Das seltsame Geschenk

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Svetlana Ethered
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Das seltsame Geschenk

Beitrag von Svetlana Ethered »

Lange war es still.
Nicht das die Abwesenheit von Geräuschen gemeint war, nein.
Ruhig… Zu (!) Ruhig!

Die schwarzhaarige zog mal wieder ihre Runden über die Insel.
Es war noch früh, im Gegensatz zum Festland lag hier kein Schnee, aber der Winter machte sich in Regen und Windböen bemerkbar.
Immerhin war Cabeza eine warme Insel. Wirkliche Kälte, war sie von hier nicht gewohnt.
So besaß sie auch kaum Mäntel, außer denen, die sie für Verkleidungen oder dergleichen brauchte.

Die Feuchtigkeit hing als schwere Nebelschwaden über dem Meer, tauchte die Toro in ein undefinierbares wabern, das hier und da von dem einen oder anderen Sonnenstrahl durchbrochen wurde.
Nein, die Sonne war nicht stark, nicht so, das sie ausreichend wärmte (nicht den Körper, aber immerhin das Gemüt), aber ein Blickfang war es allemal.

In diesen frühen Morgenstunden genoss die Piratin die Einsamkeit.
Sie war eine Weile mit ihrer Tochter auf Reisen gewesen, hatte ihr ein wenig die Welt gezeigt, und vor allem hatte sie Gras über alles wachsen lassen.
Zu Hause ebenso wie in Adoran.

Die Idee war schnell geboren.
Fix, flüchtig und doch mit einer gewissen Boshaftigkeit.
Ob man in Adoran schon vergessen oder verdrängt hatte, was alles geschehen war?
Nein, bestimmt nicht, aber eine Erinnerung, aktiv, an die nahe Vergangenheit… ja, das war ein guter Plan.
Es dauerte nicht lange, bis er gänzlich ausgereift war, so brauchte sie nur noch ein klein wenig Hilfe bei der Umsetzung.
Zu viel hatte sie sich von allen abgeseilt, selbst auf der Insel zurückgekehrt, hatte sie wenig mit den Leuten gesprochen.
Der Käpt’n des Fährschiffes, aye, die Hurenmutter Minfay, aye auch die.
Aber sonst?
Sie hatte es vermieden, direkt wieder in das geschäftige Treiben zu tauchen.
Eine weise Entscheidung für sie, auch wenn ihr das einen satten Schlag auf den Hintern (was auch immer die Männer –alle- damit hatten, ihr auf den Arsch zu schlagen), und einen Schmatzer auf die Wange eingebracht hatte, als sie den alten, mosernden Brummbären wieder sah.

Melina hatte sich gemacht.
Damals als sie das Bürgergespräch mit ihr geführt hatte, schien die blonde Schreinerin eher naiv und… jugendlich dumm.
Aber aus ihr war wirklich was geworden, wär hätte es gedacht?
Sie hatte direkt gefallen an der Idee der Piratin gefunden, und setzte auch alles direkt, und zu Lana’s vollster Zufriedenheit um.
Ein Geschenkekorb.
Ja, der Empfänger war auch bekannt gegeben worden. Diese Augen…. Mariella würde Gift spritzen und wo die war, war Vaughain bestimmt auch nicht weit.
Der treue Reichsoldat.
Mit einer gewissen Belustigung verfasste sie den Brief, natürlich ohne Absender, aber man würde in Adoran schon wissen, woher das ganze stammte.
Auch ohne einen Namen dabei!

Natürlich konnte sie das Packet nicht selber überbringen. Aber ein Bote war schnell gefunden. Jemand, der durchaus Loyal war, und gleichzeitig nicht auffallen würde.
Nicht so wie sie!
Bekannt wie ein bunter Hund, und mit zu vielen Erinnerungen geprägt, als das es einfach gewesen wäre, den Korb persönlich zu überbringen.

Blutroter Samt kleidete den Korb aus, die beiden Statuen, die kleinere versteckt in der größeren, ein fertig gedrehtes Tabackröllchen und eine Flasche Rum, die bekennender weise auf ihrem Etikett
einen Totenkopf zeigte, und mit verschnörkelter Schrift mit „La Cabeza – Knochenbrecherrum“ gekennzeichnet war.
Gift?
Nein!
Kein Gift, keine versteckten Fallen, nichts, was verletzend war.
Außer vielleicht die alte Pergamentrolle, die Lana mit netten Worten gespickt hatte.
Mehr, außer dem Ego der Herzogin, wollte sie auch nicht verletzen.
Dieses mal nicht…
Zuletzt geändert von Svetlana Ethered am Donnerstag 6. Februar 2014, 20:26, insgesamt 1-mal geändert.
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Mariella
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Beitrag von Mariella »

Die Dunkelheit hatte sich schon lange über Gerimor gelegt und die Menschen waren lange schlafen gegangen. Einzig ein leises Knacken des Feuerholzes dann und wann störte die friedliche Ruhe. Das Gemach lag im Dämmerlicht der wenigen verbliebenen Kerzen. Ein paar Minuten für sich. Kostbar und selten wie ein Schatz.

