Eins mit allem

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Rilas Avaryn

Eins mit allem

Beitrag von Rilas Avaryn »

Die Erschöpfung lastete schwer, als trüge er das Wissen einer Welt auf den Schultern. Der Blick aus der Kaverne, in der er seit geraumer Zeit wohnte, zeichnete nur den grauen Frühjahreshimmel, dessen Wolken den eisigen Wind über die Lande trugen und noch den feinsten Niesel im Handumdrehen in die Art Schnee verwandelte, die sich schon über Monate hinweg auf das Land gelegt hatte.

In den felsigen Wänden des Ostgebirges hatten hingegen seit jeher eine Vielzahl an Bewohnern, die dem kalten und feuchten Wetter trotzten. Die meisten von ihnen waren Lumpen, pack und Diebesgesindel, die sich von hier aus auf Raubzug machten um die reichen Geldbeutel der alumenischen Händler, den Karawanen und Passanten, Reisenden und Verlorerenen gleichermaßen eben diese Last zu nehmen. In einer Felsspalte jedoch, in welcher man eher einen Bären in seinem Winterschlaf vermuten würde, ging ein seichter Feuerschein aus, der auf menschliches Leben in ihr deutete - Und kein Diebesgesindel, wie der Beobachter rasch erkennen würde.

Die Flammen zeichneten schon seit Stunden niemals gleiche Muster zuckender Schatten auf die feuchten Felswände, die er um sich herum geformt und geschaffen hatte. an einem Altar, aus dem Stein des Berges selbst geformt und einem niedrigeren Schemel aus felsigem Gestein saß sie nun, eine ausgemergelte Gestalt, deren langes, in allen Goldtönen schimmerndes Haar und der ebenso lange Bart mit dem Flammenspiel der Fackeln warben - Und so das einzige Zeichen waren, dass der Mensch in den Roben der Arcana gewandet, Rilas Avaryn sein müsste, wenn es denn ein Augenpaar gegeben hätte, das den Blick an diesen Ort hätte werfen können.

Es war der Zeitpunkt gekommen, jener, den er selbst schon erkannte, als er den Weg, welcher ihn an diesen Ort zu jener Zeit führen sollte, erst zu beschreiten begann. „Alles ist eines - und aus einem wird alles“. Mit diesem Mantra begründete er den Wunsch und das Denken darin, sich selbst endlich mit dem Ganzen zu vereinen, der Vollkommenheit der Schöpfung, deren Anblick ihm durch die Allmutter selbst eröffnet wurde und seit jeher Teil seiner unerfüllten Sehnsüchte war.

Das irdische Straucheln der Menschen, ihrer Intrigen, Kriege, Streifzüge und dem Streben, in ihrer Bedeutungslosigkeit aufzusteigen und sich zu bereichern, dem war er längst Leid. Götter, Könige, Kronen, Höflinge und Soldaten, Diebe, Mörder, Seelenräuber und Piraten - All das hatte vor dem Wissen und der Erkenntnis aus demselben keine Bedeutung. Es hatte lange Jahre gedauert und nicht selten strauchelte er an seiner eigenen Menschlichkeit, in anderen Tagen an der Menschlichkeit anderer, welche durch sein mangelndes Verständnis und der Blindheit der Menschen für diese Feinheiten, ein Teil der chaotischen und hinderlichen Umstände auf der Welt waren - Umstände, derer er sich nun, da er sich einer besonderen Wahrheit bewusst wurde, entledigen würde.

Er erkannte nun, wo der Ort lag, an den alle großen Meister der arkanen Künste einkehrten, wenn sie die Erkenntnis erlangten, die auch ihm offenbahrt wurde. Die Struktur der Existenz war schon von Anfang an nebensächlich, ein Körper stets ein Hindernis, alles Feste und in Formen gefasste nur die eine Hälfte der Weltensphäre, die unsichtbar für das Auge doch immer schon von der nichtstofflichen Seite der Dinge eingehüllt wurde. Ein Zustand, der die Lasten und Limitationen der körperlichen Bindung endlich auflösen würde.

Ein letztes Mal nun sollte die Stimme Rilas Avaryns in der Welt erklingen, als er seine Intonation einstimmte und den Schritt wagte, über den nur die Ungewissheit gewiss war, sein Klangbild, die Komposition seines Liedmusters, zumindest der materiellen Komponenten, final aufzulösen, langsam aus der stofflichen Realität auszublenden, die Materie und ihre Verbindungen aufzulösen, ganz ohne die dunklen Stofflichkeiten, die unsichtbaren, seiner Seele, zu zersetzen, vielmehr sie zu kanalisieren, vom Stofflichen zu entbinden.

Da war kein Schmerz, kein Leid.
Und es fiel ab die Erschöpfung von seinem Denken.
Freiheit vom Irdischen.
Kein Laut, als er es vollbracht hatte.

Es war Winter, der Wind blies kalt und im fernen Osten Gerimors blieb eine mit Fackeln beleuchtete Kaverne zurück, in der eine zerrissene und modernde rote Robe eines Magiers in dieser Welt zurückgeblieben war.

Endlich - Eins mit allem.
Zuletzt geändert von Rilas Avaryn am Dienstag 5. Februar 2013, 16:26, insgesamt 1-mal geändert.
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