Der rothe Faden

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Gast

Der rothe Faden

Beitrag von Gast »

Die Welt, in der Rhini zuhause war, zeichnete sich vor allen Dingen durch ihre dualistische Ordnung aus. Es gab die Herren und ihre Dienstboten, die Reichen und Armen, die Starken und Schwachen, Mann und Frau .. und es war dem Zufall oder einer höheren Macht überlassen darüber zu entscheiden in welches Leben man geboren wurde.

Es lastete also schwer auf ihrem ansonsten so freundlichen und um Versöhnung bemüten Gemüt, dass sie in eine Lage gekommen war, die dieses Prinzip auf eine harte Probe stellte. Denn es konnte nämlich nur dann funktionieren, wenn sich alle Beteiligten an die Regeln hielten und diese Regeln besagten im Wesentlichen, dass die Grenzen der natürlichen Trennung niemals überschritten werden durften. Ein Herr durfte die Rechte eines Ehemannes nicht für sich beanspruchen und so galt es zu befürchten, dass sie niemals in den Vorzug einer Ehe kommen würde. Welcher ehrbare Mann würde sich noch für sie interessieren und einen anderen wollte sie nicht. Oder vielleicht galt das gar nicht fürs Ansehen?

Als sie sich in diese Nacht auf dem weißen, sauberen Fell einrollte, bemerkte sie gar nicht, dass sie insgeheim einen Kompromis geschlossen hatte: Ansehen. Im Bewusstsein, dass alles seinen natürlichen Verhältnissen entsprechend eingerichtet war, schlief sie ruhig und sicher.
Benedict Roth

Beitrag von Benedict Roth »

Ansehen spielte auch die tragende Rolle, als Benedict sich am letzten Tag der Woche in das maßgeschneiderte Kostüm zwängte und die durchgefädelten Lederbänder der Maske hinter dem Kopf zusammenknotete. Noch nie, auch früher nicht, hatte er viel für derlei gesellschaftliche Anlässe übrig gehabt und doch über die Jahre ihren Nutzen für das Knüpfen von Kontakten erkannt.

Das Festgelände, welches mitten in der Wildnis auf seine Gäste wartete, stellte sich jedoch als viel zu klein für den großen Andrang heraus und innerhalb kürzester Zeit war das unaufhörliche Geplapper der Gäste zu einem aufdringlichen Summen in Benedicts Ohren geworden. Nicht nur verhinderte es erfolgreich jegliche Art von Geschäftsgesprächen, es drohte ihn beinahe um den Verstand zu bringen; hätte er nicht zeitnah eine rein visuelle Beschäftigung gefunden, die sich in der Beobachtung seiner Begleitung und Dienstmagd, Rhini, niederschlug.

Im direkten Gegensatz triefte das junge Mädchen mit dem ersten Schritt auf das Gelände förmlich vor Freude und Aufregung, fristete sie ihren Alltag doch zumeist als grauer, unbedeutender Fleck und hatte jetzt die Gelegenheit sich den bunten, tanzenden Lichtern in der Raummitte anzuschließen. Der Ältere hatte sie recht bald aus den Augen verloren - zumindest versuchte er diesen Eindruck zu erwecken - und ihr bei ihrer ersten Tanzveranstaltung ihren Freiraum gelassen, war es für die Schwarzhaarige doch wirklich ein ganz einzigartiges und zauberhaftes Erlebnis. Erst später sollte sie erfahren, dass ihre Teilnahme am Ball viel weniger eine Belohnung, als ein geplantes Abschiedsritual des Hausherren war und - davon war er überzeugt - letztlich nur durch seine grenzenlose Geduld und Gnade überhaupt erst möglich geworden war. Ein weiterer Ruhetag war Rhini nach dem Ball noch gegönnt, am darauffolgenden fand sich jedoch ein formloser Notizzettel unter dem Türspalt ihres Zimmers.

