- Sie lauschte dem Kreischen der Möwen und beobachtete sie bei ihren kreisenden Flügen, sah ihnen mit tiefer Sehnsucht zu, wie sie auf den Winden dahin glitten und sich auf den Felsenzungen niederließen. Ab und an stürzte ein Vogel herunter und drohte in den Wogen des Meeres zu verschwinden, um doch vorher die Flügel zu öffnen und über dem blauen Ozean hinweg zu gleiten. Sie gehörten nicht ins Meer, doch waren sie ein Teil seiner Welt. So wie die Menschen, die hier lebten. Viele von ihnen waren einfache Fischer, die sich vor wenigen Jahren an der Küste niederließen um den kleinen Streifen Land zu besiedeln. Obwohl das Meer hier den Boden küsste, war der Boden zu sandig um gescheiten Ackerbau zu betreiben. An den Hängen gab es einige Olivenbäume und manch einer schaffte es sich eine kleine Herde von widerstandsfähigen Rindern zu halten, welche die wenigen trockenen Büschel abgrasten. An manchen Hütten hörte man ein Gackern von Hühnern, und doch war die Lebensgrundlage das Meer und sein Reichtum. In menschenunfreundlichen Gegenden zu leben lag ihrem Volk im Blut, es hatte ihren Körper und ihren Lebenswillen gestärkt. Ein Menekaner wusste die Schätze und Reichtümer der Natur zu schätzen. Dennoch: hinter ihrem Rücken blieb und würde immer die Wüste bleiben.
Das Mädchen hielt sich die Hand über die Augen und hob den nun beschatteten Blick in den endlos reichenden, blauen Himmel hinauf. Tief sog es die Luft ein, die so herrlich nach Salz schmeckte und nach Tang und Krebsen duftete. Wenn Nahlah die Augen schloss und sich der Sinnlichkeit ihrer Lebenswelt hingab, den Düften, Geräuschen dem zarten Wind und der heißen Sonne, dann fühlte sie sich beinahe, als könnte sie kaum verbundener sein mit ihrer Heimat. Als wäre ihre Herz die Sonne, ihre Tränen das Meer, ihre Haut Wind und ihre Kleidung der sanft streichelnde Sand.
Ihr Vater aber sah dies anders. Für ihn war dies nicht die Heimat, denn sein Fleisch und Blut wurde andernorts geboren, seine Seele an einem anderen Ort dem Leib eingepflanzt. Dies hier war für ihn lediglich ein Neubeginn, eine Gelegenheit, ein guter Handel. Er war maßgebend daran beteiligt, die Siedlung aufzubauen, in dem er Werkzeuge herstellte, sämtliche Metalle verarbeitete und sich auch auf Architektur verstand. Er hatte größere Abnehmer seines Handwerks und Handels als nur die Bauern, ging aber vor einigen Jahren dazu über in die Fischerei zu investieren. Sein Name und seine Familie erhielten hier alle ihm gebührende Ehre und er war ein sehr wichtiger Mann geworden. Da er den Familienstamm verließ war er umso bemühter dies wieder gut zu machen.
Zusammen mit seinem Bruder und ihrer beider Familien haben sie sich ein angemessen großes Haus aus verputztem Stein errichtet. Es war flach, versuchte die Hitze herauszulassen und den kühlen Wind dafür einzuladen.
Die Söhne des Bruders lernten in der Schmiede und die Mädchen des Hauses wurden im Lesen und Schreiben unterrichtet und allerlei anderem weiblichen Handwerk. Nahlahls ältere Schwester hatte erst vor zwei Jahren geheiratet und war vollauf damit beschäftigt, ihre Kinder großzuziehen und für ihren Gemahl den Haushalt zu führen. Der jüngste Säugling war nur wenige Tage alt.
Und Nahlah? Ihr wollte man weder das eine noch das andere gestatten, was es ihr ermöglicht hätte an dieser wunderschönen Küste zu bleiben. Keine Ausbildung hier, keine Ehe hier. Aber wer war sie ihrem Vater zu wiedersprechen? Welches Recht hatte sie, wider dem Wohl und Willen der Familie zu entscheiden? Keines. Also tat sie es nicht.
Ihre Mutter hatte kurz aufbegehrt und musste doch mit gesenktem Blick nachgeben. Sie hätte lieber die dritte Tochter fortgeschickt.
Aber der Herr des Hauses hatte seinen vier Frauen befohlen, dass es besser für Nahlah war zu seiner Familie zurückzukehren, nach Menek'Ur. Vorwiegend ging es darum ihr einen besseren Ehemann zukommen zu lassen, als diese Ortschaft es bieten konnte. Sie sollte das Bindeglied zwischen dem Abkömmlingen sein, das Meer aus ihrem Kopf bekommen und lernen, sich wie eine menekanische Frau zu benehmen. Und dafür müsste sie nun in die Obhut eines anderen Mannes der Bashir. Sie musste ihre wahren Wurzeln kennen lernen.
Dabei hatte ihr Vater nicht viel Grund zu klagen. Seine mittlere Tochter war von einem sehr zarten Gemüt und von Sanftheit, sie war keusch und ließ Männer nicht zu lang in ihre Augen sehen. So aufmüpfig war nur seine Älteste gewesen. Aber sie zog sich stark zurück und ihre Aufmerksamkeit wurde so oft mit der Ebbe fortgespült. Einige Male wurde ihm zugetragen, das Mädchen wäre allein zum Strand herunter. Dies brachte ihn so in Rage, dass er das Kind schlagen und dann einen Eunuchen einstellen ließ, der seinem Haus dienen sollte. Danach war Nahlah nie allein außerhalb ihres Heims gewesen. Nur eine mal… Dieses eine besondere Mal.
Sie würde nun bald achtzehn Sonnenzeiten zählen und hatte zu viel Geduld erfahren. Sie würde bald zur Frau heranreifen und ihr Vater wollte nicht abwarten, dass die Jugend seines Sprosses verblühte, ehe sie nicht seinen Ansprüchen nachkam. Und dafür würde er Nahlah dem Meer gnadenlos entreißen. Wusste er denn nicht, dass sie dem Meer längst versprochen war?
Im Gedanken daran lächelte sie und senkte die abschirmende Hand. Sie hob den Saum ihres langen weißen Kleides an und ging weiter geradeaus, bis die Wellen ihre Beine umspielten, das warme Wasser ihr zur Hüfte reichte und sie schließlich gänzlich verschlang. Die Wellen schlugen über ihr zusammen.
Sie wollte zu einem Teil vom Ganzen werden.
Ein letztes Mal. Dieses eine besondere Mal.
Wenig später sprangen zwei Fischer aus ihren Booten in die salzige Flut, als sie eine Frau im Wasser treiben sahen, umhüllt von Schleiern und Stoffen, die sich märchenhaft um sie ausbreiteten und mit den Wellen tanzten.
Wo die Meere sich berühren
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Nahlah Hibah Bashir
Wo die Meere sich berühren
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Zuletzt geändert von Nahlah Hibah Bashir am Dienstag 20. August 2013, 12:49, insgesamt 2-mal geändert.
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Nahlah Hibah Bashir
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- Die Peitschen knallten und das tiefe Röhren des Kamels erklang über die Köpfe der Treiber hinweg. Doch war es ein Laut von vielen, ein Teil des Getöses, des Treibens, der sich fortbewegenden Masse. Nahlah hatte es aufgegeben die Kamele und Pferde zu zählen, welche sich ihrer Reise anschlossen oder sie nach einigen Tagen oder Wochen wieder verließen. Die Vierbeiner zogen mit ihren Hufen tiefe Schneisen in den Sand, wirbelte ihn auf zu einer beständigen schleierhaften Wolke. Der Sand kroch in jede Falte der weit fallenden Gewänder, setzte sich ins Haar, in die Brauen, suchte seinen Weg in die Atemwege. Ein Tor der glaubte er könne der trockenen Hitze entfliehen, wenn er den Wind an seine Haut ließ. Selbst der Wind drohte einen zu verbrennen und niemand bat um ihn, denn Winde bedeuteten Stürme. Selbst die Männer bemalten ihre Augenlider mit dunkler Farbe, um die Lider selbst und die empfindlichen Augäpfel darunter zu schützen. Wochen verbrachten sie bereits unter dem stets klaren Himmel, der manchmal violett, doch meist aber rein blau über ihnen thronte. Dieses Fehlen aller Möglichkeiten an Wolkenformationen am Himmel brachte den Reisenden die nächste Gewalt der Natur nahe: die Kälte. Wie absurd mag es einem vorkommen, dass nach einem Tag glühender Hitze einem eine Nacht bitterer Kälte drohen konnte. Die Welt wurde schwarz und nirgendwo konnte der Sternenhimmel klarer und überwältigender sein, als der Himmel der Wüstenkinder.
