Und nun saß ich hier und hatte ihn vor Augen, sobald ich die Lider schloss. Konnte das sein? 'Mara, selbst wenn es nur eine Schwärmerei ist, lass mir diese, wenigstens noch für ein paar Wochen.'
Es war utopisch darauf zu hoffen, dass er irgendwann vor der Tür stand und nach mir fragte. Nur nach mir. Ich war mir zwar irgendwie sicher, dass er die letzten Tage doch auch immer wieder wegen mir da war, immerhin machte er immer solch kleine, versteckte Äußerungen. Es waren nur wenige Worte und die wählte er mit Bedacht, meist fiel mir auch erst im Nachhinein auf, wie er sie tatsächlich meinte, die mir zeigten, dass er irgendwie gerne bei mir war. Wenn er ging, sah er immer wieder zu mir zurück. Als ich heute ging, tat ich das Gleiche. Und ich wusste, warum ich das tat: Ich konnte mich gar nicht so recht gedulden, ihn wieder zu sehen. Er lächelte, wenn ich lächelte. Er musste grinsen, wenn mir wieder etwas Dummes eingefallen war. Er versprach, auf mich aufzupassen. Ich fürchtete, dass der Blick in seine Augen mir den Rest gegeben hatte. Vielleicht musste ich einfach lernen, damit umzugehen.

Vielleicht musste ich aber auch nur lernen, ihn zu verstehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er mir mehr Aufmerksamkeit schenkte, als ich eigentlich verdient hätte. Und im anderen Moment zweifelte ich das wieder an. Weil ich nicht wusste, warum es genau ich sein sollte. Vielleicht war er aber auch immer so. Zu jedem. Aber dann war da dieses warme Lächeln, wenn ich etwas sagte, was ihm gefiel. Das allein ließ in mir einen Orkan an kleinen, flatternden Schmetterlingen entstehen. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als es lauter wurde im Haus. Irgendwer war wieder zurück gekommen. Es interessierte mich nicht unbedingt. Nadim hatte mich auf mein Zimmer geschickt. Und da blieb ich auch. Ich war froh, wenn ich ihn heute nicht mehr sehen musste. Ich wusste gar nicht, warum ich überhaupt noch versucht hatte, Abbas ein bisschen zu besänftigen, damit er nicht ganz einen solchen Groll hegte. Ich hatte noch auf ihn eingeredet, zumindest ein wenig, dass Nadim das alles gar nicht so meinte. Aber scheinbar tat er das doch. Und zwar in der Form, wie es bei Abbas angekommen war. Er wollte mir den Umgang nicht verbieten, nur sollte ich mich verhalten, wie eine ehrbare Natifah das eben tat. Tat ich das nicht?

Ich wollte gar nicht zu viel darüber nachdenken. Aber ich musste. Ich dachte nicht über das nach, was er über Abbas sagte. Nichts auf der Welt konnte mein eigenes Bild von ihm ändern. Ich dachte vielmehr über seine Vorwürfe nach. Waren sie wirklich gerechtfertigt? Ich war doch stets nur höflich gewesen. Und gastfreundlich. Ich hatte nichts getan, was verwerflich war. Ganz im Gegenteil: In den letzten Tagen hatte ich immer öfter bewiesen, dass man auf mich Stolz sein konnte. Egal, wie oft ich meine Gedanken drehte: Ich verstand nicht, was er wollte. Was sein Problem war.

Am späteren Nachmittag entschloss ich mich dazu, mich der Stute von Abbas anzunehmen. Ich hatte nur wenig Ahnung von Pferden, aber ich würde mein Glück versuchen. Ich hatte einmal gehört, dass man den Pferden das Gefühl geben musste, dass man ihnen vertraut. Ich nahm sie an dem Führstrick mit mir, bei mir in der Tasche hatte ich ein paar Äpfel und Karotten. Ich wusste, sie würde lernen, wenn sie belohnt würde. Vielleicht sollten sich das einige meiner Cousins auch einmal aneignen. Ich schüttelte kurz den Kopf. Keine schlechten Gedanken, wenn ich mit dem Pferd arbeiten würde. Ich zog mich auf ihren Rücken und ritt mit ihr Kreise, Achter, Schleifen. Ich ritt kreuz und quer, ritt langsam, ritt schneller. Sie gab sich größtenteils gefügig, wenngleich ich auch feststellte, dass sie sich manchmal zu viel erlauben wollte. Sie sollte nicht scharf geritten werden, das hatte kein Pferd verdient. Wieder einmal hatte ich versprochen, etwas zu tun. Und ich würde auch hier mein Versprechen halten. Er würde sie zurück bekommen. Und ich hoffte, bis dahin war sie zahm und wirklich zu einhundert Prozent verlässlich.

Unsere Übungen hatten sich über mehrere Stunden hingezogen. Ich war längst von ihrem Rücken abgestiegen und versuchte, das Vertrauen zu ihr aufzubauen. So ließ ich sie an einem längeren Strick laufen, den ich in der Hand behielt. Ich setzte mich auf den Boden und wartete ab. Sobald sie zu mir kam, bekam sie ein kleines Stück der Karotte und ich redete gut auf sie ein. Lobte sie. Mir schien, als sei sie lernfähig. Man musste nur wissen, wie. Und die Zeit dafür haben. Und die Zeit nahm ich mir. Ich hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, weil ich im Grunde zu solch einer unangenehmen Unterhaltung geführt hatte. Auch, wenn er mir vor dem Haus mehrmals versichert hatte, dass mich keine Schuld traf. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas gut machen zu müssen. Und das würde ich mit diesem wunderschönen Wesen aufgreifen. Ich musste nur aufpassen, dass ich mich nicht emotional an das Tier band. Ansonsten würde es schmerzen, sie wieder gehen zu lassen. Meine nächste Übung bestand darin, zu stehen und in kleineren Kreisen zu gehen. Ich beachtete sie nicht, hatte den Strick aber an der Hand. Immer wieder kam sie her und forderte mich auf, sie zu beachten. Ich musste schmunzeln, hier und da bekam sie auch wieder eine Belohnung. So machte ich weiter. Stück für Stück arbeitete ich daraufhin, dass ich ihr Halfter und Strick abnehmen konnte. Ich musste zugeben, es war ein riskanter Plan. Aber wenn ich es nicht versuchte, konnte ich es nicht herausfinden. Wenn die Stute weg war, hatte ich ein Problem. Aber ich vertraute ihr. Und das war vermutlich am Wichtigsten. Ich ging zu ihr und sie reckte mir schon fröhlich den Kopf entgegen. Ich streichelte ihre Ohren, ihren Hals und legte meine Arme um sie. 'Wir bekommen das jetzt beide hin, hörst du?', flüsterte ich leise und nahm ihr das Halfter ab. Als sie im ersten Moment in Richtung des Torbogens rannte, hatte ich für einen kleinen Moment bedenken. Aber ich beruhigte mich und vertraute. Sie blieb stehen. Ich blieb still. Ich sagte nichts, ich sah sie nur an. Sie schnupperte auf dem Boden. Es war ein gutes Zeichen, wirklich ein gutes Zeichen, dass sie nicht abhaute. Ich musste nun Geduld haben. Also wartete ich. Ich bewegte mich nicht, ich blieb an Ort und Stelle stehen. Und ich war überglücklich, als sie zu mir kam. Von allein, ohne das ich sie rufen musste. Sie stand neben mir und als ich dann anfing, umher zulaufen, blieb sie an meiner Seite. Ohne Führstrick, ohne Halfter. Ich war begeistert. Gleich morgen würde ich mit ihr weiter arbeiten und dann hatten wir beide hoffentlich bald die Möglichkeit, unsere Fortschritte Abbas zu zeigen. Ich brachte sie zurück und ging in den Stall.

Als ich wieder in meinem Zimmer war, schloss ich für einen Moment die Augen. Ich hatte, als das alles heute passiert war, am Ende wirklich Angst, dass er nicht wiederkommen würde. Ich erzählte ihm von dieser Angst. Aber er meinte, ich könne beruhigt sein. Er würde wiederkommen. Dennoch ließ mich das Gefühl nicht los. Ich versuchte, meine Gedanken auf irgendetwas anderes zu legen. Aber es gelang mir nicht. Es gelang mir einfach nicht. Ich schlug die Lider wieder auf. Es gab so viele Fragen und ich wusste immer noch keine Antworten darauf. Ich war nicht geübt in so etwas. Und ich hatte Angst. Vor irgendetwas hatte ich eine unsagbare Angst – und die ließ mich nicht los.

Du bist so laut in meinem Kopf und alles dreht sich,
Ich versuch dich zu vergessen doch es geht nicht,
Ich lieg wach und bleib ratlos,
was soll ich tun? Du machst mich schlaflos.
Die Stille liegt mir in den Ohren, es zerreißt mich,
Ich zähl die Stunden bis zum Morgen und ich weiß nicht,
was muss passieren? Ich bleib ratlos.
Was soll ich tun? Du machst mich schlaflos.
Zuletzt geändert von Gast am Montag 5. Mai 2014, 22:11, insgesamt 1-mal geändert.
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    • "Die Quelle von Leben, Liebe und Weisheit liegt in jedem Einzelnen von uns.“
    • [img]http://37.media.tumblr.com/e875c3301d4a36ce276230c97ce97ea0/tumblr_n1yv5hpt6e1qcdbkgo1_500.gif[/img]
Ich ging auf mein Zimmer und zog die Handschuhe aus. Sogleich ließ ich mich in die Kissen fallen und dachte an den Tag zurück. Ich hatte mich nicht in ihm getäuscht, auf gar keinen Fall. Er war zuvorkommend und er war aufmerksam. Er hatte mich gleich bei unserer Begegnung gefragt, ob es nach seinem Fortgang noch weitere Streitigkeiten in unserem Hause gab. Erst wollte ich ihm gar nicht erzählen, was noch weiter vorgefallen war. Aber ich vertraute ihm. Also sprach ich mit ihm darüber. Nicht über alles, aber über sehr viel.

