Sie hatte es glatt vergessen. An dem einen oder anderen Morgen gewährte ihr der strenge Ausbilder Ruhe, ließ sie schlicht ihre Schreibarbeit im Palast oder der schwarzen Arkoritherfestung erledigen.
"Kümmert Euch heute ausschließlich um Eure Bürokratie, Magistra", hatte ihr der Schwarzmagier empfohlen.
"Das Gehirn muss auch trainiert werden." Sophie starrte ihn an. Manchmal hätte die dralle Magierin ebenso gut blond sein können. Sprichwörtlich. Zwar fehlte es ihr definitiv nicht an der einfühlsamen Intelligenz, aber was logische Zusammenhänge, wie die Mathematik, anging, konnte ihr glatt ein Zwölfjähriger Konkurrenz machen. Das merkte sie bei der Materialbeschaffung für den Bau der Burg nahe Düstersee. Fleißige Helfer des Reiches brachten Werkzeug und Ressourcen für die baldige Errichtung an die Baustelle und verlangten selbstverständlich ihren Lohn. Dann passierte es nicht selten, dass ein viel zu langer Moment, begleitet von nachdenklichen
"Öööh"- und
"Äääh"-Lauten, verging, obwohl es sich um einfache Rechenaufgaben handelte:
"Hofmaga. Viertausend weitere Steine wurden geliefert, wieviele fehlen noch?", fragte sie ein Gardist, der die Baugrube überwachte.
"Öh, also... Vier dahin. Null im Sinn", lautete die vermeintliche Antwort. Und es verging Zeit. Viel Zeit. Man hörte die imaginären Heuschrecken zirpen, während es regelrecht im Magierinnenkopf ratterte. Tasador, der Palastbote, half ihr oft genug aus der Patsche. Immerhin hatte sie in ihrem neuen Amt Welpenschutz. Von Peinlichkeit berührt, neigte Sophie kurz den Kopf und errötete.
"Jetzt bloß nicht doof wirken. Mach' einen auf klug", dachte sie. Anschließend hieß es: Brust raus, Kopf hoch. Und im Falle ihres üppigen Leibes auch: Bäuchlein vor.
Die verspätete Antwort kam bei selbstsicher wirkender Haltung. Und wieder erfolgte ein langer, peinlicher Moment. Man nickte bloß. Ganz langsam.
"Ich, äh, bin übermüdet", fügte sie, entschuldigend, hinzu. Im Grunde hatte sie nicht Unrecht. Neuerdings ertrank sie in Pflichten und Aufgaben. Auch, wenn sie es sich nicht eingestehen wollte: Althans Trainingsprogramm tat gut. Fast den ganzen Arbeitstag auf dem Hintern zu sitzen und Bürokratie zu erledigen, nagte am psychischen und physischen Wohlbefinden: Protokolle wälzen, Kriterienbögen ausfüllen, Studenten bewerten, Unterricht planen, Prüfungen planen, Anweisungen Seiner Heiligkeit befolgen. Da kamen Kampf, Bewegung und Training zu kurz. Ihr Gehirn brauchte Energie, und sie aß zwischendurch das eine oder andere mitgebrachte Kuchenstück auf der Arbeit. Somit fügte sie sich einem Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gab. Wenngleich sie Althan oft genug verfluchen konnte, war sie ihm zeitgleich dankbar. Dankbar dafür, jemanden zu haben, dem ihre Gesundheit etwas bedeutete, der sie gelegentlich aus dem starren Teufelskreis treten konnte.
Nach einem heißen Bad, wie vom Adeptus vorgeschlagen, griff sie nach Kohlestift und Pergament, um dem Arkorither ein Schreiben zukommen zu lassen:
- Adavens und des Panthers Segen, Adeptus,
ich sitze im Badetuch vor meinem Schreibtisch; die Idee mit dem heißen Bad war hervorragend.
Ach, und: Danke. Für alles. Wir sehen uns spätestens zur nächsten Trainingseinheit.

Die letzten Zeilen erfolgten zaghaft. Die ersten wiederum mit einem leichten Grinsen. Wenngleich sie sich darüber im Klaren war, auf den Adeptus ebenso erotisch zu wirken, wie ein gefüllter Kartoffelsack.