Nocheinmal möchte ich dir für unseren letzten Abend an der Oase danken. Ich weiß, dass ich dir zusagte dir einmal eine Geschichte zu erzählen. Die Welt steckt in jedem Moment und Atemzug voller Geschichten, Märchen und Sagen und ich werde gewiss an einem Abend mit Tee eine weitere als diese hier für dich finden.
*Ein paar einzelne Blätter liegen dem Brief bei. Doch ist das erste halbiert worden und sichtlich scheint der Anfang der Geschichte zu fehlen.*
… Und so oeffnete er seinen Geist und liess den Dschinn in seinen Koerper fahren. Er spuerte voller Angst, dass er fremde Gedanken sich mit seinen mischten, wie sein Leib nicht mehr seinem Willen allein gehorchte. Es war die Panik, die Furcht, die ihn dazu verleitete gegen das Wesen zu kaempfen, selbst zu bestimmen. Doch ploetzlich blieb ihm die Luft weg und all jene Freunde und Liebenden, die um ihm standen, erstarrten. Die Augen des Fischers wurden schwarz. Ein dunkler Nebel zog sich in Form von Schlieren ueber die Augaepfel und so schwarz und dunkel wuerde der Fischer nun mehr die Welt sehen. Seine Stimme schnarrte:"Ihr Thoren! Seht meine Macht, seht dass ich mir nehmen kann, was ich will, nehmen, was ich begehrte. Afifa, meine wirst du sein, denn dein Fischer liebt dich nicht mehr. Er wird sterben."
"Ja, mein Geliebter sollst du nun sein. Denn du bist staerker als der Fischer, den ich einst zu lieben glaubte. Ach, waere ich schon vorher bei dir geblieben. Nimm diesen Mantel als Zeichen meines Dankes."
Und so legte sie ihm den Mantel ueber. Er war so teuer und so wertvoll mit Perlen aus den tiefsten Meeren und goldenen Draehten bestickt, dass der Dschinn sich voll Eitelkeit geschmeichelt fuehlte. Doch wusste er nicht, dass die Liedwirker und Priester die mit Tinte geschriebenen Runen in den Mantel eingenaeht hatten. Sie hielten ihn davon ab, diesen Koerper wieder zu verlassen.
"Nun, mein Liebster, lass uns dort hingehen, wo du mich einst gefunden hast. Dort sollst du meinen Schleier lueften und wir werden eins werden." Afifa nahm die kalte Hand des Mannes, der aussah wie der Fischer, fuer den sie ihre Unsterblichkeit aufgab, und fuehrte ihn hinaus in den Hafen. Dort bestiegen sie ein Boot und ruderten auf das Meer hinaus.
Traenen stiegen der Natifah in die Augen und sie spuerte Trauer und Liebe zugleich. Sie packte den Dschinn am Mantel und stuerzte sich mit ihm in die Tiefe des Meeres. Der Dschinn wurde sich ploetzlich der Sterblichkeit seiner Huelle bewusst und er wusste, stirbt der Mann, wird er mit ihm sterben. Doch konnte der Dschinn noch nicht weichen, die Runen hielten ihn auf und er musste den Kampf um Luft und Atem und Leben miterleben. Er spürte, dass er starb. Das Salz des Meeres, die reinigenden Traenen, die heiligen Traenen der Mutter, drangen durch Mund und Nase in den Koerper ein und begannen den Dschinn zu quaelen und seine Macht zu schwächen.
Die Tinte auf den Runenblaettern loeste sich auf und der Dschinn floh aus seinem Gefaengnis. Doch zu spät. Nie wieder wuerde er jedoch das Meer wieder verlassen koennen und auch Afifa nicht. Sie trug den Bewusstlosen hinauf an die Oberflaeche und legte ihn auf das Fischerboot. Der Mensch, den sie einst liebte, roechelte und spuckte Wasser. Und als er seine Afifa sah begann er zu weinen. Denn auch sie wuerde nie wieder das Meer verlassen. Ihre Beine waren wieder zu Flossen geworden, wie es der Zauber besagte. Kehrte die Meerjungfrau, die der Dschinn die Beine schenkte, je ins Meer zurueck, so wuerde der Zauber brechen.
Ich würde es nicht wagen und mich nicht trauen zu behaupten, ich wisse Rat in einer solch gefährlichen und schwierigen Lage, denn den kann ich nicht geben. So bin ich nur eine junge Natifah, die ihr Leben mit einem Volk der Meernähe verbrachte und nichts weiß von Liedwebern und Dschinns und deren Stimme keine Schwere hier hat. Doch heißt es unter denen, welche Geschichten durch die Wüste weitertragen, dass man keine zurückhalten sollte, damit ein jeder selbst seine Schlüsse daraus ziehe. In der Region der Heimat meiner Kindheit glaubt man daran, dass ein Dschinn niemals in den Körper eines Toten eindringe oder im Moment seines drohenden Todes in jenem verbliebe. Mit dem Tod würde der Dschinn selbst geschwächt werden und in einen tiefen Abgrund stürzen. Dort, wo es keine Salzberge gibt, liegt ein Hauch von Heiligtum im Salz des Meeres. Nicht das erste und letzte Mal waren es diese Menschen, die einen wirklich oder angeblich Besessenen ins Meer stießen, um das Böse auszutreiben. Sie glauben, dass das Meer das Behältnis sei, um einen bösen Geist für mindestens 100 Jahre fortzutreiben. So wissen die Fischer und Meereskinder, wie man einen Ertrunkenen zurückholt. Nicht immer überlebte der Gereinigte es.
Ich fühle Erleichterung, die Geschichte nun weitergetragen zu haben und werde alle in dieser Stadt in meine Gebete einschließen.
Anfänglich mit einem freudigen und zufriedenem Lächeln, machte es mit jeder weiteren gelesenen Zeile einem ernsteren Gesichtsausdruck platz. Jede Geschichte hat einen, und manchmal auch mehrere, wahren Kern. Sie hatte, ganz für sich, die entsprechenden Stellen in dem Brief ausgemacht. Fein säuberlich wurden das geschriebene Wort am Ende einmal gefaltet, und in der nähe des Bettes drapiert. Sie würde ihren Ranim wohl bitten - oder im Zweifel zwingen - ihr die Geschichte noch einmal mit seiner Stimme vorzulesen.
Zuletzt geändert von Khalida Yazir am Montag 21. Oktober 2013, 00:19, insgesamt 1-mal geändert.