Da mich das Thema wieder traurig stimmte, wollte ich ihm zwei gute Nachrichten zuteil werden lassen. Ich erzählte ihm, dass ich riesige Fortschritte mit seiner Stute gemacht hatte. Ich erklärte ihm auch, wie ich all das geschafft hatte. Ich schwärmte förmlich von ihr und ich wusste auch, dass es mir im Herzen weh tun würde, sie wieder mit ihm ziehen lassen zu müssen. Aber sie gehörte ihm. Und ich würde sie ihm nicht nehmen. Er war begeistert von meiner Arbeit, aber auch skeptisch, ob ich sie wirklich gezähmt hatte. Und er meinte auch, er wüsste schon etwas, falls er mit ihr nicht mehr klarkommen sollte.

Wir führten unser Gespräch weiter und verließen dann bald das Familienhaus. Ich bat eine Wache, dass sie mich begleiten sollte, immerhin durfte ich mit ihm nicht allein sein. Das hatte ich zu respektieren und auch, wenn ich es mir anders gewünscht hätte, ich musste diesen Bedingungen einfach nachkommen. Die Wache folgte und ließ uns nicht aus den Augen, vermutlich nicht einen Moment. Ich hatte irgendwann vergessen, dass um mich herum noch irgend etwas existierte. Für einen sehr langen Moment zählten nur er und ich. Eigentlich war ich mir sicher gewesen, dass er tanzen konnte. Und in meinem Inneren habe ich auch genau das gehofft. Aber dennoch musste ich es auf diesen Versuch ankommen lassen. Als ich meine Hand anhob und er seine ebenfalls, ohne das wir einander berührten und zu einem Tanz starteten, war mir bewusst, er konnte. Wie es sich für einen Tanz gehörte, sah ich ihm in die Augen. Und wer mir erzählte, die Augen wären kein Spiegel zur Seele, der log. Ich sah in seinen Augen so viel und doch so wenig. Nachdem wir die ersten paar Drehungen vollzogen hatten, legte ich meinen linken Arm auf den Seinen, die Hand betete ich auf seinem Oberarm, während ich die rechte in seine Hand legte. Ich trug Handschuhe, er berührte mich also keinesfalls unsittlich. Wir zogen weiter unsere Kreise und Drehungen und mit jeder weiteren Drehung wurde unser Tanz perfekter. Ich hatte längst vergessen oder verdrängt, wo wir waren. Ich versank in seinen Augen, ich sah sein Schmunzeln, seine Gesichtszüge, die so furchtbar weich waren. Ja, um ehrlich zu sein: Ich schmolz in seinen Armen dahin. Jede einzelne Sekunde fühlte sich an, als würde ich Stunden bei ihm sein. Bei einer weiteren Drehung meinerseits kam ich ihm beim zurückdrehen näher als geplant, aber ich wäre nicht ich gewesen, hätte ich es überspielt und schnell wieder die nötige Distanz zwischen uns gebracht. Auch, wenn ich für einen Moment so fasziniert davon war, ihm so nah zu sein. Ich sagte ihm, dass er hervorragend tanzte. Die erste Zeit konnte ich ohne ein Gespräch auskommen, aber dann musste ich die Stille unterbrechen. Wobei wir nicht laut sprachen. Wir flüsterten leise. Wir waren nah genug, dass nur wir beide hörten, was der jeweils andere sprach. „Also besteht die Chance auf einen weiteren Tanz?“, ich freute mich innerlich. Natürlich bestand die Chance. Wenn er wollte, würde er noch tausende an Chancen bekommen. Ich musste mich einfach bei ihm bedanken. Nicht nur für diesen Tanz, sondern einfach dafür, dass er mir begegnet war. „Aiwa in letzter Zeit führt mich etwas öfter in das Viertel der Ifrey.“ Seine Worte sorgten für das nötige Kribbeln in meinem Bauch. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Immerhin konnte er es auch anders meinen, als ich es auffasste. Ich versuchte, behutsam nachzufragen. Immerhin wollte ich ihn nicht vor den Kopf stoßen. Und ich schob alles auf Wahid, dass er regelmäßig nach ihm suchte. Abbas reagierte darauf, wie er eben zu reagieren hatte. Er musste schmunzeln und er schüttelte auch kaum merklich das Haupt. Ich fragte ihn, ob es vielleicht noch einen anderen Grund gab, was er bejahte und dann doch wieder entkräftigte. Eine wirkliche Antwort darauf konnte ich ihm nicht entlocken.

[16:23:17] Laila Ashani Ifrey: [menek] [leise] Wenn Wahid nicht der Grund ist.. welches ist dann der Grund?
[16:23:54] Abbas Wakur Omar: [menek] [leise] Hast du denn keine Idee, warum es so sein könnte?
[16:24:16] Laila Ashani Ifrey: [menek] [leise] Ich könnte viele Vermutungen aufstellen...

Natürlich hatte ich Vermutungen. Oder gar Hoffnungen. Als ich meine letzte Vermutung aussprach, hob er seine Mundwinkel etwas an. Bei Eluive, ich wusste diesen Mann nicht zu deuten. Mein Herz sprach, dass ich ins Schwarze getippt hatte. Mein Verstand hingegen...Ich hatte während dem ganzen Gespräch gar nicht gemerkt, dass unser Tanz ruhiger, gar zum erliegen gekommen war. Ich stand nun nur noch in seinen Armen, solange, bis er sich von mir löste und ich meine Arme wieder senken ließ. Er bedankte sich für den Tanz, ich ebenso. Hätte man uns zugesehen, und der Akemi, der uns begleitet hatte, konnte das, hätte man sicherlich gemerkt, dass wir harmonisierten. Wir lieferten dort auf dem Platz vermutlich einen perfekten Tanz ab. Wir entließen den Akemi aus seinem Dienst und zogen uns noch einen Moment zur Ruhe in die Oase zurück. Wir kamen noch einmal kurz auf den Tanz zu sprechen. Ich konnte in Abbas Worten die Hoffnung hören, dass der nächste Tanz vielleicht sogar an diesem Ort stattfand. Wohl wahr, die ein Oase war ein gefühlsstarker Ort. Vermutlich hätte ich allein wegen dieser starken Präsenz keinerlei Tanzschritt hinbekommen. Ich hoffte wirklich, dass ich ihm ein paar schöne Momente hatte schenken können. Er fragte mich, warum ich das anzweifelte. Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben, er antwortete hingegen, dass es eine Freude war, die er schon lange nicht mehr hatte. Ich freute mich über diese Worte. Sie rührten mich nahezu. „Wie meinst du das?“ - „Das bedeutet einfach, dass ich euch etwas Freude geschenkt habe. Und das macht mich glücklich.“

Aber ich hatte in dem Gespräch auch gelernt, dass es nicht immer gut war, zu hinterfragen.
Ich konnte ihn nicht einschätzen. Auf der einen Seite zeigte er mir so offensichtlich, dass er gerne in meiner Nähe war. Auf der anderen Seite war er so verschlossen wie eine Schatztruhe. Die Stimmung kippte, ich wurde nachdenklich. Natürlich war er aufmerksam und fragte nach und ich gestand ihm, dass ich die Hoffnung hatte, ich wäre ein Grund, weswegen er immer wieder zu uns kam. Vielleicht hatte ich mir aber auch einfach zu viel eingebildet. In jedem Moment, als die Hoffnung in mir wieder aufkeimte, hatte er das Talent dafür, wieder die nötigte Distanz und Verschlossenheit an den Tag zu legen. Die Worte 'Distanz' und 'Verschlossenheit' ließen ihn nicht los. Die Distanz konnte er nicht nachvollziehen. Und Verschlossenheit wollte er mir nicht vermitteln. Das Gespräch nahm wieder eine andere Wendung, wenngleich mich jedoch meine Gedanken noch bis jetzt fesselten. Ich würde den Tag als einen wunderbar-gelungenen Tag in Erinnerung behalten. Und ich würde mich sehr gerne daran zurück erinnern. Für ein paar sehr lang anhaltende Momente hatte es nur uns beide gegeben und dann holte ihn die Realität und vor allem die Arbeit wieder ein.

Und hier, in meinem Zimmer, hatte ich genug Zeit nachzudenken. Zu hinterfragen, zu hoffen, zu bangen. Ich hatte ihm nun mehrmals mitgeteilt, wie sehr ich seine Anwesenheit zu schätzen wusste. Mehr konnte ich nicht tun. Ich konnte es ihm nicht noch häufiger sagen. Ich konnte ihn nicht immer einschätzen. Da waren diese Augenblicke, in denen ich mir sicher war. Und dann waren da wieder Momente, an denen er mir vermittelte, dass doch noch nicht allzu viel Vertrauen und Zuneigung zueinander bestand. Aber was erwartete ich auch. Mara hatte einmal gesagt, dass man sich nicht wie ein totes Tier vor einen Mann legen durfte. Ein Mann wollte immer jagen. Vielleicht war sie zu lieb und zu zuversichtlich, zu herzensgut. Vielleicht war das ihr Fehler. Vielleicht sollte ich selbst ebenfalls mehr Distanz in alles reinbringen. Wenn das erforderlich war. Ich stand auf und ging zu Ajdina in den Stall. Ich gab ihr Heu zu fressen und putzte sie, damit sie befreit war von all dem Staub. „Ich werde dich vermissen, wenn du zurück zu Abbas musst. Hörst du?“ und ich legte meinen Kopf an ihren Hals und tätschelte diesen. Sie würde mir fehlen...
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    • „Zufriedenheit ist ein stiller Garten, in dem man sich ausruhen kann.“
    • [img]http://31.media.tumblr.com/59d029d2ccd020cbdc9106b77b43508d/tumblr_n4yawgcBu11txobqgo1_500.jpg[/img]
Ich hatte wohl einiges am vergangenen Tag verpasst, weil ich früh ins Bett gegangen war. Abbas berichtete mir jedoch davon und es verblüffte mich. Ich musste es langsam nicht mehr verstehen. Sie sorgten sich, wenn ich in den Händen und in der Begleitung Abbas war? Obwohl er mich jedes Mal sicher und unversehrt nach Hause gebracht hatte? Ich hatte keine Zweifel, dass ich bei ihm in den besten Händen war.

