Was das Leben bereit hält

Geschichten eurer Charaktere
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Gerechtigkeit hat lahme Füße.
    Deutsches Sprichwort
Eine Verhandlung, von der man wusste, es würde eine Verurteilung folgen, war kein Theaterstück. Ich wohnte solcherlei ‚Attraktionen‘ nicht gerne bei, hielt es aber für meine Pflicht. Also fand ich mich gerade noch rechtzeitig ein. Nur um ein weniges später erschien der Alka schon und vergeudete nicht viel Zeit mit der Verhandlung beginnen.
Ich lernte die Art der Verhandlung kennen, die er führte. Verglichen mit der einzigen, die ich davor miterlebt hatte, gefiel mir diese Vorgehensweise besser, als die des Richters aus meinem Heimatdorf. Es gab keine unnötigen Verzögerungen, kein langes hin und her. Die Anklage wurde verlesen, danach folgte die Aufforderung an alle Anwesenden weitere Punkte vorzubringen.

Mein Augenmerk galt weniger Orikson, sondern irrte immer wieder mal zur benachbarten Tribüne hinüber. Die eine unbedachte Aussage, die in den vergangenen Tagen irgendwann gefallen war, rumorte in meiner Magengegend. Natürlich war mir klar, dass ich im Grunde verpflichtet war es zu melden, hatte mich aber dennoch zurückgehalten auf drängendes Bitten hin – und, ich gebe es zu, weil ich sehen wollte, wie das Verhalten bei der Verhandlung sein würde.
  • Kleine Diebe hängt man, große lässt man laufen.
    Deutsches Sprichwort
Seine Heiligkeit hatte den Delinquenten aufgefordert, sein Wort in die Waagschale zu werfen. Einen Verteidiger hatte er nicht. Und wenn doch, wurde dieser nicht aufgefordert zu sprechen. Alles, was dieser alatarverlassene Kerl zu sagen hatte, war das Schuldeingeständnis mit der klaren Aussage, dass es sich wiederholen würde.

Es liegt in meiner Natur.

Wie abartig veranlagt musste jemand sein, so etwas von sich zu behaupten? Ich war sicherlich kein Kind von Traurigkeit, sicherlich auch nicht sanftmütig oder gar verzärtelt. Aber das, was mir zu Ohren gekommen war, überstieg jedwede Grenze. Weder hatte es etwas Nutzbringendes an sich für den Herrn, noch waren das Dinge, die einem Freude bereiten sollten, oder ähnliche Gefühlsregungen hervorrufen. So genau wollte ich da nicht einmal drüber nachdenken.

Die Stimmung bei den Zuschauern machte deutlich, was sie sich für die Vergehen wünschten. Ich musste mir eingestehen, dass es mir genauso ging. Als seine Heiligkeit dann Anfragte, ob jemand für den Delinquenten um Gnade bitten wollte, irrte mein Blick zur benachbarten Tribüne hinüber. Ich rechnete damit. Allein wie sie sich hier benahm, die ganze Zeit schon – jedes Mal, wenn ich hinüber sah – ließ klar werden, dass sie sich erheben würde; und sie tat es. Nicht überraschend, aber es ärgerte mich. Meine Selbstbeherrschung schmolz dahin, wie eine Schneeflocke im Hochsommer.
In dem Durcheinander, dass entstand ging meine Anschuldigung, die ich frei aussprach allerdings wohl unter. Es war einfach nicht mehr möglich zu schweigen. Ich wollte ums Verrecken keinen Verrat ans Reich decken.
Ich merkte, wie Alin mich versuchte zurück auf die Bank zu bekommen. Nur entfernt bekam ich mit, dass mein Ausruf in der Unruhe offenbar unterging, ihr Gnadengesuch vermutlich genauso, denn der Alka schien nicht darauf zu reagieren. Grollend nahm ich wieder Platz.
  • Verzögerte Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit.
    William Ewart Gladstone
Der Alka sprach das Urteil. 21 Peitschenhiebe. Ein Ohr sollte ihm abgeschnitten werden. Er verlor es dafür, dass er herumspionierte und das Reich damit verriet. Ein Mondlauf Tempelsklave und Sklavendienst bei der Garde.
Ich glaube, es gab kaum jemanden, der dort saß und darüber nicht erbost, zornig oder empört war. Aber er war der Alka. Wer widersetzte sich schon seinem Urteil vor den Augen der Würdenträger und Bürger, sowie der Garde. Er hätte einen qualvollen langsamen Tod verdient. Schon jetzt, aber seine Heiligkeit sah das anders. Er wollte diesem Bastard noch eine Gelegenheit geben zu versagen. Nun, es lag in seiner Natur, sagte der Delinquent. Die Wahrscheinlichkeit war groß. Und wer würde ihn decken? Die, die ging, bevor das Urteil vollstreckt wurde. Der Zorn in mir wuchs. Er wuchs ordentlich.
Er wuchs noch mehr, als ein jeder Anwesende einen Schlag ausführen sollte. Zu strafen war eine Strafe. Warum bürdete er es der Bevölkerung auf? Glaubte er wirklich, es würde sie besänftigen in ihrer Ansicht, dass Orikson verrecken sollte? Nun, wenn er das hoffte, merkte er bald schon, dass er sich dahingehend irrte.

Aus einem Schlag wurden vier durch meine Hand. Von den Anfeuerungsrufen hielt ich nichts, bemühte mich sie auszublenden. Strafen war eine Strafe. Ich war folglich nicht nur zornig auf diesen Kerl vor mir, der auf mein Bitten hin umgedreht wurde, damit er mir ins Gesicht und die Peitsche kommen sehen konnte. Auch das verräterische Weib ärgerte mich, und nicht zuletzt, dass ich hier stand und die Strafe für andere ausführen musste. Für den Alka, für Alin, für Tarina, für Yezna, für mich. Gnade hatte dieser Mann in meinen Augen nicht verdient, also gewährte ich sie ihm auch nicht. Der Trotz mit dem er den harten Schlägen begegnete, nagte sehr an meiner Selbstbeherrschung. Es war nicht nur eine Strafe, sondern auch eine außerordentliche Prüfung für mich, mich nicht zu vergessen. Nach den vollzogenen vier Hieben setzte ich mich wieder hin und verfolgte das Geschehen mit steinerner Miene. Der Zorn hatte nicht nachgelassen. Genugtuung empfand ich ebenso wenig.

Fräulein Belnar hatte Schneid, das musste ich ihr lassen. Sie war es, die ihm das Ohr abschnitt und ihm darüber hinaus noch einen anderen Denkzettel verpasste, der schon allein beim Hinsehen schmerzte. Für einen Moment war ich sicher, sie würde den Dolch nicht so verwenden, wie angedacht. Die Klinge war nicht sonderlich scharf, ich musste zugeben sie eine Weile vernachlässigt zu haben. Vermutlich hingen daran sogar noch Reste von den Pilzen, die ich zuletzt damit geschnitten hatte, als Je’yuxalae bat einige davon zu suchen und zu sammeln für die Alchemie.
Auch der gellende Schrei brachte keinerlei Genugtuung. Das alles brachte es nicht. Viel zu deutlich stand mir vor Augen, dass dieser Kerl nach verbüßter Strafe frei kam und fortfahren konnte, wie bisher. Und er würde es tun, davon war ich überzeugt. Natürlich stand dann die Hinrichtung im Raum, aber was sollte ihn das hindern? Wenn ich bedachte, wie lange es gedauert hatte, seiner habhaft zu werden, standen die Chancen auf seinen Tod doch sehr gering.

Als er endlich fortgeschafft wurde, war es fast schon eine Erlösung. Der Zorn blieb dennoch. Und das nicht nur bei mir. Auch wenn die Beweggründe dafür sicherlich unterschiedlichster Natur waren.
  • Durch Gerechtigkeit muss das Land bestehen,
    durch Unrecht wird es ganz vergehen.
    Deutsches Sprichwort
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Klarheit nötigt zur Einsicht, -
    Einsicht zur Duldung,
    und Duldung ist die einzige Vermittlerin eines
    in allen Kräften und Anlagen tätigen Friedens.
    Johann Wolfgang von Goethe
Ich hatte nach dem allmorgendlichen Lauf und Waffengang ein Bad genommen und mich dann davon gemacht. Als Grund gab ich, an mir einen Überblick darüber verschaffen zu wollen, wie viel Material schon nach Grenzwarth geschafft worden war. Außerdem mussten die Pferde bewegt werden. Eines davon hatte es besonders nötig. Genau das holte ich aus dem Stall und machte mich selbst daran es zu striegeln, zu satteln und aufzuzäumen. Zwar jammerte der Stallbursche zu Anfang noch, dass man ihm die Ohren lang zöge, wenn er das nicht selbst täte, nach einem finsteren Blick zog er es dann aber doch vor das Weite zu suchen. Es war ja nicht so, als hätte er nicht sonst auch genug zu tun. Besseres in jedem Fall, als mir in den Ohren zu liegen.

Ich wagte es auf die Rüstung zu verzichten bei meinem Ausritt ins Grenzdorf. Gleichwohl erging ich mich in der Überlegung mir von Adrian eine leichte, beschlagene Lederrüstung fertig zu lassen. Für solche Gelegenheit bot sie wenigstens etwas Schutz und war nicht ganz so steif und schwer, wie die Plattenrüstung. Lange hielt ich mich mit dem Gedanken allerdings nicht auf.
Tatsächlich ruhte meine Aufmerksamkeit nicht einmal auf dem Weg. Ich ließ das Pferd seinen Weg weitestgehend selbst finden, und hing meinen eigenen Grübeleien nach.

Im Grunde waren meine Vorbereitungen für das Vorhaben bei Grenzwarth erst einmal abgeschlossen. Für mich hieß es nun warten, bis die anderen beiden Knappen ihren Teil geleistet hatten, und letztlich dem Alka die Pläne vorgelegt und hoffentlich angenommen wurden. Dann konnte es mit dem Bau losgehen. Ich hasste es zu warten. Generell verstrich die Zeit dann meist zu langsam, als wenn man selbst damit zu tun hatte.

Irgendwann lenkte ich das Pferd vom Weg hinunter in Richtung Wald und bewegte es zu einem langsamen Trab. Dabei hatte ich einige Mühe es in der Gangart zu halten. So ausgeruht wie er war, wollte er gleich richtig lospreschen. Mir war das gar nicht recht, dafür war der Waldboden zu uneben. Irgendwann merkte das Tier, dass es sich nur die Beine brach, wenn es zu ungestüm voranging und verfiel von allein sogar zurück in den Schritt. Dafür nutzte es jede Gelegenheit das Grün von den Bäumen zu rupfen. Ich ließ es zu, solange es dabei nur nicht stehen blieb. Inzwischen hing ich meinen eigenen Gedanken nach und achtete sonst nicht viel auf meine Umgebung.

An sich konnte ich derzeit zufrieden sein. Ich pfiff auf die Schelte, die ich erhalten hatte, nur weil ich es wagte für ein Wasser die Taverne aufzusuchen. Natürlich konnte ich mich auch rar machen und mich so gut wie gar nicht blicken lassen. Es sprach meines Erachtens nichts dagegen mich auch dort dann und wann umzuhören. Immerhin waren gerade Schenken ein Ort, wo man einiges in Erfahrung bringen konnte, was einem sonst so entging.
Hinzu kam die Tatsache, dass ich ohnehin zum Warten verdammt war. Dann und wann zog es mich nach Bajard, aber das Dorf war auch nicht mehr das, was es zu meiner Ankunftszeit mal war. Es wirkte eher ausgestorben. Immer wieder hörte und stellte ich selber fest, dass sogar das Regiment sich kaum noch – oder auch gar nicht mehr – blicken ließ. Dabei hatten die steten Wortklaubereien mit dem Haufen durchaus seinen Reiz gehabt. Entgegen jeder Erwartung zeigte auch Florentine sich nicht. Der eine Brief an Alin war alles, was wir von ihr gehört hatten. Nicht, dass ich es bedauerte. Trotz der mittlerweile vergangenen Wochen war ich mir noch immer nicht im Klaren darüber, wie ich mit ihr umgehen wollte, stand sie irgendwann einmal vor mir. Sobald ich mir sicher war, würde in jedem Fall eine Einladung zu Wein und Kuchen folgen. Zumindest das stand für mich bereits fest. Den Wink würde sie sicherlich verstehen. Ein Zaunpfahl war dahingehend immerhin noch harmlos in seiner Auswirkung, wie die Worte sitzen mussten.

