Ich saß lange zuhause und war wach. Aaminah hatte Recht. So konnte es nicht weitergehen. Zafer war schlecht gelaunt, Gassur litt zunehmend unter der Abweisung von Zafer. Ich machte mich daran, den Brief aufzusetzen. Es war vielleicht ein mutiges Vorhaben. Aber mein Herz konnte diesem Zustand nicht länger beiwohnen. Erst recht nicht, weil ich die ganze Situation mit verursacht habe.
Also würde Zafer am nächsten Morgen einen Brief von einer der Wachen überreicht bekommen.
"Vielleicht muss man die Liebe gefühlt haben,
um die Freundschaft richtig zu erkennen."
Zafer,
ich weiß, deine Enttäuschung über Gassur – und auch über mich – ist sehr, sehr groß. Ich weiß auch, dass vieles für dich nicht nachvollziehbar sein wird. Deswegen erkläre ich gar nicht erst.
Freundschaft ist weit mehr, als nur ein flackerndes Fähnchen im Wind. Freundschaft ist Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Loyalität. Freundschaft entwickelt sich nicht einfach so. Ein Leben ohne Freundschaft ist wie ein Leben ohne Sonnenschein. Freundschaft ist auch, sich gegenseitig Fehler zu verzeihen und gemeinsam die Scherben aufzuheben, die ein donnernder Einschlag verursacht hat. Niemand ist fehlerfrei. Jeder macht Fehler. Aber jeder hat eine Chance verdient, um es besser machen zu können.
Ich bin dir nicht böse. Ich sehe nur, wie Gassur, - mein Ranim – leidet. Und was für eine Verlobte wäre ich, wenn es mich nicht kümmern würde? Wenn ich nicht mit ihm leiden würde, wenn er leidet? Wenn ich nicht mit ihm weinen würde, wenn er weint? Wenn nicht auch mein Herz betrübt wäre, wenn das seine vor Einsamkeit fast zerreißt?
Wir haben nur noch uns, Zafer. Wir halten uns in dieser harten und schweren Zeit aneinander fest. Und wir brauchen vor allem deine unterstützenden Hände, vor allem Gassur. Er vermisst dich sehr.
Ich hoffe, ich mache mit diesem Brief nun nicht alles schlimmer, als es eh schon ist. Falls doch, lass es an mir aus. Nicht an ihm. Er weiß nicht, dass ich dir schreibe. Ihr seid doch eine Familie und wollt sicher nicht so enden, wie die Yazir.
Gehüllt in seine Rüstung und einen darüber geworfenen Kaftan saß Zafer auf der Bank in der Kaserne. Auf dem Tisch lag eine große Landkarte der gesamten Landmasse des Kontinents und einige kleinere, welche das Grenzland zum alatarischen Reich abbildeten. Seine Füße lagen auf der Bank, der Rücken an die Wand gelehnt. Die Menge an Speichel, welche seinen Kaftan an der linken Schulter getränkt hatte, ließ leicht den Schluss zu, dass er wohl die ganze Nacht so verbracht hatte.
Früh wurde er am nächsten Morgen durch die anrückenden Janitschare geweckt. Nachdem er sich über einer Wasserschüssel die Müdigkeit aus dem Gesicht gewaschen hatte, eilte auch schon eine Wache auf ihn zu und überreichte ihm die Nachricht. Nach kurzem Zögern suchte er sich eine ruhige Ecke in den angeschlossenen Wehranlagen und las die Botschaft.
Zafers Gedanken glitten unweigerlich wieder zurück zum letzten Abend. Nun konnte er nicht mal mehr in der Kaserne seine Ruhe finden. Als Hazar und Haroun aufbrachen, waren nur noch Aaminah, Malaika und Gassur in der Küche übrig. Nicht gerade die Konstellation, die er sich vorgestellt hatte. Er wäre geblieben, hätte bei einer Tasse Tee belanglose Konversationen geführt, so wie es der Anstand erforderte. Doch nach Aaminahs Umdekoration war das keine Option mehr. In seinen Augen hatte er sich nichts vorzuwerfen und musste auf niemandem zugehen.
Für eine Weile blieben seine Gedanken bei seiner Rani hängen. Erst diese Sache mit Hazar und nun das. Was würde als nächstes kommen? Sie war doch die einzige, die ihm die Kraft geben konnte, mit allem fertig zu werden. Und nun schien es fast so, als würde auch sie ihm noch zusätzliches Kopfzerbrechen bereiten wollen. Einen Moment später ermahnte er sich selbst für den Gedanken.
Wieder rollte er Malaikas Botschaft auf, die er die ganze Zeit über in seinen Händen hin und her gedreht hatte, während er seinen Gedanken im Schutze der Wehranlagen Menek'Urs freien Lauf ließ. Erneut las er die Zeilen und verfasste eine Antwort.
Malaika,
ich danke dir für deine Worte zum Thema Freundschaft. Ich hoffe du hast noch mehr davon für Gassur übrig, vielleicht helfen sie ihm auf seinem Weg in der Zukunft.
Da eurem Glück nun nichts mehr im Wege steht, wirst du ihm sicher Gesellschaft und Aufmunterung spenden können.
Haltet euch aneinander fest, ihr habt es euch verdient.
Wir alle haben unseren Weg gewählt, wie es uns am besten scheint. Mögen die Ziele und Absichten variieren, so scheint es mir doch, als hätten es alle in bestem Wissen und Gewissen getan. Nun ist es an der Zeit, den Weg weiterzugehen.
