Das Gewissen ist eine Eigenschaft der Menschen. Viele unterdrücken es ihres Lebens wegen - aber nur wenige verlieren es je.
Auf den nördlichen Teilen der Mauer Berchgards patroillierten zwei Schützen. Der Krieg bescherte ihnen schwerere Wachdienste als sie es in Rahal gewohnt waren. Es war ein langer Tag, und auch die Nacht schien nicht kurz werden zu wollen. So lehnte sich einer der beiden an Zinnen der Mauer und blickte müde hinab, die Augen nurmehr leicht geöffnet.
Weißes... Knochen? Ja Knochen... Natürlich, der zerstückelte Kutscher... Seine Augen weiteten sich. Knochen sollten nicht stehen, wollte man meinen, doch Untote taten es. Aber das... schwebende Knochen... ein Geist? "He, schau da runter!" rief er seinem Kollegen zu. Teils amüsiert teils misstrauisch betrachteten sie das selbst für einen Geist unwirklich wirkende Skelett. Es wirkte richtiggehend... verschwommen. Und es starrte sie nur starr an.
Schuld
Der eine Wächter zuckte, der andere sah ihn überrascht an.
Mord
Er entfernte sich unsicher von den Zinnen.
Leid
Der Ahad, Letast... er war aufmerksam geworden. Er fühlte etwas und entsandte zwei Soldaten, nach dem rechten zu sehen. Als sie auf der Mauer ankamen wurden sie schnell auf die verschwommene Gestalt hingewiesen. Diese blickte sie starr an. Unbewegt, verschwommen, starr. Dann hörten auch sie abwechseln, die gleichzeitig die Worte. Worte, wie Geflüster. Worte von Schuld. Worte von Grausamkeit. Worte von Mord. "Ein Geist der Ungläubigen?" sagte einer der Hinzugekommenen und betrachtete die Gestalt misstrauisch. Bis auch er die Worte hörte und sie doch etwas berührten. Er entsandte den, der mit ihm gekommen war, jemanden hinzuzuholen, während er Stellung halten würde. Jener kam mit Letast zurück, doch die Stimmen gingen weiter und einem zumindest mochte man anmerken, dass er zumindest verunsichert wurde durch... jene Worte. Der Ahad beobachtete das Geschehen misstrauisch, frei von den Stimmen. Dann zeichneten sich um die Gestalt herum Silhouetten in der Luft ab. Seltsam vertraut. Ohne feste Form und doch irgendwie... menschlich? Dann entfernte sich die Gestalt. Schritte waren keine zu sehen - sie schwebte einfach gen Hügelgrab und verschwand im Schatten.
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Erishel atmete tief durch und lies die Magie enden, die sie als Skelett getarnt hatte. Sich als Skelett zu tarnen... Stimmen in den Geist von Soldaten zu setzen... Ja, das war eine Sache! Skelett... Aber ein Ahad! Verschwommen... das war wichtig... Das war etwas anderes... Keine Schritte sehen lassen... Es ist nicht schwer mit genug Erfahrung, einen Geist zu beeinflussen, aber ein so eng dem Brudermörder verbundener! Starr anblicken... Hoffentlich hatte er wenigstens etwas so gesehen wie beabsichtigt. Schuldgefühle ansprechen... Gab es da ein Gewissen anzusprechen? Auf das Gewissen der Rahaler hoffen... Keine Ahnung, aber sie hatte es auch nicht darauf ankommen lassen... Den Geist eines Ahads direkt anzugreifen... Welch Irrsinn wäre das! Gestalten sehen lassen... Sie versuchte tief Luft zu holen, es ging kaum. Sich dem Ahad gegenüber wenigstens ansatzweise getarnt zu halten... Das kostete mehr Kraft als sie für möglich gehalten hatte. Stimmen... Warum musste er auf die Mauer kommen? Hoffentlich würde es trotzdem etwas bewirken... Bei den anderen.
Im Schutz des Abgangs bewegte sie sich zur Palisade, an dieser Vorbei bis zur vom Kriege gezeichneten Taverne, die als Wall herhielt. Sie teleportierte sich an die Hausecke und kippte möglichst schnell außer sicht, um nicht zu sehr aufzufallen. Dann wankte sie zum Kommandozelt. Die Wachen hielten sie davon ab, hineinzuwanken und sie stürzte fast, wurde aber gerade noch aufgefangen. Man half ihr, dass sie Bericht erstatten könne. Kam Aradan deshalb heraus? Er war so besorgt gewesen, als sie es mit ihm besprochen hatte... Ja, garnicht zu unrecht. Das Lied... Hatte man ihn herausgeholt? Eluive... Sie wusste es nicht sicher, sie bekam es kaum mehr mit. Brudermörder... Angestrengt brachte sie die Worte heraus, Bericht zu erstatten. Hoffentlich waren es die richtigen, sie hörte sich selbst kaum mehr. Rahal... Zu erschöpft war sie. Nach dem Bericht wankte sie von dannen... Zu den Zelten... Schlaf... Ungeachtet, was es für ein Zelt war... sie ließ sich auf die ausgerollte Schlafunterlage fallen. Ihr letzter Gedanke dieses Tages... Wiederholen... Oder belassen... Sie schlief ein.