Von ihr wanderten meine Gedanken weiter. Ich war ehrlich froh, dass Thanaya sich doch entschied zu bleiben und bei Licht besehen nun einen größeren Bereich für sich in Anspruch nahm im Haus, als zuvor. Im Grunde hatte sie nun eine Wohnung im Haus, auch wenn dort kein Tageslicht hinkam. Aber das schien sie nicht großartig zu stören. Mich auch nicht. Ich war nur zufrieden sie in der Nähe zu wissen. Genauso nahm ich mit einiger Zufriedenheit zur Kenntnis, dass sie sich wieder öfter blicken ließ und hoffte natürlich, dass es anhielt. Natürlich war mir klar, wem ich das zu verdanken hatte, dass sie blieb. Dennoch hatte ich dazu kaum ein Wort verloren.

Mit einem Seufzen duckte ich mich unter einem tiefhängenden Ast hindurch, griff gleichzeitig nach dem Sattelgurt und zog ihn nach. Mal wieder hatte der Gaul sich aufgebläht beim Aufsatteln, in der Hoffnung mich später abwerfen zu können. Man hätte meinen können, dass das Tier sich aus dieser Vorgehensweise einen Spaß machte. Mir fiel es jedenfalls nicht das erste Mal auf. Wenig später erreichte ich Grenzwarth und die Stelle, an der die Ressourcen gesammelt wurden. Etwas schwerfällig stieg ich ab und sah mir an, was wir schon zusammengetragen hatten. Inzwischen ließ ich es zu, dass der Hengst mir einen Apfel aus dem Beutel klaute, nur um dann genüsslich darauf herum zu kauen. Der Gute hatte Charakter, und ganz sicher auch seinen eigenen Kopf. Aber mit etwas mehr Übung würde er ein anständiges Schlachtross abgeben. Ganz im Stillen nahm ich mir vor, die Ausbildung mit ihm allmählich zu beginnen. Ich stieg wenig später wieder auf und trat den Rückweg an, wobei ich einen anderen Pfad nahm als zuvor.

Tatsächlich stellte ich fest, dass ich mich nicht weiter sorgte um meine eigene Ausbildung. Zu Anfang verursachte mir die Aussicht übles Magengrimmen. Mittlerweile nahm ich es als gegeben hin und hatte jeden Zweifel im Keim erstickt. Ich würde eben tun, was getan werden musste. Das sollte nur gut genug sein, damit ich es auch überlebte. Allerdings veränderte genau das anderes in meinem Umfeld – oder auch mich soweit, dass ich einiges änderte. Zu Anfang war es mir gar nicht aufgefallen, aber ich zog mich zurück, distanzierte mich, wo ich eben konnte oder es für nötig hielt. Ich ging unweigerlich auf Abstand und war nicht bereit auch nur ein Quäntchen zu viel an mich heranlassen. Einerlei ob es dabei um Freunde ging, um meine Frau, um Bekannte oder Fremde. Im Gegenzug dazu ging ich dazu über mitzunehmen, was ich als lohnenswert empfand, mich dafür nicht mehr mit Dingen aufzuhalten, die mir die Galle hochtreiben wollten. Eine Sache schlich sich unter den anderen sehr zügig ein: Fiona kam, ich ging. Mittlerweile gab es fast nichts, was mir mehr den Tag vergällen konnte, als dieses ignorante kriecherische Weibsbild. Alin gefiel es, Alin konnte es behalten. Ich musste mir das weder antun, noch wollte ich es. Die Aufforderung ihrerseits mal mit Fiona zu reden, schlug ich in den Wind. Ich sah darin weder Sinn noch Nutzen. Weniger anstrengend und dafür besser für mein Gemüt: Sie kam, ich ging.

Meine Bereitschaft gewisse Kompromisse einzugehen, schmälerte sich auch von Mal zu Mal, außer es ging um eine Angelegenheit, die den All-Einen, den Tempel, den Alka oder das Reich betraf. Hier konnte gefordert werden was nötig war, hier war ich sicherlich bereit Kompromisse oder gar anderen Lösungsansätzen zu folgen. In allen anderen Bereichen schwand diese Bereitschaft zunehmend. Am ehesten sogar zuhause. Ich tat, wonach mir der Sinn stand, oder aber das, was ich als Aufgabe von den Höheren erhielt. Entweder andere hielten mit, oder eben nicht.
Genauso sagte ich bei weitem nicht mehr zu allem etwas, das mich ärgerte, störte oder einfach nur auf die Nerven ging. Nicht nur, weil ich hoffte, dass es selbst bemerkt würde, sondern auch weil ich es müde geworden war. Alles in allem gab es nur wenige Momente, in denen ich mich selbst nicht als abgestumpft oder einfach nur bissig empfand.

Es war auch nicht so, dass mir entging, wie Alin es aufnahm. Allerdings fehlte mir die Lust und Muße mich damit zu befassen. Im Grunde war es mir zu unwichtig, um es zu tun. Es hielt nur auf, lenkte ab und war im Ganzen wohl mindestens so lästig wie die Feier, die wir vor kurzem auf ihr Drängen hin gegeben hatten. An dem Abend schon hatte ich mir im Stillen geschworen, dass ein solches Nachgeben meinerseits nicht wieder erfolgen würde. Was hätte ich darum gegeben, wenn der Ala’thraxor seinem Unmut freien Lauf gelassen hätte, obwohl ich mir im Klaren darüber war, dass ich dabei wohl ebenso eine Abreibung abkassiert hätte.
Ich hasste das alles. Ich hasste auch das Gefasel von Liebe, Zuneigung und anderen Verhätscheleien. Daran schloss sich direkt das Geschwafel über das Kinderkriegen und Elternwerden an. Ich konnte gar nicht mehr sagen, wie oft ich mir nun in den letzten Tagen schon die Frage gefallen lassen musste, wann es denn so weit war, oder die Aussage, dass ich doch Verständnis aufbringen sollte. Die arme Alin.

Nur, dass die arme Alin sich das alles selbst ausgesucht hatte. Ich verstand es noch immer nicht. Aber auch das zu erwähnen war müßig. Es würde sich nicht ändern. Bei all den Erklärungen, die ich schon erhalten hatte, es blieb nach wie vor dabei: Ich verstand sie nicht. Mittlerweile war auch das nicht mehr wichtig genug, um dem weiter nachzudrängen.

Noch während ich nach Düstersee einritt, wurde mir wohl klar, dass ich ziemlich vieles an meinem Leben eigentlich hasste. Das wenige, was mir gefiel, rankte sich um Ausflüge, Beschäftigung mit den Pferden oder meiner eigenen Ausbildung, und der Tatendrang dazu etwas für mich – und darüber für den Herrn, den Alka, den Tempel und das Reich – zu erreichen. Und gelegentliche Entspannung. Bestenfalls fernab von unnötigem Geschnatter, besorgten Blicken oder langen Gesichtern, Vorhaltungen und Ermahnungen, oder der ewigen Aufforderung doch Verständnis zu haben.

„Ha, das Opfer sind immer die anderen. Sollen sie da leiden, wo sie mich damit nicht belästigen“, murmelte ich zu meinem Gaul hinunter, schwang mich dann aus dem Sattel und führte es in den Stall, um es dort abzuzäumen und trocken zu reiben. Als der Stalljunge erneut störte, knurrte ich ihn derart an, dass er die Beine in die Hand nahm und zügig das Weite suchte.
  • Mancher muss die Freiheit verlieren, um die Einsicht zu gewinnen.
    Erich Limpach
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Wirken in der Stille dient der Menschlichkeit mehr als lautes Schenken.
    Deutsches Sprichwort
Vielleicht sollte ich mich zunehmen fragen, warum es mich anstrengte, wenn der Rest der Welt sich zu amüsieren schien, und wenn sie sich in unerträglicher Albernheit dabei ergingen. Nein, es sprach nichts gegen Flaxerei und Unkerei. Selbiges tat ich selbst gerne. Aber wenn diese dann allmählich ins unsäglich Niveaulose abdriftete, verging mir bisweilen alles.
Spätestens dann blieb mir die Wahl: Schweigen oder gehen. Ich blieb und hielt mich einfach zurück. Dann und wann gab ich eine Bemerkung ab, aber so ganz auf die Themen wollte ich mich nicht einlassen. Stattdessen beobachtete ich nur, wer sich daran wie beteiligte und widmete mich meiner Milch.

Faszinierend war für mich eher eine andere Tatsache. Da hatte der Kerl gerade wieder Ruhe davor, dass ihn andere angingen, hatte alles gerade gezogen, nur um dann von neuem mit dem nächsten Akt zu beginnen. Ich fragte mich, ob er es gleich bei jeder versuchte, die ihm über die Füße stolperte. Den Eindruck gewann ich jedenfalls. An und für sich belustigte mich das. Gerade ich sollte darüber vermutlich am allerwenigsten wettern, wenn ich denn so zurück dachte an die Zeit bevor ich herkam. Klug war es indes nicht solcherlei an einem Ort anzufangen, zu dem man neu zugereist war und die Leute noch dazu viel zu viel mitbekamen, wussten und redeten. Auch wenn Rahal eine Stadt war. Eine gutbesuchte Taverne machte sie doch zum Dorf. Sollte man also solcherlei Neigungen nachgehen, tat man das besser außerhalb eines so geselligen Treffpunktes, und hielt sich ordentlich bedeckt. Schien ganz so, als bekäme er das nicht so wirklich hin.
Eine ganze Weile lang beobachtete ich nun schon ihre Reaktionen, Regungen und hörte mir ihre Worte an, die dann und wann fielen. So wie sie dem Alkohol zusprach, glaubte sie den Aussagen der anderen ohne weiteres Vertun. Ich fragte mich, warum. Allerdings vermied ich es doch laut nachzuhaken. Im Grunde ging es mich ja nichts an – wie die anderen auch nicht, die das aber nicht zu stören schien, wie so oft. Meiner Meinung nach musste das Mädel eben ihre eigenen Erfahrungen machen, und sie sollte lernen nach vorn zu sehen, anstatt dem hinterher zu trauern, das vergangen war.
Das war allerdings ein Punkt, der bei so einigen Anwesenden eine Schwäche war. Eine davon war meine Frau. Der Hund hatte das zeitliche gesegnet und sie nutzte jede Ablenkung dazu, es zu verdrängen. Es war unschwer zu übersehen und bedauerlicherweise war sie sich auch nicht zu schade, sich dabei gänzlich der Lächerlichkeit preis zu geben, die so abgrundtiefe Niveaulosigkeit, wie sie an diesem Abend ausgetauscht wurde, mit sich brachte. Das war wieder einmal einer jener Momente, bei denen ich mir angestrengt vor Augen halten musste, dass sie eine Würdenträgerin war, damit ich es nicht bei nächstbester Gelegenheit wieder vergaß. Gelegentlich passierte mir das tatsächlich. Im Privaten machte das sicherlich nichts, aber auf der offenen Straße sollte mir dieser Fehler tunlichst nicht unterlaufen. Solche Situationen allerdings machten es mir redlich schwer. Mochte daran liegen, dass ich so ein Verhalten einfach als würdelos empfand. Dennoch schwieg ich dazu.

Was mich auch amüsierte, war das „Frauengespräch“. Normalerweise neigte Thanaya ja dazu sich zu verplappern. In diesem Fall nicht. Alins Aussage hingegen war eine völlig andere. Es sollte mich wohl misstrauisch machen. Wenn ich eines wusste, dann dass Thanaya so reagierte, wenn sie irgendetwas ausheckte. Ich glaubte nicht, dass Alin gelogen hatte, allerdings einen guten Teil des Gesprächs verschwieg. Rauszubekommen war es nicht, also blieb mir nichts anderes, als abzuwarten und mir schon einmal ein mögliches Donnerwetter zu überlegen, sollten diese zwei Verrückten es all zu weit treiben. Die Schwierigkeit daran war allenfalls das passende dafür zu finden.

Tja, Trauer um Vergangenes lag noch jemanden am Tisch. Allerdings stellte sich bei dem späteren Gespräch mit ihr heraus, dass es ihr nur geringfügig darum ging, als vielmehr zu versuchen den Blick nach vorn und auf das Wesentliche zu richten. Unsicherheit über das Wie waren da, aber ich hatte den Eindruck, dass sich dieser Knoten während des Gesprächs auch löste.