Sich mit Feuerholz einzudecken war keine Last, die man sich hätte sparen können, es war eine Notwendigkeit. Kaum war es Zeit zu rasten entbrannten überall die Lagerfeuer, um die sich die Gruppen scharrten um der bitteren Kälte zu entfliehen. Einige blieben lediglich unter sich, doch viele Male sah man, wie ein Mann sich erhob, zu einem anderen Feuer trat, die Hand vor seine Brust legte und sich mit einem tiefen Neigen der Stirn verbeugte. Dann wurde ihm meist ein Platz angeboten, Speis und Trank und die Nacht Informationen und Geschichten ausgetauscht. Viele Karawanen mit Handelsgütern und eigenen Wachen begleiteten den Tross, manchmal waren es auch Reiselustige, Liedwirker, Barden und ganz selten ganze Familien. Zumindest mochte es kaum eine bessere Gelegenheit geben als die Reisenden der Wüste um Wissen um Geschehnisse über das ganze Land zu tragen, Briefe oder Grüße mit auf den Weg zu geben.
Merdik, der von tief dunkler Hautfarbe war und den dunklen Turban der Leibwächter Charibas tragen durfte, war Nahlahs Begleiter und Beschützer auf dieser Reise. Er war schweigsam, aber stark. Nahlah hatte viele Jahre gebraucht zu verstehen, was ein Eunuch war und dass es etwas mit dem männlichen Geschlechtsorgan auf sich hatte. Auch jetzt wusste sie nicht viel mehr darüber. Nur einmal hatte sie einen der Fischer gesehen, wie er sein Wasser in die Dünen ließ. Selbstredend hat sie nicht genau hingesehen.
Der Eunuch hob die kleine Person vom Sattel des Pferdes herunter und hielt sie noch so lange an den Schultern fest, bis er sicher war sie würde auf ihren Füßen stehen bleiben. Nach drei Wochen waren ihre Schenkel und ihr Gesäß langsam geschmeidiger geworden, doch ging diesem Umstand des 'Ertragens' eine Zeit furchtbarer Schmerzen voraus. Sie hatte sich alles wundgeritten und konnte nur auf ihrem Bauch liegen. Eine der mitreisenden Frauen war von gütigem Herzen und hatte Nahlah nachts im Zelt die Wunden mit einer wohltuenden Salbe eingerieben.
Langsam ertrug die Tochter der Bashir das Reiten besser und fand Gefallen daran, die Veränderungen der Vegetation zu beobachten.
Ein Weiser sagte, es sei erst eine Wüste, wenn man ihr Ende nicht sieht. Ein Narr aber glaubt, dass diese Wüste immer gleich aussehe. Haben nicht auch die Meere ihre Tücken, ihre Tiefen und verborgenen Berge? So gab es hier Gürtel aus roten Felsen, Schluchten, die so hoch reichen, dass man in tiefen Schatten wandert und schweigen muss, da einem sonst die eigene Stimme antwortete und direkt ein paar Felsen mitbringt. Sandstürme waren an einem Ort schneidender als an einem anderen und auch die Wüstenräuber hatten ihre festen Wege.
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Nahlah Hibah Bashir
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- Es war gerade erst acht Aufgänge des Mondes her, dass ein Händler mit energisch wüstem Geschimpfe die Karawane aus ihrer morgendlichen Verschlafenheit holte. Ein Mann, der seine fünfzig Jahresläufe beinahe erreicht hatte, verfluchte die Viehdiebe, verfluchte ihre Ahnen, ihre Familien und jede verderbte Frucht, die sie noch in die Schöße von Frauen setzen würden. Danach schlug er mit der Rute auf seinen Diener ein, der wohl dafür zuständig gewesen war auf die Pferde zu achten, die ihm nachts gestohlen worden sind.
Aus diesem Grund wurden die Tiere nun näher an den Lagern gehalten. Merdik führte ihre Pferde zu der Wasserstelle. Es war einvernehmlich, dass Nahlah ihnen dafür den Sand aus dem Fell bürstete und ihnen mit einem Tuch und etwas Geäst den Schweiß abwischte.
Zum Abend saß Nahlah bei den anderen Frauen am Feuer, während die Männer an anderen verweilten und die Diener wiederrum zum Speisen an anderer Stelle ruhten. Der Geruch von Tee und Kaffee, von angebratenen Nüssen, von Datteln und Feigen erfüllte die Luft. Hier und da wurde auf einem flachen Stein Wasser und Mehl geknetet und dünnes Brot gebacken. Nur hier, wo sie allen Alters und gleichen Geschlechtes unter sich waren lösten sie die Mundschleier. Hier unter den Weibern wurde nicht minder gelacht und gesprochen, denn wie sonst sollte man sich für die Strapazen des Tages belohnen? Heute Nacht war die Laune besonders gelöst, denn als die Damen vernommen, dass Nahlah morgen ihr achtzehntes Lebensjahr vollenden würde, konnten sie kaum an sich halten.
Sie redeten davon, was für Speisen man zubereiten würde, was man Zuhause kochte und begannen mit Scherzen, dass Nahlah nun dringend heiraten sollte. Sie war unbestreitbar die jüngste Knospe an diesem Feuer und ihre Wangen glühten, je länger sie dieses Thema anrissen. Oh, ihr törichten Männer, die ihr glaubt der Mund einer Frau wäre reiner von Scherzen dieser Art. Und im Alter mochte es immer schlimmer werden, denn dann ging ihnen die Scham verloren.
Mit schwer klopfendem Herzen legte sich Nahlah zwischen die anderen Frauen auf ein Lager aus Tüchern und Decken und lauschte, wie einige Diener kleine Stöcker um sie herum in den Sand steckten und sie mit Fäden verbanden. Kleine Glöckchen oder durchstochene Münzen wurde aufgehangen. Das Klimpern würde herankommende Männer, Wildhunde und Skorpione verraten.
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Nahlah Hibah Bashir
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- "Und ihre Tränen fielen herab auf das Land, das einst blühte und im Krieg der Brüder verbrannt wurde."
Wie alt waren diese Baumstumpfe, für die es fünf bis acht Männer mit ausgestreckten Armen brauchte, um ihren Umfang zu umgreifen? Sie waren unter der Sonne zu Stein zu geworden, sie waren das Zeugnis einer göttlichen Geschichte, sie waren der Ursprung von Legenden und Märchen die daraus folgten. Sie waren ein Zeugnis.
Jeder in der Karawane schwieg andächtig und einige ritten mit vor Stolz erhobenem Haupt zwischen den Giganten entlang. Schließlich hielten sie alle an, und knieten dort wo sie waren in den heißen Sand nieder. Überall erhoben sich Stimmen und sie alle begannen die Geschichte des Saajid zu erzählen. Sie sprachen gleichzeitig, doch nicht parallel. Jeder schmückte die Geschichte anders aus, jeder gab den Dingen eine andere Betonung. Doch das Gebet was sie alle sprachen, ob Herr oder Diener, ob Mann oder Weib. Ihre Stimmen erhoben sich im Gebet an Eluive und dankten ihr für das gelobte Land, in dem sie das Salz fanden.
