Was das Leben bereit hält
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Dazen Wolfseiche
Was das Leben bereit hält
Man muss aufs Höchste kommen,
Bei Alatar werden nur die Würdigsten angenommen.
Ich widersprach nicht.
Es war der erste Tag. Dafür hatte ich bereits viel erledigt, auch wenn ich es einer schieren Glückssträhne zuschreiben musste. Eine Glückssträhne und jede Menge Schulden. Letztere bereiteten mir Magenschmerzen, aber ich nahm mir fest vor den Umstand so bald als möglich aus der Welt zu schaffen.
Mit einem dumpfen Geräusch fiel die Bettrolle auf den harten Holzboden. Ich entrollte sie mit dem Fuß und schob gleichzeitig den Rucksack in die nächste Ecke. Mehr als die zwei Sachen und meiner Person befand sich nicht in dem kleinen Raum. Eigentlich glich es mehr einer Abstellkammer, aber zum Schlafen genügte es. Es war trocken, nicht unbedingt sehr warm, aber auch nicht so kalt wie draußen, und vor allem war es sauber. Ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger, aber ich konnte und wollte mich ganz bestimmt nicht darüber beklagen.
Nachdem das Nachtlager soweit hergerichtet war, viel war dafür ja nicht zu tun, stellte ich mich ans Fenster und sah in die Nacht hinaus – bis zur Stadtmauer, um genau zu sein, die kaum eine Armeslänge entfernt aufragte. Tolle Aussicht! Ich riss das Fenster auf und setzte mich auf den Fenstersims, ließ ein Bein hinaus baumeln und schielte am Dachvorsprung vorbei zum Himmel hinauf. Es schneite schon wieder.
Die frische Luft half mir die Müdigkeit zu vertreiben und ein paar klarere Gedanken zu fassen. Aufmerksamkeit zu erregen war nicht grundsätzlich von Vorteil. Fraglich, ob mir die, die mir zuteil geworden war, gefallen wollte. Einerseits war es für mein in der Ferne liegendes Ziel sicher lohnend. Andererseits konnte es zu unerwarteten Schwierigkeiten führen.
Träge fingerte ich in meinen Hosentaschen herum, holte ein Stückchen Holz hervor und mein Messer. Im spärlichen Licht der Kohlepfanne begann ich mit dem Werkzeug daran herumzuwerkeln.
Das Normalste an dem Tag war das Bürgergespräch gewesen. Alles andere wirkte sehr befremdend auf mich, wirr, chaotisch. Dabei schätzte ich Ordnung über alles. Ordnung und Kontrolle. Ich hoffte, das Gespräch brachte wenigstens ein Stück weit selbiges zurück. Ordnung und Kontrolle. Wobei ich den Verdacht hegte, dass das Chaos Einzug hielt, als ich in die Seitengasse einbog und dem Strohhut gegenüberstand. Wenigstens war es ein zwischenzeitlich sehr erheiterndes Chaos. Viel öfter wirkten die Fragen, die der Strohhut stellte, verstörend auf mich. Dem Clericus machten sie nichts aus, so schien es mir. Andere hätten sich gewiss für blöd verkauft gefühlt oder behauptet, sie wäre nicht bei voller Geisteskraft. Für dumm wollte ich sie aber nicht halten, sondern für ausnahmslos naiv und in gewisser Hinsicht sehr gutgläubig. In jedem Fall weckte der kleine Strohhut die seltsamsten Beschützerinstinkte, und so wie ich das sah, nicht nur bei mir.
Darüber hinaus…
Ich stockte in meinen Gedanken und zuckte zusammen, ließ das Holzstück in meinen Schoß fallen und steckte mir den Daumen in den Mund. Bei Temoras nacktem Arsch! Da war mir doch das Messer abgerutscht, und anstatt es ins Holz zu bohren, steckte es in meinem Finger! Ich bohrte das Messer in den Fensterrahmen und rutschte von diesem herunter, zog das Fenster zu und schloss es sorgfältig. Das Holzstück polterte hinab auf den Boden, wo ich es achtlos liegen ließ fürs Erste.
Mit dem Daumen im Mund verließ ich die kleine Kammer und ging in das provisorische Badezimmer und steckte die Hand in die Waschschüssel, in die ich Wasser hinein laufen ließ. Die ganze Zeit über fluchte ich leise vor mich hin. Als das Ziehen nachließ, zog ich die Hand aus dem mittlerweile blutigen Wasser raus und wickelte ein Tuch fest um den Daumen und schüttete den Inhalt der Schüssel aus dem Fenster.
Ich kehrte in die Kammer zurück, trat das Holzstück zum Rucksack hin, zerrte das Messer aus dem Holz und legte es zum Gepäck. Nach der kleinen Selbstverstümmelung hatte ich die Nase gestrichen voll von meinen kläglichen Schnitzversuchen und warf ich mich auf die Bettrolle. Das war mein letzter Versuch. Ganz klar lagen meine Talente woanders, aber nicht im handwerklichen Bereich.
Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen. Wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts und bringt es zu nichts.
Bei Alatar werden nur die Würdigsten angenommen.
Ich widersprach nicht.
Es war der erste Tag. Dafür hatte ich bereits viel erledigt, auch wenn ich es einer schieren Glückssträhne zuschreiben musste. Eine Glückssträhne und jede Menge Schulden. Letztere bereiteten mir Magenschmerzen, aber ich nahm mir fest vor den Umstand so bald als möglich aus der Welt zu schaffen.
Mit einem dumpfen Geräusch fiel die Bettrolle auf den harten Holzboden. Ich entrollte sie mit dem Fuß und schob gleichzeitig den Rucksack in die nächste Ecke. Mehr als die zwei Sachen und meiner Person befand sich nicht in dem kleinen Raum. Eigentlich glich es mehr einer Abstellkammer, aber zum Schlafen genügte es. Es war trocken, nicht unbedingt sehr warm, aber auch nicht so kalt wie draußen, und vor allem war es sauber. Ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger, aber ich konnte und wollte mich ganz bestimmt nicht darüber beklagen.
Nachdem das Nachtlager soweit hergerichtet war, viel war dafür ja nicht zu tun, stellte ich mich ans Fenster und sah in die Nacht hinaus – bis zur Stadtmauer, um genau zu sein, die kaum eine Armeslänge entfernt aufragte. Tolle Aussicht! Ich riss das Fenster auf und setzte mich auf den Fenstersims, ließ ein Bein hinaus baumeln und schielte am Dachvorsprung vorbei zum Himmel hinauf. Es schneite schon wieder.
Die frische Luft half mir die Müdigkeit zu vertreiben und ein paar klarere Gedanken zu fassen. Aufmerksamkeit zu erregen war nicht grundsätzlich von Vorteil. Fraglich, ob mir die, die mir zuteil geworden war, gefallen wollte. Einerseits war es für mein in der Ferne liegendes Ziel sicher lohnend. Andererseits konnte es zu unerwarteten Schwierigkeiten führen.
Träge fingerte ich in meinen Hosentaschen herum, holte ein Stückchen Holz hervor und mein Messer. Im spärlichen Licht der Kohlepfanne begann ich mit dem Werkzeug daran herumzuwerkeln.
Das Normalste an dem Tag war das Bürgergespräch gewesen. Alles andere wirkte sehr befremdend auf mich, wirr, chaotisch. Dabei schätzte ich Ordnung über alles. Ordnung und Kontrolle. Ich hoffte, das Gespräch brachte wenigstens ein Stück weit selbiges zurück. Ordnung und Kontrolle. Wobei ich den Verdacht hegte, dass das Chaos Einzug hielt, als ich in die Seitengasse einbog und dem Strohhut gegenüberstand. Wenigstens war es ein zwischenzeitlich sehr erheiterndes Chaos. Viel öfter wirkten die Fragen, die der Strohhut stellte, verstörend auf mich. Dem Clericus machten sie nichts aus, so schien es mir. Andere hätten sich gewiss für blöd verkauft gefühlt oder behauptet, sie wäre nicht bei voller Geisteskraft. Für dumm wollte ich sie aber nicht halten, sondern für ausnahmslos naiv und in gewisser Hinsicht sehr gutgläubig. In jedem Fall weckte der kleine Strohhut die seltsamsten Beschützerinstinkte, und so wie ich das sah, nicht nur bei mir.
Darüber hinaus…
Ich stockte in meinen Gedanken und zuckte zusammen, ließ das Holzstück in meinen Schoß fallen und steckte mir den Daumen in den Mund. Bei Temoras nacktem Arsch! Da war mir doch das Messer abgerutscht, und anstatt es ins Holz zu bohren, steckte es in meinem Finger! Ich bohrte das Messer in den Fensterrahmen und rutschte von diesem herunter, zog das Fenster zu und schloss es sorgfältig. Das Holzstück polterte hinab auf den Boden, wo ich es achtlos liegen ließ fürs Erste.
Mit dem Daumen im Mund verließ ich die kleine Kammer und ging in das provisorische Badezimmer und steckte die Hand in die Waschschüssel, in die ich Wasser hinein laufen ließ. Die ganze Zeit über fluchte ich leise vor mich hin. Als das Ziehen nachließ, zog ich die Hand aus dem mittlerweile blutigen Wasser raus und wickelte ein Tuch fest um den Daumen und schüttete den Inhalt der Schüssel aus dem Fenster.
Ich kehrte in die Kammer zurück, trat das Holzstück zum Rucksack hin, zerrte das Messer aus dem Holz und legte es zum Gepäck. Nach der kleinen Selbstverstümmelung hatte ich die Nase gestrichen voll von meinen kläglichen Schnitzversuchen und warf ich mich auf die Bettrolle. Das war mein letzter Versuch. Ganz klar lagen meine Talente woanders, aber nicht im handwerklichen Bereich.
Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen. Wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts und bringt es zu nichts.
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Dazen Wolfseiche
Überlegen: Wahrscheinlichkeit auf der Waagschale der Wünsche wiegen.
(Ambrose Gwinnett Bierce)
Es war noch dunkel, als ich das Haus verließ und mich auf den Weg machte zum Gebirgszug zwischen Düstersee und Rahal. Ein halber Tagesmarsch lag vor mir. Zeit genug, um über den vergangenen Abend und die Offerte nachzudenken, die mir gemacht wurde.
Eigentlich neigte ich grundsätzlich nicht dazu, mir allzu lange den Kopf über etwas zu zerbrechen. Es hielt nur auf und davon ab brachte es nie eine Änderung meiner vorher getroffenen Entscheidung. Na ja, nie war vielleicht nicht ganz die Wahrheit. Aber so gut wie nie ganz sicher!
Es klang gut, was er erzählt hatte.
Viel zu gut, nicht wahr, Dazen?
Oh, da war sie wieder, die eine Stimme, der mindestens sieben Egos, die ich mit mir rumschleppte. Sie, also gerade diese Stimme, war der Dämon schlechthin. Alles, was sich auftat, sich irgendwie für mich positiv anfühlte, anfasste, aussah oder wirkte, wurde denunziert, niedergemacht und weggetreten, bisweilen auch ermeuchelt. Mit einem Seufzen beschloss ich den eigenen Einwurf zu überhören.
Nachdenken hatte immer irgendwas Fatales an sich, fand ich. Zumindest wenn es um Entscheidungsfragen ging. Das Bauchgefühl riet viel zu oft was anderes, als der Verstand – und meist war die zuerst getroffene Wahl die Beste. Wie oft änderte man auf die zweite Wahl und biss sich zu guter Letzt in den Hintern? Viel zu oft. Entscheidung gefällt, Entscheidung wurde beibehalten. Warnungen waren etwas für Anfänger, Wankelmut auch. So einfach war das!
Auf halbem Weg griff ich in meine Tasche, zog einen Kanten Brot und ein Stück Wurst heraus, und machte mich über das sehr einfache Frühstück her, ohne eine Rast dabei einzulegen. Das Wetter war viel zu fein für Grübeleien.
Ich erreichte mein Ziel völlig verschwitzt und ließ den Rucksack zu Boden fallen, woraufhin es geräuschvoll schepperte. Vielleicht war es keine so glorreiche Idee gewesen in der Unterwattierung der Rüstung loszulaufen. Andererseits, hätte ich die Rüstung direkt angelegt und wäre damit marschiert, wäre es bestimmt nicht ganz so anstrengend gewesen sie und mich hierher zu schaffen. Sich darüber zu beklagen half allerdings auch nichts. Also legte ich die Teile an, so gut ich es alleine vermochte, nahm das Schwert auf und den Schild, warf den leeren Rucksack in die Büsche und machte mich auf den Weg in die vor mir liegende Höhle. Ich hatte noch immer eine Schuld zu begleichen und darüber hinaus nicht vor sie lange vor mich her zu schieben.
