Momentaufnahmen

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Ayasha Shirin

Momentaufnahmen

Beitrag von Ayasha Shirin »

Da stand ich nun vor einer Stadt, die weitläufig bekannt war als MenekUr. Umgeben von der unendlichen Wüste. Die Karawane war weitergezogen und mit ihr meine liebste Freundin. Wir hatten nur ein paar Momente gehabt, um uns verabschieden zu können, danach war ich auf mich allein gestellt. Allein. Mein Blick wanderte langsam an den edlen Gemäuern empor und ich schluckte schwer. Den Mut aufbringen und einen Fuß durch die Stadttore setzen? Nein. Ich musste erst ein paar Mal tief Luft holen. Wohin sollte ich gehen? Ich trug keinen Nachnamen, ich hatte keinerlei Anlaufstelle.

Da ich nicht gerade die Mutigste war, lief ich ein paar Mal vor den Mauern auf und ab. Dass mich die Wachen schon merkwürdig anstarrten, weil ich vor mich hinmurmelte, war mir in diesem Moment entweder nicht bewusst. Oder ich hatte es verdrängt. Oder ignoriert. Irgendwann atmete ich ein letztes Mal tief ein und sprang über meinen Schatten – sinnbildlich. Ich ging durch die Stadttore und erst dann atmete ich wieder aus und sah mich um. Keine bewaffneten Menekaner, die auf mich zu rannten und mich festnehmen wollten? Manchmal hatten wir in all unseren Unterhaltungen wirklich eine äußerst blühende Fantasie gehabt. Ganz am Anfang schien der Palast zu sein. Ein prunkvolles Gebäude. Ich kämpfte mit meiner aufkeimenden Neugier, einen Fuß über die Schwelle zu setzen. Ja, das wäre ein klassisches Ayasha-Manöver gewesen: Blindlinks in den Palast stürmen, die Nase überall reinstecken und dann riesigen Ärger bekommen. Ich musste mich zusammenreißen. Im Süden befand sich eine Art Übungsplatz, gefolgt von einem größeren Gebäude. Innen fand ich ein paar mit Stoff befüllte Übungspuppen für den Kampf. Nach Adam Riese konnte das nur die Kaserne gewesen sein. Meine Schritte führten mich weiter durch die Wege und Gassen, bis ich am Basar edler Künste vorbeigekommen war, ebenso wie an der Taverne. Beeindruckende Bauweisen und hervorragende Einrichtungskünstler schien es in dieser Stadt zu geben. Die Kissen lockten dazu, sich einfach hinlegen zu wollen. Bequem schlafen, jeden Tag ein Dach über dem Kopf haben – das war immer mein Traum gewesen. Ich ging weiter. Und kam an der Akademie Leviathan an. Ich haderte mit mir. Sollte ich die Akademie betreten und einen Blick riskieren? Aber auch hier verließ mich schnell wieder der Mut, der meine Neugier besiegte. Ich beschloss, allem ein bisschen Zeit zu geben. Die Hauptsache war, dass ich erst einmal angekommen war. Den Rest würde die Zeit zeigen.
Zuletzt geändert von Ayasha Shirin am Freitag 1. November 2013, 05:10, insgesamt 2-mal geändert.
Ayasha Shirin

Beitrag von Ayasha Shirin »

Die Müdigkeit hatte mich schnell schlafen lassen. Natürlich war die Aufregung groß gewesen, mein Körper vermittelte mir allerdings sehr schnell, dass ich mehr als nur ein paar Stunden Schlaf brauchen würde. Die Wachen hatten es gut gemeint und mir empfohlen, an einem Geschichtsabend teilzunehmen. Aber ich wusste gar nicht wohin und ob ich willkommen war. Nein, um all die anderen Einwohner kennenzulernen würde mir noch alle Zeit der Welt bleiben.

Ich war eine ganze Weile in der Taverne gesessen, hatte versucht, meine Gedanken zu ordnen und alle vergangenen Geschehnisse in eine Linie zu bringen. Aber ich scheiterte. Ich musste mir Hilfe holen, Hilfe suchen. Ich brauchte jemanden, der mir in diesen Angelegenheiten weiterhelfen konnte. Die junge Natifah in der Taverne riet mir, mich an den Tempel zu wenden. Die Göttin würde einem immer Antworten schenken. Ich seufzte. Erst einmal musste ich sehen, dass ich etwas Vernünftiges zum Anziehen bekam. Wenigstens ein hübsches Kleid oder etwas in der Art. So lange hatte ich kein Kleid mehr getragen, es wurde langsam wieder Zeit.