Nach vier Wochen des Reisens und oftmals auch Rastens an Oasen, wo sogar kleine Märkte abgehalten wurden, war der Großteil der Reise geschafft. Die Verzögerungen waren natürlich, das Ausruhen notwendig für Mensch und Tier und seine Versorgung. Man musste mit der Zeit der Wüste gehen, nicht mit seiner eigenen. Was zählten schon einige Tage in einem Land, wo ein Tag keine Bedeutung hatte. Nahlah wollte aus eigenem Antrieb Mah'Jit nicht verlassen, sie hatte keine Sehnsucht nach einem Leben in Menek'Ur gehabt und genoss das Kleine, das Beschauliche, die enge Nähe zu ihrer Familie, ihre Freundinnen, ihre Geschichten und die Bucht, auf die sie aus dem Fenster blicken konnte. Sie empfand aber keinen Zorn und konnte ihrem Vater nicht böse sein. Sie selbst war es, die wiedergut zu machen hatte, was sie ihren Liebsten antat.
In der Wüste zu reisen bedeutete weder zu Hause zu sein, noch an ihrem Ziel. Eine gewisse Ungeduld schlich sich in ihr alltägliches Befinden. Die Karawanen, die Oasen, Dörfer und all dieses wunderliche Volk, all diese Hohen und Niedrigen versprachen eine Welt, die sie vorher nie bemerkt oder wahrgenommen hatte. Eine Welt, die so groß war, so voller Geschehen und Geschichten, die vergangen waren, im Jetzt geschrieben und in der Zukunft geschehen würden. Sie wurde neugierig auf Menek'Ur, neugierig auf die Menschen dort, auf den Handel, alles, was sie sehen und lernen würde. Und sie war aufgeregt, ob sie all den Ansprüchen genügen könnte. Sie hatte nicht so viel gelernt, wie sie es vielleicht gekonnt hätte, sie hatte nur wenig Kleidung und persönliches Gut mitgenommen. War sie gut genug erzogen? War sie demütig oder wortgewandt genug?
Dass man sie mit Freude aufnehmen und sie nicht verstoßen würde, daran zweifelte sie nicht. Aber würden die anderen Frauen sie auch mögen und ihr erlauben, wie eine Base oder Schwester für sie zu sein? Wieder auf ihrer weiß und grau gescheckten Stute sitzend, zwischen anderen Reitern hertrottend, ließ sie ihre zarten Schultern sinken und verlor den Blick für ihre Umgebung. Gedankenverloren betrachtete sie den Knauf des Sattels fürs Stunden und wurde schwermütig. Eine Schwermut, die auch mit der lang erwarteten Ankunft in Menek'Ur nicht verloren ging.
Zuletzt geändert von Nahlah Hibah Bashir am Mittwoch 21. August 2013, 15:50, insgesamt 1-mal geändert.
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Nahlah Hibah Bashir
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- Menek'Ur war nicht mehr zu übersehen oder gar zu verfehlen. Nach über fünf Wochen Reise durch Wüste und Land, durch Städte, Lager und Oasen, Hitze und Kälte war das Ziel erreicht, was sie alle gemeinsam hatten. Die Türme tauchten nach und nach hinter den Hügeln der Wüste auf, als stiegen sie majestätisch aus einem Meer aus Sand empor gen Himmel. Die Sonne schien auf die festen Stadtmauern, die Fahnen hingen schlapp herab und bewegten sich nur müde im schwachen Hauch eines Windes.
Doch Ruhe gab es nicht zu erwarten. Die Stimmen in der eigenen Karawane wurden immer lauter, die Tiere wurden angetrieben und selbst rochen sie doch auch das Wasser und Futter, was sie am Sammelplatz der Karawanen erwarten würde. Andere Reisegruppen waren unlängst dort oder machten sich für eine Abreise bereit. Händler und Wandernde, Güter und Waren, Tiere und Menschen in einem Gewimmel, das doch seine eigene Ordnung zu haben schien.
Herolde und Verkäufer erhoben ihre Stimmen lauter als alle anderen, sie priesen an, sie mahnten! Kauft dies, kauft jenes, achtet auf die Gebote der Stadt! Vereinzelte Wachen durchschritten im Ansinnen einer Kontrolle den Platz und sahen durch Nahlah schlichtweg hindurch als eine von vielen die sie war. Ihr Pferd brauchte keine Anweisungen um in der Gruppe zu bleiben und der selbstgebildete Straße zu folgen, während ihr Blick unstet alles in Augenschein zu nehmen versuchte.
Nahlahs Herz schlug heftig in ihrer Brust vor Aufregung und doch verkrampfte sich ihr Magen, dass ihr fast schlecht wurde. Von diesem Pferd zu steigen würde nun bedeuten, die Veränderung zu akzeptieren. Sie hatte lange gebraucht um zu verstehen, nie mehr in das alte Leben wie es war einzutauchen und sich an ein Dasein als Reisende zu gewöhnen. Aber nun wieder Sesshaft werden, an einem Ort von solch Größe? Eine Größe, die allein dem Namen und der Geschichte der Stadt anhaftete?
Doch es ließ sich nicht mehr aufhalten, selbst als sie wie apathisch auf dem Pferd sitzen blieb und sich verkrampft am Sattelknauf festhielt. Andere Hände als die ihren lösten die Finger, sie wurde wie ein Kind an der Hüfte gegriffen und vom Pferd gehoben. Noch ehe sie ihre Füße auf dem Boden hatte, strichen ihre Hände verabschiedend über den Hals des treuen Reisegefährten, der schneller als sie es wahr haben wollte zu den Ställen abgeführt wurde.
Merdik bugsierte sie noch zu den Stadttoren und wies sie einzutreten. Er würde nicht mit ihr kommen, sie nicht bis zum Haus der Familie begleiten, sobald sie innerhalb der Mauern war. Sie konnte aus seinem stoischen Gesicht nicht herauslesen was der Eunuch dachte oder empfand. Aber sie spürte, dass er ihr nicht so nachtrauerte wie sie es sich wünschte und ihr nach all der langen Zeit noch immer grämte. Er war noch immer unschlüssig ob er oder sie die Schuld an diesem Unglück trugen, das am Meer geschah. Gestraft wurden sie beide, zumindest das verband sie noch zuletzt.
Sie stand für einen Herzschlag kurz davor mehr als einen schlichten Abschied zu sprechen, aber was auch immer ihr Herz wollte, sie würde nicht darum bitten heimkehren zu dürfen. Sie war kein Kind mehr, sie war eine Natifah des Hauses Bashir und was auch käme, sie würde nun niemanden Schande bereiten. Und so ging sie, ihre Reiserobe abklopfend, durch die großen Tore der Stadt auf die Hauptstraße zu, ohne zu ahnen wie gut Eluive es mit ihr meinte sie direkt zum Oberhaupt der Familie Bashir zu führen. Mit einem Lächeln wurde sie gegrüßt und direkt weitergereicht, damit man sie ins Haus brachte.
Zuletzt geändert von Nahlah Hibah Bashir am Freitag 23. August 2013, 10:57, insgesamt 1-mal geändert.
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Nahlah Hibah Bashir
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Sie war erschöpft gewesen. Sie war nicht bereit gewesen, sich dem neuen Leben zu öffnen und verschloss sich zusehends in sich selbst, getarnt hinter ihrer zurückhaltenden, treuen Art. Viele Tage hatte sie unbemerkt im Garten gelegen, weil sie schier die Erschöpfung übermannte. Sie litt körperlich noch unter den Strapazen der Reise und der Appetitlosigkeit, seelisch unter dem Verlust der vertrauten Heimat und den nun auf ihr liegenden Verantwortungen und Anforderungen. Ein Druck, den sie von Daheim mitbrachte. Es wäre ungerecht zu sagen, Kadir, Sohn der Bashir und Oberhaupt der Familie in Menek'Ur, hätte sich nicht gut und aufmerksam um sie gekümmert. Er schenkte ihr Geduld, übergab ihr die Nähstube als Ort ihres Wirkens und Schaffens und versorgte sie mit allem, was sie brauchte, um sich im neuerwählten Handwerk zu erproben. Ansonsten wurde kein Aufheben um ihre Erscheinung gemacht und sie provozierte es nicht. Hätte sie zu sehr auf sich aufmerksam gemacht, um den Grund ihres Kommens, so hätte man sie vielleicht nach dem Unfall am Meer gefragt, von dem sie sich sicher war, dass ihr Vater in seinem Brief zumindest eine Andeutung machte. Er schämte sich zu sehr um die Detail zu verlautbaren, denn er kannte sie auch nicht. Es war ihm nicht gelungen durch die traurigen Augen seiner Tochter in die Gedankenwelt dahinter einzudringen. Etwas, was ihn mit verzweifeltem Zorn erfüllte.
