Eigentlich hatte dieser Tag ganz normal begonnen. Vielleicht sogar ein bisschen besser als sonst, denn eine notorische Frühaufsteherin war von Sonnenstrahlen geweckt worden, die Wärme verhießen. Die heiße Jahreszeit ließ noch auf sich warten, aber wie wunderschön war es, nur noch einen leichten Umhang zu benötigen und die zwar zweifellos imposanten, aber eben auch unangenehm schweren Mäntel im Schrank lassen zu können.
Der Duft von Mokka hing schwer und verlockend in der Luft, als sie den Speisesaal betrat. Eigentlich bevorzugte sie eher Tee, aber sie hatte ein Tässchen als Auftakt des Tages mit der Zeit zu schätzen gelernt. Gerade, als sie die erste Erdbeere genoss, betrat ihr Bruder den Raum. Irgendwie war niemand in der Familie ein wirklicher Langschläfer. Seit er in Lichtenthal weilte, hatte sich die geliebte Tradition wieder selbst belebt. Die erste Stunde des Tages waren sie einfach nur Geschwister, die sich austauschten, fern von aller Etikette und Pflicht. Im Anschluss dann erste Sichtung der anstehenden Arbeiten.
Als Mariella sich an ihrem Schreibtisch niederließ - diesmal mit einer Tasse Tee bewaffnet – wartete schon die berüchtigte Liste auf sie. Egal, wie spät Mariella zu Bett ging und egal wie sicher sie hätte schwören können, dass Nyome bereits im Bett war und der Schreibtisch leer, am nächsten Morgen lag sie da. So ganz harmlos und meist sogar gar nicht mit vielen Punkten versehen, war sie nicht selten der Garant für einen langen Tag. Insgeheim hegte Mariella den Verdacht, dass eine gewisse Sekretärin damit heimlich eine latent sadistische Ader auslebte.
Was folgte, lässt sich wohl am besten mit dem Wort „Alltag“ beschreiben: Berichte, Aufstellungen, Anfragen, Beratungen, ehe irgendwer sie (mehrmals) daran erinnerte, dass es an der Zeit für ein leichtes Mittagsmahl war. Dann kamen Besprechungen, eine kurze Besichtigung, weitere Berichte. Zwischendurch eine Teepause, zu deren Durchsetzung eine gewisse Sekretärin irgendwo diese köstlichen Nusskekse mit dem Klecks Konfitüre in der Mitte aufgetrieben hatte.
Der eigentlich normale Tag neigte sich bereits seinem Ende zu, als er aufhörte, sich als normal zu tarnen. Den Auftakt machte der tiefe, melodische Klang der Hausglocke. Generell waren Botenbesuche nichts Besonderes. Auch nicht zu der fortgerückten Stunde. Selbst dann nicht, wenn ihre Kleidung mit dem leuchtenden Blau Dornwalds abgesetzt waren. Aber offenkundige Eilboten, vor allem, wenn alle Berichte für den Monat schon vorlagen, waren dann eben doch nicht so alltäglich. Ein erstes, unruhiges Gefühl zupfte an ihrem Nacken.
Er gab sich erst zu erkennen, als die Türe hinter ihnen geschlossen war. Mariella war dem Edlen van Schwalbensteyn nie persönlich begegnet, aber Freiherr von Eibenstädt, Lehnsherr der Hauptstadt Dornwalds und ihr Vertreter in der Baronie hatte ihn mehr als nur einmal in seinen Briefen erwähnt. Der Edle genoss sein unumstößliches und umfassendes Vertrauen. Es gab eindeutig schlechtere Reputationen.
Nicht ganz eine halbe Stunde später hatte der Edle, der sich in der Tat als sehr kompetenter Berichterstatter erwies, ein Gemach in der Residenz bezogen und zwei andere Boten hasteten durch Adoran.
