Die Zeiten eines Soldaten

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Endurael Talan
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Die Zeiten eines Soldaten

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Inhaltsverzeichnis:

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Heimat?


Gastrollen: Alin; Elias Innes; Sophia Coram; Der Rekrut, dessen Namen mir entfallen ist

02. Wechselwind 256
Adoran
Ost-Gerimor


Endurael blickte über das Hafenbecken der Stadt hinweg, auf dem sich elegant und leise die Schneeflocken an das raue Meerwasser kuschelten, um von ihm dann wie die Beute einer Spinne eingenommen zu werden. Ein leichter Wind pfiff dem Soldaten am Ohr vorbei und erinnerte ihn daran, wie sehr er sich auf wärmere Temperaturen gefreut hatte. Zwei Jahre lang war er auf der Sturmwind ein Gefangener der See. Doch jetzt war er wieder daheim.
Nachdem es sich der Kapitän der königlichen Fregatte doch anders überlegt hatte, legten sich offiziell doch nicht in Adoran an. Die Insel war aber schon nah genug, dass Endurael und zwei Seemänner, die ihren Dienst als Strafe für Taschendiebstahl leisten mussten, mit einem der letzten Boote bis nach Bajard über schifften. Der königliche Soldat verabschiedete sich dort von seinen zwei ehemaligen Kameraden und betrat das raue Land, auf dem er zwar nicht aufgewachsen, aber wohl die wichtigste Zeit seines Lebens hinter sich gebracht hatte.
Es entbehrte keiner Ironie, dass Endurael keine Stunde später – er hatte in Bajard nur ein paar Rationen eingekauft – im angrenzenden Umland in eine Patrouille von Rahal stolperte. Es fiel ihm ein Stein vom Herzen, dass er darauf verzichtete, seine Uniform vom Schiff mitzunehmen, denn sonst wäre seine Heimkehr sehr kurz abgelaufen.
Es waren Wegelagerer in der tiefen Dunkelheit. Endurael glaubte, fünf von ihnen gezählt zu haben, alle beritten und alles andere als … nett gesinnt. Doch wenn der Soldat in seinen vielen Jahren auf Gerimor eines gelernt hatte, dann, dass Rahaler sich gerne darauf einlassen, wenn man ihnen eine Mischung aus Respekt, manchmal auch Angst, und offener Feindseligkeit gegenüber der Krone entgegenbrachte. Das Verhalten war vermutlich nicht wirklich konform mit den Normen und Regeln des Eides, den er vor Jahren einmal abgelegt hatte. Aber Endurael wollte gar nicht erst so tun, als wäre er ein Angehöriger der königlichen Truppen.
Vor ihm befand sich eine junge Frau, die vielleicht ein, zwei Köpfe kleiner als Endurael gewesen wäre, hätte sie nicht ihren aufrechten Platz im Sattel eines Pferdes eingenommen. Sie stellte sich später noch unter dem Namen Alin vor, wobei Endurael sich nicht sicher sein konnte, dass das auch ihr echter Name war. Auf die Frage, was seine Unternehmung in dieser düsteren Nacht vor Bajard wäre, gab der Soldat ruhig zurück, dass er Wanderer wäre. Tatsächlich ging Endurael aber nicht einen Augenblick lang davon aus, dass Alin ihm diese Aussage auch abnehmen würde. Wer bei den Göttern wandert in der tiefen Nacht umher? Aber nachdem ihm nichts Besseres einfiel, war es immer noch eine bessere Ausrede, als darauf aufmerksam zu machen, dass er den königlichen Truppen angehörte.
Als er aber nach seinem Namen gefragt wurde, log er nicht. Es war nie so gewesen, dass sein Name bei den Leuten bekannt war, doch einige Rahaler hätten ihn sicherlich mit Adoran in Verbindung gebracht. Der Trupp vor ihm regte sich aber nicht ein Stückchen, als er sich vorstellte. Das war sehr gut zu wissen.
Die Dame mit dem Namen Alin bot Endurael noch an, dass sie in Rahal einmal ein Gespräch über ›Wegelagerei‹ führen könnten. Er versprach, sich bei ihr noch deswegen zu melden und hatte dabei sofort den Hintergedanken, möglicherweise den Zugang an interessante Informationen bekommen zu können. Doch bevor sich so etwas überhaupt entwickeln würde, musste Endurael erst einmal herausfinden, welche Pflichten auf ihn in Adoran warteten. Nachdem die Sturmwind nicht am königlichen Hafen anlegte, wusste derzeit nämlich noch gar niemand, dass er wieder da war. Endurael musste sich also zuerst in Adoran melden, damit nicht irgendjemand auf die Idee kam, ihn als Deserteur abzustempeln.