Nach und nach gewöhnte Nahlah sich an dieses wunderschöne große Haus, das wie ein Viereck anmutig seinen grünen Garten im Herzen trug, während der Sand sich gegen die Außenmauern schmiegte. Die Werkstätten waren geräumig, ihre Nähstube ein Traum aus rosa und lila pastosen Farben. Die Küche war so groß, dass eine Herde von Frauen in der Kochnische, wie auch eine Gruppe von Männern am Tisch darin Platz gefunden hätten. Ein zentraler Ort der Zusammenkunft, denn so etwas wie eine Wohnstube konnte Nahlah nicht ausmachen. Wie in vielen Ländern und Kulturen mochte schlichtweg dort die Wonne des Hauses und der Familie liegen, wo das Bäuche füllende Küchenfeuer knisterte.
Nach wenigen Tagen ihres Fristens im Haus, in ihrer selbst auferlegten einsamen Zurückgezogenheit, wurde dem Haus neues Leben eingehaucht. Doch dieser Hauch des Lebens kam erst durch den Tod zweier Menschen, die von anderen Familienmitgliedern geliebt wurden. Man bekämpfte den Aufschwung der Trauer ob des Verlustes von Kadirs Bruder und dessen Frau, denn das hinterbliebene Kind sollte nun bei ihm Obhut finden. Alle Aufmerksamkeit fokussierte sich nun auf Tamina, egal zu welchem Ort man sich begab, erhellte sie die Gesichter.
Dahinter konnte man sich gut verbergen oder einfach nur allzu schnell verloren gehen.
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Nahlah verlor sich nicht, nur das Gefühl für die Zeit. Sie hatte Kraft geschöpft und sich akzeptierend Menek'Ur langsam und zaghaft immer mehr angeschlossen. Die Einladungen waren da. Hazar, die bald als Braut Kadirs eine der Bashir werden sollte, lud Nahlah ein sich dem Hennaabend anzuschließen. Neue, verschleierte Gesichter, unbekannte Namen und auch vertraute Augen erwarteten die junge Frau im Hause der Ifreys. Essen wurde bereitgestellt und allerhand an Getränken, von denen einige rühmen durften Alkohol in sich zu verbergen. Das kleine Gläschen Wein aber mochte nicht allein der Grund gewesen sein, warum Nahlah einen Schritt hervor tat und den anderen etwas von sich offenbarte, was nicht jedem bewusst aufgefallen sein mochte.
Sie malte Hazar eine Herzmuschel auf den linke Fuß und darunter ein schattierte Perle, die in einem Bett aus feiner ornamentaler Musterung ruhte. Und sie erzählte eine Geschichte, ihre erste in dieser Stadt:
"Wenn du den Blick des nachts zum Himmel hebst, so wirst du zwei leuchtende Sterne erkennen. Jahr für Jahr verfolgen sich der rot leuchtende und der silber glänzende. Sie tanzen umeinander, sie verfolgen sich in tiefer Sehnsucht den anderen zu berühren. So voller Liebe und Sehnsucht ist ihre Suche, dass sie ihre Liebe zur Erde schicken, wenn sie zusammen stoßen. Tausende leuchtende Perlen erwachsen aus diesem Zusammenprall der Gefühle und fallen auf das schwarze Meer hernieder. In dieser Nacht öffnen die Muscheln ihre Münder und legen sich die Perle hinein, damit einmal ein Mensch das Zeichen und einen Teil der Liebe der Sterne finden kann und es nicht im Meer verloren geht. Du hast die Perle gefunden. Eine solche Liebe wünsche ich dir."
Woher diese Sterne kamen war eine viel größere Geschichte.
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Nahlah Hibah Bashir
- Sie lernte in all den Monden ihre neue Familie mit Liebe zu bedenken, gleichwohl ihr einige selbst nach so langer Zeit zu fremd geblieben waren. Das Haus der Bashir war ihr ein zweites Heim geworden, durch das sie in ihren Träumen in allen Details wandeln konnte. Und auch all jene Menekaner in der Stadt bildeten für sie ein auffangendes Netz von Vertrautheit. Khalida, Aaminah und Anisah hatten sie mit freundschaftlicher Aufmerksamkeit bedacht. Doch gerade in der Nähe der Yazir-Frauen fühlte sie sich unscheinbar und gar farblos, auch wenn sie ihnen niemals nacheifern würde. Selbst wenn sie viele Nächte dagesessen und ihre Geschichten vorgetragen hatte und all die Ohren ihre Worte mit Interesse vernahmen, wich dieses Gefühl nicht gänzlich.
Nahlah hatte Märchen und Fabeln im Kreis der Familie erzählt, in der Taverne und auch vor den Menschen aus dem Osten des Festlandes. Sie erzählte vom Affen, der die Speisen abwog um Hund‘ und Katz‘ zu übergehen, vom Geier der von seiner eigenen Überheblichkeit gestürzt wurde, vom reichen König der die Freundschaft des armen erbat, sie berichtete vom schönsten Herzen der Welt, vom goldenen Kind, welches das Gold selbst zur Erde brachte, vom Schmied, der eine Natifah verführen wollte, vom Sohn, der sein Glück gefunden hatte.
Sie wollte, dass all jene, die ihr zuhörten, von den Worten so berührt wurden, wie sie es tat. Dies war ihr mehr ein Wunsch, statt jemals als geschickteste Tuchweberin ihres Hauses anerkannt zu werden. Sie wollte mit ihren Worten in Herzen dringen, wie der alte Mann ihres Dorfes, der sie all dies lehrte, sie jeden Tag neu entführte.
Dieses Gefühl hatte sie, wenn Faruk ihr zuhörte. Mit jeder Silbe, die sie über ihre verborgenen Lippen brachte, hatte sie sein Herz ein Stück mehr geöffnet. Seine Augen, seine Mimik, seine Gestik. Sie, mit ihren unerfahrenen achtzehn Jahresläufen, spürte zum ersten Mal, was es bedeutete Aufmerksamkeit zu bekommen und als etwas Besonderes bezeichnet zu werden. Eine Verbindung, die keusch von Seele zu Seele ging. Doch ihr treuster Zuhörer war ein dem Ort untreues Wesen. Nicht umsonst hatte man ihn den weißen Falken genannt. Er hatte sein Versprechen ihr gegenüber gebrochen und sein Wort nicht gehalten.
Was sie schließlich vermisste, war die Art wie er ihr zuhörte.
Viele Male hatte Nahlah sich gewünscht, dass der Sohn der Omar, Imraan, sich ebenso den Geschichten öffnen könnte. Ihr treuer und guter Wille, ihn etwas vom Leid abzulenken, was er vom Dschinn erfahren hatte. Milde in das Leben des Mannes zu bringen, der ihrem Familienoberhaupt der beste Freund war. Nichts anderes wollte sie sich anmaßen. Aber es war ihr reichlich misslungen. Entweder schlief er ein oder unterhielt sich währenddessen. Sie gab sich selbst die Schuld und begann für ein paar Wochen ihre Geschichten schweigen zu lassen, als wäre sie zu unwürdig, weiter die Geschichten der Wüstenwinde weiterzutragen. Jugendlicher Irrsinn, denn ein Meister fiel nicht vom Himmel herab. Also würde sie für ihn so unsichtbar bleiben, wie sie sich manchmal fühlte.