Die Entscheidung stand fest. Ich hielt daran fest, und ich würde es auch noch in einem Mond tun. Es stellte sich mir nur noch die Frage: Wann war der rechte Zeitpunkt gekommen, es abermals zu sagen? Und während ich den ersten Ork niederstreckte, der sich mir in den Weg stellte, beschloss ich, dass eine Woche genügen musste. Nur wer zaudert und trödelt, verpasst sämtliche Gelegenheiten.
Es kommt für jeden der Augenblick der Wahl und der Entscheidung:
Ob er sein eigenes Leben führen will, ein höchst persönliches Leben in tiefster Fülle,
oder ob er sich zu jenem falschen, seichten, erniedrigenden Dasein entschließen soll,
das die Heuchelei der Welt von ihm begehrt.
(Oscar Wilde)
(Ambrose Gwinnett Bierce)
Es war noch dunkel, als ich das Haus verließ und mich auf den Weg machte zum Gebirgszug zwischen Düstersee und Rahal. Ein halber Tagesmarsch lag vor mir. Zeit genug, um über den vergangenen Abend und die Offerte nachzudenken, die mir gemacht wurde.
Eigentlich neigte ich grundsätzlich nicht dazu, mir allzu lange den Kopf über etwas zu zerbrechen. Es hielt nur auf und davon ab brachte es nie eine Änderung meiner vorher getroffenen Entscheidung. Na ja, nie war vielleicht nicht ganz die Wahrheit. Aber so gut wie nie ganz sicher!
Es klang gut, was er erzählt hatte.
Viel zu gut, nicht wahr, Dazen?
Oh, da war sie wieder, die eine Stimme, der mindestens sieben Egos, die ich mit mir rumschleppte. Sie, also gerade diese Stimme, war der Dämon schlechthin. Alles, was sich auftat, sich irgendwie für mich positiv anfühlte, anfasste, aussah oder wirkte, wurde denunziert, niedergemacht und weggetreten, bisweilen auch ermeuchelt. Mit einem Seufzen beschloss ich den eigenen Einwurf zu überhören.
Nachdenken hatte immer irgendwas Fatales an sich, fand ich. Zumindest wenn es um Entscheidungsfragen ging. Das Bauchgefühl riet viel zu oft was anderes, als der Verstand – und meist war die zuerst getroffene Wahl die Beste. Wie oft änderte man auf die zweite Wahl und biss sich zu guter Letzt in den Hintern? Viel zu oft. Entscheidung gefällt, Entscheidung wurde beibehalten. Warnungen waren etwas für Anfänger, Wankelmut auch. So einfach war das!
Auf halbem Weg griff ich in meine Tasche, zog einen Kanten Brot und ein Stück Wurst heraus, und machte mich über das sehr einfache Frühstück her, ohne eine Rast dabei einzulegen. Das Wetter war viel zu fein für Grübeleien.
Ich erreichte mein Ziel völlig verschwitzt und ließ den Rucksack zu Boden fallen, woraufhin es geräuschvoll schepperte. Vielleicht war es keine so glorreiche Idee gewesen in der Unterwattierung der Rüstung loszulaufen. Andererseits, hätte ich die Rüstung direkt angelegt und wäre damit marschiert, wäre es bestimmt nicht ganz so anstrengend gewesen sie und mich hierher zu schaffen. Sich darüber zu beklagen half allerdings auch nichts. Also legte ich die Teile an, so gut ich es alleine vermochte, nahm das Schwert auf und den Schild, warf den leeren Rucksack in die Büsche und machte mich auf den Weg in die vor mir liegende Höhle. Ich hatte noch immer eine Schuld zu begleichen und darüber hinaus nicht vor sie lange vor mich her zu schieben.
Die Entscheidung stand fest. Ich hielt daran fest, und ich würde es auch noch in einem Mond tun. Es stellte sich mir nur noch die Frage: Wann war der rechte Zeitpunkt gekommen, es abermals zu sagen? Und während ich den ersten Ork niederstreckte, der sich mir in den Weg stellte, beschloss ich, dass eine Woche genügen musste. Nur wer zaudert und trödelt, verpasst sämtliche Gelegenheiten.
Es kommt für jeden der Augenblick der Wahl und der Entscheidung:
Ob er sein eigenes Leben führen will, ein höchst persönliches Leben in tiefster Fülle,
oder ob er sich zu jenem falschen, seichten, erniedrigenden Dasein entschließen soll,
das die Heuchelei der Welt von ihm begehrt.
(Oscar Wilde)
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Dazen Wolfseiche
Die Welt macht dem Menschen Platz, der weiß, wohin er geht. (Ralph Waldo Emerson)
Es schwelte, leise und penetrant, die Wut, die ich empfand. Eine gute Übung ihn zu bewahren, den Zorn, der sich da eingenistet hatte. Ein Teil davon musste weichen, um die Contenance zu wahren. Also packte ich die verfluchte Picke fester und machte mich erneut daran einige Gesteinsbrocken aus dem Erdreich heraus zu brechen, und danach vereinzelte Schichten ab zu schlagen, dass sie brauchbar waren.
Oh, es gab genug Gründe für den Zorn, den ich mit mir herumtrug. Zu wenig Hirn, zu wenig von diesem und jenem, zu wenig von allem. Respektlosigkeiten gegenüber dem Tempel, Respektlosigkeiten gegenüber dem Reich, Respektlosigkeiten gegenüber so vielem. Gerüchte, Schönredereien, wandelnde Blödheit. Es gab wahrlich vieles, was mich wütend machte. Vor allem war ich aber ziemlich sauer auf mich selber. Wie konnte ich mich von so viel dummen Gefasel nur so lenken lassen, so einfältig provozieren lassen? Aber es musste wohl gottgefällig sein, denn es schürte Zorn, gleichwohl Hass.
Ich schwitzte, die Muskeln schmerzten; ich machte weiter. Staub vermischte sich mit Schweiß, verklebte mir zwischenzeitlich immer mal wieder gern die Augen; ich machte weiter. Mehr. Mehr Zorn. Mehr Hass. Mehr von allem. Weniger Taverne, weniger Weiber, weniger unsinnige Gerüchte, weniger an den Haaren herbeigezogene üble Nachrede, weniger Ärger.
Ich sortierte schwerfällig ein paar Brocken Kupfer aus. Kohle. Zurechtgeschlagener Stein. Ein Schluck Wasser. Ein kleiner Guss über den Kopf, die Picke wieder fest gepackt, und weiter. Mehr. Weniger. Noch mehr.
Schweigen. Schwitzen. Krämpfe. Weitermachen. Zorn. Hass. So ging es jetzt seit einigen Stunden. Als die drei Haufen groß genug waren, machte ich mich daran sie fortzuschaffen. Die Steine ins Lager der Gemeinschaft. Das Kupfer und die Kohle heimwärts. Kupfer für Florentine, Kohle für Dyla? Ich wusste es noch nicht genau. Verkommen würde es jedenfalls nicht. Geschafft und am Ende meiner Kräfte, schleppte ich mich daheim angekommen ins Bad und setzte mich in die Wanne. Das Wasser färbte sich schwarz, lockerte die Muskeln, ließ mich in wattiger Wärme zurück, so dass ich bald schon wegdämmerte.
Das aufgeregte Klopfen des Hasen im Nachbarzimmer schreckte mich auf. Fast wäre im Dreckwasser abgesoffen vor Erschöpfung. Leise fluchtend wusch ich mich gründlich und kämpfte mich dann aus der Wanne heraus. Ich zog mich an und machte mich wieder auf den Weg gen Rahal. Die Weihe stand an und ich wollte nicht zu spät kommen.
Noch völlig benommen von dem heißen Bad und der anstrengenden Arbeit nahm ich nach der dazu gehörigen Respektsbekundung gen Altar vor Thanaya und Asaniel auf der Bank Platz, wenngleich auch nur für einen kurzen Augenblick, als es schon wieder hieß aufzustehen.
Und auch während der Weihe begann der leise Zorn wieder anzuschwelen. Wieder Respektlosigkeit, während der Weihe, als auch danach. Unsympathisch.
Zurückhaltung. Schon wieder eine Zurechtweisung. Ertragen. Durchatmen. Zurückhaltung.
Reiß dich zusammen..
Durchhalten. Zurückhaltung. Disziplin. Selbstbeherrschung.
Sieh genau hin und lerne.
…
Miststück von Ritterin.
Zwischen dir und deinem Ziel steht nur dein Wille. (Roswitha Bloch)
Es schwelte, leise und penetrant, die Wut, die ich empfand. Eine gute Übung ihn zu bewahren, den Zorn, der sich da eingenistet hatte. Ein Teil davon musste weichen, um die Contenance zu wahren. Also packte ich die verfluchte Picke fester und machte mich erneut daran einige Gesteinsbrocken aus dem Erdreich heraus zu brechen, und danach vereinzelte Schichten ab zu schlagen, dass sie brauchbar waren.
Oh, es gab genug Gründe für den Zorn, den ich mit mir herumtrug. Zu wenig Hirn, zu wenig von diesem und jenem, zu wenig von allem. Respektlosigkeiten gegenüber dem Tempel, Respektlosigkeiten gegenüber dem Reich, Respektlosigkeiten gegenüber so vielem. Gerüchte, Schönredereien, wandelnde Blödheit. Es gab wahrlich vieles, was mich wütend machte. Vor allem war ich aber ziemlich sauer auf mich selber. Wie konnte ich mich von so viel dummen Gefasel nur so lenken lassen, so einfältig provozieren lassen? Aber es musste wohl gottgefällig sein, denn es schürte Zorn, gleichwohl Hass.
Ich schwitzte, die Muskeln schmerzten; ich machte weiter. Staub vermischte sich mit Schweiß, verklebte mir zwischenzeitlich immer mal wieder gern die Augen; ich machte weiter. Mehr. Mehr Zorn. Mehr Hass. Mehr von allem. Weniger Taverne, weniger Weiber, weniger unsinnige Gerüchte, weniger an den Haaren herbeigezogene üble Nachrede, weniger Ärger.
Ich sortierte schwerfällig ein paar Brocken Kupfer aus. Kohle. Zurechtgeschlagener Stein. Ein Schluck Wasser. Ein kleiner Guss über den Kopf, die Picke wieder fest gepackt, und weiter. Mehr. Weniger. Noch mehr.
Schweigen. Schwitzen. Krämpfe. Weitermachen. Zorn. Hass. So ging es jetzt seit einigen Stunden. Als die drei Haufen groß genug waren, machte ich mich daran sie fortzuschaffen. Die Steine ins Lager der Gemeinschaft. Das Kupfer und die Kohle heimwärts. Kupfer für Florentine, Kohle für Dyla? Ich wusste es noch nicht genau. Verkommen würde es jedenfalls nicht. Geschafft und am Ende meiner Kräfte, schleppte ich mich daheim angekommen ins Bad und setzte mich in die Wanne. Das Wasser färbte sich schwarz, lockerte die Muskeln, ließ mich in wattiger Wärme zurück, so dass ich bald schon wegdämmerte.
Das aufgeregte Klopfen des Hasen im Nachbarzimmer schreckte mich auf. Fast wäre im Dreckwasser abgesoffen vor Erschöpfung. Leise fluchtend wusch ich mich gründlich und kämpfte mich dann aus der Wanne heraus. Ich zog mich an und machte mich wieder auf den Weg gen Rahal. Die Weihe stand an und ich wollte nicht zu spät kommen.
Noch völlig benommen von dem heißen Bad und der anstrengenden Arbeit nahm ich nach der dazu gehörigen Respektsbekundung gen Altar vor Thanaya und Asaniel auf der Bank Platz, wenngleich auch nur für einen kurzen Augenblick, als es schon wieder hieß aufzustehen.
Und auch während der Weihe begann der leise Zorn wieder anzuschwelen. Wieder Respektlosigkeit, während der Weihe, als auch danach. Unsympathisch.
Zurückhaltung. Schon wieder eine Zurechtweisung. Ertragen. Durchatmen. Zurückhaltung.
Reiß dich zusammen..
Durchhalten. Zurückhaltung. Disziplin. Selbstbeherrschung.
Sieh genau hin und lerne.
…
Miststück von Ritterin.
Zwischen dir und deinem Ziel steht nur dein Wille. (Roswitha Bloch)
Zuletzt geändert von Dazen Wolfseiche am Dienstag 26. Februar 2013, 19:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Dazen Wolfseiche
- Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
an Dingen, welche wir nicht kriegen.
Drum lebe mäßig, denke klug,
wer nichts gebraucht, der hat genug.
(Wilhelm Busch)
Einmal mehr durfte ich feststellen, wo der Mensch alles Muskeln sitzen hatte, von denen er nichts ahnte. Verdammt, selbst im Gesäß zog es bis zum Dorthinaus!