Die letzten Tage waren ereignisreich gewesen, wie ein Rausch vorbei gezogen. Viele Momente waren schön, manche regelrecht herrlich, wenige schlicht grausam. Zur Abwechslung ließ sie die Stille einfach nur auf sich wirken. Kein Brief in Arbeit, kein Bericht auf dem Tisch, nicht einmal die Nase in einem Buch.

Für einen kurzen Moment überlegte sie, noch einmal an die Luft zu gehen. Langsam aber sicher wurden die Nächte etwas milder, es würde nicht mehr lange dauern, bis der Schnee vollends geschmolzen war. Doch eigentlich war sie zu träge.

Ihr Blick wanderte durch den Raum. Groß, prunkvoll eingerichtet und doch mit einer gewissen Gemütlichkeit behaftet. Anders als in ihrem früheren Sitz und ganz anders als Zuhause. Sie hatte sich ihr ganz eigenes Heim geschaffen. Jedes Möbelstück von Meisterhand und sorgsam ausgewählt. Die Regale, der Tisch mit den kunstvoll gedrehten Beinen, die schwere Kommode mit den Schubladengriffen in Lilienform. Ihre Aufmerksamkeit fiel auf das Kistchen, das darauf stand, dessen Inhalt sich tatsächlich bisher nur ihr offenbart hatte. Es war nicht einmal Absicht gewesen, die Ereignisse hatten sich einfach zu sehr überschlagen, um davon zu erzählen.

Sie erinnerte sich noch gut an den Moment, als sie den Deckel zum ersten Mal hob. Irgendeiner der guten Geister im Haus hattes es mit ihrer privaten Korrespondenz auf ihren Schreibtisch gepackt. Es hatte nur einen einzigen Moment gebraucht, noch ehe sie die Gaben genauer begutachtet hatte, um den Absender wenigstens zu erahnen. Eine strenge Mahnung noch deutlich im Ohr hatte sie einen ihrer Handschuhe übergestreift, ehe sie sich die Sendung genauer ansah.

Die Statuen hatten sie irritiert, für einen Augenblick jedenfalls, der Brief dann aber die letzten Zweifel ausgeräumt. Sollte die Absenderin gehofft haben, dass man nach dem Fund undamenhaftes Fluchen oder gar ängstlichen Quietschen vernehmen würde, hatte sie sich getäuscht. Mit einem reichlich unterkühlten Lächeln hatte Mariella das Innere der äußerst hässlichen und handwerklich allenfalls zweifelhaften Trollkopfstatue betrachtet. Die zweite Arbeit war dagegen ansehnlich und von gewisser Raffinesse.

So, dieses Weib meinte also, ihr zu drohen. Hoffte, sie zu verunsichern. Sie gar zu überstürzten Taten verleiten zu können. Offensichtlich hatte sie vergessen, wie lang der Arm Lichtenthals war. Nun, vielleicht sollte man sie daran erinnern.

Die ausstehende kleine Lektion hatte Mariella sich durchaus etwas kosten lassen. Ein durch und durch loyaler Bote hatte sich auf Reisen gemacht und irgendwo in Greifenhain ein kleines Kloster aufgesucht, in dessen Nähe zudem einen fähigen Maler aufgetrieben und war in bemerkenswert kurzer Zeit wieder nach Adoran zurückgekehrt. Nun lag neben dem Kästchen eine zusammen gerollte Leinwand, hübsch umschlungen von einem schützenden Ledertuch.

Darin verbarg sich nichts anderes als eine kleine Gedächtnisstütze für Pack, das glaubte, sich an keine Regeln halten zu müssen. Jetzt brauchte es nur noch einen ruhigen Moment, vielleicht ein wenig länger als den jetzigen, um die kostbare Fracht in die schmutzigen Hände zu bringen.

