Umbruch

Geschichten eurer Charaktere
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Raissa Nadeira

Umbruch

Beitrag von Raissa Nadeira »

Into the black you are tracing the riddle
Where no man's been
No turning back
No more lost in the middle
Never again, never again
Once you have opened your eyes
Down in the dark you'll be crossing the line


Mit schnellen Schritten durchmaß sie ihre Wohnung und sah aus dem Fenster. Ungeduld. Wie lange war es her, dass sie ein solches Gefühl erfahren und in vollen Zügen genossen hatte? Wie lange war es her, dass sie wirklich sie selbst gewesen war? Viel zu lange, so viel stand fest. Es hatte viel zu lange gedauert, diese Schockstarre abzuschütteln. Diese Nachwirkungen einer Reise, die sie nicht hatte antreten wollen. Sie lehnte sich an die Wand neben dem Fenster und sah nachdenklich hinaus in die Cabezianische Nacht. Nur zur Überprüfung glitt ihr Blick zur Uhr, ehe ein leichtes Lächeln sich über ihr Gesicht zog. Früher hätte sie diesen Kontrollblick nicht gebraucht. Der Lärm in den Straßen und das zunehmende Gröhlen der Betrunkenen hätte ihr genug gesagt. Es war so oft ihr Schlaflied gewesen, dass sie es kaum noch zählen konnte. Aber das war früher gewesen.

Wenn sie sich heute hier umsah, dann wollte sie nur noch mit dem Kopf schütteln. Wenn sie mit denen sprach, die vom Pack übrig geblieben waren, dann kam sie sich alt vor. Furchtbar alt. Wen wunderte es noch, dass sie sich alle in einen Schlaf zurückzogen, aus dem sie nicht einmal zu erwachen versuchten? Oder, in mancher Hinsicht, auch einfach nicht mehr konnten. Manchmal geschah es noch. Dann ging sie zum Strand und erwartete halb, Jaron am Hafen zu begegnen, das vertraute Krautröllchen zwischen den Lippen. Aber das passierte nicht und sie gab langsam die Hoffnung auf, dass es noch einmal geschehen würde. Manche Dinge veränderten sich, andere schienen dazu nicht in der Lage zu sein. Sie selbst mochte sich verstellt haben, eine weitere Maske über das Gesicht gezogen haben, das niemand sehen sollte. Aber wirklich verändert? Nein, das hatte sie nicht. Das würde sie auch nicht.

Manche hatten noch nicht gelernt, zu heucheln. Schade darum, es wäre leichter gewesen, wenn es so wäre. Ihr Blick glitt vom Fenster ab zu dem Piratenhut, der auf ihrem Tisch lag. Er hatte heucheln können. Kaum jemand so gut wie er. Aber er war tot. Dessen war sie sich sicher. Mehr als nur sicher. Trotzdem würde er sich im Grabe herumdrehen, könnte er sehen was hier geschah. In diesem Sinne war es vielleicht sogar gut, dass er nicht mehr herum lief. Aber sie vermisste ihn. Nicht ständig oder auf eine bestimmte Weise. Es gab nur manchmal einen Punkt, an dem sie sich wünschte, er würde wieder da sein und ihr verdammt noch einmal sagen, was sie tun sollte. Aber eigentlich wusste sie es doch schon, oder nicht? Sie wusste, was Vallas von ihr gewollt hatte. Und sie wusste auch, wie sie es bekommen konnte.

Erneut wanderte ihr Blick zum Fenster hinaus, während sie darüber nachsann, welchen Weg sie zu diesem ganz speziellen Balanceakt wählen sollte. Eine Bestandsaufnahme, natürlich. An allererster Stelle musste sie wissen, wo genau sie nun stand. Umso besser, dass niemand mehr übrig war der sich an sie erinnerte. Abgesehen natürlich von den Nestor-Brüdern und Sim. Beide Fälle waren kein Problem. Nicht diesmal. Alessio? Lebte wohl noch, ließ sich aber nicht mehr sehen. Wer wusste schon, was mit dem war. Svetlana, Jose, Nameha? Alle keine Alternative. Nein, sie würde sich auf das verlassen müssen, was sie hatte. Das Lächeln, mit dem sie nun aus dem Fenster sah blieb auf ihren Lippen bis sie sich abwandte um den Hut wieder zu verstauen. Tief in einer ihrer Truhen versteckt, wo niemand ihn finden würde.
Raissa Nadeira

