Ihre Katharsis

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Fraya Dunkeltann

Ihre Katharsis

Beitrag von Fraya Dunkeltann »

Ungeachtet des prasselnden Regens, der Pergament, Haar, Haut und Kleidung durchnässt und die schwarze Tinte unsauber verlaufen lässt kaum, dass die Feder sie aufs Papier gebracht hat, sitzt eine hochgewachsene Frau unter einer altersschwachen Fichte und schreibt.
Die Schrift ist steif, kantig, ungelenk - ein Graus für jeden, der die Schönheit der Worte nicht nur in Klang und Stimme sucht....

Ich habe das Gefühl, dass die Phasen sich zunehmend hinziehen. Die Abstände werden kürzer, die Zeiten länger, drängender, in denen ich zwischen Todessehnsucht und Lebensdurst schwanke und die Welt brennen sehen will. Alte Lehren und Weisheiten drängen sich mir in den Kopf, wollen gehört und verstanden werden, doch ich denke nicht daran, sie umzusetzen. Es ist leeres Gerede, es ist Unsinn. Es ist das Ergebnis des nervenzehrenden Wunsches aller Menschen, Sinn in das Chaos zu bringen und dem Gefüge wenigstens einen Hauch von Struktur zu verleihen. Wer das erkannt hat, der steht mit einem Fuß an der Grenze zum Wahnsinn.
Jeremiah ist tot und meine Welt liegt in Schutt und Asche. Und ich - ich schwanke zwischen dem angeborenen Bedürfnis, sie zu beweinen und zu begraben und dem wahnsinnigen Drang, auf ihren Trümmern zu tanzen und ihre Leichen zum Takt meines Herzschlages springen zu lassen.

Immer wieder dieselbe, drängende Frage, die jedes mal lauter hallt und deren Antwort mich unweigerlich zum Schluss führt, dass der Tod das einzige ist, das Aufschluss bringen kann.
Noch bin ich nicht am Ende...Ich werde -


Ein Windstoß erfasst das Pergament. Die magere Gestalt lässt den Federkiel sinken, sieht dem Fetzen nach und reibt sich die nassen, flachsfarbenen Strähnen ungekämmten Haares aus dem gebräunten Gesicht. Und im selben Moment weiß sie nicht mehr, was sie wird.
Zuletzt geändert von Fraya Dunkeltann am Dienstag 5. Februar 2013, 17:11, insgesamt 2-mal geändert.
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