Wie auch immer es war, was an dem gestrigen Abend vorgefallen war, für mich war eine Sache das Interessanteste an allem: Er hatte sich um mich gesorgt. Darüber, ob ich anwesend war, etwas mitbekommen hatte und er war beruhigt, dass alles spurlos an mir vorbeigegangen war. Als reine Natifah hätte ich so etwas nicht sehen sollen. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, weswegen er so in Gedanken war, als ich in die Oase kam.

Die Oase. Ein Ort der Ruhe. Ich wusste diesen Ort zu schätzen. Ich konnte es nicht leugnen, dass ich den Weg zur Oase antrat in der Hoffnung, ihn zu sehen. Trotzdem nahm ich Bücher mit, für den Fall, dass er nicht dort war. Aber ich wurde von Eluive wieder einmal nicht enttäuscht. Er war da und er saß da in all seinem prächtigen Antlitz. Kurz glitten mir einige Szenarien durch den Kopf, die ich jedoch schnell wieder verwarf. Ich sah ihm entgegen, sah auf seinen Rücken und ich konnte ihn für einen Moment einfach nur kurz ansehen und diesen Anblick genießen. Dann näherte ich mich und er erschrak für einen Moment. Das tat mir schon ein wenig leid.

Er bat mich, mich zu ihm zu setzen. Wie hätte ich diesen Wunsch abschlagen können? Wir kamen recht schnell in tiefere Gespräche. Gespräche, die uns auch zu dem Thema führten, dass wir uns seit etwa zwei Wochenläufen jeden Tag irgendwie gesehen hatten. Ich wusste, ich würde mir mittlerweile Sorgen machen, würde ich ihn mehrere Tage nicht sehen. Es war für mich nicht zur Gewohnheit geworden ihn zu sehen. Es war für mich jedes Mal wieder ein perfekter Moment, wenn ich ihm nur gegenüber sitzen durfte. Aber irgendwie war es doch alltäglich geworden.

Für einen kurzen Moment musste ich wieder an meinen Bruder denken. Er hatte mich immer wieder ausgelacht, wenn ich in meinen Tagträumen verschwand und ihm dann davon erzählte. Er belächelte mich immer müde. Wie er nun wohl reagieren würde, würde er davon erfahren, was mit ihr geschehen war? Dass sie sich tatsächlich in der Anwesenheit eines Sohnes der von Eluive geküssten Familie so wohl fühlte? Und, wenn sie ehrlich war, seine Anwesenheit immer wieder herbeisehnte?

Ich riss mich schnell aus ihren Gedanken, als er weitersprach. Er selbst war heute ebenfalls öfters abwesend. In Gedanken. Er fragte mich, warum ich hier war und ich erzählte ihm davon, dass ich gehofft hatte, ihn hier anzutreffen. Es war wohl abermals ein Wink des Schicksals, dem ich hierher gefolgt war. Er schien über die Worte tatsächlich länger nachzudenken. Ich fragte nicht nach, dennoch symbolisierte ihm mein fragender Blick wohl, dass ich weiter nachfragen wollte. Natürlich war ich neugierig, natürlich wollte ich wissen, was er dachte. Ob er ähnlich dachte wie ich. Aber er meinte nur, dass nichts weiter wäre. Ich wusste, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Aber hätte ich ihm dies so sagen sollen? Auf meine Frage, ob er sich sicher war, entgegnete er, dass alles in Ordnung sei und er über diese Fügung nachdenken musste. Er hatte so schnell keine Antwort auf seine Gedanken, seine Fragen, die er in seinen Gedanken verbarg. Das musste ich so hinnehmen und wohl so glauben müssen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass er etwas vor mir verbarg. Aber ich konnte ihn nicht zwingen. Er musste selbst wissen, wem er vertrauen konnte und wollte. Auch, wenn er längst zugegeben hatte, mir zu vertrauen.

Dennoch teilte ich ihm mit, dass ich mir Sorgen machen würde, würde ich ihn ein paar Tage lang nicht sehen. Und wieder wurde er nachdenklich. Heute stimmte wirklich irgendwas nicht mit ihm. Das bereitete mir zunehmend Sorgen. Und da gab er offen zu, dass ihn meine Worte über Schicksal und Fügungen Eluives nachdenklich stimmten. Er hatte im Vorfeld nicht darüber nachgedacht und es war ihm in diesem Moment bewusst geworden. Es hatte alles irgendwo einen Sinn und seine Bedeutung. Ich hatte bereits mehr Zeit gehabt, über all das nachzudenken. Er war sichtlich, nunja, verwirrt konnte man es nicht nennen, aber der Punkt nahm doch recht viel seiner Gedanken ein. Ich versuchte ihn zu beschwichtigen, indem ich erwähnte, dass es ja auch Zufall hätte sein können. „Einmal wäre vielleicht Zufall gewesen oder zur Not auch noch ein zweites Mal. Aber dass wir uns beinahe täglich über den Weg laufen, hat für mich nichts mehr mit Zufall zu tun.“
Es hatte vermutlich wirklich nichts mehr mit Zufall zu tun. Vielleicht sah Eluive wirklich einen bestimmten Sinn darin, dass wir uns so oft begegneten. Vielleicht führte uns auch das Schicksal zueinander, vielleicht aber auch die unterbewusste Hoffnung, den jeweils anderen zu sehen. Vielleicht würde diese schicksalhafte Aneinanderreihung unserer Begegnungen auch wieder enden. Aber selbst dafür wusste er eine Lösung, denn in dem Fall würde er einfach wieder seinen Weg in mein Familienviertel finden.

„Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass ihr ein gern gesehener Gast seid.“
Das war er wirklich. Auch für das Haus. Immerhin war es doch eine Ehre, wenn ein Omar immer wieder zu einem auf Besuch kam. Aber ihm ging es gar nicht vorrangig um die Gastfreundschaft. Dieser Satz ließ mich schmunzeln. Viel mehr konnte er mir nicht sagen, viel mehr nicht zeigen. Er kam gerne zu uns. Und einer der Gründe war ich. Ich versprach ihm, beim nächsten Mal noch einige schöne Orte zu zeigen, die das Viertel ausmachten. Wobei er vom letzten Platz, an dem wir zuvor gesessen waren, schon angetan war. Ich freute mich darauf wie ein kleines Kind.

„Ich hoffe ihr wisst, dass ich jeden Moment genieße.“
Ja, ich lehnte mich weit aus dem Fenster. Aber es war immerhin die Wahrheit. Jeder Moment in seiner Anwesenheit wurde irgendwie zu etwas ganz Besonderem. Nicht einmal, weil ich so fühlte, wie ich fühlte. Sondern auch, weil ich mich mit ihm über ganz andere Dinge unterhalten konnte als mit den meisten meiner Familie. Als er meinte, dass er nun auf jeden Fall wüsste, dass es sich auf Gegenseitigkeit beruhen würde, hätte ich für einen kurzen Moment die Welt umarmen können. Etwas Schöneres gab es für mich in dem Moment kaum. Es störte mich für diesen Moment auch nicht, dass er sich verabschieden musste. Denn er hatte mir für den Tag so viel geschenkt. Dinge, von denen ich niemals gehofft hatte, sie geschenkt zu bekommen. Als wir uns verabschiedet hatten und er zum Palast ging, sah ich ihm noch nach. Was hatte er, was mich so faszinierte? Er sah zu mir zurück und schmunzelte. Unter meinem Schleier bildete sich ein zartes, einfühlsames Lächeln. Wenn all das vorher nicht schon mein Herz in einem gewissen Maße berührt hätte, wäre ich heute an dem Punkt angelangt.

Der Weg zurück war nicht sonderlich weit, aber er kam mir vor, als würde ich tausende an Meter zurücklegen. Ich war in Gedanken und diese ließen mich lächeln. Zuhause angekommen kümmerte ich mich zunächst um die Tiere. Im Haus selbst schien es ruhig zu sein. Mein weiterer Weg führte mich zu den Bäumen und Palmen im Garten, deren Früchte ich aufsammelte. Gestern war eine weitere Cousine angekommen. Seit ihrer Ankunft hatte ich sie nicht mehr gesehen. Sie schien aufgeweckt zu sein. Und von ihrer Reise noch etwas verwirrt. Aber dennoch, sie war heil zuhause angekommen, das war das Wichtigste. Ich hatte sie auch gleich mit dem Nötigsten versucht und hoffte, dass sie sich zurecht fand. Für den Augenblick, an dem sie kam, hatte ich nicht viel Zeit und meine Gedanken waren tatsächlich woanders.

