Bis in den Tod

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Tristan Wulfram

Bis in den Tod

Beitrag von Tristan Wulfram »

“ Es hat keinen Sinn, dir etwas aufzubürden, das dich nur belastet, auch wenn du deine Arbeit so gut getan hast, wie man es sich nur wünschen kann.“
- Selene Ainaan

Schon lange hat der Magister immer wieder vor den Türen der Ordensburg gestanden und unnötig gezögert. Es war immer nur ein Schritt um die vollkommene Freiheit zu erlangen und seinen großen Ikonen zu folgen. Immer zögerte er es hinaus und suchte Ausflüchte, Ausreden und Gründe um sich nicht zu befreien. Doch die Lage wurde schwieriger und der Zorn in ihm wuchs.
Dieser Zorn machte ihn früher stark, immer stäker. Irgendwann zerfraß er ihn einfach.
Umso mehr ihm im Leben genommen worden ist, umso skrupelloser und radikaler in seinem Vorgehen wurde er.

Selene war nicht mehr als ein Portrait und ein Abschiedsbrief, welchen er in seinen Händen halten konnte. Die Erinnerung war schon lange verschwunden. Dieser Verlust brachte ihn auf einen düsteren Pfad, auf dem ihn Sarya führte. Sie führte ihn weit, doch als sie dann starb, war er ohne Führer und der Zorn und Hass kannte keine Grenzen mehr, er wurde nicht mehr gelenkt.
Auch wenn er immer versuchte so es herunterzuspielen und so zu tun als würde es ihm nichts bedeuten: Es ließ seine Verachtung gegenüber der Menschheit nur wachsen.
Sein Zorn richtete sich nicht nur gegen die Ketzer, sondern auch gegen die „Eliten“ Rahals und schließlich gegen sich selbst.


„Du bist ein guter Mensch, und gute Wesen haben es verdient, frohen Herzens zu sein.“

Guter Mensch? Er war ein Todesengel. Alle die ihm irgendetwas bedeuteten starben ihm einfach weg, einfach so. Die Ursachen waren verschieden, doch war das Ergebnis immer gleich: Er war der letzte Überlebende.

Doch wozu lohnte es sich noch zu leben?
Er hatte alles erreicht, hatte sich jeden Genuß bereitet und konnte nahezu alles und jeden töten.
Insbesondere seine Kampfkraft stieg ihm immer wieder zu Kopf und er fing an unvorsichtig zu werden und seine Meinung frei zu äußern, was insbesondere in Rahal nicht geduldet wurde, da er die Hierarchie in Frage stellte. Leider wurde er auch arrogant und selbstgefällig.
Einer der vielen Nägel die seinen Sarg zuschlagen sollten...

Und da stand er wieder nur und flüstert leise zu sich selbst, fragt sich ob er es nun endlich tun soll. Soll er ihr wirklich folgen?
Er wusste nicht warum sie es tat, aber sie tat es damals und verließ dieses irdische Jammetal.
Der Wind weht durch das blonde Haar des Magisters als jener die Stufen zur Burg hinaufsteigt und sich wehmütig durch die Gänge der Burg quält.
Leise wimmert eine melancholische Melodie im Luftzug zwischen zwei Fenstern und die Vorhänge flattern energisch hin und her.

Mit jeder Stufe die er tiefer in den Keller stieg erinnerte er sich an die einzelnen Schritte die er tat um sein Ende vorzubereiten. Er isolierte sich vom Orden, dann vom Alka und zum Schluss vom rahalischen Reich, bis ihm kaum jemand blieb der ihn noch von seiner Freiheit abhalten konnte.
Die meisten starben sowieso weg oder würden in den nächsten Tagen ihr Ende finden.
Sehr viele verschwanden spurlos…

Es blieb nur noch Alin.
Aber mit Alin war er ohnehin zerstritten, was die Sache für Beide wohl einfacher machte. Er konnte sich ihr gegenüber ohnehin nicht öffnen, so erkaltet und von Hass zerfressen wie er war.
Er wäre womöglich auch kein großer Verlust für sie, so hoffte er es zumindest. Alleine dass er es sich so oft einredete war genug, um schlussendlich doch daran glauben zu können.
Sie würde es verkraften, sie würde ihn ebenfalls verachten und keine Träne nachweinen.
Er hoffte es zumindest.

