Ein Leben in der Vergangenheit

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Lunet Saraid

Ein Leben in der Vergangenheit

Beitrag von Lunet Saraid »

Seit Stunden schon lag sie auf dem Bärenfell, den Blick aus müden Augen in die schwachen Flammen des Kamins gerichtet. Die Holzscheite waren beinahe herab gebrannt, weswegen das Feuer bereits gierig nach neuer Nahrung lechzte. Die schlanken Ausläufe der Flammen flackerten, reckten sich lüsternd in die Höhe. Nicht mehr lange und die Dunkelheit, wie auch die abendliche Kälte würde in diesem Zimmer Einzug halten. Einst steckte so viel Leben in diesen Räumlichkeiten. Kunden kamen und gingen, sobald sie das Ladenschild drehte: Bürger, Ritter und Paladine. Man kannte Ihren Namen und schätzte Ihre meisterliche Arbeit. Während sie sich den Stoffen und Kundenwünschen annahm, saß Ihr Verlobter im Nebenzimmer, um seine Schriften zu studieren. Das Haus war gefüllt mit Leben.

  • Zwischensequenz (07. August 2011)

    Es war still in der Kirche des Ordens, so dass man lediglich das Zischen der Kerzen vernehmen konnte, wenn die Flamme einmal mehr das Bedürfnis nach Leben in Form von Wachs hatte. Bis auf diesen Laut und das Geräusch der eigenen, bereits verhallten Fußschritte auf dem Steinboden herrschte seit beinahe einer Stunde absolute Stille. Sie hatte Ihren Rock um sich herum ausgebreitet, wie ein Meer aus mitternachtsblauem Stoff, dass Ihre angewinkelten Beine umspielte. Die feingliedrigen Finger lagen ineinander geschlossen, die entsprechend gefalteten Hände in Ihrem Schoß. Eine angenehme, willkommene Dunkelheit umfing sie, wie die Stille, auch bereits seit längerer Zeit. Es mochte bereits nach Mitternacht gewesen sein, als sie sich auf leisen Sohlen in das Gotteshaus geschlichen hatte. Erneut hatten sie die düsteren Träume der Vergangenheit im Schlaf besucht, so dass sie sich einige Zeit später schweißgebadet in den eigenen Laken wiederfand. Hier, in der Kirche, umfing sie eine derartige Ruhe und Harmonie, dass dieser mitternächtliche Besuch bereits der Dritte während Ihrer Aufenthalt im Orden war. Gelb-oranges Licht der vielen Flammenbecken und Kerzen tauchte Ihre blassen, ausgelaugten Gesichtszüge in eine unnatürliche Farbe, die derzeit mehr als Ihr Recht war die innere Aufruhr widerspiegelte. Schon lange zierten ungesunde Augenringe Ihr Gesicht, hemmten das Strahlen der blauen Augen und auch die Knochen in Ihrem Körper waren in der Zwischenzeit immer deutlich hervor getreten. Noch zehrte sie von den gesunden Tagen vor einigen Monden, ließ Ihren Körper die natürlichen Fettreserven ausschöpfen. Doch die Energie wich mehr und mehr aus Ihrem Körper, so dass sie bald mehr ein wandelndes Abbild Ihrer Selbst sein würde.

    Das Kissen unter Ihren Knien raschelte leise, als sie Ihr Gewicht verlagerte und den Oberkörper ein wenig nach vorne beugte. Fast konnte sie mit der Stirn den Boden berühren, als sie nun in unregelmäßigen Abständen nach vorne und hinten wippte. Immer wieder bewegten sich die geschwungenen Lippen, um leise Worte zu formen: „Herrin, gebe mir die Kraft weiterzumachen. Auch die verloren gegangene Hoffnung möchte ich wiederfinden. Gebe mir die Ruhe und Zuversicht an mir zu arbeiten.“, langsam glitten zwei Ihrer schlanken Finger zu dem Ring an Ihrer Hand. Halt suchend berührten sie das von dem eigenen Körper erwärmte Silber, strichen über die eingelassenen Diamantsplitter. „Gebe mir die Kraft mich meiner Vergangenheit zu stellen, endlich loslassen zu können.“. Das Wippen des Körpers wurde langsamer, so dass allmählich eine gewisse Regelmäßigkeit zu erkennen war. „Lasse mich erkennen wo meine Zukunft liegt.“, die letzten Silben perlten nur so von Ihren Lippen, als die flüsternde Stimme schließlich brach und der Blick aus tränenverschwommen, blauen Augen zum Altar empor gerichtet wurde. „Zeige mir, dass Du Dich nicht von mir abgewendet hast.“. Einige Kerzenflammen flackerten unruhig, während Lunet Ihren Blick wieder zu einem undefinierbaren Punkt vor Ihr gleiten ließ. Stumme Tränen flossen über die helle Haut, benetzten Lippen und Hals der Frau. Es war kaum mehr ein Gedanke an die Vergangenheit geblieben, der Ihrem Herzen keinen Riss zugefügt hatte. Kaum mehr eine Erinnerung wurde von positiven Gefühlen durchzogen und so stach es jedes Mal in Ihrer Brust, unbarmherzig.