Meine Gedanken gingen weiter zu Samira. Ich wusste nicht, wo sie abgeblieben war. Sie war von jetzt auf gleich wieder verschwunden und ich sorgte mich schon ein wenig. Auf der anderen Seite konnte ich mir gut vorstellen, dass ihr das Familienleben zu viel wurde. Und auch, dass immer wieder das Thema um Abbas und Laila fiel. Mir passte es ja selbst nicht, dass wir immer und immer wieder zum Thema gemacht wurden. Wo steckte sie nur? Auch Nadim hatte ich nach unserem letzten Gespräch nicht mehr gesehen. Aaminah hatte ich zuletzt am Tor gesehen, als sie Cihan verabschiedet hatte. Ich lief in dem Moment Abbas in die Arme, welcher scheinbar zu mir wollte. Er wollte sich versichern, dass es mir gut ging. Weil er dachte, wir wären nicht wirklich im Guten auseinander gegangen und mir wäre es nach dem letzten Gespräch nicht gut ergangen. Ich war nachdenklich an dem Tag, da hatte er recht. Weil ich langsam Angst hatte, dass er niemals etwas für mich empfinden konnte. Und ich wurde so sehr an die Worte meiner Mara erinnert, die mir immer wieder gesagt hatte, dass ich mich selbst nie allzu schnell meinen Gefühlen hingeben durfte, da ein Mann ein Jäger war. Erlegte Beute war nicht das, was ein Mann haben wollte. Er wollte jagen. Ich wusste nicht, ob es weitere Gespräche mit der Familie nach sich ziehen würde, weil viele einiges anders sahen als ich und ich offensichtlich mit Abbas wieder meine Zeit verbrachte. Aber das würde ich sehen.

An dem Abend hatte ich ihm letztendlich auch gezeigt, was Ajdina, seine Stute, bereits konnte. Er war begeistert davon, hatte seiner Stute nicht so viel zugetraut. Es war mir schwergefallen, einen Gedanken daran zu verschwenden, sie ihm wieder zu geben. Weil mir der Gedanke im Herzen weh tat. Ich hatte die Stute lieb gewonnen, aber was seines war, würde auch seines bleiben. Er selbst hatte wohl gesehen, wie gut wir harmonisierten. Weswegen er sie mir überließ. Ich wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen. Er machte mir damit solch eine Freude. Aber das durfte ich nicht. Selbst wenn wir unter uns gewesen wären, hätte ich nicht gewusst, wie er darauf reagiert hätte. Er war ja nun auch nicht irgendwer. Aber selbst da hätten all meine Zweifel hinfort sein sollen, dass ich nur irgendeine Natifah für ihn war. Rückblickend gab es wohl mehrere Momente, in denen er mir schon mehr mitgeteilt hatte, als ich selbst gehört hatte. Manchmal bedarf es eben auch bei mir deutlichere Worte, denn selbst eine sprachbegabte Geschichtenerzählerin hatte hier und da einmal eine Phase, in denen sie eben nicht alles verstand. Ich schüttelte den Kopf und riss mich aus meinen Erinnerungen. Ich ging die Treppen hinauf in mein Zimmer und setzte mich auf ein Kissen. Ich war ihm so nah... und doch so unglaublich fremd.
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 9. Mai 2014, 23:16, insgesamt 5-mal geändert.
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Die Recherchen zu dem Gründerstamm der Ifrey hatten mich die ganze Nacht wach gehalten. Ich hatte den ganzen Tag über schon Bücher und Chroniken gesucht und ich war mir sicher, dass ich alsbald etwas finden würde. Allzu schwer konnte das nun ja nicht mehr sein.

Ich blätterte Buch für Buch durch, Seite für Seite wurde von mir neugierig verschlungen. Ich fand Erzählungen aus der Vergangenheit, die mich doch überraschten. Dennoch hielt ich mich nicht lange mit Nebensächlichem auf, ich suchte nach den Gründern. Nach Männern und Frauen, die Saajid begleitet hatten.

Natürlich erwischte ich mich auch dabei, wie ich gedankenverloren zur Türe sah und mir erhoffte, dass es an der Tür klingelte. Ich ertappte mich dabei, wie ich hoffte, er würde mir begegnen, als ich für einen kurzen Moment zur Oase ging. Hatte ich vielleicht doch Recht gehabt damit, dass diese schicksalhaften Begegnungen abreißen würden? Ich versuchte meine Konzentration wieder auf die Bücher zu legen. Ich massierte mir kurz meine Tränensäcke, dann atmete ich tief ein und las weiter.

Zuvor hatte ich Aaminah noch in der Küche getroffen. Wir tanzten ein wenig, das Haus war leer, alle waren bereits schlafen. Wir konnten also tanzen. Im Anschluss unterhielten wir uns noch. Sie hatte Angst, dass ich irgendwann auch einfach fort war wie viele ihrer Cousinen, die das Haus verlassen hatten. Sie erzählte mir, dass sie schon zwei Mal ihre Liebe verloren hatte. Da war es nur zu verständlich, dass sie nicht wieder jemanden nah an sich heranlassen wollte, nur, um denjenigen dann im nächsten Moment wieder zu verlieren. Ich beruhigte sie. Selbst wenn es jemanden gäbe, würde ich nicht von heute auf morgen weg sein. Sie lächelte daraufhin beruhigt und beinahe dankbar.

Im Anschluss verabschiedete sie sich. Sie wollte ins Bett und ich musste noch ein wenig weiter recherchieren. Aaminahs Worte hingegen ließen mich nachdenken. Würde es irgendwann soweit kommen, dass er hier stand und mir wirklich sagen würde, dass ich ihm wichtig war? Er zeigte es mir auf eine merkwürdige Art und Weise, verhalten aber doch eindeutig, wenn man zwischen den Zeilen lesen konnte. Würde der Tag irgendwann kommen, an dem wir einen vertrauteren Umgang miteinander hatten? Ich wagte es immer noch nicht, „Du“ zu ihm zu sagen. Das war unangebracht, auch, wenn uns vielleicht längst mehr verband. Ich biss mir kurz auf die Unterlippe. Warum war er immer, IMMER in meinen Gedanken? Aber das Thema ließ mich nicht los. Ich hatte ihn mit meinen Worten über das Schicksal verwirrt. Das war nicht meine Absicht, allerdings brachten sie mich auch erneut zum nachdenken. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, fehlte er mir. Ich hatte wirklich zum ersten Mal in meinem Leben Sehnsucht. Ich konnte all die Gefühle nicht einordnen, nicht sortieren. Ich war wirklich verwirrt. All die Sorgen, die Gefühle. Die Ängste und die Höhenflüge. Ich träumte sogar von ihm. Ich pustete die Luft etwas aus und streckte mich durch. Und blätterte in dem Buch weiter.

Auf der nächsten Seite fand ich, wonach ich gesucht hatte. Hier standen einige Namen. Ibrahim Ifrey, Saafir Ifrey, Huseen Ifrey. Ich war auf etwas gestoßen, die Konzentration lag wieder voll und ganz auf den Büchern. Ich durchforstete weiter. Diese drei waren wohl Brüder. Nur welcher von ihnen war nun der wirkliche Gründer? Wen hatten wir hier während der Expedition gefunden? Es würde noch eine längere Nacht werden. So viel war sicher. Aber ich würde des Rätsels Lösung finden.
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        • "Der beste Beweis der Liebe ist Vertrauen."
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In den letzten Tagen war so viel Merkwürdiges geschehen. Mein Gefühlsausbruch vor Abbas, der Gedanke daran, all das, was ich eigentlich gar nicht hatte, frühzeitig verloren zu haben. Auf meine ehrlichen Worte reagierte er verhalten, gar verwundert. Aber ich konnte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr schweigen. Er war so anders als viele andere. Ich sah in seinem Blick mehr, auch in seinen Worten erkannte ich mehr. Aber er tat sich so schwer, genau das zu zeigen. So viele Gedanken in meinem Kopf. Warum machte ich mir so viele Gedanken? Ich musste mich in Geduld üben.

Als er nach DIESEM Tag wieder vor mir stand, wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte. Er war an dem DIESEM Abend so kalt gewesen. So anders. Ich war mir unschlüssig, ob ich mich zurückziehen sollte. Oder ob ich weiter kämpfen sollte. Aber ich war eine Natifah. War nicht eigentlich er derjenige, der kämpfen sollte? Ich wusste es nicht. Ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass er mir nichts wert war. Denn das stimmte so nicht. Es verband uns etwas. Was das genau war, wussten wir vielleicht beide noch nicht so ganz. Aber als er hier wieder vor mir stand, war es das erste Mal, dass ich meine Gedanken nicht sofort sortieren wollte und konnte. Er wollte mit mir reden. Was wollte er mir sagen? Dass er nicht wiederkommen würde? Aber wozu wäre er dann noch einmal zurück gekehrt? Er hätte einfach alles im Sand verlaufen lassen können.
Als er mir eröffnete, dass er mich, meine Anwesenheit in den letzten Tagen vermisst hatte, war ich anfangs noch immer skeptisch. Er war schwierig, sehr schwierig und er trieb mich sogar in den Wahnsinn. Aber ich wäre nicht ich selbst gewesen, hätte ich es nicht zu unterdrücken gewusst. Manchmal wünschte ich mir, dass ich innerhalb der Familie jemand hätte, mit dem ich über all meine Gedanken und Sorgen reden konnte. Aber das war nicht so einfach. Ein so dickes Band hatte ich bisher mit noch niemandem geknüpft. Samira, die mich vielleicht als einzige verstanden hätte, war fort. Wo auch immer sie war, ich hoffte, es ging ihr gut.