Heute ist ein ganz besonderer Tag - Bist du aufgeregt?
Gast

Beitrag von Gast »

Rhinis Fuß hatte sich im Laken verheddert und sie stürzte aus dem Bett und damit aus einer Nacht, in der sie kein Auge zugetan hatte. Eine bleierne Schwere nistete in ihren Gliedern und bis sich die Tür endlich für sie öffnete, waren sie zu kalten Klumpen erstarrt, die wie fremde Gegenstände ihre Bewegungen beschwerten. Sie verkroch sich hinter dem Ofen in der Küche und bis die blasse Sonne an diesem Tag ihren Höchststand erreichte, ward die Magd nicht mehr gesehen.

Ein paar Stunden Schlaf und das kalte Wasser in den verquollenen Gesichtszügen weckten ein paar der Lebensgeister, die noch zurückgeblieben waren und die nun unaufhörlich ein und dieselbe Idee in ihre Gedanken scheuchten. Sie setzte sich also in das penibel aufgeräumte, eigene Zimmer und fertigte einen Brief an.




"Hochverehrte Frau Roth!


Es hat sich für mich so ergeben, dass ich diese Zeilen an Euch richten muss, trotzdem ich weiß, dass Sie Euch nichts als Kummer bereiten werden. Ich weiß mir aber keinen anderen Rat, als mich in dieser Sache an Euch zu wenden.

Habt Ihr Euch gefragt warum Euer Neffe, Herr Benedict Roth, die Götter mögen ihm gnädig sein, nach dem Tod seines Bruders sein Zuhause so überstürzt verlassen hat? Ihr wisst doch sicher um das bedauerliche Schicksal, das ihn im Dachboden des herrschaftlichen Anwesens ereilt hat und ich sage Euch nun, dass es weniger das Schicksal als die Hand Eures Neffen höchstselbst war, die den frühen Tod des bedauerlichen Justus Roth zu verantworten hat. Ich weiß es, denn ich habe es gesehen. Ich habe das Haus noch in der selben Nacht verlassen, wohl wissend, dass Euer Neffe den Zeugen seiner grauenhaften Tat nicht unter den Lebenden dulden würde. Ich kam nach Adoran und habe mich dort in dieser Sache an einen vertrauensvollen Notar gewendet, der mir seinerseits riet ein Schreiben aufzusetzen, das, sollte ich nicht am ersten Tag jedes Monats persönlich bei ihm vorsprechen, an die Familie Roth in der Heimat verschickt wird. Dieses Schreiben enthält meine Aussage zu den Geschehnissen um den Mord von Justus Roth und einen genauen Bericht über den Tathergang. Ich habe das zu meinem Schutz veranlasst, da ich befürchtete Euer Neffe würde mich finden und mich für immer zum Schweigen bringen. Wie sich bald herausstellte war die Befürchtung nicht allzu weit hergeholt. Ihr versteht also, dass uns äußerst unglückliche Umstände aneinander ketten. Anfangs hoffte ich, dass wir in Bajard und dem kleinen Haus, das er angemietet hat, zurechtkommen würden, aber es stellt sich leider so dar, dass mich Euer Neffe bisweilen höchst ungerecht behandelt. Ich musste einsehen, dass er eine verdorbene Seele hat und nun fürchte ich um meine eigene. Ich schreibe Euch in der Hoffnung, dass Ihr mich nach Adoran ruft und mich in Eure Dienste nehmt. Was würde ihm anderes übrig bleiben, als Eurem Wunsch zu gehorchen? Ich hoffe bald von Euch zu hören.

Es grüßt,
Rhini''




Sie faltete das Schriftstück und gerade als sie das Haus verlassen wollte, um noch die letzte Postkutsche nach Adoran zu erreichen, stolperte sie über einen Korb, der an der Türschwelle stand. Rhini wusste intuitiv, dass es besser war einen schweren Sturz zu riskieren, als über den Korb zu trampeln und so kam es auch. Ein verstauchtes Handgelenk und ein anklagender Blick zum Himmel später fand sie sich in Gegenwart des Korbes auf einem der Tische in der Kneipe. Er wimmerte. Rhini hob ein kleines, fest verschnürtes Bündel aus dem Korb, das ein kleines Schild um den Hals trug, auf dem folgende Zeilen gemalt waren:

"Eure Tochter! Kümmert Euch darum, wenn Ihr könnt. Hedi."