    „Die Schaukel werden wir hier bauen lassen, die Hundehütte dort. Meinst Du nicht auch, Liebes?“, aus warmherzigen, braunen Augen sah Atrien Ihr entgegen, während er mit der Rechten zu den entsprechenden Orten des Grundstücks deutete.„Unsere Kleine wird so immer das Haus im Blick haben können und sollte doch einmal etwas sein, Lunet, dann wird sich der Hund mit Sicherheit melden.“. Er war stets besorgt um seine Familie, kümmerte sich um alle Details und hatte trotzdem noch die Zeit und Muse die Mutter und das in Ihrem Bauch heranwachsende Kind mit Liebe nur so zu überschütten. „Liebes. Mach' Dir keine Sorgen. Ich werde schon bald wiederkehren und dann nie mehr von Deiner Seite weichen.“. Die gerade noch deutende Hand tastete nun nach Ihrem Gesicht, um zärtlich über die Wange zu streichen. „Du weißt, dass ich Dich – Euch – liebe.“, vielsagend glitt der Blick dabei einen Moment zu Ihrem leicht gewölbten Bauch. „Ich würde nie zulassen, dass Dir etwas geschieht und man Dir Schmerzen zufügt. Egal ob hier“, zwei Finger deuteten zu Ihrer Brust in der das Herz schlug, „hier,“, dann deuteten sie zu dem Bauch, um schließlich dezent gegen Ihre Stirn zu tippen: „oder dort. Niemand.“. Mit dieser Aussage suchten seine Lippen die Ihren, um das Versprechen zu besiegeln.

    Erst der Ruf einer Eule vor den Toren der Kirche ließ sie Ihre wippenden Bewegungen einstellen. Der Schmerz in Ihren Knie und dem Rücken wurde Ihr auch erst bewusst, als sie die ersten Bemühungen unternahm sich aus der knienden Haltung vor dem Altar zu erheben. Viele der Kerzen waren bereits herunter gebrannt, so dass die Dunkelheit inzwischen beinahe das gesamte Kirchenschiff eingenommen hatte. Es war spät geworden, mochten doch mit Sicherheit zwei Stunden vergangen sein, seit sie aus Ihrem Bett entstiegen war. Ein letzter Blick zu dem Relikten dort auf dem Altar, bevor sie dann genauso leise wie sie kam, wieder in Richtung Ihrer Schlafstätte schlich. Träume würden sie heute nicht noch einmal belästigen, doch die klaffende Wunde in Ihrem Herzen pochte weiter und weiter . . . sang Ihr ein herzzerreißendes Schlaflied über Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Verlust.


Sie spürte gar nicht, als ein roter Tropfen sich aus Ihrer Nase den Weg nach unten bahnte. Über Ihre Lippen, das Kinn und schließlich träge zu Boden glitt, um einen eindringlichen Fleck auf dem Bärenfell zu bilden. Der Schmerz in Ihrer Lunge schien nicht nachlassen zu wollen und mit jedem Atemzug hatte sie das Gefühl tausende der Nähnadeln würden Ihr gnadenlos in die Flügel der Lunge stechen. Aus dem einzelnen Tropfen wurde nun ein Storm an Blut, der in einem stetigen Fluss aus Ihrer Nase rann. „Ihr solltet einen Heiler aufsuchen.“, hatte er gesagt, als sie Ihm Ihr Problem vor ein paar Wochen schilderte. „Er wird Euch helfen können. Adoran hat gute Heiler.“. Doch sie wollte nicht nach Adoran, sehnte sich stattdessen zurück nach der Vergangenheit. Varuna, Ihre kleine Schneiderstube und all die Freunde und Bekannte vor Ort. Sie sehnte sich nach vergangenen Dingen, die das Leben Ihr genommen hatte. Nicht einmal die regelmäßigen Besuche in der Heimat konnten Ihr mehr Aufmunterung spenden. Nicht einmal das.

Die Krankheit in Ihrem Inneren war weit fortgeschritten und würde der Schneiderin wohl nicht einmal mehr als einen Monat geben. Eine Lungenentzündung, verschleppt oder vielleicht auch falsch behandelt, hatte Ihre Spuren hinterlassen und zeigte sich nun hier in seiner grausamsten Form. Sie wusste, dass jede Behandlung zu spät sein würde und vor allem war Ihr auch bewusst, dass sie nicht mehr den Willen hatte, dagegen an zu kämpfen. Ihr Schiff würde sie am nächsten Morgen in die Heimat bringen, zurück zu dem Ort, an dem Ihre Geschichte begonnen hatte und auch enden sollte.

„Ich komme, meine Lieben.“, stieß sie noch leise, tonlos aus den blutleeren Lippen hervor, die inzwischen gekennzeichnet waren vom roten Lebenssaft, der aus Ihrer Nase tropfte. Ihre Eltern, Ihr Verlobter, der sein Leben mit den Magiern auf dem Schlachfeld ließ, Ihr ungeborener Sohn, verstorbene Freund …. sie alle würden sie mit offenen Armen empfangen.
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