Die Begegnung am Abend auf der Straße mit der Ritterin verlief durchwachsen. Ich würgte auch zuhause noch an der Entschuldigung, die ich zweifellos hatte bringen müssen, um irgendwann einmal mit dem Unterricht beginnen zu können, den sie angeboten hatte. Wenn ich etwas lernen wollte, musste ich notgedrungen in den sauren Apfel beißen. Also biss ich. Ich versichere, der Apfel war verdammt sauer.
Das nachfolgende Schauspiel, das Neyla und Saremus lieferten, war eindeutig genug, um sich im Fremdschämen zu üben.
Ich fragte mich ernsthaft, was Thanaya und Alin dort hinzog oder gar hielt. Dieser Haufen war… tja, so wie ich, eine Zumutung. Um das Ganze für mich noch peinlicher zu machen: Ich sah die Fehler und war selber kein Stück besser an gewissen Stellen. Das vor mir liegende Problem war indes nicht meins. Sicherlich ärgerte es mich, stillhalten zu müssen. Nichts ändern zu können. Was mich noch wütender macht – die Backpfeife, die Neyla kassiert hatte, war mehr als gerechtfertigt gewesen, dummerweise viel zu lasch und vor allem vom Falschen vollzogen.
- Gehabte Schmerzen, die hab’ ich gern. (Wilhelm Busch)
Womit ich nicht rechnete, war die Aufforderung der Ritterin, die nach der Säuberung die Siedlung auf ihrem – oder Thanayas – Gaul verließ. Eine viertel Stunde um aus der Rüstung raus zu kommen. Völlig irre, unmöglich alleine. Nun, Zorn verleiht gelegentlich auch dahingehend Flügel. Und Florentine schaffte es von jetzt auf gleich einen ganzen Kloß voller Wut in meinem Magen zu hinterlassen, so wie sie ihre Worte wählte, um der Ritterin kundzutun, was sie schon über ihren Bruder gehört hatte. Ich hätte sie ermorden wollen.
Natürlich schob sie es auf die Ritterin, die mit ihren Scherzereien dahingehend anfing und es offenkundig nicht vertrug, wenn man auf der Kutsche ein Stück weit mit fuhr. Auf meine Kosten! Nicht, dass es schon selber gut genug hinbekam mich in die Scheiße zu reiten, andere fühlten sich mittlerweile offenkundig ebenfalls dazu berufen mich in Schwierigkeiten zu bringen. Das war’s für mich. Ich stapfte wutentbrannt heimwärts, um die Rüstung loszuwerden und einigermaßen anständige Kleidung anzulegen.
Dank der Wut schaffte ich es in der Zeit gerade so und stapfte gen Heimstatt der Ritterin. Die Worte, die mir Florentine vor der Türe noch zusteckte, brachten mich erneut in Rage.
Haltung bewahren.
Blödes Weibstück, elendes. Ich ließ sie stehen und klopfte an. Haltung bewahren! Sie ritt mich in den größten Ogermist rein und kam mir dann mit so nichtsnutzigen Ratschlägen daher! Für mich sprach der Blick der Ritterin Bände – vermutlich las ich sie falsch, oder es lag an dem flauen Gefühl in der Magengegend, gemischt mit der satten Portion Wut. Mir war nach allem anderen, aber nicht nach eintreten, zumute. Trotzdem kam ich der Aufforderung nach, die nach dem Öffnen der Türe folgte. Ehrlich gesagt, ich hätte nicht sagen können, was ich grausamer fand. Wenn sie mit ihrem Sarkasmus um sich schlug, um mich darauf hinzuweisen, dass etwas nicht passte, oder wenn sie gar nichts sagte – so wie jetzt. Schwer bemüht die Sache einfach zu umgehen, sprachen wir eine geraume Weile über ganz andere Dinge.
Wie lernt man aus den Gesten und Mienen Anderer zu lesen? Man musste genau hinsehen, auf jede Kleinigkeit achten. Der Ritterin fielen sogar Dinge ein, an die ich nie im Leben gedacht hätte. Wer bei allen Niederhöllen achtete auch schon auf.. Fingernägel?!
Nun ja, meine Aufgabe erhielt ich damit letzten Endes. Und als leicht empfand ich sie nicht gerade. Mehr differenzieren. Ich hatte nur eine sehr begrenzte Ahnung, was mir dabei helfen konnte.
Soweit war alles ganz gut verlaufen – Haltung bewahrt. Letztlich hielt ich es aber nicht mehr aus und sprach es selber an. Ich verwettete meine ganze Habe darauf, dass sie es vorher schon wusste, dass ich das tun würde. Auch das verlief einigermaßen gut. Schön. Und dann beging ich einen groben Schnitzer. Einen verfluchten dummen Fehler. Wieder einmal gab sie ein wenig Sarkasmus zum Besten. Wieder in der Form, mit der man sich nur in die Nesseln setzen konnte, wenn man sich darauf einließ – und ich Idiot dachte langsamer, als die Zunge locker saß.
Ich würde Euch als schwierig bezeichnen, aber nicht hoffnunglos.
Großartig, Dazen, einfach riesig! Damit hätte ich mehr als nur eine Ohrfeige verdient gehabt. Dass ich nicht achtkantig rausflog, war schon mehr als erstaunlich. Nichts desto trotz suchte ich alsbald darauf das Weite, bevor mir noch mehr Dummheiten herausrutschten, die ich später nur bereuen konnte.
Was ich in jedem Fall am nächsten Tag bereute, war es nach dem Absinth daheim gegriffen zu haben. Mein Kopf war derart angefüllt von Schmerzen, dass er durch keine Tür passte. Froh und dankbar darum, dass die Fenster meines Zimmers beide nach Norden hinaus gingen, zog ich die Vorhänge dichter davor, stopfte sie gar fest und zog danach das Kissen wieder über den Kopf, um ja kein Tageslicht sehen zu müssen.
Während das dauerhafte Pochen an den Schläfen mich fest im Griff hielt, stellte ich fest, dass ich für die Aufgabe garantiert noch in diesen oder jenen Apfel würde beißen müssen. Wundervoll! Um möglichst viele Leute zu Gesicht zu bekommen, sie studieren zu können, ohne dass es mir gleich krumm genommen wurde, gab es nur eines, das mir zu tun einfiel. Ich hasste die Idee von vorn herein abgrundtief.
Allein daran gemessen, wie oft ich in Zorn badete und wie sehr ich gerade imstande war zu hassen, musste der Herr mich für einen der seinen anerkennen – wahrlich. So schnell wie der Gedanke kam, verwarf ich ihn gleich wieder, und kroch aus dem Bett raus, las meine Sachen auf und zog mich an. Nach ein paar Hand voll kalten Wassers im Gesicht, stahl ich mich mit vorsichtig gesetzten Schritten aus dem Haus gen Tempel und gab mich der kühlen Stille des Gemäuers und des Gebets hin.
Ich hätte im Übrigen schwören mögen, dass die Kopfschmerzen dort noch zunahmen, als gelungener Abschluss für meine frevelhaften Gedanken.
Du bist ein Idiot, Dazen, durch und durch.
- Wie klein ist das, was einer ist,
wenn man's mit seinem Dünkel misst.
(Wilhelm Busch)
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Dazen Wolfseiche
- Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschen.
Unter seinem Hauche entfalten sich die Seelen.
(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)
Ich konnte sicher auf die Theorie zurückgreifen, die ich gelesen hatte, aber die bezog sich auf ganz andere Örtlichkeiten und meine Erfahrung war alles andere als nennenswert.
Als wir an der Feste ankamen, hatten sich schon die Mehrzahl an Alatari dort versammelt. Unter anderem auch die Ahad. Gerade war der Clericus dabei die Neuigkeiten zusammen zu fassen, als ich ihr den Schrieb Cha’xyrols in die Hand gab.
Es blieb eigentlich nicht viel dazu zu sagen. Mir war das Kommando übertragen worden für diese Sache, und ich hatte keine Ahnung, wie ich sie umsetzen sollte. Der Anfang war leicht. Kundschafter ausschicken, die die Situation nahe Varuna im Blick behielten, und falls die Alumener anrückten, Meldung zu geben.
Alles Weitere überließ ich der Ahad. Ich hatte zum einen wenig Ahnung davon, wer was vermochte, und zudem noch weniger davon, wie eine Aufteilung der Leute am sinnvollsten umzusetzen war. Nach wie vor bemüht den Schmerz an meiner Seite zu ignorieren, verfolgte ich möglichst aufmerksam, wo sie wen hinschickte, was sie ihnen auftrug und hielt mich zunächst in ihrer Nähe. Das Eingeständnis der fehlenden Erfahrung fiel mir sicher alles andere als leicht, und über die Hilfe hinaus war ich auch dankbar darum, dass sie dafür kein schlechtes Wort übrig hatte, sondern anbot zu lernen.
- Schmerz ist der Vater der Weisheit.
Was mich nicht unbedingt mit Trauer erfüllte, war die Tatsache, dass die Untoten in Varuna offenbar einem Wunder anheim gefallen waren. Ich hatte für Raben nicht viel übrig. Auch nicht für den, der die ganze Zeit bei der Lethra gluckte und alles mitverfolgte. Dass es sich dabei um ein echtes Vogelvieh handelte, wagte ich zu bezweifeln (was ich zugegebenermaßen allein aus dem Verhalten der Lethra schloss). Dennoch sagte ich nichts dazu. Ich hatte genug zu tun, als dass ich mich noch mit so was befassen wollte.
An der Festung blieb es ruhig. Die einzigen, die dort verkehrten, waren die eigenen Leute. Ich musste mir eingestehen, dass ich darum nicht traurig war. Die Seite brannte mittlerweile durchgehend, so dass ich mich daran mehr oder wenig gewöhnt hatte.
Als die letzten Berichte von Varuna eintrafen und damit auch langsam Ruhe einkehrte, zogen wir uns in die Festung zurück und schlossen am Ende das Tor. Im Grunde war ich zufrieden mit dem Verlauf. Mir blieb nur zu hoffen, dass es der Clericus ebenfalls war. Was bis dahin allerdings gut verlief, änderte sich wenig später schon, als die Sache mit den Schießübungen zur Sprache kam und ich meinen Ärger darüber nicht für mich behalten konnte (noch wollte, um ehrlich zu sein).
Was für eine Strafe es zur Folge haben würde, als ich mich an die Seite von Thanaya und Alin stellte, wusste ich nicht. Nur, dass ich sie noch zu erhalten hatte. Sie sollte noch an diesem Abend folgen, und ich durfte mir auch sicher sein, dass ich sie in vollem Umfang erhielt, dank meiner mal wieder losen Klappe, die ich nicht halten konnte. Das Ärgerlichste daran war nicht die Strafe, oder gar ihre Härte an und für sich, sondern die Tatsache, dass nicht nur die anwesend waren, die zu den Prätorianern gehörten. Das einzige, was mir blieb, war die Haltung zu bewahren, irgendwie.
Was mich außerdem ärgerte, war die Ankündigung der Strafe, die wie Hohn in meinen Ohren klang
Du kannst es wohl kaum erwarten, deine Strafe zu erhalten.
Es machte mich noch zorniger, als ich ohnehin schon war. Vielleicht war das ganz gut so, denn gerade diese Wut in mir, sorgte dafür, dass ich den Rest ertrug und mir nicht die Blöße gab, unter den Peitschenhieben zusammen zu brechen, oder gar laut zu schreien vor Schmerz. Und es schmerzte. Der Vorteil daran war, dass ich die Seite danach nicht mehr spürte, dafür aber den ganzen verdammten Rücken, der wie Feuer brannte.
Die Behandlung danach machte es zunächst auch nicht besser. Ich hätte irgendwen am liebsten umgebracht währenddessen. Was auch immer Florentine auf die Striemen auftrug, es brannte nicht weniger, sondern noch mehr. Es fiel mir schwer, mich zusammen zu nehmen. Meine Laune war entsprechend am Tiefstpunkt angelangt. Das Einzige, was mich an all dem amüsierte, war die Tatsache am nächsten Tag wieder die Rüstung tragen zu müssen. Nicht, weil ich mich auf die Schmerzen freute, die das zweifellos verursachen würde, sondern vielmehr deshalb, weil ich soweit wieder hergestellt sein sollte, dass ich es konnte. Ich zweifelte daran, widersprach aber nicht.
Trags mit Fassung, du hast es ja selbst so gewählt, Dazen, du Idiot.
Die Nacht sollte unruhig verlaufen, halb dösend, halb schlaflos, denn jedes Mal, wenn der Körper meinte sich in aller Schlaftrunkenheit auch nur annähernd auf den Rücken drehen zu müssen, saß ich senkrecht auf dem Fell und verkniff mir nur mit Mühe laut los zu fluchen.
Irgendwann gab ich es auf, legte in ein paar Etappen die verdammte Rüstung an und verzog mich auf den Nordturm und starrte in die Dunkelheit gen Ruinenstadt. Mochten sie doch alle die Raben fressen.