Und dann war da Abbas. Ein verschlossenes Buch, aus dem ich nicht lesen konnte. Tiefgründig und unberechenbar. Ich konnte nie sicher sagen, was er dachte, was er fühlte. Er bewahrte immer ein wesentliches Stück an emotionaler Distanz, aber auf der anderen Seite zeigte er mir genau, dass ich ihm wichtiger war als viele andere. Es war verblüffend, ich hatte keine Ahnung, wie er das schaffte. Ich musste alles daran setzen, um zu erfahren, warum er so war. Er wirkte auf mich nicht wie ein Menekaner, der mit seinem Leben wirklich zufrieden war. Aber wie sollte ich das einem Sohn des Hause Omar sagen? Ich versuchte, mehr herauszufinden. Er war davon überzeugt, dass man sich nur auf sich selbst verlassen sollte. Alles andere wäre Zeitverschwendung, am Ende würde man doch wieder allein dastehen. Ich streckte meine Hand nach ihm aus, es war das zweite Mal, dass sich unsere Hände direkt berührten. Ich konnte die Gefühle, die durch meine Adern strömten, nicht ignorieren. Aber ich war eine gut erzogene Natifah und zudem eine gute Schauspielerin. Ich konnte verbergen, wie sehr mich dieser Umstand berührte. Ich führte ihn an den Rand des Strandes, das Wasser berührte teilweise bei starkem Wellengang unsere Füße. Ich wollte etwas mit ihm probieren. Er war davon überzeugt, dass man niemandem vertrauen sollte. Es war mir wichtig, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Ich vertraute ihm. Vermutlich mehr, als all den Weggefährten zuvor, die in meinem Leben waren. Er zweifelte daran. Ich schloss die Augen und ließ mich zurückfallen. Ich wusste, er würde mich fangen. Weswegen ich nicht einknickte. Er fing mich auf und stellte mich zurück auf die Füße. Aber dennoch: Die Zweifel blieben. Es würde viel Arbeit werden, ihn davon zu überzeugen, dass man ihm vertrauen konnte. Und auch er vertrauen konnte. Nicht jeder würde ihn im Stich lassen. Er konnte nicht immer da sein, aber ich wusste, er würde alles daran setzen, um mich mit seinem eigenen Leben zu beschützen. Er hatte das nicht nur einmal bewiesen. Weswegen ich ihn auch darum gebeten hatte, mich am darauffolgenden Tag mit auf das Grünland zu begleiten.

Und ich glaube, genau dieser Ausflug ließ vieles verändern. Ich hatte nicht gedacht, dass ich an dem Tag so Vieles und so Verborgenes von ihm erfahren würde. Aber durch seine Worte, die überrascht kamen, so überrascht, dass ich zunächst stolperte und über meine eigenen Beine fiel, verstand ich umso mehr. Ich konnte seine Sorgen, seine Ängste, seine Bedenken langsam nachvollziehen. Mir war bewusst, welch ein Druck auf ihm lasten musste. Und auf der anderen Seite wollte ich ihm genau diesen Druck nehmen. Er konnte nicht mit ansehen, wie ich seinetwegen zurückwich und stolperte. Er wandte sich ab, sah zum Wasserfall. Ich hatte Mitleid. Mitleid mit ihm, all das musste belastend für ihn sein. Und dennoch war ich so froh, dass er mir das alles erzählt hatte. Ich konnte ihn so besser verstehen. Ich konnte so lernen, mit ihm umzugehen. Am liebsten hätte ich ihn im nächsten Moment in den Arm genommen. Aber nach meinem emotionalen Fauxpas am Tag zuvor besann ich mich eines Besseren. Eine einmalige Umarmung aus lauter Euphorie hatte gereicht. Was tat er da nur mit mir? Ich seufzte leise. Ich würde ihm beweisen, dass ich da sein würde. Immer. Dass er sich auf mich verlassen konnte und ich nicht gehen würde. Ich würde ihn nicht im Stich lassen. Nie.
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 17. Mai 2014, 00:09, insgesamt 2-mal geändert.
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„Damit konnte ich sicherstellen, dass Ihr immer bei mir seid.“
Sein Lächeln war ehrlich. Als ich ihm mein Notizbuch hingehalten hatte und ihm sagte, er solle die letzte Seite aufschlagen, war ihm nicht klar gewesen, was ihn erwarten würde. Ich konnte ihm gar nicht wirklich erklären, in welchem Zusammenhang das Bild stand. Wann ich es gezeichnet hatte. Aber es war auch relativ egal.

Warum mache ich mir solch unnötige Gedanken? Er war gerne bei mir. Er hatte mich vermisst. Mehr konnte ich ihm momentan nicht entlocken. Er hatte sich mir anvertraut, wenn auch unfreiwillig. Und mit dem Vertrauen musste ich nun umgehen. Ich hatte es mir doch so sehr gewünscht, dass er mir vertraute. Diese Berg- und Talfahrten machten mich irgendwann noch verrückt. Ich hatte ihn bei unserem Ausflug gefragt, ob er sich eigentlich sicher war, dass er mich kannte.

[16:00:32] Abbas Wakur Omar: [menek] Ich weiß, dass du sehr feinfühlig bist, eine Schwester und zwei Brüder hast oder hattest da bin ich
[16:01:08] Abbas Wakur Omar: [menek] unsicher. Das du gern Geschichten hörst aber auch selbst erzählst oder zumindest für dich schreibst.
[16:01:48] Abbas Wakur Omar: [menek] Dann das man mit einer einzigen Geste oder einigen Worten wohl deine ganze Welt auf den Kopf
[16:02:04] Abbas Wakur Omar: [menek] stellen kann, sowohl zum positiven als auch zum negativen.
[16:02:58] Abbas Wakur Omar: [menek] Zusätzlich weiß du bestens wie man sich benehmen muss, auch wenn du gestern einmal kurz diese
[16:03:07] Abbas Wakur Omar: [menek] Sachen überwunden hast.

Mit einer einzigen Geste oder einigen wenigen Worten meine ganze Welt auf den Kopf stellen? Sowohl positiv wie auch negativ? Mir war nicht bewusst gewesen, dass er mich in der Hinsicht doch schon so gut kannte. Wir waren wie Feuer und Wasser. Er war derjenige, der mit Worten geizte, der durch kleine Gesten zeigte, was ihm wirklich etwas bedeutete. Und ich? Ich war der rauschende Wasserfall, ständig am plappern und erzählen. Ich ließ mich mitreißen von den Wogen des Lebens. Vielleicht war ich tief in mir drin auch einfach nur immer noch die junge Natifah, die an kleine Wunder glaubte. Und ich war mir sicher, dass Eluive sich etwas dabei gedacht hatte, ihn zu mir zu schicken. Vielleicht versprach ich Genesung für sein Seelenwohl.
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 17. Mai 2014, 13:50, insgesamt 2-mal geändert.
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      • Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern,
        in alle Formen mich kleiden, in alle Sprachen des Lebens,
        • um dir einmal wieder zu begegnen.

        Aber ich denke, was sich gleich ist, findet sich bald.

