… ich verbrenne mich für ihn.
Majalin saß in ihrem Garten, gelehnt an einen der Findlinge mit den verblassten, verwaschenen Ritzungen darin. Sie spürte wie die Sonne langsam über den Horizont kroch und vor ihrem inneren Auge zeichnete sich das Bild des in Brand stehenden Himmels.
Unwillkürlich erinnerte sie sich an den Kreis des Runenfeuers. Es war nun schon mehr als zwei Wochenläufe her und trotzdem schien es ihr noch sehr nah zu sein. Immer, wenn sie daran dachte, spürte sie die Hitze in ihrem Rücken, die Flammenwinde, die an ihren Haaren gezerrt hatten. Das Runenfeuer war nicht irgendein Feuer, es war ein Sturm, wild und ungezähmt. Im Kreis hatte sie sich gefragt, ob ihr Mann überhaupt ahnte, dass es sogar für sie selbst, für Lidwina außerhalb gefährlich war. Vermutlich nicht, vermutlich hatte er daran nicht einen Gedanken verschwendet, nicht einmal danach. Als die lähmende Panik von ihm abgefallen war, wandelte sich seine Stimmung zu Wut und schließlich Trotz. Man konnte nicht sagen, dass seine Stimmungsschwankungen Majalin überrascht hätten, die kalte Wut, mit der er seiner Angst begegnete, war ihr angenehmer als sein Erstarren. Trotzdem wäre sie am liebsten ihrem eigenen Impuls des Zorns gefolgt und hätte ihn geschüttelt und getreten, besonders als er sich in der Bockigkeit eines Dreijährigen präsentierte! Nun, letztlich hatte sie ihn ja auch getreten und angeschrien, er solle seinen Hintern hochbekommen, als er halsstarrig in der Mitte des Kreises gesessen hatte, das Feuer näher kam und ihr schon Haare und Rücken versengte. Sie war gegen die Macht des Runenfeuers an die Grenze ihres Könnens gestoßen, um sie beide zu schützen. Er schubste sie und sie nahm wahr wie sie rückwärts durch den Kreis stolperte und dann unsanft auf dem Boden landete. Der Schutz brach und er blieb zurück. Selten zuvor war sie sich so sicher gewesen ihn verloren zu haben und falls nicht, ihn mit ihren eigenen Händen erwürgen zu müssen. Panik und Wut waren diesmal auf ihrer Seite, als er durch die Flammenwand sprang und ohne Umwege ins nahe Meer tauchte. Ja, sie würde ihn töten, hier und jetzt, ohne Umschweife, oder zumindest ihm unsägliche Schmerzen zufügen! Die kräftigen Hände Thorbjörns packten sie, während sie die Wellen anbrüllte, sie würde ihn umbringen. „Später.“, brummte der hünenhafte Thyre nur und verfrachtete sie wie einen Sack Kartoffeln auf seine Schulter. Ihre Gegenwehr nahm der kräftige Mann gar nicht wahr, er schleppte sie über die heilige Insel und warf sie in den Teich. Die Kälte des Wassers spülte ihr wieder Verstand in den Kopf, zumindest ein wenig. Nicht genug, um zu bereuen, Lucien im Anschluss den Stab übergezogen zu haben.
Einen Stundenlauf hatte sie in der Nacht noch damit verbracht seine Brandwunden zu versorgen, während er schon zu Tode erschöpft und ausgelaugt geschlafen hatte. Später hatte sie sich selbst noch umständlich Rücken, Hintern und Beine eingesalbt und im Lied geheilt. Sie wollte nicht, dass er sah oder bemerkte, welche Spuren das Feuer auch an ihr hinterlassen hatte. Dass es sehr wohl gefährlich gewesen war, wortwörtlich brandgefährlich, und knapp. Sie schnitt sich einige verkohlte Strähnen aus den Haaren. Er sollte sich seinen Respekt bewahren, doch die erstarrte Panik musste fort. Und wenn er erfuhr, dass sie verletzt worden war, würde ein einschneidendes Misstrauen bleiben, gegen das Lied und gegen ihre Künste an selbigem. Nein, es war besser so!
Danach wurde es mit jedem Tag besser. Ein gesundes Maß an Zurückhaltung gegen das Lied blieb in ihm, doch gewann er einen trotzigen Schneid. So wie Kinder, die Jemanden oder Etwas in der nächtlichen Schwärze erwarten und fürchten und es mit Tränen in den Augen anschreien, um zu beweisen, dass man eben keine Angst habe. Der Kampf durch das Runenfeuer war von Erfolg beschieden gewesen. Sie sollten alsbald Lidwina und Thorbjörn aufsuchen und ihnen ihren Dank aussprechen.
Denn was Du nicht weißt ist...
-
Majalin Mareaux
… die Dunkelheit gewinnt an Kraft.
Noch bevor der Sommer sich richtig entfaltet hat, bevor er ins volle Bewusstsein der Menschen tritt, verliert er schon an Licht. Jeden Jahreslauf im späten Schwalbenkunft werden die Tage schon wieder kürzer und die Nächte länger. Und die Dunkelheit gewinnt an Kraft.
