Die Schlacht um Düstersee war eine Katastrophe und sie hatte an jenem denkwürdigen Tag das Kommando gehabt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich dafür würde verantworten müssen. Für jenen missglückten Angriff, Überfall, oder als was auch immer es am Ende in die Geschichte eingehen würde. Sie hatte die Janitshare in die Schlacht geführt, und damit auch viele von ihnen in den sicheren Tot. Das Ziel, Düstersee zu verwüsten, war soweit geglückt. Ein bitteres Lächeln zog sich über ihr Gesicht. Rahal hatte getan, was sie eigentlich hätte wissen müssen. In Grenzwarth bewiesen sie bereits, dass sie alles erdenkliche tun würden um den Feind zu schlagen. Außer zu verhandeln. Sie würden eher einen Sieg mit dem Leben tausender Unschuldiger bezahlen, als mit einer Stunde in Verhandlungen. Das war ihr nun klar. Es hätte ihr auch vor Düstersee klar sein müssen. Eine schmerzhafte Lehrstunde. Die Janitshare die aus Düsterseee mit abrücken konnten trugen das Gift in ihren Körpern, und es würde noch eine Weile brauchen, bis die Spuren davon heilen würden. Wenn sie denn heilten.
Im Grunde konnte sie froh sein. Froh darüber, dass man sie nicht draußen empfing, sondern sich eines Sieges so sicher war, dass man den Feind unbedingt in der eigenen Stadt dahinmetzeln wollte. Hätten sie draußen gewartet, es wäre einer Hinrichtung gleich gekommen. Vielleicht hatte Eluive in dieser Stunde lenkend eingegriffen. Der Rückzug nach Grenzwarth war zumindest keine vollständige Flucht, und so konnte man die Mannstärke aus Grenzwarth noch mit abziehen. Rahal bekam sein Land zurück. Grenzwarth, dessen Wasserquellen seit einer gefühlten Ewigkeit kein Leben mehr brachten. Düstersee, das mit Feuer, Gift und Blut überzogen wurde.
Bis jetzt war sie sich unschlüssig darüber, ob der Krieg als Ganzes mehr Niederlage oder Sieg war. Ihre Gestalt strafte sich bei dem Gedanken. Die nächsten Tage, und vermutlich Wochen würden es zeigen.
verlorener Sieg
Moderator: Rahal [Mod]
-
Alin
- Wenn du erwachst,
aus einem Traum in der die Welt, du gar nicht kennst,
streck deine Flügel aus und flieg,
soweit du kannst!
Wenn du ein Vogel wärst,
würdest du den Boden meiden,
denn Flügel tragen dich,
zum blauen, zum blauen,
Himmel hinauf.
Du suchst die Antwort dort,
doch Kämpfe musst du bestehen,
und irgendwann steigst du,
zum blauen, zum blauen Himmel hinauf.
Einmal zog ich tief Luft ein, als der Pfeil Khalidas mich gegen die Wand donnerte. Meine Augen waren aufgerissen und ich konnte alles ganz klar sehen, als hätte man die Zeit angehalten. Ich sah das brennende Düstersee, ich sah Khalida, die ich einst noch so mochte, ich sag meine Verbündeten, Kameraden, Freunde, wie sie nach und nach zu Boden fielen. Ich sah das Blut, das Leid und die Schande, die sich nach und nach über mein Gesicht zog, als ich zu Boden fiel. Eine weitere Schlacht, verloren, auch wenn man es sicherlich danach wie ein Sieg hätte offenbaren können. Aber ich empfand es als die größte Niederlage, die ich je erlebte. Wenn ich auch manchmal nicht so recht wusste, was Schwäche war und was Stärke, aber diesen Abend empfand ich und das zu hundert Prozent, als schwach. Ich konnte an diesem Abend auch kaum noch sprechen, die ganzen Folgen zogen an mir vorbei, als wären wir in einer anderen Welt. Ich nickte ab, was abzunicken war, ich tat, was ich tun musste und ich half denen, die ich noch fand, um ihnen zu helfen. Keine meiner lächelnden Emotionen an diesem Abend war echt und auch in den folgenden Tagen würde es keines davon sein. Ich erinnerte mich an den Satz, den ich sprach, als wir Grenzwarth verloren hatten und hätte ich gewusst, wie er sich bewahrheiten würde, hätte ich ihn nie über die Lippen gebracht, drückt sich nun die Galle in meinem Hals empor, wenn ich nur daran dachte.
Wir würden Grenzwarth zurück bekommen, doch zu welchem Preis...
Ich hatte den Preis vor meiner Haustür. Ich war war Statthalterin einer zerstörten Stadt, verwundeten Einwohnern und geknickten Seelen. Ich wollte es ungern ertragen, aber ich musste es. Und so würde ich weiter atmen, ich würde weiter gehen und ich würde weiter lächeln, wenn es angebracht wäre. Ich ließ die Schwäche nicht nach außen und wollte keine Gefühle mehr nach Innen lassen. Ich war des Lebens müde und wenn man versuchte, alles ein bisschen weniger mit Gefühl zu sehen, war alles nur noch halb so schlimm. Ich betrachtete meinen nackten Körper im Spiegel, ich betrachtete die ganzen Streifwunden, welche mir die Pfeile zufügten, dann betrachtete ich das durchstochene Siegel der Prätorianer. Ich erinnerte mich an Amar, ich dachte an Nael und Sara und ich erinnerte mich daran, wie ich einst noch Herz besessen hatte. Als wäre das Mal an meiner Schulter mein Herz gewesen, kam es mir zerstochen vor. Ich verlor mich im üblichen Bild eines alatarisch Gläubigen. Ich verlor mich in dem falschen Lächeln, welches ich mir selber zuwarf und meine ganze Haltung wurde etwas schlaffer. Ich kam mir vor wie ein Zombie, mit einer bereits gestorbenen Seele. Vielleicht starb sie bei der letzten Schlacht oder bei der Vorletzten. Oder sie starb, als Hayden starb, als Rilas starb, als Erimh mich verließ. Vielleicht lebte sie auch nur bis zur Schlacht von Varuna. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Seit jenem Abend, als wir Sieg und Verlust zugleich auf unseren Schultern trugen, starb ein weiterer Teil in mir und machte Platz für Wahnsinn. Wir hatten versagt, ich hatte versagt.
Wir würden Grenzwarth zurück bekommen, doch zu welchem Preis...
Zuletzt geändert von Alin am Freitag 12. Juli 2013, 22:19, insgesamt 2-mal geändert.