Die Ankunft

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Imalayan Cruel

Die Ankunft

Beitrag von Imalayan Cruel »

Kapitel 1 – Ein erster Test

Schwarz berobt, eine Maske im Gesicht tragend, schreitet er zielstrebig durch die Krypta in die Bibliothek der Diener. Vor den hohen, mit vielen alten Büchern besetzten Regalen angekommen, fahren seine schmalen, nackten Finger der rechten Hand von Einband zu Einband, manches Mal dabei die Weben entfernend, und die meerblauen Augen folgen diesen. Seine Füße tragen ihn von Regal zu Regal, von Gang zu Gang, jedoch senkt er nach dem letzten Einband die Hand wieder, kein Buch wird ergriffen.
Stattdessen wendet er sich zu den Tischen, auf denen bereits einige Bücher liegen:


„Giftmischerei“

An jenem Platz lässt er sich nieder, greift mit den Fingern beider Hände an Saum seiner Kapuze und lässt sie über seinen Schopf hinweggleiten, bis sie sich in seinem Nacken in Falten seinen Haaransatz verdeckend legt. Er schlägt das Buch auf legt die drei mittleren Finger seiner rechten Hand, dabei winkelt er den mittleren am stärksten an, unter die erste Zeile, seine Augen wandern darüber. Stunden vergehen. Immer wieder hält er an verschiedenen Stellen inne, sei es bei „1000 Qualen des Todes“ oder „Nimmerendender Juckreiz“, doch die Suche endet ergebnislos. Er schlägt es wieder zu, seine Gedanken schweifen stillschweigend über das Geschehene, währenddessen er aus der Robe ein kleineres Buch als das Gelesene herauszieht und vor sich legt. Es ist sauber, gut erhalten, trägt jedoch im Einband keinerlei Beschriftungen. Die schmalen, langen Finger öffnen das Buch, blättern bis zum ersten Kapitel:

„1) Der erste Test
  • Testsubjekt 1: Statthalterin Alin Wolfseiche
  • Testzeitraum: Die ersten zwei Wochen nach der Ankunft
  • Untersuchung: Rhetorik, Naivität, Gewieftheit
  • Gefahren: geringe Strafen – sehr hoch, Verstümmelung – mittel, Verbannung – gering, Tod – beinahe auszuschließen, Entdeckung – auszuschließen
  • Vorgehen: Gesetz übertreten, unwissend tun, um eigene Strafe nach Geboten bitten
  • Ergebnis: zu erwarten: Aufnahme nach Geboten in Dienste“
Seine schmalen Finger greifen nach einem der vielen herumliegenden Holzkohlestifte auf dem Tisch, umschließen ihn fest und er dreht ihn so, dass die etwas dünnere, spitzere Seite zum Schreiben aufsetzt. Er ergänzt:
  • „eingetreten: Substanz zum Schweigen, Dauer 7 Tage, Ende 4. Tag der folgenden Woche
  • Testsubjekt 1: Rhetorik – gut ausgeprägt, zu sarkastisch, macht sich Feinde
    Naivität – sehr gering, ungenaues Ergebnis
    Gewieftheit – hoch, Strafe angemessen zur Ausschaltung des Testers Stärke
  • Fazit: indirektes Vorgehen sehr schwer, resistent gegen direkte Unterwanderungsversuche, hohes Selbstwertgefühl
    direktes Vorgehen zu empfehlen, Fluch in kommenden Mondläufen vorbereiten, Art und Wirkung noch zu erkunden

I.C.


Seine Finger führen die Blätter hin zur letzten Seite, auf der ein Diagramm mit einigen Namen von Würdenträgern, aber genauso Landsknechten und einfachen Bürgern der Stadt aufgeschrieben sind. Die Verbindungen zwischen den Namen sind noch spärlich, nur vereinzelt sind Pfeile, Ringe oder kleine Beschriftungen getan worden. An Alins Namen schreibt er nun eine kleine „1“ und setzt ein Kreuz hinter diese Zahl.
Langsam klappt er das Buch zu und lässt es in die Robentasche gleiten, ehe er die Hände wieder an den Saum der Kapuze führt und sie über den Schopf tief in sein Gesicht fallen lässt. Die Hände und Unterarme führt er in die gegenüberliegenden Ärmel, sodass er mönchsgleich seinen Weg durch die Krypta nimmt in Richtung Altar, vor dem er sein Haupt neigt, doch Worte dringen nicht aus seinem Mund unter Einfluss der Strafe der Statthalterin zu Düstersee – oder dem, was davon übrig ist.
Nach diesem stillen Gebet hebt er sein Haupt und tritt die Stufen der Krypta empor. Das Spiel hat erst begonnen, ein erster Schritt ist getan, doch ist der Weg schwerer, als er erwartet hatte.
Zuletzt geändert von Imalayan Cruel am Sonntag 14. Juli 2013, 20:03, insgesamt 1-mal geändert.
Alin

Beitrag von Alin »

  • Spiel mit mir ein kleines Spiel mein Schatz
    Spiel mit mir ein kleines Spiel heut' Nacht.
    Lass dich doch überraschen, was ich zu bieten hab'.
    Wir werden viel Spaß haben auf meine Art.

    Spiel mit mir, ich lass dir gern die Wahl der Waffen.
    Spiel mit mir, vielleicht wirst du es sogar schaffen,
    den neuen Tag zu sehn - in einem Stück.
    Ich wünsch' dir alles Gute und ganz viel Glück!



