Aus dem Leben eines Streiters der Temora

Geschichten eurer Charaktere
Gast

Aus dem Leben eines Streiters der Temora

Beitrag von Gast »

28. Rabenmond 255 - Im Angesicht des Todes

Erneut konnte ich sie nicht beschützen, wieder musste sie sich selbst verteidigen, oder es mussten andere den Part des Beschützers übernehmen. Alle, außer mir: Kiaras Bruder.

Es war keine Woche vergangen, seit dem Tage meiner ersten Schritte auf den neuen Landen, und ich hatte vieles erlebt: In Berchgard hieß man mich als Schwertneuling willkommen, ein geräumiges Gästezimmer ließ sich rasch finden, und die ersten Kontakte wurden geknüpft. Menschen, die mir halfen, mir Mut zusprachen, mich mit Ausrüstung versorgten, und behandeln konnten.

Rasch fanden sie einen Platz in meinem Herzen: Die kleine Nicora - die erste Person, mit der ich nach der Ankunft in Berchgard ein Wort gesprochen hatte. Sie entlockte mir, trotz der Reiseverletzung, ein wohliges Lächeln, und am liebsten hätte ich das Mädchen gleich in meine Arme geschlossen. Silvaine, die junge Kämpferin, mit der ich fast zeitgleich meine Ausbildung begonnen hatte, und deren erfrischend offene Art mich regelmäßig verlegen stimmte. Ich hatte das Gefühl, ihr alles anvertrauen zu können - sie war mir eine wichtige Freundin geworden. Dann gab es noch Celine. Ich würde wohl häufiger ihr Krankenbett besetzen müssen, sollte ich mich nach wie vor ungeschickt im Kampf anstellen. Wie bereits bei meiner Ankunft, nachdem ein Schwarm Flügelaffen meine Haut aufgekratzt und sie mich mit Keylon zusammen behandelt hatte. Obgleich ich der jungen Heilerin, und ihren fähigen Händen, vertrauen konnte, wollte ich der viel beschäftigten Dame keine Umstände bereiten. Sie hatte viel für mich getan; gemeinsam mit Silvaine lag ich in ihrem Heilerhaus, als ein schwerer Husten uns junge Kämpfer plagte, und ohne ihr Mitwirken hätte ich zudem das letzte Szenario sicherlich nicht überlebt. Beletrian - ein ruhiger Streiter Temoras, der mir sicherlich noch viel über den Glauben beibringen konnte. Garwayn, mein Ausbilder, der wiederum mein Können im Umgang mit dem Schwert zu schulen wusste, damit ich alsbald dem Dienst als Leibwache der ehrenwerten Hochedlen von Eschenthal folgten konnte, Thelor, der mir ein ermutigendes Wort zusprach, was die Mitgliedschaft im Regiment anging, Raindri, ein erfahrener Krieger, wie ich ebenfalls zu werden erdacht hatte - er war der jungen Silvaine sicherlich ein guter Lehrmeister -, Eliana, deren sanftmütiges Lächeln regelrecht Hoffnung zu wecken vermochte, wenn ich mich im Selbstzweifel gefangen sah, und Leona... Ich war unerfahren, doch die attraktive Frau hatte mir erstmalig sprichwörtlich den Kopf verdreht. Wenngleich ich meinen Pflichten nachkommen musste, verging kaum ein Moment, ohne ein Gedanke an die kürzlich kennengelernte, verführerische, junge Frau. Ich verspürte den Drang, sie in die Arme zu schließen, wollte sie stets in meiner Nähe wissen...

Kaum, dass ich Bajard erreicht hatte, nach einer Übungsjagd in den nahen Labyrinth-Höhlen - die mein spärliches Geschick bereits bei Fledermäusen und den garstigen, lästigen Goblins ordentlich auf die Probe stellten -, sah ich, erschöpft, zwischen den beiden gerüsteten Rabendienern und meiner Schwester Kiara umher. Unbedacht und mit mühevoll gefasstem Mut stürmte ich los. In wollte an den Rabendienern vorbeirennen, und in ihre Nähe gelangen. Ich wollte sie beschützen. Doch kaum, dass ich mich entschlossen hatte, warf die unheimliche dunkle Gestalt ihren Arm nach mir aus. Ich wurde rücklings zu Boden geworfen, legte die rechte Hand an den Knauf meines Silberschwertes, und ließ die Waffe vor lauter Nervosität fallen. Die dunkle Gestalt kam auf mich zu. Ich spürte einen kalten Schmerz und meine Schulter platzen, als sich der Stahl seines Rapiers durch meine Haut fraß. Ich stöhnte, doch ignorierte das körperliche Leid, so gut ich konnte. Kiaras Wohl war mir wichtiger und ich begann, zu flehen, dass man ihr nichts antun möge. Als Antwort erkannte ich unter der Kapuze der Gestalt einen kalten Blick wieder. Man würde meinem Flehen nicht folgen. Ich lehnte mich kraftlos an der nächsten Wand zurück. Langsam verschwamm meine Sicht, ich sah den Tod kommen, und fing an, zu beten: "Temora, bitte hilf Kiara; tue das, was nicht in meiner Macht stand - beschütze sie, gib auf sie Acht. Das ist mein erster und letzter Wunsch."

Während ich meine Hand auf die stark blutende, tiefe Stichwunde drückte, spürte ich Wärme meinen Körper erfüllen. Es war ein unbeschreiblich schönes, hoffnungsvolles Gefühl. Zunächst dachte ich, ich wäre bereits tot. In unserer - Kiaras und meiner - Heimat sagte man sich nach, dass der Moment nach dem Tode ein berauschender sei. Doch ich wurde eines Besseren belehrt, als ich die Augen wieder geöffnet und bemerkt hatte, wie ein heller, blauer Schein meinen Körper umhüllte. Temora war bei mir; sie gab mir Kraft, erfüllte mich mit Hoffnung...
Im nächsten Moment kümmerten sich drei fremde, junge Frauen um die Versorgung meiner stark blutenden Wunde. Unter der kürzlich empfundenen Wärme spürte ich den Schmerz kaum noch, und er benebelte nicht länger meine Sinne. Die eine war jung, brünett und forderte mich auf, die Augen geöffnet zu halten, bloß nicht zu sterben, während sie meine Wunde verband. Ebenso die andere, gerüstete Blonde, wie ihre offenkundige Freundin, die mir einen Trank reichte, der ein wohliges Taubheitsgefühl in meinen Körper brachte. Ich war ihnen sehr dankbar, und hoffte, sie bei unserer nächsten Begegnung wieder zu erkennen, um mich für die Hilfe erkenntlich zu zeigen. "Kiara, tut ihr nichts, bringt sie bitte in Sicherheit" - das war alles, woran ich in diesem Moment, auf der Schwelle zum Tod, denken konnte. Man hatte mir jedoch ihre Sicherheit bestätigt. Ich hatte den jungen Frauen vertraut.

Dann sah ich Eliana wieder. Unser Wiedersehen hatte ich mir anders vorgestellt und es beschämte mich, dass mich die junge Wächterin des Lichtes in einer derart erbärmlichen Verfassung erleben musste. Dennoch wurde ich, mithilfe ihres Begleiters, auf ein Pferd gehievt, das mich zum Quartier des Tempel-Ordens führte. In der Zwischenzeit konnte ich, trotz der sich ausbreitenden Schwäche in meinem Körper, realisieren, wie uns ein überraschend zahmer Wolf begleitet hatte. Ich ließ zuvor meine Hand durch das weiche Fell gleiten, und das Tier hatte mich aufmunternd berührt.
Eliana hatte sich darum bemüht, Celine zu konsultieren, die mich, gemeinsam mit ihrer Assistenz Kersti, erfolgreich behandelt hatte. Beletrian und ein mir zuvor Fremder, der ebenfalls Mitglied des Ordens zu sein schien, gesellten sich dazu.

Ich sollte mich eine Weile auskurieren. Der Gedanke, meinen Arm wieder bewegen zu können, stimme mich versöhnlich. Schließlich ging es um meinen Schwertarm, den ich durch den Bruch im Schultergelenk kaum noch bewegen konnte. Ich musste mich allerdings darauf vorbereiten, mich nur langsam wieder an die Armbewegungen zu gewöhnen, informierte mich Celine bitter lächelnd. Jedoch war ich bereit. Der mir Fremde bestätigte, dass das warme, hoffnungsgebende Gefühl, das ich nach der erlittenen Wunde gespürt hatte, ein definitives Zeichen Temoras war. Mein Glaube war bestärkt, und mein Wille, zu lernen, nicht minder. Ich wollte nach wie vor dem Vorhaben folgen, ein geschickter Streiter Temoras zu werden; nicht nur mit dem Schwertarm, sondern auch, mit dem Herzen. Es galt, meine Selbstzweifel zu überwinden, und noch viel zu lernen. Ich verdanke so vielen Menschen mein Leben, und ich möchte sie allesamt nicht enttäuschen. Ein neuer Lebenspfad hat wohl begonnen.

Kiara, geliebte Schwester, ich werde in der Lage sein, dich zu beschützen. Das verspreche ich dir!
Gast

Beitrag von Gast »

1. Alatner 255 - Mitgefühl

Nach wie vor liege ich im Lazarett des Tempelordens. Mein rechter Arm, ebenso die Schulterseite, sind bandagiert und werden von einer hölzernen Schiene gestützt. Einen Gehstock nutze ich, um gelegentlich aufzustehen. Langes Liegen soll bekanntermaßen ungesund sein. Es ist ein schönes Gefühl, wieder frische Luft einzuatmen, und die erfolgreichen Übungen, meinen Arm vorsichtig zu bewegen, stimmen mich versöhnlich. Selbstzweifel kann ich allerdings nicht vertreiben. "Sieh' mich an, ich bin ein Krüppel", sagte ich zu meiner Schwester Kiara, die mich gestern vor den Toren des Tempelordens erwartet hatte. Es war ein schönes Gespräch. Sie sagte, dass das Leben aus Hürden bestehen und man oft genug hinfallen würde. Es sei demnach wichtig, immer wieder aufzustehen. Tatsächlich hatte ich keine Probleme, neue Lebenswege einzuschreiten; es scheiterte jedoch am Durchhaltevermögen: Einmal hingefallen, gab ich mich auf, und wollte - um es mit den Worten Kiaras auszudrücken: 'Nicht wieder aufstehen.'

Ich wusste nicht, inwieweit ihre Worte umsetzbar waren. Ich sehe mich zur Zeit in einem tiefen Loch, aus dem es nicht nur aufzustehen, sondern regelrecht heraus zu klettern gilt: Mein rechter Arm, unbeweglich und schlaff, hält mich davon ab, mein Kampftraining effektiv wieder aufzunehmen, viele Dinge des Glaubens wollen gelernt werden, mein Selbstvertrauen muss 'wachsen', gelegentlich habe ich das Gefühl, meine Sehnsucht nach Leona würde mich innerlich zerreißen - auch hier galt es einiges zu klären - und, und, und...