Sie war sich noch nicht recht schlüssig, ob sie ein weiteres Mal auf vertrauenswürdige Hilfe zurück greifen oder es gar selber erledigen sollte. Es juckte ihr ja schon ein wenig in den Fingern. Ob es gelang, würden die nächsten Abende zeigen.
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Mariella
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Beitrag von Mariella »

Es war früh am morgen, selbst für ihre Verhältnisse. Es würde gut und gerne noch mindestens zwei Stunden dauern, ehe sich das Personal regte, um für die Frühaufsteher im Haus den Tee aufzugießen.

Schon eine Weile lag sie da, wartete darauf, dass der Schlaf sie noch einmal umfing, aber so langsam dämmerte ihr, dass diese Warterei wohl eher Zeitvergeudung war. Ihr Blick wanderte durch das Schlafgemach und fing sich schließlich an einem ihrer Kleiderschränke. Dem, mit der zweiten Wand darin. Hinter dieser Wand verbargen sich ebenfalls Kleidungsstücke, aber eben solche, die einer Herzogin nicht würdig waren. Sie waren nicht löchrig oder gar schmutzig, nein, auch sie waren von hochwertiger Machart und aus festem Tuch. Aber sie waren von einfachem Schnitt und sogar das Undenkbare verbarg sich dort: Hosen.

Außerdem fand man hinter der Schrankwand allerlei Tinkturen und Püderchen und was man sonst eben so brauchte, um ein wenig unbeschwerter Freiheit zu genießen.

Es war lange her. Früher war es leichter gewesen, sich einfach mal einen Abend davon zu stehlen. Weniger Termine, vor allem aber weniger Augenpaare, unter denen man wegschlüpfen musste. Im Moment waren alle Augen zu.

Sie hatte gar keine bewusste Entscheidung getroffen. Auf einmal stand sie vor diesem Schrank. Die Bewegungen waren geübt. Haare kürzen und kurz einfärben. Nicht zu lange, sonst bekam man das Zeug nicht mehr spurenlos ab. Ein Hoch auf die Meister der Alchemie. Sie band ein paar weibliche Attribute ab, sorgte dafür, dass die Taille nicht mehr ganz so schmal war. So saß dann auch die Hose deutlich besser.

Irgendwann erkannte sie sich im Spiegel selbst kaum. Mit der Verkleidung veränderte sich ihre Haltung. Es kam ganz von selbst. Vermutlich ging sie immer noch gerader als die meisten Menschen, seine Erziehung wurde man eben nicht los, so sehr man sich auch bemühte. Zumindest aber wirkte es nicht mehr so, als sei ein unbiegsames Korsett in ihre Kleider eingenäht worden, als sie drei war. Mochten die Ammen darüber auch mitleidig die Gesichter verzogen haben, man lernte kaum effektiver, wie man auch im Sitzen gerade blieb.

Als sie in die weichen Stiefel geschlüpft war, ging sie noch einmal zur Türe und horchte in den Flur. Weiterhin lag alles in Schlafesstille. Lautlos schlich sie durch das Gebäude und schon wenig später saß sie in der Kutsche, die sie nach Bajard bringen würde. Von dort aus stand ihr eine Seefahrt bevor. Sie versuchte nicht daran zu denken, hoffte viel mehr, dass sie die Tropfen gegen die Magenbeschwerden rechtzeitig genommen hatte.

Auf La Cabeza angekommen wusste sie, dass es nicht der Fall gewesen war. Der eigentümliche Geruch der Insel trug sein Übriges dazu bei. Bescheuert. Einfach idiotisch. Warum hatte sie keinen Boten beauftragt? Nun stand sie hier, an diesem schmutzigen Hafen und kämpfte gegen die Übelkeit. So ein Irrsinn. Missmutig machte sie sich auf die Suche nach dem Haus. Nördlich hatte Severin in seiner Aussage erwähnt. Nun gut. Sie wandte sich nach rechts.


Später.
Endlich lag sie in der warmen Badewanne, der Raum quoll förmlich über von Dämpfen, die alles erstickten, was nicht nach Blumen oder Früchten roch. Es galt, alle Fische und vergossene Rumflaschen dieser Welt aus dem Haar zu waschen. Mittlerweile war die dritte Ladung in eben diesem verteilt und Mariella lag mit geschlossenen Augen im warmen Wasser. Schön einweichen lassen. Silvan würde sich zwar wundern, dass sie ungewöhnlich spät dran war, aber zumindest musste sie weder die Haarfarbe, noch den eigentümlichen Geruch erklären. In etwa einer halben Stunde würde sie auch gefühlt wieder ganz die Herzogin sein.
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Svetlana Ethered
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Beitrag von Svetlana Ethered »

Die Sonne stand bereits über den Baumwipfeln, als ich aufwachte.
Langsam wurde es milder, die teilweise hefigen Gewitter und Regenschauer waren ein klein wenig zurück gegangen, aber auf dem Festland lag noch immer der Schnee.
Unsere Tochter war mal wieder die erste die laut trampelnd die Treppen herunter eilte.

