“Land in Sicht!” wurde aus dem Krähennest gerufen. Mara hielt die Luft an. Jetzt war es also so weit. Sie würde bald an Land gehen und ihr neues Leben beginnen.
Ihre Eltern hatten sie geschimpft, sie angefleht, ihr Vorhaltungen gemacht und ihr auf jede nur erdenkliche Art versucht klar zu machen, dass ihr Vorhaben reinster Irrsinn war. Doch sie hatte sich nicht abbringen lassen davon. Sie wollte nach Adoran, dorthin wo der König war.
Sicher tausendmal war sie alles im Kopf durch gegangen. Zu hause erwartete sie keine Herausforderung und keine Zukunft. Doch hier nahe der Residenz des Königs, hier könnte sie ihr Glück machen, einen guten Lehrmeister finden und vielleicht sogar ein eigenes Geschäft eines Tages aufmachen. Sie würde hart arbeiten und vielleicht, eines fernen Tages, würden ihre Künste vielleicht sogar im Palast auf fallen. ‘Königliche Schreinerei’ prangte dann vielleicht über ihrer Ladentür. Ja, das wäre etwas!
Mara wuchs in Kleinroth auf, einer mittelgroßen Stadt im Herzogtum Alrynes. Die Menschen lebten vor allem von Handel und der Landwirtschaft. Nur 3 Tagesreisen westlich war der bisherige Königssitz gewesen, doch nun war der König mit seinem Hofstaat umgesiedelt. Zunächst war die Angst der Händler groß gewesen, nun Einnahmen zu verlieren, doch der Großteil der hohen Adeligen, der Bürokraten und Dienern blieb und so konnte man sich doch arrangieren. Natürlich reisten einige der Händler dem König nach, doch alles in allem änderte sich wenig.
Sie hatte noch einen 2 Jahre älteren Bruder namens Jared. Er sollte später einmal die Schreinerei übernehmen und so den Laden bereits in der 4. Generation der Familie Silvan fort führen. Ihre Eltern, Kalem und Anisa Silvan, hatten ihr eine unbeschwerte Kindheit gegeben. Sie waren nicht reich, aber der Laden über dem sie auch wohnten, warf genug ab, damit sie zufrieden leben konnten. Ihre Mutter verdiente als Köchin in der Taverne trotzdem noch etwas dazu. Ihre Eltern hatten dafür gesorgt, dass ihre beiden Kinder das Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschten und Mara sollte auch noch das Kochen und Schneidern lernen. Doch das lag ihr eindeutig nicht. Ihr Bruder scherzte immer, dass sie sogar noch Wasser anbrennen lassen würde und spätestens als sie ausversehen zwei Hosenbeine zusammen nähte, schüttelte Jolanda nur noch mit dem Kopf. Sie war eine gute Freundin ihrer Mutter und eine meisterliche Schneiderin. Doch für Mara war das alles nichts.
Sie hatte schon als kleines Kind immer in der Werkstatt gespielt wo aus Holzresten Häuser und Drachen, Menschen und Tiere wurden in ihrer Fantasie. Später schnitzte sie auch sehr gerne die Figuren aus dem Holz. Doch so richtig ehrgeizig wurde sie, als Ihr Vater ihr erlaubte, ebenso wie ihr Bruder das Schreinern zu erlernen. Es machte ihr unheimlich viel Spaß zu erleben, wie aus einem Baumstamm zum Beispiel ein Schmuckkästen wurde.
Natürlich war es sehr anstrengend und sie konnte gar nicht mehr zählen, wieviele Holzsplitter sie sich schon aus den Fingern gezogen hatte. Doch dann kam der Tag, der sie für immer zeichnen sollte.
Sie war gerade 16 Jahresläufe geworden und wie bei jedem Kind war dies die Zeit, wo sie glaubte, sie könne alles besser. Ihre Eltern trauten ihr nur nichts zu, aber Jared durfte natürlich alles. Sie durfte nur nichts, weil sie ein Mädchen war. Ja wohl, so gemein waren ihre Eltern.
Zum Beispiel hatten sie ihr verboten mit der Axt einen Baum zu fällen und schon gar nicht allein!
Pah! Ihr Vater unterschätzte sie einfach nur! Warum sollte sie das nicht können? Sie war schließlich schon so gut wie erwachsen! Aber sie würde es schon allen zeigen.