Kiara sah mich mit großen Augen an, als ich erwähnt hatte, das Land - meiner Selbstzweifel wegen - zu verlassen und in unsere Heimat zurück zu kehren. "Dann hast du dich wirklich aufgegeben, Leon", warf sie mir im ruhigen, seriösen Tonfall an den Kopf.
Das Gespräch erinnerte mich an die Glaubensstunde im hiesigen Tempel. Ich wusste seitdem, dass meine Schwester kein Mitleid mit mir hatte, da ich das Gefühl hatte, ich würde mich durch die Niedergeschlagenheit in Selbstmitleid suhlen. Kiara zeigte Mitgefühl. Der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl bestand darin, dass das Mitgefühl Empathie hervorrief, man sein Gegenüber durch Hineinversetzen zu verstehen und zu helfen versuchte. Man brachte das zwiespältige Beispiel eines Kindermörders auf: Sollte man einen aggressiven Menschen erwischen, wie er einem unschuldigen Kind das Leben nehmen möchte - wie würde man reagieren? Würde man auf die Tugend der Gerechtigkeit zurückgreifen, und den Peiniger niederstrecken, um ein unschuldiges Leben zu beschützen? Oder greift man auf das Mitgefühl zurück, um den Mörder zu entwaffnen, und den Versuch zu wagen, ihn zu verstehen, umzustimmen? Ich sah beide Möglichkeiten als richtig an, was in mir einen Zwiespalt hervorrief. Letzten Endes ist jeder für seine Entscheidungen selbst verantwortlich; ebenso im Sinne der Tugendleistung unter den allsehenden Augen der ehrenwerten Lichtbringerin. Jedoch stellte sich mir die Frage, ob ich beim Wiedersehen mit meinem Peiniger, dem Rabendiener, tatsächlich auf die Möglichkeit zurückgreifen würde, um ihn durch Mitgefühl und Empathie zu einem Gespräch über sein Handeln zu verwickeln. Kiara sagte, diese Wesen fügen aus dem Prinzip heraus Schaden und Tod zu, um ihren Gott zu stärken. Wie ich in der Lektion der ehrenwerten Eliana gelernt habe, ist in jedem Wesen 'Licht' vorhanden. Ich möchte dies bei derart skrupellosen Kreaturen, wie den Rabendienern, anzweifeln, aber vielleicht würde ich durch ein Gespräch Einsicht erlangen... Vielleicht schlummert tatsächlich so etwas, wie ein Herz, hinter der kalten, unheimlichen Fassade...

Nach einigen Geschichten aus unserer heimatlichen Vergangenheit - wie Kiaras potentieller Ehemann Raphael ihr schamlos beim Frauenbad in den nahe gelegenen, heißen Quellen zugesehen und ich vergeblich versucht hatte, ihn davon abzuhalten - verließ meine Schwester die Tore des Tempelordens. Ich liebe sie. Und mein Schutz sollte ihr gewährt sein. Die starke Empfindung, ihr gegenüber, brachte einen weiteren Gedanken hoch: Leona. Ich musste ihr schreiben, musste sie wiedersehen. Mein Herz klopft unruhig, da einige Dinge unausgesprochen und ungeklärt blieben. Solange mir diese Frau die Sinne vernebelt, werde ich nicht bereit sein, die notwendigen Schritte in Richtung Selbstvertrauen zu tun, die ich als absolut notwendig erachte. Leona... Ich hoffe, es wird sich alles zum Guten wenden...
Gast

Beitrag von Gast »

4. Alatner 255 - Alles was bleibt, ist die Hoffnung

Langsam brauche ich die Armschiene nicht mehr, und auch das Humpeln fällt kaum noch auf. Physisch scheint sich mein Körper zu regenerieren, doch meine Seele zeigt bereits die ersten Narben: Ich habe zwar Leonas Schreiben empfangen, jedoch kann ich ihre Zweifel selbst dem Schreibfluss ihrer Handschrift entnehmen. Sie ist nicht glücklich, und offenkundig möchte sie mit mir nicht über das sprechen, was sie belastet, sonst hätte sie mich längst aufgesucht. Mich übermannt neuerdings das Gefühl, in Traurigkeit zu stürzen. Ich werde schmerzlich erfahren müssen, dass die Liebe offenbar nicht so harmonisch ist, wie sie von Barden besungen und von Schriftstellern gelobt wird.

Manchmal habe ich gar das Gefühl, lediglich wegen ihr in diesen Landen zu verweilen: Meine Schwester ist eine hervorragende Schwertkämpferin geworden und braucht meine Hilfe nicht. Je näher ich ihren Fähigkeiten komme, umso geschickter wird auch sie. Was bin ich dann? Lediglich ein weiterer Mann des Glaubens, der eine Ewigkeit brauchen wird, um diesen, ordentlich gerüstet und mit Selbstvertrauen in seinen Fähigkeiten, zu verteidigen.
Vielleicht sollte ich erneut Kiara aufsuchen; für gewöhnlich gibt sie mir Kraft im Moment des Zweifels. Außerdem sollte sie erfahren, dass meine Hoffnung schwindet; ebenso, falls ich den erneuten Aufbruch in unsere Heimat zurück plane.

In Selbstmitleid möchte ich mich nicht suhlen - das gibt mir ein schlechtes Gefühl und Gewissen; doch erachte ich es als vernünftig, wie realistisch, individuelle Grenzen mentaler und körperlicher Belastbarkeit erkannt und sich selbst zugestanden zu haben: Ich habe versagt, meine geliebte Schwester; es tut mir Leid...
Kiara Thanel
Beiträge: 90
Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Beitrag von Kiara Thanel »

Tage vergingen, als Kiara durch das kleine Dorf schlenderte. Bajard war zu den Ort geworden an dem sie sich jeden Tag befand. Mal abgesehen von der Tatsache, dass sie sich, alleine der kälte wegen, in die Herberge begab. Wie sie es hasste sich auf die Hilfe anderer einzustellen. Die junge Frau war voller Trotz und lies sich nichts gefallen. Ein Schlappmaul hatte sie, so sagte ihr Vater immer. Wäre sie nicht seine Tochter... Sie könnte darauf schwören, er hätte sie geschlagen, bis sie sich wie eine Anstandsdame verhalten hätte. Kiara hatte gewiss keine Angst vor ihren Vater. Respekt war es, was sie ihrem Zeuger gegenüber entfand. Zeuger... Ein seltsames Wort. So einfach wie es auszusprechen ist, desto unwohler ist das Gefühl, welches sie dabei hat, wenn sie an ihren Vater dachte. Ihre Heimat wurde ihr immer fremder. Das mit abstand liebevollste Gesicht... Das ihrer Mutter, verblasste von Tag zu Tag immer mehr. Und gegen ihren Vater empfand sie umso mehr groll. Er war immerhin der Grund, weshalb sie Nachts ihre Heimat verlassen hatte. Rücksichtslos. Ohne sich auch nur einmal umzuwenden. Der Zorn brodelte in ihr, überspielte den Schmerz, welchen Kiara in Wahrheit empfand.

Das einzige was ihr immer bleiben würde, war ihr Bruder. Seid ihrer Ankuft in diesen Land, konnte sie an kaum etwas anderes denken. Wie es ihm wohl erging? Ihre Gedanken schweiften zurück. Die beiden waren immer füreinander da. Kiara war die ältere, kam gesund zur Welt und begann sofort zu schreien. Leon jedoch war kränklich und schwach. Die Heilerin war sogar der Meinung, dass er die nächsten Tage nicht überstehen würde. Und mal abgesehen davon unterschied ihn noch etwas. Alle in ihrer Familie hatten dunkeles Haar. Ihr Vater Rabenschwarzes, kräftiges Haar, was in Wellen Kinnlang herab hing. Das Haar ihrer Mutter war die selbe, wie das von Kiara. Ein wundervoll dunkeles, warmes Braun. In der Sonne kann man sogar rötlich bräunliche strähnchen entdecken, ebenfalls in weich fallende Wellen geschmiegt. Zumindestens wenn man genauer hinsah. Doch bei Leon war es anders. Das Haar war Aschblond. Das Gesicht blass und kränklich. Im laufe ihrer Kindheit, nahm sie ihn immer wieder in Schutz. Er wurde gehänselt und verachtet. Meist sah ihr Vater ihn als eine Schande. Und Kiara? Sie bekam den ärger wenn sie sich mit den anderen Kindern prügelte, nur um ihren Bruder zu schützen. "Er muss von alleine lernen, stark zu werden! Geh und kleide dich um, für eine Dame gehört es sich nicht in Hosen herum zu stolzieren! Abmarsch!!". Die sinnlichen Lippen formten sich zu einem schmunzeln.

Es vergingen weitere Tage. Weshalb auch immer, ihr Weg zog sie nach Berchgard. Sie konnte ihre Gedanken so oder so nicht beisammen halten, also war es ihr auch egal wohin sie ging und wo sie sich befand. Kiara ging ihrer Wege und abrubt blieb sie stehen. Der Blick wirkte ungläubig und glassig, als sie auf die kränkliche Gestalt vor sich blickte. Sie konnte es kaum glauben. Ihr Bruder! Sofort stürmte die junge Kriegerin auf ihren Bruder zu, es wohl immernoch nicht glaubend. Die Arme legten sich um die Schultern, des etwa einen Kopf größeren, jungen Mannes vor sich, um sich selbst davon zu vergewissern, dass er auch wirklich vor ihr stand. Leon erwiederte die Geste und umarmte sie liebevoll. Wie sie ihn vermisst hatte! Der Abend verging mit einer langen aussprache. Es tat ihr gut ihn bei sich zu haben. Und doch machte sie sich Sorgen. Hier war es nicht wie zuhause. Das Leben auf diesen Land war trügerisch und eiskalt. Und wie eine Laune der Natur geschah hier immer etwas unerwartetes. Es war zu gefährlich, doch die ältere der beiden Geschwister, konnte den jüngeren nicht davon abhalten bei ihr zu bleiben. Es schien ihm schier das Herz zu zerreissen. Kiara lies sich breitschlagen und nickte nur auf die entscheidung des gerade mal 19 jährigen. Er würde vorerst in Berchgard bleiben und sich dort ein Leben aufbauen. Ein gewisser Abstand sollte dennoch zwischen den beiden bestehen. Es war besser so. Mit einem mulmigen Gefühl, ging Kiara fort. Er sollte vorerst alleine zurecht kommen

Seltsam. Wie das Leben sich wenden konnte. Heimtükisch wie eine Schlange. So unberechenbar und gefährlich. Man konnte sich nie sicher sein, wann das Schicksal einem in den Arsch tratt. Das Leben wurde nicht einfacher. Nein.. Nur schwieriger. Kiara erkannte sich selbst nicht mehr. Immer größere Zweifel überkamen die sonst so sture Kriegerin. Als sie erfuhr das ihr geliebter Bruder beinahe ums Leben kam, suchte sie ihn auf. Beinahe jeden Tag besuchte sie ihn. Und das erste was sie tat, als er endlich wieder raus durfte, war ihn in den Arm zu nehmen und zu weinen. Es war mehr als eine Seltenheit, dass die junge Frau weinte. Sie sprach sich erstmals mit ihren Bruder aus. Und.. Sie beschloss Heim zu fahren. Jenen zum Mann zu nehmen, den ihr Vater für sie vorsah. Eine Hausfrau und Mutter. All das, was sie nicht sein wollte. Zumindestens nicht für ihren 'verlobten', falls man ihn so nennen kann. Leon versichterte ihr mitzukommen, falls sie sich dafür entschied. Das erste mal, machte sie sich Gedanken über ihre eigenen Wünsche und sehnsüchte, nachdem Leon sie fragte, ob sie jemals daran dachte. Ein schwaches schuetteln ihres Kopfes war die einzige Reaktion darauf. Was wollte sie eigentlich? Was empfand sie? Nie dachte sie darüber nach. Sie war früher glücklich gewesen, soviel stand fest. Und nun? Aus der sonst so glücklichen Frau, wurde nur noch ein verbittertes häufchen Elend. Stehts ihre Gefühle und wünsche unterdrückend. Das Gefühl von Glück und Liebe würden sie nur in den Abgrund stürzen. So viele Frauen wie sie schon auf ihren Weg leiden sah. Sie wusste schon weshalb sie niemand an sich heran lies. Zumindestens nicht nah genug, um ihr Herz zu berühren. Auch wenn sie sich hin und wieder selbst dabei ertappte, sich das Leben mit einem Mann an ihrer Seite zu verbringen. Ohne Sorgen und voller Glück. Doch scheinbar war alles nur Zeitverschwendung. Ein Trugbild. Leon holte sie aus ihren gedanken zurück und umarte sie. Sein trost war das einzige Gefühl, welches Kiara jemals zulassen würde. Mühevoll rang sie sich an lächeln ab und brachte ihn in sein kleines Zimmer. Es war zwar etwas klein, doch für ihn reichte es. Bis spät in die Nacht unterhielten sich die beiden Geschwister, ehe sich Kiara wieder auf den Weg in die Herberge machte. Doch auch nach den langen Gespräch, plagten sie zweifel und sie würde sich entscheiden müssen, ob sie hier bleibt, oder aber zurück in ihre alte Heimat kehrt.
Zuletzt geändert von Kiara Thanel am Donnerstag 6. Dezember 2012, 23:03, insgesamt 3-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

