Mo, die Maus

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Mo

Mo, die Maus

Beitrag von Mo »

Eins

Ruhig beobachteten die dunkelbraunen Augen das kleine Geschöpf, welches einige Schritt entfernt still auf einem Baumstumpf saß und seinerseits den Blick in die Ferne gleiten ließ, wo tief im Tal, scheinbar am Fuße der Berge, die Sonne sich mit den letzten blutroten Strahlen verabschiedete. Eine ganze Weile hatte er nun schon so ihren Rücken betrachtet, die schmalen Schultern, die sich mit jedem Atemzug sanft hoben und wieder senkten, die wirren, honigblonden Locken, an welchen der Wind spielerisch zupfte.
Ohne den Blick recht von ihr zu lösen, murmelte der junge Mann mit den den dunklen Augen seinem Nachbarn, ein älterer, bärig anmutender Herr, nachdenklich entgegen:

„Sie wirkt insbesondere abwesend... ich mag nicht daran denken, was auf dieser jungen Seele lastet.“

Der Angesprochene folgte dem Blick, ehe sich seine Züge mit leichter Sorge verdunkelten und er den zotteligen Kopf brummelnd schüttelte.

„Werden Sie auch nicht, junger Herr, das Mäuschen quiekt zwar im Schlaf, geplagt von Träumen aber sie spricht nicht.“

„Nie?“ Erstaunt hoben sich die Brauen über den braunen Augen.

„Nein, sie ist vermutlich stumm, Herr... aber auch das wird nicht lange Eure Sorge sein.“
„Wie... wie meint ihr das? Ist sie... krank?“
„Achwas!“ Das Kopfschütteln des Alten ließ den jungen Mann aufatmen. „Nein, das nicht, doch die Maus da bleibt nicht gern lange an ein und demselben Ort.“ Mit einem matten Seufzen unterbrach er kurz seine Erläuterung und setzte auch danach eher vorsichtig ein. „Sie... sie kam vor zwei Mondläufen zu uns und ich weiß, dass sie vorher einige Zeit beim Küster und seiner Frau im Tal gewohnt hat... auch nur drei, vier Mondläufe. Sie haben sie beim Klauen erwischt. Hat sie hier auch schon versucht und ist dabei nicht gerade ungeschickt.“ Er schmunzelte schwach. „Mag stumm sein, taub ist sie aber nicht – diebisch wie eine Maus eben.“

„Ah,“, der junge Mann nickte leicht, „daher der Name. Sie erinnert mich sehr an eine Ausreißerin, die mir ans Herz gewachsen ist.“ Kurz schwiegen beide, doch gerade als die Stille zu betreten werden wollte, sprach er den Alten wieder an.
„Hat sie denn einen Namen, also einen 'richtigen' Namen, nicht nur diesen Maus-Titel.“

„Hmmm..“, bestätigte der alte Bär, „man nennt sie Mo.“

***

„Mo?!“ Der Ruf klang gleichermaßen süßlich und doch fordernd. „Komm schon, du bist zu groß für ein Versteckspiel. Das ist nur was für Hosenmätzchen... Mo?!“
Das Kind, wohl kaum sechs Jahre alt, duckte sich noch weiter ins Unterholz und dankte still den wild wuchernden Brennnesseln, welche ihr zwar mit feinen Härchen ins Gesicht stachen, doch ihn davon abhielten, sich dem Versteck recht zu nähern.

„Mo?! Nun komm verdammt nochmal raus! Ich möchte zurück Nachhause und hab wegen dir schon genug Zeit vertrödelt....“ Seine Geduld war stets nicht die Beste gewesen.
„VERDAMMT, MO... SCHAU DAS ZU HERKOMMST!“ Sein Brüllen ließ sie selbst hier noch zittern und nach diesem Ausbruch, der sein wahres Gesicht gezeigt hatte, wurde seine Stimme wieder süßer und schmeichelnd. „Na komm, meine liebe Kleine... Papa wird dir auch nichts tun, ja?“ Doch sie wusste es besser...

Der Grund warum sie hier saß, war die blutende Lippe, die knallrote Wange und die Platzwunde an den Brauen, welche sie sich 'eingefangen' hatte, als er ihr die Zaunlatte in das Gesicht geschlagen hatte. Er hatte vorher schon mürrisch bemängelt, dass sie ihm keine gute Hilfe bei der Arbeit war und er den Zaun rascher fertig bekommen musste – immerhin zahlte man ihm bald einen ganzen Gulden für diesen Auftrag und der nächste wartete schon.
Sie sollte später noch oft darüber grübeln, ob sie es nicht hätte schneller merken und seinen Schlägen ausweichen oder sie gar hätte vermeiden können. Bitter schmeckte bei all dem der Gedanke, dass es vielleicht an ihr läge. Die Stiefmutter hatte er nur einmal verprügelt und das war, als sie versucht hatte sich auf Mos Seite zu schlagen und zwischen sie und seine Fäuste gesprungen war. Yuli, ihre kleine Halbschwester hingegen, bekam die wärmsten Worte, die liebevollsten Zärtlichkeiten und nie auch nur ein tadelndes Wort. Ja, sie liebte er und sie, Mo, war einfach im Weg... schon immer gewesen.