Alle jene die er als Kameraden und Freunde bezeichnete, würden sicherlich Ersetz in ihren Reihen finden. Niemand war unentbehrlich, auch für ihn würde eines Tages Ersatz gefunden werden.
Tristan besieht sich selbst in einer gefrorenen Pfütze in einer Ecke der Treppe.
Er sah nicht anders aus als vor Jahren, aber mittlerweile konnte er genau diesen Anblick nicht mehr ertragen. Der Magister wurde einer der mächtigsten Magier Alathairs, doch konnte er sich selbst nicht besiegen, er konnte seinen Stolz nicht überwinden. Aus dem früher freiheitsliebenden Heimatlosen wurde nun ein mächtiger Sklave. Er war ein Vogel im goldenen Käfig, in welchem er es nicht mehr aushalten konnte. Man erwarte von ihm immer ein Liedchen für alle jene zu trällern, die vielleicht einen hohen Rang haben, aber in einem direkten Zweikampf schneller fallen würden als Tristans Blitze vom Himmel schlagen konnten. Er hätte jeden einzelnen töten können.
Doch irgendetwas hinderte ihn immer daran seinem Weltschmerz ausdruck zu verleihen.
Und das einzige was ihn davon abhielt war Saryas Hingabe für den Orden. Er wollte ihr Werk nicht noch weiter schädigen. „Es wird der Tag kommen da wird eure Rüstung durchlöchert und das sicher vom Rost oder Fraß der Motte!“, war der letzte Gedanke den er für Rahal und seine Hierarchie übrig hatte.

Im Grunde bereute er keine seiner Taten, bereute es nicht ihnen gezeigt du haben, wie schwach sie außerhalb ihrer Hierarchie sind. Ritter die im Kampf schnell fielen, Knappen die sich in Bajard beleidigen lassen und keinen Mut in den Knochen haben um ihre Würde zu verteidigen… Nein, das war kein Rahal mehr für das er streiten wollte. Eigentlich bereute er doch etwas: Sich damals mehr als nötig für Orden und Rahal eingesetzt zu haben. Aber womöglich war es eben einfach nötig, um in eine Position zu kommen, aus der man ihn nicht so leicht beseitigen konnte. Von dort aus konnte er seinen destruktiven Trieben freien Lauf lassen.
Nichts hinderte ihn daran, schließlich sah er ja auch was aus Rahal geworden ist, nachdem die letzten guten Kämpfer jenes verlassen haben. Er sah wie die Oberstadt einstürzte und wie viele der übriggeblieben Kämpfer gefallen sind wie die Fliegen. Und er sah dass es gut war.

Am Ende der Treppe zieht der Magister die Balronlederstiefel aus um den kalten steinigen Boden der Burg ein letztes Mal fühlen zu können, diese herrliche Kälte, die ihn an seine Zeiten als Studiosus erinnerte beruhigte ihn auf eine undefinierbare Art und Weise. Doch es reichte immerhin um die letzten Schritte bis zum Grabraum zu tätigen, um die letzten Schritte vor ihren Sarg zu setzen. Bald würde er ihr endlich folgen können und seine Freiheit finden können. Frei von Standesbarrieren, Erwartungen und Hierarchie. Frei von Sklaverei und Zwang. Frei von diesem unbändigen Hass und Zorn auf nahezu alles Leben auf dieser Welt. Anfangs machte ihn dieser Hass mächtig, doch mittlerweile wünscht er sich nahezu jeden der ihm vor die Augen tritt mit seinem Kryss auszuweisen, auch seine „Brüder und Schwestern“. Er konnte nicht nur Rahal und den Orden nicht mehr aushalten, er konnte es auch mit sich selbst nicht aushalten, konnte diese starke Verachtung gegenüber ihnen nicht ertragen…

Der Magister betrachtete seine Hände und erinnerte sich an die heroischen Geschichten der Vergangenheit, an alle Kämpfe die er gewann und die er verlor und auch an alle Momente, die das Leben lebenswert machten. Auch dachte er an alle Meilensteine auf dem Weg zur Macht. Es war ein weiter Weg, doch jede Reise hat ihr Ende. Diese „guten“ Zeiten waren vorbei, spätestens jetzt als er den Arkoritherdolch zwischen seine Rippen schlug und ... damit verstarb.
Zuletzt geändert von Tristan Wulfram am Donnerstag 9. Mai 2013, 16:30, insgesamt 2-mal geändert.
Alin

Beitrag von Alin »

Ich lief meine üblichen Schritte, meine üblichen Wege und eigentlich war alles wie immer. Doch mein Schein sollte bald getrübt werden, als mich eine Hand griff, mich am Handgelenk in den Wald zog. Ich war so mit meinem Gedanken beschäftigt, dass ich gar vergessen hatte, mich irgendwie zur Wehr zu setzen und als mein Kopf mir dazu riet, hörte ich bereits die bekannte Stimme zu mir sprechen.

