Zu wenig Schurken vergiften die Köche

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Benjamin Vencar

Zu wenig Schurken vergiften die Köche

Beitrag von Benjamin Vencar »

Wir schreiben den 23. Alatner 256

Die Hafenstadt Adrilla,
Alatarisches Reich

Man nehme: Messer, Mehl und eine Portion Hinterlistigkeit

Eine dicke, weiße Wolke drang mit einem lauten Puffen in die winterliche Luft der Hafenstadt, als der aufgeschnittene Mehlsack zur Seite fiel und das staubige Pulver in einer kleinen Lawine seinen Platz auf dem toten Körper fand. Obwohl Ben eine Ledermaske trug, die – wenn er Pech hätte – sicherlich Abdrücke in seinem Gesicht hinterlassen würde, legte er vorsichtshalber noch seine beiden Hände über seinen Mund, um nicht aufgrund der Mehlflocken husten zu müssen.

Natürlich würde das Mehl die Leiche des Händlers nicht lange verstecken können. Der geübte Blick einer Stadtwache würde sofort merken, dass zwischen all dem Schnee in der Gasse plötzlich ein weißer – nicht glitzernder – Farbton herausstechen würde, unter dem eben jener Kaufmann vergraben war. Sollte Eluive Ben einen Streich spielen wollen, so würde es auch ausreichen, wenn ein kurzer Regenschauer das Mehl einfach zur Seite spülen würde. Aber die einzelnen Schneekristalle, die vom Himmel rieselten, streuten Zuversicht. Wenn Ben Glück hätte, würde der Körper am Ende wirklich von Schnee begraben sein.

In jedem Fall brauchte er nicht mehr als zwei Stunden und dann würden sie ihn nicht einmal mehr befragen können. Der zunehmende Mond stand starr am Firmament. Nein, er brauchte sich keine Sorgen machen, dass etwas schief gehen könnte.

Auf dem Rückweg zum Handelshaus ging Ben noch einmal den Plan in seinem Kopf durch. Zwei Jahre lang hatte er für den nunmehr toten Hormann Marn als Handelsgeselle, Bote und Sekretär gedient. Hormann war ursprünglich ein Kaufmann unter varunesischer Flagge – die konnte er nach dem glorreichen Sieg der alatarischen Truppen aber kaum noch zeigen, vor allem nicht, weil er beide Seiten damals beliefert hatte. Er war mitunter selbst dafür verantwortlich, dass seine Heimatstadt dem Untergang geweiht war.

Und Hormann war nicht der Einzige. Diese Tatsache allein war für Ben der Grund, warum er sich auf den fetten Händler überhaupt einließ. Der Kaufmann hatte eine Liste von allen Varunesen, die der Krone den Rücken zukehrten, als es brisant wurde, und Rahal ihre Unterstützung anboten. Während einige von diesen Verrätern im Zuge dessen auch Bürger des Alatarischen Reiches wurden, so wie Hormann, gab es andere, die in stillem Gewissen immer noch im Herzogtum Lichtenthal – oder anderen Regionen des Königreiches – verweilten, als wäre nie etwas passiert.

Für Ben eröffnete sich hier eine einzigartige Geschäftsmöglichkeit. Hätte er erst einmal die Liste und Beweise für die Untreue dieser ehemaligen Varunesen, müsste er ihnen nur noch einen kleinen Besuch abstatten. Der Preis für das wissende Schweigen vermag dabei so verlockend sein wie derjenige für die Auslieferung an das Königreich.

Doch dieser alte Sack hatte die Liste nicht bei sich. Stattdessen kam er erst einen Tag zuvor auf Ben zu und erzählte ihm freiwillig – was ein Narr! – von den Namen, die sich alle noch in einer versiegelten Kiste in den Trümmern von Varuna befinden würden. Hormann hatte die Verräter zwar auch alle im Kopf, doch er begriff, dass die Liste auch eine Gefahr für ihn darstellen würde. Und deshalb beauftragte er Ben damit, diese Liste zu finden.

Wenn Ben also den Freischein bekam, nach dem zu suchen, was er begehrte – warum dann noch den Händler töten? Nun, abgesehen davon, dass sich gerade eine fabelhafte Möglichkeit ergab, hatte Ben nicht die Absicht, nach Adrilla zurückzukehren. Auf lange Sicht hätte Hormann wie drohendes Messer im Rücken sein können – außerdem wäre er in der Lage gewesen, die Verräter zu warnen. Nein, nein … Ben wollte sich nicht mit Sorgen plagen müssen.

Als die Tür des Handelshauses ins Schloss einrastete, trat Ben zielstrebig auf den kleinen Speiseraum zu, auf dessen Tisch er all die Ausrüstung, die er für seine Weiterreise brauchte, bereitgelegt hatte. Gerade, als er die Tasche ergreifen wollte, erkannte er aus den Augenwinkeln heraus eine Gestalt, die an einem Schrank lehnte.

„Hat alles geklappt?“, hakte der gepanzerte Soldat der adrillischen Truppen nach.