„Guten Morgen… Mama….. PAPAAAA“, sie zog das letzte Wort lang und stürzte auf den neben mir liegenden Herren des Hauses zu.
„Morgens ist sie deine Tochter…“, murrte er, noch halb verschlafen, aber da war es schon zu spät.
Inola, Matrose Petz und Ritter Taps landeten auf dem (ächzenden) Mann.
Ich konnte mir das grinsen nicht ganz verkneifen, was mir einen bösen Blick einbrachte, aber dann musste auch er grinsen.
Die Haare verwuschelt, nur in einer kurzen Hose bekleidet und mit seinem typischen grinsen auf den Zügen begann Severin mit unserer Kröte zu toben.
Ich betrachtete die beiden, bis mich Ritter Taps erwischte, den Inola versehentlich beim eifrigen Gefecht los gelassen hatte.
Ich gab ein ächzendes Geräusch von mir, legte theatralisch die Hände auf die getroffene Stelle und röchelte sterbend vor mich hin.
Sofort erstarrte Inola und begann mir an der Schulter zu rütteln.
„Mama?“
Ich packte sie eilig und begann sie durch zu kitzeln, was sie laut quietschend zum weiter toben und rangeln veranlasste.
Helles Kinderlachen gepaart mit der dunklen Stimme meines Mannes.
Ich liebte solche Morgende….


Nach dem Frühstück wanderte mein Kind mit vorfreudigem grinsen gen Türe und verkündete, dass sie Tante Meha suchen wollen würde, sie hätte noch vor, sie was zu fragen.
Ganz die große, mit ihren vier Lenzen.

Und natürlich durfte sie zu Tante Meha, die würde ihr wahrscheinlich wieder nur Flausen ins Ohr setzen, aber „ Pajarita loca“ hatte sich deutlich gebessert.
Verrückt war sie immer noch, aber ich mochte sie, egal wie verrückt.
Und die Trennung von Sophie hatte ihr deutlich gut getan, auch wenn es eine bescheidene Zeit gewesen war.

Mit diesen Gedanken schlenderte ich zum Postkasten.
Das eingerollte Packet das darin lag, brachte mich erst zum stutzen, ehe ich es heraus hob und damit wieder ins Haus schlenderte.
Auf dem Küchentisch (der dekadent riesig war), rollte ich das Lederbündel aus, und betrachtete das, was es verborgen gehalten hatte.

Kein Absender, kein Brief, keine Unterschrift.
Nur das Bild.

Ein durchaus…. Schönes Bild, wenn man die Kunst sah, das vom Künstler erschaffene.
Interessant, weil ich direkt wusste, von wem es kam.
Oh nein, es brauchte keinen Absender um mir zu verraten, wo es her kam.
‚Ein guter Schachzug‘ , ging mir durch den Kopf.
Und sicher hätte es die gewünschte Wirkung gehabt, wenn es so gewesen wäre, wie man in Adoran immer noch glaubt.
Hieß für mich im Umkehrschluss aber auch, dass derjenige, der geschworen hatte, sie zu beschützen, wirklich den Mund gehalten hatte.
Verlässlicher als erwartet!
Das Bild von Mariellas Gesichtsausdruck bei der Verhandlung kam wie automatisch vor mein geistiges Auge.
Eine starke Frau, keine Frage…
Jeder trug die Scheuklappen seiner eigenen Erfahrungen und war oftmals Blind für andere Sichten, andere Erfahrungen, andere Lebensweisen.
Die Frau hatte auch definitiv einen Stock verschluckt, ob sie lachen konnte?
Selbst in der Zeit, die ich in Adoran verbracht hatte, und in der ich ihr teilweise einige Male recht nah war (und nichts anstellen durfte, weil ein kritisches Augenpaar jede meiner Bewegungen beobachtete), hatte ich sie kaum lachen oder nur lächeln sehen.
Nachdenklich zog ich das Kleinod aus der Tasche.
Meine Finger strichen über das Körperwarme Metall.
Ja, ich hatte schon etwas neues, eine Kleinigkeit…
Etwas, dass auf gewisse Art und weise zu dem Bild passte.
Ich brauchte also einen Boten…
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