    • Bild
Wie so oft trugen mich meine Füße heute wieder zur Oase. Zum Einen, weil ich den Ort wirklich liebte, zum anderen, weil die Sonne bald untergehen würde und die Oase in ein wunderschönes Licht tauchte und... weil ich hoffte, Abbas zu sehen. Seit der letzten kurzen Begegnung war wieder ein wenig Zeit vergangen. Die anfängliche, übertriebene Schwärmerei für ihn hatte abgenommen und war zu etwas geworden, wofür ich eine gute Weile gebraucht hatte, um das zu verstehen. Und über den Zustand musste ich doch etwas lächeln. Ich wurde nicht enttäuscht, als ich die Oase betrat. Er saß dort und starrte auf das Gewässer. Oh heilige Eluive, warum musste er nur so sein, wie er war? Mein Herz hüpfte ein paar Mal mehr und ich atmete mit einer wunderschönen Beschwertheit wieder ein. Ich schlich mich an und setzte mich einfach neben ihn. Dass er dadurch erschrak, hätte ich eigentlich wissen sollen, aber ich hatte es nicht beabsichtigt. Ich wollte ihn nur überraschen. Ich lächelte, es war schön, neben ihm zu sitzen und nicht immer nur gegenüber. Das erste Mal, als ich bewusst neben ihm saß, hatte ich kaum den Mut zu atmen. Weil das Gefühl so anders war. Weil da nicht so ein blöder Tisch zwischen uns stand. Neda, wir saßen nebeneinander und uns trennten nur wenige Fingerbreit. Er erzählte, dass er am heutigen Tage noch beim Familienhaus war, aber nur Wahid anzutreffen war. Innerlich fluchte ich leise, da ich genau wusste, dass ich dort war, aber vermutlich wieder viel zu vertieft in meine Bücher, als das ich irgendetwas hätte mitbekommen können. Ich fragte ihn, ob Wahid ihm weiterhelfen konnte. Seine Rüstung zumindest konnte er reparieren, aber er hatte sich auf andere Gesprächspartner gefreut. Ich musste grinsen. So naiv konnte ich gar nicht sein, dass ich nicht genau wusste, auf wen er sich gefreut hatte. Dennoch ließ ich mich auf den Spaß ein und schlug ihm vor, meine Augen nach seinem Gesprächspartner oder seiner Partnerin Ausschau zu halten, wenn er diesen beschreiben würde. Er fing an: „Es handelt sich dabei um eine Natifah. Dunkles Haar, dunkle Augen.“ Das war schonmal etwas, aber da kannte ich schon drei. Aus Erzählungen sogar vier. „Sie ist keine Schneiderin.“ Blieben also noch Shariza und natürlich ich. Und Sharie. Ich münzte es zunächst alles spaßeshalber auf Sharie und erklärte ihm, dass Sharie selten im Haus war und ich ihm nicht viel berichten konnte. „Und bei der anderen?“
- „Diese Laila? Hmm, ich glaube, sie ist momentan am häufigsten im Haus anzutreffen. In letzter Zeit aber eher in den Abendstunden, fürchte ich. Ich habe mir sagen lassen, dass sie derzeit einiges um die Ohren hat.“ Er rieb sich mit der linken Hand den Bart. „Das ist neda so schön, in den Abendstunden habe ich sehr oft Termine.“
Ich musste schmunzeln. Das Gespräch zog sich noch eine ganze Weile hin. Das Ergebnis war zumindest zufriedenstellend für mich. Er wollte zu mir, er vermisste unsere Gespräche scheinbar ebenfalls. Und er vermisste mich, meine Anwesenheit. Er fragte mich, ob ich in letzter Zeit unzufrieden gewesen war. Ich wusste nicht, ob es Unzufriedenheit war, aber so richtig komplett zufrieden? Neda, das war ich nicht. Dazu fehlte mir Gewissheit zu einem Thema und des Weiteren fehlte er mir. Er sah mich noch eine Weile an, legte dann letztendlich seinen Blick wieder gedankenverloren auf den Teich. Er und seine Gedanken... damit konnte er mich an den Rande des Wahnsinns treiben. Ich fragte ihn, worüber er nachgedacht hatte.
„Ich habe nur für einen Moment darüber nachgedacht, ob mir etwas zur vollen Zufriedenheit fehtl und was dies ist.“, ich fragte weiter nach. „Naja, völlig zufrieden wird man wohl nie sein, denke ich.“ Ich wusste es nicht, aber ich war mir schon ziemlich sicher, dass es möglich war. „Dann war ich das wohl noch nie in meinem Leben.“ Ich seufzte, es wurde Zeit für ihn, dass er vollkommen zufrieden war. Ich kannte nun doch mehr aus seinem Leben, durch seine überstürzte Vertrautheit bei unserem letzten Ausflug ins Grünland hatte ich mehr erfahren, als mir vielleicht lieb gewesen war. Er hatte sich diese vollkommene Zufriedenheit verdient. „Vielleicht, aiwa. Allerdings weiß ich neda genau, was mir alles fehlt um völlig zufrieden zu sein.“ Ich nickte, ich konnte ihm darauf nichts sagen, vielleicht hatte ich sogar eine ganz andere Antwort erwartet. Aber ich wusste, dass ich solch eine Antwort wahrscheinlich nicht einmal von ihm bekommen würde, wenn er sich sicher war, was ihm fehlen würde. „Aber vielleicht können wir das noch zusammen herausfinden.“
„Aiwa, vielleicht.“ Meine Gedanken ratterten im nächsten Moment und sie war selbst dann absolut überrascht bei diesen Worten. Außenstehende hätten sich nun vielleicht gewundert, warum ich mich über genau diese Worte so freute, aber es war nahezu ein Geständnis seinerseits, dass sie ihm was bedeutete und er mit ihr herausfinden wollte, was ihm alles fehlte. Mit ihr. Vielleicht hatte er also auch die Vermutung, dass auch sie zur Zufriedenheit beitragen könnte. Ich schmunzelte, während er meinen Blick mied und zum Teich sah. Ich hingegen sah ihn noch eine Weile an, schmunzelte weiter und sah dann auch zum Teich. „Ob das Wasser wohl kalt ist?“ Ich wollte ihn nicht weiter mit diesem Thema belasten, immerhin wusste ich, dass er nicht gut in so etwas war. Aber ich war mir auch sicher, dass er es lernen würde. Oder irgendwann von ganz alleine konnte. Er musste das Gefühl bekommen, dass er sich auf jemanden, auf mich, voll und ganz verlassen konnte. Dass ich ihn nicht enttäuschen würde und ihn auch nicht wieder allein lassen würde. Irgendwann würde ich mich auch der Angst stellen, der Angst vor dem Wasser. Ich würde eine helfende Hand haben. Er hatte meine Worte verstanden, immerhin sah er recht unsicher auf seine Hände. Dennoch fragte er, wessen Hand hier gemeint war. Ich antwortete ihm darauf, dass es immer darauf ankommen würde, wer mir dabei helfen möchte, meine Ängste zu überwinden, sobald ich dazu bereit war. Aber es würde vermutlich jemand sein, dem ich vertraue. Er war davon noch nicht ganz überzeugt, aber immerhin gab er mir sein Wort, es zu versuchen. Er sprach sehr zögerlich und ich wusste, es kostete ihn sehr viel Kraft, sich so weit für mich zu öffnen. Ich war für diesen Abend auch total sprachlos über das, was er von sich gab. Über diese versteckten Zeichen, die er mir gab. Ich sagte ihm auch genau das. Das ich diesen Umstand schön fand, dass er sich mir öffnete. Auch, wenn diese blöde, höfliche Anrede immer noch zwischen uns stand. „Du hast nie versucht dieses zu ändern.“, gab er mit einem breiten Schmunzeln zurück. Ich konnte das nicht. Ich war gut erzogen, es war mir einmal passiert, als ich in Gedanken war und er von jetzt auf gleich vor mir stand oder vielmehr ich vor ihm. „Ich verstehe. Dann werde ich mich nun verabschieden und wenn du möchtest, erlaube ich dir das 'Du'.

Bäm. Da war er. Der Tag auf den ich gewartet hatte. Es kam alles so unspektakulär und dennoch so schnell. „Ma'salema Abbas, möge die Mara auch über... dich... wachen und dir angenehme Träume schenken.“ Es war so ungewohnt und es kostete sehr viel Mut. Ich würde mich daran gewöhnen müssen. Ich ging aus der Oase und ein zufriedenes Gefühl umgab mein Herz. Das, was er da heute getan hatte, war für mich so viel mehr gewesen als das, was andere darin gesehen hätten. Und ich wusste, dass es das auch für ihn war. Grinsend ging ich zum Basar, ich wollte zu Aaminah. Immerhin hatte ich versprochen, dem Basar beizutreten.

[… ein paar Stunden später …]

Es war im Moment nicht untypisch gewesen, dass das Haus leerer war. Aber dennoch hatte ich Aaminah am Abend zuvor noch gesehen. Wir waren im Basar, sie hatte mich aufgenommen, ich hatte alle Verträge unterschrieben und eigentlich wollten wir noch ein wenig sprechen. Ich war schon zurück ins Familienhaus gegangen und wollte dort warten. Aber wie es eben so war, überkam mich die Müdigkeit. Ich schlief jedoch nicht lange, wirre Träume rissen mich aus dem Schlaf und ich tigerte durch das Haus. Aaminah war nirgendwo zu finden. Weder in der Schneiderei, weil sie wieder neue Kleider nähte, um sich von den Gedanken abzulenken, wo Issam war. Noch vor der Essenstruhe in der Küche, um sich noch einen Mitternachtshappen zu genehmigen. Ich seufzte.

Irgendetwas stimmte nicht. Mir war wirklich so, als ob irgendetwas nicht stimmte. Es war dunkel und die Nacht war kalt. Wenn ihr irgendetwas zugestoßen war, würde sie am nächsten Morgen unterkühlt sein. Ich schloss die Lider für einen Augenblick. Obwohl ich versprochen hatte, nachts nicht mehr allein in der Wüste zu sein, brach ich dieses Versprechen. Ich musste sie finden, ich musste jeden Winkel absuchen, bis ich sie gefunden hatte. Ich wog ab, ob ich zum Palast rennen sollte, um Abbas zu holen. Aber es war spät, ich wusste nicht, ob er allzu begeistert davon war, wenn ich ihn aus dem Bett holen würde. Ich ging allein.

Zunächst führten mich meine Schritte zum Basar. Dort brannten noch Kerzen auf den Tischen, aber es war niemand mehr dort. Ich durchforstete jede Ecke, auf mein "Aaminah?" bekam ich keine Antwort. Ich löschte die Kerzen und ging wieder. Eiligen Schrittes rannte ich zur Oase, im Anschluss zum Tempel. Nichts. Keine Aaminah. Ich atmete schwer durch. Wo konnte sie nur sein? Ich rannte vom Tempel wieder zur Stadt hinab und sah zum Tor. Der Wind in der Stadt war schon penetrant, der Wind in der Wüste würde noch viel penetranter und kälter sein. Ich rannte zurück zum Haus und band meine Stute los. Ich hatte sie von Abbas und da ich mir sicher war, dass er immer auf mich aufpassen würde, würde auch sie das tun. Ich ritt im wilden Galopp los.

Die Sicht war durch den aufwirbelnden Sand immer wieder erschwert. Es waren keine Sandstürme, nur der normale Wind, mit dem man nachts in MenekUr zu kämpfen hatte. Er war kalt und die Sandkörner verkrochen sich in jeglicher Ritze der Kleidung. Schützende Kleidung war wichtig, ansonsten tat der Sand irgendwann auf der Haut weh. Ich war eine Weile unterwegs und ich wäre auch beinahe an ihr vorbei, hätte ich nicht nochmal in die Richtung gesehen. Doch da lag sie. Das Kopftuch kaum mehr auf dem Gesicht, die Haare um den kompletten, gekrümmten Körper gewickelt, der Sand hatte ihre Füße leicht bedeckt. Ich wendete meine Stute und sprang aus dem Sattel. "Aaminah!"

Meine Füße trugen mich rasch zu ihr und ich legte schützend meine Arme um ihren Körper. Sie schlief tief und fest, zumindest hoffte ich das und meinte auch, ihren Brustkorb noch atmen zu sehen. "Was machst du nur?", flüsterte ich leise und sah zum Pferd. Ich war nicht die Stärkste, aber in Notsituationen entwickelten selbst Natifahs eine enorme Kraft. Ich konnte Abbas in den nächsten Tagen erst einmal danken, dass er mich so oft mit in die Höhlen genommen hatte, denn dadurch hatte ich noch ein wenig an Kraft zugelegt. Ich versuchte, ihren Körper anzuheben. Schlafende Körper ohne jegliche Spannung waren wie schwere, sperrige Sandsäcke. Es war nahezu unmöglich, den Körper dieser schlafenden Prinzessin auf einmal auf das Pferd zu hieven. Oh Mara, es kostete so wahnsinnig viel Kraft, aber letztendlich hatte ich es geschafft.