Adoran hatte sich die ganze Zeit über wohl nicht sonderlich verändert. Die Wachen trugen zwar neue Farben, doch ansonsten konnte Endurael keinen Unterschied feststellen. Durch den leichten Schneeregen hindurch machte die Stadt einen stolzen, aber zugleich tristen Eindruck. Aber alles war besser, als die wackligen Planken der Sturmwind.
»Tragt Ihr in Städten immer eine Rüstung?«, ertönte eine Stimme neben ihm. Es war nicht unbedingt die Tatsache, angesprochen zu werden, sondern die Frage an sich, die Endurael verwirrte. Er blickte an sich herab und musterte das braune Lederwams über der dunkelroten Baumwollkleidung. Still betete er zu Temora, dass jetzt auch noch unbeschlagenes Leder von den Gesetzen verboten wurde. Doch die Dame, die ihm die Frage stellte, beruhigte ihn in dieser Hinsicht schnell wieder. Sie schien nur überrascht gewesen zu sein.
Ihr Name lautete Sophia Coram, wie sich später herausstellte. Sie erklärte sich bereit, Endurael ein wenig auf den neuesten Stand zu bringen, was auf Gerimor so Interessantes passierte. In der Stadtschenke von Adoran erklärte sie ihm, dass der König seit zwei Wochen in der Stadt war. Endurael wusste zwar, dass er und die Truppen auf der Sturmwind nicht viel von dem mitbekamen, was auf der Welt passierte, aber dieses Ereignis überraschte ihn dann doch tatsächlich. Vor Bajard mischen Rahaler die Leute auf und in Adoran befindet sich der König. Endurael hoffte, dass es in Wirklichkeit der Wein war, der ihm den bitteren Beigeschmack im Gaumen verlieh.
Sophia Coram war eine junge, wohl noch unerfahrene Frau und Anwärterin für das königliche Konzil des Phönix, wenn Endurael das richtig verstanden hatte. Eine Magierin in Ausbildung. Endurael konnte die Unsicherheit in ihren grünen Augen erkennen, als sie einmal … nein, sogar mehrmals … davon erzählte, dass sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hatte und vermutlich als einsame alte Frau sterben würde. Endurael wusste nicht, was sie durchgemacht hatte und er würde auch nicht nachfragen, aber es war merkwürdig für ihn, welches Mitgefühl er plötzlich für einen fremden Menschen hatte. Die zwei Jahre See unter Männern hatten ihn wohl doch nicht in das Eis verwandelt, das er zuerst selbst von sich sah. Sophia erzählte auch davon, dass sie verzweifelt an ihren Kräften und Fähigkeiten arbeitet, um nicht wieder von Flügelaffen bezwungen zu werden. Endurael wusste noch nicht, ob er der Frau helfen könnte – er war keine Frage des Wollens –, denn was seine Pflichten in Adoran sein würden, war am Ende nicht seine eigene Entscheidung.

Am Tag darauf stolperte er über zwei Angehörige des Lichtenthaler Regiments, die bei den Leuten auf der Straße einfache Kontrollen durchführten. Endurael hatte insgeheim seinen Spaß daran zu beobachten, wie ein Rekrut seiner Arbeit nachkam. Außerdem hatte er selbst auch nichts zu verstecken. Die beiden Männer waren Gardist Elias Innes und Rekrut … Endurael hatte den Namen des Rekruten vergessen.
Gardist Innes riet ihm zumindest, erst am morgigen Tag zur Kommandantur zu gehen, wenn Frau Oberstleutnant Zeit für ihn hätte. Endurael hatte zwar ursprünglich geplant, mit Oberst von Tannhoeh direkt zu reden, aber es war auch nicht die schlechteste Idee, dessen rechte Hand kennenzulernen. Friedolin würde er sicherlich auch so noch begegnen. Außerdem erinnerte sich Endurael daran, wie Sophia von der Frau Oberstleutnant sprach und sie wohl auch eine Frau mit magischer Begabung war.

Endurael nutzte die Zwischenzeit, sich Adoran wieder ins Gedächtnis zu prägen. Er schritt einmal durch die Stadt hindurch und prüfte alle Ecken auf Veränderung. Dabei machte er auch einen Abstecher zur Kommandantur. Zwar hatte er seine alten Schlüssel noch bei sich, doch er würde alleine und in zivil nicht den Versuch wagen, die Türen zu öffnen. Wenn die Schlüssel passten, wäre es kein Problem gewesen. Aber er hätte sicherlich viele Fragen aufgeworfen, wenn er mit einem Schlüsselbund hantierte, bei dem keiner Schlüssel passte. Was sie später auch nicht taten, denn Endurael traf erneut auf Gardist Innes, der einen leicht angeschlagenen Eindruck machte. Nachdem sie die Schlüssel einmal überprüften, machten sie sich im Anschluss auf den Weg zur Stadtschenke. Der Gardist brauchte offensichtlich einen Schnaps. Und einen Gesprächspartner.
Der König war nun schon zwei Wochen in der Stadt und plötzlich floss Blut im Gerichtssaal? Endurael fand diesen Umstand passend, aber auch ein wenig merkwürdig. Jemand hatte versucht, den König zu vergiften, ein Herzog beschuldigte den anderen, es kam zu einem Duell … und Temora entschied, wer im Recht war. Soweit konnte sich Endurael mit der Geschichte abfinden, denn ein göttliches Urteil war durchaus glaubwürdig. Doch was, wenn die Intrige größer war? Gab es Spuren? Hinweise? Endurael hatte ein seltsames Gefühl im Nacken, dass sich eine schwere Last für ihn und die Truppen ankündigen würde. Doch davor würde er erst einmal sehen müssen, welchen Dienst er der Krone leisten könnte.

Insgesamt betrachtet hatte Endurael zwar vermutlich viele inhaltliche Dinge verpasst, die auf Gerimor geschahen, doch das Leben darauf fühlte sich noch so an, wie er es in Erinnerung hatte. Der Kampf gegen Rahal würde auf die oder andere Art weitergehen. Endurael würde daran teilhaben … in Uniform oder ohne. Die Heimat hatte ihn wieder.
Zuletzt geändert von Endurael Talan am Freitag 14. Juni 2013, 13:23, insgesamt 2-mal geändert.
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Evakuierung

Gastrollen: Fjalon Thorn • Friedrich Myrtol • Marjorie Weilnau • Medren Haingrund • Larel • Thelor von Reensdorf • Friedolin von Tannhoeh

07. Wechselwind 256
Provisorisches Lager
Ost-Gerimor


Wie Rasierklingen schnitt der Wind scharf durch das Gesicht des Wachtmeisters. Er fühlte sich zynisch und erbarmungslos auf der glatten Haut des Soldaten an, der sich just in diesem Moment den Bart zurückwünschte, den er bei der Armee nicht tragen konnte; und sonst auch nicht wollte. Schneeflocken tänzelten in der Luft, als wären sie ahnungslos davon, wie kalt es nachts in dem provisorischen Lager war, welches das Regiment im Norden Adorans aufgebaut hatte.

