"Sprecht den Leuten Mut zu, Korporal. Heute wird es zu einem Angriff auf Berchgard kommen."
Wieso war sie so wenig nervös? Sie hatte den Krieg um Varuna nicht miterlebt, aber genug gehört. Tote, Verwundete, Leid... sie hatte sich eine Weile regelrecht Vorwürfe gemacht, weil sie nicht dagewesen war, doch sie hatte gelernt, sich den Tatsachen zu beugen. Vielleicht hätte sie ihr Leben weggeworfen, zu viel riskiert, ihre Grenzen nicht gekannt.
Würde es heute anders sein?
Heute zumindest wusste sie, wo ihr Platz war. Die Kadetten im Schlepptau, so gut es zu machen war, schaute sie rechts neben sich auf die weiße Rüstung ihres Herrn und Hauptmanns. Sie sah auf Adrian in seiner weißen Robe, dachte an den Brief, an die Antwort, die sie von ihm noch erhalten hatte. Ja, dieser Mann wusste, was gut und recht war. Ja, ihm würde sie folgen wollen.
Und es brauchte die Frage nicht mehr, warum sie nicht nervös war. Alles war richtig so, wie es geschah.
"...im Lichte deiner Gerechtigkeit danke ich dir für diesen Tag."
Drei Elfen waren auf ihrer Seite, darunter Liella. Ein sicher nicht zu unterschätzender Posten - leider auch kaum einzuschätzen. Still dachte Darna an das Versprechen von Falk. Die Tiefländer schienen einen eigenen Plan zu hegen, der Varuna und Berchgard zugute kommen sollte. Rechtzeitig?
Für Fragen blieb keine Zeit mehr, sobald es begann. Vielleicht hätte die befohlene Zangenbewegung im Angriff funktioniert, wenn die Truppen ausgebildeter und aufeinander eingespielter gewesen wären, oder wenn mehr Zeit zur Vorbereitung gewesen wäre, oder wenn die Stadtmauer nicht gewesen wäre, oder wenn...
Doch während der Lärm noch durch den Helm hindurch in ihren Ohren dröhnte und sie sich mühte, nicht schon sofort Aradan aus dem Blick zu verlieren, tat sich schon alleine das Problem auf, im sich entfesselnden Chaos überhaupt noch Freund von Feind zu unterscheiden. Diese in rot gerüstete Gestalt, die gerade an ihr vorbeirannte, hatte sie zuvor in den eigenen Reihen gesehen, oder?
Sie fixierte eine in schwarz gekleidete Gestalt und stellte fest, daß die bestimmt nicht zu ihnen gehörte, als von irgendwoher auch schon erste Hiebe auf sie einprasselten, ein Pfeil an ihr vorbeiflog und der Platz rechts von ihr leer war. Sir?
Als sie sich vom ersten Getümmel löste, um Aradan zu suchen, durchfuhr ein stechender Schmerz ihr rechtes Bein von hinten. Irgendwas hatte sie wohl getroffen, doch sie musste hier weg. Ihr Umhang schlug dagegen, irgendwas knackte, weiterer Schmerz. Speer? Unsinn, eher ein Pfeilschaft.
In den gleichen Atemzügen, in denen sie hoffte, noch laufen zu können, probierte sie es auch aus und verdrängte den Schmerz im gleichen Moment, wo er sich nicht als groß genug erwies, sie aufzuhalten.
Da, Aradan... während er einen Rahaler vor sich bearbeitete, stellte sie sich neben ihn, um ihn zu unterstützen. Der Feind versuchte, zu fliehen, und im Nachsetzen verlor sie ihren Herrn wieder aus den Augen.
Es war unmöglich.
Ein Lidschlag Orientierungslosigkeit.
"Keine Formation. Sieh einfach zu, daß du hier mithilfst, so gut es geht. Hau alles, was schwarz ist. Lern schwimmen, Darna und zwar flott!"
Trotzdem warf sie sich nicht blind in das Getümmel, sondern zog sich ein paar Schritt zurück, um sich einen Überblick zu verschaffen und Gegner abzufangen, die sie dann bekämpfen konnte, ohne gleich zwischen dreien von denen zu stehen.
Doch gerade diese Maßnahme offenbarte den nächsten Schrecken:
Der Graf!
Die weiße Robe dreckig, am Boden liegend, und keine Seele in der Nähe. Als hätte es niemanden gekümmert. Für einen Moment blieb ihr das Herz stehen. "Nein, nicht du auch noch..."
Sie eilte neben ihn, rammte das Schwert in den Boden, sah ihn genauer an - er lebte. Bei allen guten Göttern, er lebte. Sie nestelte nach einer Phiole, wollte ihm einen Heiltrank einflößen. Als sie sich vorbeugte, um sein Visier hochzuklappen, durchschnitt irgendwas über ihrem Kopf mit einem dumpfen Fauchen die Luft und Darna fuhr herum, starrte die schwarze Gestalt an, die sich hinter ihr aufgebaut hatte und sie nun ebenso niederzustrecken versuchte!