Zuhause angekommen war es schwieriger. Ich musste sie vor dem Haus vom Pferd ziehen und in den Sand gleiten lassen. Ich wusste nicht, ob ich das herabfallende Gewicht stemmen konnte und wenn sie auf dem Asphalt im Haus aufgeschlagen wäre, hätte das fiese Auswirkungen haben können. Also schickte ich meine Stute wieder zurück in den Stall, sie folgte sogar aufs Wort. Der Stallbursche kümmerte sich um sie, während ich Aaminah irgendwie ins Haus brachte. Ich konnte sie unmöglich die Stufen alleine hoch hieven, weswegen ich ihr in der Heilerstube ein Bett aus Fellen und Kissen errichtete. Dort bettete ich den nicht gerade lebendigen Körper und holte frisches Wasser. Zunächst richtete ich ihre Kleidung und befreite sie von dem lästigen Sand. Verletzungen hatte sie keine. Auf das kühle Wasser reagierte sie auch mit leichtem Seufzen. Was mich zumindest für den Moment beruhigte. Nichts desto trotz blieb ich die komplette Nacht an ihrem "neuen" Bett sitzen, auch, wenn ich selbst immer mal wieder einschlief.
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 29. Mai 2014, 18:22, insgesamt 7-mal geändert.
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      • Wahre Freundschaft ist eine langsam wachsende Pflanze.
    • [img]http://37.media.tumblr.com/93f4215b627d1ba9e61f2e557b2c927f/tumblr_n1tlq32SjZ1t9htewo1_500.jpg[/img]
Wer behauptete, dass Gefühle einfach waren, der log ganz dreist. Gefühle waren neda einfach, das wurde mir nun nach langem Nachdenken so bewusst, als hätte ein riesiger Sandsturm die ganze Wüste umgekrempelt. Nach meinem Gespräch mit Nadim fühlte ich mich zwar ein Stück weit freier, aber all die Gedanken kamen wieder. War ich wirklich gut genug für ihn? Wenn ich das wäre, dann würde er sich doch ein wenig mehr anstrengen. Oder neda? Ich hasste diese Zweifel.

Wo war diese unbeschwerte Natifah hin, die sich von nichts ihre gute Laune nehmen ließ? Ich hatte vorhin Worte in den Mund genommen, die mir selbst nicht so bewusst waren: „Ich glaube, ein Stück dieser unbeschwerten, lebensfrohen Natifah ist in all dem Ganzen verloren gegangen.“ War es wirklich so? Auf der einen Seite machte es mich so glücklich, wenn er bei mir war, wenn er sich immer weiter öffnete. Auf der anderen Seite war da dieser Teufel namens Ungeduld. Ich fühlte mich so wohl in seiner Nähe, ich wollte diese Glücksgefühle haben, wie sie alle Natifahs hatten, wenn jemand um sie warb. Ich wollte einfach nur glücklich sein und ich fand auch, dass ich das verdient hatte. Umso mehr kam ich ins Nachdenken. Ich wollte ihm zeigen, dass er sich auf mich verlassen konnte. Denn das war wohl seine größte Angst. Aber obwohl er mir so viel in meinem Leben bereits gegeben hatte, hatte er mir so etwas Wichtiges genommen: Meine Unbeschwertheit und die Leichtigkeit meines Seins und meines Denkens. Warum...?

Es hatte so gut getan, ihn zu umarmen. Auch, wenn es nur für wenige Augenblicke war. Ich genoss es, wenn sich unsere Finger zufällig einmal berührten. Ich hatte es in vollen Zügen genossen, als er mit mir tanzte. Gemeinsam tanzten wir uns in eine ganz andere Welt. Ich wollte aber in seine Welt. Ich wollte ein Teil seiner Welt sein. Natürlich wollte er mit mir herausfinden, was ihm zu seiner vollkommenen Zufriedenheit fehlte. Aber war das so einfach? Er hatte mir so unendlich weitergeholfen, aber ließ er sich auch von mir helfen? Es tat mir weh, ihn manchmal so zu sehen. So verschlossen und so verbissen, seine Augen verborgen vor all dem Schönen, was diese Gefühlswelten mit sich bringen konnten. Ich hasste mich dafür, dass meine Laune wechselte zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Wann würde dieses Spiel, war es überhaupt ein Spiel?, ein Ende nehmen? Wann durfte ich einfach nur glücklich sein? Wann würde er derjenige sein, der um mich kämpfen würde? Musste ich doch erst gehen, um ihm zu zeigen, dass ich ihm fehlen würde? Ich wusste es nicht. Nachdenklich legte ich den Kopf auf meinen Armen ab. Wenn es nur irgendetwas gab, womit ich ihm all das erleichtern konnte. Aber ich konnte ihm nicht einmal zeigen, wie sehr es mich manchmal verletzte. Denn selbst Tränen verwirrten und verunsicherten ihn, so sehr, dass er lieber flüchtete als diesem Kummer nachzugehen. Abbas Wakur Omar, du bist ein Buch, dessen Seiten ich noch nicht vollständig lesen kann...
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 1. Juni 2014, 14:20, insgesamt 2-mal geändert.
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Wenn man ein Buch mehrmals liest, auch zwischen den Zeilen liest, dann versteht man dessen Sinn. Man beginnt, dieses Buch aus einem ganz anderen Licht zu sehen. Man versteht. Ich schlug mein Tagebuch zu. Aiwa, ich führte ein Tagebuch und es war an einem äußerst sicheren Ort versteckt – so schnell würde das niemand finden. Selbst ich musste immer wieder einmal danach suchen, weil ich es vergessen hatte, an welchen Ort ich es nun gelegt hatte. Früher ging ich sogar soweit, dass ich es in einem Blumentopf vergraben hatte, nur, damit es mein großer Bruder nicht finden konnte. Mein großer Bruder. Ich seufzte, denn ich vermisste dieses Scheusal sehr. Er würde nun neben mir sitzen und mich auslachen.

Ein sachtes Schmunzeln huschte über meine Züge. Meine Gebete an die Mara bestanden in letzter Zeit meist daraus, sie darum anzuflehen, ihm ein bisschen Zeit zu schenken, die wir gemeinsam verbringen konnten. Sein kurzer Besuch am Vortag war nicht das, was ich als viel interpretierte. Kaum war er da, kaum saßen wir unter dem Pavillon im Garten, da musste er auch schon wieder fort. Es war nervig, demütigend und anstrengend zugleich, immer auf die Person warten zu müssen, die man so gern hatte. Aber es half nichts: Vielleicht musste auch ich jetzt etwas in meinem Leben lernen. Etwas, was ich niemals dachte, dass ich es wirklich noch irgendwann lernen müsste: Geduld haben. Ich war schon so froh, dass er sich mir geöffnet hatte, dass er mir vertraute. Aber dennoch.. manchmal wünschte ich mir, dass er noch ein weiteres Stück aus sich herauskam. Mir zeigen konnte, dass ich ihm wichtig war. Also, auf eine andere Art und Weise. Wobei... auf welche Art und Weise sollte er es denn zeigen? Wäre ich selbst nicht meist so unsicher, was ihn anging, würde ich mich gar nicht beschweren können. Kopfsache, Laila. Kopfsache. Meine Gedanken machten mich in all dem, was zwischen uns war, am meisten wahnsinnig.

Der Abend am nächsten Tag versprach mehr Zeit. Ich war dankbar ihn zu sehen. Ich fragte schon gar nicht mehr, weswegen er hergekommen war, denn irgendwie war der Grund beiden klar, aber keiner wollte ihn so recht aussprechen. Ich packte schnell eine Tasse Mocca auf ein Tablett, etwas zu Essen fand ebenso den Weg auf das Tablett. Er beobachtete mich dabei, indem er sich in den Torbogen zur Küche stellte. Ich musste unter meinem Schleier kurz etwas schmunzeln, es hatte etwas Vertrauteres als das Warten im Vorraum. Ich sah zu ihm zurück. „Ich dachte schon, du kommst mir zur Hilfe.“, scherzte ich, woraufhin er schmunzeln musste. Ich nahm das Tablett mit mir und wir verschwanden durch die Hintertür ins Freie und setzten uns unter den Pavillon. Obwohl so viele Gedanken durch meinen Kopf huschten, konnte ich es so sehr genießen, dass er hier war.

Als wir beide nebeneinander unsere Plätze gefunden hatten, fragte ich ihn, wie es ihm ging. Nicht nur als Floskel, es war mir wirklich wichtig zu erfahren, wie es ihm ging. Einige Dinge bereiteten ihm Bauchschmerzen, aber dies war scheinbar nichts besonderes und er lenkte die Frage gleich auf mich um. Ich konnte ihm nicht viel mehr berichten. Ich war für den heutigen Tag zufrieden. Immerhin hatte die Mara mir meine Wünsche erfüllt. Und ich konnte sehr viel erledigen und auch meine Gedanken konnte ich in eine gute Richtung sortieren. „Das hört sich nach einem nachdenklichen Nachmittag an.“

Nachdenken ging bei mir immer nebenbei. Es war meist auch gar nicht so schlimm, wie es meist klang. Er selbst mochte es nicht, allein zu sein und über alles nachdenken zu müssen. Ich fragte mich und dann auch ihn, wovor er Angst hatte. Er antwortete, er habe keine Angst, aber er empfand das Gefühl als unangenehm. Und man würde sich meist nur ärgern, weil die Gedanken unnötig waren. Ich war überrascht. Es gab aber doch auch schöne Gedanken. „Das stimmt schon, doch meist sind diese zu selten.“

Zu selten... Vielleicht sollten wir das ändern. Vielleicht sollte er schöne Momente erleben, um schöne Gedanken zu bekommen. Dann konnte er sich über diese Gedanken freuen. Er konnte einem manchmal wirklich Sorgen bereiten. Aber irgendwie waren wir uns da sehr ähnlich, was unser allgemeines Verhalten anging. Vielleicht mochte ich ihn deswegen so. Im Grunde hatten wir beide vor den gleichen Dingen Angst: Uns vollkommen zu öffnen und fallen zu lassen, die Angst, jemanden zu enttäuschen und die Angst, dass uns jemand im Stich lässt. Wenn ich ihm das nur einmal so sagen konnte. In meinen Gedanken war immer alles so klar, aber wenn er dann hier war? Dann fehlten mir die klaren Worte, er verwirrte meinen Geist positiv und manchmal war mir so, als würde ich nur wirres Zeug von mir geben. Ihm fehlte einfach das tiefe Vertrauen zu nahestehenden Personen.