7. Alatner 255 - Von Tapferkeit gegen Leichtsinn, und schönen Frauen

Ich bin seit Kurzem wieder daheim. Krücke und Armschiene habe ich mittlerweile ganz ablegen können. Langsam gewöhne ich mich an die Bewegungen meines Schwertarms wieder, und folge dem Waffentraining. Zu meinem Nachteil, wie sich nach einem gestrigen Gespräch mit der ehrenwerten Heilerin van Drachenfels herausstellte: "Es ist keine gute Idee, ein Haus auf einem bröckelnden Fundament zu bauen", sinnierte ich bei ihrem Rat, mich ausreichend zu schonen, um nicht mit halber Kraft die Übungen wiederaufzunehmen, und sie stimmte mir zu. Eine gütige Frau; sie hat meinen bereits abgetragenen Verband abgenommen, die Narbennaht an meinem Schultergelenk mit Salbe gekühlt, und eine frische Bandage eingesetzt. Hoffentlich werde ich bald weder dem Fräulein Senthoryn, noch der lieben Kersti, noch der kürzlich kennengelernten, ehrenwerten Liliana weitere Umstände bereiten müssen... Sie haben so viel für mich getan...

Ich kann vom Glück sprechen, dass ich noch lebe. Nicht nur, aufgrund des Schultergelenk-Bruches; ich habe, die im Glaubensunterricht des Ordens besprochenen Worte, nicht beherzigt, als es hieß, dass Tugendhaftigkeit ein Maß finden sollte. In diesem Fall grenzte meine Tapferkeit eher an Leichtsinn: Ich bin dem Gruß des Panthers zweier Gläubiger in der Bank Bajards zwar ruhig, doch abweisend, begegnet. Sie fragten mich, ob der Glaube stark in mir sei, und ich hörte Spott aus ihren Worten heraus, unterdessen ich zitternd zu erläutern versuchte, dass in jedem Lebewesen Eluives ein hoffnungstragendes Licht scheinen würde, und daher niemand gänzlich in der Dunkelheit verloren sei. "Ein auf Zorn basierendes Handeln wird nicht effektiver sein, als der Einsatz des Mitgefühls", versuchte ich, unter meiner Nervosität vergeblich, überzeugend zu klingen.

Gleichzeitig versuchte ich den in mir aufkeimenden Unmut zu unterdrücken. Ich wäre einem Diener Alatars das Spiegelbild gewesen, hätte ich mit dem Schwert gescholten; von der Tatsache einmal abgesehen, dass meine Chancen auf einen Sieg ohnehin nicht existent waren. Dann traf mich das Wort desjenigen, der von meiner Schwester als "Thasar" angesprochen wurde: Selbst ein Ritter würde sich vom Zorn lenken lassen und frühzeitig sein Schwert erheben. Ich wollte es nicht glauben, und sehnte mich danach, das Bankgebäude zu verlassen. "Er lügt! Bitte sagt mir, dass dieser Mann lügt", flehte ich Kiara und Silvaine an, die mich nach draußen gezerrt hatten. Meine schwarzhaarige Freundin bekräftigte die Worte des Mannes nur noch. Und ich erinnerte mich: "Raindri gehört zu den Wenigen, die nicht mit erhobener Klinge losstürmen, wenn sie ein 'Seinen Segen' hören", sagte Silvaine. Ich wollte nicht daran denken, dass Tugendhaftigkeit nicht einmal unter ritterlicher Verantwortung ernstgenommen wurde. War mein Glaube, dem ich mich nach und nach mit Leib und Seele verschreiben wollte, eine große Lüge? Ich spürte, wie mein Magen sich beim bloßen Gedanken daran verkrampfte. "Lasst Euch nicht vom Biss des Panthers vergiften", verabschiedete sich eine kurze Jagdbekanntschaft in den unterirdischen Kavernen Bajards. Der Mann hatte mein unsicheres Gemüt erkannt. Und anstatt meinen Abschied im Namen Temoras zu beantworten, sah er mich besorgt im Vorbeigehen an. War es das, was er meinte? Wollten mich die Diener des westlichen Reiches bloß verunsichern?

Es ist ruhig in Berchgard. Aus meinem geräumigen Zimmer über dem Rathausgebäude schaue ich hinaus, blicke durch das leicht milchige Fensterglas und genieße die örtliche Idylle. Die Flammen von Laternen, Kerzenhaltern und Fackeln flackern sanft in der nächtlichen Dunkelheit, während Schneeflocken im Nachtlicht glänzen, und den Boden an manchen Stellen weiß färben. Ich richte meinen Blick nach oben, und schaue zum Berggang hoch; Celine, Kersti, und Herr Weilander frönen gerade sicherlich ihrem wohlverdienten Schlaf... Selbst Garrett, Garrett Ryvaendl - er ähnelt einem alten Kriegsveteran, der viele Geschichten zu erzählen hat - dürfte ein Gasthauszimmer in der bergigen Siedlung gemietet haben, um sich zu erholen. Ich habe den silberhaarigen Mann gestern kennengelernt; er lud mich zu einem Bier ein, und erfreute sich an der friedvollen Atmosphäre Berchgards. Er schien einen Ort gefunden zu haben, wo er sich von vergangenen Strapazen regenerieren konnte. Ich hoffe, dass sich die Gelegenheit für ein weiteres Gespräch bald ergeben wird. Ebenso fand Aliana ihren Weg in die örtliche Tavere "Zur Felsspalte". Ihre auffällige Schönheit raubte mir den Atem; und es fiel mir schwer, meinen Blick von ihren offensichtlichen, betont präsentierten Vorzügen zu lösen. Selbst ein Überschlagen ihrer Beine trieb meine Nervosität an. Ich wollte mir jedoch nichts anmerken lassen; gegenüber Garrett hegte ich den Drang, mich auch charakterlich wie ein angehender Krieger zu verhalten, und Willenskraft zu demonstrieren. Leichter gesagt, als getan, wenn selbst der Duft und der wohlige Stimmklang einer derart verführerischen Frau das Herz in der Brust schneller schlagen lassen. Unter Verlegenheit musste ich feststellen, dass ich von ihren Kurven viel zu betört war, um das herzensgute Gemüt hinter dem einladenden Dekolleté festzustellen. Ich hob bei einem entschuldigenden Kopfschütteln meinen Blick wieder auf höfliche Augenhöhe an, sah ihr ins Gesicht und lächelte verlegen. Doch bereits in diesem Moment merkte ich: Die gelassene, liebevolle, ehrliche Art dieser Frau tat mir einfach gut.

Es wurde spät, nachdem der silberhaarige Garrett und ich uns von den bemerkenswerten, kulinarischen Fähigkeiten der jungen Aliana überzeugen konnten. Ihr deftiger Lammeintopf erinnerte mich an die heimatlichen Speisen: Viel Fleisch, herzhafte Saucen, scharf gewürzt. Der erfahrene Krieger verabschiedete sich. Aliana und ich plauschten weiter, und bemerkten nicht, wie draußen bereits der Morgen angekündigt wurde. Ich wollte, dass sie Schlaf fand, bevor sie sich in der Früh wieder um ihr Vieh kümmern musste, und bestand darauf, dass sie die Nacht in meinem Zimmer verbringen sollte, anstatt sich in der Dunkelheit, ohne Geleitschutz, auf den Heimweg zu machen. Ich öffnete die breiten Türen meines Kleiderschranks und sie suchte sich etwas für die Nacht heraus. Während sie unter verführerischem Saumrascheln die Hüllen hinter der Schranktüre fallen ließ, zeichnete meine Fantasie unzüchtige, verruchte Bilder: In meinem Wachtraum schloss sie die verbergende Hürde zwischen meinen Augen und ihrem schönen Leib, und wandte sich, verführerisch lächelnd, mit der Vorderseite in meine Richtung... Wie Eluive sie schuf... Ich kniff die Lider zu, schüttelte kurz den Kopf und starrte Aliana an. Ich spürte Wärme meine Wangen erfüllen und errötete, fühlte mich erwischt - die verlockende Illusion hatte mir glatt sämtliche Aufmerksamkeit geraubt. Kurz berührte sie meine Wange mit ihrer Hand und ich die ihre. "Behalte deine Pfoten aber bei dir", warnte sie mich gut gelaunt, jedoch konnte ich erahnen, dass sie die Worte zugleich eindringlich meinte. Aller hübsch verpackten Reize zum Trotz, hätte ich sie nicht für eine Frau eingeschätzt, die sich für weniger, als eine ernste Beziehung, begeistern ließ. Sie sprach vom Wunsch nach Familie, und ich teilte diesen. So schliefen wir bei höflichem Abstand im selben Bett. Verführerisch süß war ihr Duft, reizvoll die Nähe, jedoch hätte ich eher den Tod gewählt, als mich von der Fleischeslust leiten zu lassen. "Über sie herfallen", hatte Vater es genannt. "Du bist erst ein richtiger Mann, wenn du das Gefühl hast, über deine Geliebte herzufallen; sei ein Raubtier", sagte er, während ich absolut nicht erpicht darauf war, dieses pikante Thema mit dem eigenen Vater zu besprechen. Dieser elende Idiot...

