Und leise spricht der Wind zu mir,
erzählt von Menschen im Gestern.
Säuselt in mein Ohr und erinnert mich an das,
was einst war...
Der Wind strich an diesem Abend sanft durch die Lande und ließ einen vergessen, wie zäh und hart dieser Winter gewesen war. Fast hatte man bereits verdrängt, wie lange das Zittern vonstatten gegangen war, hatte beiseite geschoben, wie sehr man sich über die eisigen Winde geärgert hatte. Nein, bei diesem Wind konnte man doch nicht daran denken, was einst vergangen war...
Wenn es doch nur so einfach wäre...
Der Blick des blauen Augenpaares strich rastlos über die Küste, suchte nach Geheimnissen in den Wellen, die selbst in hunderten von Metern nicht auffindbar wären. Doch wo anders als in den Untiefen des Meeres konnte es Antworten geben? Ruhelos suchte die Rothaarige und fand doch keine Lösung. Rastlos wie das Meer stoben die Gedanken durch ihren Kopf und ließen sie nicht los.
Was war es nur, was sie so sein ließ wie sie war? War sie wirklich so unnahbar, so ein unlesbares Buch für Jedermann? War nicht jeder Mensch auf seine Weise eigen und egozentrisch? Wieso sollte sie sich ändern, wenn die Welt es auch nicht tat? Warum, bei allen Göttern, war sie diejenige, die angeblich immer alle wegstoßen würde?
Schnaufend warf sie den Kopf zurück und zog das Knie etwas näher an den Körper heran, während sie den Arm darumschlang. Wie lange saß sie bereits auf dem Geländer und betrachtete das Meer? Es mochte bereits eine Weile sein; lange genug zumindest, um den Alkohol wieder in klare Bahnen zu führen. Die Fußspitze des anderen Beines fand Halt am Boden des Steges, der Pfosten des kleinen Häuschens hinter ihr gab ihr den nötigen Widerstand im Rücken. Zurückgezogen im Nirgendwo und doch in einem sicheren Hort...sie musste nicht um Schatten in der Nacht fürchten oder ungebetene Stimmen, die sie stören würden. Weit weg genug, um nicht gestört zu werden und doch greifbar für Menschen, die ihr wichtig waren.
Wichtig... Sie atmete tief durch und schloss die Augen, während weitere Gedanken durch den Kopf schossen und ihr für einen Moment das Herz schneller schlagen ließ. Der Magen verkrampfte sich mit dem Rest des Körpers. Sie kannte wenige Menschen, die ihr wichtig genug waren, wusste um wenige, für die sie sich in Gefahr begeben würde. Natürlich, da war ihre Schwester, Ira. Die Kleine, die seit Tagen...oder waren es Wochen, schon wieder ständig unterwegs war. Sie wollte sie nicht kontrollieren, doch ein schaler Geschmack im Mund ließ sich nicht verleugnen. Vielleicht musste sie doch einmal wieder herumfragen und sich erkundigen. Vielleicht...
Was sie wusste, war jenes: Sie wurde nicht von Ira in Frage gestellt. Die Kleine wusste um ihre Macken und Eigenheiten, wusste, wie sich die große Schwester benahm. Selbst nach Jahren des Nicht-Sehens war es wie ein schweigsames Einkommen, dass man jenes nicht groß offenlegte und die Familienwurzeln als das gemeinsame ansah. Man hielt zusammen, weil man aufgewachsen war im gleichen Haus. Weil man zueinander gehörte...und weil man sich brauchte.
Warum war es dort so einfach und bei anderen nicht? Musste man auf dieser verdammten Insel wirklich alle in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass sie einem das Liebste auf Erden sind?! Konnte man nicht einfach mal annehmen, dass man Selbst keinen Mist bauen würde?
Seufzend änderte sie ihre Sitzposition und verschränkte die Arme vor der Brust. Irgendwo erschallte der Ruf eines Uhus, der wohl auf der Suche nach Nahrung war, während die Wellen unablässig ihr eigenes Lied komponierten. Sie verstand diese Welt um sich herum nicht. Einzig die Natur war zu verstehen, in all ihren Facetten. Es gab Bücher mit Wissen darüber, es gab die Beobachtung und das Zuhören in jener. Doch den Menschen verstand sie nicht. Vor allem wohl sich Selbst nicht.
Es gab nur eines, was sie wusste. Dass der Wind ihren Namen flüsterte in mancher Nacht. Und in jenen Nächten hatte sie besonders Angst. Angst, sich selbst zu entdecken und all ihre Fehler. Und, im schlimmsten Fall, sie nicht ändern zu können...