Blieb mir nur noch eines zu tun, als ich mich auf den Heimweg machte. Ich ging einen gehörigen Umweg, ließ die Kutsche selbige sein und las irgendwo unterwegs mit ein wenig Mühe und Überredungskunst, ebenso dem klaren Hinweis, wer das Sagen hatte, einen Straßenköter auf, taufte ihn Zecke und schleppte ihn mit heim.
Die Intuition war wohl die Richtige, denn als ich ankam, lag das verrückte Weib auf den Fellen an dem Platz, wo Flohrolle sonst seine Nacht verbrachte. Schweigend wies ich Zecke auf seinen neuen Platz, der sich als erstes einmal über das Futter im Fressnapf hermachte, packte Alin und trug sie nach oben ins Bett. Das nächste, was ich danach befand: Genug der Nettigkeiten für diese Woche. Sonst gewöhnte sie sich noch dran, und ich konnte mir ständig etwas einfallen lassen dazu. Nein, ich hatte wahrlich Besseres zu tun als das.
Überhaupt, machte ich so weiter, konnte es mir noch passieren von „Allerwelt“ als Seelsorger gesehen und angesprochen zu werden. Wollte ich das? Um Alatar Willen, nein! Noch nicht müde genug, verzog ich mich wieder nach unten, griff mir ein Pergament, einige andere Utensilien und machte mich an die Skizzen für die Wachtürme. Da ich diese schon auf dem ersten Plan aufgezeichnet hatte, brauchte ich sie nur übertragen und die Maße etwas anpassen. Das sollte recht zügig machbar sein.
Danach begann ich zu rechnen, was wir an Material benötigten, zählte einen kleinen Überschuss davon auf für alle Fälle. Danach folgte die Kostenaufstellung, wobei ich die Preise grob überschlug. Manches davon war sicherlich noch verhandelbar.

Die Reichskasse ist leer.

Ich hatte nicht mal Gelder daraus erwartet, aber nichts dazu gesagt. Das Reich wollte geschützt sein, also konnten die Bürger auch einen Anteil daran leisten. Wer zur Hölle hätte den Alka nach Gold gefragt? Türme wurden nicht aus Gold gebaut, sondern aus solidem Stein und gutem Holz, so spärlich aber sinnbringend eingesetzt, wie möglich.
Zugute kam mir bei der Skizzierung und Planung der Umstand, dass mein Bruder etwas von Holz verstand, und ich oft genug dabei saß, wenn es zur Sprache kam, und dass wir unsere verflixte Scheune nebst dem Kuhstall daheim selbst hochgezogen hatten. Vater hatte uns damals hinzu zitiert und darauf bestanden, dass wir alles berechneten, was nötig dazu war.

Als ich fertig war, löschte ich die Öllampe, ließ die Skizzen zurück auf dem Tisch, ebenso den Rest. Aufräumen konnte ich auch noch nach dem morgendlichen Laufen und Waffengang. Rechtschaffend müde verzog ich mich zurück ins Schlafzimmer und legte mich hin. Nur ein flüchtiger Blick zur Schläferin an meiner linken Seite, dann drehte ich mich herum und zog die Decke über die Ohren.
  • Menschlicher Umgang miteinander verlangt mehr Nachsicht als Vorsicht, mehr Zuhören als Zureden.
    Ernst Ferstl
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Er kam, sah und ging.
    Alfred Selacher
Ich mied es heim zu gehen. Mittlerweile den zweiten Tag und die zweite Nacht. Tatsächlich mied ich es sogar mich irgendwo blicken zu lassen. Zwar hatte ich selbiges am Vortag noch versucht, aber es brachte mir nichts ein, das ich mir gewünscht hätte. Vielleicht verdient, vielleicht auch nicht. Wie stets mischten sich mehr Leute in etwas ein, das sie nichts anging, als es für diese Leute gesund war.

Ich fragte mich ernstlich, ob ihr klar war, was sie damit anrichtete, Thanaya mit zu zerren. Vermutlich nicht. Und Thanaya? Noch weniger.
  • Auch wer einem andern folgt, muss die Folgen selber tragen.
    Walter Ludin
Also verbrachte ich den Tag damit die Pergamente zu sortieren und das Gemeinschaftshaus auf den Kopf zu stellen. Nur den Schlafsaal umschiffte ich genauso wie mein eigenes Zuhause. Mochte den Truhen geschuldet sein, die da noch immer standen.

An sich hatte ich es von Anfang an vor mich her geschoben. Ich hätte einfach direkt konsequent sein sollen.

Gedankenverloren stand ich in der kleinen Kapelle des Gemeinschaftshauses und starrte Löcher in die Luft. Gestern tat ich selbiges im Tempel. Ruhe hatte es mir keine gebracht. Dafür eine ganze Menge Zorn, mehr auf mich, als auf andere. Es gab einige, sehr wenige, Tage, die mir gefallen hatten. Sie lagen samt und sonders vor dem Tempelbesuch mit ihr. Wäre nicht die Hoffnung da gewesen, dass der Respekt ihr gegenüber wachsen könnte, wäre ich den Schritt nicht einmal gegangen. Im Grunde wäre es perfekt gewesen.
Der Schritt sollte Ruhe bringen. Ruhe vor Ablenkung, Ruhe vor Nervereien, Ruhe vor ewigen Fragen. Es brachte Ruhe. Anfangs schien der Plan perfekt aufzugehen. Eine Frage wurde dennoch gestellt. Immer wieder. Nun, war es halt so. Irgendwann würde diese Frage bestimmt auch schweigen.

Und dann verlor ich wieder den Respekt. Abermals, und nochmals. Was starb war die Hoffnung. Paradox, dass ausgerechnet die Magistra mit ihrer Aussage Recht behielt: Die Oberstleutnant überlebte die Hoffnung garantiert. Natürlich hatte Taruval das nicht auf diese Situation bezogen, es passte dennoch. Fast hätte ich gelacht, als mir der Gedanke kam.
  • Konsequenzen kann man auch in die Länge ziehen.
    Gerd W. Heyse
Genau das hatte ich getan: Die logische Konsequenz unnötig in die Länge gezogen und weder ihr noch mir einen Gefallen damit getan. Ich sah mich nicht als Opfer. Das war eindeutig sie, wenn überhaupt jemand. Zumindest in diesem Stück. Das was sie wollte, gab ich ihr in all der Zeit nicht, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, sie wollte es unbedingt glauben.

Dass sie allerdings wagte mir die fortzuzerren, an der mir tatsächlich etwas lag, seit ich hergekommen war, das nahm ich ihr persönlich übel. Das würde ich ihr auch weiterhin übel nehmen. Natürlich hätte ich mir nun vorhalten können, dass ich es mein Eigenverschulden war. Aber in dem Fall: Nein. War es nicht.
Und dass diese sich zerren ließ, genauso unverzeihlich für mich. Also stand ich hier und fragte mich, ob ich hier in dieser Gemeinschaft noch weiter machen sollte, oder ob ich besser ganz und gar meinen eigenen Weg verfolgen sollte.

Ganz davon abgesehen hatte ich ohnehin nicht das Gefühl, dass irgendwer ein ehrliches Interesse hatte an dem, was die Gemeinschaft war und ausmachte. Dieses Empfinden wiederholte sich so gut wie jeden Mond mindestens einmal. Gerade wurde es übermächtig. Natürlich lag es mitunter an der Trennung. Natürlich verließ sie deshalb auch die Gemeinschaft, ihrer Schwäche nachgehend, wie stets. Noch weniger Respekt. Bitter daran war, dass ich sie eigentlich mochte, mehr von ihr erwartet hätte, und die Erwartungen schon wieder enttäuscht wurden. Sie waren beide eine Enttäuschung. Meine persönliche. Und ja, es war auch mein persönliches Problem, das ich damit hatte. Nicht das von irgendwem anders.

Selbstreflektion war schon immer etwas, was einen arg zum Erbrechen bringen konnte. Konsequenzen daraus waren meist nicht leichter oder besser zu tragen.

Ich war mir nicht sicher, ob ich irgendwen noch Freund nennen konnte oder wollte. Vielleicht brauchte diese Entscheidung einfach Zeit. Zwei hatte ich in jedem Fall mit einem Handstreich vor die Tür gesetzt und verloren.

Tja Dazen, Verständnis kann da eh nicht wachsen, hak es ab.

Also hakte ich es ab und wandte mich der Zufriedenheit zu, die daraus erwuchs trotzdem Ruhe zu haben. Ich zog die Kette mit dem Ring über den Kopf und ging die Stufen hinunter. Meine Schritte führten hinunter, die Hand griff ein Pergament, auf dem ich nicht viel schrieb, nur ein paar Worte. Darin wickelte ich die Kette mitsamt Ring ein und machte mich auf den Weg nach Düstersee.

Das kleine Päckchen warf ich in Alins Briefkasten und ging wieder.

Wir sind quitt. Nimmt der eine dem anderen gegenseitig das Wichtigste.
Ende der Woche seid ihr beide aus dem Haus verschwunden.
Zu deiner Frage, ob ich dazu nicht mehr zu sagen hätte: Du hast Recht, habe ich nicht. Dein letzter Schlag hat mir Atem und Wille dazu geraubt. Bleib mir fern.


Wenig später folgten noch zwei Dinge, die er mit Mühe in dem Kasten hinterlegte. Er wollte beim besten Willen nichts schuldig bleiben.
  • Wenn sich die Leute um niemand kümmern, ist ihr gewöhnliches Los, auch ihrerseits keine Freunde zu haben.
    William Makepeace Thackeray
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Unsere Mängel sind unsere besten Lehrer,
    aber gegen die besten Lehrer ist man immer undankbar.
    Friedrich W. Nietzsche
Noch immer brannten meine Augen, wenn auch nicht mehr ganz so schlimm. Auch die Sicht war nicht mehr großartig eingeschränkt. Das Jucken hatte nach dem Bad nachgelassen, die Rötung der Haut ging allmählich zurück. Von ein paar lächerlichen Kratzern abgesehen, war es das. Und einer Stelle, wo die Haut mit der Platte in Berührung gewesen war, als dieser verfluchte Krüppel sie mit seiner elenden Liedwirkerei erhitzt hatte. Die war mir erst aufgefallen, als ich diese widerwärtige Substanz abwusch im Bad, die ich mir vom Heiler eingefangen hatte. Eine Brandblase hatte sich gebildet, nicht allzu groß, aber doch sehr nervig und störend.
Aber was war das schon im Vergleich zu dem, was die beiden hatten einstecken müssen? Nichts. Ärgerlich. Und noch immer war ich stinkwütend. Mittlerweile aber mehr auf mich selbst, als auf die zwei Klatschmäuler. Liebschaften, Weibergeschichten. Ich hatte besseres zu tun. Alatar, ich war sogar froh, dass ich meine Frau soweit los war, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren konnte. Und nun das! Von einem Krüppel und einem Schlurch aus der Reserve gelockt!
Völlig falsche Zeit, erst recht gänzlich falscher Ort für eine Prügelei dieser Art.

Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, Dazen?

Nichts. Genau das. Nichts! Den Einlauf, dass ich mich benommen hätte wie ein Säufer in einer Schenke, oder ein Bauerntölpel, hatte ich wohl verdient. Ich erinnerte mich nicht so ganz genau, wie die Ritterin sich ausgedrückt hatte, aber es kam dem so schon recht nahe. Natürlich, eine Forderung wäre besser gewesen. Ein anderer Ort zum Austragen als die Hafenschenke auch.

Na, Dazen? Deine Schwäche gefunden?

Oh ja, und sie ziemlich konsequent für den eigenen Zorn genutzt. Nur der Preis, den galt es für mich wohl noch zu bezahlen. Und das war es, was mich so wütend auf mich selbst machte. Ich hatte nicht nachgedacht und mich hinreißen lassen, anstatt es anständig anzugehen. Ja, der Gesichtsverlust war und würde gehörig sein. Auch wettete ich darauf, dass jede Form von Wiedergutmachung ohnehin keinen Anklang fand. Wie wollte man es auch gut machen? Die gebrochene Nase richten und den gekränkten Stolz tätscheln?

Esel!

Die halbe Nacht brachte ich damit zu, meine nächsten Schritte zurecht zu legen. Dabei starrte ich die Decke an, oder lief durch mein kleines Zimmer. Ein, zwei, drei Schritte, kehrt Marsch, ein, zwei drei Schritte.
Ja, den Tempel solle ich sicherlich aufsuchen. Was mich stutzig machte, war die Tatsache, dass Thanaya mir wirklich riet noch eine dritte Partei hinzuziehen. Es blieb die Frage, warum? Sie mochte in vielem naiv sein, aber an der Stelle? Vielleicht sollte ich darauf hören. Oder das was folgen sollte, eben einfach ertragen. Ich war mir nicht schlüssig.
Ja, ich sollte auch noch jemanden aufsuchen. Unbedingt. Auch wenn das Gespräch keine Freude bereiten würde. Alles andere als das. Und vermutlich zog es auch Dinge nach sich, über die ich gerade nicht mal nachdenken wollte. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto besser befand ich es, es direkt selber in die Hand zu nehmen.