Die Nachricht übergab er einem Boten und schickte ihn zu Malaika. Nachdem sich dieser auf den Weg gemacht hatte, schloss Zafer für einen Moment die Augen und bat Eluive in Gedanken, ihm genug Stärke zu verleihen, um das alles zu überstehen.
Nachdem Gespräch mit Hazar machte sich Zafer auf den Weg nach oben, ein Pergament und eine Feder suchend. Unbewusst hatte sie ihm die Augen geöffnet. Es tat gut mit ihr zu reden, die Last, die ihn lange plagte einfach für den Moment abzustreifen . Doch auch ihre Aussagen verschafften ihm Erleichterung. Zafer würde sie noch eine Weile um sich haben, als Cousine, Freundin und Vertraute.
Seine eigenen Worte machten ihn nachdenklich. "Was wäre, wenn Shaladir auftauchen würde und den Brautpreis einfach bezahlen würde", hatte sie gefragt. "Dann würde ich ihm den Kopf abschlagen", hatte er trocken geantwortet. Er wünschte sich alles für sie; dass sie die wahre Liebe finden würde und damit einen Mann, der sie zu schätzen wusste. Der sie als das wichtigste in seinem Leben sah. So wie Zafer seine Rani betrachtete, wenn ihnen das Schicksal nicht gerade versuchte, Steine in den Weg zu legen.
"Red' keinen Unsinn, es ist ein Omar", hatte sie auf seine törichte Antwort erwidert. Natürlich hatte Hazar recht. Wenn er so etwas schon allein für seine Cousine tun würde, wie weit würde ein Mann für seine Rani gehen?
Sein Wort nicht mehr ernst nehmen? Die Ehre der Familie und seines Amtes hinten anstellen? Bestimmt. Diese Erkenntnis ermöglichte ihm Gassurs Taten wenigstens teilweise nachzuvollziehen. Vielleicht nun wirklich zum ersten Mal. Es würde Zeit brauchen, wie Hazar gesagt hatte, doch vielleicht könnten sie eines Tages wieder mehr austauschen, als die nötigsten Worte, die ihnen ihre Pflichten diktierten.
Beflügelt von der entlastenden Unterhaltung mit seiner Cousine nahm sich Zafer die Feder und beschrieb die Außenseite des Pergaments feinsäuberlich mit dem Wort: Malaika
Salam Alaikum Malaika Leyla, Tochter der Yazir und bald Natifah des Hauses Ifrey,
mir ist bewusst, dass manche Worte im Zorn oder in der Verzweiflung schnell ausgesprochen werden, aber weitreichende Folgen nach sich ziehen können. Aus diesem Grunde bin ich bereit, darüber hinwegzusehen und eine Entschuldigung deinerseits zu akzeptieren, solltest du dies im Sinn haben. Suche mich am morgigen Tag auf und so Eluive will, werden wir die Schatten der Vergangenheit vertreiben können.
Ich las das Pergament. Immer und immer wieder. Ich hatte mit Gassur gesprochen - ihm die verletzenden Worte erzählt. "Er meint es nicht so, Malaika."
"Ich werde dich enttäuschen..."
"Mich jetzt enttäuschen?"
"Ich werde Jalilah holen und ich werde ein paar Tage bleiben. Es tut mir leid. "
"Es muss dir nicht leid tun. "
"Doch. Weil ich davon laufe."
"Du hast gesagt du läufst nicht davon solange ich mich nicht gegen dich stelle. Ich will nicht dass du gehst. Ich habe sonst niemand mehr. Mit wem soll ich dann denn reden? "
All die Worte blieben in meinen Gedanken und wiederholten sich. Ich fühlte mich hin- und hergerissen. Ich spürte den Drang einfach zu gehen und gleichsam das Gefühl, bei ihm zu bleiben. Und dieses Gefühl schien so viel stärker zu sein.
Ich las das Schreiben erneut. War es nun an mir über meinen Schatten zu springen? Zafer rrwartete scheinbar, dass ich mich für meine gesprochenen Worte entschuldigen würde. Ich musste also meinen Stolz überwinden um alles retten zu können? Ich war leer. Gesprochene Worte hatten zu sehr verletzt. Ich dachte an Gassur. Ich sollte ihm zuliebe handeln. Aber konnte ich das? Konnte ich ihn wirklich so sehr lieben, dass ich den letzten Funken Stolz beiseite legen würde? Vielleicht würde ich alles irgendwie ändern können. Aber konnte ich das? Konnte ich das erste Mal in meinem Leben wirklich selbstlos sein?
Ich war hier und ich vermisste Gassur.
Ich wusste nicht was Zafer ansatzweise zur Vernunft gebracht hatte.
Ich musste schlafen. Ich musste mich meinen schlechten Geistern stellen und hoffen. Hoffen dass ich vernünftig sein konnte.
Als ich am nächsten Tag von den Sonnenstrahlen geweckt wurde, ich war wohl auf dem Teppich vor Erschöpfung eingeschlafen, fühlte ich mich anders. Diese Leere war immer noch vorherrschend, aber es gab etwas, das mich antrieb: Gassur. Er veränderte mich.
Ein kurzer Griff zu einem Pergament, dann wurden einige Worte darauf gekritzelt.
Sollte Eluive es gut mit uns meinen, wird sich unser Weg an einem heiligen Ort kreuzen. Du findest mich in der Oase, sobald du mir einen Zeitpunkt nennst, an dem du Zeit hast.