Beitrag von Raissa Nadeira »

There's a voice and a million answers
To the questions I don't ask
A demon — I've got to contain
When I'm walking through the fen
Gonna deep into the black
There are whispers that I can't restrain


Der Morgen war noch jung. Die Sonne würde draußen noch kaum ihren Weg über den Horizont gefunden haben, da war Raissa sich sicher. Vielleicht würde sich langsam ein matter, silberner Schimmer am Horizont zeigen, der von einem weiteren, klaren Tag sprechen würde. Aber vielleicht war es auch noch dunkel. Vielleicht war auch die Mittagsstunde längst vorüber und der Abend nahte. Zeitgefühl war eine trügerische Sache, wenn man die Außenwelt nicht einmal durch ein kleines Fenster sehen konnte. So viel hatte sie gelernt, einst. Ihr Blick wanderte über die vertrauten Züge des Schlafenden, ohne dass sie die Hand ausstreckte, um ihn zu berühren. Wenn sie das täte, soviel wusste sie, würde sie sich wieder hinlegen. Sie würde das, was sie tun musste einen weiteren Tag aufschieben, ohne dass sich etwas veränderte. Aber etwas musste sich verändern, etwas musste geschehen, wenn sie das zurück haben wollte, was sie verloren hatte.

Ihr Mienenspiel verhärtete sich etwas, als sie zu einem der Stücke herüber ging, die sie aus ihrer eigenen Wohnung hierher gebracht hatte. Eine schmucklose Kiste, alt und angeschlagen wie sie selbst sich an manchem Tag fühlte. Das Schloss und die Messingbeschläge der kleinen Truhe zeugten von den unschönen Zeiten, davon, herumgeschleift und gestoßen zu werden. Sie hätte es sich leisten können, die Truhe zu ersetzen. Aber letzten Endes war es, wie mit so vielen Dingen. Sentimentalitäten hingen an diesem Stück. Ihre Fingerspitzen glitten über die Gravur ihres persönlichen Siegels, dann machten ihre Finger sich am Schloss zu schaffen und der Deckel hob sich lautlos an. Rüstungsteile schimmerten im flackernden Licht, viel zu schwer, um sie noch zu tragen, obwohl sie einst für sie angefertigt worden waren. Sie beachtete die Plattenrüstung kaum, schob sie beiseite und griff nach dem Leder darunter. Es versprach ihr Bewegungsfreiheit und Schutz zugleich, obwohl sie das Gefühl auf der nackten Haut nicht mochte. Vor allem nicht, weil die Rüstung noch immer nicht wieder richtig passte. Er hatte Recht gehabt. Sie hatte zu viel Gewicht verloren. Sie würde schummeln müssen, einstweilen. So lange, bis sie wieder in der Verfassung war.

Stück für Stück legte sie die Rüstung an, zurrte Schnallen und Riemen fest, die seit langer Zeit nicht mehr belastet worden waren. Einstweilen würde sie nicht darauf verzichten können. Würde es auch nicht wollen, das schwor sie sich. Die Truhe schloss sich wieder, mit einem leichten Knall des Deckels, um den sie sich nicht kümmerte. Sie machte sich überhaupt keine Mühe, leise zu sein als sie sich dem Bett erneut zuwandte, ihr Blick erneut über den Schlafenden strich. Sie lächelte flüchtig. Nur ein kurzer Moment, nur ein Augenblick, den sie genießen konnte, ehe sie sich herunter beugte und die neben dem Bett verstreuten Waffen aufnahm. Es war ein merkwürdiges Gefühl, ohne Messer unter dem Kopfkissen zu schlafen. Ohne die griffbereite Pistole unmittelbar neben dem Kopfende ihres Bettes. Aber langsam aber sicher gewöhnte sie sich daran. Langsam aber sicher wurde es leichter. Viel leichter, als sie ursprünglich angenommen hatte. Auch das lag an ihm. Er machte seine Sache wirklich gut.

