Xinthra lebte nach dem Tod ihrer Eltern in einem kleinen verschlafenen Dorf. Man mochte sie dort nicht sehr, als hielt sie sich möglichst heraus. Sie fand Arbeit beim örtlichen Bäcker, denn ihre Brot verkaufte sich sehr gut, solange sie es nicht selbst verkaufte. Etwa drei Jahre lebte sie dort, bis zu ihrem 20ten Geburtstag. Natürlich war niemand mehr da, der mit ihr feiern konnte, die Gemeinde interessierte sich nicht dafür, nur ihr Meister wusste es. Er überraschte seine Mitarbeiterin mit einer Torte, die er bereitet hatte. An diesem Abend verließ sie sehr spät erst ihre Arbeit, der Mond schien nur schwach und Xinthra machte sich auf den Weg nach Hause. Sie blickte sich um, keine Seele weit und breit und in keinem Fenster brannte mehr Licht. Nur schnell nach Hause, dachte sie. Mit einem Schlag wurde es dunkel. Xinthra verlor den Boden unter den Füßen. Was war nur los? Sie versuchte, etwas zu erkennen.. doch da war nichts, was man hätte sehen können. Sie griff um sich.. trat mit den Beinen.. nichts, da war einfach nichts. Panik ergriff sie, sie wollte schreien.. doch brachte keinen Ton heraus. Sie strich über ihr Gesicht, spürte ihre Augen.. ihre Nase, ihren Mund.. und die Vibration des Halses, während sie schrie. Sie fühlte nach ihren Ohren, sie waren da wo sie immer waren.
Endlose Schwärze. Endlose Stille. Endlose Furcht.
Dann endlich machte sie die Augen wieder auf. Es war hellichter Tag, sie lag am Boden. Xinthra rappelte sich auf, blickte an sich herab. Sofort bemerkte sie, dass sie andere Kleidng trug. Wo war das einfache braune Kleid, welches sie vorhin noch trug? Wo war das Küchenmesser in ihrer Schürze, und vor allem wo war die Schürze? Sie blickte sich um und erkannte, dass sie nicht mehr dort war, wo sie sich hätte befinden müssen. Gleich wohin sie sah, überall waren Bäume. Mitten im Wald war sie aufgewacht. Verwirrt über das alles setzte sie sich auf einen umgefallenen Baumstamm und versuchte, nachzudenken. Sie konnte sich an nichts erinnern. An einem nahe gelegenen Bach legte sie ihre Kleider nieder und stellte sich ins Wasser um zu baden, als sie ihr Spiegelbild bemerkte. Ihre Haut war bleicher geworden, Ihre Arme kräftiger und gar etwas muskulös, ihre Weiblichkeit ausgeprägter. Mit den Händen tastete sie sich ab, alles fühlte sich irgendwie anders an. Alles war da, aber es fühlte sich fremd an. Xinthra verließ das Wasser und legte das Kleid wieder an. Tagelang irrte sie umher, bis sie endlich Häuser sah. Hungrig und müde stapfte sie auf die Häuser zu. Sie erkannte es wieder. Das war ihr Dorf. Doch die Straßen waren leer und auch als sie begann zu suchen, fand sie niemanden. Sie lief zu ihrem Haus, doch auch dieses befand sich im selben Zustand mit dem einzigen Unterschied, dass die Tür eingeschlagen war. Innen bot sich ein Bild des Grauens. Halbverweste Leichen, teilweise skelettiert, lagen überall auf dem Boden verstreut, auch in den oberen Bereichen, die Treppe hinauf. Einen erkannte Xinthra als ihren Bäckermeister. In dessen Rükcken, oder was davon übrig war, steckte ein Messer. Sie zog es und liess es vor Schreck wieder fallen. In den Griff des Messers waren die Buchstaben XIN eingraviert. Ihr Zeichen. Warum steckte dieses Messer im Rücken ihres Meisters? Erschrocken blickte sie auf die Gesichter der anderen Leichen. Hier die Schneiderin.. der Schmied, ihre Nachbarin. Tiefer Schreck durchfuhr Xinthra. Was taten all diese Leichen in ihrem Haus? Hatte sie sie alle getötet? Was war geschehen?
Sie fand einen Zettel in der Hand einer der Leichen. Auf jenem stand geschrieben, Xinthra sei ihrer Herkunft wegen eine Hexe und müsse verbrannt werden. Ein jeder der Teil der Gemeinde sei werde aufgefordert, dabei mitzuhelfen. Ihrer Herkunft wegen? Ihre Eltern waren Schmiede gewesen. Doch ihr Haus verbrannte mitsamt ihrer Eltern darin. Mag es sein, dass Xinthra auf ähnliche Weise sterben sollte? Jedenfalls musste sie fort hier. Sie lief zu einer größeren Ortschaft, in der niemand ihre Eltern oder gar sie kannte und besuchte die örtliche Kirche. Vielleicht könnte ihr der Priester helfen, dachte sie. Doch dieser wusste keinen Rat. Allerdings war da immer noch dieser Zettel. Damit man nicht das wahr machte, was auf dem Zettel gestanden hatte, verließ sie ihre Heimat und stieg auf ein Schiff Richtung Bajard. Dort konnte sie dem vielleicht weiter auf die Spur gehen oder es auch vergessen. Und so gelangte sie nach Bajard, etwa 40 Tage ist es nun her.