- Und war es auch ein großer Schmerz,
und wär´s vielleicht gar eine Sünde,
wenn es noch einmal vor dir stünde,
du tätst es noch einmal, mein Herz.
(Theodor Storm)
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Dazen Wolfseiche
- Ich fühle mich überfordert und habe Angst zu versagen. Nimm mir die Angst. Gib mir die nötige Zuversicht. Schenke mir klare Gedanken.
Nach den Beben galt der Clericus nach wie vor als verschollen. Keiner der Kinder des All-Einen, mit denen ich gesprochen hatte, wusste etwas. Das Ende vom Lied war die Entscheidung der Gemeinschaft, dass ich mich fortan mit allen Problemen rumschlagen durfte. Sicher, ich hätte auch ablehnen können, aber ich wollte sie nicht enttäuschen. Was für Schwierigkeiten das für mich zur Folge haben würde, konnte ich mir in dem Moment nicht mal ausmalen. Aber schon ein oder zwei Tage später wurden einige davon deutlicher.
Ränkeschmiede hier, Forderungen dort, Gratwanderungen überall. Dazu kamen weitere Aufgaben, die direkt vor meiner Nase lauerten, die einiges noch verkomplizieren würden, sollte es denn so gelingen, wie gedacht. Dummerweise war ich so gar nicht vorbereitet, und wusste nicht einmal auf was genau ich mich einstellen durfte oder musste. Die Frage dazu blieb auch unerhört und unbeantwortet. Stattdessen wiederholte ich unentwegt „Ich schaffe das“, bis es mir selbst zu den Ohren herauskam und ich kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren, weil ich das Gefühl hatte, es würde niemals angenommen werden, was ich sagte. Ich hoffte inständig, ich käme noch dazu einige Fragen loszuwerden. Wenn schon nicht dort, wo sie hingehörten, dann vielleicht beim Ahad.
Genauso blieb mir zu hoffen, dass er mich begleitete bei dem Vorhaben, das noch in der kommenden Woche ausstand. Gut wäre das allemal, auch wenn ich zunächst unbedingt versuchen wollte, mich selbst zu behaupten – irgendwie. Nicht, dass ich einen Plan hatte, aber wer brauchte auch schon Pläne, wenn die Spontanität der beste Freund war?
Pläne waren was für Anfänger – und vielleicht sollte ich schwer bedenken, dass ich ein verdammter Anfänger war.
Herr, in was für eine Situation bin ich da geraten? Soll das eine deiner Prüfungen sein, die ich zu bewältigen habe?
Überflüssige Frage. Natürlich war das eine Prüfung. Wobei diese Prüfung sich noch vervielfachen würde in den kommenden Tagen und die Gratwanderung dann womöglich zu einem wahren Höllenritt wurde.
Eines allerdings nahm ich mir dennoch schon jetzt vor. Es war das erste und letzte Mal, dass ich so viele Informationen freiwillig rausgab. Auch fragte ich mich im Stillen, wie viel da andere tatsächlich wussten und uns vorenthalten wurde. Ich war mir irgendwie sicher, dass es sich irgendwann auflöste. Wie auch immer es ans Licht kam, aber meine Überzeugung, mein Bauchgefühl, verrieten mir, dass es rauskommen würde.
Das Gefühl gehörig an der Nase herumgeführt zu werden, verstärkte sich während des letzten Gesprächs mit dem, auf den der Ahad so große Stücke hielt. Zweifellos, er gab mir keinen Grund dazu, Misstrauen gegenüber seinen Worten zu hegen, aber irgendwas daran passte mir nicht. Ich konnte es weder fassen, noch benennen. Trotzdem blieb das flaue Gefühl, auch nach etlichen Versuchen mir die Hirngespinste selbst auszureden.
Mit irgendwem über meine Grübeleien dahingehend zu sprechen, erschien mir ebenso sinnlos, wie gefährlich. Sollte sich meine Vermutung aber bestätigen, dann musste ich mir gut überlegen, wie ich damit umgehen wollte. Vor allem auch einiger Gemeinschaftsmitglieder wegen.
Da mir zunächst nichts Besseres einfiel, tat ich das, was den meisten Menschen in den Sinn kam, wenn sie sich in einer Notlage befanden: Ich ging hinauf in die Kapelle, kniete mich vor den Altar und begann um Führung zu bitten.
- Wer sich vor dem Morgen fürchtet, weil er versagen könnte, begrenzt seine Fähigkeiten. Wer versagt, hat nur eines zu machen: noch einmal, aber überlegter, von vorn zu beginnen. Versagen ist keine Schande, nur die Furcht davor.
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Dazen Wolfseiche
- Das Sein des Nichts
Dreißig Speichen treffen die Nabe,
die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen,
die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern,
die Leere damitten macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes,
das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.
(Laotse (6. oder 4. - 3. Jh. v. Chr.), eigentlich Laozi,
nur legendenhaft fassbarer chinesischer Philosoph,
egründer des Taoismus, Laotse bedeutet 'der Alte' und
sein Sippenname war 'Li Erl')
Nachdem ich klammheimlich und leise ins Nachbarzimmer gelinst hatte, nur um festzustellen, dass sie wirklich schlief, verzog ich mich in mein eigenes Zimmer und schloss die Tür. Nebenan brannte noch Licht, das wusste ich, ohne hinzusehen. Daher kam ich schließlich gerade erst. Ich setzte mich auf das Bett und nahm die in Öltuch geschlagene Waffe noch einmal zur Hand und warf das Tuch zurück, um das Schwert neuerlich zu betrachten. Selbst im schwachen Licht der Öllampe glomm der grüne, eingefasste Splitter leicht. Vielleicht aus sich selbst heraus, ganz sicher war ich mir nicht.
Was das für ein Splitter war, wusste ich mittlerweile sehr genau. Ich hatte einen solchen gesehen, einen Tag vor dem mir erzählt worden war, dass es aus dem Auge der Erscheinung des All-Mächtigen selbst stammte.
Damals wusste ich noch nicht, womit ich es zu tun hatte, und schenkte dem entsprechend keine große Beachtung. Wenig später war dieser Splitter darüber hinaus wieder verschwunden.
Ich war mir nicht sicher, ob sie wusste, was dieses Meisterstück in mir auslöste. Worte hatte ich dafür keine übrig gehabt. Von Geschenken hielt ich allgemein hin nichts. Das war ihr nur zu bekannt. Trotzdem hielt es sie nicht davon ab zu der Lethra zu gehen, und die Waffe anfertigen zu lassen. Und diese hatte einmal mehr bewiesen, zu welch hervorragender Arbeit sie im Stande war.
Darüber hinaus war die Wahl des Geschenks nicht dumm ausgesucht. Es war ein Werkzeug, etwas, das ich im Dienste des Herrn nutzen konnte. Damit war es nützlich und widersprach im weitesten Sinne nicht den Geboten, sondern diente der Umsetzung der Ziele des All-Einen, sofern die Hand die die Waffe führte, sich für eben dieses einsetzte. Genau das wollte ich tun.
Seltsamerweise dachte ich aber weniger über das „Geschenk“ an und für sich nach. Ich fragte mich mehr als nur einmal, warum in des Herrn Namen diese Frau ein solch wertvolles Kleinod hatte hineinarbeiten lassen. Ich war nicht dabei gewesen, hatte es auf Grund anderer Pflichten versäumt an der Feste zu sein. Zweifellos war ich neidisch auf all jene, die es miterleben durften. Und diese Verrückte gab dieses Stück Erinnerung daran einfach her mit Worten, die es mir unmöglich machten es abzulehnen.
Gedankenverloren holte ich mein Waffenleder heraus und begann damit das Blatt zu bearbeiten. Nicht, dass es mir nicht schon vorher klar gewesen wäre, aber damit trafen mich die bereits begonnenen und die bevorstehenden Veränderungen in vollem Umfang. Die Zeit der Späße war tatsächlich vorbei, verdammt. Ich hielt in der Bearbeitung der Klinge inne. Unweigerlich heftete sich mein Blick wieder auf den eingefassten Splitter. Es ärgerte mich maßlos, wie sehr ich gerade in ihrer Schuld stand. Natürlich sah sie das anders, darauf konnte ich meine gesamten Kronen verwetten. Keine Schuldfrage und so weiter. Das Problem für mich an solcherlei Gaben, war, dass ich stets das Gefühl hatte eine Verpflichtung einzugehen, die ich nicht wollte. Im Grunde war es auch so, oder nicht? Im entscheidenden Moment würde ich sie opfern müssen, ob es mir passte oder nicht. Und stand für mich diese beschissene Verpflichtung im Raum zu schützen, dabei entsprach das so gar nicht den gängigen Prinzipien. Und verdammt, ich wusste, sie würde das weder erwarten noch wollen. Natürlich nicht.
Noch nie, wirklich noch nie hatte ich mich wegen einer Waffe so zwiespältig gefühlt, wie in diesem Moment. Einerseits war die Gabe in etwa so groß wie die Aufgaben, denen ich mich gegenübersah, was eine ungeheure Wertschätzung darstellte in meinen Augen. Andererseits hasste ich die Waffe schon jetzt abgrundtief für den Zwiespalt, in den ich mich dadurch bringen ließ. Natürlich war mir bewusst, dass das allein meine Entscheidung war, ob ich mich in diese Zwickmühle brachte oder nicht. Das macht es aber keineswegs erträglicher oder besser. Natürlich war mir bewusst, wie ich mich zu entscheiden hatte, sollte ich je in so eine Situation geraten – ich war mir nur nicht im Klaren darüber, ob ich mich dann auch wirklich in der Lage sah so zu handeln, wie es von mir erwartet wurde, sei es durch die Würdenträger, durch die .. durch alle, einfach alle (ausgenommen von Thanaya vielleicht), einschließlich des Allmächtigen selbst.
Ich war mir sehr sicher, dass Ihre Gedanken, als sie diese Gabe ausgesucht hatte, nicht so weit gingen, wie die meinen – und schon gar nicht in die gleiche Richtung. Was zweifellos auch hieß, dass ich ihr nicht mal einen verdammten Vorwurf daraus machen konnte, sondern es allein mit mir austragen musste. Als ich gedämpfte Stimmen draußen hörte, das eigene Fenster offen, sah ich kur auf. Nachdem die Türe sich geschlossen hatte dort draußen, nebenan, war ich schwer versucht hinüberzugehen und jemanden schwer zu ohrfeigen – wenigstens das.
Stattdessen schlug ich die Waffe wieder ins Öltuch ein, sorgsam, und verstaute sie in meiner Truhe, im Stillen beschließend dieses Schwert erst dann zu nutzen, wenn ich mir sicher war, dass ich es konnte, und wenn sie dort verstaubte.
Es war nicht nur eine Gabe, es war auch eine Mahnung, und auch diese war eindeutig noch zu groß für mich.
- Betrachte nie eine schwere, sorgenvolle Zeit,
ein schreckliches Erlebnis, als Strafe oder als Werk des Dämons.
Versuche zu erkennen, dass es eine Möglichkeit ist,
zu einer schweren Prüfung anzutreten und diese zu bestehen.
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Dazen Wolfseiche
- Ein jeder soll die Konsequenzen seines Handelns tragen.
(William Shakespeare)
Die Ratschläge waren gut, die ich erhielt. Sinnvoll. Schwierig für mich sie in die Tat umzusetzen. Nichts desto trotz war mir klar, dass ich da keineswegs zögern durfte. Zum einen der Stellung wegen, die man mir zugesprochen und anvertraut hatte, zum anderen wegen dem, was noch kommen sollte. Zögerte ich, würde ich alles in Frage stellen, wofür ich mich bereit erklärt hatte einzustehen. Auch den Weg, den ich eingeschlagen hatte.
Allmächtiger, ich hasste sie dafür, dass sie mich in diese Situation gebracht hatte. Warum konnte sie auch ihre lose Klappe nicht einmal halten und erst nachdenken, bevor sie ein derartiges Versprechen von sich gab? Mit diesem Tag war ich mir wirklich sicher: Wenn mir etwas eine Prüfung sein würde, dann diese Frau.
Mit einem leisen Seufzen drückte ich mich von dem kalten Stein auf und verließ den Tempel. Es war an der Zeit sie darüber aufzuklären, was sie erwartete.
[…]
Der Weg nach Menek’Ur war dieses Mal alles andere als leicht. Es hätte so sein können, stünde dieses verdammte Versprechen nicht im Raum, das so unbedacht ausgesprochen worden war. Dieses zu revidieren, dafür hatten wir uns noch in den Abendstunden auf den Weg gemacht. Eine Verzögerung mochte Folgen haben, die nicht gerade im Interesse dessen lagen, was angestrebt war bei dem ersten Besuch.