Gemächlich schlich sich der erste Sonnenstrahl heran und wärmte ihr Gesicht. Majalin hatte diese Nacht nicht einen Wimpernschlag geschlafen und die Erinnerung daran ließ ihren Mundwinkel hinaufwandern. Selbst wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte, hätte sie sie nicht ergriffen. Dies war die kürzeste Nacht des Jahres gewesen und solche besonderen Ereignisse wirkten sich schon seit Längerem merklich auf ihre Stimmungen aus. Sogar nun am frühen Morgen fühlte sie sich nicht müde, das Licht der Sonne erfrischte sie als wäre nicht nur ein Tag, sondern auch sie selbst neu geboren worden. Es war beinahe seltsam wie der Lauf des Jahres sich den Geschehnissen der Welt anpasste…
Majalin hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Schwestern ihrer Erkenntnis und Entscheidung so rasch zustimmen würden. Von Cara und Fiona hatte sie es erwartet, immerhin ging es um ihr Heim, um ihre Seite der Medaille. Doch auch Yasme und Anat erkannten die Notwendigkeit ihres Eingreifens rasch. Die Waage hatte sich gekippt, zunächst langsam, doch nun mit dem Aufspringen anderer Parteien immer rascher. Majalin hatte schon begonnen über ein Handeln nachzudenken, als die Kinder der Wüste Grenzwarth erobert hatten.
Der Geruch des Todes hing über dem Schlachtfeld, als sie zwei Tage nach dem Kampf das Dorf aufsuchte. Bittersüßlich schwebte die Verwesung in der Luft, metallisch das Blut, scharf die Asche und würzig die frisch aufgeworfene Erde der Palisadenbauten. Es widerstrebte ihr an jene zu denken, die zuletzt den weiten Himmel gesehen hatten an dieser Stelle, bevor ihre Melodien im Lied aufgegangen waren. So war der Lauf der Welt. Sie hatten im Wissen der Gefahr für das gekämpft, woran sie glaubten, wofür sie einstehen wollten, wofür sie sterben bereit waren. Wie war noch jener Spruch? Ein Mensch, der für nichts zu sterben gewillt ist, verdient nicht zu leben. Majalin kam nicht umhin Achtung und Respekt für jene zu empfinden, gleich auf welcher Seite sie gestanden hatten. Mögen die Versprechen eurer Götter jenseits des Schleiers Wahrheit für euch werden.
Der Geruch war auch drei Tage später noch dort, hinzu gesellte sich die säuerliche Note des Gifts im Brunnen. Zaghaft drückte sich die Ratte an der Häuserwand entlang, während das Regiment von Lichtenthal sich mit den Besatzern aus Menek’Ur besprach. Es verwunderte Majalin nicht, dass das lichte Reich mit in die Jagd einstieg, nachdem die Menekaner dem Panther ein Pfeil ins Bein gejagt hatten. Taktisch gesehen war es nur logisch und nachvollziehbar. An der Seite der Menekaner stand zudem ein Teil der Kaluren. Zugegeben jener Teil, bei dem das Hirnschmalz eines einzelnen Kaluren offenbar auf eine ganze Sippe verteilt worden war, trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren sie entschlossene und starke Kämpfer. Den Kindern der Wüste folgten einzelne Eledhrim und freie Krieger. Sogar die Waldläufer schienen sich nun einmengen zu wollen. Wie sollte ein einzelnes Reich gegen zwei Reiche und zwei Völker bestehen? Ein jäher, reißender Schmerz riss sie aus ihren Gedanken. Die Ratte folgte ihren Instinkten und flitzte davon, mit dem Schmerz hatte sich Majalins bewusster, denkender Teil weit in das Tier zurückgezogen. Einzig das Ziel bestimmte ihr Geist noch. Seine Stimme erst rief sie zurück.
Ja, die Schwesternschaft war übereingekommen zu handeln. Sie würden nicht warten bis die Jagdgesellschaft den Panther erlegte und fledderte, bis die Waage ganz kippen würde und ohne Gegengewicht auch die obere Schale zu Boden stürzte, bis das Gleichgewicht langfristig gestört wäre. Einige Ideen waren schon besprochen, Grundlagen festgelegt worden. Doch wie stets ging es viel zu langsam und Zeit hatten sie nicht wirklich.
Höher stieg die Sonne und gewann an Kraft. Majalin hing ihren Gedanken nach, Planungen. Noch immer war der Morgen sehr jung, lediglich die Sonne war früher als jeden anderen Tag des Jahreslaufes. Doch schon ab morgen würde sie Stück für Stück einen Wimpernschlag einbüßen, nur ein Sandkorn jeden Tag. Jeder Tag ein wenig kürzer, jeder Tag ein wenig düsterer. Und die Dunkelheit gewinnt an Kraft.