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Die Nacht war weit fortgerückt. Seit Stunden schon stand der Mond hell und voll am Himmel. Adoran war in sein silbriges Licht getaucht und selbst im Palast waren so gut wie alle Kerzen erloschen. Mariella saß still in ihrem Sessel und beobachtete, wie die Herren sich die Bälle am Tisch zuwarfen. Ihr Bruder und Arenvir waren voll in ihrem Element. Sie beschränkte sich seit etwa einer halben Stunde nur noch darauf, ihnen zuzuhören und dabei die Reaktionen des Edlen zu beobachten. Er kannte die Situation vor Ort. So sehr sie auch den Rat ihres Bruders und sein untrügliches Gespür für verborgene Zusammenhänge schätzte, so gut Arenvir auch die handelnden Personen und ihre Eigenarten kannte, der Edle hatte die aktuellen Geschehnisse hautnah erlebt. Sein Mienenspiel war ihr perfekter Gradmesser, was den möglichen Erfolg der über den Tisch fliegen Gedankenspiele und immer ausgereifteren Taktiken betraf.
Van Schwalbensteyns Ankunft war nicht mehr als ein Lehensgrenzen überschallender Hilferuf. Maximilian von Eibenstädt war ein erfahrener, umsichtiger, nicht ängstlicher, vor allem aber loyaler Freiherr. Er hatte lange versucht, die Wogen zu glätten, doch nun hatte er schweren Herzens seine Grenzen erkannt. Mariella hatte die lebendigen Bilder nicht gebraucht, die sein Abgesandter nutzte, um des Freiherren Zwiespalt zu beschreiben. Wenn von Eibenstädt zu kapitulieren drohte, stand es schlimm. Als wie groß sich die Ausmaße dann entpuppten, hatte ihr dann doch die Sprache verschlagen. Zunächst hatte es danach ausgesehen, als sei die Lösung einfach. Doch wann immer sie sich dem möglichen Erfolg anzunähern glaubten, kam wieder ein Faktor, den sie entweder nicht bedacht hatten oder den der Edle mit einer kleinen Randbemerkung in weite Ferne rücken ließ.
Krieg hatte das so an sich. Krieg war nie einfach nur ein Konflikt, der eskalierte. Er war vielschichtig, verzweigt, tief verwurzelt. In Dornwald war er nun ausgebrochen. Das Problem war: Hier reichte einfache Waffenhilfe nicht. Schwerter würden nichts ausrichten. Jedenfalls noch nicht. Und genau das war es, was um jeden Preis vermieden werden musste. Der Adel war von je her ein Haifischbecken. Achtete man nicht gut auf sich, verlor nur einen Tropfen Blut, wurde der Jagdinstinkt geweckt und manchmal konnte es dann zu einem regelrechten Blutrausch kommen.
Irgendwer hatte Blut gewittert. Der Adel brachte sich in Stellung, schmiedete Bündnisse, wollte die Machtverhältnisse verschieben. An sich nicht sonderlich problematisch. Auch das hatte es in Dornwald immer mal wieder gegeben, wie es in so ziemlich jedem größeren Lehen der Krone wohl schon vorgekommen war. Ehrgeiz wuchs, der ein oder andere versuchte sich zu profilieren und nicht selten führte es zu wachsendem Erfolg für Mensch und Staatskasse.
Schwierig wurde es, wenn dieses Spielfeld verlassen wurde. Wenn Drohungen, Manipulation und Rufschädigungen Ehrgefühle verletzten. Kritisch wurde es, wenn die ersten Übergriffe absehbar wurden, wenn die Sicherheit der Bürger in Gefahr geriet. Von Eibenstädt rief nicht bei Schwierigkeiten um Hilfe.
Im Grunde lag nahe, was passieren musste, aber das Wie war von elementarer Bedeutung, wenn man der Sache dauerhaft Herr werden wollte. Ein schlichtes Wedeln mit dem Zeigefinger würde da allenfalls aufschiebende Wirkung zeigen.
Das Silber des Mondlichts war bereits dem Grau des nahenden Morgens gewichen, als ein Plan alle anderen verdrängte.