Ich konnte nicht sagen, dass es mir gefiel. Ganz und gar nicht. Allerdings blieb auch nicht viel anderes übrig.
Das Ende vom Lied war also, dass sie eine Woche dort sein würde. Nach der Schweigewoche. Nicht, dass mir das sonderlich gefiel – ganz im Gegenteil. Allerdings sah ich auf die Schnelle keinen anderen Ersatz, den ich hätte dafür bieten können. Und die Suppe, die sie sich eingebrockt hatte, sollte sie ja auch auslöffeln. Trotzdem war da die schale Hoffnung gewesen, wenigstens den Teil auslassen zu können. Dem war nicht so.
Also genossen wir die Gastfreundschaft bis zum nächsten Morgen – nicht, dass man wirklich von Genuss reden konnte. Es war in etwa so wie Torte essen mit Magenverstimmung.
In Düstersee angekommen, zog ich mich erst einmal zurück in mein Haus, um genauer zu sein, in mein Zimmer. Irgendwann hörte ich es unten rumoren, aber ich konnte mich nicht mal dazu aufraffen hinunter zu gehen. Zum ersten Mal wurde ich mir tatsächlich bewusst, wie wahr die Worte sind, dass es an der Spitze sehr einsam sein sollte. Genauso wie mir klar wurde, dass das erst der Anfang war und das garantiert noch ein grandioser Rattenschwanz folgen würde.
- Einsamkeit ist eine schwere Last,
wenn du den Allmächtigen nicht bei dir hast.
Zuletzt geändert von Dazen Wolfseiche am Donnerstag 9. Mai 2013, 19:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Dazen Wolfseiche
- Gehe so mit deinen Untergebenen um, wie du willst,
dass ein Höherer mit dir umgehen möge.
(Lucius Annaeus Seneca)
Wer konnte friedlich schlafen, wenn er jemandem eine Strafe verpasst hatte – zum ersten Mal im Leben? Die zweite verteilte Strafe machte es nicht besser. Zu Strafen bedeutete eindeutig, sich selbst damit ebenfalls geißeln. Es war alles andere als ein Vergnügen. Es war alles andere, als Genugtuung, was ich dabei empfunden hatte. Hinzu kam, dass es mir eine Menge zum Nachdenken gab. Nicht nur das, sondern auch die Folgen, die die erste Strafe mit sich zog.
[…]
Ich hatte am Morgen nach dem Besuch in der Wüste ein Pergament hervorgeholt und angefangen meine Erkenntnisse zu notieren, die mich in der Zwischenzeit eingeholt hatten. So lag ich auf dem Bauch vor dem Ofen, ein Buch als Unterlage, das Pergament oben auf, und schrieb:
- 1. Erkenntnis: Eine Strafe musste und sollte eine Lehre sein. Sie wird erteilt in einer Form, dass der zu Bestrafende versteht und sieht, was er zuvor noch nicht verstehen und sehen konnte.
2. Erkenntnis: Zu bestrafen ist hart. Auch wenn es einen selbst mindestens genauso trifft, wie den, der die Strafe erhält. Zeige es nur nicht vor allen anderen. Bleib‘ konsequent und standhaft.
3. Erkenntnis: Sei bemüht deine Wahl zu erklären, bis zu einer gewissen Grenze. Überschreite diese Grenze nicht, denn zu viel gesagt ist genauso wenig nutzbringend, wie zu wenig.
4. Erkenntnis: Respekt. Zeige ihn und du erntest ihn. Höre auf den Ratschlag der Höheren, ganz so wie der Herr es wünscht.
5. Erkenntnis: Wahre eine gewisse Distanz, aber achte auch darauf, dass daraus keine Kluft wird, die nicht mehr zu überbrücken ist.
6. Erkenntnis: Sei kein Arsch, Dazen. Streng, aber kein Arsch, verdammt.
7. Erkenntnis: Ich habe keine Ahnung, ob es mir gelingt, mich an all das zu halten.
- 8. Erkenntnis: Tu so, als wüsstest du, was du tust, auch wenn du keine Ahnung davon hast.
[…]
Tag der Mitte. Ich war nervös und unausgeschlafen.
Da ich noch einiges vorzubereiten hatte für den nächsten Abend, schickte ich Asaniel los, um Alin abzuholen. Hinterher, als er schon unterwegs war, hätte ich mir am liebsten in den Arsch gebissen, nicht selbst gegangen zu sein. Zu warten, machte es fast unerträglich.
Trotzdem zwang ich meine Aufmerksamkeit auf das Pergament, auf dem ich einige Dinge auflistete, die ich zur Sprache bringen wollte. Die halbe Liste hatte ich bereits wieder durchgestrichen und neu formuliert, oder sogar einiges davon weggelassen, was ich vorher für wichtig hielt. Irgendwo am Rand stand immer mal wieder in kleiner krakeliger Schrift „Versager“ herum. Zeitvertreib bei völliger Hirnleere. Zugegebenermaßen kam die heute besonders oft zu Besuch, diese Leere. Mein Hirn schaffte in der Zwischenzeit Platz und ging spazieren.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und ließ das Pergament liegen, und ging hinauf in mein Zimmer. Ich öffnete die Waffenkiste, holte das Schwert heraus, schob es in die dafür gefertigte Scheide und legte den Gurt an. Danach lief ich die Treppen hinab, ging hinaus und setzte mich auf die Stufen vor Alins Heim. Dort häufte ich Kieselsteine neben mir auf, die ich dann mit wachsendem Enthusiasmus an die gegenüberliegende Hauswand schnickte. Nach und nach häuften die Steinchen sich dort wieder auf, schrumpften dafür an meiner Seite auf der Treppe zusammen.
- 9. Erkenntnis: Wenn du dich gehen lässt, pass auf, dass es keiner mitkriegt, du Idiot.
Ich kam auch nicht damit zurecht, Alin plötzlich am Hals hängen zu haben. Oberpeinlich. Am liebsten wäre ich im Boden versunken oder gegangen.
Es kostete mich alles an Selbstbeherrschung, dieser Abend. Vor allem dieser Rotzlöffel Cailean brachte mich ein ums andere Mal hart an die Grenze zum Wahnsinn. Ich hasste diesen Jungen. Er ging mir gehörig auf die Nerven, war lästig und eben ein Kind! Und ich übte mich im Lächeln, im freundlich sein, im Respekt zeigen. Ich hasste es. Neben all dem bekam ich ein Buch von Alin in die Hand gedrückt. Nach einem kurzen Blick auf die erste Seite, sah ich sie erst skeptisch an, wurde dann aber von den Gesprächen wieder abgelenkt.
Erst als sämtlicher Besuch gegangen war, las ich die Einträge in dem Buch schweigend durch und bemühte mich schwer, die Aufmerksamkeit nicht allzu sehr auf das zu lenken, was ich dort zu lesen bekam. Ich wich Fragen aus, äußerste mich zu dem Geschriebenen nicht. Alles in allem hielt ich mich in vollem Umfang zurück, obwohl ich hätte kotzen mögen. Keine Ahnung, warum ich das tat. Vielleicht, weil die Zeit der Späße vorbei war, und ich begriff, was ich damit anrichtete, wenn ich zu viel sagte oder erzählte.
- 10. Erkenntnis: Gib nicht alles Preis, was du dir denkst oder dich bewegt.
11. Erkenntnis: Sag nicht alles, was du weißt. Sei aber möglichst informierter als alle anderen.
12. Erkenntnis: Zögere Entscheidungen nicht hinaus.
Der Abend darauf. Ich war nervös und unausgeschlafen.
Und genau so nervös trat ich vor die versammelten Mitglieder der Gemeinschaft. Ich bemühte mich, es mir nicht anmerken zu lassen und hoffte, es gelang mir. Im Nachhinein, später, dachte ich, dass es wohl gelungen sein müsste. Sicher war ich mir indes trotzdem nicht. Es war an manchen Stellen sicher leichter, als ich zuvor gedacht hatte. An anderen dafür schwieriger.
Aufgaben wurden verteilt, neue Ziele gesteckt, Vorschläge festgehalten, Wünsche angehört, manche davon schon aufgenommen, andere hinten angestellt.
Das Gespräch mit der Ritterin danach war nicht ganz so einfach. Eigentlich waren Gespräche mit ihr selten einfach. Manchmal hatte ich das Gefühl mich auf einem Eiertanz zu befinden. Oder oben auf der Klippe herum zu balancieren, mit der Tendenz zum Absturz. Dennoch war da auch der Eindruck, dass ich mich weit mehr zu äußern wagen konnte, als noch zu Anfang.
Schwierig jemanden zum Teil einer Gemeinschaft werden zu lassen, wenn die übrige Gemeinschaft bei demjenigen das Gefühl hinterließ, störend zu sein – dieser Jemand aber selbst dazu beitrug, dass die Stimmung im Raum abkühlte, sobald sie eintrat. Ein weiteres Problem: Konnte ich wirklich verlangen, dass sie alle etwas mehr auf die Ritterin zugingen und sich mit ihrer zuweilen recht bissigen Art auseinandersetzten, um einen Blick hinter die gut gebaute Fassade zu werfen? Und, würde diese Frau überhaupt einen Blick zulassen? Es war zum Mäuse melken. Und es nervte mich ungemein.
- 13. Erkenntnis: Wenn irgendwer behauptet zu stören, hau ihm auf’s Maul.
14. Erkenntnis: Wenn bei Eintreten irgend einer Person die Temperatur sich in den Minusbereich bewegt, stelle demonstrativ eine Kohlepfanne zwischen den Beteiligten auf – nur um zu sehen, was dann passiert. Wahlweise sperre sie alle in einen Raum ein, und warte ab, wer ihn lebend verlässt.
15. Erkenntnis: Cailean ist einfacher zu lenken, führen und leiten, als eine Gruppe Erwachsener. Überdenke deine Abneigung gegen Rotzblagen noch einmal.
- Stehe an der Spitze, um zu dienen,
nicht, um zu herrschen!
Bernhard von Clairvaux
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Dazen Wolfseiche
- Der Schmerz in unserm unterentwickelten Dasein auf der Erde
ist die einzige Grundlage und Bürgschaft für das Glück
im ewigen Leben im Himmel.
Edgar Allan Poe
An sich war der Anfang zwar angespannt, aber gesund verlaufen. Der Anfang des Aufeinandertreffens. Solange zumindest, bis Je und Vyel auftauchten. Und in dem Augenblick wusste ich schon, dass das fragile friedliche Verhalten direkt umkippen würde. Da war er, der Grund, den sie schon seit Wochen versuchten zu finden. Die Anwesenheit der Lethrae genügte. Wie verwunderlich sie auf unserem Reichsboden zu sehen, nicht? Innerlich seufzte ich tief auf. Ich kam gar nicht so schnell hinterher zu reagieren, als die Pferde und Lamas schon an mir vorbeidonnerten und die Menekaner auf die beiden zustürmten. Entfernt hörte ich ihn rufen, die Menschen zu verschonen. Das war der blanke Hohn. Genauso wie der Wochenlauf, den er für eine weitere diplomatische Annäherung als Frist aussprach, kurz bevor er befahl die Lethrae niederzumachen.
Ich glaubte nicht, dass er nichts von Diplomatie verstand. Beim besten Willen nicht. So ein dümmliches Verhalten, wenn man wirklich verhandeln wollte, würde sich nicht mal Thanaya herausnehmen. Andererseits – er war Menekaner. Vielleicht hatte die Hitze ihm ja das Hirn verschmort. Ach, was hieß da vielleicht? Ganz sicher sogar!
Allerdings war mir schon vor einiger Zeit klar geworden, dass sie nur einen Grund suchten, um einen Krieg anzuzetteln. Der, der sich hier bot, war besser als jeder andere vorherige Versuch es bei Gesprächen hinzubekommen, dass ein Streit dafür sorgte, die Waffen zu erheben. Wie oft hatte ich allein schon miterlebt, dass es nicht genügte ein wenig zu sticheln und zu provozieren? Dabei waren die Begegnungen gar nicht so häufig gewesen, aber doch oft genug, um zu ahnen, wohin das Ganze führen würde.
- Die Schmerzen sind’s, die ich zu Hilfe rufe,
denn es sind Freunde, Gutes raten sie.
Johann Wolfgang von Goethe
Tja, eins kam zum anderen, er befahl, sie folgte, ich setzte mich zur Wehr so gut ich es vermochte – es war nicht gut genug. Wenig später wurde mir schwarz vor Augen und ich bekam nicht mehr mit, was um mich herum vor sich ging. Nur kurz kehrte ich aus der Dunkelheit zurück, als brennender Schmerz meinen Körper durchzog. Allerdings währte der Moment nicht lange, da verlor ich das Bewusstsein erneut.