Es brauchte seine Zeit, bis sie bereit war freiwillig diesen Schleier der gänzlichen Unscheinbarkeit abzulegen. Gut erzogen und demütig hatte sie bei Kadir darum gebeten, sich als Schreiberin des neuen Statthalters bewerben zu dürfen. Eine geschickte Feder führte sie, das geschriebene und gesprochene Wort war ihr nicht fremd und sie würde ein Gefühl für die Welt bekommen, in der sie sich befand. Dass Amar Yazir sie eingeladen hatte vorzusprechen, brachte ihr das Herz in der Brust zum Schlagen. Das Familienoberhaupt der Yazir war ihr nicht vertraut, sie ahnte nicht, wer sie dort in Empfang nehmen würde. Es war ein Mann, der zunächst gänzlich anders erschien als Kadir. Militärischer, stoischer und mit weniger Milde in seinen Zügen. Dennoch oder vielleicht eben wegen seiner Art fühlte sie sich etwas sicherer und dennoch nicht minder aufgeregt. Bohrende und prüfende Fragen blieben aus. Nicht mehr wurde verlangt, als Vertrauenswürdigkeit, und ihr eigener Wunsch in den Belangen des Sanjak an seiner Seite zu stehen. Ein Blick in die treue Ehrlichkeit ihrer Augen, ein verbales Bejahen und plötzlich würde Nahlah sich nun bald einen Schritt weiter in einer neuen Welt mit neuen Pflichten wiederfinden. Aufgaben, die sie erledigen wollte um den Wesir in seinen zu unterstützen und damit ihrer Familie Ehre zu machen.
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Jede einzelne Natifah fragte er: "Was würdest du für mich tun, wenn ich Dich zu meiner ersten Frau erwählte?"
Die erste sagte: "Ich würde jeden Tag den Fußboden kehren und dein Haus hüten und pflegen."
Die zweite sagte: "Ich würde jeden Tag für dich aus den köstlichsten Speisen die herrlichsten Gerichte kochen."
Die dritte sagte: "Ich würde dir Berge von Baumwolle spinnen und dir jedes Geschmeide fertigen."
Die vierte sagte: "Ich würde dir einen goldenen Sohn gebähren."
Und wie hätte er anders wählen können...
Zuletzt geändert von Nahlah Hibah Bashir am Montag 30. Dezember 2013, 03:58, insgesamt 1-mal geändert.
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Nahlah Hibah Bashir
- Der Grund seines ersten Besuchs bei ihr zu später Stunde war das Interesse am Fortschritt ihrer Künste als Tuchweberin ihres Volkes. Später war es nur die heiße Tasse Mocca nach vollrichtetem Dienst, die Suche nach Kadir, die Bitte um einen Spaziergang zu den Fischgründen Menek’Urs, die Suche nach einem Namen, einer Geschichte, die Frage woher die Sterne kamen oder was Liebe bedeutete. Zwischen all jenen Moment kam jener, wo er begann die Verhüllte anzulächeln, wenn sie aus der Dunkelheit des Gartens an die Tore des Familienhauses trat und sich vom Licht der Laternen berühren ließ.
Jener Mann des Wüstenvolkes sah nicht mehr ausschließlich über sie hinweg oder durch sie hindurch und Nahlah konnte sich nicht recht erklären, womit sie sich diese Veränderung verdient hatte. Kamen Kunden, Gäste oder die Familie zu einer diesen abendlichen Stunden hinzu wich jene Aufmerksamkeit jedoch gänzlich. Doch Nahlah war nicht gekränkt darüber, es war richtig so und sie war zu bescheiden um als Tuchweberin ihr Wort in große Diskussionen um Krieg, Diplomatie und Magie einzubinden. Man entschuldigte sich sogar stets dafür, wenn in ihrer Nähstube über Tücken der Welt gesprochen wurde.
An manchen Abenden war das Gefühl ein anderes. Dann glaubte sie nicht nur die Makel an sich zu sehen, für wenige Augenblicke ein wenig aus dieser eingebildeten Unscheinbarkeit herauszutreten. Fern von dieser Sorge den Etiketten und Riten nicht gänzlich gerecht zu werden, die falschen Worte zu wählen, eine ungeschickte Geste zu zeigen.
Ein solcher Abend war die Nacht am Strand unter dem sanften Rauschen der Wellen, dem sich strahlend ausbreitendem Firmament. Eine über sie gespannte schwarze Decke mit unzählbar vielen Perlen. Der Mann, der doch gut ein Dutzend Jahre älter als sie sein mochte, saß neben ihr im Sand und erzählte von seinem Leben, seinen Fehltritten und immer wieder hörte sie den Hauch von Einsamkeit in seiner Stimme, Zweifel an sich selbst – etwas Unverheiltes, Verluste. Doch war da auch jenes Vertrauen, was ihr das Herz in der Brust zum Schlagen brachte. Die Ehre, von ihm angesprochen und nach Meinungen zu den großen und kleinen Dingen gefragt zu werden.
Und Nahlah nahm sich gern die Zeit, freute sich mit einem kribbelnden Gefühl im Brustkorb darauf die Glocken am Tor läuten zu hören. Die süße Aufregung einer jungen Blüte, wenn sich aus dem Alltag ausbrechende Momente ankündigten. Und doch lag darüber ein Gefühl, das alles dämpfte und sie in ihrer Bescheidenheit zurück auf den Boden drängte. Unsicherheit. Kam er zu Besuch, gab es immer irgendeinen Grund, der sie nur ansatzweise tangierte.
Dachte sie aber an den versprochenen Ausflug, da wusste sie nicht mehr ob die Freude einmal Schnee zu erblicken oder er der Grund ihrer Aufregung war …
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Es war einmal am nächtlichen Himmelszeit ein kleiner Stern, der war sehr traurig. Er glaubte nicht so schön zu leuchten wie all die anderen Sterne, die er aus der Ferne bewundern konnte. So macht er sich eines Nachts auf den Weg um eben einen jener so hell leuchtenden Sterne zu treffen und sie nach ihrem Wissen zu fragen…
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Nahlah Hibah Bashir
- Kadir hatte vollkommen recht gehabt, dass Nahlah neben ihrer kleinen Arbeit als Schreiberin des Statthalters keiner weiteren Tätigkeit im Palast hätte nachkommen können. Sie war ihm unglaublich dankbar, dass er da ihrem jugendlichen Eifer, so wie Imraans Wunsch nach der Überbrückung der Stille im Palast Einhalt geboten hatte. Wahrlich, bei Eluive, dafür gab es so viele gute Gründe. Nicht nur, dass sie sich eher bemühen sollte ihre Fertigkeiten als zukünftige Ehefrau im Haus zu üben, auch wollte sie keine Überbrückung sein. Sie war gerne eine Gesellschaft, aber vielleicht war es besser, dass sie eine war, die man nur manchmal auf Wunsch genoss, damit sie nicht zu einer vergessbaren Selbstverständlichkeit wurde. Imraan war nicht mehr allein im Palast, er war auch nicht mehr allein in der Kaserne. Über seine Einsamkeit wollte sie nicht spekulieren, aber er musste keine Stille mehr ertragen und deshalb wurden seine Besuche unter dem Druck der neuen Aufgaben und großen Pflichten weniger. Die Versprechen, zusammen zum Gebet zum Tempel zu gehen oder in den Norden aufs Festland zu reisen, traten weit zurück. Dabei wollte sie doch bloß diesen Schnee sehen. Bekannte des Hauses aus Adoran boten ihr an sie mitzunehmen, Liedwirker des lichten Reiches zeigten ihr mit ihrer Magie, wie man aus Wasser einen Schneeball machte, Kadir ging sie mit ihren Fragen nach, wie lange der Schnee überhaupt noch liegen würde. Und dann wurde sie hibbelig. Seit so vielen Tagen lag dort der Beutel mit der warmen Winterkleidung, auf den sie jeden Morgen und jeden Abend blickte. Er würde schon kommen, glaubte sie – wenn er die Zeit dazu hat.
Und als er dann eines Abends kam, war sie zu erschöpft, zu ausgelaugt, traurig und fast den Tränen nahe, um sich überhaupt mit ihm noch unterhalten zu wollen.