Am nächsten Morgen überraschte ich sie, brachte ihr frische, knusprig gebackene Brotstücke mit herzhaftem Mett - Gehacktem - und Zwiebelstückchen ans Bett. Wir ließen uns das Frühstück schmecken, bis sie sich lächelnd verabschieden und um ihren Hof kümmern musste. Ich wollte sie beizeiten besuchen gehen. Nicht nur, der angebotenen Hilfe auf ihrem Hof wegen: Sie hatte eine erfrischend fröhliche Art; eine Bekanntschaft, die meinem nachdenklichen, scheuen Gemüt gut tun würde...
Kiara Thanel
Beiträge: 90
Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Beitrag von Kiara Thanel »

Die Ringe waren nun bestellt und es war schon spät. Ein mulmiges Gefühl überkam Kiara. Ein Gefühl, welches nur aufkam, wenn etwas geschehen würde. Zuerst versuchte sie es zu ignoririeren. Doch ihr Magen zog sich als Reaktion umso mehr zusammen. Wie so oft, begann ihre Haut zu prickeln, als würde alles taub werden. Der Magen zog sich dermaßen zusammen, dass die junge Frau ein würgen unterdrücken musste. Angstzustände kamen hinzu und liessen sie beinahe durchdrehen. Kiara wusste nie was geschen würde, geschweigedenn wann oder wo. Ihr war nur klar das 'Etwas' geschehen würde. Nachdem sie die Ringe bestellt hatte, ging sie zu dem einzigen Zufluchtsort, wo sie sich etwas ablenken konnte. Ihr Bruder konnte schon immer ruhig auf sie einreden, wenn ihr Temperament die Kontrolle übernahm. Am liebsten hätte sie sich selbst in Stücke gerissen, nur um dieses mulmige vorgehen in ihrer Magengrube zu beenden. Nach einer weile kam sie endlich bei Leon an. Sie öffnete die Tür und im Bett saß Leon, übersäht mit blauen Flecken. Silvaine stand neben dem Bett und Kiara wollte gerade erst wieder gehen. Doch sie blieb. Kiara gesellte sich dazu, setzte sich auf die kleinen stufen des Bettes und unterhielt sich mit den beiden. Die Entscheidung war gefallen. Kiara würde Heim kehren. All das was sie hier hatte hinter sich lassen. So wie damals, als sie ihr Heim verlassen hatte. Beide redeten auf sie ein, doch ob sie Kiara überreden konnten zu bleiben, war mehr als Zweifelhaft. Sie wusste noch immer nicht, ob sie den Stimmen in ihren Kopf traute, wenn sie zu ihr sprachen. "Du hast keine Freunde. Sie hintergehen dich. Du wirst alleine gelassen. Wo sind sie.. deine Freunde? Jetzt wo du sie brauchst?" Ihre Gedanken schweiften umher, ihr wurde leicht schwarz vor Augen, bis sie von fremden Stimmen zurück in die Gegenwart kehrte. Ein alter Mann und ein etwas jüngerer Mann, welcher sich als seinen Enkel herausstellte, standen draußen auf dem Gang. Sie ignorierte das Gespräch und gab sich lieber ihren Gedanken hin. Bis sie den älteren Mann wohl etwas zu aufdringlich fand und ihm drohte. Sein Enkel mischte sich ein und brachte sie in Wallung. Kiara war schon gereizt genug und einen wie ihn könnte sie ganz und gar nicht gebrauchen. Eines unterschied ihn jedoch von den anderen. Etwas das Kiara skeptisch werden lies. Er wurde nicht aufbrausend, so wie all die anderen die sie kannte. Nein. Er war... ruhig... gelassen und so selbstsicher, wie sie es von niemanden sonst kannte. In Gedanke mahnte sie sich, aufzupassen, doch ihr Temperament war wieder einmal schneller und sie wusste nicht wieso ihr Kopf erhitze. Ihr war vorhin schon recht warm, doch das Gefühl wurde stärker und sie wusste selbst nicht ob sie einfach nur wütend war, oder es an etwas anderen gelegen hatte. Leon entschuldigte sich für sie und rechtfertigte sich für ihr Temperament. Das konnte sie gerade gar nicht gebrauchen! Die junge Kriegerin konnte sich auch gut alleine verteidigen! Und erst recht gegen so einen ruhigen... Kiara ertappte sich dabei, dieses mal kein Schimpfwort zu finden. Obwohl sie ein solches Schlappmaul hatte. Also lies sie sich murrend an die Türlehne sinken und die anderen reden. Da es schon spät war, machten Cedric und sein Opi auf den Weg. Er zwinkerte ihr kurz, als er an ihr vorbei ging und sagte noch etwas. Doch ihre Aufmerksamkeit lag darin, sich einfach abzuwenden. Erst dachte die junge Frau sich beruhigt zu haben, bis sie von unten hörte, wie er fragte, ob heute alle Lebensmüde seien. Wütend wollte Kiara losstürmen und ihm zeigen WER hier Lebensmüde war. Doch Leon kam ihr zuvor und ehe sie sich versah lagen seine Arme um ihren Bauch und hoben sie hoch. Verzweifelt strampelte die junge Frau und wehrte sich gegen den Griff ihres Bruders. Erst nachdem Leon sich sicher war, das die beiden ausser reichweite waren, lies er seine Schwester los. Silvaine machte sich ebenfalls auf den Heimweg. Wieder wurde Kiara schwarz vor Augen und noch immer brannte die Hitze in ihr. Leons Stirn ruhte mit einem mal auf ihrer. Er sah seine Schwester besorgt an und brachte sie erst einmal zu Bett. Ein Fieber überkam sie. Kein Wunder, so dünn gekleidet wie sie herumrannte. Doch das Gefühl von Taubheit, gab ihr das Gefühl nicht verletzt werden zu können. Alles was sie berühren würde, würde nicht schmerzen. Etwas das Kiara für einige Momente Sorgenfrei werden lies. Doch nun musste sie die Konsequenz tragen und schweißgebadet und geröteten Wangen im Bett bleiben. Ihr Bruder blieb wach und passte auf sie auf. Kiara zog das dicke Fell über sich und schlief erschöpft ein.
Gast

Beitrag von Gast »

10. Alatner 255 - Von geheuchelter Freundschaft und noch mehr Frauen

"Wenn Raphael das wüsste", konnte ich mir als schelmischen Gedanken nicht verkneifen. Einerseits. Denn rasch schüttelte ich den Kopf: Der Einfall bezog sich auf Rache; definitiv keine Tugend der Lichtbringerin. Raphael war ein Mann, der meiner Schwester versprochen wurde. Vater hatte es als sinnvoll erachtet, Kiara mit dem stärksten und attraktivsten Jäger des Bergdorfes zu verheiraten. Er wusste zudem, dass der Hüne ein Frauenheld war: Kaum ein Mädchen aus unserer Heimat konnte sich seinem vermeintlichen Charme entziehen; man hatte ihn sogar neckisch eingeladen, sich am Badetag der Frauen in die heißen Quellen zu schleichen, doch er lehnte ab. Gewissermaßen hatte er tatsächlich sein Hauptaugenmerk auf die Frau geworfen, die ironischerweise oft genug das Verlangen hegte, ihn anzuspucken. So läuft das nun einmal im Leben: Man begehrt das am sehnlichsten, was man nicht haben kann, was unerreichbar erscheint. Und der arme Raphael, mit seiner Gier nach Kiaras Leib, stand sinnbildlich für diese Weisheit.

Mein Verhältnis zu dem Kerl kann ich nur schwer beschreiben: Oftmals hatte ich das Gefühl, dass er sich über mich lustig machen wollte. "Dorfjungfrau", spottete er, mit einem süffisanten Grinsen. Unrecht hatte er nicht: Ich war schon immer blass, sah mit den milchigen hellblauen Augen kränklich aus, meine gewöhnliche, unauffällige Figur war nicht mit der eines athletischen Raphaels zu vergleichen, und selbst Vaters Haarfarbe, die bereits gräuliche Nuancen zeigte, war kräftiger und voluminöser, als meine aschblonde Frisur mit eher feinen, dichten Strähnen. Dass mich im Dorf niemand attraktiv fand, lag nicht nur an dem Äußeren: Während Raphael geradezu aggressiv auf die Mädchen zuging, und einen mehr oder weniger witzigen Spruch auf den Lippen hatte, blieb ich während eines Tavernenabends entweder still, grübelte zu lange über Dinge, um ein sinnvolles Gespräch zu beginnen, oder ging erst gar nicht hin. "Heute findet das alljährliche Dorffest zur Weihung des Klosters statt; alle da. Außer Leon. Wie immer", hieß es irgendwann. Man schmunzelte, aber mir war es gleich. Ich hatte mich damit abgefunden, einsam zu sterben.

Andererseits wollte mich der Mann, der meiner Schwester versprochen war, ermutigen, risikofreudiger zu werden. Vermutlich weniger aus Freundschaft, als der geheuchelten Brüderlichkeit wegen. Schließlich wäre er Teil der Familie geworden, hätte er das Herz - Verzeihung - den Körper meiner Schwester erobert... So zog er eines Nachmittags mit mir aus; in den heißen Quellen am unteren Tal des Bergdorfes fand gerade der Badetag der Frauen statt. Nur Raphael kannte - wie hätte es auch anders sein können? - die passenden Stellen, um ausgiebig zu spannen.
Zugegeben: Männliche Neugier lässt sich nur schwer unterdrücken, wenn es um hüllenlose Frauenkörper geht, und so stimmte ich nervös zu. Gerade, als wir uns auf einem Hügel hinter dichtem Buschwerk versteckt hatten, erspähten wir die jungen Frauen zwischen den sinnlich aufsteigenden Dampfwolken des kleinen Steinbeckens. Bei Honigwein und Gebäck badete das attraktive Weibsvolk; man kicherte, tratschte - bis auf die gelegentlich aufblitzende, reizvolle nackte Haut der einen oder anderen jungen Frau, die man oft genug züchtig verhüllt während der Dorffeste sah, im Grunde nichts Besonderes... Was allerdings reichte, um meinem jungen Gemüt den Atem zu verschlagen, und mir die Schamröte ins Gesicht zu treiben.

Meine Augen fixierten Lorena, eine attraktive blonde Frau, in meinem Alter - zu der Zeit war ich sechzehn Jahre jung - die Tochter des reichsten Mannes im Dorf. Nur schwerlich konnte ich meinen Blick von der blonden, vollbusigen Schönheit lösen, als sie den hüllenlosen Leib langsam aus dem Wasser führte. Im selben Moment wandte sich Kiara in unsere Richtung. Ebenfalls nackt, mit dem Oberkörper zu Raphael gewandt. "Deine Schwester hat 'n nettes Paar Brüste, hehe", lachte er dreckig und stierte sie regelrecht an. Wie gerne hätte ich ihn geschlagen, ihn für seine Blicke und die dummen Sprüche bestraft. Aber ich wusste, dass er gewonnen und mich bloßgestellt hätte. "Na, Jungfrau? Nach so viel nackter Haut fühlste dich bestimmt wie 'n richtiger Mann, was? Und wem haste das zu verdanken? Dem großartigen Raphael natürlich!" Selbstgefällig und mit stolz gerecktem Kinn breitete er die Arme aus, ehe er grinsend seinen linken um meine Schultern führte, mich kräftig in seine Richtung zog und zuflüsterte: "Hey, hey Dorfjungfrau, äh, wie heißt du noch mal? Ach ja, Leon! Ich hab' gesehen, wie du Lorenas Arsch angestarrt hast. Ich mach' dir die heiße Schnecke klar, wenn du willst. Gleich jetzt, einverstanden, Kumpel?"
Ich wollte ihm Glauben schenken, und ein angenehmes Gefühl, sich akzeptiert und verstanden zu fühlen, breitete sich in mir aus, als er seinen Arm um mich schwang, mich 'Kumpel' nannte. Ich lächelte und nickte ihm rasch zu. In der heimlichen Hoffnung, meinen vermeintlichen Spitznamen einer Dorfjungfrau endlich ablegen zu können. Zudem hatte er Recht. Das Verlangen nach dieser Frau wurde umso stärker, nach der ausführlichen Musterung ihres kleiderlosen Körpers. Ich dachte in diesem Moment, beflügelt von Raphaels vermeintlicher Freundlichkeit, nicht daran, die erotische, unzüchtige Gier nach der Blondine zu unterdrücken. Und dann geschah es: Lorena trocknete sich gerade ab, während sie weiterhin gelassen mit ihren Freundinnen plauderte. Kiara hatte sich, und zu meinem Glück, aus Raphaels Blickreichweite, ebenfalls der blonden Frau zugewandt. Ich starrte die reiche Familientochter unablässig an; Raphael gab mir einen kraftvollen Schubs und lachte: "Dann schnapp' sie dir, Tiger; haha!"