Rhini wurde schwindlig. Sie hatte das leise schnarchende Bündel mit dem kleinen Gesicht sorgsam zurück in den Korb gebettet und daneben Platz genommen. Sie betrachtete es und von einem Moment auf den anderen änderte sich einfach alles. Sie kehrte zurück in den Keller ohne den Brief einem Boten überlassen zu haben und ohne noch daran zu denken.
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 16. Januar 2014, 13:04, insgesamt 1-mal geändert.
Anthea Sophia Roth

Beitrag von Anthea Sophia Roth »

Ohne auch nur etwas zu ahnen saß die Alte in ihrem karg eingerichteten Häuschen in Adoran. Es duftete nach Kräutern und eine einsame kleine Kerze flackerte in der Ecke des Häuschens. Schatten tanzten an der Wand und hüllten den Raum in eine diffuse Mischung aus Finsternis und Licht. Die alten Augen saßen vor einem Stück Pergament und betrachteten es. Es war ein Brief an ihren Neffen. Sie konnte nicht länger mit ansehen wie er seine Zeit in Bajard vertrödelte und ohne Weib dahin trieb. Sie hatte schon viele ehrvolle Frauen in den Landen kennengelernt doch ihr Neffe mit seinem unansehnlichen Bart schien immer irgendetwas anderes zu beschäftigen.

Sie hoffte nur inständig, dass er keine Unzüchtigkeiten mit seiner Dienstmagd trieb. Es wäre ihm zuzutrauen. Nachher würde sie noch ein Kind von ihm gebähren und man müsste sie mühevoll in die Familie Roth einführen. Das Kind hatte noch nie etwas von Etikette gehört und ihre Kleidung sah aus als wäre sie eine einfache Bäuerin vom Lande.

Die Familie Roth war seit jeher eine ehrbare und wohlhabende Familie. Fehltritte waren durchaus schon passiert. Ihre Nichte Cornelia Roth war vor einigen Jahren ausgezogen um ihr Glück in einem Freudenhaus zu suchen. Ein schwerwiegender Fehler, der das Ansehen der Familie um ein großes Stück zurückwarf. Hoffentlich würde sich ihr Neffe nicht auch einen solchen Fehltritt erlauben. Ein uneheliches Kind von einer Dienstmagd wäre ein fürchterlicher Rückschlag nach dem Tod ihres Sohnes. Sie musste es unbedingt unterbinden und sie müsste schon sehr bald damit anfangen. Männer waren einfach gestrickte Geschöpfe. Dienstmägde, ein wenig sexueller Drang und eine harte Rute und schon war es geschehen... Meistens kamen aus diesen Verbindungen irgendwelche desillusionierten Bastarde auf die Welt welche sich nur schwer in die Familie einfügen konnten. Mein Bruder und seine Freudenhaus-Nichte waren dafür das beste Beispiel. Seine Verbindung vollzog er mit einer Köchin des Hauses welche er, als wäre das Gebähren nicht schon schlimm genug gewesen, auch noch heiraten musste.

Sie saß dort einsam in ihrem Zimmer und malte sich die schlimmsten Geschehnisse aus. Eine Heirat zwischen der Dienstmagd Rhianna und ihrem Dienstherren, meinem Neffen, Benedict Roth. Etwas Schlimmeres konnte es doch nicht geben, oder? Vielleicht sollte sie diese Dienstmagd aus dem Einflussgebiet ihres Neffen entziehen. Eine dicke alte Dienstmagd mit Warzen im Gesicht und langen Fußnägeln würde ihm doch sicherlich auch genügen? Zu Bajard würde es allemal passen und zu dieser Spelunke erst Recht.

Also vollendete sie den Brief an ihren Neffen und setzte einen Zweiten an seine Dienstmagd, Rhianna auf. Der Brief des Neffen wurde direkt in die Hände eines Boten übergeben. Für den zweiten Brief würde sie sicherlich eine Weile benötigen.

