Das Leben der Anderen

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She´rayax

Das Leben der Anderen

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Schweißgebadet presste sich der drahtig-dürre Leib der Lethra, zitternd von den Strapazen des Tages und all der Vorangegangenen, auf den kühlen Steinboden des Tempels. Anfangs hatte sie noch geknieht - die Schultern gestrafft, den Kopf geneigt vor dem Altar, doch inzwischen hatte sie auch dafür die Kraft verlassen. Liegen, mehr konnte sie nicht, jeder Muskel und jede Sehne verweigerte den Dienst an ihr. Dennoch zwang sie sich, die trockenen Lippen im stummen Gebet weiter zu bewegen. Sie hatte seit Tagesanbruch weder gegessen noch getrunken und hatte nicht vor, diesen Umstand bis zum nächsten Tagesanbruch zu ändern. Nach ihrem Fehltritt am gestrigen Tage, der nicht ihre Schuld war und eben doch, und welchen sie mit ihrem linken Ringfinger eingebüßt hatte, gestattete ihr keinerlei Annehmlichkeiten, so lange ihr Körper noch funktionierte. Den Tag über hatte sie damit zugebracht, Holz zu hacken - eine schweißtreibende und niedere Arbeit, doch gleichsam eine schlichte Notwendigkeit. Bei jedem Axthieb funkelten die grünen Augen vor ihr auf. Augen, fern dieser Welt und fern jeden Verstandes - Augen, aus denen der Wahnsinn sprach. Es war das letzte das sie sah, bevor sie am vergangenen Abend das Bewusstsein verloren hatte...

Die Wucht, mit welcher der Ala'thraxor ihren Kopf gegen die Steine geschlagen hatte, schien einem weltfremden Hass entsprungen zu sein, dessen Ausmaße sie vermutlich nicht einmal erahnen konnte. Danach hatte er sie wie einen nassen Sack zur Seite geschleudert. Als nächstes spürte sie brennenden Schmerz, als die Klinge ihren Finger am mittleren Knöchel durchtrennte. Die anderen Geschwister unterhielten sich nur gedämpft oder beobachteten ihre Schmähung schweigend. Lodernder Zorn flammte in She'rayax auf, als sie sich den Moment wieder und wieder in Erinnerung rief. Mit zitternden Schritten, mehr fallend als gehend, hatte sie sich in eine dunkle Ecke geschleppt und ihre Wunden notdürftig versorgt. Über die Jahre hatte sie gelernt, Schmerz zu verdrängen, in Wut umzuwandeln oder, auf eine wirre Art und Weise, zu genießen - Techniken, die sie die Tortur ihres Lebens überstehen ließen. So wie auch dieses mal. Kurz nach seinem Zornesausbruch hatte der Ala'thraxor sich wieder beruhigt und sie selbst vorläufig das Weite gesucht. Seitdem war sie ihm nicht mehr unter die Augen getreten...