Seine Rufe waren seit Stunden verklungen und mit ihnen der letzte Rest Sonnenlicht. Aufgescheucht von der stärker werdenden Bodenkälte erhob sich das Mädchen und begann durch das Unterholz zu stolpern. Wohin wusste sie nicht – nur weit fort von ihm.
Mo

Beitrag von Mo »

Zwei

Müdigkeit ist ein seltsamer Wegbegleiter.
Er klammert sich um die Glieder, nimmt ihnen Kraft und lässt sie ermatten. Gleichzeitig aber hüllt er den Kopf in warme Watte, zerrt die Augenlider herab und lullt den Geist mit süßer Schläfrigkeit ein. Erlösung verspricht dann nur der Schlaf selbst – und meist kann man sich diesen dann gerade aus diversen Gründen nicht leisten.

Mos lief längst wie eine buckelige, alte Frau vornüber gebeugt und alleine ihre kleinen Spuren in der matschig-lockeren Erde wiesen unverhohlen darauf hin, dass ihr Gang alles, nur eben nicht mehr gerade, war. Den Hunger hatte sie irgendwann erfolgreich bekämpft, indem sie das helle Gluckserknurren im Magen so lange ignoriert hatte, bis dieser seinen lauten Protest eingestellt hatte. Stattdessen schienen eine Menge Falter und Motten im Schwebezustand durch ihren Bauch zu gleiten und brachten ein seltsam angenehm flaues Schwindelgefühl, welches sich nach und nach bis zu ihrem Köpfchen arbeitete. Den Durst konnte sie tatsächlich stillen, auch wenn der Waldtümpel , aus dem sie gierig in vollen Zügen das brackige Nass schöpfte, nicht gerade angenehm roch.
Die Müdigkeit jedoch ließ sich nicht abschütteln und veränderte sich auch nicht vollends, sondern wurde nur intensiver.

Sehnsüchtig dachte sie an das einfache, doch angenehm weiche Bettchen zurück, welches sie mit ihrer kleinen Schwester Yuli geteilt hatte. Sicher, manchmal stach das Stroh, auf welchem sie gebettet waren, die Schaffelle rochen im Sommer muffig und im Winter waren Mamas Webdeckchen zwar kuschelig, doch nicht warm genug und beide Kinder klammerten sich dann stets eng aneinander, um die Körperwärme zu teilen.

„Wie kleine Bollerofen!“ hatte die Stiefmutter einmal lachend angemerkt.

Wie recht sie hatte... Bollerofen waren sie. Warme, kuschelige, weiche...

Mo stolperte jäh über die eigenen Füße, fiel und konnte sich nur gerade so abfangen, dass sie nicht mit dem Gesicht im Dreck landete. Jetzt erst, so ausgestreckt, wie ein toter Frosch, spürte sie, wie sehr ihre Glieder schmerzten. Eine kleine Pause nur... ein zwei Stündchen Schlaf nur.
Für einen langen Moment schloß sie die Augen, rappelte sich dann ächzend auf und stöhnte vor Schmerzen, als die Muskeln über die neue Belastung jammerten. Doch liegen bleiben konnte sie einfach nicht. Es wurde längst dunkel, eine Nacht im Wald war für das Kind stets ein Spiel mit dem Feuer und immerhin müsste dieser Pfad doch irgendwohin führen.

Tapfer setzte sie einen Fuß vor den anderen, begnügte sich eine volle weitere Stunde damit der Müdigkeit durch derbes Kneifen in die eigenen Wangen zu trotzen... und wurde belohnt!
Die Stadt welche sich plötzlich im jungen Sternenlicht vor ihr erstreckte schien gigantisch und unter besseren, körperlichen Voraussetzungen wäre Mo, vom Anblick erschlagen, wohl auf dem Absatz umgekehrt, doch jetzt rührten die Kerzenlichter, welche ein Meer an Fenstern erleuchteten, wärmend an ihrem Kinderherzen.
Sie wählte einen der allerersten Höfe, fand einen winzigen, leeren Stall - kaum mehr als ein Verschlag mit etwas Heu – und fand somit Ruhe, fand Schlaf... die Müdigkeit hatte gewonnen.
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Liliana van Drachenfels
Beiträge: 723
Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42

Beitrag von Liliana van Drachenfels »

Lili betrat das Heilerhaus, grüßte Kliara freundlich und fragte sie sogleich, wie schon seit einigen Tagen, ob sie Mo gesehen habe.
Kliara schüttelte den Kopf, auch sie hatte die Kleine einige Tage nicht gesehen. Lili seufzte und nahm sich vor das nächste mal doch genauere Auskünfte, wo Mo denn nun wohnt einzuholen. Auch wollte sie sich Mo mal anschauen.. denn erst im Nachhinein war es ihr aufgefallen, daß Mo bei ihren Besuchen nie gesprochen hatte. Es waren immer viele Leute dagewesen, so daß dies irgendwie nicht aufgefallen war. Sie hoffte Mo würde sie bald mal wieder besuchen kommen.
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Lias

Beitrag von Lias »

Wenn zwei Mäuse...

... sich in der großen Welt verlieren - dann suchen sie Schutz in der Dunkelheit.
... merken, dass sie alleine sind - dann bleiben sie einfach tapfer zu zweit.
... eigentlich nur Mäusekinder sind - macht sich Familiensehnsucht breit.
... eine Menge Gefahren bestehen müssen - behüten sie einander vor Schmerz und Leid.

Du hast mich, Mäuseschwester und ich habe dich,
selbst wenn die Jäger um uns lauern,
kriegen werden sie uns nicht,
eher die Jagd an sich bedauern.
Lass uns trippeln, lass uns huschen
aus den Honigtöpfen stehlen
- danach recht schnell die Tat vertuschen,
wer kann uns schon Gehorsam befehlen?
Komm mit mir, nimm meine Hand
uns langen Krümel und kleine Gaben
ich fürcht' mich auch nicht vor dunkelstem Land',
solange wir einfach einander haben!

Von Lias für Mo
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