„Ja.“

„Gut. Die Schiffsbriefe wurden geändert. Alle Welt wird nun denken, dass du auf dem Weg gen Westen bist. Nur wir beide wissen, dass Gerimor dein Ziel ist.“

Ben lächelte flüchtig bei der Bemerkung und griff nach dem prall gefüllten Beutel Gold, ehe er auf den Soldaten zutrat. Er streckte den Arm aus, um die Bezahlung zu überreichen, doch gerade, als die Hand des Soldaten nach vorne schoss, kippte der Goldbeutel leicht nach vorne und verließ Bens Hand. Die Reaktion des Soldaten war einfach und zu erwarten. Er machte einen Ausfallschritt nach vorne, krümmte seinen Oberkörper und versuchte, den Beutel noch in der Luft zu fangen. In einer fließenden Bewegung zog Ben ein kleines Messer aus seinem Gurt und stieß zu.

Es war kein schöner Anblick, aber das Gesicht war bei einem gepanzerten Soldaten nun einmal die Schwachstelle. Hätte er mal einen Helm getragen.

Sie würden die Leiche des Soldaten vermutlich unmittelbar nach Hormann finden. Doch in weniger als zwei Stunden war er auf dem Weg nach Gerimor. Und jetzt wusste nur noch er alleine, dass Varuna sein Ziel war.
Benjamin Vencar

Beitrag von Benjamin Vencar »

Wir schreiben den 23. Hartung 256

Die Hafenstadt Adoran
Herzogtum Lichtenthal

Man nehme: Geduld, viel Anstand und ein eingefrorenes Tintenfässchen

»So war das aber nicht geplant!« Diese Aussage trägt doch seltsamerweise einen sehr negativ behafteten Geruch an sich, den selbst die Hunde in den Gassen aufzuspüren mögen. Und dennoch musste Ben feststellen, dass es gerade dieser Duft von Zufällen war, der ihn auf einen Pfad gelockt hat, den er nicht einmal mit verbundenen Augen verfehlen hätte können.

Zuallererst war da dieser Maskenball – eine interessante Gelegenheit, herauszufinden, wie die Leute in Lichtenthal so ticken. Wie die Menschen – und andere – im Alatarischen Reich lebten, das war ihm ja schon vor seiner Ankunft auf Gerimor vertraut. Und dieser von Letharen niedergestreckte Paladin bestätigte nur das Bauchgefühl, dass es auf dem Kontinent nicht anders sein würde.

Der Maskenball also. Es waren Leute da. Viele, viele Leute – so hatte Ben erst einmal beobachtet, nachdem ein junges Fräulein so lieb war, ihm eine Maske zu leihen. Stell dir vor, es ist Maskenball – und niemand hat eine Maske auf.

Da der Ball aber nicht so ergiebig war, wie erhofft, musste er seinen alten Plan verfolgen. Ein wirres Schreiben an das Lichtenthaler Regiment würde zeigen – oder hoffentlich nicht –, wie die Soldaten des Ostens auf wirre Leute reagieren würden. Es kam bisher keine Antwort. Das könnten gute Zeichen sein.

Umso ärgerlicher war es für Ben, dass sein Tintenfässchen eines Nachts ohne Ankündigung in eben jenen unbrauchbaren Zustand wechselte, dass man die Feder mit einer Fackel tauschen müsste, um auf auch nur ein bisschen Tinte hoffen zu können.

Wie es der Zufall aber so wollte, stolperte Ben über den Hort des Wissens bei Kronwalden. In der Absicht, sich dort ein neues Tintenfässchen zu besorgen, macht er die hohe Bekanntschaft mit Ihrer Hochgeboren von Nebelpass. Vom Wald in die Audienz – oder so in der Art. Aber der Zufall hatte noch mehr Überraschungen im Gepäck. So wurde Ben damit beauftragt, zwei Personen eine mündliche Botschaft zu überbringen. Ein Auftrag von einer Adligen? Da klingeln die Münzen im Kopf!

Auf dem Weg zum Schneider Feoras Zael stolperte Ben dann über den nächsten Adligen – im Winter muss es diese zahlreicher geben als Bäume mit Früchten. Sir Friedrich von Myrtol zeigte sich so freundlich, Ben zu Herrn Zael zu führen. Das lag aber vermutlich eher daran, dass der Reichsritter so oder so auf dem Weg zu dem Schneider war.

Und dann dieser Schneider! Für die Übergabe der Nachricht bekam Ben gleich eine komplette Garderobe als Lohn. Nun war er nicht nur Bote. Er sah plötzlich auch noch aus wie einer! Zufall über Zufall.

Doch dann war da noch die letzte, knifflige Nachricht. Diese ging an Ihre herzogliche Hoheit Mariella von Lichtenthal. Doch wie im Namen aller Götter sollte er, ein Bote ohne Reputation, auch nur in die Nähe der Herzogin gelangen? Ben nahm sich daher den Ratschlag von Feoras zu Herzen und suchte die Vögtin von Adoran – Nyome van Belfa – auf. Bei dem Andrang an adligem Geschlecht auf seinem Weg, da passte eine edle Dame durchaus auch noch in den Lauf seines Lebens hinein. Warum denn auch nicht?!

Und diese edle Dame zeigte sich bereit, Ben bei der Angelegenheit mit der Herzogin auszuhelfen. Zwar sollte er die Botschaft persönlich übermitteln. Aber manche Personen waren eben für einen einfachen Mann schwierig erreichbar. Zumindest bis auf Weiteres …
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