Also fanden folgende Zeilen den Weg auf Pergament:

_________________________________________
"Wertes Fräulein Dienstmagd Rhianna,

seit einiger Zeit überlege ich nun, ob es nicht besser wäre wenn ich euch in meine Obhut nehmen würde. Mein Neffe ist doch ein recht beschäftigter Mann welchem man besser eine Frau, denn eine Dienstmagd an die Seite stellen sollte.

Temora Behüte! Das sollte kein Vorwurf an eure geringe Intelligenz sein. Schließlich sei es nun einmal so angeboren worden, nicht wahr? Und man braucht auch solch fähige Leute wie euch in den Reihen der Klugen und Reichen. Wo kämen wir auch sonst hin.

Wie dem auch sei, ich werde diese frohe Kunde - ich denke ihr findet sie ebenso wundervoll - bei einem Zusammentreffen mit meinem Neffen besprechen.

Versucht bitte nicht mit meinem Neffen den Beischlaf auszuüben. Er soll ein schlechter Liebhaber sein und ein schlecht Rasierter noch dazu.

Geduldet euch einige Tage und wir werden uns bald sehen. Ich möchte euch gerne in meiner Obhut als Dienstmagd der Familie Roth begrüßen.

Seht dies als strikte Anweisung an!

Es grüßt,
Anthea Sophia Roth"

_________________________________________

Der Schrieb wurde an einen Boten übergeben welcher aber auf halbem Wege nach Bajard in den tiefen Schnee fiel und den Brief ersteinmal eine Weile suchen musste ehe er ihn wiederfand. Er war völlig durchnässt und so kam es, dass die Nachricht welche Bajard und Rhianna erreichte nun eine völlig andere war, denn die meisten Textstellen waren verwaschen durch das Schneeunglück:

_________________________________________
"Wertes Fräulein ~~~~ Rhianna,

seit einiger Zeit überlege ich nun ob ~~~ Mein Neffe ~~~ ein recht beschäftigter Mann welchem man besser eine Frau ~~~~ an die Seite stellen sollte.

Temora Behüte! ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~. Schließlich sei es nun einmal ~geboren worden, nicht wahr? Und man braucht ~ solch fähige Leute wie euch in den Reihen der Klugen und Reichen. ~~~~~~~~~

Wie dem auch sei, ich werde diese frohe Kunde - ich denke ihr findet sie ebenso wundervoll - bei einem Zusammentreffen mit meinem Neffen besprechen.