Dem Einschlafen nahe, lag Xinthra heute in den Fellen, neben ihr die Person, die lieben gelernt hatte. Es geschah einfach so.. als wäre nichts dabei, wenn sich zwei Frauen ineinander verliebten und entschieden, zusammen zu leben. Es war ein sonderliches Gefühl, wunderbar und befremdlich zugleich. Wunderbar das Vertrauen das ihr gegeben, wunderbar die Liebe die ihr geschenkt, und doch befremdlich. Sie kannte diese Frau kaum, obschon sie in den letzten Tagen immer mehr über ihren Schatz erfahren hatte. Und sie kannte sich selbst nicht, ohne dass sie es ahnte.
Die Ereignisse der letzten Tage in Bajard waren sehr aufreibend gewesen, doch sie stellte ihre Anspannung hinten an, schließlich muss ein Gardist einen freien Kopf behalten. Eine einzige Ablenkung kann eine Tragödie mit sich ziehen, das musste sie vermeiden. Doch gedankt wurde ihr der Einsatz nicht. Die einzigen die Interesse daran zeigten waren diejenigen, die nichts zu Sagen hatten. Ronya, der sie vertraute, der sie gewünscht hatte, die Kommandantin der Garde zu werden, wurde ebenso bitter enttäuscht.. und verließ die Garde. Kaum einen Monat konnte Xinthra in der Garde dienen, nicht einmal hatte sich die Bürgermeisterin vorgestellt, nicht einmal konnte sie mit ihr sprechen, Ausrüstung und Sold gab es auch keinen. Aber am Tag der Verhandlung, da war sie präsent. Sogar so präsent, dass sie trotz der eigens gegebenen Befehle ihre Freunde verteidigte und die von ihr eingesetzte Garde dezimierte.. Warum tut ein Befehlshaber so etwas? Warum tut er das vor Fremden? Aufgrund der Vorkommnisse an diesem Tag verschwand die Garde nahezu gänzlich. Xinthra war gekränkt, hatte die Bürgermeisterin nicht einmal ein Wort übrig für die, die ihre Stadt beschützten? Sollte sie nicht eher diejenigen maßregeln, die den Gardisten Tag für Tag das Leben schwer machten, indem sie sie belästigten, beleidigten, ignorierten oder umgingen, zumeist mit der Drohung man würde die Bürgermeisterin kennen. Doch es wurde eine andere Entscheidung getroffen und Xinthra hatte die Garde daraufhin verlassen.
Sie war während dieser Tage mit ihrer Liebsten in Varuna in eine kleine Wohnung gezogen, hatten es sich dort gemütlich gemacht. Nach und nach erfuhr sie, was das Herz ihrer Liebsten bedrückte und versuchte, dagegen anzugehen. Sie sollte nicht traurig sein. Und wenn es nötig war, dass sie ein eigenes Kind bekam, ihrem Körper entsprungen, dann sollte das nötige geschehen. Sie könnte wegschauen, meinte sie. Es ignorieren und hinnehmen und das Kind als ihres annehmen. Doch falsch wäre es.. schliesslich wusste sie, dass dies an ihrer Liebe die nahezu einzige Unmöglichkeit war: ein Kind zu zeugen. Dass sie vielleicht ewig daran werde denken müssen, wusste sie genau so gut.. versuchte aber, es zu ignorieren.
In den Tagen, seit sie nicht mehr in der Bajarder Garde war und auf Fellen schlief, sie, die sie sonst immer in mehr oder minder schlechten Betten schlaf fand, begann zu träumen. Doch entgegen ihrer Aussagen Erinna gegenüber waren diese Träume keineswegs schön.. wenn sie ihr davon überhaupt erzählte. Oft genug wachte sie mitten in der Nacht neben ihr auf, mit pochendem Herzen und dem Gesicht voller Schweiss. Doch Erinna merkte nichts davon, noch nicht. Einmal fragte sie etwas, aber Xinthra war zu müde um darauf zu antworten. Zu kühn erschienen ihr die Träume, zu unglaublich, zu unmöglich sie zu erzählen, zu fremd die Dinge, an die sie sich plötzlich erinnern konnte, Erinnerungen ohne Zusammenhang, ohne Sinn, Dinge die sie getan hatte ohne den geringsten Schimmer einer Ahnung um den Grund.