Endurael hatte Glück, dass es keiner großen Kunst bedarf, seinen Dienst im Osten Gerimors wieder anzutreten. Das Hohenfelser … nein … Lichtenthaler Regiment suchte nach guten Leuten. Außerdem hatte der Wachtmeister schon lange nicht mehr so viele Rekruten gesehen. Die Frau Oberstleutnant van Valerian bat ihn, sich in den ersten Tagen auf den aktuellen Stand zu bringen, was auf Gerimor während seiner Abwesenheit alles geschehen war. Berichte studieren und Handschriften entschlüsseln. Es war nicht die spannendste Arbeit; aber sie war wichtig. Denn Endurael hatte keine Ahnung, was eigentlich los war, nur, dass viele sehr aufgeregt darüber waren, dass zuerst Blut im Gerichtssaal von Adoran floss und dann ein Gefangener wohl von einem Maulwurf im Regiment freigelassen wurde. Alles beim Alten, kam dem Wachtmeister der zynische Kommentar. Und dann kam die Flut.

Zwei Jahre lang musste er die Planken der Sturmwind auf hohem Meer ertragen. Es gab keine Sekunde, in der Endurael auf dem Schiff nicht nass wurde. Und kaum erreichte er endlich wieder Festland, spielten die Götter einen Streich mit ihm, indem sie Adoran einmal mit dem salzigen Meerwasser überströmten? Der Wachtmeister wollte gerade seine Patrouille durch die Stadt beenden, als das Wasser zwischen die Gassen und Straßen flutete. Endurael zögerte nicht lange und versuchte, auf die Wehrmauer der Stadt zu gelangen. Stürme auf hoher See waren eine Sache, aber auf so eine Flut gab es nur Rückzug als korrekte Antwort. Außerdem war der Wachtmeister von oben bis unten in eine Plattenrüstung gehüllt, die ihm sicherlich nicht dabei helfen würde, seine Schwimmfähigkeiten optimal zu nutzen. Er musste weg.

Und nach der Flut kamen die Aufräumarbeiten. Eine Weile erinnerte Endurael der Geruch der Stadt ein wenig an Bajard, aber er würde sich den Kommentar besser sparen, als er die Bewohner Adorans betrachtete, die Löcher in Wänden reparierten, Schutt beiseite schleppten und mühevoll versuchten, der Stadt den Glanz zurückzugeben, den sie Tage zuvor noch hatte. Einer der Bauarbeiter hatte an der inneren Westbrücke ein Schild aufgestellt, das makaber darauf hinwies, man sollte nicht über das Geländer springen. Endurael schüttelte einmal den Kopf und trabte mit seinem Regimentspferd weiter in Richtung des Haupttores. Dort traf er auf Korporal Fjalon Thorn und Wachtmeister Myrtol. Die beiden wirkten recht gelangweilt am Stadteingang und warteten darauf, dass irgendetwas geschah.
»Scheint ja kaum was los zu sein heute«, sagte der Korporal.
»Gibt es Befehle?«, fragte Endurael seinen Vorgesetzten.
»Wachdienst nach Plan. Wachtmeister Myrtol und ich werden das Tor im Blick behalten.«
»Jawohl!« Endurael salutierte. »Dann werde ich meinen Weg gen Berchgard fortsetzen!«
»Sehr gut«, antwortete Korporal Thorn, »da ist sicher genauso wenig los. Aber man kann ja nie wissen.«

Die Straße nach Norden war leicht verschneit, und als sich die Sonne am Horizont endgültig verabschiedete, trübte sich auch die Sichtweite auf das Flachland von Ost-Gerimor. Ruhig, es schien alles ruhig und friedlich zu sein. Der Korporal scheint recht zu behalten, dachte sich Endurael, als er sein Pferd in Richtung Berchgard steuerte. Und doch hatten die Götter wieder ihre eigenen und geheimen Absichten, denn kaum befand sich Endurael in Sichtweite der Bergstadt, erkannte er Massen von Menschen, die aus dem Osttor strömten. Verwirrung und Panik standen in ihren Gesichtern, als sie in die kalte und unfreundliche Nacht traten, um sich dort zu versammeln.
Endurael konnte in der Menge die goldroten Farben des Regiments ausmachen. Es war Marjorie Weilnau, Gardistin und Feldheilerin des Regiments, die mit ein paar Bürgern der Stadt sprach. Sie versuchte offenbar, der Unruhe ein paar mildernde Worte entgegenzubringen. Endurael war nicht klar, was los war. Er sprang deshalb von seinem Sattel und näherte sich der Gardistin langsam und ruhig.
»Was ist hier eigentlich los?«, raunte er ihr zu.
»Ehre Krone und Reich!« Die Gardistin reagierte mit einem geübten Salut. »Die Personen haben sich wegen des Bebens hier gesammelt. Es wurde von keinen Verletzten berichtet. Das Rathaus ist bereits wieder geräumt worden.«
Beben? Endurael legte den Kopf schief. »In Adoran haben wir nichts von einem Beben mitbekommen.« Bei den Worten starrten ihn ein paar der Anwohner ungläubig an, als könnten sie sich nicht vorstellen, wie man nicht etwas von dem Beben mitbekommen hätte können. »Wer hat das Kommando hier?«, hakte der Wachtmeister nach.
»Jetzt Ihr, Wachtmeister.«
Ist ja klasse. Endurael schüttelte sich frei von dem Gedanken und musterte einmal die Lage. Eine der Frauen empfahl den Leuten immer wieder, nach Varuna zu gehen, weil es das Zentrum der Insel war und sie dort vor Beben sicher wären. Die Gardistin hakte darauf vollkommen korrekt ein, dass Varuna gar keine Option war. Sie war nach wie vor nicht zugänglich. Vor allem nicht für einfache Bürger Berchgards.
Minuten später näherten sich Korporal Thorn und Wachtmeister Myrtol dem Osttor der Stadt. Endurael klärte seinen Vorgesetzten, der dann wohl jetzt das Kommando hatte, kurz über die Situation auf. Der Wachtmeister war dann kurz davor, einmal die Lage in der Stadt selbst zu überprüfen, als er tatsächlich ein kleines Beben spürte. Dann krabbelte auf einmal eine Schar von Zwergen auf ihren Reitkäfern durch das Tor. Enduraels Augen weiteten sich bei dem Anblick. Jetzt hatten selbst die Wächter Nilzadans ihr Heim verlassen.
Der Korporal beschloss, dass Adoran unter den Umständen wohl am Sichersten wäre. Wie zwei Schäferhunde versuchten Gardistin Weilnau und Endurael, die Ansammlung an Menschen zusammenzubringen, um sie geschlossen nach Süden zu führen. Einige wehrten sich zuerst, doch den meisten war wohl bewusst, dass die Bewegung sie wenigstens warm halten würde, auch wenn sie daran zweifelten, ob die Küstenregion bei einem Beben wirklich die beste Wahl war, um überleben zu wollen.