"Fähe, Fähe..."

Ich hatte seine Stimme lange nicht mehr gehört und als meine Augen ihn trafen, musste ich ernsthaft auch überlegen, ob er es wirklich war oder ob er nicht einst anders aussah. Was mir jedoch recht schnell klar wurde war, dass wenn er sich blicken ließ, das nie etwas Gutes hätte bedeuten können. Er war so alt geworden, ich erkannte ihn nicht wieder und doch wusste ich, er würde mir Nachricht bringen, die ich nicht hören wollte.
Ich entriss ihm meine Hand, meinen Arm und nahm einen Schritt Abstand. Ich wollte nichts sagen, ich hob einfach die Rechte in die Höhe und vollführte eine Geste, er sollte sprechen.

"Ich wandere seit Jahren für dich und suche dich nur auf, wenn es Informationen sind, die du nicht selber einholen würdest, nicht einholen willst."

Meine Emotionen zeigte ich ihm nicht, ich hatte diese steinerne Maske aufgesetzt, welche er nur zu gut kannte, ich glaube er hatte mich noch nie lächeln sehen. Im Nachhinein... es würde auch an diesem Abend nicht geschehen. Er schwieg wieder und in meinen Kopf regten sich unzählige Gedanken und während er wohl nach rechten Worten suchte, führte ich einen Dialog mit mir selbst.

"Was ist uns entgangen?"
"Ich weiß es nicht, warte doch was er sagt."
"Irgendwer ist tot, er kommt immer, wenn irgendwer tot ist."
"Halt den Mund!"
"Es würde noch einer sterben, wurde uns doch gesagt, wer ist es. Weißt du wo sie alle sind, die du schätzt? Überlege!"
"Ich hasse dich!"
"Wer ist es, Alin?!"


Meine Hände rückten in die Höhe und er wusste, ich würde ihn gleich anfallen, würde er nicht endlich seinen Mund aufmachen. Der Dolch blitzte bereits in meiner Hand und die Mordlust zog sich durch mein ganzes Gesicht. Noch einen Schritt voran, noch einen Meter näher und er hätte das Metall von diesem riechen und schmecken können...

"Tristan Wulfram ist fort."

Aber statt ihm den Dolch über die Kehle zu ziehen, erstarrte mein Körper. Nicht einmal die Arme nahm ich runter, ich stand da, als hätte man mich mit Gift zugepumpt, welches meinen Leib lähmte. Und es kam mir vor, als würde es sich durch mich hindurch fressen und nach und nach alles zerstören, was in mir noch lebte. Meine Augen verloren an Halt und alles wurde leer. In meinem Kopf geschah es in Sekunden, meine ganzen Begegnungen mit Tristan schossen durch meinen Geist. Wie ich ihn zum ersten Mal sah, wie ich ihn hasste, wie ich ihn irgendwie liebte und wie er mein Leben zerstörte, einmal, zweimal. Ich hatte mich an dem Hass beteiligt, welcher ihm galt und doch wusste ich, dass er auch eine Seite hatte, die mir zwar keiner abkaufen würde, aber die vorhanden war. Die Seite, die ich schätzte.

Es wird nur noch einer gehen, der dir was bedeutet, Alin...

Langsam liefen Tränen über mein Gesicht, auch wenn sich der restliche Körper immer noch nicht bewegte. Ich wunderte mich, dass ich überhaupt noch atmen konnte. Meine Lippen wollten dieses Lächeln nicht verlieren und doch zerriss mich jener Verlust erneut. Ich gönnte es ihm, endlich frei zu sein und ich hasste ihn, dass er mich hat stehen lassen. Und ich hasste mich, weil ich die letzten Worte an ihn nicht einmal mehr wusste. Er war der letzte Halt in meine Vergangenheit, ich war gebrochen und das Feld starb ab und der letzte Keim wurde durch diese Information erstickt. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, auch wenn kein Laut über meine Lippen kam, ich konnte mich nicht mehr bewegen, ich war gefroren, ich war nicht mehr ich...
    • "Die Welt, ein Tor
      Zu tausend Wüsten stumm und kalt,
      Wer das verlor, was du verlorst,
      Macht nirgends halt"

      Friedrich Nietzsche - Vereinsamt
Zuletzt geändert von Alin am Dienstag 23. April 2013, 21:31, insgesamt 1-mal geändert.
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