Ich kam erst wieder zu mir, als es deutlich ruhiger wirkte um mich herum, als in dem Moment, als ich zu Boden gegangen war. Die Stimmen, die ich hörte waren vertraut. Der gebrochene Akzent. Trotzdem konnte ich sie nicht zuordnen. Der Schmerz raubte mir den Atem, machte das Denken unmöglich und erst nach und nach gelang es mir, mich wenigstens soweit zu sammeln, um den gesprochenen Worten einen Sinn zu geben. Das war in etwa in dem Moment, als sie begannen die Wunde zu nähen und der Schmerz erneut durch meine Seite den gesamten Körper entlang schoss wie heißes, brennendes Öl.
Ich stieß eine Verwünschung aus, dann ging mir bereits wieder die Luft aus. Wo ich war, wusste ich nicht. Wer alles da war, wusste ich ebenso wenig. Eines kehrte allerdings in den Verstand ein, was mir wichtiger schien: „Irgendwer tot? Alle da?“ Die Antwort beruhigte mich. Niemanden verloren. Wenigstens das.
[…]
Ich wusste, sie schlief nicht. Es war mehr ein vages Gefühl, als ein bewusstes Wahrnehmen. Immer wieder dämmerte ich vor lauter Erschöpfung ein, wachte gefühlt einen Augenblick später wieder auf, nur um erneut in die tröstende Dunkelheit gezogen zu werden. Irgendwann in der ganzen Zeit war die Versuchung sogar sehr groß gewesen einfach dort zu bleiben. Bei jedem Erwachen kehrten die Schmerzen zurück, die mir bei jeder noch so kleinen Bewegung durch den Leib brannten. Natürlich musste da die Dunkelheit, die fernab jeden Schmerzes war, willkommener sein. Irgendwann bekam sie mich, zumindest in Form von Schlaf, aus dem ich erst gegen Mittag wieder erwachte.
[…]
Elend. Ich fühlte mich elend, als Adrian kam, und Rat erbat zu etwas, wovon ich keine Ahnung hatte. Zudem kreisten meine Gedanken eher um den Vorfall am Vorabend. Um das, was noch geschehen war, als ich bereits nichts mehr mitbekam. Ich konnte froh sein noch zu leben. Trotzdem: Mir wurde bewusst, ich würde ohne zu zögern genauso wieder handeln.
Ich fühlte mich elend, als die Templer kamen und nach dem kurzen Bericht wieder gingen. Es ging mir nicht besser, als der Bengel kam, der dem Fass mal wieder den nötigen Tropfen zum Überlaufen gab. Bestrafung, weil dieses Kind nicht bekam, was es wollte. Ich blieb eine ganze Weile lang einfach nur fassungslos sitzen und starrte die Wand an.
Alin hatte sich endlich schlafen gelegt und ich nahm an die Erschöpfung würde sie schon zur Genüge ins Land der Träume zerren. Ich fühlte mich nicht weniger müde. Die Gespräche hatten mich angestrengt, die Schmerzen nicht nachgelassen. Und da die Tetrarchin beschloss, ich sollte selbst vorsprechen zu der Angelegenheit, sollte ich mich wohl oder übel schonen bis dahin. Also mühte ich mich irgendwie ins Bett und floh erneut in die Dunkelheit.
[…]
Als ich aufwachte, litt ich erneut an Orientierungslosigkeit. Es war dunkel, still und zumindest wusste ich instinktiv, dass sonst niemand mehr da war. Mit einem Seufzen drehte ich den Kopf etwas auf Seite und schloss die Augen wieder. Bis jetzt hatte ich kaum Zeit mir selbst vor Augen zu führen, wie viel Glück ich gehabt haben musste – oder wie sehr mir der Herr beigestanden hatte. Vielleicht beides. Erst jetzt wurde mir bewusst, wo ich Fehler machte in meiner Verteidigung, was für Fehler sie gemacht hatte. Viel zu spät. Die Angst, die ich kurz vorher empfunden hatte, kehrte zurück, und ich hatte Mühe sie fortzuscheuchen. Ich öffnete die Augen, als könnte ich so die Bilder vertreiben, die sich langsam aber sich wieder vorschoben. Mir wurde speiübel, und nur mit aller größter Mühe schaffte ich es aufzustehen, das Fenster aufzureißen, den Kopf rauszuhängen und das Gras dort unten mit der letzten Mahlzeit zu verzieren, die den falschen Weg aus meinem Magen hinaus antrat.
Der Wind war frisch, ich fror, aber ich merkte es kaum. Gleichzeitig war mir viel zu warm und ich schwitzte wie ein Dämon in der Brutstätte des Feuers. Das plötzliche Verkrampfen beim Übergeben bereitete mir weitere Schmerzen, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können. Gleichzeitig keimte Wut in mir auf – bedauerlicherweise mehr auf mich selbst. Sollten sie doch die Krähen fressen! Allesamt!
Wofür ich nach wie vor keinen Gedanken übrig hatte, war das was Alin bewegte. Sie klammerte sich so sehr an etwas, was ich nicht sehen konnte. Ich fand das unbegreiflich. Weder tat ich bewusst etwas dafür – aber eine ganze Menge dagegen, noch verstand ich es überhaupt. Sicher bekam ich mit, dass sie schlecht schlief, dass sie schlecht träumte, dass es ihr nicht gut ging. Aber ich verstand es nicht. Ich war, was ich war, das musste ihr klar sein. Das bedeutete eben auch, dass es mit dem Leben ziemlich schnell ein Ende finden konnte. Auch das musste ihr klar sein. Genauso, wie ich gehorsam verlangen musste und erwartete – und mal wieder nicht erhalten hatte.
Aber das bedeutete alles wohl auch nicht, dass sie sich mit dem abfinden konnte, womit ich schon längst abgeschlossen hatte. Natürlich, mir hing die irrwitzige Angst vorm Sterben ebenso an, wenn es um mich selbst ging. Der Überlebenswille war sicherlich groß, aber das Ende eben irgendwann auch unausweichlich. Dennoch ging mir jedes Mitgefühl dahingehend ab. Ich brachte nicht mal annähernd das Verständnis auf, das ich wohl aufbringen sollte.
- Der Schmerz ist der geheime Gruß,
durch den die Seelen sich verstehen.
© »Goldene Garben« - Brevier für Frauen und Jungfrauen von M. v. Braunschweig, 1910
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Dazen Wolfseiche
- Man muss sich zwingen,
jeden Tag etwas zu tun,
was man ungern macht.
Das ist die goldene Regel,
die es dir ermöglicht,
deine Pflicht mühelos zu erfüllen.
Mark Twain
Dennoch suchte ich das Bad auf und warf mir einige Ladungen Wasser ins Gesicht, bis der Schwindel wenigstens aufhörte und ich das Gefühl hatte einen klareren Gedanken fassen zu können. Danach zog ich mich an, was an und für sich schon eine gute Stunde brauchte, obwohl es nicht mehr war, als eine Tunika, eine Hose, die Stiefel und der Waffengurt. Das meiste Problem bereiteten mir die Stiefel. Mochte man mir nachsehen, dass ich die Schnüre nicht zuband, aber das war mir beim besten Willen nicht möglich.
Als ich den Gurt anlegte, stellte ich fest, dass er unangenehm auf die Wunde drückte. Dennoch entschloss ich mich ihn anzubehalten. Es war nur ein diffuser Eindruck von Sicherheit, der bei weitem nicht mehr so sehr wirkte, wie vor dem Angriff, aber immerhin war er noch vorhanden.
Alin verhielt sich seltsam. Irgendwie fand sie jeden Tag etwas Neues, um mich völlig zu verwirren. Ich wünschte, es gäbe mal eine Konstante. Eine brauchbare Konstante. Das was sie mir heute präsentierte, gefiel mir ganz und gar nicht. Allerdings hatte ich keine Zeit mich damit zu beschäftigen. Wenig später klopfte es bereits an der Tür und ich verließ zusammen mit der Tetrarchin Düstersee. Der Weg sollte in den Palast führen, wo ich letztlich im Flur vor dem Versammlungsraum des Heerstabes wartete, bis man mich hineinrufen ließ. Ärgerlich war allein die Tatsache, dass ich nicht schnell genug auf die Knie hinunterkam, als der Alka regelrecht vorbeischoss. Er wirkte nicht eben gut gelaunt – und mir wurde zunehmend übler. Nicht nur wegen der Verletzung, auch vor Nervosität. Allerdings blieb mir nicht viel Zeit, um mich um eines der beiden Unannehmlichkeiten zu widmen.
- Mancher vergisst nur deshalb seine Pflichten,
weil er stets an seine Rechte denkt.
Deutsches Sprichwort
Seine Heiligkeit sprach, der Lethrixor fiel ihm ins Wort. Zurechtweisung. Seine Heiligkeit sprach, brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, Diskussion folgte. Streit folgte. Uneinigkeit. Zurechtweisungen. Allerdings nicht seitens des Alka, sondern zwischen Ahad und Adjudant ging es irgendwann hin und her.
Florentine war zwischenzeitlich eingetroffen. Wo hatte sie eigentlich die ganze Zeit gesteckt? Die Gedanken schweiften kurz ab von der Streiterei vor der eigenen Nase, kehrten allerdings sehr schnell dorthin wieder zurück, als die Schmerzen sich wieder in meine Aufmerksamkeit zu drängen versuchten. Alles, was zur Ablenkung diente, half mir immerhin auf den Beinen zu bleiben. Faszinierend an dem Streit war, dass alle an sich das Gleiche wollten, aber sie sich darüber dennoch überwarfen. Und so wurde die Pflicht eines jeden von den Rechten, die sie meinten alle inne zu haben übertrumpft. Da saßen sie, die glänzenden Vorbilder des alatarischen Reiches. Und ich wartete darauf, dass der Alka einschritt, aber in meiner Gegenwart passierte dies nicht mehr.
Stattdessen bedankte er sich für meine Ausführungen, was ich als Bitte zu gehen auffasste und mich erneut auf die Knie herabmühte, wo ich verharrte, bis die Streitereien eine Atempause fanden – die sie zweifelsfrei nach den Worten des Alkas unhöflich fortsetzten, als hätte er gar nichts gesagt. In die Stille hinein, sprach ich meine Verabschiedung, allein gen seine Heiligkeit. Der Rest nahm mich ohnehin nicht mehr wirklich wahr, bis auf die Tetrarchin. Das Nicken bekam ich aber dank der Schmerzen beim wieder Aufrichten nur am Rande mit, und verließ den Saal.
Es war eine Enttäuschung. Die, auf die sich alle Niederen verlassen sollten, gingen sich an die Kehle wie die futterneidischen Raubtiere eines nicht zusammenfindenden Rudels. Es gab nur wenige Ausnahmen, die sich an diesen Auseinandersetzungen nicht beteiligten – und einmal mehr musste ich feststellen, dass ich da mehr Vernunft und Verstand drin sah, als in den Zankäpfeln selbst.
Ganz gewiss stand es mir nicht zu, über die Höheren zu urteilen, aber wie sollte man sich dagegen noch verwehren, wenn man derartiges immer wieder präsentiert bekam? Es war nicht nur dort der Fall. Eigentlich kam es immer wieder auf. Egal wo, egal wann, egal wie. Es war ständig da.
Im Stillen gab ich der Tetrarchin der Kinder des All-Einen Recht. Geredet wurde genug, Taten sollten folgen, andere zur Reaktion zwingen war deutlich vorteilhafter, als selbst nur der Reagierende zu sein. Allerdings bedurfte es da der Einheit. Und die gab es hier nicht. Sie gab es einfach nicht. Dabei sollte man doch annehmen, dass unser Glaube uns alle einen könnte.
Aber Panther waren nun einmal keine Rudeltiere. Und genau so verhielt es sich auch bei Seinen Dienern. Anstatt an einem Strang zu ziehen, traten sie sich nur gegenseitig in die Eier, ob vorhanden oder nicht. Respekt suchte man hier vergebens. Gehorsam gegenüber Höheren auch. Und die Höheren schienen teilweise selbst nicht zu wissen, wo ihr Platz war. Es war ein Trauerspiel.
Ich verließ den Palast nach einem letzten Gruß der anwesenden Garde-Mitglieder und kehrte nach Düstersee zurück. Meinen Anteil hatte ich pflichtschuldig geleistet. Es fiel mir schwer mich dazu aufzuraffen hinzugehen, aber ich hatte es getan. Pflicht und Gehorsam folgend.
- Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen!
Johann Christoph Friedrich von Schiller
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Dazen Wolfseiche
- Denn was auch immer auf Erden besteht,
besteht durch Ehre und Treue.
Wer heute die alte Pflicht verrät,
verrät auch morgen die neue.
Adalbert Stifter
Schaue nicht so weit nach Norden und ärgere dich über Streitigkeiten anderer. Vor deiner eigenen Tür, in deinem eigenen Haus, geht der Verrat schon mit viel weiteren Schritten voran. Das Ärgerliche daran war, ich wusste noch immer nicht, wie ich das hätte verhindern können. Vermutlich gar nicht.