Und so stahl sie sich heimlich in aller Frühe mit der Axt aus dem Haus um im Wald einen Baum zu fällen. Ein besonders schöner und großer sollte es sein. Dann würden sie sehen, dass sie das genauso konnte wie ihr Bruder Jared. Die Sonne stand gerade erst ein paar Finger breit über dem Horizont als sie den Baum ihrer Wahl erblickte. Sie konnte den Stamm gerade noch mit den Armen umfassen, so dass sich ihre Fingerspitzen auf der anderen Seite noch berührten. Der wäre perfekt! Eine Birke noch dazu. Aus seinem Holz konnte man besonders viele schöne Dinge machen. Und so mühte sie sich und schwang die Axt, wie sie es immer gesehen hatte bei Vater und Bruder. Kleine Bäume, Jährlinge, hatte sie auch schon selbst fällen dürfen. Aber einen richtigen Baum … da würden sie Augen machen und sicher nicht mehr sagen “Du kannst das nicht!” Und so, Schlag für Schlag, hieb sie erst eine Kerbe auf eine Seite des Stammes, dann begann sie auf der anderen Seite die Axt in das Holz zu treiben, damit der Baum in die gewünschte Richtung fiel. Schon nach nur wenigen Schlägen schmerzten ihre Muskeln und der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Bisher war das noch nie so anstrengend gewesen!? Die Jährlinge waren nach wenigen Schlägen immer zu Boden gegangen, aber diese Birke schien ihr alles ab zu verlangen. Aber es waren sicher nur noch wenige Schläge und so verdrängte sie das Gefühl, sich viel zu viel zugemutet zu haben und holte noch einmal kräftig aus. Doch als sie die Axt von oben in den Stamm schlagen wollte, glitt sie ihr aus den Fingern. Sie hatte einfach keine Kraft mehr, sie zu halten. Und mit Wucht schlug sie in Mara´s Schienbein! Ein Mark erschütternder Schrei kam aus ihrer Kehle und scheuchte alle Vögel im Umkreis auf. Der Schmerz, der sie sofort durchzuckte war so gewaltig, dass sie nur noch Sterne vor Augen sah und ihr furchtbar übel wurde. Weil sie nicht wusste, was sie sonst machen sollte, zog sie die Axt aus ihrem Bein. Diese Schmerzen würde sie nie vergessen! Und dann kam das Blut und sie konnte sich einfach nicht mehr auf den Beinen halten. Sie fiel auf den Waldboden und wimmerte. Wie sollte sie nun nach Hause kommen? Würde man sie suchen? Und dann die Standpauke von ihrem Vater erst! Viele Gedanken kreisten in ihrem Kopf als sie das Knacken und Ächzen vernahm. Oh nein! DER BAUM! Er würde fallen! Sie blickte auf zu dem Stamm und stellte mit entsetzen fest, dass er sich in eine ganz andere Richtung bewegte, als sie dachte, in IHRE Richtung! Sie hatte wohl das Gewicht der Baumkrone falsch eingeschätzt und wenn sie nicht schnell hier weg kam, würde der Baum sie einfach erschlagen und niemand würde sie je hier draußen finden. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und versuchte sich auf dem Waldboden weg zu ziehen. Doch er war nass vom Morgentau und sie kam nicht so recht weiter. Und dann dieser Schmerz in ihrem Bein … Das Ächzen wurde lauter, dann ein lautes Knacken und als sie nach oben sah, sah sie den Baum auf sich zu kommen. Doch Temora sei dank, verfehlte der Baum sie zum größten Teil und erschlug sie nicht, sondern traf nur den Fuss ihres verletzten Beines. Wieder schrie sie auf als der Schmerz sie erneut durchfuhr. Wimmernd versuchte sie, den Fuss unter dem Baum weg zu ziehen, doch er steckte fest. Sie weinte und rief um Hilfe, sie wusste bald nicht mehr wie lange! Doch erst als es fast schon Abend wurde, fand sie ihr Vater, der mit einigen Männern los gezogen war, sie zu suchen. Als sie seine erleichterte Stimme hörte, und seine Hand auf ihrer Wange lag, schloss sie kraftlos die Augen. Der Blutverlust und die Schmerzen waren einfach zu viel für sie und sie fiel in eine schwarze Bewusstlosigkeit.
Später erzählte man ihr, dass der beste Heiler der Stadt drei Tage lang um ihr Leben kämpfen musste. Die Wunde hatte sich durch den Waldboden infiziert und eiterte und durch den Blutverlust war sie sehr geschwächt gewesen. Sie hatte hohes Fieber und ihre Mutter betete an ihrem Bett zu Eluive, sie möge ihre Tochter retten. Und in der Tat gelang es dem Heiler, die Wunde zu säubern und das Fieber zu senken. Sie würde gesund werden. Nur der Fuß, der würde wohl für immer steif bleiben. Der Heiler tat was er konnte, doch trotz einer Schiene und eines Verbandes war er einfach zu sehr gebrochen gewesen um wieder ganz zu verheilen. Sie würde also für den Rest ihres Lebens ein leichtes Humpeln bei behalten. Aber sie entschied, dass dies nur ein kleiner Preis war für ihre Dummheit. Der Preis hätte auch ihr Leben sein können und sie schwor sich, nie wieder so überheblich zu sein und in Zukunft auf ihren Vater zu hören, zumindest bis sie einige Jahre später den Entschluss fasste, nach Adoran zu reisen.