Behutsam ließ sie die Klingen, scharf wie eh und je, in die dafür vorgesehenen Scheiden an der Rüstung gleiten. Sie liebte das leise, zischende Geräusch von Metall auf Leder, wenn sich die Klingen bewegten. Sei es nun, weil sie sich bewegte oder weil sie den Stahl auch zog. Das hätte sie öfter tun sollen. Aber was vergangen war, das ließ sich nicht ändern. Nicht heute, nicht morgen. Vermutlich nicht einmal in tausend Jahren, wenn sie alle längst vergessen und zu Staub zerfallen waren. Ihr Rücken brannte. Er würde ihr das, was sie tun musste übel nehmen und den ganzen Tag wieder schmerzen. Aber wen kümmerte das schon? Schmerzen waren etwas, das man verdrängen konnte. Oder, wenn sie den Lehren ihrer Kindheit folgte, in Zorn und Hass verwandeln. Aber von beidem brodelte bereits genug in ihrem Herzen und ihrem Verstand. Noch mehr wollte sie nun wirklich nicht hinzufügen.

Es war wirklich verlockend, sich für diesen Moment auf die Bettkante zu setzen, den Kopf an seine Brust zu lehnen und dem Geräusch seines Herzschlages zu lauschen. Es war so verlockend, dass sie dem beinahe nachgegeben hätte. Aber nur beinahe. Wenn sie sich beeilte, würde sie wieder hier sein, wieder Zuhause, bevor er aufwachte. Aber selbst wenn nicht, er würde mehr als genau wissen, warum sie es letzten Endes tat. Eine Entscheidung machte so vieles aus. Sie wusste das. Er ebenso. Und manche Dinge mussten nicht ausgesprochen werden, um wahr zu sein. Sie küsste den Schlafenden kurz auf die Schläfe, nur ganz sanft, genoss es zu sehen, wie er sich im Schlaf regte um sich ihr zuzuwenden. Aber sie konnte kaum warten. Nicht jetzt und nicht an diesem Punkt. Seufzend wandte sie sich ab und machte sich an den gewundenen Aufstieg, der schließlich im Haus endete. Es fiel ihr jeden Morgen schwer zu gehen. Aber es musste sein. Manche Dinge kamen nicht von allein zurück. Um manche Dinge musste man kämpfen.
Raissa Nadeira

Beitrag von Raissa Nadeira »

Behalte keinen Mann bis zum Morgengrauen
Ein Fehler, den sie nicht nur einmal gemacht hatte. Aber noch niemals war er so gravierend gewesen, wie in diesem, speziellen Fall. Bei Vallas hatte sie um die stetige Gefahr gewusst, dass er sie töten könnte. Sie hatte mit der Angst gelebt und ihre Gefühle versteckt. Aber bei Sim hatte sie genau das nicht gekonnt. Alle Masken, alle Schutzmaßnahmen halfen bei ihm nicht. Er kannte sie, kannte sie so gut, wie sie sich selbst kannte. Also hatte sie zugestimmt, hatte ihn geliebt und sich ihm und seinem Schutz anvertraut. Sie war geblieben, Tag um Tag, Morgen um Morgen. Und sie hatte es niemals bereut. Nicht einmal, als sie damit andere vor den Kopf gestoßen hatte. Er war derjenige, den sie wirklich gewollt, wirklich geliebt hatte. Der, den sie nicht hatte verlieren wollen, nicht hatte verlieren dürfen. Die Liebe, die sie nie zu finden gehofft hatte.