Heuchler...

Ich saß einfach nur da und beobachtete den mir noch so fremden Mann. Seine Züge, sein Auftreten. Ich lauschte seinen Worten, lächelte schlicht vor mich her und ich ignorierte das Gerede um mich herum gänzlich. Ab und an ein irrelevanter Kommentar, ein dümmlicher Einwurf und man nahm an, ich würde mich aktiv am Geschehen beteiligen. Das tat ich allerdings nur indirekt. Ich bevorzugte es, die neue Gestalt, welche sich hier als Buchhalter betitelte, zu erforschen. Ich hatte bedauerlicherweise in Neyla's Spielunke noch nie neue Seelen getroffen, die Skepsis nicht Wert gewesen wären und so genoss auch er die Meine. Er ignorierte mich fast gänzlich, nur ab und an ein kurzer Blick zu mir, selten ein paar Worte und irgendwann verschwand er, auf eine Art und Weise, welche mein Misstrauen nur ankurbelte. Neyla rannte ihm nach, oder er rannte ihr nach. So genau konnte ich das nicht ausmachen. Locker beugte ich mich nach vorne, verschränkte meine Arme auf den Tisch und starrte zur Tür hin. Während die Anderen bereits weiter über Dinge sprachen, die gänzlich an meinem Ohr vorbei zogen, ließ ich Gedanken ziehen, Erinnerungen aufkommen und unweigerlich zogen sich meine Brauen zusammen.

Lügner...

Die nächsten Tage wurden nicht besser, als ich ihn traf. Er rannte Neyla nach, Neyla rannte ihm nach, er ignorierte mich, fühlte sich wie das beste Stück in dieser ganzen Hafenschenke und scheute sich auch nicht, es mit seinen Worten in gewisser Weise zu offenbaren. Das Ziel war zumindest erreicht, er unterschätzte mich. Das ich allerdings über unzählige Jahre tausend verschiedene Gesichter trug, versuchte die Menschen zu täuschen, wusste er nicht. Genauso wie er nicht wusste, dass ich wüsste, wenn die Züge falsch waren, die mir gegenüber saßen. Auf gewisser Weise amüsierte es mich und ich gab mich weiter von meiner stumpfen Seite, versuchte gar nicht in seiner Gegenwart Autoritär zu wirken und die Falle schnappte zu, fast schon zu einfach.

Scharlatan...

Entweder ist er intelligenter als ich annahm oder einfach ziemlich dumm. Vor meinem Mann die Meinung kund zu geben, die er von mir hatte... mir fehlten gar ein wenig die Worte, als ich davon hörte. Dazen hat perfekt reagiert und es lag auch in meinem Interesse, dass die Reichsgarde ebenfalls anwesend war und so hoben sich meine Mundwinkel an, wenn auch nur kurz, als man mir davon berichtete. Ich dachte, dass die Zeit gekommen wäre, ihm zu zeigen, warum ich jenen Titel trug und was hinter all dem Stumpfsinn steckte, welches ich ihm offenbarte. Ich suchte ihn auf und er entschuldigte sich bei mir, so viele Worte, die ich irgendwann an einem Ohr aufnahm und an dem Anderen wieder hinaus warf. Erstaunlich war es, diese Heuchlerei, ohne dabei nur im Ansatz das Würgen zu bekommen. Ich wartete, bis sein Redeschwall endete und ging natürlich nicht auf seine Worte ein. Er dachte doch wohl nicht, dass er seine Strafe selber hätte wählen können? Entweder total intelligent oder einfach ziemlich dumm...

Schwindler...

Schluck für Schluck schädigte seine Stimmbänder. Ich war fast schon etwas zufrieden, als er den letzten Tropfen in seine Kehle kippte und nicht wusste, wie ihm geschieht. Ich fühlte keine Reue, kein Bedauern oder irgendein anderes negatives Gefühl. Mir ging es gut und so beugte ich mich recht schlicht über den Tisch zu ihm hin, schenkte ihm das beste falsche Lächeln, welches ich zu bieten hatte und erklärte ihm seine Strafe. Ein Segen für meine Ohren, dass man sein Gefasel eine Weile nicht ertragen musste und eine Freude für meine Augen, seine Emotionen anzusehen. Die nun offensichtlicher waren, weniger gestellt, ehrlich. Fast schon entzückend. Zeige mir deine Abscheu, deine Verachtung – dachte ich mir, schreie es hinaus, ach Moment...

Betrüger...

Als ich die Taverne verließ und die Unterhaltungen durch meinen Kopf gehen ließ, fühlte ich mich noch immer nicht schlecht. Ich ließ lediglich meinen Kopf in den Nacken fallen und starrte in den Himmel, betrachtete die Nacht und war bereit für das, was sicherlich folgen würde. Ich würde ihn aus seinem Loch locken und dann würde ich sehen, wie wahr sein Gesicht wirklich war. Denn zur Zeit glaubte ich keinem einzelnen Zug. Ich war bereit für das Spiel und glaube, ich sagte es noch nie umsonst, dass man solch Spiele recht ungern mit mir spielt. Momentan lag ich vorn, wir würden sehen wie lange... die Zeit lief, tick – tack.
Zuletzt geändert von Alin am Montag 15. Juli 2013, 19:08, insgesamt 2-mal geändert.
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