Ungesehen konnte ich den Mist ohnehin nicht mehr. „Gesagt“ war zu den beiden dazu auch alles von meiner Seite aus. Erledigt, auch wenn ich davon ausgehen musste, dass die zwei das nicht so sahen. Da blieb also nur auf den Rücken zu achten.
Auch etwas, das mich enorm ärgerte. Zusammenhalt war gefragt, und nun hatte ich selbst sogar für ein weiteres Zerwürfnis gesorgt, anstatt auf deren dummes Geschwätz zu pfeifen.

Blieb nur für Schadensbegrenzung zu sorgen, so gut es ging. Beim morgendlichen Lauf würde ich dieses Mal also fehlen. Ich hatte tatsächlich anderes zu tun, bei dem ich mir selbst gegenüber keinen Aufschub dulden wollte.
  • Wer einen Fehler gemacht hat und nicht korrigiert,
    begeht einen zweiten.
    Konfuzius
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Vertrauen ist etwas so Schönes,
    dass selbst der ärgste Betrüger
    sich eines gewissen Respekts nicht erwehren kann vor dem,
    der es ihm schenkt.
    Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
Ich stand in meinem überaus gigantisch großen Garten – um ehrlich zu sein, er war winzig und wirkte eher wie ein kleiner Pferch – und runzelte die Stirn nachdenklich. Irgendwas musste man doch mit dem kleinen Zoll an Platz anfangen können, das sinnvoll erschien. Ein Baum vielleicht und dazu zwei Bänke? Viel Sonne würde hier ohnehin nicht hinkommen. Im Süden verdeckte das Haus den Garten, im Osten auch, im Westen das Nachbargebäude. Und würde die Sonne im Norden scheinen, so wäre die Stadtmauer im Weg. So ganz konzentriert war ich auf die Gartengestaltung nicht. Mitten in der Nacht ließ sich so etwas auch schwer planen. Diesen Zeitvertreib gönnte ich mir nur deshalb, weil ich kein Auge zubekam. Viel sehen konnte man auch nicht. In fünf Tagen etwa musste Neumond sein. Dafür war es ziemlich kühl geworden in der Nacht und so ganz ohne Feuer und Umhang fröstelte ich zwischenzeitlich dann doch. Irgendwann floh ich sogar wieder ins Innere und machte mir eine Milch warm. Mit dem Becher verzog ich mich vor den Ofen und setzte mich auf die Kissen.

Wenig später lagen um mich herum ausgebreitet einige Skizzen, Notizen und Pläne, die ziemlich viel mit zwei Türmen und einer Wachstube, mit Eroberung und Verteidigung zu tun hatten. Die meisten davon hatte ich bereits in der vergangenen Woche überlegt, nur wenig Neues war hinzugekommen. Und auch darauf konnte ich mich gerade nicht zur Gänze konzentrieren, da die Gedanken doch etwas zu rastlos unterwegs waren. Immer wieder einmal ließ ich den vergangenen Abend vorbeiziehen und zog neuerlich die Augenbrauen etwas zusammen.
Mir ging erneut das Gespräch mit Althan durch den Kopf bezüglich der Verhandlungen und dem, was da nicht ganz so rosig für uns verlief. Ich fragte mich ernstlich, ob es da zu einer Einigung kommen konnte, mit der beide Seiten zufrieden wären. Vermutlich nicht. Und ich ahnte schon, wer da zurückstecken würde müssen. Das was dort über den ersten Teil der Verhandlung gesagt wurde, hinterließ bei mir ebenfalls Magengrimmen. Vielleicht hätte Alin da vorsichtiger mit ihrer Äußerung sein sollen. Das war im Grunde nichts, was man in einer Taverne von sich gab – meiner Meinung nach. Sie schien das nicht weiter zu bekümmern. Gut, passiert war passiert. Ich vermied es auch nur annähernd darauf einzugehen, und Althan hatte deutlich gemacht, das alles seine Gründe hatte, was den Verlauf anbelangte. Ob das indes ausreichte um das Plappermaul hinter der Theke ruhig zu halten, wagte ich zu bezweifeln. Es wollte mir einfach nicht schmecken – und ich traute diesem Kerl nicht einmal so weit, wie ich einen Drachen werfen konnte. Aber, gemäß dem Befehl, den ich erhalten hatte, hielt ich den Mund dazu.

Einmal mehr zeigte sich auch, dass da jemand versuchte eine Gelegenheit zu ergreifen, die ihm nicht gebührte. Abermals ignorierte ich das und zählte allein auf das, was ich ohnehin schon wusste. Ich war mir überaus sicher, dass die junge Frau, die man zur Gelegenheit gemacht hatte, sehr wohl selbst wusste, wie und ob sie diesen jemand in die Schranken wies. Bedauerlich daran fand ich nur, dass mir dieser Spaß vermutlich entging.

Tja, und dann hielt der Abend noch eine Überraschung bereit. Mir war noch immer nicht so ganz klar, wie ich damit umgehen sollte. Das zu erwähnen, hatte mich auch nicht weitergebracht. Vertrauen. Allerdings in einem Ausmaß mit dem ich so gar nicht gerechnet hatte, mit einer Geschichte, die reichlich Unbehagen bescherte. Und das Unbehagen rührte vor allem daher, dass ich tatsächlich so etwas wie Mitleid empfand. Natürlich war mir das Gefühl nicht fremd, aber es zugeben? Ausgeschlossen. Es schien auch keineswegs die rechte Regung zu sein. Weder wurde es erwartet, noch eingefordert, noch war es gewollt. Wie sehr das überfordern konnte, hatte ich vorher gar nicht mal geahnt.

Ich schmunzelte über mich selbst und nahm noch einen Schluck Milch. Die war zwar inzwischen wieder kalt, aber deshalb wollte ich sie dennoch nicht verkommen lassen. Auch widmete ich mich erneut den Skizzen und Überlegungen, bis ich mich müde genug fühlte zu Bett zu gehen. Etwas konzentrierter, wenngleich auch nicht viel. Es gab zu viel zu tun und viel zu wenig Zeit. Der Tag hatte einfach zu wenig Stunden, die Woche zu wenig Tage…
  • Nichts Größeres kann ein Mensch schenken,
    als sein ganzes Vertrauen.
    Keine Gabe erhöht so sehr den Geber und Empfänger.
    Henry David Thoreau
Dazen Wolfseiche

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  • Einer Enttäuschung muss immer eine Täuschung vorausgegangen sein.
    Unbekannt
Ich lag nach wie vor im Bett. Nun ja, eigentlich war es mehr ein halbes Liegen und ein halbes Sitzen. Ich fühlte mich gerädert, unausgeschlafen. Gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis irgendwas anzufangen, fühlte mich unausgelastet und aufgekratzt.
Ganz sicher, in einer oder zwei Stunden ging es wieder zum Laufen. Ich hatte nicht vor das einreißen zu lassen, trotz der Gewissheit, dass ich keinen weiteren Schlaf mehr finden würde. Vielleicht half es auch den Kopf frei zu bekommen. Nötig wäre es allemal. Besonders für die Begegnung am Abend, die mir bevorstand.
  • Die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit ist mit Enttäuschungen übervölkert.
    Ernst Ferstl
Ich erinnerte mich noch gut an die gefallenen Worte an irgendeinem Abend oder in irgendeiner Nacht. Wann das genau war, wusste ich nicht mehr. War an sich auch nicht wichtig. Ich stellte nur fest, dass das Gesagte nichts weiter war, als daher geseierter Mist und Lüge, vor allem sich selbst gegenüber. Nicht ich hatte die Worte fallen lassen. Würde ich darauf ansprechen, wüsste ich die Antwort darauf schon: Meinungen ändern sich eben.
Klar, vor allem die, die nie wirklich so gefestigt waren, dass sie als tatsächliche Meinung hätten zählen können. Fast hätte ich gelacht. Nur mit Mühe unterdrückte ich dieses Bedürfnis und sah kurz blinzelnd zur Seite hin.
Ja, in der Tat, zu lachen war mir ein ernstes Bedürfnis. Genauso wie bei dem Vorwurf der Eifersucht, die nicht vorhanden war. Worauf auch? Ein Schmunzeln schlich sich auf meine Züge, als ich mich vorsichtig aus dem Bett wälzte und mich anzog. Nein, an Schlaf war ohnehin nicht mehr zu denken. Also gab ich es einfach auf. Ich zog beiläufig die Decke zurecht und verließ auf leisen Sohlen das Schlafzimmer. Der Weg führte mich die Treppe hinunter, und von leichtem Hunger getrieben geradewegs in die Küche auf der Suche nach Essbarem.
  • Ab und zu sollten wir auch jene, die nichts Gutes an uns finden, maßlos enttäuschen.
    Ernst Ferstl
Ein Blick zum Fenster hinaus verriet mir, dass wir heute wohl im typischen Herbstwetter laufen würden. Es regnete in Strömen. Nun, dann war das halt so. Mit etwas trockenem Brot und einem Glas Milch stellte ich mich vor das große Fenster und öffnete es kurzerhand. Dass die kalte Luft hineinströmte, kümmerte mich in dem Moment wenig. Es klärte den Geist und vertrieb die Müdigkeit wenigstens zeitweilig.

Einmal mehr versuchte ich zu ergründen, was mich wütender machte. Die Enttäuschung an sich, oder dass ich mich über diese ärgerte. Immer dann, wenn ich aufgab, kamen mir die Worte der Tetrarchin wieder in den Sinn, dass Kontrolle nur dann erlangt werden kann, wenn man die Ursache erkennt. Dass ich das gerade an so etwas lernen sollte, wirkte sehr frustrierend auf mich. Aber nun, die Wahl war getroffen, die Regeln und das Wollen bekannt.
Mein Weg würde dort nicht wieder hinführen, bis sie nicht irgendwann von selbst vor meiner Türe stand und das Gespräch suchte. Das war meine Entscheidung dazu. Sollte mir nur Recht sein. Ein Pfund weniger, das mich ablenkte. Ihr Unglück, nicht meins.
Bei allem, was ich vielleicht schuldete, ich würde es erst zurückzahlen, wenn sie aufkreuzte, und es einforderte. Mochte sie mich dafür hassen, dann tat sie wenigstens ein Quäntchen für den Herrn, wenn sie auch alles andere offenbar vergessen hatte.
Sollte mir noch einmal wer vorhalten Prinzipien zu verraten. Der musste mir erst einmal beweisen, dass er es selbst nicht tat.
  • Ent-Täuschung
    = frei von Täuschung
    = frei von selbsterdachten Bildern
    = frei von Illusionen
    = frei von Projektionen
    Anita Ludwig
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Der Mensch braucht ein Plätzchen
    Und wär’s noch so klein
    Von dem er kann sagen
    Sieh! Dieses ist mein
    Hier leb‘ ich, hier bleib‘ ich,
    hier ruh‘ ich mich aus
    Hier ist meine Heimat
    Hier bin ich zuhaus.
    Unbekannt
In aller Trägheit, die man morgens gerne mal beim Aufwachen empfindet, streckte ich mich und wälzte mich auf den Bauch. Selbst um die Augen zu öffnen war ich heute zu faul. Nicht einmal das Bewusstsein, dass irgendwer garantiert an meiner Tür bollern würde, wenn ich nicht zum Laufen erschien, konnte mich antreiben das anheimelnde Bett zu verlassen. Sollte sie doch alle der Dämon heute holen. Ich beschloss einfach mal nicht da zu sein. Immerhin hatte ich am Abend vorher schon genug Rennerei gehabt. Dazu kam, dass die Strecke garantiert länger als die morgendliche war, die ich zusätzlich am vorangegangenen Morgen ja auch noch absolviert hatte.
Und noch entscheidender an meinem Beschluss mitgewirkt hatte der Umstand, dass es viel zu gemütlich war, und ich die Wärme unter der Decke und die Kälte im Gesicht viel zu sehr genoss, die durch das halb offene Fenster herein strömte. Auch wenn ich nicht mehr einschlief, so rührte ich mich dennoch kein Stückchen weiter, ließ die Gedanken nur träge schweifen.