Noch bevor der Sommer sich richtig entfaltet hat, bevor er ins volle Bewusstsein der Menschen tritt, verliert er schon an Licht. Jeden Jahreslauf im späten Schwalbenkunft werden die Tage schon wieder kürzer und die Nächte länger. Und die Dunkelheit gewinnt an Kraft.
Gemächlich schlich sich der erste Sonnenstrahl heran und wärmte ihr Gesicht. Majalin hatte diese Nacht nicht einen Wimpernschlag geschlafen und die Erinnerung daran ließ ihren Mundwinkel hinaufwandern. Selbst wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte, hätte sie sie nicht ergriffen. Dies war die kürzeste Nacht des Jahres gewesen und solche besonderen Ereignisse wirkten sich schon seit Längerem merklich auf ihre Stimmungen aus. Sogar nun am frühen Morgen fühlte sie sich nicht müde, das Licht der Sonne erfrischte sie als wäre nicht nur ein Tag, sondern auch sie selbst neu geboren worden. Es war beinahe seltsam wie der Lauf des Jahres sich den Geschehnissen der Welt anpasste…
Majalin hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Schwestern ihrer Erkenntnis und Entscheidung so rasch zustimmen würden. Von Cara und Fiona hatte sie es erwartet, immerhin ging es um ihr Heim, um ihre Seite der Medaille. Doch auch Yasme und Anat erkannten die Notwendigkeit ihres Eingreifens rasch. Die Waage hatte sich gekippt, zunächst langsam, doch nun mit dem Aufspringen anderer Parteien immer rascher. Majalin hatte schon begonnen über ein Handeln nachzudenken, als die Kinder der Wüste Grenzwarth erobert hatten.
Der Geruch des Todes hing über dem Schlachtfeld, als sie zwei Tage nach dem Kampf das Dorf aufsuchte. Bittersüßlich schwebte die Verwesung in der Luft, metallisch das Blut, scharf die Asche und würzig die frisch aufgeworfene Erde der Palisadenbauten. Es widerstrebte ihr an jene zu denken, die zuletzt den weiten Himmel gesehen hatten an dieser Stelle, bevor ihre Melodien im Lied aufgegangen waren. So war der Lauf der Welt. Sie hatten im Wissen der Gefahr für das gekämpft, woran sie glaubten, wofür sie einstehen wollten, wofür sie sterben bereit waren. Wie war noch jener Spruch? Ein Mensch, der für nichts zu sterben gewillt ist, verdient nicht zu leben. Majalin kam nicht umhin Achtung und Respekt für jene zu empfinden, gleich auf welcher Seite sie gestanden hatten. Mögen die Versprechen eurer Götter jenseits des Schleiers Wahrheit für euch werden.
Der Geruch war auch drei Tage später noch dort, hinzu gesellte sich die säuerliche Note des Gifts im Brunnen. Zaghaft drückte sich die Ratte an der Häuserwand entlang, während das Regiment von Lichtenthal sich mit den Besatzern aus Menek’Ur besprach. Es verwunderte Majalin nicht, dass das lichte Reich mit in die Jagd einstieg, nachdem die Menekaner dem Panther ein Pfeil ins Bein gejagt hatten. Taktisch gesehen war es nur logisch und nachvollziehbar. An der Seite der Menekaner stand zudem ein Teil der Kaluren. Zugegeben jener Teil, bei dem das Hirnschmalz eines einzelnen Kaluren offenbar auf eine ganze Sippe verteilt worden war, trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren sie entschlossene und starke Kämpfer. Den Kindern der Wüste folgten einzelne Eledhrim und freie Krieger. Sogar die Waldläufer schienen sich nun einmengen zu wollen. Wie sollte ein einzelnes Reich gegen zwei Reiche und zwei Völker bestehen? Ein jäher, reißender Schmerz riss sie aus ihren Gedanken. Die Ratte folgte ihren Instinkten und flitzte davon, mit dem Schmerz hatte sich Majalins bewusster, denkender Teil weit in das Tier zurückgezogen. Einzig das Ziel bestimmte ihr Geist noch. Seine Stimme erst rief sie zurück.
Ja, die Schwesternschaft war übereingekommen zu handeln. Sie würden nicht warten bis die Jagdgesellschaft den Panther erlegte und fledderte, bis die Waage ganz kippen würde und ohne Gegengewicht auch die obere Schale zu Boden stürzte, bis das Gleichgewicht langfristig gestört wäre. Einige Ideen waren schon besprochen, Grundlagen festgelegt worden. Doch wie stets ging es viel zu langsam und Zeit hatten sie nicht wirklich.
Höher stieg die Sonne und gewann an Kraft. Majalin hing ihren Gedanken nach, Planungen. Noch immer war der Morgen sehr jung, lediglich die Sonne war früher als jeden anderen Tag des Jahreslaufes. Doch schon ab morgen würde sie Stück für Stück einen Wimpernschlag einbüßen, nur ein Sandkorn jeden Tag. Jeder Tag ein wenig kürzer, jeder Tag ein wenig düsterer. Und die Dunkelheit gewinnt an Kraft.