[…]
Mir ging es noch immer nicht wesentlich besser, als es an der Tür klopfte. Alin öffnete, während ich vom Tisch aus hinüber sah, wer dort kam. Florentine. Bis dahin nichts Besonderes, wäre mir Alins Zögern nicht aufgefallen und ihre sich noch mehr versteifende Haltung. Erster Hinweis. Florentine wirkte angespannt, vielleicht sogar eine Spur nervös? So etwas hatte ich bei ihr bislang selten gesehen. Hatte ich es überhaupt schon mal erlebt? Zweiter Hinweis.
Florentine setzte sich erst, als Alin sie dazu aufforderte. Meine Einladung schien sie zu übergehen. Dritter Hinweis, und die verdammte unausgesprochene Frage – was wusste Alin, was sie mir nicht erzählte hatte, dieses Drecksstück?
Ich verlegte mich darauf weiter zu beobachten. Gut, es dauerte nicht lange, bis ich eine Ahnung bekam. Die Frage, wo sie gesteckt hatte die letzten Tage, verursachte mir Magenschmerzen. Nicht, dass ich nicht schon genug Schmerzen gehabt hätte. Die Antwort brachte mir Übelkeit ein. Was dann folgte, begann in meiner Magengrube einen brennenden Klumpen Zorn heranzuzüchten. Kein weiterer Hinweis mehr nötig.
Wir waren also alle krank, sie wollte gehen, um zu gesunden. Nach Adoran. Da war es raus. Die Nichtreaktion von Alin verriet mir genug, um zu wissen, was sie mir vorenthalten hatte. Aber ja, warum auch etwas so Wichtiges erzählen? Ich bedurfte keiner Vorbereitung darauf. Es gab Florentine ja auch keine Gelegenheit noch weiter rumzuschnüffeln für diese krähenzerfressenen Ketzer! Bei Alatar, ich hätte sie am liebsten alle töten mögen in dem Moment. Umso mehr wurde ich mir meiner derzeitigen Verletzung und Schwäche bewusst. Ich hasste das alles, abgrundtief.
Ich erhielt einen Beutel zurück. Die Schlüssel, das Prätorianer-Siegel. Das Brandmal würde ihr bleiben und ich zog daraus eine kleine bittere Genugtuung. Es fehlte dennoch was. Ich wusste, dass sie bei der Heerstabssitzung war, und ich kannte sie lang genug, um zu wissen, was sie versuchen würde.
„Wo ist das Protokoll der Sitzung? Ich wette, du hast eines bekommen.“
„Das liegt bei Alin im Briefkasten.“
„Und die Abschriften?“
Wir gingen zu ihrem Haus. Sie hatte tatsächlich schon gepackt, diese Verräterin. Mit einer wahren Gehässigkeit ging ich daran die Truhen zu leeren und umzukippen, nach doppelten Wänden und Böden abzuklopfen, die Sachen zu durchwühlen, bis ich fand was ich suchte. Abschriften, Notizen, die nicht für Ostler geeignet waren. Truhe um Truhe folgte. Mir war es egal, ob etwas zu Bruch ging, mir war ihre Wut egal, ich tobte mich daran regelrecht aus.
Vier verfluchte Abschriften! Das allein in ihren Truhen. Und ich wusste, eine fehlte noch. Ich wusste es ganz genau. Als sie uns – Alin und mich – aus ihrem Heim rauswerfen wollte, musste ich tatsächlich kurz lachen, allerdings fehlte dem jede Heiterkeit. Ich hob das Schwert an und trat hinter sie. „Raus! Du gehst raus, voran nämlich! Abmarsch!“ Und schon als sie losging, war die Beherrschung dahin und ich trieb sie mit dem Schwert voran, indem ich ihr die Breitseite über ihre Kehrseite klatschte. „Weiter!“
Draußen drehte sie sich um, wollte mich wohl mehr provozieren und trat näher heran, während ich die Klinge auf sie gerichtet hielt. Bitte, ich übte daraufhin Druck aus.
„Willst du lieber nackt nach Adoran laufen? Das lässt sich einrichten, Florentine.“
Sie ging weiter voran. An der Grenze machte ich nicht Halt, auch wenn mittlerweile die Schmerzen dafür sorgten, dass ich nicht mehr nur blass, sondern aschgrau im Gesicht sein musste. Bis zur Kutsche vor Bajard. Dort wollte ich den letzten Brief an mich nehmen. Ich wusste, dass sie ihn haben musste. Ich kannte sie gut genug. Kaum, dass ich sie anfassen wollte, fing ich mir eine Ohrfeige, und reagierte ganz und gar aus Reflex. Die Rückhand, die sie zurückbekam saß. Alin war das zu viel. Sie ging. Es war mir egal in dem Moment.
„Entweder das, oder du rennst nackt!“ Es war keine Drohung, es war vielmehr ein Versprechen, das wusste sie ganz genau. Also ließ sie die Untersuchung über sich ergehen, bis ich das Pergament letztlich fand.
„Pack dich!“ – und sie ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Es war ein Fehler. Das wusste ich. Ich hätte sie eigentlich erschlagen müssen. Denn egal wie viele Abschriften ich eingesammelt hatte – fünf!!! Dieses verrückte krähenverfluchte Weib! – sie hatte die letzte Abschrift im Gedächtnis. Gut genug, um sie weiter zu geben. Und mir fehlte der nötige Wille eine Frau zu erschlagen, die ich lange genug als Freundin betrachtet hatte.
Ich trat den Rückweg zu Fuß an. Es war ein langer Weg, nicht nur der Strecke wegen.
[…]
Erst am nächsten Morgen setzte ich mich hin, schrieb einen Brief an die Garde, ein weiterer an den Alka in den Palast, und jagte den Boten mit aller gebotenen Eile los, um ihn abzugeben.
- Wehe dem, dessen Verräter an seinem eigenen Tische sitzt.
Aus Irland
-
Dazen Wolfseiche
- Der Stärkste ist nie stark genug, um immerdar Herr zu bleiben,
wenn er seine Stärke nicht in Recht und den Gehorsam nicht in Pflicht verwandelt.
Jean-Jacques Rousseau
Zum ersten Mal seit der Schlacht nahm ich mir die Zeit über das Erlebte nachzudenken. Die erste Schlacht, an der ich teilgenommen hatte. Die Auseinandersetzungen, die ich davor erlebt hatte, waren kaum als solches zu bezeichnen gewesen. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass es ein so berauschendes und erhebendes Gefühl war, welches man empfand, wenn man die Fersen in die Flanken des Pferdes trieb, die Waffe in der Hand, und auf den Feind zuhielt. Aber das war bei weitem nicht alles. Es kam alles zusammen an Gefühlen, zu denen ein Mensch wohl fähig war:
Angst, sowohl zu versagen, als auch vor dem Tod. Es war schwer die Angst in den Hintergrund zu drängen und sich auf Anderes zu konzentrieren, um nicht das Heil in der Flucht zu suchen. Was mir half, war die Tatsache, Leute bei mir zu wissen, denen ich durchaus vertraute, und die auch auf mich bauten. Es war die fehlende Wahl, die mich dort hielt, wenn ich ehrlich zu mir war. Die Verantwortung, der Gehorsam und die Pflicht.
Neben der Angst wurde ich mir zudem der völlig irrationalen klaren Sicht auf das Kommende bewusst. Es würde nicht mehr lange dauern, da stand eine Horde Feinde vor uns, die die Sicherheit der Bürger des Reiches gefährdeten, sie vielleicht versklavten, wenn die unseren nicht standhielten, falls sie sie nicht gleich einfach umbrachten.
Hinzu kam der Zorn. Zorn auf dieses Verräterpack, auf das wir warteten. Zorn auf deren mangelnde Weitsichtigkeit, deren falschen Stolz, deren Verlogenheit, deren völligen Verblendung. Was hätte großes daraus wachsen können, wenn sie nicht die Kinder des All-Einen angegriffen hätten. Es wäre so leicht gewesen mit der rechten Handlungsweise mehr zu erreichen. So verdammt leicht.
Keine Gnade. Die Zeit sich etwas bieten zu lassen, war vorbei. Freudige Erregung darüber Rache zu üben.
Ich bekam nicht mehr alle Empfindungen zusammen, die ich in den Momenten vor der Schlacht spürte. Auch konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie es mir gelang sie allesamt gegen den Feind zu richten und das Pferd voranzutreiben, um mich dem ersten Gegner zu stellen. Ich wusste nur, ich tat es. Ich wusste auch, ich hatte zwei aus dem Sattel geholt, bis mich irgendetwas – oder irgendjemand – vom Pferd riss und ich derart hart landete, dass ich eine ganze Weile lang bewusstlos liegen blieb. Als ich zu mir kam, war es bereits vorbei. Nicht zu unserem Vorteil allerdings. Was den Zorn nur noch nährte.
Der nächste Tag verlief mehr wie in einem schlechten Traum. Während der Feind um die eigenen Gefallenen trauerte, lasen wir die unseren vom Schlachtfeld auf und schafften sie fort. An und für sich – so dachte ich bei mir – war das der beste Augenblick um ihre Schwäche zu nutzen und sie zu vertreiben. Allerdings waren wir nur wenige, und es hätte nur dazu geführt, dass wir erneut unterlagen.
Ich hielt mich die ganze Zeit über an der südlichsten Grenze des Schlachtfeldes auf und behielt die Trauergesellschaft im Blick. Mochten sie auch noch so befasst damit sein, ich traute der Stunde Frieden nicht. Fast hätte Khalida mir sogar die Bestätigung zu meinem Misstrauen gegeben. Ich sah sie, wie sie mit einem Bogen in der Hand die Raben verscheuchte und kurzweilig uns zielte, bevor sie die Waffe herumriss und die nächste Krähe ins Jenseits schickte. Wie auch immer es mir gelang angesichts dessen ruhig zu bleiben, aber ich rührte mich nur soweit, dass ich das Pferd unter mir im Zaum hielt.
Die Verbrennung der Gefallen zog ebenso an mir vorbei, wie der ganze Weg zum Schlachtfeld und wieder zurück. Vielleicht versperrte mein Geist sich einfach dem gegenüber, was ich sah, roch, schmeckte, um weitermachen zu können. Den Worten der Erhabenen bei der Bestattung folgte ich kaum. Nur ein Satz blieb mir im Gedächtnis. Die Gefallenen wären ohne Furcht gestorben. Ich bezweifelte das, sprach es aber nicht aus. Nur ein Narr hätte vor und während der Schlacht keine Angst empfunden.
Irgendwann später trafen Alin und ich auf Deavon in Rahal. Ich hatte von dem Vorfall am Tag der Heerstabssitzung erfahren. Natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Angesichts der Tatsache, dass wir uns im Krieg befanden, und die eigenen Leute sich gegenseitig an die Kehle gingen, konnte ich allerdings den Mund nicht halten und sprach ihn darauf an. Allein nur, um herauszufinden, ob er ohne zu denken gehandelt hatte oder sich dabei sogar tatsächlich etwas dachte. Im Grunde hielt ich viel von ihm. Ich hatte genug von ihm gesehen und mitbekommen, um ihn zwar nicht Freund zu nennen, aber durchaus zu respektieren und zu schätzen. Umso irritierender fand ich den Vorfall mit dem Ahad.
Ein Urteil wollte ich mir nach dem, was ich hörte nicht bilden, auch wenn es schwer fiel. Das war die Aufgabe anderer. Bis dahingehend keines gefällt war, nahm ich mir vor, ihn weiterhin so zu behandeln, wie vorher auch – mit ein wenig mehr Vorsicht vielleicht.
Zusammenhalt. Gerade jetzt war das etwas so wichtiges und zugleich so fragiles. Ich hatte nur eine Ahnung davon, was zur Auseinandersetzung zwischen Ahad und Adjudant führte. Wenn sich der Streit in der Heerstabssitzung danach fortgesetzt hatte, wovon ich ausging, konnte ich der Aussage des Ahads nur zustimmen (auch wenn mir bewusst war, dass meine Zustimmung dabei ohnehin keine Rolle spielte). Wodurch es zu den Handgreiflichkeiten kam, wusste ich nicht. Warum die Leutnant den Befehl gab den Ahad anzugreifen mittlerweile durchaus, durch Deavon selbst.
Für mich stand bei diesem Befehl fest, dass es an fehlender Weitsicht für das Große und Ganze fehlte. Es hätte genügt sich dem Ahad in den Weg zu stellen und den Adjudanten fortzuschaffen. Ein Angriff auf den Höheren war mit Sicherheit keine Notwendigkeit gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich damit gegen die Entscheidung des Allmächtigen selbst wandte, der dem Ahad seine Würde verliehen hatte.