Sie riß den Schild hoch, und mit lautem Krachen schlug Metall auf Metall. Ihr Schwert! Sie brauchte ihr Schwert!
Plötzlich offenbarte es einen völlig unbedachten Nutzen, daß sie jeden Morgen blind nach der Waffe neben sich griff, um sie symbolisch der Göttin zu offerieren. Und während sie sich unter dem Hagel von Schlägen aufzurichten versuchte, war sie plötzlich auch nicht mehr alleine - irgendjemand aus den eigenen Reihen kam zu Hilfe, gestattete ihr den Rückzug, wo die Alternative gelautet hätte, neben seiner Erlaucht zu Boden zu gehen.
Die Kämpfenden entfernten sich. Sie wusste nicht genau, wo Adrian war, sie konnte nur hoffen, daß man ihn aus dem Kampfgeschehen herausgezogen hatte.
Noch ehe sie darüber nachdenken konnte, was es bedeutete, wenn seine Erlaucht alleine vom Feind aufgefunden würde, sah sie eine Gestalt hinter eine Hausecke verschwinden, der letzte flüchtige Blick offenbarte eine scheußliche rote Knochenmaske, die er vor dem Gesicht trug.
Ihre Beine trugen sie hinter ihm her, den weiter steckenden Pfeil mißachtend, die Gefahr mißachtend, daß dies gerade eine Falle sein konnte. Als sie hinter dem Rahaler stand, drehte er sich dankenswerterweise um, bevor sie ihn dazu auffordern musste.
Doch was er für Kampfeskraft entfesselte, raubte ihr den Atem. Eine Weile schien es, als füge sie ihm überhaupt keinen Schaden zu, und sie fühlte sich an die Kämpfe gegen Gernot erinnert, bei denen sie gegen diese Wut und Erfahrung kein Land gesehen hatte.
"Für den einen Herrn!", rief er ihr dumpf unter der knöchernen Maske entgegen.
"FÜR ANCALIME!", brüllte sie wütend zurück.
Endlich schien er zu schwanken, doch sie würde verlieren, das stand fest. Hier abseits des größten Kampfgetümmels würde es wohl ihren Tod bedeuten. Aradan würde sauer darüber sein. Adrenalon...
Das Blut rauschte in ihren Ohren, doch es wurde von einem gewaltigeren Rauschen übertönt, als sich ein düsterer Schatten über sie beide legte. Irgendwas erhob sich über sie, und als sie aus den Augenwinkeln ledrige Schuppen auszumachen meinte, legte sich für einen Moment eisige Angst um ihr Herz. Ein Drache. Bei Temora, ein ganzer Drache!
Sollte so ihr Ende aussehen?
Der knochige schuppige Kopf sauste auf sie zu - an ihr vorbei, sie beseite drückend und nach ihrem Gegner schnappend. In ihrer Verblüffung taumelte sie zurück und fiel eher unter dem Flügel hindurch, als daß man das Rückzug hätte nennen können. Der Drache schob sich zwischen sie und den Rahaler, doch der Diener Alatars hatte es auf die Knappin abgesehen und versuchte, ihr nachzusetzen.
Ohne den Drachen wäre sie verloren gewesen, als sie sich an einer Hauswand niedersinken ließ und nach einer Phiole mit Heiltrank tastete, drohten ihr bereits die Sinne zu schwinden.
"Nein, nicht aufgeben... von diesen Dreckskerlen stehen noch welche..."
Der Trank rann wie flüssiges Feuer durch ihre Kehle und holte sie mit grausamem Griff ins Kampfgeschehen zurück. Ihr Blut kochte, irgendwie benebelte dieses Gebräu auch die Sinne, ließ alles wie durch einen roten Schleier erscheinen, und hatte sie zuvor es bereits versäumt, das Gebet zu sprechen, das seit Monaten jeden Kampf von ihr begleitete, so hätte sie jetzt nicht einmal mehr das Fehlen bemerkt.
Doch sie war nicht mehr die verschüchterte Maid von Elbenau, die Angst um ihr Gesicht hatte...
Sie entdeckte Aradan im Kampf gegen eine Bestie aus lebendig gewordenem Fels und stürzte sich mit auf das Mostrum, ignorierend, ob sie damit Feinde in ihren Rücken ließ.
Weitere Klingen gesellten sich dazu, und rauh lachend hörte sie in dem ohrenbetäubenden Lärm eine Stimme:
"Hossa Freunde! Ich hoffe, ihr habt uns ein paar von denen übriggelassen?"
Die Erleichterung überspülte sie wie eine Woge.
"DIE HINRAHS!", erscholl es auch aus ihrer Kehle, und die Neuigkeit verteilte sich mit den Kriegern des Clans wie ein Lauffeuer über das Schlachtfeld. Die Tiefländer waren rechtzeitig gekommen!
Hinterher wusste sie nicht mehr zu sagen, wie lange es währte. Zeit hatte keine Rolle gespielt - als hätte man ihre Erinnerung durchschnitten, war das nächste, woran sie sich erinnerte, daß sie doch Adrian wiederfand, nur unwesentlich von dem Platz entfernt, an dem sie ihn hatte zurücklassen müssen.