Nachdem ich eine weitere Stunde damit verbracht hatte, mich weiter mit dieser Natifah zu unterhalten, ging ich die Stufen empor und legte mich in eines der Betten. Sie hatte ein Auge zugedrückt und mir für diese Nacht ein Zimmer in den Gasträumen MenekUrs überlassen. Das Badehaus würde ich nordwestlich finden, um mich ein wenig frisch zu machen. Doch dazu kam ich nicht mehr. Ich fiel sehr schnell in einen sehr tiefen Schlaf. Und immerhin wäre morgen auch noch ein Tag.
Zuletzt geändert von Ayasha Shirin am Freitag 1. November 2013, 05:11, insgesamt 1-mal geändert.
Ayasha Shirin

Beitrag von Ayasha Shirin »

      • [img]http://s14.directupload.net/images/131101/7y9dh2a9.jpg[/img]
Die erste schlaflose Nacht hatte ich hinter mir. Mich beschäftigte so viel. Wer war ich? Was hatte das alles zu bedeuten? Verwirrt saß ich abermals in der Taverne und unterhielt mich mit der Natifah hinter dem Tresen. Tag ein, Tag aus hier zu stehen und sich das Geschwätz der Bürger und der Reisenden anzuhören, das musste man auch können. Aber ich war ihr dankbar, dass es sie gab. Immerhin hörte sie zu.

Nach einer heißen Tasse Tee, einem köstlichen Kräutertee, machte ich mich wieder auf den Weg durch die Straßen. Ich musste eine Möglichkeit finden, wie ich zum Einen eine Erklärung für alles fand. Und zum Anderen musste ich einen Weg finden, um die fehlenden Teile zu finden. Ich musste sie zu einem Ganzen zusammensetzen. In der Nacht, bevor ich wach wurde und nicht mehr einschlafen konnte, hatte ich wieder geträumt. Als ich wach wurde, blieb dieser Beigeschmack, dass ich etwas Wichtiges geträumt hatte, aber ich konnte mich kaum noch daran erinnern, was genau es war.

Zu all meiner eigenen Verzweiflung kam noch das Neue, das Fremde hinzu. Viele andere Menekaner hier wussten, dass eine Familie auf sie warten würde und sie auffangen würde. Ich hingegen war hier und
hatte.. niemanden. Niemand, der mir weiterhelfen konnte für den Moment. Das brachte mich noch ein Stückchen weiter an den Rand des Wahnsinns. Seufzend ließ ich mich wieder auf dem Stuhl am Tresen
nieder.

"Glaubst du, der Statthalter kann mir meine Fragen beantworten?"
Ich erntete ein Lächeln und ein sanftes Nicken. Vielleicht konnte er das, das waren ihre Worte. Vielleicht würde ich hier den ersten Schritt, den ersten Grundstein setzen können. Ich hatte dutzende, aberdutzende Fragen. Also nahm ich ein Schreiben, setzte jenes auf und ließ es einen Boten überbringen.
Zuletzt geändert von Ayasha Shirin am Freitag 1. November 2013, 05:10, insgesamt 3-mal geändert.
Ayasha Shirin

Beitrag von Ayasha Shirin »

      • [img]http://s14.directupload.net/images/131101/n2xruemh.jpg[/img]
Der erste Menekaner, der mir abgesehen von Hind, der Taverneninhaberin, über den Weg lief, war also Imraan Mukthaar Omar. Bei Eluive, war mir mein Auftritt peinlich. Hätte ich früher gewusst, wer er war - ich wollte nichts falsch machen. Mein ganzes Leben bestand mittlerweile daraus, nichts falsch machen zu wollen. Anstatt ihm sofort Antwort zu geben, Hilfe anzunehmen, weigerte ich mich erstmals, weil ich dachte, er hätte Besseres zu tun.

Ich war in seinen Augen eine Hauslose - was ich im Grunde ja auch war - und ich konnte froh sein, dass er mir gegenüber überhaupt so höflich war. Er hatte mir einige Fragen bereits beantwortet, die mir auf der Zunge lagen und insgeheim hatte er mir weitergeholfen. Er hatte mir einen Tipp gegeben, an wen ich mich wenden sollte wegen meinem... nennen wir es, Problem.

Liedkundig. Ich hatte schon oft von den Menekanern gehört, denen diese Ehre zuteil wurde. Ich konnte in diesem Moment noch nicht glauben, dass ich zu jenen Menekanern gehören sollte. Liedkundig.. Aber vielleicht erklärte dies meine derzeitige Benommenheit, die merkwürdigen Träume und diese ständige Präsenz von allem und jedem. Ich tat kaum länger als ein paar wenige Stunden meine Augen zu. Ich hatte alles, aber auch wirklich alles, was mir seit meiner Ankunft in dieser Stadt passiert war, auf die Müdigkeit und die Träume geschoben. Aber nun? Nun war vermutlich alles ganz anders.

Schreibutensilien. Ich starrte immer noch, zurückgelassen in den Räumlichkeiten der Bank, auf das Gold. Meine eigene Eitelkeit und die Suche nach vernünftiger Kleidung musste nun erst einmal warten. Dieser höfliche Menekaner hatte mir Ratschläge gegeben, an die ich mich zu halten hatte. Ich musste also Schreibutensilien finden. Vor lauter Gedanken hatte ich ganz vergessen, dass er mir einen weiteren, äußerst praktisch veranlagten Tipp gegeben hatte. Ich musste das Schreiben an die Akademie aufsetzen, denn dort würde ich vermutlich Antworten auf all meine Fragen finden.

Ich wollte niemanden enttäuschen. Weder ihn, noch mich, noch... alle anderen.
Zuletzt geändert von Ayasha Shirin am Freitag 1. November 2013, 11:31, insgesamt 1-mal geändert.
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