Ich rollte den Hang hinab. Riss die Augen auf und spürte Astwerk meine Kleidung und Haut aufkratzen. Unsanft prallte ich gegen einen großen Stein, kurz bevor mein Leib dem Ring des heißen Beckens entgegenkommen konnte, und der Brocken fing meinen Sturz auf. Ich blinzelte, sah verschwommen zwischen Baumwipfeln zum Hang empor und ein hämisch lachender Raphael zeigte mir vulgär den Mittelfinger, ehe er fortrannte. Glücklicherweise waren die Frauen eher damit beschäftigt, dem widerhallenden Lachen zu folgen, als in meine Richtung zu sehen. Sie führten überrascht die Hände auf ihre Blöße; nur Kiara entdeckte mich, mit den Armen auf ihrer nackten Brust gekreuzt, und sah mir betrübt, als hätte sie etwas erahnt, nach. Mein besorgter Schulterblick fing den ihren auf, und sie brauchte nur der Blutspur zu folgen, um mich mit vor Tränen nassem Gesicht im nahegelegenen Wald aufzufinden, wie ich versuchte, mühevoll meine Wunden am Teich zu reinigen, zu versorgen, während ich an einem breiten Baum lehnte. "Ich weiß, dass du nicht gespannt hast. So bist du einfach nicht. Lass' mal sehen", erklang die ruhige Stimme Kiaras in mein Ohr, als sie neben mir in die Hocke ging und ich atmete wohlig durch. Flüchtig betrachtete ich meine Schwester mit einem verlegenen Blick aus dem Augenwinkel: Bloß ein dünnes Tuch bedeckte ihren heißen, nassen Leib, und drohte regelmäßig abzurutschen, ihre Brust preisgebend. "D-Du bist nackt, und erkältest dich", entgegnete ich ihr möglichst gelassen, und wandte den Blick scheu von ihr ab. Sie griff nach meiner Hand und führte mich zu den heißen Quellen zurück. "Aber ist heute nicht der Badetag für Frauen?", fragte ich Kiara verdutzt und abermals schoss mir Schamröte ins Gesicht. "Sind alle weg, da hat jemand gelacht, und wir fühlten uns beobachtet", antwortete sie mit einem zuversichtlichen, sanften Lächeln.

Die Kleidung wurde abgelegt, und ich folgte meiner Schwester ins angenehm warme Nass. Das Bad tat gut; linderte den Schmerz. Wohlig seufzend wandte ich den Blick in Kiaras Richtung, sie saß neben mir, lächelte mich liebevoll an, ließ ihre Hand tröstend durch mein Haar gleiten und fragte: "Du bist gestürzt, hm?"
Ich nickte, lächelte unbeholfen, und es fiel mir schwer, den Menschen, der mir am wichtigsten war, anzulügen: "Ja, ich... bin tollpatschig; weißt du doch..."
Sie kicherte leise, nickte leicht, legte ihren Arm um meine Schultern und drückte mich liebevoll an ihre Seite. Ich wollte das gemeinsame heiße Bad mit meiner Schwester genießen, doch mein Herz machte einen Sprung; unter dem schlechten Gewissen wurde ich nervös. Mittlerweile kennt sie den wahren Hintergrund - nach knapp vier Jahren Verschwiegenheit, was ihre Abneigung, Raphael gegenüber, umso deutlicher schürte.

Wie anfangs erwähnt, könnte ich Raphael spötteln: Was den Kontakt zu Frauen angeht, stehe ich ihm derzeit kaum nach. Im Gegensatz zu dem attraktiven Halunken aus meinem Heimatdorf jedoch, hält sich das Verlangen nach Fleischeslust in Grenzen. Viel stärker keimt der naive Wunsch in mir auf, irgendwann eine Familie zu haben, an der Seite einer treuen, liebevollen Frau. Silvaine... Unsere Lippen haben sich berührt. Sind wir wirklich nur noch Freunde? Und weshalb fragst du mich nach der 'anderen Frau, die mir am Herzen liegt'? Bin ich mittlerweile unbewusst in Raphaels Fußstapfen getreten? Ich weiß nicht, was mich zu dem Kuss verleitet hat. Ich hoffe bloß, dich nicht zu verlieren, dadurch nichts kaputtgemacht zu haben. Dir kann ich alles anvertrauen, du bist mir der wichtigste Freund geworden; nichts sollte sich an der Tatsache ändern, dass ich dich als diese liebe- und vertrauensvolle junge Frau ins Herz geschlossen habe. Möge Temora meine Zeugin sein: Niemals werde ich etwas tun, das dich verletzen sollte, Silvaine, das verspreche ich dir!
Gast

Beitrag von Gast »

12. Alatner 255 - "Endlich bist du ein richtiger Mann!"

Nach einer schlaflosen Nacht beuge ich mich aus dem Fenster meines kleinen Zimmers über dem ehemaligen Rathaus Berchgards heraus, sehe zum Bergpfad hoch, und bewundere die morgendliche Idylle der kleinen Siedlung: Das Vieh wird gepflegt, leises Scheppern von Ausrüstung ist zu vernehmen - die Garde macht sich für den alltäglichen Dienst bereit -, die fleißigsten Händler bauen ihre Marktzelte in der Früh auf, und die ersten Metallhandwerker führen ihre Karren ratternd in Richtung Bergwerk. Am Horizont geht langsam die Sonne auf, Tau glänzt im Lichtschein, die klirrende, winterliche Kälte macht sich breit, um einen weiteren verschneiten Tag anzukündigen.

Langsam ziehe ich den Kopf und meinen unbekleideten Oberleib wieder zurück, schließe das Fenster, und atme in der wohligen Wärme meines Zimmers durch. Das kleine Kaminfeuer in der Ecke knistert leise, spendet heißes Licht. Ich zucke überrascht, als sich mein Ringfinger im Kleiderschrank leicht verfängt und muss lächeln: Ein Ring mit einem kleinen, hellen Stein, der die Insignien des Temora-Ordens trägt, ziert meine rechte Hand. Meine Gedanken schweifen an den gestrigen Tag zurück: Schwester Eliana hatte mich zu einem Gespräch in den heiligen Ordenshallen eingeladen. Als ich ihr zur zwanzigsten Stunde begegnete, sprach sie von meiner Aufnahme in den Orden. Ich war überrascht. Zwar hatte ich meinen Wunsch geäußert, eines Tages im Orden lernen zu wollen, doch schweiften meine Gedanken eher zu einer Einladung hinsichtlich einer weiteren Unterrichtseinheit hinüber. Sie führte mich in den Altarraum und ich sah sieh an, ließ mich von dem gewohnten, sanften Lächeln auf den Lippen der jungen Wächterin ermutigen. Die Nervosität war mir nämlich anzumerken. Ich schloss Bekanntschaft mit einem weiteren Mitglied der Gesellschaft: Alexa. Die Schneiderin strahlte sogleich etwas angenehm Herzliches aus, ich fühlte mich geborgen, hegte das Gefühl, ihr absolut vertrauen zu können.
Der Weg führte mich zu Mandred, und mit dem Blick eines strengen Lehrmeisters forderte er mich auf, mich der Verantwortung und des Pflichtbewusstseins stets gewahr zu werden, die ich gemeinsam mit meinen künftigen Ordens-Brüdern und -Schwestern teilen würde. Ich nickte rasch, und war mir trotz der aufkeimenden Nervosität in meinem Inneren der neuen Pflichten bewusst. Ich sah die Mitgliedschaft als nächsten Schritt an, um Temora, dem Glauben, nahezukommen. Auch mein Selbstvertrauen sollte durch einen fähigen Schwertarm gestärkt werden, damit ich eines Tages das Wort der Hoffnungsträgerin selbstbewusst weitertragen und mit der Klinge verteidigen konnte.

Ich kniete vor dem Altar und versicherte Temora meine absolute Dienstbereitschaft, dankte ihr für die Möglichkeit, unter den herzlichen Ordensmitgliedern lernen zu dürfen, und gab ihr ebenso mein Wort, an Selbstdisziplin und den aufkeimenden Selbstzweifel zu arbeiten - im stummen Gebet. Als ich mich erhob, sah mich der Ritter mit ausgestreckter Hand an und hieß mich als Schüler des Ordens willkommen. Ich betonte, dass es für mich gleichwohl eine Ehre, wie Freude, sei, einen wichtigen Schritt getan zu haben, um der Lichtbringerin eines Tages mit Herz und Schwert pflichtbewusst und selbstsicher dienen zu können. Man hieß mich als "Bruder Leon" willkommen, gratulierte mir mit Händedruck, während mich Schwester Alexa und Eliana gleich in die Arme schlossen und an sich drückten. Mir schoss die Schamröte ins Gesicht, aber es war ein schönes Gefühl, meine Arme um die Ordensschwestern zu schwingen, und mich in diesem herzlichen Moment zu wiegen. Ich fühlte mich geborgen, verstanden, akzeptiert, als hätte ich eine Familie gefunden.
Vater war streng. Er hatte solche Gesten - ein Küsschen hier, eine Umarmung dort - als Zeichen geistiger Schwäche abgetan. Mutter, von seiner strengen Erziehung eingeschüchtert, konnte keinen Mut fassen, um ihre Prinzipien durchzusetzen. Ich sah die Liebe in ihren Augen. Aber eine Umarmung oder einen Kuss scheinen Kiara und ich derart selten erfahren zu haben, dass ich mich nicht einmal erinnern kann.

Nachdem mir Schwester Alexa alles Wichtige des Geländes gezeigt hatte, mir der Siegelring und Robe überreicht wurden, ließen Schwester Eliana und ich den Abend bei einer Schüssel mit heißer Kürbissuppe ausklingen. Eine Wohltat bei der winterlichen Kälte.
Nach einem kurzen Gespräch über das "Rechte Maß an Tugendhaftigkeit" verabschiedete sich meine ehrenwerte Ordensschwester, und ich blieb gedankenverloren zurück: Das "Rechte Maß"; ja, ich habe mich oft genug in Schwierigkeiten gebracht, weil ich Tapferkeit mit Leichtsinn verwechselt hatte. Jeder Diener Temoras strebt dieses Gleichgewicht an. Wie im Glaubensunterricht besprochen, erzeugt ein Übermaß an Befolgung der Tugenden eher Gegenteiliges, schadet sowohl dem Diener, als auch seinem Glauben. Temora wird sich sicherlich nicht wünschen, dass einer ihrer treuen Streiter aufgrund von übermäßiger Tapferkeit in einem aussichtslosen Kampf sein Leben büßt. Vor den Toren des Ordensgeländes traf ich Luninara an. Eine weitere Frau, die mir beim bloßen Betrachten den Atem raubt. Ich erinnere mich an das letzte Bad mit ihr und meiner Schwester im schönen Badehaus zu Adoran: Die blondhaarige Frau trug ein sündhaft enges, körperbetontes Badekleid, das durch die Feuchtigkeit ihre wohlgeformten Vorzüge umso deutlicher hervorbrachte, indem sich der Saum an ihren Leib klebte. Ich war mir der Sünde gewiss, und doch fiel es mir schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren, den Blick höflich abzuwenden. Sie schmunzelte bloß, und schien sich die Blicke gefallen zu lassen; feuerte meine Fantasie sogar an, indem sie erwähnte, eine Dusche im warmen Sommerregen zu schätzen, als ich ihr Unterschlupf bei mir daheim anbot, und wir vor dem kalten Regen Richtung Berchgard flohen.

