"Klick"
Das Tor ihres seit nunmehr mehrwöchigen Gefängnisses öffnete sich, und auf ihren kleinen mit Dreck besudelten Füßen tippelte sie in die Nacht hinein.
"Zum Glück schlafen alle, leise musst du sein, ganz leise. Nicht das der Dicke Suktar noch aufwacht." Sie rieb sich unbewusst über ihre rechte Wange, wo sie sich doch erst beim gestrigen Fluchtversuch eine eingefangen hatte. Der Schmerz liess heute noch nicht wirklich nach.
"Geschafft, ich bin in einem Wald, denke ich. Ich fühle Laub unter meinen Füßen. Egal, lauf einfach weiter."
Sie lief die Nacht hindurch, stockte hier und da und hielt Rast an einem Bachlauf, wo sie ihr Gesicht kühlte. Der Mond schien hell und Eulen rufen von den Ästen hinab. Gespenstig. Leichter Nebel bildete sich auf dem feuchten Waldboden und lies es schwerer werden einen Weg zu finden.
"Ich glaube wir sind diesen Bachlauf entlang gefahren. Verdammt ich konnte es nicht richtig sehen war der Käfig doch abgehangen. Eluive steh mir bei."
Ihre kleinen Füße trugen sie bis zur Dämmerung als sie einen kleinen Bootssteg erreichte. Aus noch sicherer Entfernung betrachtete sie den emsigen Fischer, zupfte sich ihre Kleidung zurecht und klopfte so gut es ging Staub und Dreck ab. Langsam trat sie an ihn herran und sie versuchte in der gebrochenen Handelssprache die sie bei diesen Wilden, waren es Piraten? Sie handelten mit Menschen, sie wusste es nicht, aufgeschnappt hatte.
"Kannst du mich bringen nach MenekUr?"
Kurz zuckte der alte bärtige Mann zusammen und liess den Köder in seiner Hand ins Wasser plumsen. Er starrte sie eine Weile lang an. Hatte er noch nie eine Frau gesehen? Unwahrscheinlich. Er nickte ihr zu und wank sie ins Boot.
"Komm nur Madl, ik bring dir nach Düstersee, da kannst det Schiff nehmen."
Zu freundlich war er, ein Festländer. Hatte sie jene Festländer doch nur als garstige und niederträchtige Gestalten kennengelernt. Sie zögerte einen Moment ehe sie zu ihm aufs Boot stieg. Doch machte sich nach kurzer Zeit Erleichterung in ihrem Gesicht breit, sie schloss einen Moment die Augen und ihre Errinnerungen warfen sie einige Wochen zurück.
Rauch. Feuer. Schreie. Blut. Tod.
Jenes Szenario welches sich auf der Handelskarawane ihrer Eltern abspielte, durchlebte sie in Augenblicken in ihrem Kopf. Weinend hielt sie die Hand ihrer Mutter, ihr Sari blutverschmiert. Ehe ein dicker Suktar sie von hinten packte und wie ein Sack über seine Schulter warf. Mit Händen und Füßen wehrte sie sich doch war sie dem nichtmal im Ansatz gewachsen.
"Pock"
Das Boot legte am Steg an, ihre Augen öffneten sich.
Dankend verliess sie den Alten und steuerte den Hafen jener Stadt an.
"Bald hab ich es geschafft, nicht mehr lang. Kadir..."
Jene Gedanken schwirrten durch ihren Kopf als sie mit dem Seemann den Preis aushandelte um an Bord treten zu dürfen.
Ihre Reise nach MenekUr begann...