Danke Kadir. Er hatte so recht. Sie hätte kein zweites Gemach sauber halten können…
Sie war allein in einem so großen Haus, mit einem solch großen Garten und einem Stall voller Tiere. Ihr Tag begann mit dem roten Glühen der Morgensonne, sie kehrte die Flure und Treppen, holte Wasser ins Haus, machte den alleinstehenden Männern das Frühstück, versorgte die Tiere, wusch auf dem Dach Wäsche, kümmerte sich um alle Kleidungswünsche, bearbeitete die Bestellungen an Teppichen, kämmte im Garten die dreckige Schafswolle aus, stellte etwas zu Mittag auf den Tisch für die zwischendurch Heimkehrenden und dann arbeitete sie weiter. Abends kamen Gäste und Kunden und blieben bis abends, die kleine Natifah auf Trab haltend. Sie war so erschöpft und fühlte sich so ausgenommen, dass sie ganz tüddelig wurde.
Wie gut, dass Tamina immer Aufmerksamkeit forderte und davon ausging, dass Imraan nur für sie gekommen war. Das gab Nahlah die Möglichkeit einfach nur still am Tisch zu sitzen und sich zu bemühen, dabei nicht zur Seite umzufallen. Das wäre auch passiert, hätte Tamina ihr nicht etwas Wasser geholt.
Sie hatte sich einfach etwas zu sehr selbstbemitleidet, als sie Imraan nun nachts im Schein der Kerzen zum Tor des Gartens brachte. Zweimaliges Nachhaken und sie offenbarte ungewollt, was ihr wirklich durch den Kopf ging. Sie wollte Hasim bitten, mit in ihr den Norden zu reisen, um Imraan von seinem Versprechen zu entlasten. Sie konnte und wollte auch nicht einordnen, warum dies dem Sohn der Omar nicht gefiel. Wahrscheinlich eben dieser Drang, die gegeben Versprechen zu erfüllen und die Ehre nicht verletzt zu sehen. Er mahnte sie noch, sie als junge Blüte sollte seine Worte nicht anzweifeln. Nachdem sie aber so wenige Momente mit dem Vetter von Kadir verbracht hatte, wusste sie, dass er ihr nichts abschlagen würde. Hasim hätte sie gewiss begleitet, aber Imraan würde es auch tun, wie gerne das wusste sie nicht. Überraschen wollte er sie…
Und obwohl wieder die Hoffnung in ihr aufkeimte war sie so verwirrt, dass sie sich im Zimmer der Natifah leise in den Schlaf weinte. Sie brauchte ganz dringend jemanden zum Reden, jemand, der allein durchs Zuhören der jungen Blüte die Gedanken ordnete und sie mit einem guten Rat auf sicheren Boden setzte. Und mehr Schlaf... sie brauchte mehr Schlaf.
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„Was willst du, kleiner Stern?“ Und die Sternschnuppe hielt nicht inne.
Aber sie lächelte wissend und fragte sanft: „Kann ich dir helfen?“
„Bitte verrate mir, wie du so wunderschön leuchten kannst und warum es mir nicht gelingt!“
Die Sternschnuppe lachte und sagte: „Ich sterbe.“
Aber das war das nicht das eigentliche Geheimnis um das Leuchten zu lernen.
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Nahlah Hibah Bashir
- Ein Sohn der Familie nach dem anderen kehrte zurück zum Stamm der Familie. Die Wurzeln der Bashir reichten weit, eine Familie, deren große Tradition das Handwerk ist, mag ebenso wenig still verharren als Familien, die sich mit großen Kriegern rühmen können. Sturköpfigkeit konnte auch bedeuten, das Glück einmal woanders suchen zu wollen. Doch Heimweh und die Familie im Herzen ließ alles andere Glück wieder vergessen, wenn es doch immer dieses eine geben wird. Kostbar, immer zu wissen wo ein Zuhause auf jemanden warten würde und Menschen, die sich um einen kümmern. Nahlah war so viele Monde lang allein im Haus gewesen, dass sie sich erst an die dennoch fremden Gestalten gewöhnen musste. Sie fertigte ihnen Kleidung, ‚beglückte‘ sie mit ihren ersten Kochversuchen und wurde dafür mit Dankbarkeit behandelt.
Auch wenn Nahlah sich immer bemühte gerecht zu sein und zuerst die Güte als das Nachtragen in ihr Herz zu lassen, war sie dennoch eine junge Blüte mit den wirrenden emotionalen Nachwehen der schlimmsten Jugendzeit, wenn Eltern an ihren Kinder verzweifelten. Nachdem sie sich so im Haus bemüht und auf vieles eigene verzichtet hatte, hoffte sie Kadir würde ihr ein klein wenig mehr Vertrauen schenken und einen einzigen freien Abend. Es war doch der letzte gewesen. Hätte nicht ein Abend nicht einfach mal ein Abend für sie allein sein können? Nachdem sie so viele Tage und Wochen gewartet, andere Angebote abgelehnt hatte, endlich mit dem Sohn der Omar in den Schnee zu reiten, drückte Kadir ihr ohne mit der Wimper zu zucken Tamina aufs Auge. Tamina, die so verrückt nach Imraan war, dass sie dafür nachts aus dem Haus verschwand und zu treten anfing, wenn die Aufmerksamkeit nicht genug ihr galt. Sie liebte dieses Kind, aber bei Eluive… welche achtzehn Jahre alte Blüte will, wenn sie zum ersten Mal in die Wälder des Festlandes mit einem Kalifen reitet, ein Kind dabei haben? Es ging allein schon um das Prinzip. Sie glaubte, Kadir wollte ihr diese wenigen Stunden, die sie einfach für sich hätte haben können, verderben. Dass Hasim sie begleitete, war ihr recht. Ein erwachsener Mann, der auf die Sitte achtete, war ein Los, das eine Blüte nicht ablegen konnte und sie mochte den Vetter Kadirs sehr.
Tamina kam auf das Pferd, alle anderen mussten laufen. Kaum hatten sie endlich den Schnee erreicht gab es kaum länger die Möglichkeit diese wundervolle Unberührtheit zu genießen, da rannte das Kind schon jauchzend durch den Schnee und Imraan ihm hinterher. Sie bewarfen sich damit und Nahlah sah sich recht allein mit den Füßen bis zu den Knöcheln im Schnee versunken. Irgendwann fingen die Männer an miteinander zu reden, das Kind im Auge zu behalten und so ging die Tuchweberin schlichtweg fort, um sich von dieser fremden Welt bezaubern zu lassen, ohne Bassstimmen, ohne hohes Kindergekreische. Je tiefer sie in die Wälder ging, desto fassungsloser war sie über das bisher Ungesehene. Eine weiße Decke, die strahlend über allem lag. Dem Boden, dem Unterholz, auf den kahlen Ästen der merkwürdig verschlungenen Baumkronen. Je weiter sie ging, die kalte Luft einziehend, desto mehr offenbarte sich ihr am Mystischen. Ruinen, verbrannte Holzhütten, die von der Natur eingenommen wurden. Fremde, überwinternde Vögel mit braunen Federkleidern. Die Luft schmeckte anders, sie roch anders, diese Welt hörte sich so anders an.
Wenn Nahlah in ihre fremden Welten abtauchte und ihre Gedanken dort waren, wo ihr niemand hin folgen konnte, war auch die Zeit nicht von Bedeutung. Dennoch kehrte sie zu ihrer gemeinsamen Lichtung zurück. Niemanden, obwohl es ihr Ausflug sein sollte, war Nahlahs Fehlen zunächst aufgefallen. Erst als sie noch länger fort blieb, zwischen den halb eingefallenen Mauern einer Ruine, in der Wurzeln den Boden aufbrechen, hörte sie ihren Namen rufen. Bis auf eine sorgenvolle Rüge ihres Verwandten blieb es weitesgehend unkommentiert. Tamina blieb der Fokus des Abends und Nahlah war nicht mehr danach, noch ein Wort zu verlieren. Sie hatte ihre erste Schneekugel geformt und sie liebevoll mit dem Daumen rund gestrichen. Sie überlebte so lange, bis der Kalif die Bashirblüte mit Schnee bewarf und sie vor Schrecken auf ihre Kugel fiel und sie halb zerquetschte. Er versuchte sie noch zu locken etwas aus sich herauszukommen – doch es blieb dabei, dass sie ihn einmal trotzig mit den Leichenresten ihrer Schneekugel bewarf. Da kam Hasim auch schon mit Tee, den er aus einem Zunftgebäude hatte.