Dort angekommen trafen wir auf Liliana und Kersti. Ja, die liebe Kersti... Ohne Widerworte zu akzeptieren, schlugen die beiden Heilerinnen vor, das örtliche Ärztehaus aufzusuchen. Luninara und ich zogen aus der Spendentruhe trockene Kleidung heraus, und setzten uns gemeinsam mit Liliana und Kersti ans wärmende Kaminfeuer in den Kellerbereich. Heißer Zitronentee mit Honig wurde serviert, ich bedankte mich lächelnd bei der ehrenwerten Frau van Drachenfels, ehe ich Luninara auf ihre Mitgliedschaft bei der "Allianz des Lichtes" ansprach. Eine Soldatin war sie, ebenso Ausbilderin der Schützen. Ich fragte die attraktive Kämpferin nach ihrem Glauben, und sie bestätigte meine Vermutung: Die Allianz war zwar eine Organisation zur Verteidigung des Lichtenthals, allerdings keine spirituelle Gruppierung wie der Orden. Natürlich gab es auch in der Lichtallianz Gläubige, aber auch viele, die generellen Respekt vor den Göttern zeigten und sich nicht auf einen Glauben fixierten, wie die hübsche Soldatin selbst.
Sie sprach von ihren verstorbenen Freunden; Sir Rafael war mir ein Begriff. Er schien im gesamten Lichtenthal bekannt zu sein, und eine Frau namens Varla erwähnte sie. Luninara machte sich Vorwürfe, dass sie nicht da sein konnte, um sie zu beschützen, um sie vor dem Tode zu bewahren. Die Bereitschaft zur Aufopferung gegenüber Freunden und geliebten Menschen - das kannte ich, und ich konnte die Gedanken der blonden Soldatin absolut nachvollziehen. Ich hätte nicht anders gedacht, gehandelt. So musste ich Kersti mit einem dankbaren Lächeln zustimmen, als sie andeutete, dass die schöne Luninara ihr Herz am rechten Fleck hätte. Ich ermutigte sie ebenso; wichtig sei es, mit Sicherheit hinter dem Gedanken zu stehen, sich für geliebte Menschen einzusetzen. Dass sie zu dem Zeitpunkt nicht da sein konnte, sollte ihr keine Schuldgefühle bereiten.

Die blonde Schützin wollte sich langsam auf den Heimweg machen. Ich erhob mich ebenfalls und machte ihr den Vorschlag, in meinem Mietzimmer zu nächtigen. Der Weg zurück nach Bajard würde bei der kalten Witterung beschwerlich sein, die Gefahr einer Erkältung käme nahe. Sie nahm mein Angebot an, wir bedankten uns bei Kersti und Liliana für die Gastfreundschaft, und fanden uns - nach dem kurzen Weg durch die beißende, nächtliche Kälte - in meinem Zimmer wieder. Luninara gefiel es, und ich sah ein Lächeln auf den Lippen der attraktiven Soldatin, als sie den Blick ihrer hellen Augen umherschweifen ließ.
Speis und Trank lehnte sie ab, ich hatte nicht viel im Haus anzubieten, und nach einem neckenden Gespräch über meine reizvolle Fantasie, sie einmal bei einer heißen Regendusche zu beobachten - das Thema über verschiedene Witterungsvorzüge kam wieder auf - spürte ich meine Wangen erneut erhitzen. Schamröte stieg mir ins Gesicht, und abermals fiel es schwer, den Blick von ihrem schönen Leib abzuwenden. Ihre Fingerspitzen lösten einen Knopf nach dem anderen, bis der Saum ihres weiten Hemdes einen Blick auf ihre Haut gewährte. Links und rechts erkannte ich die seitlichen Konturen ihrer üppigen Brüste, und ein Lufthauch hätte ausgereicht, um den restlichen Stoff beiseite zu führen, mehr zeigend. Ich schluckte laut, bemühte mich um den Blickkontakt und sah ihr mit merklicher Unsicherheit ins Gesicht. Ungeniert wirkte die blonde Soldatin jedoch, lächelte mich kurz an, und erneut erklang ein Saumrascheln: Verführerisch zogen ihre Fingerspitzen den restlichen, verbergenden Stoff beiseite und während sie ein verlockendes, amüsiertes Lachen erklingen ließ, erhaschte ich einen Blick auf ihre blanke, wogende Brust: "Ich schlafe lieber unbekleidet; außerdem gleichen sich Realität und Fantasie nicht", sprach sie selbstbewusst. Wie schön sie war... Herrlich blond, helle Augen und eine wohlgeformte, vollbusige Figur...

Ich versuchte, das Gespräch in eine Richtung zu führen, die mich von ihren Reizen ablenken konnte, und die Narbe an ihrer Brust fiel mir ins Auge. Luninara bemerkte meinen Blick und nickte nur, als würde dieser Makel ihre vorherigen Worte hinsichtlich Realität und perfekter Fantasie bekräftigen. "Erzählt die Narbe eine Geschichte?", fragte ich sie nervös, ohne ihre nackte Brust unbeachtet zu lassen. Sie ahmte ungeniert die Bewegung nach, welche das beherzte Anspannen eines Bogens andeutete. Die mit der blassen Narbe versehene Brust war sichtbar hinderlich. Ich nickte, um ein Verständnis anzudeuten, während jede Regung ihrerseits mein Blut umso stärker in Wallung brachte. "Ich möchte dir damit sagen, dass du dich nicht aufgeben sollst, Leon. Du wirst auf viele Hindernisse stoßen, Schmerzen erleiden müssen, aber wichtig ist, dass du weitermachst, und deinem Weg folgst. Egal, wie beschwerlich er ist. Ich habe es, trotz dieses Hindernisses, auch geschafft", ermutigte mich ihre Stimme, und ich merkte, wie mich die junge Soldatin immer mehr faszinierte. "Ich verstehe dich, und danke dir für die aufbauenden Worte, Luninara. Dennoch sehe ich deine Narbe nicht als Makel an. Du bist wunderschön."

Sie wirkte geschmeichelt, lächelte mich an. Ich kam ihr näher, ein tiefes Durchatmen sollte mich ermutigen, und führte meine zitternden Hände an die Knöpfe ihres Hemdes. Gedankenverloren knöpfte ich das Kleidungsstück wieder zu. Provisorisch, bis ihre üppigen Brüste spärlich von dem Stoff wieder verborgen und gehalten wurden. "Warum tust du das?", fragte ich sie, lenkte den besorgten Blick auf ihre Augen, und sah sie zwischen stark erröteten Wangen verlegen an. Es kostete mich Überwindung, meine Hände derart nahe an ihrer Brust zu wissen, eine unzüchtige Berührung vermeidend. "Nehmen wir an, ich wäre Vater. Er wäre längst über dich hergefallen. Du bist eine wunderschöne, faszinierende Frau, Luninara; gönne diesen herrlichen Anblick nur dem Menschen, der dein Herz verdient und erobert hat", fügte ich mit nervöser Stimme hinzu, und war darauf bedacht, einfühlsam zu klingen. "Ich hätte mich dir nicht gezeigt, würde ich dir nicht vertrauen, Leon. Außerdem mag ich dich", antwortete sie mit ruhiger Stimme in der Nähe meines Ohrs. Sie Klang verführerisch. Ich nahm ihren sinnlichen Duft auf und ließ meine Nasenspitze über ihre Wange streicheln, um diese sanft zu küssen. "Und was würdest du tun, sollte ich mehr verlangen?", hauchte ich ihr ins Ohr, und spürte ihren spärlich bedeckten Oberkörper an meinem. "Ich vertraue dir, Leon. Ich weiß, dass du nichts tun würdest, was mir schaden würde; nur zu...", vernahm ich wieder die verführerische Stimme der jungen, erfahrenen Kämpferin an meinem Ohr. Zitternd folgte ich meiner Hand, die sich einen Weg unter den Saum ihres Hemdes bahnte, und zaghaft ihren Oberkörper zu erkunden begann. "Ich empfinde das Verlangen, dich zu küssen, meine Schöne", gestand ich ihr flüsternd, stockend, und langsam berührten sich unsere Lippen zu einem zärtlichen Kuss. Die Leidenschaft gewann an Feuer hinzu, Luninara stellte sich auf mich ein, um meine innere Nervosität zu lösen, bis sie ihren Rock fallen ließ. "Bist du dir sicher, dass du das möchtest? Was, wenn du mich zum Vater machst?", zitterte ich, doch sie lächelte mich versonnen an. "Dann wird es so sein. Du wärst ein guter Vater, Leon."
Ihre Worte ließen mein Herz höher schlagen. In dem sich anbahnenden Liebesakt gestand ich ihr, beflügelt von ihrer herrlichen Nähe, und ihrer gleichsam gutmütigen, starken, selbstsicheren Art: "Ich liebe dich."
Doch sie antwortete nicht; nicht mit Worten, und ich erfuhr einen weiteren Kuss. Wir liebten uns leidenschaftlich bis in die frühen Morgenstunden.

Nun schaue ich über die Schulter, sehe sie - versonnen lächelnd - im Bett liegen, und mache mich auf den Weg, um das Frühstück zu besorgen. Ich hoffe, sie mag heiße Schokolade und Kuchen...
In der Kälte angekommen, schließe ich die Türe leise hinter mir, um nach einem flüchtigen Kuss auf Luninaras Wange, die junge Frau weiterschlafen zu lassen, und mache mich auf den Weg zum Bäcker. Obgleich mein Gemüt von der vorangegangenen Liebesnacht wie beflügelt wirkt, komme ich nicht um Gedanken herum. Die Zeit würde verraten, wie es weitergeht.
Ausgelassen rede ich mit Luninara und wir lassen uns gemeinsam das Frühstück schmecken, während ich hin und wieder einen verstohlenen Blick auf ihren fast hüllenlosen Leib wage. Nur ihren Rücken scheint sie zu verbergen; vermutlich erzählt sie mir darüber bald auch eine Geschichte. Eines steht jedoch fest, wenngleich ich aufgehört habe, allzu viel Wert auf die Worte meines Vaters zu legen: Er hätte mir stolz auf die Schulter geklopft, und mir zum Tage meiner Entjungferung lachend gratuliert, dass ich nun endlich ein "richtiger Mann" sei.

Was für ein elender Idiot...
Kiara Thanel
Beiträge: 90
Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Beitrag von Kiara Thanel »

Das Gefühl wurde immer bedrückender und der Tag der abreise kam immer näher. Die Tränen rannen ihr jeden Abend über ihre Wangen, während sie ihren Frust in das kleine Kissen weinte. Das gefühl, in ein Bodenloses Ende zu fallen, lies sie nicht los. "Bitte geh nicht. Bleib hier.", durfte sie sich immer wieder anhören. Wie konnte es nur so weit kommen, dass es Menschen gab, an denen sie hing. Menschen, die sie nicht verlassen wollte. Kiara verfluchte sich selbst, lag in einem kleinen Bett und weinte wie so oft. Das Brautkleid lag zusammen gefaltet in einem Schrank. Bereit ihren Köper zu umschmeicheln und das Ende ihrer Freiheit zu besiegeln. Wieso hatte sie solche schmerzen. Dort wo ihr Herz lag. Zerbröckelte die Mauer um ihr Herz langsam? War es nun soweit, dass andere ausser ihren Bruder, dort einen Platz bekamen? Immer wieder gingen ihr die Fragen durch den Kopf. Auch die Frage, weshalb sie diesen Personen so am Herzen lag... Sie war meistens abweisend und frech. Sehr frech sogar. Oder war sie weich geworden? Kiara dachte nach und war verärgert. "Wie konnte es dazu kommen, dass ich mich so gehen lies? Hätte ich nur nicht über das, was mich bedrückt kein wort verloren.".