Hinter ihr jubelten bereits die Sieger - ihre Leute, die Elfen, Zwerge, Hinrahs - und hier lag der Graf herum...
"DER GRAF IST VERLETZT, VERDAMMT!", donnerte sie verärgert, ratlos - doch sie hatte mit der herausgebrüllten Wut wohl das Richtige getan. Keine fünf Lidschläge später war Sir Rafael an des Grafen Seite.
Seine Erlaucht schien weniger abbekommen zu haben, als sie erst befürchtete. Und sie hatten gewonnen.
Bei Temora, sie hatten gewonnen.
*****************************************************
Wie mit betäubten Sinnen stand sie auf dem Platz in Berchgard. Mehr und mehr nachdenklich prüfte sie das seltsame Gefühl, daß die Wunde am Bein nicht einmal stark zu bluten schien, doch daß es schmerzte, wenn sie es belastete. Sie mühte sich um eine dennoch gerade Haltung und hing eigenen Gedanken gleichermaßen nach, wie sie der Politik vor sich lauschte.
Irgendwann fühlte sie Aradans Hand auf ihrer Schulter. "Ihr habt wacker gekämpft, Knappin."
"Danke, Sir."
Sie hatte überlebt. Sie hatte wohl nicht viel beigesteuert, doch sie hatte ihr Bestes gegeben, damit als Teil zum Ganzen beigetragen. Die Zufriedenheit darüber breitete sich als wärmende Glut in ihr aus - doch inzwischen wusste sie, daß dieser Glut verzehrendes Feuer folgte. Sie biß die Zähne zusammen, litt still unter den eingebildeten Flammen, die an ihr fraßen. Ihr Blick richtete sich auf Adrian.
Himmel, wenn er sich auch bei ihnen noch bedanken würde...!
Nein, das wollte sie niemandem antun, hier vor Schmerz wegen einiger Dankesworte zusammenzubrechen! Es fraß alles an ihr, die Siegesfanfaren, das Hochziehen der varuner Banner an den Masten...
"Bitte.. um Erlaubnis, mich... zurückziehen.. zu..."
"Erlaubnis erteilt", meinte Aradan rasch und leise - er schien zu ahnen, was ihr zu schaffen machte.
Doch wohin zurückziehen, um diese Worte nicht hören zu müssen?
Sie brauchte einen Medicus, das wurde ihr immer bewusster. Sie hatte sich weiter nach Berchgard hinein begeben, weil sie nicht zur anderen Richtung hinauskam.
Ratten. Blut.
Sie hatten gewonnen...
Als sie die Flammen auf der Brücke zum Paladinkloster sah und den Scheiterhaufen auf den Gräbern der ermordeten Gardisten, taumelte sie rückwärts gegen eine Hauswand und sank ächzend daran hernieder.
War DAS ein wiederhergestelltes Gleichgewicht?? Gewonnen?
Es kam ihr vor wie blanker Hohn, und mit der versiegenden Aufregung schmerzte ihr Bein immer mehr.
Sie kam an diesen verdammten Pfeilschaft nicht richtig ran.
Endurael und Aradan fanden sie, als die Ansprache vorbei war und wieder war sie es, die Hilfe benötigte - langsam hatte sie es satt. Und als sie im Lazarett ankamen, hätte sie sich gewünscht, daß man den Pfeil einfach hätte stecken lassen können, doch das ging natürlich nicht. Da brauchte ihr Aradan gar nichts von amputierten Beinen zu erzählen...
Murrend nahm sie die Flasche Hochprozentigen, die Endurael holte und die der Heiler ihr prompt entgegenhielt.
"Ich vertrag sowas doch nicht", klagte sie leise und musste sich dafür nur anhören, daß das ja gut sei, weil sie dann nicht so viel trinken müsse.
Was Knappen alles ertragen mussten, war ungeheurlich.
Mürrisch setzte sie die Flasche an und trank. Und trank... und trank... und trank... als sie sie nach einigen Zügen mehr als halb leer hatte, setzte sie argwöhnisch die Flasche ab und roch daran. Das war doch Alkohol, oder? Hm ja, eindeutig - also trank sie weiter.
Aber irgendwie half das nicht.
Als die Flasche leer war, hielt sie sie dem Heiler entgegen - und Aradan fing das Gefäß rasch auf, als es ihr aus der Hand und sie selber nach hinten auf die Liege sackte.
***
Hatte sie sich nicht irgendwann mal vorgenommen, Heiler zu verbieten, die grausam zu ihren Patienten waren? Außerdem hätte Aradan mal dem Zelt befehlen können, daß es aufhören solle, sich zu drehen, während sie sich unter Enduraels stoischem Blick damit abmühte, die Rüstung abzuschnallen.
Morgen Dienst, aufräumen, Aradans Rüstung sah schon wieder aus wie Sau...
Mit dem trunkenen Gedanken, daß das Leben manchmal ziemlich gemein war, schlief sie endlich ein.