Im Tempel herrschte vollkommene Stille. Sie war allein, und das seit einigen Stunden. Ihre Kehle brannte wie Feuer, ebenso wie die Platzwunde am Schädel, die sie unaufhörlich an ihren Fehler erinnerte. Als Überlebenskünstlerin hatte sie sich rasch an den Verlust des Fingers gewöhnt - nicht jedoch an die Tatsache, dass sie von allen Geschwistern am härtesten bestraft worden war und damit zweifelsohne den gröbsten Fehltritt begangen hatte. Es schien ihr, als blickte der Panther sie innerhalb des Heiligtums mit strengen, unnachgiebigen Augen an. Augen, ähnlich denen des Ala'thraxors. Augen, unter deren Blick ihr das Gleichgewicht schwand. "Reiss dich zusammen..." knurrte sie zu sich selbst und zwang ihren Körper mit den letzten Kraftreserven wieder auf die Knie. Sie würde die Nacht über hier ausharren und am nächsten Morgen die Aufgabe in Angriff nehmen, welche der Lethrixor ihr und einem Bruder aufgetragen hatte. Es würde nicht leicht werden, doch möglicherweise war das ihre Chance, ihren Fehler wieder auszubügeln...
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Als der Dämon grollend zu Boden ging und ein letztes Mal zuckte, ehe das Leben aus seinen Gliedern wich, ließ She'rayax die Pantherklaue sinken und blickte zu Oy'xeraz. Sie hatten sich auf eine abendliche Jagd in den alten Tunnel gewagt, um die benötigten Gargoylehäute zu beschaffen... dass der Dämon sie dabei plötzlich von hinten überraschen würde, damit hatten sie nicht gerechnet. She'rayax fragte sich, wo das gigantische Biest sich die Zeit über so lautlos versteckt gehalten haben konnte, doch das war nun einerlei. Es war tot und die beiden Letharen machten sich daran, einige der kleineren Knochen aus der blutigen, ledrigen Haut zu schälen. Die Jagd war ein Erfolg gewesen, und so kehrten sie beide zurück nach LethAxorn, um die Beute zu verstauen. Auf dem Weg schweiften She's Gedanken immer öfter zu dem Vorfall, den Oy'xeraz angesprochen hatte. Die Schafsklaven im Garten seien getötet worden und man suchte nun den Schuldigen. Ihr war schleierhaft, wer die Tat begangen haben konnte - immerhin waren die Anweisungen eindeutig gewesen. Scheren, nicht töten. Doch dass irgendeiner der Brüder und Schwestern die Tiere mutwillig abgestochen hatte, um der Gemeinschaft zu schaden - das konnte sie sich noch weniger vorstellen....so schritten die beiden Letharen wortlos nebeneinander her, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Die nächtliche Umgebung, mit welcher die beiden wie Schatten verschmolzen, schien ruhig und - zumindest dem Augenschein nach - ungefährlich. Dennoch löste sich She's angespannte Haltung erst, als sie den stickigen Durchgang zum Axorn betraten und die wabernden, heißen Dämpfe der Höhle sie umschwebten. She reichte Oy'xeraz ihren gesammelten Teil der Beute und beobachtete, wie er die Dinge in die Gemeinschaftstruhe einsortierte. Dabei fiel ihr ein, dass sie selbst noch eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Zwar hatte sie bereits erste Versuche unternommen und Vorbereitungen getroffen, um die Forderung des Lethrixors zu erfüllen, doch ein zweites Standbein konnte nie schaden. Davon ab verspürte sie noch immer keinerlei Müdigkeit - sie hatte diesen Punkt überschritten und es würde noch ein paar Stunden dauern, bis ihr Körper erneut versuchen würde, seine benötigte Ruhe bei ihr einzufordern. Eine Idee keimte in ihr auf, die ihr - zumindest noch in diesem Moment - klug und vielversprechend erschien. Sie würden sich in der Hafenstadt - oder vielmehr dem Fischerdorf, wie Oy'xeraz sie berichtigte - ein wenig umsehen. Vielleicht gab es dort jemanden, der für die Erfüllung ihrer Aufgabe geeignet war....

