Von vielen Umwälzungen betroffen, schlängelt sich der Weg der jungen Linei in den letzten Tagen voran. Und so musste Linei in Erfahrung bringen, dass der Weg zum Herrn – dem All-Einen – wohl noch viel schwerer sein kann, als sie es sich je erträumt hätte. Die Angst andere zu enttäuschen, die für sie wolkenhohe Erwartungen in sie stecken, stets mit sich tragend, folgte sie erst vor wenigen Tagen der lang ausgesprochenen Weisung des Clericus, sich der Pranke des Herrn anzuschließen und auf diese Weise dem Herrn zu dienen. Nicht ahnend, dass sie mit ihrem Zögern allen Geboten zuwider handelt, traf sie diese Entscheidung wohl viel zu spät. Und so begab es sich, dass sich ihr ihre Verfehlungen just an diesem Tage offenbarten. Wie ein Unwetter regneten die Worte des Clericus auf ihr nieder, und offenbarten ihre Vergehen. „Was hatte sie falsches getan, obwohl sie doch nur dem Herrn dienen wollte, so gut sie es denn vermochte?“; „Hatte sie denn die benannten vergehen begangen? Kann das bloße Zögern aus Unwissenheit so viele vergehen beinhalten?“; „Gewiss kann es das!“ dachte sie sich als sie immer noch roten Hauptes, ob ihrer Scham vor ihm stand. Und so versprach sie sich nie wieder zu zögern, doch ob sie jenes versprechen jemals würde einhalten können? Wer sie kennt, weiß dass sie es nicht kann.
So begab es sich am selben Abend, dass der Provost Daevon, den sie insgeheim und auch schon offen seit längerem in ihr Herz geschlossen hatte, und der ihr aber nun durch ihren Beitritt in die Garde vorgesetzt war, sich ihrer annahm: Ihren Weg von ihm sicherer denn je, vor Augen geführt bekommend, wechselten sie viele Worte. Doch hielten sich immer noch hartnäckig die Gedanken an ihre Vergehen in ihrem Haupt. Sie enttäuschte den Clericus Althan, dessen Worte ihr bisher immer Kraft gaben. Gab ihr die Gewissheit ihrer Schuld keine Kraft? Gewiss gab jene Gewissheit ihr die Kraft, Daevons Ansprüchen hinsichtlich ihres Weges – ihrer Ausbildung - zuzusagen und auch den Willen, gleich was er verlangte zu tun. Doch auch der Grund ihres Vergehens – ihr Zögern – war ihr immer noch vor Augen. Und so versuchte sie erneut, Daevon wohl viel zu hastig aber doch wohl notwendig, um nicht erneut zu zögern, ins Vertrauen um ihre Gefühle für ihn zu ziehen. Gewiss war die Hafenschenke Rahals, in welcher sie sich zu jenem Zeitpunkt aufhielten, keineswegs ein geeigneter Ort dafür. Doch musste sie es tun. Kaum darauf bat Daevon sie ein paar Schritte mit ihr auszutreten. Allein bei diesen Worten blieb ihr die Luft im Halse stecken. „Hatte sie schon wieder das falsche Getan, obwohl sie doch nur das tun wollte, was sie für gut und richtig hielt?“; „Sollte die zweite Säule, der Kräfte, die sie stets in sich zu mobilisieren versuchte, die Liebe zu Daevon an diesem Abend zerbrechen? Oder sollte sie unverhofft offenbart werden?“
Viele Gedanken plagten sie auf dem Weg zu einem ruhigeren, abgelegenem Ort in Rahal. Dort angekommen war sie mit diesen zur Gewissheit gelangt, dass es ein Fehler war. Bestimmt, war sie zu schnell; Bestimmt drängte sie sich ihm auf. Bestimmt war sie es in seinen Augen nicht wert. Bestimmt war dieser Moment allein ihre Schuld. Ihn um Verzeihung bittend und selbst bereits um Fassung ringend, erhielt sie nun die Gewissheit, dass sie Daevon nicht wert genug war, geliebt zu werden. Immer mehr die Fassung verlierend, ließ Daevon sie an diesem Ort zurück.
Stunde um Stunde verweilte sie diese Nacht an jenem Ort, den Tränen nahe, in Tränen und Momente lang auch nüchtern. Ihr Kleid, war an den Ärmeln von Tränen, die sie sich damit wegwischte, durchnässt. Viele Gedanken gingen ihr nur wieder durch den Kopf: „War sie Daevon je würdig oder könnte sie es jemals sein?“; „Ist sie überhaupt würdig unter dem Herrn zu dienen?“; „Ist die Stärke, die sie versucht hat in den letzten Tagen zu zeigen, immer noch zu wenig?“; „Will der Herr sie strafen?“ Mit jenem Gedanken kam ihr die Begegnung mit dem Clericus in die Erinnerung zurück, der sie dazu aufforderte, ihre Strafe für ihre Vergehen zu bestimmen. Mehr denn je war sie sich sicher, dass nur die volle Strafe, die dafür in nicht Kriegszeiten verhängt würde, ihr helfen könnte Buße zu tun. Auch war sie sich mehr denn je sicher, dass sie stark sein muss, auch wenn ihr Fundament - die Liebe zu Daevon - weggebrochen ist. So bleibt ihr das Wissen, dass der All-Eine, der einzig verbliebende Grund ist, weshalb sie hier ist. Und ihr war klar, dass sie nun alles daran setzen müsse, dass sie niemanden mehr so enttäuscht, wie zuvor den Clericus und Daevon.
Bereits in tiefster Nacht, bemerkte sie erst ihre Müdigkeit und besann sich wieder. Um sie war es an jenem Ort bereits düster, nur der Mond leuchtete ihr etwas. Und so begab sie sich auf die Straßen von Rahal, auf dem Wege zu einem der Gasthäuser, um zu nächtigen. Wer sie gesehen hat, hätte ihr gar immer noch die Tränen angesehen.
Ein Stolperstein auf dem Weg zum Herrn
- Linejra
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