Kaum in Adoran angekommen, übernahm Sir Friedolin von Tannhoeh das Kommando. Er zweifelte daran, dass die Hafenstadt wirklich sicher wäre, sollte es zu Beben kommen. Er wies daher das Regiment und die Flüchtlinge an, ein provisorisches Lager im Norden, direkt neben der Festung seiner Hoheit, Herzog von Greifenhain. Doch kurz bevor Endurael und die anderen losmarschieren wollten, traten zwei fremde Männer vor das Tor Adorans.
Es handelte sich um zwei Anhänger des Druidenordens, Medren Haingrund und Larel, die ihren Weg von Varuna in den Osten bestritten hatten, um von der dortigen Lage zu berichten. Die Stimmen der Druiden erinnerten Endurael an das Geplätscher von Wasser, wie es vom Regen ertönt, wenn er auf die Dächer von Gebäuden prasselt. Medren Haingrund erzählte davon, wie die beiden Druiden Moos in Varuna säten, um den Toten dort den Frieden zurückzubringen. Eluive selbst wäre den beiden Männern erschienen und bat sie, sich dem Kampf Temoras gegen die Untoten anzuschließen. Es war Sir Thelor von Reensdorf, der die beiden Druiden sogleich zu einem genaueren Gespräch mitnahm. Für Endurael und den Rest der Meute war aber klar, dass die beiden Diener der Natur nicht bei ihrer derzeitigen Situation aushelfen würden. Denn die Leute froren sich vor dem Stadttor so langsam die Füße eisig. Es musste immer noch ein Lager errichtet werden.
»Aber nicht vergessen«, erinnerte Sir Friedolin die Truppe. »Das Lager vor der Festung errichten, nicht drinnen! Niemand weiß, wann die Erde wieder bebt!«

Wieder bildete Endurael die Nachhut, während sie sich in Richtung Norden aufmachten. Mittlerweile waren auch die letzten Sonnenstrahlen vom Horizont verschluckt worden und der Wachtmeister musste sich anstrengen, auf der dunklen Ebene überhaupt etwas zu sehen. Zur Abwechslung liefen sie dabei einer Meute von Wegelagerern in den Wald, schlecht gerüstet und ihre Kampffertigkeiten vergleichbar mit denen von Goblins.
Als sie sich neben der besagten Festung sammelten, übergab Korporal Thorn den beiden Wachtmeistern, Endurael und Friedrich, das Kommando, während er für Nachschub sorgen würde. Die Mitglieder des Handelshauses machten sich unverzüglich an die Arbeit. Einige jagten in der Umgebung Tiere, andere hakten nach Holz und gruben Löcher in die Erde.

Und so standen die Zelte des provisorischen Lagers in der weiten Kälte des rauen Wetters. Wie die Gardisten vor Ort später erfuhren, würde es am kommenden Tag tatsächlich einen Marsch auf Varuna geben, um den Untoten den gar auszumachen. Doch bis dahin lag es in der Pflicht der beiden Wachtmeister und der restlichen Truppe, für diese Nacht vor der Schlacht für ein wenig Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Zuletzt geändert von Endurael Talan am Dienstag 4. Juni 2013, 20:56, insgesamt 2-mal geändert.
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Erinnerungen

Gastrolle: Marjorie Weilnau

12. Eluviar 256
Regimentskommandantur Adoran
Ost-Gerimor


Und da erzählte sie ihm auch noch, dass er schnarchen würde.
Endurael lehnte sich an eine Zinne der steinernen Wehranlage des Adoraner Regimentsgebäudes. Er starrte in den dunklen Himmel, dessen Sterne von einer finsteren Wolkendecke verschleiert wurden. Es war nun schon die vierte Nacht am Stück, in welcher der Wachtmeister nicht richtig schlafen konnte. Sein roter Umhang schabte leise an der rauen Oberfläche der Brüstung, als Endurael einmal tief durchatmete.

Eluive hat jedem von uns eine bestimmte Aufgabe gegeben. Wenn wir nur tief in uns hineinfühlen, können wir ihre Rufe hören. Die Sätze hallten in Enduraels Ohr, als würden sie wie ein Wirbelsturm ihre Kreise ziehen. Clarissa hatte diese Worte immer beim Nachtgebet gesprochen, während sie mit ihren treuen Augen in die Natur blickte. Das war damals, damals, bevor er sie sterben lassen hatte. Damals, bevor Alatar ihm alles genommen hatte.

Die Erinnerungen kamen dem Wachtmeister des Lichtenthaler Regiments wieder in den Sinn, als er am Lagerfeuer des Feldlagers saß, das seine Kameraden und er aus der Erde gehoben hatten. Vielleicht war es die Erschöpfung von den Bauarbeiten, vielleicht aber auch nur Gedanke daran, im Regiment eine Art von Familie gefunden zu haben, wie schon lange nicht mehr. Aber die Erinnerung kam. Und sie sprach: Vergiss sie nicht.

