Ein Yazirbote wird die Statthalterstube aufsuchen, und Nahlah - und nur Nahlah - ein Schriftstück übergeben und ihr mitteilen, dass Khalida ihr den Siegelring persönlich überreichen wird. Sollte sie dort nicht anzutreffen sein wird er dort ausharren, bis er sie antrifft.
Salam Aleikum Nahlah Hibah, Blüte der Bashir,
Wichtige Angelegenheiten des Hauses Yazir halten mich auf und erfordern es, dass ihr an meiner Statt die täglichen Geschäfte erledigt. Seht dieses Schreiben als Vollmacht bis zu dem Tage, an dem ich mich der ehrenvollen Aufgabe wieder mit der Hingabe widmen kann, die sie verdient.
Behalte aber die näheren Umstände für dich, denn ich habe vollstes Vertrauen darin, dass du die Aufgaben zu aller Zufriedenheit erledigen kannst und es gibt keinen Grund, das ehrenwerte Haus Omar zu beschämen, indem seine Entscheidung, mir diese Aufgaben zu übertragen, in ein falsches Licht gerät oder die Frage, warum eine Natifah mit dieser Aufgabe betraut wurde, Neider auf den Plan ruft. Wende dich bei Fragen an meine Rani Khalida - und nur an sie, sie wird uns als Mittler dienen.
In vollstem Vertrauen,
Sanjak unter der Hand des Emir
Jijkban des Reiches der Sonne
Oberhaupt der Familie Yazir
*Als Nahlah das Schreiben sah, fühlte sie sich unbehaglich. Schon als die Yazirdamen sie aufgesucht hatten und ihr von Amars Anliegen erzählten, war ihr nicht recht wohl zumute gewesen. Oftmals hatte sie die beiden angeklagt, sie würden nur so tun als ob und Amar gar nicht deshalb sprechen. Aber nun hatte sie einen Brief in der Hand. Also musste alles Gesagte doch wahr gewesen sein?
Von Unruhe getrieben schlich sie sich noch mit einer hell leuchtenden Kerze in die Stube des Sanjak und suchte in den Schränken nach Briefen, nach irgendwelchen Notizen und Schriften. Als sie verschiedene kleine Blätter beisammen hatte, so wie einen Brief, der einst an sie gerichtet war, begann sie akribisch als geübte Schreiberin die Handschriften miteinander zu vergleichen.*
*Das Schreiben beweist auf einen ersten Blick seine Echtheit. Das Siegel stimmt, und auch die Worte scheinen mit fließenden Schwung verfasst worden zu sein. Vielleicht ist die Nacht, und das Licht einer Kerze in diesen Momenten auch der Freund der vermeintlichen Fälscher. Wer allerdings mit kundigem Auge und großer Sorgfalt vergleicht, wird hier und da den ein oder anderen Unterschied bemerken. Auch das aus den älteren Dokumenten in denen Nahlah die Vergleichsstücke gezogen hat, ein Schriftstück fehlt, könnte wohl auf die Nachlässigkeit von Dieben hindeuten. Die Fälschung wurde dafür weniger dilettantisch durchgeführt - schließlich hatte hier eine geübte Palastschreiberin und Künstlerin ihre Finger im Spiel.*
*Nach einem Gespräch mit dem Kalifen wird auf seinen Geheiß das originale Schreiben zum Palast geschickt. Dort wird es auch nur ihm persönlich dargereicht werden. Angehangen wird ein Schriftstück aus Nahlahs Feder.*
Salam Alaikum, mein Kalif.
Am Abend kam ich nicht mehr dazu, Euch meine Bedenken zu äußern, die mit diesem Brief in Zusammenhang stehen. Als der Bote es zum Hause der Bashir trug, wollte er es nur mir und nicht meinem Familienoberhaupt überreichen.
Einen ganzen Abend glich ich die Handschrift mit originalen Stücken aus der Amtsstube ab und konnte keinen Unterschied ausfindig machen. Aber mich verwunderten die gewählten Worte. Dort wechselte das Du und das den Omars vorbehaltene Euch und Ihr. In den kurzen Begegnungen mit Amar Yazir schätzte ich ihn nicht als Mann ein, der lieber einer Blüte die Aufgaben überträgt als einem Mann, der ihn den Sitten entsprechend angemessen vertritt. Aus Unsicherheit kam ich den geschriebenen Worten nicht nach, konnte jedoch auch binnen der zahlreich vergangenen Wochen den Sanjak nicht zu einem Gespräch in den Räumen des Statthalters antreffen.
Ich hoffe nicht für Unruhen damit zu sorgen, gerade kurz vor Eurer Hochzeit. Doch wollte ich es nicht länger für mich behalten, einer Blüte, die noch nicht viel von diesen Dingen versteht.
Ma'salema, der Segen der Mutter mit Euch und Eurer Familie.