Versucht bitte ~~~ mit meinem Neffen den Beischlaf auszuüben. Er soll ein ~~~~ Liebhaber sein und

~~~~Geduldet euch einige Tage ~~~. Ich möchte euch gerne in ~~~~ der Familie Roth begrüßen.

Seht dies als strikte Anweisung an!

Es grüßt,
Anthea Sophia Roth"

_________________________________________

Der Brief kam in dieser verwaschenen Variante schon bald in Bajard an und sollte den Weg in die Hände Rhiannas finden. Währenddessen schlief in Adoran die Alte seelenruhig in ihrem Bett und träumte von einer glorreichen Zukunft der Familie Roth.
Zuletzt geändert von Anthea Sophia Roth am Freitag 17. Januar 2014, 11:42, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Sie nannte das Kind Annika und zwar aus keinem bestimmten Grund, sondern einfach weil ihr der Klang des Namens gefiel. Seit Annika bei ihr im Zimmer wohnte, hatte sie kein Wort gesagt. Sie saß nur auf ihrem Lager und sah sie aus diesen großen, ratlosen Augen an, die die gleiche Frage zu stellen schienen, die auch in Rhinis Kopf zirkulierte: "Was nun?" Sie wusste, dass Annika nicht mehr lange unbemerkt bleiben würde und selbst wenn ihr Herr - durch seine Arroganz mit Blindheit gestraft - nichts von der Anwesenheit des Gastes erfuhr, so wäre ihr kleines, fensterloses Zimmer trotzdem nicht der geeignete Ort für das Kind.

Um möglichst wenig Aufmerksamkeit für sich zu generieren, hatte sie sich dieser Tage im Umgang mit ihrem Herren auf vorauseilenden Gehorsam beschränkt, wusste sie doch, dass er ihren Eifer, ihren Fleiß und ihre Freundlichkeit als selbstverständlich nahm und sich nur bei Zuwiderhandlung veranlasst fühlte sie an ihre Stellung zu erinnern. Der Reichtum, die Bequemlichkeit und das fettige Essen hatten ihn ihrer Ansicht nach dumm gemacht. Sie huschte auf Zehenspitzen durch die Gänge und verließ ihr Zimmer nur für kurze Ausflüge. Sobald er außer Haus war holte sie Annika zu sich in die Küche oder badete sie. Rhini hatte schon am ersten Tag ihres unverhofften Besuches in Erfahrung gebracht, dass es Annika gefiel im warmen Wasser zu sitzen und wenn man sie schwenkte dann lachte sie bis die Augen unter Tränen standen. Je wilder umso besser. Das, so musste sie sich eingestehen, einzige Erfolgserlebnis.

Rhinis Gedanken drehten sich wie in den Bahnen eines konzentrischen Kreises um das kleine Mädchen in ihrem Zimmer und gerade weil sie insgeheim den Entschluss gefasst hatte dieses Mädchen zu behalten wusste sie sich keinen Rat. Für sie stellte sich die Situation wie folgend dar:

Szenario 1) Sie konnte vor ihren Herren treten und ihm sagen, dass sie seine Tochter an der Türschwelle gefunden hatte. Ihm das Schicksal seiner Tochter zu überlassen war in ihren Augen aber eher fahrlässig, wusste sie doch, wie er mit anderen Familienmitglieder verfahren war und obwohl er sich dahingehend nie geäußert hatte, nahm sie doch an, dass er für seine nächste Zukunft keine Vaterschaft ins Auge gefasst hatte.

Szenario 2) Sie packte ihre Habseligkeiten und Annika und lief mit ihr davon. Dieses Vorhaben war erschwert durch die Tatsache, dass sie nicht wusste wohin und selbst wenn sie es gewusst hätte, dann hätte sie noch immer kein Geld gehabt um überhaupt dorthin zu gelangen und außerdem war es genau genommen nicht ihr Kind.

Es war nun schon die zweite Nacht seit jenem denkwürdigen Ereignis ins Land gezogen und Rhini konnte sich nach Abwägung aller Für und Wider noch immer zu keinem Entschluss durchringen. So starrten sich die beiden nur aus ihren großen, ratlosen Augen an.

Sie war jedenfalls froh, dass sie den Brief an die Tante nicht abgeschickt hatte, denn diese hatte offenbar (und das ging wie man hörte den meisten Leuten so, die nach Adoran zogen) den Verstand verloren. Ihr Neffe würde sie nicht als Frau in Erwägung ziehen, selbst wenn sie die letzte auf Erden wäre und außerdem - dafür reichte ihr Verstand - war ein Großteil des Briefes unleslicher geworden.
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 19. Januar 2014, 13:33, insgesamt 1-mal geändert.
Benedict Roth

Beitrag von Benedict Roth »