Auf eine Weise die sie nicht kannte, schmerzte der Gedanke. Sie hatte sich hier eingelebt, auch wenn viel passiert war. Fremde wurden zu Freunden. Oder irrte sie sich? Waren diese Menschen überhaupt ihre Freunde? Noch nie im Leben hatte die junge Frau solche selbstzweifel. Auf ihr Herz hören sollte sie. Unsinn! Es würde nur Ärger und Schmerz geben. Und leiden musste sie schon zu genüge. Vielleicht würde der Schmerz verschwinden, wenn sie verheiratet war. Vielleicht irrte Kiara sich und Raphael wird ein guter Mann. Wenn sie Glück hatte, würde er ihr treu bleiben und ein gute Ehemann sein. So oft redete sich Kiara diese Worte ein. Doch nocht nichteinmal sich selbst glaubte sie. Nicht nur ihr Geist war zerstört, auch ihr Körper. Die sonst so starke junge Frau, fühlte sich schwach und gebrochen. Sogar der Appetit lies nach. Wann hatte sie eigentlich das letzte mal etwas zu sich genommen? Der Magen knurrte hin und wieder, als würde er den letzten rest zusammen suchen. Noch nichteinmal das fiel der jungen Kriegerin auf. Die Jagden wurden schwieriger und hin und wieder musste sie sich eine stille Ecke suchen, weil ihr schwarz vor Augen wurde.

"Vier Tage noch... Dann würde das Schiff ablegen.". Hallte es in ihren Kopf wieder. Es war eine Last. Eine riesige, unberechenbare Last. Sein Leben wegzuwerfen, weil man keinen Schmerz erfahren wollte. Sicher... Man könnte auch Glück erleben, doch das war das risiko dabei. Ihr Wille war ein anderer. War es das Wert.. Einen Mann zu heiraten den man nicht liebt? Und hier zubleiben, nur um die Mauer, welche sie umgibt bröckeln zu lassen? Einen Ausweg würde es geben. Sie musste nicht Heim und auch nicht hier bleiben. Insgeheim wünschte sie sich wieder glücklich zu sein. Vielleicht wird sie das auch an dem Ort an dem sie sein würde. Als sich die Gedanken wieder zusammen fassten, blickte sie auf das neue Tagebuch vor sich und verfasste einige Zeilen darin, packte es ein und ging hinaus. Mit einer Entschlossenheit, die zur Seltenheit wurde.
Gast

Beitrag von Gast »

13. Alatner 255 - Nur noch drei Tage

Ich fahre mir mit den Händen übers Gesicht, reibe mir den Schlaf aus den Augen. Ich schlief am Nachmittag, die letzte Nacht war stürmisch. Immer noch vernehme ich Luninaras Duft zwischen den Felldecken. Anstatt aus dem Bett zu steigen und meinem Training nachzugehen, überkommt mich die Depression: Nur noch drei Tage, dann würde meine Schwester zurück in ihre Heimat fahren. Ich habe es nicht geschafft, sie zu überzeugen. Nicht einmal als ihr Bruder. Vielleicht verstand ich sie weniger, als ich glaubte. "Du kannst mit mir über alles reden", habe ich ihr immer wieder versichert. Aber was bringen Worte, wenn ich nicht der Empathie fähig bin? Wie kann ich ihr helfen, wenn ich mich selbst unsicher fühle? Sie braucht einen standhaften Freund mit Lebenserfahrung, der seine Entscheidungen nicht bereut, eine mühelose, steile Karriere hatte, und der Erfolg sein Selbstvertrauen zeichnet. Sie braucht einen verfluchten Glückspilz, dem keine Steine in den Weg gesetzt wurden, und nicht ihren weinerlichen Bruder, der sich erst noch selbst kennenlernen muss, und sie nicht einmal beschützen kann.

Ich spüre Zorn in meinem Inneren aufkeimen, verfluche die Menschen, die keine Hürden in ihrem Leben überwinden mussten. "Manchen wurde das Glück, der Erfolg, in den Arsch geschoben, das Leben ist absolut ungerecht", höre ich mich in einem ungewohnt vulgären Tonfall fluchen und schlage meine rechte Faust gegen die Holzwand. Erst der Schmerz erinnert mich daran, dass Zorn eine Tugend des Panthers ist. Ich schäme mich, neige demütig den Kopf, entschuldige mich stumm bei meiner Herrin Temora, und sehe nachdenklich an meinem nackten Leib herab: Wie schmächtig ich aussehe. Und das soll mal ein Krieger werden? Vielleicht sollte ich mein Schwert an den Nagel hängen, und tatsächlich mit Kiara zurückfahren. Disziplin habe ich neuerdings ohnehin nicht gezeigt, die Monster klopfen mich immer noch windelweich, und meine Gedanken kreisen derzeit nur um Frauen. Ich werde dem verhassten Raphael immer ähnlicher, mit dem Unterschied, dass er zusätzlich gekonnt die Klinge führen konnte. Einerseits treibt mir der Gedanke ein Grinsen ins Gesicht. Ich wollte schon immer mal in seine Schuhe treten, um das Weibsvolk zu verführen, um derart beliebt zu sein; andererseits denke ich an Luninaras Worte zurück, die mir Kersti bestätigt hatte. Ich sollte mich nicht verstellen, und so bleiben, wie ich bin. Liebe, süße Kersti... Ob sie ähnliche Gedanken hat? Ich kenne sie nicht einmal wirklich, ebenso wenig Celine, oder Frau van Drachenfels. Nicht einmal Luninara habe ich ausgefragt, obwohl wir miteinander geschlafen haben, oder Silvaine, die mir am Herzen liegt. Bin ich in Wahrheit derart egoistisch, dass sich die meisten Gespräche nur um mich, und um mein fehlendes Selbstvertrauen drehen? Ich fühle mich widerlich, schwinge die Arme um meinen Leib und erröte, fühle mich beobachtet, empfinde gleichzeitig Scham und Selbsthass.

Was geschieht, wenn man keine Kraft mehr hat, um weiterzukämpfen? Ich möchte kein Selbstmitleid zum Ausdruck bringen, aber mir fehlt der Wille, um wieder aufzustehen. Ich sehe einen Berg vor mir. Einen immer größer werdenden Berg. Ich stehe ganz unten, schaue hoch. Wegweiser verdeutlichen meine Schwierigkeiten, und Probleme, die es zu lösen gilt, bis ich die Spitze erreicht habe, die mit "Fröhlichkeit" markiert ist: Besser im Kampf zu werden, mein Selbstvertrauen aufzubauen, Disziplin zu erlangen, mehr über den Glauben lernen, auf mein Herz hören, die richtige Frau finden, irgendwas Bedeutsames erreichen...
Ich starre zum Waschtisch hinüber, spüre in meinem Inneren, wie sich Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ausbreiten, während der Berg vor meinem geistigen Auge immer unüberwindbarer wird. Ich fliehe, lege mich wieder ins Bett, schwinge die Felldecke um meinen Leib und versuche einzuschlafen. Nichts ergibt einen Sinn in diesem Moment. Ich weiß nicht einmal, was mein Ziel ist, was ich am Ende erreichen will, um glücklich zu sein. Und so schließe ich die Augen; im Traum ist sowieso alles leichter.

Nur noch drei Tage...
Gast

Beitrag von Gast »

14. Alatner 255 - Zorn

Während das Mondlicht das Innere meines Zimmers erhellt, werfe ich immer wieder einen Blick über die Schulter. Luninara ist in einem unruhigen Schlaf gefangen, ihr schweißnasser Körper dreht und wendet sich unter den Felldecken. Ihr ging es nicht gut, und ihre Nervosität lässt mich in dieser Nacht keinen Frieden finden. Ich stehe wieder auf, folge meinen ruhelosen Schritten durch den Raum, und lasse mich gelegentlich neben Luninara nieder, um ihre nasse Stirn zu trocknen. Sie wirkt heiß, ich sehe panisch zur Tür hinüber und liebäugle mit dem Gedanken, zum Heilerhaus zu eilen, um entweder Celine, Kersti oder Liliana um Hilfe zu bitten. Würde ich mich das wirklich trauen? Ja! Für solche Gedanken hatte ich keine Zeit. "Geh' nicht, es geht mir gut, ich träume nur."
Abermals wende ich den Blick über die Schulter. Luninara scheint mein Vorhaben zu erahnen, während ich eine Hand auf der Türklinke belasse. Ihr zuversichtliches Lächeln stimmt mich jedoch versöhnlich. Ich nicke ihr zu, lege mich ins Bett zurück, schließe sie in den Arm und atme tief durch, während sie sich anschmiegt.

Meine Hand gleitet durch ihr Haar, ich schließe die Augen, und die Erschöpfung führt mich in den Schlaf. Ich träume. Ich knie in einem dunklen, wandlosen Raum, meine schneeweiße Ordensrobe strahlt regelrecht und hüllt meinen Körper in einem sanften Lichtschein. Ich höre Schritte. Ein metallenes, rhythmisches Scheppern kommt immer näher. Plötzlich werde ich am Hals gepackt. Ich muss würgen, drücke meine Hände an den unsichtbaren Griff und reiße unter Atemnot die Augen auf. Ein amüsiertes, boshaftes Lachen dringt immer lauter an mein Ohr. Ich schaue mich panisch um, der Ursprung lässt sich jedoch nicht ausmachen. Irgendwie kommt mir die Stimme vertraut vor. "Du bist ich, ich bin du", haucht sie mir zu. Ich habe Angst. Meine Augen irren umher, aber der Raum wirkt nach wie vor wie verlassen. "Aber: Du wärest gerne wie ich. Nicht wahr?" - "W-Wer bist du?"
Erneut ein schelmisches Glucksen. "Du bist ich, ich bin du", wiederholt die Stimme im selben Tonfall wie zuvor. Es ist meine eigene Stimme. Gerade, als mir die Erkenntnis durch den Kopf schießt, nimmt die Hand an meinem Hals langsam Gestalt an. Eine Hand im Plattenschutz. Schwarz, wie die Nacht. Der Rest des Körpers materialisiert sich, und ich sehe einen blondhaarigen, jungen, athletischen Mann in einer edlen Plattenrüstung in der Färbung der Garde Rahals. Die hellblauen Augen des Kriegers wirken boshaft, kalt, strahlen ein furchteinflößendes Selbstvertrauen aus. Ein amüsiertes, süffisantes Grinsen umspielt die blassen Lippen meines dunklen Ichs. Er wirkt selbstsicherer, die blonde Färbung seiner Haare ist kräftiger, gesünder, leuchtender als meine, und der athletische Körperbau scheint die schwere Plattenrüstung als eine zweite Haut zu empfinden.
Er knirscht mit den Zähnen, rückt mein Gesicht dem seinen näher, und ich kann seinen Atem auf meiner Haut spüren: "Gib dich dem Zorn hin. Folge den Tugenden des Panthers..." - "Eher würde ich sterben", hauche ich ihm nervös zu. Erneut verfinstert sich sein Blick, und die kalte Plattenhand an meinem Hals drückt fest zu. Ich reiße die Augen auf, weite den Mund und versuche nach Luft zu schnappen. "Kränkliches, unerfahrenes, wehleidiges, schwaches, ungeschicktes Weichei!" - "Sei still..." - "Raphael erntet den Ruhm, und was erntest du? Bestenfalls seinen Spott!" - "Hör' bitte auf..." - "Du willst sie doch alle tot sehen, gib es zu, Weichei! Raphael, dessen Ansehen du nie erreicht hast, den du beneidet hast; deinen Vater, der dein verlangtes, elendes Mitgefühl - dem Herrn sei Dank - dir nie demonstriert hat; deine Mutter, die sich nicht gegen Vater durchsetzen konnte, um dich Waschlappen in die Arme zu wiegen; du würdest sie alle am liebsten bluten sehen. Alle!" - "Das stimmt nicht! Das ist nicht wahr; bitte mach', dass das aufhört", antwortete ich zaghaft, nachdenklich, flehte ihn an. Er hatte nicht ganz Unrecht. Hass keimte beim Erwähnen seiner Worte in mir auf. Raphael, Vater, Mutter... Ich empfand Rachedurst...