Zurück zum Markt, noch etwas weiter zurück zu dem Gespräch mit der Ritterin. Für einen flüchtigen Augenblick zog ich die Brauen zusammen. Was sollte es mich eigentlich kümmern, ob sie unter den gegebenen Umständen einen Ritterschlag akzeptierte oder nicht? Gar nichts. Was wusste sie schon davon, was ich leistete? Nichts.
War mir ihre Meinung noch wichtig? Wie viel war ihre Meinung tatsächlich wert für mich? Gute und ernsthaft zu überdenkende Fragen für einen wachen Geist. Wach war ich nur gerade überhaupt nicht. Also verschob ich diese Fragen auf später. Letztlich waren es keine Fragen, die ich vorhatte mit irgendwem zu erörtern.
Ich fragte mich, ob sie sich diese Art der „Motivation“ auch bei den anderen Knappen gönnen würde. Vermutlich nicht. Darüber hinaus aber war ich gespannt, ob das Vorhaben des Ahads und der Ritterin Anklang fanden. Sicher war ich mir nicht, zumal die Ambitionen dahingehend erst so spät „wach“ wurden.
Hätte sie mir ihre Anmerkung vor ihrer Frage an den Kopf geworfen, vermutlich wäre sie auf Ablehnung gestoßen. So aber hatte ich mein Wort schon gegeben. Im Nachhinein ärgerte es mich tatsächlich, aber nicht in einem Maß, dass ich deshalb wortbrüchig werden wollte. Es blieb ohnehin abzuwarten, ob das Ganze überhaupt Früchte trug. Und das, das glaube ich darüber hinaus erst, wenn ich es sah. Eine Angewohnheit die ich mir seit den Beben zugelegt hatte.
  • Doch ehe man Respekt genießt, muss man sich ihn verdienen.
    Und um ihn zu verdienen, darf man sich ihn nicht wünschen.
    Leo (Lew) Nikolajewitsch Graf Tolstoi
Zu oft gab es Reden von und über die Höheren, die dann in der Zeit, wo sie tatsächlich gebraucht wurden nicht anwesend waren. Oder sie tauchten auf, nachdem andere die Vorarbeit geleistet hatten, um sie dann an sich zu reißen und kurz vorm Ende alles Brach liegen ließen. Oder aber sie ließen die im Stich, die sich auf sie verlassen hatten.
Ich konnte allerdings nicht sagen, dass es etwas Schlechtes hatte. Für mich war die Zeit äußerst lehrreich gewesen. Ganz bestimmt sogar die Zeit nach den Beben. Sie war keineswegs leicht gewesen, die Unterstützung spärlich, aber dafür verlässlich.

Mit einem trägen Räkeln setzte ich mich schließlich im Bett auf und blinzelte müde. Sofort zog die Kälte heran und ließ mich kurz frösteln. Ich gab das warme Nest, das sich Decke nannte, auf und verzog mich leise ins Bad.

Ich war stolz auf meine Gemeinschaft. Und so wie ich es sah, wuchs sie derzeit sogar stetig. Irgendetwas musste ich also bei allem Stolpern richtig machen. Amüsiert war ich vor allem über die Art, wie es mir dann von denen gezeigt wurden, die sogar länger Teil der Gemeinschaft waren, als ich. Die Bücher fand ich zuweilen recht ansprechend, auch wenn ich vielleicht mal verdeutlichen musste bei Gelegenheit, dass mir Werke, die mir einen tatsächlichen Nutzen brachten, weit besser gefielen.
Die Blumen hingegen hielt ich für eine bloße Provokation und die Neugier dahinter, wie ich darauf reagierte. Wenn der Herr keine Prüfung für mich parat hatte, die Prätorianer fanden anstelle Seiner eine. Soviel stand fest. Man mochte mir diese kleine Blasphemie verzeihen, aber so stellte es sich für mich dar.

Ich hatte allerdings nichts gegen diese Prüfungen. Weder die des Herrn, noch die meiner eigenen Leute. Sie hielten mich wach und aufmerksam, und ich vermochte viel daraus zu lernen. Betrachtete ich die zurückliegende Zeit, seit sie mich zum Präfekten machten, hatte sich doch einiges verändert – ich mich vor allem ganz vorne weg.
Genauso bewusst war ich mir allerdings auch, dass ich nach wie vor noch viel zu lernen hatte und bei weitem noch nicht am Ende des Wegs angekommen war.

Dass die derzeitigen Knappen allerdings außerhalb der Lehrstunden kaum etwas miteinander gemein hatten, bedauerte ich ein wenig. Es fand kaum ein Austausch statt. Für die spätere Zusammenarbeit war das in meinen Augen etwas hinderlich. Zweifellos hatte ein jeder von uns noch seine Aufgabe zu bewältigen, woran auch niemand gehindert werden sollte.
Dennoch begann nicht nur ich mich zu fragen, wo die anderen beiden, die mit mir diesen Weg eingeschlagen hatten, derzeit steckten. Sie machte sich verteufelt rar. Nicht, dass ich mir anmaßen wollte und sollte, darüber zu urteilen. Letztlich mussten sie wissen, ob das was sie taten für den weiteren Weg ausreichte oder nicht. Ob es ihnen genügte, was sie dem Reich brachten. Ob sie mit sich zufrieden sein konnten. Ob der All-Eine es war, würde er wohl zu zeigen wissen, und wenn er es durch seine Heiligkeit deutlich machte. Die Entscheidung oblag mir sowieso nicht.
Für mich jedenfalls stand fest: Ich persönlich würde mir so nicht genügen. Da folgte ich meinen eigenen Ansprüchen, die ich auch an meine Leute stellte – dem Streben nach Perfektion, das Beste abzuliefern, was zu geben ich im Stande war, und das noch zu verbessern mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft und den dazugehörigen Mitteln. Alles andere wäre für mich zu wenig. Aber vielleicht war ich auch einfach mein eigener größter Kritiker.

Und schon irrten meine Gedanken wieder zu der unverfrorenen Aussage der Ritterin zurück. Mit welchem Recht also brachte sie so eine Äußerung über die Lippen?
Eine Antwort würde ich darauf wohl nicht erhalten. Allein schon deshalb nicht, weil ich keine Ambitionen hatte, diese Frage in die entsprechende Richtung zu stellen. Sei’s drum.
  • Überheblichkeit ist eine ins krankhafte verzerrte Form des Selbstbewusstseins.
    Erich Limpach
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • 1. Wenn ich's mag, ist es meins.
    2. Wenn ich's im Maul habe, ist es meins.
    3. Wenn ich dir's wegnehmen kann, ist es meins.
    4. Wenn ich's vor 'ner Weile schon mal gehabt habe, bleibt es meins.
    5. Wenn's meins ist, hast du nie wieder die Chance, daß es mal deins wird.
    6. Wenn ich was zerkaue, sind alle Teile meins.
    7. Wenn's so aussieht, als ob es meins wäre, dann ist es auch meins.
    8. Wenn ich's zuerst gesehen oder gerochen habe, ist es meins.
    9. Wenn du etwas weglegst, mit dem Du gespielt hast, ist es automatisch meins.
    10.Wenn's kaputt ist, ist es Deins!
    Besitzregel der Hunde
Ich hatte es schon fast wieder vergessen, dass ich mich darüber kundig machen wollte, wo der Kerl sich für gewöhnlich rumtrieb. Bis gestern. Gestern sagte sie mir dann, er wäre gegangen. Auch wohin. Für was er sich entschieden hatte. Ich musste mit Adrian sprechen.

Die ganze Zeit über hatte ich schon so ein komisches Bauchgefühl und sah es natürlich nun bestätigt. Nein, ich sollte nicht auf die erstbeste Aussage glauben und der vertrauen. Natürlich sollte ich dem noch weiter nachgehen und die Korrektheit überprüfen. Denn das Gehörte war auch nur das Gesagte von jemand weiterem. Trotzdem, auch in solch einem stillen Botengang steckte irgendwo ein Korn Wahrheit. Und ich vermutete dieses Korn genau dort, wofür er sich entschieden hatte. Das genügte mir. Die Umstände drum rum, die dazu geführt hatten, waren mir eigentlich egal. Feind war Feind. Spitzel war Spitzel. So einfach war das.

Sie hatte gestern so einiges gesagt. Eines davon überraschte mich. Sie erwischte mich tatsächlich eiskalt mit ihrer Aussage. Sofort dachte ich an Flucht, ob nach vorn oder hinten wäre mir in dem Moment sogar egal gewesen. Einmal Durchatmen und besonnen reagieren, dachte ich noch. Ich atmete also einmal durch und reagierte besonnen. So besonnen jedenfalls, wie es mir möglich war.
„Das hat noch Zeit, erst einmal müssen wir herausfinden…“ Und so weiter und so fort.
Mir behagte diese Idee überhaupt nicht. Die war so unauslöschlich, wenn sie einmal umgesetzt wurde, dass es da gar kein Zurück mehr gab. Ich musste mit Adrian sprechen.

Dass mir etwas noch kältere Füße machte, als diese dreimal verfluchte und gescheitere Hochzeit, hätte ich nicht erwartet. Wie kam Sie nur auf so eine verflixte Idee? Auch die Frage, ob sie wusste, wofür das denn so stand, schien sie nicht aus der Ruhe bringen. Natürlich, lautete die Antwort.
Vielleicht war die Denkweise da aber viel zu einfach gestrickt. In dem, was sie sich da ausgedacht hatte, steckte weit mehr als „nur“ das. Irgendwann musste ich sie ausführlicher darüber in Kenntnis setzen, aber in dem Moment konnte ich es nicht.

Daneben vergaß ich fast die Aufgaben, die noch nicht erledigt waren. Oder vielmehr, die meisten waren es, wartete nur darauf den Abschluss zu finden, indem sie vorgelegt wurden. Andere wiederum bedurften einer kurzen Absprache und Klärung, wieder andere eine Reise, die wollte ich heute antreten.
Sie wollte mitkommen, hatte selbst noch etwas zu erledigen dort. Bitte, sollte sie. Ich hoffte nur, dass ich meine Fassung wahren konnte. Eindeutig, ich musste mit Adrian sprechen.
  • Frei sein heißt, sich aussuchen zu können, wessen Sklave man sein will.
    Unbekannt
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Sei gegen deine Freunde,
    ob sie Glück oder Unglück haben,
    immer derselbe.
    Periander
Vielleicht lag es an dem Abstand, den wir gewonnen hatten, dass wir mittlerweile wieder relativ gut miteinander auskamen. Ich war noch immer nicht geneigt ihr irgendwas von mir auf die Nase zu binden, aber das spielte wohl auch keine Rolle dabei. Natürlich bohrte sie nach, war neugierig und wollte möglichst alles wissen. Ich neigte dazu die Fährte in eine andere Richtung zu führen, als sie dachte und nicht auf gezieltere Dinge einzugehen.
Für mich war daran erheiternd, dass ich noch nicht einmal genötigt war zu lügen. Just die Nacht vorher hatte ich im eigenen Bett genächtigt. Allein der Gedanke ließ mich schmunzeln. Noch mehr, als die Gegenfrage eine ganz ähnliche Antwort herbeiführte – und ich glaubte ihr kein Wort. Was war die Welt doch schön.

Ich war mir ganz und gar nicht sicher, wie sie meine Worte tatsächlich aufnahm. Bestimmt hatten sie getroffen, wie so oft. Dabei war das dieses Mal nicht im Mindesten meine Intention gewesen. Ich hatte nur den Eindruck, dass sie sich damit nicht wirklich wohl fühlte, und darum auch ihren Pflichten nicht nachkam.
Die Krux an der Sache war eben, dass man bei einer bestimmten Stellung auch gewisse Erwartungen zu erfüllen hatte. Kam man denen nicht nach, gab es Gerede, ging man ihnen zu übereifrig nach, gab es ebenfalls Gerede. Spätestens dann musste man sich selbst die Frage stellen: Will ich das?
Und wenn diese Frage mit „Ja“ beantwortet wurde, stellte sich gleich noch eine: Welcher Art Gerede sagt mir denn mehr zu? Über das Zuviel oder über das Zuwenig?
Die Antwort sollte hier wohl stets „Zuviel“ lauten. Denn wer „Zuwenig“ sagte, würde seine Stellung auf Dauer ohnehin nicht behalten und sie auch nicht in Ehren verlassen. Folgerichtig wäre hier wohl die erste Antwort, das „Ja“, schon falsch gewesen.
Zweifellos, es allen Recht machen war seit jeher ein Ding der Unmöglichkeit. Es kam nur darauf an, wie laut das Gerede wurde, wie zufrieden der Herr oder sein Stellvertreter auf Erden damit war, was man leistete.
Ich war mal wieder sehr direkt und ehrlich gewesen.