Unter den dunklen Roben gerüstet und die Waffen griffbereit in den Gurten am Rücken traten sie wieder hinaus in die nächtliche Stille der Oberwelt. Der Ausflug konnte riskant sein - immerhin galt das Dorf als den Göttern 'neutral' eingestellt - doch genau darin verbarg sich so manches Potential. Vielleicht gab es dort mehr als nur jemanden, der ihnen die benötigten Waren besorgen konnte. Vielleicht war es möglich, an jenem Ort in dem ein oder anderen Geist eine Saat zu säen... mit derartigen und ähnlichen Erwartungen erfüllt wurde She'rayax bitter enttäuscht, als sie das kleine Dorf mit den einfach gezimmerten Hütten betraten. Unrat auf den ungepflasterten Straßen, Fischreste in den Winkeln... und ein erbärmlicher Gestank. Kein Vergleich zu Rahal. Sie war von den Menschen anderes Bauwerk gewohnt. Doch sie ermahnte sich, sich nicht vom äußeren Schein täuschen zu lassen, auch wenn Oy'xeraz ähnlich unbegeistert von diesem Ort wirkte wie sie. In den meisten Fenstern brannte kein Licht mehr. Ein Zeichen, dass die Menschlein dort drinnen schliefen. Sie konnten im Dunkeln nicht gut sehen. Allein ein etwas größeres Gebäude, welches sich durch ein Schild als Bank auswies, war noch von innen erhellt und so führten die Schritte die beiden Letharen hinein. Oy'xeraz wirkte selbstsicher, entschlossen - sie selbst spürte, wie Unsicherheit in ihr emporkroch. Noch immer war die Oberwelt für sie fremd und jede Begegnung stellte eine potentielle Gefahr dar. Sie war noch lange nicht so weit, es mit einem ausgewachsenen und erfahrenen Menschenkrieger aufzunehmen - dafür fehlte ihr die Übung jenseits der größtenteils ungefährlichen Trainingskämpfe, die sie mit ihren Geschwistern im Axorn ausfocht. Der Anblick jedoch, der sich ihnen beim Betreten des Bankraumes bot, erweckte wenig Annahme zur Gefahr, zumindest auf den ersten Blick. Eine junge Menschenfrau in violetter Robe mit langem, schwarzen Haar, die geschäftig in ihrer Truhe kramte. Als sie die beiden Letharen erblickte neigte sie das Haupt und grüßte - zu Oy'xeraz und She's Überraschung - mit Lob an den Vater. Zumindest das konnte die junge Lethra mit ihren begrenzten Kenntnissen der Handelssprache heraushören, danach erschöpfte sich jedoch ihr Wissen, sodass sie das folgende Gespräch nur mit Oy'xeraz Hilfe verstehen und begleiten konnte.
Ein Umstand, der sie abermals verärgerte. Sie nahm sich vor, in Zukunft jede freie Minute damit zu verbringen, diese vermaledeite Sprache zu erlernen. Immerhin schien die Frau sich als zunehmend nützlich zu entpuppen, auch wenn sie nicht versprechen konnte, die ihr anvertraute Aufgabe zu erfüllen. Ein Versuch war besser als nichts. Doch gerade, als die junge Lethra begann, dem Besuch des Dorfes etwas Positives abzuringen, begann das Blatt sich zu wenden. Es erklangen Schritte im Eingangsbereich, denen sie erst Beachtung schenkte, als sie abrupt verstummten. She drehte den Kopf über die Schulter und spürte, wie ihr Körper reflexartig erstarrte.