Im Knistern des orangeroten Feuers versuchte Endurael, sich ein Bild zu malen, wie sie heute wohl aussehen würde und was für ein Mensch sie wäre. Doch seine Vorstellungskraft verschwand wie der Schatten einer Katze, die um die Häuser zog. Sieben Jahre. Sieben Jahre lang war er nun schon auf der Suche nach ihr. War das seine Aufgabe? Und würde diese verzweifelte Suche bald ein Ende finden?
Und es gab so viele Möglichkeiten. Als König Ador I. ein Fest zu Ehren des Regiments zelebrieren ließ, kam dem Soldaten sogar für eine Sekunde die Vorstellung, wie sie als Zofe einer Edeldame dienen würde … oder vielleicht selbst auf dem Weg zum Rang einer Edlen ist. Doch als Endurael in all die Gesichter blickte, die an jenem Abend im Schloss zu sehen waren, wusste er sehr genau, dass sie nicht unter ihnen war. Und dass solche Vorstellungen keine Hilfe waren.
Und er konnte sich auch nicht der Vorstellung entreißen, dass er die ganze Zeit auf der falschen Seite der Insel nach Antworten suchte. Vielleicht führte ihr Pfad sie nach Rahal oder Düstersee … Vielleicht war sie die ganze Zeit so nah … und blieb doch unerreichbar für ihn?

Endurael drehte sich um und starrte auf das majestätisch anmutende Schloss, das vor ihm in den Himmel ragte. Der massive Eindruck der Architektur machte ihm klar, dass sein Problem am Ende so nichtig und klein war. Sein höchster Wert bestand einzig allein darin, seinem König so gut und loyal zu dienen, wie es in seiner Macht stand. Die Welt drehte sich um die Herrscher und Götter, nicht um einen Wachtmeister, der nach Vergebung suchte.

Und doch hörte das Verlangen nicht auf, an seinem Herzen zu kratzen. Er durfte die Hoffnung nicht aufgeben. Ein Soldat kapituliert nicht einfach so. Vor allem wirft er nicht die Mühen weg, die er so viele Jahre unternommen hatte. Endurael wusste, dass sie am Leben war. Er wusste, dass sie irgendwo da draußen ihr Leben lebte. Chiara Talan. Endurael wusste, dass er seine Tochter am Ende finden würde.
Mit dem Gedanken löste sich der Wachtmeister von der Brüstung und schritt mit neuem Mut in den traurigen blauen Augen zurück zu den Mannschaftsquartieren. Vielleicht würde er ja jetzt eine Mütze Schlaf finden, bevor er zum Dienst antreten musste. Tatsächlich legte sich ein kurzes Grinsen über die Gesichtszüge des Wachtmeisters, als er ins Gebäude trat. Da bekommt man kein Auge zu und die Feldheilerin erzählt einem, man würde schnarchen … ausgezeichnet.
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Die Tür vor Augen

Gastrolle: Friedrich von Myrtol

3. Schwalbenkunft 256
Adoran • Königliches Herzogtum Lichtenthal
Ost-Gerimor


Der Aufprall der einzelnen Regentropfen auf dem Metall klang mit den verstreichenden Minuten im Wind wie das düstere Trommeln einer entfernten Heerschar, die sich auf die Schlacht vorbereitete. Der gewaltige Niederschlag, der aus den Wolken Adorans herausbrach, machte aber nicht Halt vor den Metallplatten des Soldaten, sondern wies seine Truppen von kalten Kriegern an, einen Weg unter den dicken Panzer der Rüstung zu finden, um auf der Haut des Wachtmeisters einen frostigen Abdruck zu hinterlassen.

Nachdem der Ritter ihn alleine gelassen hatte, verharrte Endurael nun schon seit Minuten in der starren Position und blickte in das unbekannte der Nebelwolken, die über den herrenlosen Wellen des Meeres eine undurchdringliche Mauer aus grauen Farben bildeten. Als hätte sich sein Unterbewusstsein vor ihm manifestiert, starrte der Soldat des Lichtenthaler Regiments diese Blockade im Wind an, während sich sein Körper mit einem leichten Zittern der beißenden Kälte der Regentropfen unterwarf.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann ihn das letzte Mal jemand nach seinem persönlichen Befinden befragte. Sicher, es war eine übliche Prozedur, von den Feldheilern des Regiments bis ins kleinste Detail ausgehorcht zu werden, damit diese eine Schwangerschaft auch mit Sicherheit ausschließen konnten. Aber Endurael war Soldat. Wer fragte sich schon, wie es dem Menschen unter der dicken Rüstung und der eiskalten Disziplin gehen würde?

Der Ritter tat das.

Es verbarg sich wohl auch eine scheinbare Ironie hinter dem Ganzen, dass er eine doch so simple Frage gerade zu einer Zeit stellte, in welcher der Wachtmeister nicht in der Lage war, die Wahrheit unter dem Mantel der militärischen Zucht und Ordnung zu verstecken. Endurael hatte sich die letzten Wochen eine Kerbe in seinen Geist geschlagen … Und der Ritter hatte exakt diese Kerbe gefunden.

Der Wachtmeister war vielleicht stur, aber sicherlich nicht unbewusst, dass ihn die Erinnerungen seiner Familie plagten. Sieben Jahre … Immer wieder sprang ihm die Zahl wie ein nervtötender Imp vor sein inneres Auge. Sieben Jahre. Und er hatte sie einfach nicht finden können. Seinen Schlafmangel überbrückte der Wachtmeister – den Titel des Ranges in allen Ehren – mit ein paar Tropfen Wutblut in der Feldflasche. Es hielt ihn wach und half ihm gleichzeitig, die Bilder aus seinen Kopf zu verjagen.

Doch die kolossale Nebelwand, die vom Meer auf die Küste getrieben wurde, verriet Endurael, dass er die Wahrheit nicht ausblenden konnte. Er schaffte es nicht, sich einen Weg durch diese Mauer zu schlagen, blieb sie doch massiv. Aber jede Mauer hatte irgendwo einen Durchgang, einen Weg des geringsten Widerstandes.

Der Ritter hatte ihm diese Tür gezeigt.