„Darf ich dir eine Frage stellen?“, fragte ich. Ich wusste nicht, was mich in dem Moment schon wieder geritten hatte. Aber wir waren uns mittlerweile so vertraut, dass ich vor kaum etwas noch zurückschreckte. „Glaubst du, du kannst mir jemals so vertrauen...“, ich atmete kurz durch. „Dass du dich komplett fallen lassen kannst?“
„Ich weiß es neda, ich vertraue dir im Moment schon so wie kaum einem anderen. Zudem, was meinst du mit fallen lassen?“, ich dachte nach. Wie sollte ich ihm das denn beschreiben? Wie sollte ich ihm erklären, dass ich hoffte, dass wir eben _dieses_ Vertrauen zueinander aufbauen konnten, auf dem so viele andere auch aufbauten? „Ich weiß neda, ich meine, dass du dich wirklich in meiner Anwesenheit wohl fühlen kannst...“; ich wusste es nicht besser auszudrücken. Immerhin wollte ich ihn auch nicht überrumpeln. „Ich fühle mich wohl in deiner Anwesenheit. Wie kommst du darauf, dass es anders wäre?“

Bei Eluive, zu viele Fragen. Ich wusste es doch selbst nicht, wie ich darauf kam. Ich suchte vielleicht einfach nur nach der Bestätigung, dass ich mir nichts einbilden würde. Ich war unsicher. Und er fragte mich, was mich so unsicher machte. Aber ich konnte darauf nichts sagen. Ich wusste, dass die Unsicherheit damit zusammen hing, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ihm zu genügen. Dass ich Angst hatte, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem er einfach gehen würde und nie wieder zurückkommen würde. Ein Gedanke, der mir beinahe die Tränen in die Augen treiben konnte. Ich sagte ihm, dass ich daran zweifelte, ob ich jemals gut genug sein konnte. Mehr meiner Gedanken konnte ich ihm allerdings nicht anvertrauen. Es ging nicht. Ich versuchte schnell, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Also fragte ich ihn, ob er nicht manchmal neugierig war, was sich hinter dem Schleier verbarg. Natürlich hatte er bei dem Tanz die Umrisse meiner Gesichtszüge sehen können. Aber so wirklich mein ganzes Gesicht gesehen? Das hatte er noch nicht. Er legte seinen Kopf ein Stück weiter nach vorn und sah mir ins Gesicht. „Aiwa, natürlich interessiert es mich. Aber ich weiß auch, was sich gehört und was leider nicht.“ Ich musste schmunzeln. Ich war froh, eine Natifah zu sein. Ich hatte das Glück, dassich seine Gesichtszüge in vollem Maße genießen konnte. Das war wirklich ein riesiger Vorteil.

„Wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre das?“
Ich wusste gar nicht, was mit mir los war, dass ich solche Fragen aus dem Ärmel schüttelte. Er konnte mir auf Anhieb gar nicht wirklich eine Antwort auf die Frage geben. Stattdessen gab er die Frage wieder an mich zurück. Die Frage war wirklich nicht leicht. Natürlich stand er momentan sehr im Vordergrund. Ein Wunsch war mit Sicherheit, dass er irgendwann vor der Tür stehen würde, neda, um mich zu sehen, sondern um Machmuth zu sehen. Und das nur aus einem ganz bestimmten Grund. Sah ich aber von diesem Wunsch ab, von dem ich ihm aktuell auch noch gar nicht erzählen wollte, fehlte mir im Moment ein wenig der Sinn. Ich hatte weder im Haus noch im Basar wirklich viel zu tun. Ich fühlte mich nutzlos; ein Gefühl, welches nicht zufriedenstellend war. Ganz im Gegenteil. Die Langeweile, die dadurch aufkam, war erdrückend. Abbas kam auf die Garde zu sprechen. Die Garde, ja. Ich hatte Machmuth seither noch nicht sprechen können und ich wollte nicht ohne Erlaubnis in die Garde gehen. Abbas schlug mir auch vor, mich an Nazeeya oder Anisah zu wenden, um im Tempel zu helfen. Das wäre mit Sicherheit eine Lösung, aber ich wusste nicht, ob ich den Beiden nicht mehr Last sein würde. „Es ist momentan kein schönes Gefühl, so nutzlos zu sein und nicht gebraucht zu werden. Würde es wem auffallen, würde ich nun einfach wieder verschwinden?“

„Aiwa, mir würde es auffallen. Und Aaminah sicherlich.“ Ich seufzte. Ich wusste es nicht, ob es ihr tatsächlich so schnell auffallen würde. Sie war so seltsam in letzter Zeit. „Also ich für meinen Teil würde dich sehr vermissen und es würde mir auffallen.“; er wusste gar nicht, wie sehr ich mich darüber freute, genau das zu hören. Vielleicht war mir das im Moment auch das Wichtigste: Dass ich ihm fehlen würde. Er fragte mich, ob ich etwas anderes erwartet hatte. Ich hatte gehofft, dass es so war, wie er sagte. Aber erwartet? Erwartet hatte ich es nicht. Er war manchmal ein verschlossenes Buch und obwohl ich gerne und viel las, war er immer wieder eine Herausforderung. Er schmunzelte auf meine Worte hin und meinte kleinlaut, dass das unabsichtlich sei, aber Herausforderungen ja doch etwas Schönes waren. Ich wusste nicht, was ich von den Worten halten sollte, da ich mich selbst als sehr leicht zu lesen empfand. Er hingegen empfand das nicht so. „Sonst hätte ich dich wohl auch nicht so oft mit schlechter Laune zurückgelassen.“; ich musste wieder schmunzeln. Vielleicht war das aber auch einfach nur das allgemeine Kommunikationsproblem zwischen Natifah und Mann. „Aber ich muss ehrlich zugeben... obwohl du manchmal der komplizierteste Mann bist, der mir je begegnet ist.. ich bin dankbar, dass es dich gibt.“ Sein Haupt legte sich leicht schräg, er sah mir mit einem Schmunzeln auf den Lippen entgegen. „Ich bin auch froh, dass es dich gibt und das wir uns begegnet sind.“; zunächst musste ich auch schmunzeln, doch dieses verwandelte sich schnell in ein Grinsen. Hoffentlich würde er diese Aussage nie bereuen. Ich erzählte ihm im Anschluss von einem Ort, den ich letztens entdeckt hatte und den ich unbedingt gemeinsam mit ihm besuchen wollte. Ich erzählte ihm, dass ich bei meinem letzten Ausflug durch Zufall auf diesen gestoßen war. „Warst du allein unterwegs oder wie hast du den Ort gefunden?“

Ich räusperte mich dezent und zählte die Fusseln auf dem Teppich. Es war niemand da und ich musste irgendwas tun, bevor mir das Haus auf den Kopf gefallen war. Er konnte mich verstehen, aber er erwähnte auch, dass es gefährlich war und dass er damit nicht ganz glücklich war. Aber wie er selbst sah; mir war nichts passiert. „Darüber bin ich auch sehr froh.“ Ich hatte ihn ja auch noch gesucht, aber er war nicht an den üblichen Orten zu finden. Und ich wollte auch nicht einfach so in den Palast spazieren. Das hätten die Wachen nicht wirklich gerne gesehen. „Ich bin trotzdem froh, dass du wieder heil zurückgekommen bist.“ Ich musste leise lachen. „Unkraut vergeht einfach nicht.“ - „Du bist eine Wüstenblume und kein Unkraut.“ - „Vielleicht mit ein paar Stacheln außen herum, an denen man sich pieksen kann.“ Er sah aus den Augenwinkeln heraus zu mir und schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe diese Stacheln noch neda bemerkt.“ Wir alberten im Anschluss noch ein wenig herum. Ich mochte ihn so. Also, ich mochte ihn auch, wenn er distanzierter war. Aber so? So war mir Abbas lieber. Ich hatte das Gefühl, so langsam aber sicher lernte ich den Abbas kennen, der er wirklich war. Warmherzig, liebevoll, fürsorglich. Taute er wirklich langsam auf, wenn wir beieinander waren? Ich wollte nicht, dass er wieder ging, aber wir hatten für diesen Abend wirklich schon sehr, sehr viel Zeit miteinander verbracht. Er wollte auch nicht gehen. Er musste auch nicht gehen. Ich konnte das noch immer kaum glauben. Es ärgerte mich, dass ich diejenige war, die dieses Mal schwächelte. Aber ich wurde müde. Ich war schon früh am Tag aufgestanden und hatte doch noch einige Dinge erledigen müssen. Wie gerne wäre ich hier die ganze Nacht mit ihm gesessen und hätte über Eluive und die Welt gesprochen? Ihm alles von mir erzählt, damit auch er alles von mir verstand? „Vielleicht treffen wir uns in den nächsten Tagen wieder einmal.“, erwiderte er. Oh nein, das „Vielleicht“ gefiel mir gar nicht.“ Er revidierte seine Aussage sogleich. „Dann treffen wir uns eben bestimmt wieder.“ Mit dem konnte ich mich schon eher anfreunden. Ich wünschte ihm noch eine gute Nacht und sagte ihm offen, dass ich den Abend schön fand. Im Anschluss ging ich zurück ins Haus. Ich ging die Treppen rasch nach oben und konnte noch sehen, wie er das Viertel verließ. Ich seufzte leise. Bei Eluive, was hatte dieser Kerl nur mit mir gemacht? Warum hatte er meine Welt so sehr durcheinander gebracht? Als er verschwunden war, ging ich in Aaminah und mein Zimmer zurück. Was auch immer heute gewesen war, es war etwas magisches. Etwas schönes. Und etwas liebevolles und vertrautes. Etwas, das mir sehr gefiel.
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 5. Juni 2014, 21:34, insgesamt 2-mal geändert.
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