Nahlah wäre am liebsten auf dem warmen Rücken eines Pferdes noch eine Weile durch den Wald geritten, den Blick zu den verschneiten Ästen und dem Himmel darüber emporgehoben, aber mittlerer Weile war sie durchgefroren bis auf die Knochen, keiner hatte sich mit ihr Unterhalten – sie machte ja auch ziemlich deutlich dass sie dies nicht mehr wollte – und sie wollte nur noch nach Hause.
Das war das erste und einzige Versprechen, das man ihr aus dem Haus Omar gegeben hatte. Sie erwartete kein weiteres. Sie war so viel allein gewesen, dass sie sich so lange nichts anderes gewünscht hätte, dass man Zeit für ‚sie‘ hätte. Der letzte Abend. Das letzte Versprechen. Und sie hatte es sich selbst durch ihre eigene Enttäuschung und Sprachlosigkeit verdorben. Wenn Kadir das wollte, hatte er es geschafft. Tamina war kein Vorwurf zu machen und Nahlah würde sich die Zunge abbeißen, bevor sie Tamina je einen machen würde. Es war nicht ihre Schuld, dass der Omar sich lieber mit ihr beschäftigte. Das gab Nahlah genug Aufklärung das große Rätsel zu lösen.
Wahrscheinlich wäre Nahlah für die nächsten Tage weiterhin in Trübsinn versunken, wenn sie Hasim nicht noch bis in die späte Nacht an ihrer Seite gehabt hätte. Immer wieder betonte er, welch ein Geschenk Nahlah war, für die Familie, für ihren Umkreis. Und ob es stimmte oder nicht, es gab ihr das Wertgefühl zurück, was sie durch ihre eigene Schüchternheit immer wieder verlor.
Also saß sie mit ihm nun lange Zeit unter dem Sternenhimmel am Strand und erzählte ihm die Geschichte vom Stern, der schwach leuchtete und zu strahlen beginnen wollte.
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Langsam fing der kleine Stern sich an zu drehen. Weder sah er nach links, noch nach rechts, vergaß den Neid über die Schönheit der anderen und wollte sich nur noch drehen. Und je länger er sich drehte, desto mehr wuchs über sich hinaus, wurde größer und schöner und leuchtender.
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Nahlah Hibah Bashir
- Es war schon spät und die Nacht hing schwer über der Wüste und ihren Häusern. In einem dieser Häuser, ihrem Heim, hatte Nahlah gesessen und beharrlich darauf gewartet, dass dieser Abend ein Ende finden würde. Sie hatte sogar die Hoffnung gehabt, sie könnte sich ins Bett schleichen, ehe Imraan zu gehen gedachte.
Doch mit Nahlahs Verabschiedung folgte sogleich die des Kalifen und Hasim wies die Natifah seines Hauses, den Omar hinauszubegleiten. Alles, was sie im Herzen versucht hatte zu vermeiden. Aber sie fügte sich, führte den Omar heraus und sprach wie stets höflich ihre Verabschiedung. Statt die Verabschiedung zu erwidern und zu gehen, setzte sich Imraan auf die Sandsteinstuben vor den Eingangstoren des Familienhauses. Im ersten Moment war Nahlah unangenehm überrascht, glaubte sie hätte einen Fehl begangen, wurde unruhig – aber auch der Unerfahrensten und einer Gekränkten mag etwas Mitgefühl anhaften und so fragte sie leise nach seinem Befinden.
Was er hoffte, war Linderung durch ihre Worte. Doch auf alle Fragen, die er ihr stellte, wusste sie keine Geschichte zu erzählen. Sie antwortete dennoch leise was ihr Herz für richtig hielt, welche Worte auf ihrer Zunge wahr schmeckten. Zweifel, Ängste, Einsamkeit, Liebe, Glaube, Verantwortung. Und leider erfuhr sie auch Geheimnisse, von denen sie wünschte, sie nicht vernommen zu haben. Nicht nur, dass es in ihr etwas zum endgültigen Brechen brachte, sie empfand die zu Tage gebrachte Geschichte als furchtbar und belastend. Ihr wurde sogar schwindelig und leicht schlecht vor Sorge. Sie bat darum, ihm keine weitere Frage dazu beantworten zu müssen und erhob sich mit zittrigen Knien. Wahrscheinlich nahm er ihr ihre letzten Worte nicht übel, selten hatte sie je so frei gesprochen, ohne die Konsequenz zu fürchten…
„Entweder macht Ihr Euch unglücklich oder die Natifah, die Euch an ihrer Stelle ehelichen muss.“
Es war Hasim gewesen, der voller Sorge das schwankende Mädchen an den Tisch brachte und mit Wasser und Essen versorgte, damit es wieder zu Kraft käme. Oftmals tat sich der Säbelschwinger schwer, die richtigen Worte zu finden oder vernommene Worte richtig zu deuten. Seine Taten waren aber immer die richtigen und Gold wert.
Im Nachhinein lächelte Nahlah darüber, wie Kadirs Vetter auf den Gedanken kam, die Tuchweberin wolle weglaufen. Nein, sie fragte sich nur wie sie das ihr Anvertraute weiter handhaben sollte.
Sie entschied sich zu schweigen. Das Vertrauen eines Omars war eine wertvolle Ehre und vielleicht hatte Eluive es ihr auf den Weg gelegt, etwas mehr Last anderer mit zu tragen. Sie war kein Kind mehr...
"Vielleicht... wenn man nicht einen Herzschlag lang darüber nachdenken muss... was man bereit wäre aufzugeben, damit der andere glücklich ist. Selbst wenn es hieße auf ihn zu verzichten. Aber das erzählen nur die Geschichten..."
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Nahlah Hibah Bashir
- Das Fest für den Kalifen zu planen war zwar körperlich nicht wirklich anstrengend in der Hinsicht gewesen, dass sie jeden Tag hätte schwere Arbeit vollrichten müssen, aber die Aufregung hatte sie doch sehr geschlaucht. Sie war niemand, den man eine Last nicht aufbürden konnte, aber doch von einem Wesen, das sich leicht berühren ließ. Ein Herz, das offen stand. Sie hatte sich selbst unter einen recht starken Druck gesetzt, wie stets, die Dinge richtig zu machen, das Ansehen der Familie zu beschützen. Alles, was Yasmeen getan hatte, lag ihr schwer auf dem Herzen und im Magen, dass sie sich manchmal schwach und krank gefühlt hatte.
Die junge Natifah wusste sich nicht mal zu erklären, warum sie glaubte sie stände in der Schuld dieses Vergehen wieder gut zu machen. Es war auch schlichtweg unmöglich. Die Schuld, die sie gegenüber ihrem Vater, ihrer Mutter und ihren Schwestern hatte, durfte sie nicht mit einer anderen Schuld verwechseln. Sie hatte ihr eigenes Handeln zur Zufriedenheit ihrer Familie wiedergutzumachen. Dennoch gab sie sich die Mühe als wohlerzogene Natifah aufzutreten, was ihr auch nicht schwer viel. Sie hatte nicht mit schweren Rebellionen zu kämpfen oder mit der panischen Angst vor der Position, die ihr in der Gesellschaft zugedacht werden sollte. Trotzdem, wohl durchaus auf dem Weg zu einer Frau zu reifen die auch als solche wahrgenommen zu werden versuchte, war sie noch immer jung und mit den Verwirrungen von Gedanken und Gefühlen beschäftigt. Alles, was einen das Leben so intensiv wahrnehmen ließ, im Guten wie im Schlechten.