Nur wer liebt, kann wahrlich dienen. Es war keine überdachte Aussage, als Endurael dem Sir diese Worte sagte, und doch wusste der Soldat, wie viel Wahrheit dahinter steckte. Denn sein anfänglicher Irrtum war, zu denken, dass er die letzten sieben Jahre versagt hatte, weil er Sie liebte und ihr nicht dienen konnte. Doch als die Monotonie des Regentrommelns weiter ihren Platz auf dem königlichen Plattenpanzer einnahm, waren es zwei warme Tränen, die über das Gesicht des Wachtmeisters rollten und ihm die klare Wahrheit offenbarten.

Sieben Jahre. Aber er hatte keine Sekunde versagt. Er hatte gedient; und während Dutzende seiner Kameraden in den Schlachten und Hinterhalten fielen, hatte er überlebt. Und er konnte seinen Dienst fortführen. Vielleicht hatte Sie ihn nicht nach Gerimor geführt, um Sie zu suchen, sondern vielleicht führte Sie ihn am Ende nur dorthin, damit er dem Ruf der Krone folgen könnte. Er suchte nach Ihr und konnte sie nie finden. Was er stattdessen fand, hatte der Wachtmeister in seiner Blindheit nie gesehen.

Endurael hatte die Tür immer direkt vor seinen Augen.
Es war der Ritter, der sie ihm schließlich in aller Klarheit zeigen konnte.
Es war Sir Friedrich von Myrtol, der ihm den Schlüssel zu dieser Tür in die Hände legte.
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Nebel der Nacht

Gastrollen: Alin • Fjalon Thorn • Florentine Demarkes • Friedrich von Myrtol • Marjorie Weilnau • Mariella von Dornwald • Svea Elisabeta vom Greifenhain

Besonderer Dank an: Schaf

13. Schwalbenkunft 256
Adoran • Königliches Herzogtum Lichtenthal
Ost-Gerimor


Es war ein sehr skurriles Bild, als der kleine Hund vor dem Schaf davonrannte, als würde es heute die Pflichten des Hüters übernehmen. Das grelle Weiß seines Wollüberzugs erinnerte Endurael ein wenig an eine Wolkendecke, welche das Licht der Sonne gleißend reflektierte.
Der Wachtmeister lehnte die Hellebarde an eine der Zinnen der Wehrmauer, doch kaum hatte sie ihre Balance gefunden, zog ein frecher Windzug mit einem lachenden Zischen auf und warf die Stangenwaffe in einem Zug über den Wall, wo sie im hohen Gras vor Adoran ihren Platz fand.

»Das darf doch jetzt nicht wahr sein«, grummelte der Soldat, zog seine Plattenhandschuhe aus und rieb sich die Augen, ehe er sich nach vorne lehnte und die Stelle abschätzte, wo die Hellebarde gelandet war.

»Was tut Ihr da, Herr Talan?«, erklang eine anmutend klingende Stimme hinter ihm.
Endurael drehte sich um und nahm in einer routinierten Bewegung Haltung an und salutierte gen der Frau in dem stattlich blauen Kleid. Die Dame legte die Stirn in Falten und legte den Kopf schief; die Frage war ihren Gesichtszügen unmittelbar abzulesen.

»Seid Ihr im Dienst, Herr Talan?«
Endurael senkte den Kopf und merkte erst dann, dass er gar keine Rüstung des Regiments trug. Was bei Temora … Ohne zu zögern, verbeugte sich der Soldat … nein, Knappe … gen der Dame. »Verzeiht mir, Euer Erlaucht … «

»Euer Erlaucht? Euer Erlaucht?!« Wie der Schlag eines Eistrolls peitschte die Frage im Gesicht des Mannes, sodass Endurael leicht aus dem Gleichgewicht kam und nach hinten taumelte. Er senkte seinen Blick noch weiter und korrigierte sich sofort.

»Verzeiht mir … Eure Erlaucht … «

»Habt Ihr mich gerade Erlaucht genannt?« Es war eine andere Stimme, welche diese Frage stellte. Endurael blinzelte verwirrt und blickte wieder auf. Die Gräfin war verschwunden, doch stattdessen befand sich eine andere Frau vor ihm. Sie hatte sich zwischen zwei der Zinnen gesetzt und trug einen großen Korb auf dem Schoß, in dem unzählige viele Äpfel in nahezu blutroten Farben danach schrien, verspeist zu werden. Hinter der Frau lag die Hauptstadt Lichtenthals, doch etwas stimmte nicht. Ein stechender Geruch drang Endurael in die Nase und dann erkannte er auch die schwarzen Rauchwolken, die zwischen den blauen Dächern hervor stiegen. Irgendjemand schrie im Hintergrund Alarm, Feuer … Getwergelyn!

»Ihr habt mich reingelegt«, stellte die Frau vor Endurael fest und biss in einen Apfel. »Euer Ser wird stolz auf Euch sein!«

»Aber … «, wollte er gerade widersprechen, als er aus den Augenwinkeln eine weitere Person erkannte, die den Kopf in den Nacken gelegt hatte und und den Himmel anstarrte, in dem sich gerade eine dichte graue Wolkendecke sammelte. Die Frau hatte mit einem Kohlestift Zelle Drei auf der Stirn geschrieben bekommen und ihre roten Haare flatterten im Wind, als sie mit bedauernswerter Stimme meinte.

»Sie haben es immer noch nicht geschafft, mir mein Buch zu bringen … «
Endurael trat einen Schritt nach vorne und Schweißperlen tropften von seinem Kinn auf den sandigen Boden der Wehrmauer … Sandiger Boden? Endurael starrte die dunklen Spuren ungläubig an, die von der salzigen Flüssigkeit gezeichnet wurden. Er biss sich auf die Unterlippe und wagte wieder einen Blick nach oben. Als er die weiten Dünen der Wüste betrachtete, legte sich ein staubiger Geschmack auf seine Zunge, als hätte Endurael gerade ein Stück Kreide verschluckt.