Vater, Mutter und Bruder redeten wie ein Wasserfall auf sie ein, doch hatte sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt würde sie das auch um setzen. Sie war schon immer genauso ein Dickkopf gewesen wie ihr Vater. Wahrscheinlich stritten sie deswegen auch so viel in letzter Zeit.
Sie versuchten ihr einzureden, dass sie es doch nie schaffen würden, allein in so einer großen Stadt und ohne einen Menschen zu kennen. Ihr könnte ja sonst was zu stoßen. Aber sie war schon volljährig und hatte sich in den letzten Monaten durch ein paar kleinere Aufträge das Gold für die Überfahrt zusammen sparen können. Und was erwartete sie hier? Ein Ehemann und Kinder? Immer nur die Hilfskraft sein in Vaters Laden, den eh einmal Jared übernahm? Das war ihr einfach nicht genug! Und letzten Endes liesen ihre Eltern sie dann doch ziehen, gaben ihr noch etwas Gold mit und baten sie, doch wenigstens oft zu schreiben. Und das würde sie gewiss.
von Birken und Weiden - aus dem Leben eines Holzwurms
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Mara Silvan
*ein Brief wird nach Kleinroth entsandt, addressiert an die Familie Silvan*
Verehrter Dah,
liebste Mahmen,
lieber Bruder!
Ich wollte euch wissen lassen, dass ich gut in Adoran angekommen bin.
Die Überfahrt war sehr lange und furchtbar anstrengend, aber ich habe es geschafft.
Leider hatte Jared Recht behalten und ich habe ordentlich die Fische gefüttert! Ich sag euch... ich werde NIE wieder meinen Fuss auf ein Schiff setzen. Allein bei dem Gedanken wird mir schon wieder übel!
Aber Cirmias scheint mir wohl gesonnen zu sein. Ich habe gleich am ersten Tag nicht nur ein gutes Bett gefunden, sondern auch noch eine Anstellung als Lehrmädchen bei einer ganz netten Frau. Ihr Name ist Aleyna Nekal und sie ist fast schon meisterliche Schreinerin und Schnitzerin und wirklich sehr sehr nett.
Sie arbeitet in einem Handelshaus, dem bunten Kessel, wo eigentlich alle sehr nett sind, aber auch ein bischen verrückt. Sie haben hier teilweise sehr merkwürdige Gebräuche und sind viel freizügiger als bei uns daheim, aber ich gewöhne mich sicher daran.
Außerdem haben sie in dem Handwerkshaus auch einen Schlafsaal, wo ich ein Bett und eine Kiste bekommen habe. Keine Sorge Mahmen, natürlich sind die Schlafsääle nicht gemischt! Hier schlafen nur ich und Aleyna solange sie und ihr Liebster noch keine eigenes Haus haben.
Ich habe nach der anstrengenden Überfahrt erstmal sehr sehr lange geschlafen, aber jetzt freue ich mich auf die Arbeit!
Ich werde euch schon bald wieder schreiben!
Eure liebe
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Mara Silvan
*und wieder wird ein Brief in Richtung Kleinroth geschickt*
Verehrter Dah,
liebste Mahmen,
lieber Bruder!
Ich hoffe, es geht euch allen gut und das Geschäft läuft so gut wie immer.
Stellt euch vor, ich bin nun Bürgerin von Adoran und habe sogar einen Bürgerbrief!
Auch im Kessel mache ich viele Fortschritte. Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt und ich mag die Handwerker und Mitglieder hier. Sie haben mich sogar als Anwärterin aufgenommen!
Vielen Dank übrigens lieber Dah für das Buch mit den neuen Bauplänen. Das habe ich gut brauchen können. Die Gildenleiterin Tarya bat mich nämlich einen neuen Tisch zu bauen wo wir alle gemütlich beisammen sitzen können zum essen und reden. Eben wie eine große Familie.
Ich gebe zu, am Anfang hatte ich ein paar Schwierigkeiten mit allen hier klar zu kommen. Aber nach und nach lerne ich alle besser kennen und freue mich jeden Tag darauf, mit ihnen zu arbeiten.
Sogar ein Elf arbeitet hier und mischt uns alchemistische Tränke!
Stellt euch vor, ich konnte sogar schon genug Geld verdienen um mir ein kleines Häuschen anzumieten! Die Einrichtung möchte ich allerdings selbst schreinern, daher ist das Häuschen noch etwas leer. Aber ich lerne von Tag zu Tag etwas dazu.
Ihr kommt mich doch besuchen, wenn mein Häuschen fertig eingerichtet ist? Ich würde euch so gerne alle vorstellen! Tarya und Ernst, und Cathan und Samuel und Tarek und Shaya und natürlich auch Lethalon. Ganz besonders aber Aleyna meine Lehrerin! Sie ist fast wie eine Schwester für mich geworden. Ihr müsst sie unbedingt mal treffen!
Ich vermisse euch und sende euch viele Grüße aus Adoran!
Eure liebe
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