Auf dem Fest selbst war sie zunächst nervös und unsicher aufgedreht, huschte überall herum um alles herzurichten. Nachher war sie enttäuscht und beleidigt, weil sie das Gefühl hatte ihre eh wackelige Planung des Abendablaufes liefe nicht wie es sein sollte und der Kalif war auch für kein einziges Wort oder Frage nach seinen weiteren Wünschen zu sprechen. Er hatte sie meist nicht mal angesehen, wenn sie irgendwie doch schon leicht der Verzweiflung nahe um seine Audienzecke herumschlich. Sie war einfach zu feige und schüchtern gewesen, sich aufzudrängen, da konnte auch Anisah sie nicht hinbewegen.
Luft schnappend suchte sie etwas Abseits Ruhe am wenig ferneren Brunnen und wurde direkt von Alarash abgefangen, der sie an ihr Fehlverhalten erinnerte. Tadellosigkeit würde von ihr erwartet werden und er hatte auch recht damit. Sie hatte kein Recht sich vom Fest zu entfernen und Nahlah wollte wirklich keine Natifah sein, die mit unangebrachten Launen die Aufmerksamkeit auf sich zog. Bestürzender als Alarashs kleiner Hinweis auf díe an sie gestellten Erwartungen war doch eher, dass er eine Andeutung machte, Nahlah wäre dem Kalifen weit mehr als über die übliche Zuneigung zum Haus Omar im Allgemeinen zugetan. Als wollte er dergleichen von ihr herauskitzeln und das zog ihr direkt wieder die Brust zusammen.
Wenn sie jetzt daran dachte, da fiel es ihr nicht schwer Alarashs Vermutung zu verneinen und sie tat es mit einem springenden Herz, als sie von ihrem Brunnenplatz aus ihre Familie am Tisch sitzen sehen konnte. Als sie Hasim Getränke an seine Schwester weitereichen sah, da gab es keinen Ärger oder Frust mehr und sie freute sich einfach darüber, dass die Menekaner zusammen kamen, lachten und aßen, dass sie die merkwürdigen kleinen Getränke probierten. Der Rest des Abends war ganz wunderbar für sie. Sie hörte viele Namen der Bashir bei einer Danksagung des Kalifen und ein Sohn der Yazir spuckte beeindruckend zur Nacht hin Feuer. Nahlah konnte sich hinter Hasims starken Rücken verstecken und an seinen Oberarmen zum Spektakel vorbeilinsen. Als die meisten Gäste schon fort waren, erzählte sie eine Geschichte über einen Kalifen, der nackt durch MenekUr lief – aber natürlich von seinem Kleidung zugetanen Verhalten keinerlei Ähnlichkeiten zu gewissen existenten und extravaganten Omars hatte.
Doch das Schönste für sie war, dass Hasim da war. Wie viel er auch grummeln und in großen Runden schweigen mochte – wenn er nüchtern war – sie war von Dankbarkeit erfüllt so viele Worte an ihn richten zu können und noch mehr darüber, ihm zuzuhören. Wenn etwas durcheinander geraten war, dann saß er mit ihr im Garten und brachte diese Dinge wieder in Ordnung. Sie musste sich nicht schämen in seiner Gegenwart zu äußern, wie klein sie sich fühlte oder vor den Schatten welcher Frauen sie sich fürchtete. Im Moment, in dem sie mit ihm zusammen war, da spürte sie keinen Schatten mehr auf sich liegen und sie hatte das Gefühl, sie könnte sich drehen und dabei wachsen und aufleuchten und an ihr wäre alles so, wie es gut war.
Keine Schuld, keine Ansprüche, kein Tadel.
Die Menekaner im Haus ihrer Familie bedeuteten ihr viel. Und gemeinsam ließe sich doch alles wieder richten...
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Nahlah Hibah Bashir
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Nahlah Hibah Ryzan
- In den reichlich vergangenen Monaten hatte die junge Tuchweberin Berge erklungen und war durch tiefe Täler ihres Gemütszustandes gewandelt. Es gab Menschen, die ihr weh tun wollten, sie demütigten um sich selbst besser zu fühlen, sich von Schuld zu befreien und eigene Verhaltensweisen zu rechtfertigen, und es gab Freunde, die sie so mit ihrem Lächeln und ihrer Herzlichkeit beglückten, dass das Leben sich süß anfühlte. Was Anisah ihr beigebracht hatte – wusste Mara wie sehr Nahlah sie vermisste – war, sich seiner Rolle zu besinnen. Stark zu sein, sich von seinem Kummer nicht vernichten zu lassen. Wahrlich tapfer hatte Nahlah sich weiter ihren Aufgaben angenommen, kümmerte sich fast allein um das Familienhaus, die Ställe und die Gärten und lächelte wieder reinen Herzens. Auch ihr Handwerk entglitt ihr nicht und auch wenn sie seltener Kunden empfing, so waren es immer lange Abende im Sinne des menekanischen Handels und endeten mit kleinen handwerklichen Kunstwerken und freundlichen Worten. Manchmal aber zerrissen sie diese hohen Ansprüche, die sie an sich stellte, die vielen Aufgaben, diese Erkenntnis, den zu erreichenden Punkt bei weitem noch nicht berührt zu haben. Dieses Denken, trotz allem nicht gut genug zu sein und es immer nur mit den Fingerspitzen zu streifen, ließen sie oftmals schwermütig wirken in manchen stillen Momenten. Dann hatte sie ihr Glück wieder nur in zwei Dingen gefunden: In Worten und im Meer. Kleine Worte, so wie jene so überwältigend großen. Hazar mit ihrer Umarmung und Liyanah, welche sich gar schwesterlich mit ihr verbündet hatte oder Nadim, der irgendwie erkenntlich machen wollte, dass er weniger die Familie Bashir selbst als sie besuchen wollte. Oder Faruk – oh, wie es ihr stets das Herz brach, wenn er alle halbe Jahr für nur einen Abend dort war, nach ihrer Seele griff und wieder mit gebrochenem Versprechen verschwand. Sie sollte sich gänzlich lossagen, aber im Inneren wusste das törichte Ding, sie würde wieder auf einen Abend des Gespräches warten, selbst wenn dieser erst im nächsten Jahr erfolgte. Auch der Kalif war ihr in manchen Momenten ein großer Trost, vor allem sein Vertrauen in sie war kostbar und ehrenvoll, es würdigte gleichzeitig ihre gesamte Familie. Als seine Schreiberin bekam sie einmal im Monat die Gelegenheit eine Stunde mit ihm in einem Raum zu verbringen und er spürte es, wenn sie Kummer hatte. Sie glaubte, er hatte das Bedürfnis ihr einen Teil dieser kleinen Last abzunehmen, und doch scheiterte er an ihrer Loyalität zur Familie. Niemals hätte sie das damalige Oberhaupt der Familie vor dem Kalifen wegen eines persönlichen Konflikts denunziert oder dem Ruf der Familie geschadet. Die Familie war alles und sie hatte die Pflicht ihren Ruf zu wahren, selbst wenn sie etwas kostete. Vielleicht wusste Imraan diese starke Eigenschaft in jenem eigentlich so sensiblen und zarten Wesen zu schätzen. Als er mit seiner Stirn ihre Schulter berührte, so glaubte sie es zumindest.
Und dann gab es das Meer… und die Sehnsucht wieder dorthin zurückzukehren… das Wissen, es jederzeit zu können...
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- Vielleicht war es ein Zeichen, dass sie erwachsener wurde, dass sie sich traute sich gewisse Dinge einzugestehen: Dass manche Veränderungen ihr selbst zum Vorteil gereichen würden. Sie empfand eine Erleichterung bei Mareks Rückkehr, für die sie sich beinahe geschämt hätte. Marek war ihr immer ein lieber Verwandter gewesen, ihr „kleiner Onkel“ wie sie ihn immer nannte, und sie hatte nicht gezögert ihn mit Freude zu empfangen und ihn zu unterstützen, die Führung des Hauses Bashir zu übernehmen. So viele Monate hatte sie hier in Sorge verbracht, dass er ihr wie ein Lichtschimmer vorkam, der ihr etwas Frieden versprechen sollte.