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Dunkle Augen blickten ihr ungläubig aus einem roten Schleier entgegen, der sich unter einem leisen, beherrschten Schnaufen kurz lüftete. Kein Zweifel, was da vor ihr stand. Die Menekanerin wirkte ebenso überrascht wie die Lethra, deren Kehle unweigerlich ein leises Knurren entfuhr. Auch Oy'xeraz wendete den Blick und es vergingen gefühlte Stunden, in denen sich die drei Todfeinde mit wachsamen, angespannten Blicken fixierten. Eines war der Lethra ebenso klar, wie ihrem Begleiter: Ihrer beider Leben waren in ernsthafter Gefahr. Die Menekanerin wirkte kampfgestählt und erfahren - ihre Haltung, der Blick....
"Ich werde nicht kniend sterben." zischte She'rayax dem Letharfen an ihrer Seite zu, als beide die Hände an ihre Waffengurte legten.
"Wir sollten auch nicht stehend sterben. Nicht heute und nicht sinnlos." erwiderte Oy'xeraz mit einer Beherrschung, die selbst das Wissen der Lethra darüber hinwegtäuschen konnte, dass auch er sich dem Ernst der Lage durchaus bewusst war. Als vor der Bank abermals Schritte ertönten, feste, stramme Schritte, und wenig später eine kleine, bärtige Gestalt mit giftgrüner Kopfbedeckung das Gebäude betrat, schien die Spannung beinahe greifbar zu sein. Der Zwerg blieb stehen und beobachtete - er schien, ebenso wie die Lethra, die Situation zu bewerten. Dann begann die Menekanerin zu sprechen, Oy'xeraz antwortete und auch der Zwerg sagte etwas. She'rayax spürte zunehmenden Zorn in sich auflodern. Nicht nur, dass es ihre Aufgabe gewesen wäre, die Menekanerin an Ort und Stelle zu töten - sie war dazu verdammt, dem Gespräch unwissend wie ein Kleinkind beizuwohnen und allein an den Blicken der Anwesenden den Verlauf desselbigen abzulesen. Das fiel ihr schwer genug - immerhin war sie die emotionslosen Masken ihres Volkes gewohnt und hatte erst angefangen, die zahlreichen Mimiken der niederen Völker zu deuten. Nicht einmal in dem Moment, als der Ala'thraxor vor wenigen Tagen seine rasende Wut an ihr ausgelassen hatte, hatte sie sich derartig hilflos gefühlt. Knirschend biss sie die Zähne aufeinander, bis ihr Kiefer schmerzte und zwang sich zur Beherrschung. Die Menekanerin allein stellte bereits eine Gefahr dar, der sie und Oy'xeraz ihrer Einschätzung nach kaum gewachsen waren. Zusammen mit dem Zwergen würden sie niedergemetzelt werden wie die Hunde, daran bestand kein Zweifel. Die junge Lethra dachte nicht daran, zu sterben, bevor sie vollständig herangereift war, um dem Vater nützlich zu sein. Dieser Tod wäre sinnlos, und so galt es, die Schmach der Hilflosigkeit über sich ergehen zu lassen und wachsam zu sein. Sie überließ das Wort allein dem Letharfen, der offenbar wenig Mühe hatte, sich zu verständigen. Dann - She'rayax hatte jegliches Zeitgefühl verloren - betrat eine weitere Gestalt das Bankgebäude. Ein Menschenmann, gekleidet in strahlendem Weiß. Sie musste ihn nicht einmal lange betrachten um festzustellen, dass auch er ihnen körperlich weit überlegen war. Die Chancen, diesen Abend zu überleben, sanken ins Bodenlose. Dann begann die Schwarzhaarige Frau in Lila, deren Anwesenheit die Lethra schon beinahe vergessen hatte, ein Gespräch mit der Menekanerin. Obwohl She nicht verstand, was gesagt wurde, so schien das Thema beiden Personen, insbesondere der Verschleierten, sehr wichtig zu sein. Sie wechselte einen kurzen Seitenblick mit Oy'xeraz. "Wir sollten versuchen zu gehen..." zischte sie und folgte dem Letharfen mit steifbeinigen und angespannten Schritten, als jener sich langsam an dem Zwergen, der Menekanerin und dem Weißgekleideten vorbeistahl. Ein kritischer Moment, der She'rayax wie mehrere Stunden erschien. Jeden Augenblick rechnete sie damit, eine Klinge in den Rücken gerammt zu bekommen - doch ausser misstrauischen und wachsamen Blicken folgte den Letharen nichts, als sie aus der Tür hinaus in die Nacht traten.