In den letzten Tagen hatte sich das Verhalten seiner neuen Dienstmagd maßgeblich verbessert; ein Umstand, der ihn erst zu einem gewissen Misstrauen verleitet, später aber zu der Erkenntnis geführt hatte, dass diese Änderung schlicht und ergreifend auf seine Mühen als Herr des Hauses zurückzuführen waren. Auch wenn das Mädchen nur einen geringen Stellenwert einnahm - war er doch mit zahlreichen Projekten von großer Wichtigkeit gesegnet - so war die Beschäftigung mit ihr doch zu einer angenehmen Nebentätigkeit geworden und so ließ er es sich auch nicht nehmen, regelmäßig neue Wege zu finden, ihre Haltung und ihr Benehmen zu optimieren.

Das Fischerdorf war an diesem Abend bereits in Mondlicht getaucht, als er mit milder Enttäuschung die Kerze in der Bajarder Bibliothek auspustete und das Werk mit der Aufschrift 'Hundezucht' zurück in die Lücke des Bücherregals schob. Wenngleich zweifellos gut geschrieben, fanden sich darin nur wenige Informationen, die für seine Zwecke als nützlich einzustufen waren. Mit recht deutlichem Schlafmangel, was eine ungewöhnlich schlampige Körperhaltung und unsichere Schritte verrieten, trat er den glücklicherweise recht kurzen Weg ins Eigenheim an.

Es war der Schlaftrunkenheit geschuldet, dass ihm beim Abschließen der Haustüre der kupferne Schlüssel durch die Finger rutschte und ihn dazu veranlasste, mit der Handfläche den Fußboden des stockfinsteren Zimmers abzusuchen. Statt dem gesuchten Gegenstand fand er jedoch ein seltsames Etwas, welches sich nach dem Entzünden einer Laterne als Teil eines Pergamentblattes herausstellte, dessen Körper fast vollständig durch eine Ritze zwischen den Holzdielen verschwunden war. Die Neugierde war geweckt und als er dank mangelndem Fingerspitzengefühl den Schrieb selbstredend zur Gänze im Boden verschwinden ließ, blieb ihm nichts anderes übrig als noch in tiefer Nacht das Brett aus dem Boden zu reißen. Darunter fand sich neben dem Pergament noch eine verstaubte Kiste - zwei Fundstücke, die für die Bewohner des Schmelztiegels (nach erholsamem Schlaf) noch deutliche Konsequenzen nach sich ziehen würden.
Benedict Roth

Beitrag von Benedict Roth »

In den frühen Morgenstunden findet sich eine Spur aus Marmeladenklecksen die vor Rhinis Zimmertüre beginnt, in die Küche und dort zu einem der zahlreichen Schränke führt. Öffnet man die Türe, so findet man darin einen winzigen Besen, wie für Kinderhände gemacht.
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Daz Getwergelyn
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Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42

Beitrag von Daz Getwergelyn »

Unterdessen hört man in Nilazadan lautes Rumoren aus dem Sippenhaus der Getwergelyn. Es klingt so, als würde im Inneren die Bude förmlich auf den Kopf gestellt. Lautes Fluchen ist zu vernehmen: "Bei Cirmias! Wo ist nur der Sippenbesen?!"
Gast

Beitrag von Gast »

Rhini schwieg mit der Nacht um die Wette und beinahe hätte sie das Duell für sich entschieden, wäre da nicht das leise Gejammer von Annika dem morgendlichen Geschepper der Straße vorausgegangen, das sie jedes Mal nötigte eine Melodie anzustimmen, deren Wiederholung das Kind wieder in den Schlaf wiegte. Sie war während der langen, zäh tropfenden Stunden des nächtlichen Dunkels auf der Bettkante gesessen und hatte nichts getan als in die Geräuschkulisse jenseits der fest verschlossenen Tür zu lauschen und jetzt, da allmählich der Tag mit dem niedrig hängenden Nebel über das Ufer schwappte, atmete sie erleichtert auf. Am Vortag hatte ihr das kleine Haus, das sich im Hafen von Rahal gegen die Stadtmauer lehnte, noch ein freundlicheres Gesicht gezeigt, aber mit Einbruch der Dunkelheit drehte es ihr den Rücken zu und nahm sich außerordentlich kalt und trostlos aus.

Die Holzrahmungen der Türe und der Fenster waren morsch und dafür verantwortlich, dass ein modrig-feuchter Geruch in der Luft zwischen den schlecht verputzten Wänden hing. Es zog und Rhini hatte sich vorgenommen die Fenster, die sich der Küste zuwandten bald zu vernageln. Sie hatte Annika in ein Fell gewickelt und harrte mit zusammengehaltenen Knien dem Morgen entgegen, der sich schließlich auch in ihre Richtung neigte und ein erster Sonnenstrahl hauchte einen sanften Kuss auf ihre Wange und weckte ihre Lebensgeister und damit ihre Zuversicht. Vor ihrem geistigen Auge hatte der Raum bereits Gestalt angenommen und sie rechnete sich aus, dass sie mit den fünf Kronen, die sie noch besaß und die sie die ganze Nacht fest umklammert hielt, ein wenig renovieren konnte.
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