Ich atmete tiefer durch und lenkte den Blick zurück zu der Schlafenden. Der Probleme nicht genug, war es auch eindeutig zu viel für sie. Ich fragte mich, für wen nicht. Und auch da wollte ich doch dreist die Behauptung aufstellen, dass jeder, der das Gegenteil behauptete, ein Lügner war. Nichts desto trotz, die Erfahrung hatte ich schon gemacht, sollte man sich das auf keinen Fall vor anderen anmerken lassen. Das war demoralisierend und regte dazu an zu zweifeln. Alles Jammern half schließlich nichts, sondern vielmehr resolut voranzugehen.
- Grenzwarth ist nicht weg, mein Freund, es haben nur andere.
-
Dazen Wolfseiche
- Der Sinn in den Gebräuchen der Gastfreundschaft ist:
Das feindliche im Fremden lähmen.
Friedrich Wilhelm Nietzsche
Gelegentlich wurden meine Grübeleien davon unterbrochen, dass sie sich unruhig im Bett herumwälzte, hier und da mal ein genuscheltes undeutliches Wort fiel, und dann wieder Ruhe einkehrte.
Ich war mir nicht sicher, ob ich erleichtert sein sollte, oder ob es mich mehr ärgerte, wie der Abend verlaufen war. Das lag wohl vor allem auch daran, dass die letzten Tage generell ein Ärgernis gewesen sind. Angefangen mit der Flucht dieser verdammten Rotzgöre von Sklavin.
Sie sind doch noch Kinder. Sie verstehen das nicht.
Ja, von wegen. Ich hoffte inständig, sie hatte begriffen, dass diese beiden Drecksweiber sehr wohl verstanden, wo der Hase lang lief. Und nicht sie würden Probleme damit bekommen, sondern ich. Auch darüber musste ich nicht großartig nachdenken. Wie schon am Morgen nach der Flucht vermutet, dauerte es auch nicht lange, bis der erste Ärger ins Haus stand. Wobei mich nicht unmittelbar traf, sondern sie (oder die Wüstenratte, je nach Sichtweise der Dinge – wobei ich doch anmerken muss, dass es mich gehässig mit Schadenfreude erfüllte, dass dieser Wüstentroll sich dabei mehr als die Finger verbrannte). Aber damit fing es doch zumeist an.
Dann war da noch das ganz generelle Problem, das ich persönlich hatte – und wie ich dann an diesem Abend feststellte, nicht als einziger. Natürlich war mir bewusst, dass sie nichts dafür konnte. Nichts, was sie sich ausgesucht hätte. Nichts desto trotz warf es mehr Schwierigkeiten auf, als mir persönlich lieb war. Die Kinder des All-Einen begegneten dem mit Misstrauen. Und bei Alatar, ich konnte sie verstehen. Es warf eine Kluft in der Gemeinschaft auf, bei der ich mir nicht sicher war, ob diese überbrückt werden konnte. Sie hingegen tat so, als wäre es ihr egal und als stünde sie darüber. Ich war mir allerdings sicher, dass es sie durchaus traf – auch das konnte ich tatsächlich nachvollziehen. Bei mir selbst sähte es ähnliches Misstrauen. Ich hatte es einfach nicht so mit den Liedkundigen. Trotzdem hielt ich mich mit meiner eigenen Meinung zurück.
Auch bei der Abstimmung vergab ich die meine nicht. Das tat ich sogar sehr bewusst, um deutlich zu machen, dass ich nicht gewillt war, mich auf irgendeine Seite dazu zu schlagen. Warum? Weil es mir wichtig war alle gleichwertig zu behandeln und niemandem den Vorzug zu geben. Ich war mir zwar nicht sicher, ob die übrigen das genauso aufnahmen, wie ich es andachte, aber das spielte keine Rolle. Im Zweifel konnte ich dieses Argument ins Feld führen. Das musste genügen. Nun blieb abzuwarten, ob die Gemeinschaft der Entscheidung, die getroffen worden war, standhielt oder daran zerbrach. Ganz ohne Frage war das etwas, das mir genug Sorge bereitete, dass ich mich davon ablenken ließ.
Was mir noch durch den Kopf ging, war das Gespräch mit der Ritterin, ebenso das mit dem Ahad. Und nun hieß es wieder warten. Warten, warten, warten. Meine Geduld kroch auf dem Zahnfleisch. Ich war es leid zu warten. Ebenso war ich es leid, dass diese Ratten noch immer ihre Nester bauten in der nahen Siedlung. Ich war ihre Dreistigkeiten satt, ich war ihre Arroganz satt, ich hatte genug von ihren Lügen und Heucheleien. Mochten sie doch alle in Kra’thors Hölle schmoren. Aber auch hier hieß es entweder warten, oder sich mit kleinlicher Rache begnügen, bis die Höheren sich in Bewegung setzten und sich irgendwas tat.
Alles, was ich dazu hörte, befriedigte mich kein Stück. Und der kleine Mann war zur Untätigkeit verdammt. Bei allem Wollen, es gab kein Voran, solang es von oben keinen solchen Befehl gab. Die Verantwortlichen bekam so eine nichtssagende Person wie ich nicht zu Gesicht. Vom Fortschritt dahingehend ließen Nachrichten ebenfalls auf sich warten. Es war frustrierend. Alles war frustrierend derzeit. Es war mir ehrlich nicht möglich soviel zu essen, wie ich mich erbrechen wollte dieser Tage.
Nichts, wirklich gar nichts lief in den geordneten Bahnen, die ich mir mittlerweile inständig herbeisehnte. Jeden Tag gab es etwas Neues, das das Chaos noch perfekter machte. Mochte das hoffentlich alsbald besser werden, sonst, so fürchtete ich, würde ich vermutlich selbst noch dem Wahnsinn des kleinen Mannes anheimfallen.
Und wer glaubte, dass das alles war, der irrte. Denn dazu, zu all dem Mist, kamen noch die tausend Dramen, die ein Weib allein eigentlich nicht hätte mitschleppen dürfen, einfach weil es zu viele für eine Person waren. Und doch war es so. Da all die Gebete gen des All-Einen nichts fruchteten, da es einerlei war, was für Taten folgten oder nicht, da einerlei war, was für Worte folgten oder nicht, blieb mir nur es zu ertragen, bis es entweder von selbst ein Ende fand, oder aber bis ich die Dramen einfach umbrachte, weil ich es nicht mehr ertrug.
- Sinnen wird er auf Flucht, und reich ist sein Geist an Erfindung.
Homer
-
Dazen Wolfseiche
- Unser Leben ist wie eine Handvoll Schnee in der Sommersonne.
Aus Arabien
Offenbar genug für die Erhebung in den Stand eines Knappen, wobei die Freude sich über das Vorankommen in Grenzen hielt. Ich machte mir nichts vor dahingehend. Die Worte des Ala’thraxors waren mehr als deutlich gewesen und raubten jeden Sinn für Schönmalereien und Illusionen, die ein schwärmerischer Geist gern aufbrachte. Nicht, dass ich zu derartiger Schönfärberei neigte, aber mir war nur zu bewusst, dass die Ausbildung eine gänzlich andere sein würde, als ich sie beim Ahad oder der Ritterin erhalten hätte. Und selbst da war ich nicht davon ausgegangen, dass es sonnige Tage sein würden. Das, was nun folgte, war allerdings eher mit einer finsteren Nacht zu vergleichen. Wehe dem, der die Dunkelheit fürchtete.
Dennoch, ich gedachte nicht zu zweifeln oder zu verzagen. Entweder ich würde das Angekündigte durchstehen, oder eben draufgehen. Etwas dazwischen war nicht gegeben.
Darüber hinaus war es an der Zeit die Dinge aus den Weg zu räumen, die drohten zu viel Ablenkung zu bringen. Der Anfang dahingehend war sicherlich getan, das Ende dazu aber noch nicht wirklich in Sicht. Zum Ende hin gab es grundsätzlich mehrere Wege. Entweder jemand bekam die Kurve und hielt sich in Zukunft etwas zurück, oder aber es würde ordentlich knallen. Auch da gab es kaum ein Dazwischen gab es auch hier nicht viel, wenn überhaupt irgendetwas. Ich fragte mich, was der Zweck des Ganzen war. Beharken konnten sich die Leute ohnehin schon genug allein. Der Zunder, der noch hineingegeben wurde, hatte es zweifelsfrei in sich. Trotzdem konnte ich mich darüber einer gewissen Erheiterung nicht erwehren. Durchschaute man das Ganze, war es eigentlich recht einfach dem aus dem Weg zu gehen oder es umzulenken. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit konnte einem das sogar nicht einmal entgehen. Dachte ich zumindest. Bei manchen war das aber offenbar nicht der Fall und sie gingen dem gehörig auf den Leim. Damit war es wohl ein Anliegen dem vorzubeugen.
Nach wie vor war es mir ein Anliegen, dass nicht nur die Institutionen zusammenarbeiteten, sondern auch die, die dem Reich generell angehörten. Es war sicher nicht einfach das zu erreichen, denn viele Köpfe hatten auch ebenso viele Meinungen und Ansichten. Charakterlich gesehen waren sie alle derart verschieden, dass es zu Reibereien kommen musste, wenn man nicht das Wesentliche im Blick behielt. Das Wesentliche in dem Fall war der Wille des All-Einen. Wie oft wurde das vergessen, bei all den Ränkeschmieden, Techtelmechtel und diversen anderen Gelegenheiten, die sich boten? Viel zu oft, zumindest meinem Geschmack nach. Bedauerlicherweise war ich da nicht unbedingt viel besser, als so viele andere auch. Dementsprechend war das wohl ein Punkt, an dem ich auch noch zu arbeiten hatte. Viel zu arbeiten, um genau zu sein.
Und am gestrigen Tag war der Moment gekommen, an dem es mir aufging, dass ich daran arbeiten sollte. Hart, konsequent und kontinuierlich. Kein Wanken mehr. Ich konnte es mir nicht erlauben. Ich wollte es mir nicht erlauben. Wie schon einmal festgestellt: Die Zeit für Späße war vorbei, voll und ganz. Ich hatte mir sicherlich die Auszeit aus der Ernsthaftigkeit nehmen können, als ich soweit alles bei der Gemeinschaft geregelt sah. Allerdings war es mit der Ehrung, die auch gleichzeitig Pflicht und Verantwortung war, damit nun auch vorbei, denn hier war ein Nachlassen nicht mehr erlaubt, geschweige denn möglich. Nachlässigkeit bedeutete mein Ende, da war ich mir sicher.
Inzwischen wechselte ich vom Wetzstein zum Ölstein über, um der Klinge den letzten Schliff zu geben. Ich zog den Stein ebenso langsam darüber, wie den Wetzstein zuvor und kräuselte die Lippen etwas. Meine Gedanken kehrten zu Heim und Herd zurück. Es fiel auf, dass wir uns gegenseitig nicht mehr alles sagten, was zu sagen war. Ich konnte nicht sagen, dass es mich ärgerte oder gar wurmte. Vielmehr schätzte ich, wo ich nicht nachhakte, tat sie es genauso wenig. Mir war es recht so. Es gab Dinge, die musste ich nicht, nein, wollte ich nicht mal wissen. Genauso wie es jene gab, die ich nicht erzählen mochte. Schien zu funktionieren, also war ich es zufrieden. Mehr noch sogar. Es kam mir eigentlich mehr als gelegen.
Was mir weniger gelegen kam, waren die zunehmenden Ausfälle gegenüber meinen Leuten. Wobei, nein, eigentlich zunehmend gegen Adrian. Erst der eine, dann die andere. Ich hätte sie beide windelweich prügeln wollen. Bei der einen war ich schon drauf und dran. Die Schelle hatte gesessen. Ohnehin fragte ich mich, was am gestrigen Tag in die Leute gefahren war. Überall schien der Zorn unkontrolliert zuhause zu sein. Amüsant an dem Ganzen war allein, dass alles brodelte, nur Alin und ich durchaus zufrieden dazwischen saßen. Meistens verhielt es sich ja eher anders herum. Völlig verrückt.
Behutsam legte ich den Ölstein zurück in das Leder und griff mit einen Lederfetzen auf, um die Klinge zu polieren. Zweifellos, es gab viel zu viel, das ablenkte. Zeit, daran einiges zu ändern. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr verhagelte es mir die Laune.
Ich führte die Klinge in die Waffenscheide zurück, packte das Zeug zusammen und verstaute es sorgsam und ordentlich in der Waffenkiste. Das Chaos zum Ende zu bringen, erreichte ich aber nicht daheim, also zog ich mich fertig an, legte mir den Gurt an und verließ wenig später das Haus. Zeit zum Aufräumen.
- Nicht nur einen Tod gibt es. Der uns dahinrafft, ist nur der letzte.
Lucius Annaeus Seneca