She'rayax knallte die Tür hinter sich zu und fauchte aufgebracht. Noch immer war sie angespannt, wachsam. Keinerlei Erleichterung überkam sie. Sie verspürte nichts als Scham über diese Demütigung und Zorn über ihre Unfähigkeit, der sie beinahe in den Wahnsinn trieb. "Diese Schmach wird uns stärker machen, Schwester." es schien, als wolle Oy'xeraz sie beruhigen. She'rayax musste sich zornig eingestehen, dass er ihr in vielen Situationen überlegen war. Sie selbst gab sich noch immer viel zu schnell ihren Emotionen hin - und trug diese oft genug auch noch nach außen. Es kostete sie Kraft, diesen Umstand nüchtern zu betrachten. Sie beschloss, ihre Lehren daraus zu ziehen. Ein Fehler konnte nur beseitigt werden, wenn man ihn erkannte. Gemeinsam gingen sie die Straße zurück, die zum Dorfausgang führte, als ihnen eine Gruppe dreier Menschen entgegenkam - Eine schwarzberobte Frau und zwei Männer. Etwas ging von dieser Frau aus, das She'rayax wachsam bleiben ließ. Der Gruß verriet, dass sie eine Dienerin des Vaters war. Sie strahlte Selbstbewusstsein aus - etwas, das She in diesem Moment vollkommen abhanden gekommen war. Sie wollte nur noch zurück ins Axorn und ihre Unfähigkeiten, die sie in diese demütigende Situation gebracht hatten, eine nach dem anderen ausmerzen. Die Frau sprach etwas, doch Oy'xeraz ging wortlos weiter, sodass der Blick schließlich an ihr, She'rayax, hängen blieb. Jene schüttelte den Kopf zum Zeichen, dass sie nicht verstanden hatte. Die Schwarzberobte nickte langsam, dann ging sie mitsamt den Männern, die sich die Zeit über misstrauisch im Hintergrund gehalten hatten, weiter zur Bank. Die Lethra beeilte sich, zu Oy'xeraz aufzuschließen, der bereits weitergegangen war. Erst jetzt riss sie die lederne Maske vom Mund und füllte die Lungen mit einem tiefen Atemzug. Dass sie überlebt hatten, war eine Gnade des Vaters, die sie nicht begreifen konnte - doch sie würde dafür Sorge tragen, dass sie sich auszahlt. Die Demütigung hatte ihren Eifer angespornt, mehr, als alle Worte es hätten tun können. Das nächste Mal würde sie nicht unvorbereitet sein. Das nächste Mal würde sie die Menekanerin töten und die letzten Worte, die aus dem Schleier dringen würden, verstehen... und die passende Antwort darauf kennen.
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Sie verbrachte die Nacht im Gemeinschaftshaus der Prätorianer, in einem der Doppelbetten, und sog den Geruch ein, der den Laken und Kissen penetrant anhaftete. Menschen. Ein merkwürdiger Geruch, der in ihrer Nase noch befremdlich und auf gewisse Art und Weise faszinierend zugleich wirkte. Ebenso wie die Denkweise und Gebräuche dieser Wesen, die ihnen optisch doch gar nicht so unähnlich waren... Es schienen Welten zwischen ihnen und ihrem Volk zu liegen. Sie versuchte, dieses Fazit ohne jede Wertung zu ziehen. Es fiel ihr schwer, wie alles in ihrem Leben. Jeder Schritt, jedes Wort, jeder nicht ausgesprochene Gedanke war schwer. Heute Mittag hatte sie gemeinsam mit Alin, Dazen und Thanaya im Gemeinschaftssaal gesessen und interessante Einblicke in das Leben der Menschen gewonnen. Sie hatten über Liebe, Zuneigung und das Verhältnis zwischen Mann und Frau diskutiert... es war verwirrend. Dazen und Alin schienen grundverschiedene Meinungen zu diesem Thema zu vertreten, und doch waren sie ein 'Ehepaar'. She'rayax presste die Lippen aufeinander und blickte zu dem Stoffbären, der, momentan einsam und verlassen, auf einem der Betten lag. Vermutlich gehörte er Thanaya. Der Gedanke an die Schwarzhaarige warf gemischte Gefühle in der jungen Lethra auf. Gefühle, die sie verabscheute. Als die Diskussion auf Welpen gefallen war und Dazen die Unterschiede zwischen menschlicher Erziehung und lethrusaischer aufgeführt hatte, schien Thanaya merklich betroffen gewesen zu sein.
"Das ist ja fürchterlich... das könnte ich nicht!"
Niemand kann das, ausser, wenn er es muss. Ein kehliges Knurren entfuhr She und sie krallte die Finger in das Bettlaken. Da waren sie wieder, die Gedanken. Dinge, die sie aussprechen wollte, die sie allerdings noch nicht einmal denken durfte.
Was glaubst du, wie es ist, wenn du über zwei Jahre lang Leben in dir trägst - wenn du über zwei Jahresläufe lang hoffst, dass es stark genug sein wird, um zu überleben, dass es nicht bei der Geburt verreckt und dass es möglichst keine Lethra werden wird, damit die Höheren es nicht in einem Anflug von Zorn töten oder einen anderen Makel an ihm finden, um es zu tun? Die Fingerknöchel der Lethra traten hell unter der nachtblauen Haut hervor, als das Bettlaken leise zerriss. Was glaubst du, wie es ist, wenn dein Leben nichts als Schmerz, Zorn und Leid bedeutet, und du gleichzeitig weißt, dass es anders sein könnte, aber nicht anders sein darf? Wie fühlt es sich an, jeden Tag zu sterben und doch keinen Frieden zu finden, weil Frieden in dieser Welt und in deinem Leben nicht vorgesehen ist!? Du kannst es nicht wissen. Es ist fürchterlich, ja, und du hast Recht - du könntest das nicht... aber ich, ich kann es. Weil ich es muss.
Ein Brennen entflammte in ihrer Brust, zog sich gierig bis in ihren Hals hinauf und raubte ihr den Atem. Gefühle, die sie überwältigten. Neid. Verzweiflung. Brennender Hass auf die, die Glück in ihrem Leben fanden. Liebe. Zuneigung. Wärme. Menschen, die in der Nacht Stoffbären umarmten, um besser einschlafen zu können. Sie beneidete sie. Und noch viel mehr hasste sie sie dafür - und sich.