»So kann man sein Geld auch in den Sand setzen«, murmelte ein junger Herr neben ihm, der gerade eine Soldkiste des Regiments auf dem staubigen Boden abstellte. Der trug eine frisch polierte Uniform der Streitkräfte und lächelte Endurael sachte an. »Ist richtig, Wachtmeister Talan … noch so ein neuer Rekrut.«

»Was ist hier eigentlich los?«, wollte Endurael schließlich wissen. »Was passiert hier?!«

»Ich glaube, jetzt dreht er vollkommen durch«, antwortete wiederum eine weitere Männerstimme hinter ihm. Endurael wirbelte auf der Stelle herum und erkannte die Hohepriesterin, die neben seinem Ritter stand.

»Vielleicht tut ihm der Tee der Feldheilerin doch nicht so gut«, antwortete sein Ser und schnaubte leise, als er erheitert lachen musste.

»Vielleicht hatte er letzte Nacht aber auch einfach nicht nur Tee getrunken«, kommentierte Ihre Eminenz daraufhin und setzte ein liebliches Lächeln in ihr Gesicht.

Da dämmerte es ihm.
Der Kräuterschnaps.
Der verdammte Kräuterschnaps.

Endurael schreckte im Lazarett des Kommandogebäudes auf. Die schnarchenden Geräusche seiner Kameraden und das monotone Klappern von Plattenrüstungen auf den Straßen der Stadt versicherten ihm, dass alles in Ordnung war. Ein Traum. Es war nur ein Traum.
Die Nachwirkung des Kräuterschnapses, welchen er von der Hohepriesterin als Geschenk für nach dem Dienst bekommen hatte, offenbarte sich in einem pochenden Schmerzen über seiner Stirn. Das Zeug schmeckte gut, auf die Nebenwirkungen hätte Endurael aber wirklich verzichten könnten. Der Wachtmeister rappelte sich auf und musterte das schwache Licht am Horizont, als er durch eines der Fenster blickte. Es war kurz vor Sonnenaufgang und damit an der Zeit, wieder fit zu werden.
Der Soldat und Knappe schlüpfte in eine Lederrüstung und spurtete aus dem Regimentskommando gen Westtor. Beim Turnierplatz fand er, wie jeden Tag, zwei schwere Säcke, die mit Steinen gefüllt waren. Endurael macht sich daran, die Kraftübungen durchzuführen, die ihm sein Ser aufgetragen hatte. Sie halfen ihm dabei nicht nur, den Kampf gegen seinen Kater auszufechten, sondern schafften ihm auch einen klaren Kopf. Es standen Entscheidungen an … sehr wichtige Entscheidungen.

Und die erste Entscheidung, die der Wachtmeister an diesem Tag fällte, brachte ihn kurz zum Grinsen. Das nächste Mal würde er die Flasche nicht alleine leeren. Korporal Thorn oder ein anderer Kamerad hätte sich bestimmt auch darüber gefreut, in den taumelnden Genuss der Kräuter zu gelangen. Voneinander lernen, miteinander saufen, füreinander einstehen … oder so in der Art.
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Verantwortung

Gastrollen: Alin • Baldur Heyn • Fjalon Thorn • Sir Friedrich von Myrtol • Merrik Daske

16. Searum 256
Adoran • Königliches Herzogtum Lichtenthal
Ost-Gerimor


Er könnte den Brief einfach verbrennen.

Es hatte ihn tatsächlich ein wenig verwundert, dass Alin ihm überhaupt geschrieben hatte. Welchen Beweggrund hatte sie schon dazu? Sie hatten beide bei ihrem letzten, sehr zufälligen Treffen, sehr genau ihre Standpunkte dargelegt. Sie waren Feinde. Und an diesem Umstand würde sich nichts ändern.

Die Einladung war sicher auch keine Falle; hätte sie solche Absichten gehabt, wäre sie auf ihren letzten Briefwechsel sofort eingegangen.
Die Flammen des Kamins zuckten vehement schreiend auf, als forderten sie den Knappen des Königreiches auf, das Schreiben endlich zu vernichten. Zerstörung … Keine Tugend, die ihn interessierte. Sie trug das Blut des Westens, und auch wenn es sich nur um ein Pergament handelte, Endurael würde das Verlangen der Flammen nicht stillen.

So oder so würde er Misstrauen in jedem Fall eher den Gläubigern Alatars zuschreiben. War es nicht gerade deshalb seine Pflicht, sich selbst in Vertrauen zu üben? Wo lag die Grenze zwischen Zuversicht und Naivität? Und wenn es seine Verpflichtung war, den Worten in dem Schreiben Glauben und Vertrauen zu schenken, würde er dann nicht seine Pflicht als Soldat des Königreiches verletzen, da er den Brief eigentlich melden sollte?

Sir Friedrich hatte ihn letztens erst gefragt, welche Erkenntnis Endurael aus seiner Knappenausbildung und dem Dienst für die Krone gezogen hätte. Verantwortung. Die Antwort war nicht schwierig auszusprechen, dafür war es umso schwieriger, sie zu leben. Jeden Tag traf er Entscheidungen, sei es, indem er den Gardisten Daske ein wenig triezte – eine Geste, die diesen jungen Mann hoffentlich in seiner Entwicklung stärkte – oder ob er sein Schwert zog, um zu töten. Es konnte kein Zufall sein, dass die Begrifflichkeiten, sein Schwert zu entscheiden, und eine Entscheidung zu fällen, so nahe beieinanderlagen.

Ob eine Entscheidung die richtige ist, weißt du erst dann, wenn dich die Konsequenzen mit Zufriedenheit segnen. Das waren seine eigenen Worte. Er hatte sie an Chiara gerichtet, nur ein paar Tage, bevor er als Witwer und verzweifelter Vater, auf der Suche nach seiner Tochter, von den Göttern zurückgelassen wurde. Endurael wusste nicht, welche Entscheidung die richtige sein würde, aber er war sich sicher, dass es falsch war, gar keine zu fällen.

