Umnachtung

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Isen Rauhnacht

Umnachtung

Beitrag von Isen Rauhnacht »

Die Angst kam in der Nacht, wie immer, wenn sie in der Dunkelheit ihren eigenen Gedanken überlassen war und keine Eindrücke ihren Verstand beschäftigten, kamen ihr Zweifel über die Geschehnisse des vergangenen Tages. Sie versuchte sein Bild vor ihrem geistigen Auge aufzurichten, versuchte Anhaltspunkte zu finden, die seine Existenz zu einer allgemeinverbindlichen Annahme werden ließen und am Ende der Beweiskette musste sie sich eingestehen, dass es ganz und gar nicht sicher war, dass ihr eigener Bruder im Nebenraum eingeschlafen war. Es war nicht nur unsicher, es war auch unwahrscheinlich, aber wenn der Mann gar nicht ihr Bruder war, wer war er dann? War sie allein in das Zimmer der Herberge gekommen? War sie überhaupt in der Herberge und wenn nicht, in welchem Bett lag sie? Jedes Geräusch aus dem Nebenraum beruhigte sie.

Sie kämpfte bis in die frühen Morgenstanden gegen den Schlaf, sah an die Decke des Zimmers und lauschte in die Dunkelheit. Einzuschlafen hieße wieder aufzuwachen, aufzuwachen in ein leeres Zimmer. Ein Zimmer, von dem sie nicht wusste wo es war. Irgendwann war sie sich sicher, dass sie sich getäuscht hatte, getäuscht haben musste, ein Gedanke, der sie hellwach werden ließ. Ihre Wahrnehmung hatte ihr einen grausamen Streich gespielt, nicht ihr Bruder, sondern ihr Wunsch schlief im Nebenraum und in der Dunkelheit war er selbst für ihren zerrütteten Geist nicht mehr erkennbar. Der Entschluss festigte sich noch vor der ersten Dämmerung, sie tastete nach ihrem Kleid, schlüpfte hinein und verließ den Raum auf Zehenspitzen. Sie glaubte zwar nicht, dass es ihr Bruder sein könnte, aber eine gewisse Unsicherheit aufgrund der regelmäßigen Atemzüge, die in der Dunkelheit verklangen, veranlasste sie dazu den Raum auf leisen Sohlen zu verlassen. Selbst Einbildungen wollten nicht geweckt werden. Als sie die Herberge verlassen hatte, überkam sie die Enttäuschung. "Schön wärs ..."
Isen Rauhnacht

Beitrag von Isen Rauhnacht »

Nachdem sie zwei Stunden lang geschlafen hatte, war sie so hellwach wie nie zuvor. Sie lauschte den kleinen Rinnsalen, die in der Dunkelheit an der Höhlenwand zu Boden sickerten und versuchte sich den genauen Wortlaut des Verbotes in Erinnerung zu rufen. Hatte er dieses Zimmer gemeint, oder den Keller, oder das Haus, oder Bajard? "Da sein", das konnte viel bedeuten und wenn man die metaphysische Reichweite des Wortlautes berücksichtigte, dann war sie gewissermaßen auch in Abwesenheit anwesend.

Nach einer Weile des Nachsinnens und der Abwägung aller Für und Wider kam sie schließlich zu dem Schluss, dass er keineswegs davon gesprochen hatte, dass sie seinem Aufwachen in der Faktizität ihrer Körperlichkeit beiwohnen sollte. Nein, viel wahrscheinlicher war, dass er damit ihre Verbundenheit in geschwisterlicher Liebe gemeint hatte und ja, in dieser Hinsicht war sie natürlich 'da'.

Ein sanftes Lächeln rann über ihre Lippen beim Anblick des vertrauten Gesichtes. Das weiche Licht der Laterne verlieh ihm einen Ausdruck, den sie tagsüber selten zu sehen bekam und der sie für den Moment versöhnlich stimmte. Als sie schließlich im Oger ankam, stellte sie beruhigt fest, dass die Wirtin die Kneipe für die heutige Nacht noch nicht geschlossen hatte.
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