Mit einem Ruck erhob sie sich aus dem Bett und preschte die Treppen hinunter, raus aus dem Gemeinschaftshaus in die Nacht. Ihre Zähne knirschten unter dem Druck ihrer Kiefer und sie musste sich beherrschen, nicht zu schreien.
Kontrollier dich. Die zornentbrannten, zügigen Schritte führten sie geradewegs durch die Straßen Rahals, raus aus der Stadt, vor die Tore, zum Abstieg in das, was ihre Heimat war. Doch auch dort drosselte sie das Tempo nicht. Ihr Ziel war der Tempel, in welchem sie wieder zur Besinnung zu finden hoffte. Für den Bruchteil einer Sekunde flammte das Bild der Lavagrube vor ihrem inneren Auge auf. Noch nicht. Noch hast du nicht verloren. Im Schritt zückte sie ihren Dolch und umfasste den Griff, bis ihre Knöchel knackten. Als sie den Tempel erreichte ließ sie sich ohne zu Zögern auf die staubigen Steine sinken, die ihre Knie zerschürften, und stieß einen markerschütternden Zornesschrei aus, der an den Wänden des Tempels und des Axorns widerhallte. Wieder glaubte sie, den stechenden Blick des Panthers auf sich zu spüren, seine lautlosen Schritte zu erahnen, während er um sie herumschlich und sie sich in ihrer ganzen Erbärmlichkeit und Fehlerhaftigkeit besah. Merze die Schwächen aus. Jeden Fehler, bis auf den Letzten. Ich werde Perfektion erlangen für Dich! Stumm bewegten sich ihre Lippen im Gebet, und je länger sie an Ort und Stelle saß, desto schwerer schien ihr Körper zu werden und ihr Geist abzudriften.

