Feuer, Erde und irgendwas dazwischen

Geschichten eurer Charaktere
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Ich schlief, wusste, dass ich träumte. Und trotzdem kam es mir real vor, ließ mich zweifeln, ob ich es nicht doch erlebte.

“Wo willst du mit mir hin?“
Meine eigene Stimme klang mir fremd. Der Blick ruhte auf einen Burschen, der etwa sieben oder acht Jahre alt sein musste. Ich wusste, ich könnte ihn nicht verleugnen, wenn uns irgendwer sah. Etienne griff meine Hand und zog mich mit.

„Ich muss dir etwas zeigen.“

So fing es meistens an. Kurz zog eine vage Erinnerung an vergangene Träume an mir vorbei. Es war lange her, dass ich ihm in meinen Träumen begegnete. Eine Ahnung, begleitet von einem flauen Gefühl in der Magengegend, kündigte sich an.
„Sie ist wieder da, oder?“

„Ja, aber das ist es nicht. Es ist auch nicht wichtig. Konzentrier dich.“
Eigentlich hatte es etwas Erheiterndes von einem Kind zurechtgewiesen zu werden, wie von einem alten Lehrer, aber irgendetwas ließ mich die Worte ernster nehmen, als ich es von meinem Lehrmeister von einst jemals getan hätte. Das vor mir war nicht wirklich ein Kind. Ein Kind, ein lebendes Kind hatte Etienne nie sein dürfen. Ohne es auch nur annähernd unterdrücken zu können, lief mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken, schob alle Gedanken beiseite und versuchte mich zu konzentrieren, auch wenn ich noch nicht wusste, auf was eigentlich.
Den Weg, den wir nahmen, sah ich nicht. Es war neblig, diffuses hellgraues Licht, keine Anhaltspunkte. Trotzdem bewegte Etienne sich sicher voran und als er stehen blieb und der Nebel sich verzog, sah ich Runen, sah ich Flammen, hörte ich das Rauschen des Feuers. Ich erkannte es sofort wieder.

„Da hast du drinnen gestanden.“
„Ja, aber nicht allein.“
„Nein, nicht allein, aber du hast da drinnen gestanden.“
Ich spürte den forschenden Blick des Kindes, das kein Kind war, auf mir liegen. Unangenehm.
„Sieh mich nicht so an.“

„Du fürchtest dich nicht mehr?“
„Doch.“
Trotzdem runzelte ich die Stirn. Etwas war anders, ganz ohne Frage.

„Vor dem Feuer, oder vor dem, aus was es gemacht wurde und noch immer darin innewohnt?“
Ich zögerte bei meiner Antwort. Ich zögerte lange.
„Vor dem Schaden, das es anrichten kann.“

„Also hast du vor dem Feuer Respekt, und vor dem Lied auch?“
„Ja, sehr großen.“
„Das ist besser, als deine Panikanfälle.“
Er klang hörbar zufrieden – und verschwand. Einfach so. Plötzlich war ich allein, vor mir das Runenfeuer, darum herum nichts als nebelgraues Licht. Ich setzte mich hin und sah es mir an. Ich meinte sogar die Hitze zu spüren, und irgendwann von hinten eine gewisse Kühle, fast schon Kälte, als es die Hitze des Feuers auch vor mir vertrieb. Dann wurde es dunkel.


Ich schlug die Augen auf. Es war bereits hell. Ich fühlte mich erschlagen, noch immer erschöpft und ich fror. Also griff ich nach der Decke, die ich offenbar weggetreten hatte, und zog sie über mich. Dabei fiel mein Blick auf meine linke Hand. Der Handrücken war rot, glänzte etwas, als hätte jemand Salbe aufgetragen. Den Verbrennungen nach zu urteilen, die ich darauf sah, war das mit der Salbe sogar sehr wahrscheinlich. Ich konnte mich nur nicht mehr daran erinnern, wann sie das getan haben könnte. Das letzte, was ich noch wusste, war der Weg hinauf ins Schlafzimmer, und den legte ich schon schlaftrunken zurück. Auch das Bad hatte ich nicht mehr ganz so bewusst im Gedächtnis. Aber nötig musste es gewesen sein. Ich fröstelte erneut, trotz Decke, hob sie an und machte eine kurze Bestandsaufnahme. Die Hand war scheinbar nicht der einzige Körperteil, dass etwas abbekommen hatte. Wie es um meine Haare und mein Gesicht stand, wollte ich gar nicht erst wissen. Ein Griff in den Schopf teilte mir schon mit, dass sie nicht nur zerzaust waren, sondern stellenweise sicher auch versengt und damit kürzer.
Ich sank zurück auf das Kissen. Sofort kehrten die Erinnerungen an den gestrigen Abend zurück. Während ich so da lag, und mein eigenes Handeln reflektierte, hätte ich fast gelacht. Es war nicht das erste Mal, dass ich Todesangst und Panik in Wut umgewandelt hatte. Es war auch nicht das erste Mal, dass mir die Wut half, durchaus rationaler zu denken, als wenn die Angst die Oberhand hatte.
Die ganze Sache hinterließ bei mir allenfalls einen bitteren Nachgeschmack für den Augenblick. Tatsächlich verhielt es sich gar nicht so, wie damals bei dem Vulkangeist. Die Angst war nicht da. Damals reichte mir der bloße Gedanke daran, und ich hätte mich am liebsten in irgend ein Loch verzogen und wäre darin eher verhungert, als freiwillig herausgekrochen. Abermals spürte ich Erleichterung in mir aufkeimen. Ich machte mir keine Illusionen. Die Angst war noch da. Aber sie war auf ein gesundes Maß geschrumpft. Bestimmt etwas, womit ich arbeiten konnte – besser jedenfalls als mit der Panik.
Bei der Überlegung, ob ich mich dabei selbst auf die Probe stellen sollte, zögerte ich allerdings doch länger.

Einerlei, ich musste es rausfinden. Außerdem – und für den Augenblick viel wichtiger: Ich war am verdursten. Also schwang ich die Füße aus dem Bett und schlüpfte in die Hose. Als der Stoff über meine Beine glitt, verzog ich das Gesicht. Ich hatte schon eine Idee, wie ich es herausfinden wollte, ob da gesunder Respekt und eine kleine gesunde Portion Angst war, oder ob ich schreiend davon lief.
„Maja! Bist du da?“
Ich suchte mir den Weg nach unten in die Küche, um erst einmal eine Karaffe Wasser zur Hand zu nehmen und zur Hälfte zu leeren.
„Wenn ich so Dienst schieben soll, geh ich vor die Hunde. Könntest du nicht.. mal.. ein bisschen schummeln?“
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