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Die untergehende Sonne ließ die Stadt in den schönsten Farben leuchten. Rot, Gold, Orange, ein Hauch von Purpur. Von hier aus schien das ein oder andere Dach regelrecht zu funkeln. Der Wind strich ihr sanft über das Gesicht, zupfte eine Strähne aus ihrer Frisur und spielte damit. Die Welt war so friedlich.
Am Ende war alles sehr schnell gegangen. Zunächst hatte Silvan sie regelrecht gezwungen, ein paar Stunden zu schlafen, während er die nötigen Vorbereitungen traf. Nachrichten wurden aufgesetzt, letzte Instruktionen erteilt. Dann war Mariella vor den König getreten. Am Ende aber hatte er ihr widerwillig zugestanden, dass vermutlich nur so der Ausbruch eines wirklichen Krieges verhindert werden konnte.
Nun stand sie am Heck des Schiffes, das sich langsam aber stetig entfernte. Ihr Blick war auf die Stadt gerichtet, die ihr Zuhause war. Ihre Heimat. Der ihr Herz gehörte. Das Herantreten ihres Bruders nahm sie erst wirklich war, als er in diesem unbeobachteten Moment die Hand auf ihren Rücken legte. Eine simple Geste. Die Stütze, die verhinderte, dass sie die Fassung verlor. Sie hatte wenig mitgenommen, nur ein paar Wachen und eben ihren Bruder. Selbst Arenvir war zurück geblieben, um in Dornwald keine falschen Signale der Bevorzugung zu setzen. Von vielen hatte sie sich nicht einmal persönlich verabschieden können. Sie hoffte, dass die Nachrichten an entsprechenden Personen wenigstens ein bisschen Verständnis wecken würden.
Trotz ihrer Erziehung, trotz der mit Muttermilch eingetrichterten Disziplin, trotz der Hand in ihrem Rücken musste sie sich an die Reling klammern. Sie war kaum noch fähig, ihre Fassung zu wahren. Mit jedem Schluck Wasser, der zwischen sie und Adoran trat, wurde ihr bewusst, was geschah. Wurde ihr bewusst, dass niemand sicher sagen konnte, wann sie ihre Heimat wieder sehen würde.
Haifischbecken
- Helisande von Alsted
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- Registriert: Mittwoch 8. Mai 2013, 05:42
Sie schwankte zwischen sich wiedersprechenden Gefühlen hin und her. Freiherr von Goldenfall hatte die nötige aber undankbare Aufgaben übernommen alle zu informiern, somit auch sie. Irgendeinen dramatischen Einschnitt hatte die Rosthaarige schon gewittert. So wie Wölfe Regen wittern und die Jagd auf später verschieben. Als sie die Residenz betreten hatte und dort das was dort zu sein hatte eben nicht da war, begann sich ihre Stirn zu kräuseln. Als sie neben dem verschwundenen Kleinod nun auch noch feststellt, dass deren Fassung mit verschwunden war, verschwand auch nahezu ihre.
Die abgegebene Erklärung war einleuchtend, auch die Eile die geboten war. Dennoch keimte da das bittere Gefühl selbst nicht da gewesen zu sein, nicht dort wo sie hingehörte. Zudem die bange Frage ob sie nun da war, wo sie hingehörte.
Die hinterlassen Antwort der Herzogin war eindeutig gewesen. Freundliche Worte, sogar warmherzige Worte und dennoch ein unmissverständlicher Befehl. Beiden Frauen war von Beginn an klar gewesen, wo die jeweiligen Prioritäten lagen. Die Helisandes lag beim Regiment und würde dort immer liegen. Die Soldatin hatte Aufgaben zu erfüllen, ihren Dienst zu versehen und sich um die zu kümmern die nun schwankten. Dennoch nach dem das Tagesgeschäft erledigt war, griff sie zu Feder und Pergament. Es würde dauern bis die Zeilen ankamen, vielleicht kamen sie auch nie an. Vielleicht war das Schreiben auch wichtiger als das Lesen.
Temoras Licht mit Euch,
Eure herzögliche Hoheit!