Sie spürte plötzlich Hitze in sich aufwallen und einen unvermittelten, stechenden Schmerz, der sich mit rasender Geschwindigkeit in ihrem Unterleib ausbreitete und ihre Gedärme zu zerreissen drohte. Schweiß auf ihrer Stirn und der beissende Geruch von Kräutern in ihrer Nase.
Nicht daran erinnern... der Schmerz wurde unerträglich, steigerte sich ins Unermässliche, doch die ersehnte Erleichterung einer Ohnmacht blieb aus. Sie glaubte, nein, sie hoffte zu sterben, hoffte auf ein Ende der Schmerzen - und mit einem Mal flauten sie ab. Wenig später zeriss ein zarter Welpenschrei die Stille, dann ein Zweiter. Ihr Herz raste und der Schweiß lief ihr in Strömen das Gesicht herab, während sie nach Luft rang. "Was ist das denn?! Lethra, du taugst zu überhaupt nichts, kann das sein?! Was sollen wir mit dieser Missgeburt?!" Etwas zerbrach in ihr und sie konnte nicht sagen, was es war. Umsonst. Die Zeit umsonst. Die Mühen umsonst, zerschlagen... Dann wieder laute Stimmen, die sich erhoben. "Den einen wirfst du am besten sofort in die Lava, Lethrusae. Was ist mit dem Zweiten?" Ein Moment der Stille. Ein Moment, der ihr wie Stunden erschien. "...Ein Letharf. Kümmerliches Ding, aber gesund, wie es aussieht." Ein verächtliches Schnauben. Sie lag in ihrem eigenen Blut und Schweiß, als sich die Stimmen entfernten und einer der Welpenschreie verstummte. Es war das letzte Mal, das sie dieses Geräusch hörte. Sie hatte ihre Pflicht erfüllt. Leise hörte sie sich Lachen, ein krächzendes Lachen, fern jeder Freude...

Als sie wieder zu sich kam lag sie im Staub des Tempels. Der Dolch hatte sich tief in ihr Fleisch geschnitten, hatte wie von Geisterhand geführt blutende Schnittwunden an ihren Armen, Schultern und Händen hinterlassen. Die Erinnerung an das Vergangene verblasste so schnell, wie sie gekommen war und hinterließ nichts als einen faden Nachgeschmack. Das Brennen in ihrem Brustkorb erlosch.
Notwendigkeit. Das ist dein Leben. Der Zorn war erloschen. Ernüchterung. Klarheit. Menschen waren Menschen. Sie war dazu bestimmt, zu dienen und zu funktionieren. She'rayax erhob sich vom Boden, schob den Dolch zurück in die Lederscheide und richtete den Blick einige Momente lang auf den Altar. Sie würde wachsen. Jeder Fehler musste erst gefunden, dann bereinigt werden. Und so übergab sie das letzte Bild ihrer Erinnerung dem Vergessen.

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"Was fühlst Du?"

Die ungewohnte Berührung auf ihrer Haut hinterließ ein unangenehmes, befremdliches Kribbeln, das mit keinem Schmerz der Welt vergleichbar war.
Kein Schmerz, und doch soviel beängstigender. Sie spürte, wie sich die feinen Härchen auf ihrem Arm aufstellten, als die Finger des Letharfen über den unvernarbten Teil ihrer Haut strichen. Ihre Brust zog sich zusammen, drohte ihr die Luft abzuschnüren und sie musste all ihre verbliebene Kraft aufbringen, um sich aufrecht zu halten. Schmerz war Teil ihres Lebens seit sie denken konnte. Sie kannte jede Art davon... stechenden Schmerz, schneidenden, brennenden, ätzenden, schleichenden und pochenden Schmerz, nichts davon hatte sie brechen können und nichts davon würde sie jemals brechen. Doch diese kleine, nichtige Berührung entfachte ein Lauffeuer an Gefühlen in ihr, die sie niederzureissen drohten.
Angst. Verwirrung. Sehnsucht. Zorn.
Trauer. Eine tiefe Trauer und das quälende Gefühl, jahrelang um etwas betrogen worden zu sein, auf das sie - auf das jeder - ein Anrecht hatte....