„Überlass es denen, die motiviert sind und sich engagieren möchten, und flüchte dich nicht immer wieder aufs Neue in andauernde Auszeiten, weil die Anfangszeit so schwer war. Du merkst selbst, dass du versuchst dich in Ausflüchte zu retten, und die Pflicht bleibt liegen. Vielleicht wirst du dich für eine kurze Zeit wieder aufraffen, dann aber wirst du die gleiche Flucht wieder antreten. Wem ist damit geholfen? Dir oder anderen? Niemandem.“

Sie wollte nicht auf das Ansehen, das damit einherging verzichten.

„Und welches Ansehen ist mehr wert? Das eines Menschen, der rechtschaffend, konsequent seinen Pflichten nachgeht, oder eines Menschen, der sich in Ausflüchte verliert. Das eines Menschen, der weiß, wann er andere die Pflichten überlässt, nachdem er gute Arbeit geleistet hat, oder das eines Menschen, dem man das Amt entreißt, weil er sich zu sehr in Ausflüchte verloren hat?“

Ich verstand gut, wovor sie sich da fürchtete. Sie mochte es einfach viel zu sehr im Mittelpunkt zu stehen. Sobald ihr die halbe Welt schmeichelte, sie umschwirrte, wie Schmetterlinge die Blüten und Bienen den Honig, ging sie auf, wie die Sonne am Morgen. Und ihre Befürchtung, dass das endete, wenn sie ihre Pflichten an jemand anderen übergab, könnte sich durchaus Bewahrheiten. Allerdings war es vielleicht ja noch nicht zu spät, nicht wahr?

Mir ging inzwischen auf, dass wir uns früher wegen so etwas gestritten hätten. Dieses Mal war das gar nicht der Fall gewesen. Ja, vielleicht hatte der Abstand wirklich etwas bewirkt. Tatsächlich war es fast so wie zu den Anfängen. Nur eine Sache hatte sich geändert. Ich holte nicht mehr alle Keulen gleichzeitig hervor, die ich hätte schwingen können. Aus irgendeinem Grund war es mir nicht mehr wichtig derart auszuteilen. Oder nein, das war falsch dargestellt: Ich hielt es nicht mehr notwendig. Denn wenn ich ehrlich zu mir selbst war, hatte ich das ja nur getan, um sie mir wenigstens etwas vom Pelz zu halten.
  • Der beste Spiegel ist das Auge eines guten Freundes.
    Gälisches Sprichwort
  • Gib treulich mir die Hände,
    sei Bruder mir und wende
    den Blick vor deinem Ende
    nicht wieder weg von mir.

    Ein Tempel, wo wir knien,
    ein Ort, wohin wir ziehn,
    ein Glück, für das wir glühn,
    ein Himmel mir und dir.
    Novalis (Georg Philipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg)
Dazen Wolfseiche

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  • Wäget wohl vorher, was eure Schultern vermögen oder nicht,
    eh ihr die Last zu tragen übernehmet.
    Horaz
Ich brütete mal wieder über den Verteidigungsanlagen am Osttor. Sicherlich nicht zum ersten und zum letzten Mal. Allerdings war mir auch klar, dass ich bis zum heutigen Abend zu einem soliden Ergebnis kommen musste. Nach einer weiteren Weile des Skizzierens, Grübelns und verzweifelter Bemühung mich zu konzentrieren, gab ich es vorerst auf.
Die Zeichnungen ließ ich liegen, steckte mir ein leeres Büchlein ein, einen Kohlestift und verließ das Haus. Der Weg führte mich zum Stall, aus dem ich eines der Pferde führte, säuberte und dann aufzäumte. Die auserwählte Stute war einige Zeit nicht bewegt worden. Entsprechend unruhig und vorfreudig gab sie sich auch. Mehrfach musste ich sie zurückdrängen, als sie beim Striegeln anfing zu tänzeln.
Was ich auf dem Weg durch das Gelände nach Rahal auch feststellte: Stuten waren auch nichts anderes als Weiber. Mindestens drei Mal musste ich den verdammten Sattelgurt nachziehen, weil sie sich meinte aufblähen zu müssen wie eine Schweinsblase voller Luft. Beim dritten Mal hatte ich derart genug davon, dass ich ihr einen gehörigen Tritt in den Bauch verpasste, woraufhin sie endlich alle Luft entließ.

Während Plötze munter durch die Furt watete, und ich darauf achten musste, dass sie es nicht zu eilig hatte und wir beide deshalb ungewollt im Wasser landeten, beschäftigte ich mich mit dem Gedankenwust, der mir die Konzentration vermieste.

Zum einen ließ ich noch einmal das Gespräch mit der Ritterin Revue passieren. Es war zweifelsfrei aufschlussreich gewesen. Meine Meinung hatte ich allerdings dennoch für mich behalten. Das vermutlich aus gutem Grund: Ich hatte für mich soweit klargezogen, dass ich mich lieber auf Dinge verließ, die stattfanden, als auf Worte.
Worte konnten eine Zukunft formen, die fantastisch aussah. Die Realität zeigte allerdings gerne auch mal etwas anderes, als das, was zuvor versprochen oder angedacht worden war. Ich zweifelte nicht daran, dass sie das, was ich zu hören bekommen hatte, wirklich in die Tat umsetzen wollten. Ob es letztlich aber soweit kam, stand für mich auf einem ganz anderen Blatt. Ich fragte mich darüber hinaus, wie die anderen es aufnehmen würden. Aber das war letztlich erst einmal nicht mein Problem.
Mich störte allenfalls die erneute Prüfung, die anstatt, ob ich des Knappen würdig war. Für meine Begriffe hatte ich mich dahingehend genug bewiesen. Was den Ritter anging, und den Ritterschlag, da gab es ganz gewiss noch viel zu leisten. Wenn ich allein an die Fragen dachte, die einige stellten, wann es denn soweit wäre, musste ich schmunzeln. Für mich stand fest, dass dafür noch einige Zeit ins Land gehen musste. Es gab noch zu vieles zu lernen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, wollte ich diese verfluchte Zeit auch dieses Mal voll ausschöpfen. Zwar hatte ich bereits bewiesen, dass ich auch im kalten Wasser schwimmen konnte, aber wenn es sich vermeiden ließ, umging ich das doch durchaus gerne. Nun ja, was blieb anderes als abzuwarten, zuzusehen und zu handeln, wenn es an der Zeit dafür war? Nichts. Also schob ich dieses Thema zunächst einmal beiseite.

Meine Gedanken wanderten direkt weiter zum nächsten, während die Stute sich mal langsamer, mal schneller, den Weg durch die Wälder Wetteraus suchte. Ich ließ sie laufen, wie sie wollte und passte meinen Sitz im Sattel ganz automatisch an.
Ich machte mir so meine Gedanken über Felina. Um genau zu sein über ihre Neigung den Ärger, den sie ihrer Meinung nach anzog, noch zu vergrößern, indem sie allem noch ein Sahnehäubchen draufsetzen musste. Auch wenn die Reiberei am Abend glimpflich ausgegangen war, ging ich doch davon aus, dass das letzte Wort dazu noch nicht gesprochen war. Ich traute dem vermeintlichen Frieden überhaupt nicht. Und mit Vernunft, so musste ich am gestrigen Abend noch feststellen, kam ich bei ihr nicht unbedingt weiter.
„Tja, Plötze, lernen durch Schmerz, oder was meinst du?“ Die Stute drehte kurz ein Ohr nach hinten und schnaubte, als sie ihren Namen hörte. Ich war über diese Erkenntnis nicht sonderlich erbaut, aber was anderes blieb da nicht. Sollte sie nicht Vernunft walten lassen, würde sie riskieren, dass es sich irgendwann rächte. Auch wenn es ihr bei zweien gelungen war sie aus den Weg zu räumen, ich hatte den schweren Verdacht, dass es dieses Mal nicht so einfach sein war oder werden würde. Außerdem war ein bewegliches Ziel noch immer etwas anderes als ein Baum, der bekanntlich nicht die Beine in die Hand nahm und das Weite suchte, wenn er eine Axt sah.
Eines stand für mich jedenfalls fest: Ich konnte nicht immer in der Nähe sein und mich in den Weg stellen. Davon einmal abgesehen war das auch ganz sicher nicht sinnvoll, genau das immer wieder zu tun. Ich musste mich dahingehend auf die Ziele des All-Einen konzentrieren und konnte mich nicht zum Richter vom Gerangel der beiden machen; durfte mich nicht dazu machen lassen. Sollten sie es selbst regeln, wie auch immer geartet. Diese Entscheidung gefiel mir nicht, schien mir aber die einzige logische und richtige Konsequenz zu sein. Gleichzeitig rechnete ich auf Grund dessen mit weiteren Diskussionen.
„Dann muss das wohl sein“, murmelte ich, und erneut antwortete mir ein treudoofes Schnauben.

Die Hufe klapperten über die baufällige Brücke gen Rahaler Osttor. Auf dem Vorplatz zügelte ich Plötze und sah mich nachdenklich um. Der Blick glitt über das Bergmassiv, dann weiter über die doch sehr weitläufige Fläche, dann zurück zu der Brücke. Im gemächlichen Schritt trieb ich die Stute letztlich weiter und ritt den Platz ab.
„Sag mir, was macht hier dauerhaft Sinn und was nur für den Fall der Fälle, mh?“ grübelte ich laut vor mich hin. Natürlich erhielt ich keine nützliche Antwort von dem Pferd, aber es half mich besser auf die Aufgabe zu konzentrieren. Noch im Sattel sitzend holte ich mein Büchlein und den Kohlestift hervor und begann damit mir einige Notizen zu machen.
  • Das Unglück der meisten Menschen ist, dass sie sich größerer Dinge für fähig halten, als sie ausführen können.
    Lebensweisheiten
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Fast alles ist leichter begonnen als beendet.
    Johann Wolfgang von Goethe
Ich lehnte mich zurück und machte es mir auf meinem Bett bequem. Auf den Beinen lag die kleine Kiste mit dem malträtierten Stoffbären. Tatsächlich wusste ich für den Augenblick nicht, wie ernst ich das nehmen sollte. Ich drehte das Pergament und betrachtete den einen kleinen Satz, der dort stand.

Eigentlich lief alles hervorragend. Die Gemeinschaft blühte auf und fand hier und da wieder mehr zueinander. Die Ausbildung ging voran, langsam, aber stetig. Nicht immer zufriedenstellend für meine Ungeduld, aber trotzdem konnte ich mich im Grunde nicht beschweren.
Es konnte wohl nicht überall so rund laufen. Mir war es einfach zu viel des Guten, mich dann noch mit einer Frau rumzuschlagen, die bei jeder sich bietenden noch so kleinen Möglichkeit in Zänkereien erging. Zweifelsfrei gehörten dazu immer zwei, also auch ich. Entsprechend hatte ich, um die Katastrophe nicht noch größer werden zu lassen, das Ganze beendet. Das Resultat hielt ich nun in den Händen. Wäre mir bewusst gewesen, dass solche Kinkerlitzchen bereits für Morddrohungen reichten, hätte ich es anders beendet. Da bedrohte eine kleine Handwerkerin einen Knappen. Ich wusste im Augenblick nicht, ob ich lachen oder wüten sollte über soviel Dreistigkeit und Selbstüberschätzung. Einen Gedankengang weiter beschloss ich es einfach nicht ernst zu nehmen und packte die Kiste neben das Bett und schob sie mit dem Fuß darunter. Tatsächlich empfand ich so etwas wie bedauern darüber, dass die Erwartungen, die ich darin hatte, nicht erfüllt worden waren. Immerhin konnte ich mir nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben bis zu einem gewissen Punkt.

Da es nicht meine Art war, mich mit solcherlei über Gebühr aufzuhalten, tat ich das, was ich immer machte in so einem Fall: Ich schob die Gedanken dazu nachdrücklich weg und schloss damit ab. Vielmehr kramte ich unter meinem Kopfkissen mein Notizbüchlein hervor, schlug es auf und begann einmal mehr darüber zu brüten, wie man die Verteidigungsanlagen am Osttor von Rahal aufwerten konnte.
Zwischendurch irrten meine Gedanken zu dem Gespräch mit der Ritterin hinüber, welches wir vor einer kleinen Weile geführt hatten. Ich fragte mich, wie es mit ihrem Vorhaben voranging. Genauso fragte ich mich, ob sie bereits mit den anderen gesprochen hatte, oder es überhaupt tun würde. Mit leisem Amüsement stellte ich fest, dass ich neben den eigentlichen „Sorgenkindern“ die Ritterin auf ihre Art auch als ein solches betrachtete, auch wenn die Sorge bei ihr in eine gänzlich andere Richtung ging.