Mit großer Bestürzung habe ich von Freiherr von Goldenfall erfahren, dass Eure Anwesenheit in Dornwald von Nöten ist. Ich habe Eure Worte vernommen und verneige mich für jene vor Euch. Mir bleibt das zu tun, was jeder Soldatin bleibt.
Ich gehorche.
Ich werde dienen.
In meine Gebete schließe ich Euch und die Euren ein, möge Temora fügen, dass sich alles zum Guten wendet. Ich weiß, dass Ihr immer die Kraft haben werdet, das zu tun, was getan werden muss.
Temora beschützt, meine Herzogin, Temora beschützt!
Eure
Helisande
Als das Siegelwachs trocknete, seufzte sie schwer auf und trat hinaus. Ein kleines Blatt zupfte sie von der Ranke an ihrem Haus ab und drückte es in das noch formbare Wachs hinein. Ein Abdruck blieb. Die Empfängerin würde verstehen.
Ein weiterer Bogen wurde gezückt und ein viel kürzeres Schreiben verfasst. Gesiegelt wie das erste.
Temoras Licht mit Euch,
Euer Hochgeboren von Dragenfurt!
Ich fasse mich kurz, denn ich weiß Euch erwarten Aufgaben, die Euch voll binden.
Achtet auf sie. Das ist die einzige Bitte, die ich je an Euch richten werde.
Achtet auf sie, auch der stärkste Stahl kann brechen.
Temora beschützt.
Helisande
Die abgegebene Erklärung war einleuchtend, auch die Eile die geboten war. Dennoch keimte da das bittere Gefühl selbst nicht da gewesen zu sein, nicht dort wo sie hingehörte. Zudem die bange Frage ob sie nun da war, wo sie hingehörte.
Die hinterlassen Antwort der Herzogin war eindeutig gewesen. Freundliche Worte, sogar warmherzige Worte und dennoch ein unmissverständlicher Befehl. Beiden Frauen war von Beginn an klar gewesen, wo die jeweiligen Prioritäten lagen. Die Helisandes lag beim Regiment und würde dort immer liegen. Die Soldatin hatte Aufgaben zu erfüllen, ihren Dienst zu versehen und sich um die zu kümmern die nun schwankten. Dennoch nach dem das Tagesgeschäft erledigt war, griff sie zu Feder und Pergament. Es würde dauern bis die Zeilen ankamen, vielleicht kamen sie auch nie an. Vielleicht war das Schreiben auch wichtiger als das Lesen.
Temoras Licht mit Euch,
Eure herzögliche Hoheit!
Mit großer Bestürzung habe ich von Freiherr von Goldenfall erfahren, dass Eure Anwesenheit in Dornwald von Nöten ist. Ich habe Eure Worte vernommen und verneige mich für jene vor Euch. Mir bleibt das zu tun, was jeder Soldatin bleibt.
Ich gehorche.
Ich werde dienen.
In meine Gebete schließe ich Euch und die Euren ein, möge Temora fügen, dass sich alles zum Guten wendet. Ich weiß, dass Ihr immer die Kraft haben werdet, das zu tun, was getan werden muss.
Temora beschützt, meine Herzogin, Temora beschützt!
Eure
Helisande
Als das Siegelwachs trocknete, seufzte sie schwer auf und trat hinaus. Ein kleines Blatt zupfte sie von der Ranke an ihrem Haus ab und drückte es in das noch formbare Wachs hinein. Ein Abdruck blieb. Die Empfängerin würde verstehen.
Ein weiterer Bogen wurde gezückt und ein viel kürzeres Schreiben verfasst. Gesiegelt wie das erste.
Temoras Licht mit Euch,
Euer Hochgeboren von Dragenfurt!
Ich fasse mich kurz, denn ich weiß Euch erwarten Aufgaben, die Euch voll binden.
Achtet auf sie. Das ist die einzige Bitte, die ich je an Euch richten werde.
Achtet auf sie, auch der stärkste Stahl kann brechen.
Temora beschützt.
Helisande