Als die Berührung seiner Finger verschwand und an ihre Stelle der schneidende Schmerz seiner Dolchklinge trat, spürte She'rayax das erste Mal seit sie sich erinnern konnte Tränen aufsteigen. Sie war zu aufgewühlt um sich ihrer zu schämen, doch noch geistesgegenwärtig genug um sie wegzublinzeln, bevor sie sich ihren Weg über ihr Gesicht bahnen und ihre Schwäche preisgeben konnten. In den letzten Minuten oder Stunden - seit Beginn ihres Gespräches - hatte She sich nicht mehr so unter Kontrolle gehabt wie sonst. Sie konnte nicht sagen, was sie Sal'Kerax unbewusst offenbart hatte und ob und wie sehr ihre Fassade bröckelte... sie wusste nur eines: Seine Demütigungen und Strafen konnte sie wegstecken. Nun jedoch hatte er, ob bewusst oder zufällig, einen Punkt gefunden, mit dem er sie mühelos zerstören konnte, ohne auch nur die Klinge zu heben. Weswegen fiel es ihr mit einem Mal so schwer ihn anzusehen? War es richtig, dass Berührungen, die nicht verletzen sollten, so viel unangenehmer waren als ein Schnitt ins Fleisch?


"Denk immer an dieses Gefühl."

Seine kalte, emotionslose Stimme, die im Laufe ihres Gespräches aufgetaut zu sein schien und einen bislang unbekannten, beinahe wohlgesonnenen Tonfall angenommen hatte, riss sie aus ihren Gedanken.

"Schmerz ist etwas, das du kennst. Lerne ihn zu kontrollieren und er wird alle anderen Gefühle verdrängen."

Aus irgendeinem Grund wurde ihr schwindelig.
Sie hatte gesagt, sie wolle aufhören nachzudenken - das hatte sie sich selbst immer wieder geraten. Doch in diesem Moment kam sie nicht dagegen an. Wollte sie alle anderen Gefühle verdrängen? War das wirklich notwendig, um nach dem Willen des Vaters zu leben? War es allein der Zorn, der einen stärkte und waren es allein die anderen Gefühle, die schwächten?
Hör auf.... Hör sofort auf damit!
Irgendwie hielt sie sich weiterhin auf den Beinen, während ihr Kopf zu bersten drohte. Sie spürte, dass Sal'Kerax sie musterte und jede ihrer Bewegungen wahrnahm. Sie durfte sich nicht gehen lassen. Nicht nachdem man sie endlich für fähig genug befunden hatte, ausgebildet zu werden.
Nicht nachdem...


"Ist es falsch, manchmal daran zu zweifeln, dass Verdrängung aller Gefühle das einzig Richtige ist...?"
Kaum da die Worte ihren Mund verlassen hatten schien es ihr, als hätte sie die erste Frage ihres Lebens gestellt. Sie wagte kaum, den Lethrixor anzusehen. Was auch immer er mit ihr anstellen würde - es wäre gerechtfertigt.....

Mit seiner Antwort hatte sie nicht gerechnet.
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Glühend stieß ihr die Hitze der Lavagrube ins Gesicht.
Ein Brennen, welches das in ihrem Innern kaum überdecken konnte. Intensiver konnte der Schmerz nur werden, wenn sie hineinsprang - doch soweit war es noch nicht. Widersprüche, ihr Leben war voll davon. Ihre Existenz war ein einziger Widerspruch. Und doch krallte sie sich nun an einen einzigen Satz des Lethrixors:
Gib niemals auf.
Vielleicht war es möglich, alte Lehren zu umgehen und dennoch ein dienliches Werkzeug zu sein. Wie hatte Sal'Kerax gesagt?
Es gab auch Anführer, die vom Zorn des Vaters zerschmettert wurden...
Die Regeln des Spiels lagen nicht in deren Händen.
Sie würde nicht aufgeben. Die Kunst lag darin, sich an ungewohnte Situationen anzupassen... Und Sal'Kerax war, mit allem was er in ihr hervorgerufen hatte, eine davon. Eine, die sie sich schwor zu meistern.
Zuletzt geändert von She´rayax am Mittwoch 15. Januar 2014, 01:03, insgesamt 1-mal geändert.
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