Vertraue niemandem - nicht einmal deinem eigenen Schatten
Vertrauen wurde bestraft. So war es immer gewesen. Jedes Mal, wenn sie jemandem vertraute, rechnete sie damit, dass der nächste Tiefschlag kommen würde. Und er war auch immer gekommen, nicht wahr? Bei Vallas, der sich gewagt hatte einfach zu sterben. Bei Alessio, der verschwunden war. Bei Sebastiano, mit dem sie kaum noch das nötigste redete. Nur Sim war anders gewesen. Sim hatte sie vertrauen können, bei ihm hatte sie sie selbst sein dürfen. Ganz ohne Masken, ganz ohne die Geschichten, die man sich über sie erzählte. Er wusste Bescheid über sie. Und unmerklich war aus dem Vertrauen die Situation geworden, in der er ihr Schutzschild geworden war. Ihr Schutzschild - und ihr Geliebter. Der letzte Mensch auf der Insel, dem sie noch wirklich vertrauen konnte.

Häng dein Herz nicht an Kameraden
Vertrauen - das konnte man rechtfertigen. Längere Zeit mit jemandem das Bett zu teilen ebenfalls. Aber Liebe - das war letzten Endes ihr Verderben, das was nicht mehr zu entschuldigen war. Sie liebte Sim und wollte nicht einmal leugnen, dass sie alles getan hatte um diese Liebe in sich zu zerstören. Auch für Nel hatte sie zu viel empfunden. Aber es war nicht in diesem Maße zu viel gewesen. Nicht in dem Maße, wie es für Sim schlussendlich zu viel war. Einen Mann anzusehen und dabei zu denken, dass sie nichts anderes wollte, als mit ihm zusammen zu sein. Das Glück zu spüren, wenn sie tatsächlich bei ihm war. Das leise, geflüsterte ‘Ich liebe dich’, wenn sie mit ihm das Bett teilte. Ihr Glück war beinahe vollkommen. Beinahe. Keiner von beiden konnte den Schatten vergessen, der über ihnen lag.

Nel. Sie lernte, diesen Namen zu hassen, ebenso wie den Mann, dem er gehörte. Nel…

Alles hat seinen Preis
Als der Morgen heraufdämmerte und sie das Laken über die nackte Brust zog, wurde ihr klar, dass es auch dieses Mal einen Preis zu entrichten gab. Bleib niemals bis zum Morgengrauen. Bei ihm schlief sie niemals mit der Waffe neben ihrem Kopfkissen, nicht einmal mit der Waffe in Griffweite. Ein dummer, kaum zu entschuldigender Fehler. Sie wandte sich ihm zu und sah auf die Mündung ihrer eigenen Pistole. Sie hörte das Klicken, als er den Hahn spannte und sie ansah. Diesmal lag in seinen Augen keine Liebe mehr. Es gab keine Worte, die sie sprechen konnte. Es gab keine, die sie nicht schon ausgesprochen hatte. Ihr Blick suchte seinen, ein letztes Mal legte sich Saphirblau in Gelbgrün. Ein letztes, zärtliches Lächeln. Er sah sie an, weiterhin unverwandt und sie konnte nicht weg sehen. ‘Tu es’, wollte sie sagen und bekam keinen Ton heraus.

Alles hat seinen Preis.

Er krümmte den Finger um den Abzug und alles schien sich zu verlangsamen. Sie konnte erneut sehen, wie sie einander geküsst hatten. Wie sie miteinander gelacht hatten. Wie oft sie einander beschützt hatten. Aber manchmal… Manchmal zerstört eine einzige Nacht alles. Eine einzige Nacht, in der sie nicht nachgedacht hatte. Als er die Waffe abfeuerte, hörte sie den Knall nicht mehr. Die Kugel traf sie mitten ins Herz, riss ein Loch in ihre Brust und schleuderte den zierlichen Körper herum. Es gab keinen letzten Eindruck mehr. Es gab keine geflüsterten Worte, während sie langsam starb. In dem Moment, als die Kugel sie traf, war es vorbei.

Alles hat seinen Preis.

Sie spürte nicht mehr, wie er sie zum letzten Mal küsste. Sie spürte auch nicht, wie er ihren Körper so mühelos aufhob, als sei er eine Feder. Sie fühlte nicht, wie er sie in ein Laken wickelte und aus der Höhle trug. Und als sie dieses Mal vor Nel’s Tür endete - da war es ihr schlicht gleichgültig. Es war nur ein Körper. Und Krathor hatte seine Seele bekommen.
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