Also zog er Feder und Tinte aus seiner Tasche. Was sollte schon passieren? Im schlimmsten Fall würde er Bekanntschaft mit den Zellen von Rahal machen, die nach Aussagen des Gefangenen Baldur Heyn weitaus weniger bequem uns sauber sein sollten, als die in Adoran. Wenn das der Preis sein sollte, damit die nebligen Unsicherheiten in Enduraels Kopf verschwinden würden, so würde er ihn bezahlen. Es reichte schon vollkommen aus, dass das Unwissen, was mit seiner Tochter passierte – ob sie lebte, ob es ihr gut ging,  … –, ihn jeden Tag mit denselben Anschuldigungen plagte. Aber all diese Gedanken waren Pfade fernab von der Straße, deren Weg Endurael folgen wollte. Warum machte man sich so viele Gedanken über Feuer, die vielleicht niemals brennen würden, weil es in Wahrheit regnete?

Er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie er die kleine Chiara eines Abends zudeckte, ihr einen väterlichen Kuss auf die Stirn drückte und leise etwas in ihr Ohr flüsterte. Manchmal ist es an der Zeit, Steine aus dem Weg zu räumen, anstatt sie auf den Schultern zu tragen.
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Endurael Talan
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An meine Tochter

28. Lenzing 257
Adoran • Königliches Herzogtum Lichtenthal
Ost-Gerimor



Der Wind stieß die Flaggen an der Stadtmauer in Richtung Süden auf das offene Meer, als würden sie sich zu einem kollektiven Wegweiser versammeln, die Endurael sagen möchten: »Sie ist nicht hier!« Doch die blauen Augen des Wachtmeisters sehen den Pfad nicht, der ihn zu ihr bringen könnte. Vielleicht ist dieser Weg aber einfach auch noch nicht geebnet.

Eine schlaflose Nacht trieb ihn deshalb dazu, den Brief aufzusetzen. Seine Gedanken waren verstreut, als er die Nachricht schrieb. Genau genommen brauchte er fünf Versuche, bis er endlich etwas Ordentliches auf das Papier brachte. Zwei davon vermasselte er einfach dadurch, dass seine sonst so ruhige Hand sie stoßhafte wehrte, die Feder so zu führen, wie sie es von dem Schwert sonst so gewohnt war. Doch war es nicht das Schreiben, das das Ungewohnte war – die Berichte machten schließlich auch kein Problem. Die Herausforderung lag in dem Gedanken, dass sie seine Worte eines Tages vielleicht lesen würde, ohne dass er sie jemals in die Arme nehmen würde.
Es fühlte sich an wie ein Abschied.


  • Liebe Chiara,

    solltest Du jemals diese Zeilen lesen, so spricht die Hoffnung in meinem Herzen wahr, dass Du am Leben bist und meine tiefsten Ängste unbegründet waren.

    Ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, irgendwelche Worte an Dich zu richten, die zu dieser Situation passen würden. Es sind nun mehr als achte Jahre vergangen, als die Götter den Beschluss fassten, dass sich unsere Wege trennen würden. Ich wusste, dass Du den Hafen von Bannisferre mit Deinen jungen neun Jahren erfolgreich verlassen konntest. Doch niemals konnte ich herausfinden, was danach mit Dir geschah.

    Es wäre unpassend, Dir meine zahlreichen vergeblichen Versuche aufzuzählen, auch nur den Hauch einer Spur zu Dir zu finden. Sie war da – kein Zweifel. Doch bevor ich einen Schritt in dieser Wüste der Aussichtslosigkeit machen konnte, blies der Wind schon frischen Sand von den Dünen der Ungewissheit auf den Weg. Und meine blauen Augen wurden blind. So irrte ich ziellos umher – und konnte Dich bis heute nicht finden.

    Heute bist Du eine junge Frau. Vielleicht bist Du vermählt und hast Kinder. Vielleicht trägst Du das Glück in Deinem Herzen und konntest mir vergeben, dass ich Dich und Deine Mutter nicht beschützen konnte. Ich war naiv und langsam. Ich hätte es kommen sehen sollen.

    Ich weiß nicht, ob wir uns jemals sehen sollten – und die Furcht macht sich im Blute meiner Adern breit, wenn ich den Gedanken hege, dass der dunkle Panther Dich letzten Endes doch bekommen haben sollte. Doch egal welchen Weg die Götter für Dich gefunden haben, so möchte ich Dir mein tiefstes Versprechen geben, dass ich niemals aufgehört habe, Dich zu lieben. Am liebsten würde ich diese Worte bei einem Blick in die tiefbraunen Sterne Deines Gesichtes sagen, die ich den Nächten als Erinnerung behielt, welche mir Schmerzen nahmen. Doch meine Zeit endete, bevor Du diesen Brief lesen wirst.

    Es sind viele Dinge, die auf meinen Schultern ruhen – Dinge, die ich Dir gerne mit auf den Weg geben möchte. Ich hoffe, Du kannst mir verzeihen, dass es nicht so weit kommen konnte. Doch solltest Du jemals Hilfe oder einen Ratschlag suchen, so trage meinen Namen nach Lichtenthal und Du wirst dort zahlreiche Freunde finden.

    Unsere Wege mögen sich nicht mehr gekreuzt haben, liebe Chiara – doch ich hoffe, dass sie nebeneinander verliefen, und wir beide am Ende unser Glück finden konnten.

    In aller Liebe

    Dein Vater
    Endurael Talan

    28. Lenzing 256
    Adoran, Herzogtum Lichtenthal
Er versiegelte das Schreiben nicht, schrieb jedoch den Namen seiner Tochter – Chiara Talan – in großen Lettern auf das zusammengefaltete Papier. Die Nachricht legte er sauber in seiner Truhe im Regiment ab. Endurael war Soldat und acht Jahre lang hatte er das Glück an seiner Seite, zu den Überlebenden zu gehören. Acht Jahre. Er konnte sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Götter ihm weiter so wohlgesonnen sein würden, starben doch schon so viele seiner Kameraden.

Sie würden die Nachricht finden, wenn er diese Welt verlassen hätte. Blieb nur noch die Hoffnung, dass einer seiner Freunde Chiara finden würde, sollte er selbst diese große Herausforderung nicht meistern können.
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