Und wo ich gerade bei den Sorgenkindern angekommen war, grübelte ich darüber nach, wie man Linejra weiterhelfen konnte. Diese verhuschte Art von ihr zehrte allmählich gehörig an meinen Nerven, und so wie ich das sah, nicht nur an meinen.

Neben den Punkten, die Adrian schon aufgezählt hatte, war mir noch eines aufgefallen, das ihr offenbar fehlte: Anerkennung. Ganz extrem bemerkte ich das, als wir auf der Jagd waren. Sie bettelte förmlich darum. Etwas, was mir in der Form so gänzlich fremd war, schlug mir natürlich entsprechend heftig entgegen. Aber vielleicht war genau das mal nötig. Immerhin war mir bekannt, dass sie an dem Tag, als ich sie schon auf diverse Dinge hinwies, noch mehr Zurechtweisung zu spüren bekommen hatte.
Und auch wenn wir im alatarischen Reich waren: Wie viel konnte so ein Häschen ertragen, bevor es in der Flucht das Weite suchte? Wollte ich noch jemanden aus der Gemeinschaft an den Osten verlieren?
Böse Zungen hätten vielleicht gesagt, dass es um manche kein Verlust wäre. Ich sah das anders. Jede verlorene Seele war ein Verlust. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich in der Lage sein würde, wirklich effizient dabei zu helfen, dass wir sie nicht verloren. Ich war ohnehin nicht gerade zum Diplomaten geboren.

Und wo meine Gedanken gerade beim Diplomaten ankamen, fiel mir ein, dass ich noch einen Brief aufsetzen wollte, um eine andere Angelegenheit zu klären. Es ging mir zunehmend auf den Sack, dass die Bewohner, einerlei ob Würdenträger oder Bürger, sich mit den stetigen Provokationen herumschlagen mussten, die vor allem von einer Person ausging. Es war an der Zeit klar zu machen, dass das Maß voll war.

Ich schob mich vom Bett runter und suchte mir den Weg nach unten, griff Pergament, Tinte und Feder und machte mich daran einen kurzen Brief aufzusetzen, in dem ich um einen Termin zur Besprechung bat. Man mochte ja von ihr halten, was man wollte, aber Würdenträger war Würdenträger. Und ein tätlicher Angriff blieb ein solcher, ob man ihn nun mit der Waffe durchführte oder mit den bloßen Händen. Genug war genug. Zeit, dahingehend mal klare Grenzen aufzuweisen.
  • Wer neu anfangen will, soll es sofort tun,
    denn eine überwundene Schwierigkeiten vermeidet hundert neue.
    Konfuzius
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Die wirksamste Drohung ist die,
    welche gar nicht als solche wahrgenommen wird
    und dem Betroffenen erst in seinen Albträumen zu dämmern beginnt.
    Peter Rudl
Ereignisreich würde ich den vergangenen Tag nennen. Und das in vielerlei Hinsicht. Die Versteigerung lief gut, der Markt war etwas mager besetzt, aber nichts desto trotz waren so einige gekommen und da. Wie zumeist konnte ich zufrieden sein mit der Präsenz der eigenen Gemeinschaft. Dem Ärger der letzten Tage zum Trotz gab es während der Veranstaltung nichts zu beklagen.
Ganz im Gegenteil hielt Thanaya für mich sogar noch eine kleine Überraschung bereit, mit der ich so gar nicht gerechnet hatte. Genauso verhielt es sich auch bei Je’yuxalae. Beide Überraschungen taten ungemein gut, auch wenn ich mir verbot es allzu deutlich zu zeigen.

Ohnehin hielt der Tag viel von etwaigen Überraschungen. Ein Rückkehrer mit Gedächtnisverlust, den die Ritterin mir als Ahad vorstellte, von dem ich noch nie gehört hatte. Das mochte sicher nichts besagen, denn es gab einige davon in der vergangenen Geschichte des Reiches, deren Name mir nichts sagte. Man sollte meinen, dass gerade die hohen Würdenträger den Leuten im Gedächtnis blieben, aber dem war nicht so. Es schien auch niemand für notwendig zu halten, Geschichte zu schreiben. Das Erleben zählte. Was war, geriet in Vergessenheit. Wer war, schloss sich der Vergessenheit offenbar an.
Sich einen Namen zu machen, bedeutete also mehr Arbeit als jene, die getan werden wollte, bis der All-Einen seine Ahad erwählte. Aber für wen war eine Anerkennung der Verdienste auf Erden wichtig? Nur für einen ganz höchst persönlich. Letztlich zählte sie wenig und nur das Urteil des All-Einen wog am Ende schwer.
Trotzdem hinterließ der Eindruck bei mir etwas Fades. Irgendetwas sollte doch von einem zurückbleiben, wenn man ging.

Ich schob diese Gedanken beiseite und kehrte zurück zu besagtem Rückkehrer. Diskretion zu wahren, wenn ein kleiner Letharf, der sich noch keinen nennenswerten Namen im Reich gemacht hatte, vor einen Ahad trat, ob nun ehemalig oder nicht, und ihm drohte, war einfach nicht meins. Noch dazu, wenn er ihn mit einem niedrigeren Titel beleidigte, als zugestanden werden sollte.
In meiner Großzügigkeit korrigierte ich den Lethrixor mit aller Gelassenheit, die ich aufbringen konnte, und zeigte mich als Ausbund der Gleichgültigkeit bei der Drohung, die mir wenig später entgegen schlug. Und hiernach folgte die Überraschung seitens Je’yuxalae. Was auch immer der Letharf im Axorn getan hatte, eine Verbündete hatte er in der Heilerin nicht gefunden. Lästig daran war mir allenfalls Je’yuxalae wieder beruhigen zu müssen. Es war immerhin nicht auszuschließen, dass sie seine Drohung bei ihm wahrmachen würde, noch ehe ich meinen Namen aussprechen konnte.
Ich belächelte die Drohung nur im Stillen für mich. Wie stets neigte ich dazu Kläffer nicht ernst zu nehmen. Solang der Köter bellte, hatte er zu viel genau damit zu tun, um zu beißen. Ob er sich darüber im Klaren war, was etwaiges Handeln zur Folge haben würde für ihn?
Seine Drohung ließ ich jedenfalls unbeantwortet. Den Abschiedsgruß ebenso. Was letztlich daraus folgen würde, sollte sich sicher irgendwann zeigen oder auch nicht. Ich neigte dazu am „oder auch nicht“ festzuhalten. Wuff!

Ganz zum Ende der Veranstaltung, ich sprach mit Je’yuxalae und Thanaya, leise und abseits von den Verkaufsständen. Ein Gespräch, das ich mit jedem aus der Gemeinschaft führte, bei jedem anders, aber im Endresultat doch das Gleiche vermittelnd. Den Schritt zu gehen gefiel mir nicht, aber es machte doch den Eindruck, als wäre genau dieser unabwendbar geworden. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass ich etwas aufgegeben hatte, als ich die Führung der Gemeinschaft übernahm. Etwas, dass mir wichtig genug war, um bis jetzt daran festzuhalten. Im Grunde wusste ich lang genug, dass es so nicht möglich war die Gemeinschaft voranzubringen.
Ich erinnerte mich an ein Gespräch mit der Ritterin darüber. Sie gab mir damals einen Rat, den ich nicht befolgte. Nicht, weil ich ihn für dämlich hielt, sondern weil sich alles in mir dagegen gesträubt hatte und ich dazu einfach nicht bereit gewesen war, besseren Wissens zum Trotz. Im Grunde bei Licht besehen sogar ein Verstoß gegen die Gebote, oder vielmehr eines der Gebote.
Eine Notwendigkeit damit auf die Nase zu fliegen, um sich dann wieder aufzuraffen und es zu korrigieren, den Fehler auszubügeln. Und ausgerechnet Thanaya überraschte mich damit, als sie sagte, dass sie dann eben ab morgen nur noch „Euch“ und „Ihr“ und „Präfekt“ sagen wollte, um ein gutes Vorbild zu sein, aber von den anderen sollte das gefälligst auch verlangt werden. Bei aller Naivität, die sie so gerne an den Tag legte, an solchen Momenten merkte ich sehr gut, dass auch sie sich fortwährend weiterbewegte und entwickelte. Ganz gewiss auf ihre eigene Weise, manchmal langsam, aber stetig. Es kostete mich an diesem Tag allmählich wirklich Mühe mich zu beherrschen, um nicht „knuffig“ zu werden, wie sie so schön sagte kurz zuvor. Knuffig!
Ich verzog unwillig die Lippen. Eindeutig ein zu streichendes Element im allgemeinen Wortschatz.

Tief durchatmend nahm ich Abschied von der Idee, dass man auch führen konnte, wenn man den anderen freundschaftlich eng verbunden war. Offenbar war das ein Ding der Unmöglichkeit und ich musste mir andere Wege überlegen, wenn ich nicht wollte, dass mir alle Nase lang irgendwer auf selbiger herumtanzte. Die Gratwanderung zwischen beidem gelang mir jedenfalls nur bedingt, und damit viel zu schlecht, als dass ich es so hätte belassen können.

Weniger überraschten mich am Mittag vor der ganzen Veranstaltung gewisse Ambitionen zu beobachten. Hätte ich nicht gerade einen waren Tanz hinter mir, wäre es sogar im Rahmen des Möglichen gewesen, dass ich mich in Konkurrenz begab. So aber lehnte ich mich zurück, grinste amüsiert vor mich hin und sammelte dafür verbale Seitenhiebe ein, wie andere Nüsse in der Herbstzeit vom Boden auflasen.
Tatsächlich war ich damit sehr zufrieden. Die zwei Versuche, die ich hatte, genügten mir vollauf. Einen Dritten brauchte es nicht, wenn es nach mir ging. Vielmehr begriff ich auch hier, dass ich schon weit vorher auf einen gewissen Ratschlag hätte hören sollen, der mir gegeben worden war.
Ob andere für sich diesem Weg folgen wollten, den ich einzuschlagen gedachte, wusste ich nicht. Aber mir genügte es die Gemeinschaft als Rückhalt zu wissen. Eine Frau an meiner Seite, das war wohl eher ein Ding der Unmöglichkeit. Und ich war mir nur zu sehr darüber im Klaren, dass es nicht nur an dem anderen Geschlecht lag, sondern auch an mir. Vermutlich ginge das nur gut, wenn dort eine ginge, die das gleiche Ziel vor Augen hatte, wie ich – genauso stur, genauso konsequent und ehrgeizig. Gegenseitiges Vorantreiben. Keine Zeit für Dramen…. Wunschdenken. Abgehakt.

Also widmete ich mich wieder meiner Überlegung selbst für eine Überraschung zu sorgen. Es war wohl auch mal an der Zeit zu zeigen, was ich auf meine Leute hielt. Mit einem flüchtigen Lächeln verzog ich mich aus dem Haus. Natürlich auf leisen Sohlen. Unseren Gast und auch Thanaya wollte ich nicht auf mich aufmerksam machen. So legte ich großen Wert darauf die Tür so leise wie möglich ins Schloss zu ziehen, und machte mich auf und davon.
  • Wer nichts als drohen tut alltag,
    Da sorg nicht, dass er dich schlag‘.
    Sebastian Brant
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Gewöhnlich aber wirft man eine Abneigung auf etwas,
    das man nicht vollenden kann, als auf ein Ding,
    das uns widerstrebt und wir nicht Herr werden können.
    Johann Wolfgang von Goethe
Ich saß noch lange vor dem Ofen und genoss meine warme Milch mit dem Quäntchen an Alkohol darin. Was auch immer es war, es ließ die Milch ein wenig wie Mandel schmecken, und wärmte mich von innen heraus, so wie der Ofen vor mir von außen. Nicht, dass ich fror. Eher im Gegenteil. Aber ich hatte trotzdem nichts gegen die Wärme.

Ich ließ den Tag Revue passieren und lehnte mich gemütlich auf dem kühleren Steintisch auf. Eigentlich war es einer dieser Tage gewesen, die man getrost als sehr gut verbuchen konnte – von einem oder zwei kleinen Einbrüchen abgesehen. Hier fehlte es an Respekt, dort an Dankbarkeit, und bei weiterer an Niveau in jedweder Couleur. Da die Worte nichts als leere Hülsen waren, die in unkontrolliertem Zorn herausgespuckt wurden, konnte ich – noch wollte ich – sie ernst nehmen. Nichts desto trotz ging es nicht an mir so ein kindisches Betragen über lange Sicht bieten zu lassen. Derzeit beließ ich es dabei und kümmerte mich nicht weiter um ihr haltloses Getobe und Gemoppere ohne jeden Sinn und Verstand. Mir war klar, worauf das gründete und es war genauso alatarisch wie ihre mangelnde Selbstkontrolle. Leere Worte, keine Taten, sehr laut, und nichtssagend. Nun ja, wenn es sie glücklicher machte…

Alles in allem konnte ich also mit dem Tag zufrieden sein. Lob, Anerkennung, Beförderung (insgeheim noch immer amüsiert es vorher gewusst zu haben und den Anschein aufrecht eisern erhalten, nichts zu wissen, so eine Frechheit!), dazu noch eine Prise Spaß, Witz und Humor, gepaart mit angenehmer Gesellschaft…
… und einem Gespräch, dessen Ausgang mich ernsthaft überrascht hatte – positiv überrascht, wollte ich meinen. Dennoch musste diesem wohl ein weiteres folgen, und mir schwante schon, dass das weit schwieriger sein würde. Aber was sollte es schon.

Viel mehr Gedanken machte ich mir über den Abend am zweiten Tag der Woche. Es blieb abzuwarten, wie das was dort gesagt wurde, generell aufgenommen wurde. Und ich rechnete schon fast damit, dass die Gemeinschaft nicht in der Größe verblieb, wie sie jetzt war. Ja, ich rechnete damit, dass es einigen weder zusagen, noch gefallen würde. Allerdings war ich mir auch sicher, dass es dann wohl die Spreu vom Weizen trennte, wie der Bauer in mir zu sagen pflegte. Es war Zeit für die nötige Konsequenz. Viel zu lange schon wurde damit herumgeschludert, auch von meiner Seite aus. Das war kein Zuckerschlecken, auch für mich nicht. Ich merkte schon jetzt, wie schwer mir das selbst viel und wie manche Reaktionen mir schon jetzt dezent gegen den Strich gingen. Nicht, weil damit falsches zugleich zurückgefordert wurde, sondern eben weil es geschah. Natürlich hatte ich damit rechnen müssen, überraschte mich trotzdem stets wieder auf kalten Füßen.
Nun, so war das wohl eben. Da mussten wir alle durch.

Wie mal jemand sagte: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. (Jemand anders sagte dazu, die Hoffnung sei schon tot, sie wurde von einer gewissen Freifrau überlebt. Ich weigere mich ja hartnäckig, daran festzuhalten, auch wenn mich diese Ansicht sehr amüsierte.)
  • Ein gutes Vorbild will zum Rivalen werden.
    Michael Marie Jung
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Wer seinen Träumen folgt, wird nicht um schlaflose Nächte herumkommen.
    Pavel Kosorin
Versuch dich die Nacht im Schlaf zu erholen, kleiner Dazen.

Versprich mir, dass du versuchst zu schlafen.

Aussagen, so ähnlich und doch so grundverschieden.

Es musste etwa die erste Stunde nach Mitternacht sein. Zumindest vermutete ich das. Viel zu sehen war in dem Zimmer nicht. Es war dunkel, das wenige Licht, dass es hier gab, schien zum Fenster hinein, mehr durch den hellen Schnee, der sich überall niedergelassen hatte.
Seit ich mich hingelegt hatte, war ich nun bestimmt das fünfte Mal schon aufgewacht, regelrecht aus dem Schlaf gerissen worden. Ich war genervt, gereizt und völlig gerädert, setzte mich auf die Bettkante und pfriemelte an dem Armreif herum, der sich noch immer nicht öffnen ließ. So musste sich ein Sklave fühlen. Ich stützte müde meinen Kopf in die Hand und nickte direkt wieder ein vor Erschöpfung - im Sitzen. Allerdings nicht für lange, denn der Impuls, der erneut von dem Armband ausging, riss mich aus den anfänglichen Träumen heraus. Lange saß ich noch nicht so da.

Schwerfällig drückte ich mich auf und ging zur Truhe hinüber, klappte sie auf und zog meine lederne Rüstung heraus. Die Unterwattierung legte ich zuerst an, dann die Lederrüstung, danach noch den Waffengurt und die Stiefel. Mit verzogenem Gesicht trat ich den Weg nach unten an und verließ das Haus, wobei ich nicht daran dachte, leise zu sein in meinem etwas geistlosen Zustand. Tatsächlich hätte ich beim Abstieg sogar fast einige Stufen verfehlt und mich auf die Nase gepackt. Selbst der Schreck reichte nicht aus, um mich völlig zu wecken. Erst die kalte Luft, die mir entgegen schlug, weckte die Lebensgeister etwas.
So stapfte ich durch die Gassen der kleinen Stadt - eigentlich war es keine, auch wenn es so genannt wurde. Auf Höhe des Brunnens blieb ich stehen und sah nach Südwesten, wobei sich meine Miene wieder verfinsterte. Ich lenkte die Schritte letztlich aber nach Norden, raus aus Düstersee, hinein in die Wälder, und begann zu laufen. Nicht etwa so, wie mit vollem Rüstwerk, sondern deutlich schneller. Nicht nur der Armreif drückte unangenehm dank der harten Armschienen, auch meine Seiten begannen alsbald zu stechen von der kalten Luft und dem Tempo, dass ich angeschlagen hatte. Trotz des unangenehmen Schmerzes hielt ich nicht inne und lief noch etwas schneller, sprang über Gehölz, lauschte auf die Geräusche um mich herum, bemüht selbst nicht allzu laut zu keuchen, um nach Atem zu ringen. Irgendwann ging ich dazu über, durch die Nase einzuatmen, durch den Mund aus, und das Seitenstechen wurde besser.

Völlig verschwitzt und außer Atem ließ ich irgendwann im Tempo nach und verlagerte mich darauf weiter zu gehen. Es roch nach feuchter Erde, Schnee, und die Luft verriet schon jetzt, dass es bald auch Neuschnee geben würde. Irgendwo schrie ein Käuzchen. Weiter entfernt raschelte es im nackten Unterholz. Im Schnee fand ich Spuren vom Damwild, das hier entlang gekommen sein musste. Der noch teilweise klare Himmel zog sich langsam mit Wolken zu. Wieder hörte ich das Rascheln und wandte mich langsam und so leise wie möglich in diese Richtung um. Entfernt sah ich einen dunklen Schatten zwischen den Bäumen herumschleichen. Erst als es sich seitlich wandte, konnte ich erkennen, dass es sich um eine Großkatze handeln musste. Ich blieb weiter still stehen, da ich Rückenwind hatte. Bemerken konnte mich das Tier nur durch allzu hastige Bewegungen. Am Rande nur bekam ich die körperliche Erschöpfung mit. Mittlerweile war ich ansonsten allerdings hellwach. An Schlaf war überhaupt nicht mehr zu denken. Während ich das Tier beobachtete, grübelte ich eher über was anderes nach, während ich immer mal wieder versuchte erfolglos das Leder zu dehnen, das unangenehm den Armreif in meinen Arm drückte.

Ich fasste die Ereignisse der letzten Zeit einfach nochmal zusammen im Geiste, und ging alles durch. Es war nicht anders, als sonst. Der Zorn kroch in mir hoch. Die Müdigkeit, die mich langsam auch wieder einholte, tat ihr übriges noch dazu. Aber so war es doch immer, oder? Fing es mit einem Mist an, stapelte er sich gleich bis unter die Decke, bis man meinte daran und darin zu ersticken.

Klugscheißer.

Klugscheißer mag niemand.

Ja, sicher. Mir ging es verdammt nochmal auch nicht darum gemocht zu werden. Aber niemand brauchte mir mit irgendwelchen verschwommenen Aussagen zu kommen, von einer Wahl zu sprechen, die keine war. Verarschen konnte ich mich am besten noch immer selbst. Manchmal fragte ich mich ernstlich, für wie dumm sie mich allesamt hielten. Die Antwort darauf wollte ich nicht mal hören. Zu deren Bedauern wusste ich das nur zu gut. Amüsant daran war allenfalls, dass ihnen die Rhetorik ausging und genau in dem Moment, als die Argumente fehlten, genau die Worte fielen: Klugscheißer, die mag niemand.
Verdammt schade, dass ich mir nicht einmal herausnehmen konnte, einem der beiden Würdenträger an den Kopf zu werfen, dass man von Dummheit auch nichts kaufen konnte - und dem Reich erst recht nicht half. Ich fürchtete nur, wenn mir das jemals ausrutschen sollte, machte man mich mindestens einen Kopf kürzer.
Aber das war bei weitem nicht das Einzige, was mich zum Kochen brachte. Da war noch so vieles mehr, was sich angesammelt hatte. Und eines davon verdrängte ich ganz konsequent aus meinen Gedanken.

Als der Schatten sich verzogen hatte und wieder Stille einkehrte, lehnte ich mich müde an dem Baum an. Ich hörte ein leises Geräusch, dass sich stetig wiederholte, bis ich letztlich registrierte, dass es die fallenden Schneeflocken waren, wenn sie auf den übrigen Schnee trafen, der bereits den Boden bedeckte. Es ging kein Wind, nichts regte sich mehr und ich fühlte mich ein wenig, wie in Watte gepackt. Noch während ich an dem Baum lehnte, merkte ich noch, wie mir die Augen zufallen wollten. Ich fror nicht, fühlte mich einfach nur ungemein schwerfällig und müde. Und gerade, als ich im Stehen einschlief, ging wieder der Impuls durch den Armreif und ich war hellwach. Gleichzeitig flammte kalter Zorn in mir auf und ohne darüber großartig nachzudenken, schlug ich den Arm, samt Armreif, mit aller Kraft gegen den Baumstamm, nur um danach direkt tiefste Reue zu empfinden über die eigene Blödheit, als mir der Schmerz den Arm raufjagte und mir die Tränen in die Augen schossen.
Mit erstickten Flüchen auf den Lippen machte ich mich auf den Heimweg, langsam. Dann und wann spürte ich selbst im Wachen den Impuls des Armreifs und schnaubte jedes Mal auf. Warum hatte ich dem Mist auch zugestimmt?

Ihr könnt es jederzeit beenden. Ihr braucht nur etwas zu sagen.

Ja, natürlich. Und das Gesicht verlieren. Im Stillen fragte ich mich, wie viel ein Mensch in der Lage war zu ertragen. Nicht mal unbedingt an Schmerzen. Es war derzeit mehr, was mich psychisch forderte. Am See vor Düstersee angekommen, hielt ich an der Eisfläche inne und sah hinunter. Irgendwo weiter im Osten zeigte sich der erste helle Streifen des neuen Tages über den Bäumen.
„Wenn du sonst keinen Halt findest, du Idiot, dann wende dich an den All-Einen und such ihn dort. Und benimm dich nicht wie der Bauerntölpel, der du mal warst", schalt ich mich leise selber und wankte heimwärts.
Als ich die Rüstung abgelegt hatte, fiel ich ins Bett und rührte mich nicht mehr. Der Morgen war mittlerweile angebrochen. Das Klopfen, das mich wecken sollte, um mich zum Laufen abzuholen, hörte ich nicht. Ich schlief. Und zwar wie ein Stein - zumindest ein wenig länger, als zuvor. Die Impulse hatten ein Ende gefunden, das leichte grünliche Schimmern war fast gänzlich erloschen, aber das bemerkte ich nicht. Ich schlief…

… bis die Hölle im Flur losbrach, als Thanaya aufstand und nach unten polterte. Ich stöhnte gequält auf und zog das Kissen über die Ohren und verfluchte die Welt.
  • Tage ziehen wie Jahre vorbei,
    die Sonne erhellt das Leben nicht mehr, Verzweiflung!
    Nächte erwachen zum Leben,
    schlaflos schleichend durch die Dunkelheit, Unruhe!
    Augen sind müde und schlaff,
    die Tränen ausgeschöpft, verbraucht, Leere!
    Lachen ist unehrlich, verkrampft,
    Kampf der natürlichen Gesetze, Stärke und Schwäche!
    Verstand ist dem Herzen unterworfen,
    Gefangene Gedanken, Ausbruch der Gefühle, Verwirrung!
    Hoffnung ersetzt Ängste, Traurigkeit,
    Spirale des Schmerzens, Ratlosigkeit!
    Vergangenheit vermischt mit Gegenwart,
    Geschehenes in die Tiefe analysieren, Verdrängung!
    Fee Osa Greif
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