"In... jedem Lebewesen Eluives schlummert ein Licht, dass darauf wartet, g-geweckt zu werden..."
Er lachte kehlig auf, warf den Kopf in den Nacken, und man hörte sein Echo durch den wandlosen Raum hallen. "Herrlich... 'Schlummerndes Licht', sagt er... Was für ein elendiger Schwachsinn!" - "Dann w-wirst du deine gerechte Strafe erhalten; Temora steht mir bei. Sie gab mir ein Zeichen." - "Ach, tatsächlich?", fragte er mit geheucheltem Interesse, und legte den Kopf leicht schief. "Und wo ist deine Hure nun, wo du sie brauchst?"
Demonstrativ sah er sich um. "Temora wird k-kommen, bei mir sein. Da... Da bin ich mir sicher."
Erneut verfinsterte sich sein Gesicht und wieder fiel mir das Atmen schwer, als er die Hand zudrückte. Ich klammerte meine Finger an den Plattenschutz, doch er war viel stärker. "So viel Hass, so viel Zorn, Abscheu und Rachelust schlummern in dir... Bedauerlich, dass du unbelehrbar, und unbekehrbar, bist. Der Herr wäre ausgesprochen entzückt..."
Ich wiederholte mich hauchend, nervös: "Eher würde ich sterben."
Er ließ mich endlich los, unsanft fiel ich zu Boden, fuhr meine rechte Hand über den Hals und schnappte tief nach Luft. Der dunkle Krieger wandte sich ab, seine gekreuzten, geschärften Zwillingssäbel in der Rückenhalterung seiner Brustplatte schimmerten wie blutrotes Pyriangestein im Dunklen, und er hielt, kaum einen Schritt von mir entfernt, inne. Surrend zog er die Klingen aus der X-förmigen Eisenhalterung und murmelte unheilvoll: "Dann bist du nutzlos."
Ich hörte, wie die Doppelsäbel die Luft zerschnitten, und spürte sie wuchtig durch meinen Hals gleiten.
Ich schreie: "Nein!
Wache auf. Beuge meinen Oberkörper nach vorne und atme, schweißgebadet, hektisch durch.
Ich spüre Luninaras Hand auf meinem Rücken, sie streichelt mich mit besorgtem Blick, lächelt mich sanft an und haucht mir zuversichtlich zu: "Ganz ruhig, mein Lieber. Du hattest nur einen Albtraum."

Ich bedanke mich bei ihr, hauche ihrer Stirn einen Kuss zu, schmiege sie wieder an meine Seite und wiege sie liebevoll in meinem Arm, bis sie einschläft. Es würde nicht mehr lange bis zum Morgengrauen dauern. Der Traum fühlte sich erschreckend lebendig an. Nach meiner ersten Begegnung mit den Dracones-Brüdern habe ich das Gefühl, sie wären der personifizierte Tod. Mein anderes Ich aus dem Traum strahlte eine ähnliche Aura aus. Diener Alatars... Hochwürden Prochska sagte, Vorsicht zu bewahren sei keine Schande, wenn man sich definitiv nicht in der Lage zur Verteidigung seines Lebens sieht. Ich habe leichtsinnig agiert, als ich ihren Gruß im Bankgebäude abgewiesen und mit dem Segen Temoras geantwortet hatte. In diesem Fall bietet sich Zurückhaltung an. Es ist nicht im Sinne der Hoffnungsträgerin, ihre treuen Diener unter übermäßiger Tugendhaftigkeit sterben zu sehen. Deswegen spricht man häufig genug über das "Rechte Maß" für jeden, der tugendhaftes Handeln anstrebt. Es tat gut, mit dem Priester zu sprechen, und Unklarheiten hinsichtlich des Glaubens zu bereinigen.
Aber den Kampf gegen den inneren Zorn habe ich längst nicht gewonnen. Der Gedanke, sogar glücklich zu sein, würde ich vom Tod meines Erzrivalen Raphael erfahren, nährt meine Selbstzweifel...
Gast

Beitrag von Gast »

17. Alatner 255 - Die Wendung

Raphael ist tot. Er wollte Kiara schlagen. Ich zog mein Schwert und hielt es ihm, vor Wut geblendet, an die Kehle. In diesem Moment hatte ich nicht an meinen Glauben gedacht. War es überhaupt falsch? Ich wollte sie beschützen. Die Mühe war jedoch vergebens, denn Raphael war der bessere Kämpfer - ein durch und durch meisterlicher Fechter. Er nutzte meine Schwäche aus: "Du kannst nicht kämpfen, wenn du wütend bist", hatte er gesagt, und sah mich mitleidig an. War das ein gut gemeinter Rat? Ich wusste es nicht. Kaum, dass ich ihn wieder sah, hatte sich nichts verändert: Ich konnte ihn immer noch nicht richtig einschätzen. Einerseits ein arroganter Grobian, der mit den Lenden dachte, andrerseits ein Freund, der mich ändern wollte.

Ich hob den schweren Anderthalbhänder an, führte einen senkrechten Hieb aus, und zielte auf Raphael. Unter einem Kampfschrei ließ ich die Klinge wuchtig herniedersinken, allerdings blieb dem flinken Fechtkämpfer ausreichend Zeit, um auszuweichen. Er rollte sich ab, und führte einen Stich nach vorne aus. Ich stolperte, um die Wucht meines Hiebes wieder aufzufangen und spürte die Spitze seines Rapiers in meinem Rücken. Warmes Blut breitete sich auf meiner Haut aus, färbte mein Hemd rötlich, doch die Wut war stärker, als das Schmerzempfinden. Ich schwang, aus der Drehung heraus, meine Coeliumklinge und erwischte den Rivalen aus alter Zeit mit dem Schwertknauf. Er fiel zu Boden, doch hatte er seinen Rapier rasch in meine Richtung gestreckt. Ich wollte erneut zu einem verheerenden, kraftvollen Vertikalhieb ausholen, doch lief ich ihm ins sprichwörtliche Messer: Ich hielt meinen Hieb in der Luft auf, taumelte unter dem Gewicht des Schwertes nach vorne, und konnte dem ausgestreckten Rapier-Stachel knapp ausweichen, um nicht durchbohrt zu werden. Dafür riss die Fechtwaffe eine tiefe Wunde in meinen linken Arm. Ich drückte die Lider vor Schmerz zu und Raphael setzte mit einem Faustschlag nach, traf mein Gesicht. Meine Nase fing an zu bluten, ich sah alles verschwommen, und fiel unter der Wucht des Fausthiebes zu Boden. Resignierend schüttelte mein Rivale den Kopf, und ich hörte nur noch ein enttäuschtes: "Das war's schon?"

Luninara beugte sich zu mir, legte ihre Arme um meinen Oberkörper und half mir in eine sitzende Haltung auf. Ich lächelte leicht und sah, wie die Konturen ihres hübschen Gesichtes langsam schärfer wurden. Meine Sicht wurde klarer, und ich hauchte ihr vor Dankbarkeit einen Kuss auf den Mund. "Bist du sauer, weil ich lieber Kiara zur Frau nehme, anstatt deine hässliche Schwester?", spottete Raphael zu Aki. Der Schmied hatte ebenfalls eine Kampfhaltung eingenommen. Vor wieder aufkeimender Wut durch die Worte des Fechters wollte ich aufstehen, doch meine Partnerin drückte mich wieder sanft zurück. "Bleib' sitzen", vernahm ich ihre angenehme, sorgenvolle Stimme am Ohr. Während Aki das Duell gegen Raphael führte, betrachtete ich Luninara mit einem müden, versonnenen Lächeln, wie sie mir langsam ein Stück Stoff um die klaffende Wunde an meinem linken Arm band. Ich liebte ihre Fürsorge; so eine wunderschöne, liebevolle Frau...
Plötzlich riss mich ein gequälter Laut seitens Raphael aus den Gedanken, und er wurde aufgespießt. Sein lebloser Leib fiel ins Wasser und ich kam nicht herum, Trauer zu demonstrieren. "Liebster, er war nie dein Freund, er verdient dein Mitgefühl nicht", hauchte mir Luninara zu. Ja, sie hatte Recht. Ein Freund würde den anderen nicht öffentlich bloßstellen, ihn als "Jungfrau" verspotten, oder gar seine Schwester schlagen, deren Körper er begehrt. Dennoch kam ich nicht herum, Bilder aus alter Zeit vor meinem geistigen Auge Revue passieren zu lassen: Raphael starb, ein Mensch, den ich aus Kindertagen kannte.

Tamara kam dazu, reichte mir einen Schluck Rum, um die Schmerzen zu betäuben. Dann sah ich Vater wieder. "Da ist ja mein Nichtsnutz von einem Sohn", brummte er, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich eindringlich an. "Passt gefälligst auf, wie Ihr mit meinem Mann sprecht", fauchte Luninara, während sie mir auf die wackeligen Beine half und ich kam bei ihren Worten nicht um ein Lächeln herum, streichelte beruhigend ihren Rücken. Vater wirkte stutzig, und geradezu versonnen, als er meine offenkundige Partnerin erkannte. Gleichwohl zeichnete sich Stolz auf seinen Zügen ab, als er danach fragte, wer meine Schwester vor dem aggressiven Raphael verteidigt hätte. Ich musste gestehen, dass ich ohne Akis Hilfe chancenlos gewesen wäre, aber Vater wirkte dennoch zufrieden. Sehr ungewöhnlich - ich dachte, er würde mich hassen, aber vielleicht hatte Kiara Recht: "Seine strengen, barschen Worte sind nur zu deinem Wohl, Bruderherz. Vater liebt dich als seinen Sohn."

Leona hatte meine tiefe Wunde am Arm gereinigt und vernäht. Es war ein seltsames Gefühl, sie wieder zu sehen, nachdem wir uns getrennt hatten, weil wir feststellen mussten, dass eine Beziehung zweier derart fremder Welten viel zu gefährlich sei. "Ich werde dich niemals vergessen", sagte sie, als sich unsere Wege trennten. Nun hat sich für mich mit Luninara ein neues Kapitel eröffnet. Ich möchte, gemeinsam mit ihr, in die Zukunft blicken, möchte mein Glück festhalten; an der Seite der Frau, die mich absolut fasziniert. Nachdem wir den ungastlichen Ort, La Cabeza, wieder verlassen hatten, begaben wir uns nach Hause, frönten der Zweisamkeit, und schliefen in den späten Nachtstunden ein. Es war schön, sie in meinem Arm zu wiegen, nach einem sinnlichen Moment geteilter Leidenschaft, um den anstrengenden, ereignisreichen Tag endlich ausklingen zu lassen.
Zuletzt geändert von Gast am Montag 17. Dezember 2012, 14:37, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

18. Alatner 255 - Zerrissenes Freundschaftsband

Ich wusste nicht, wie sie für mich empfunden hatte. Ich war blind, um zu wissen, dass sie sich mehr, als einen Kuss, erhofft hatte. Selbst als meine beste Freundin hatte ich Silvaine missverstanden. Mein Pfad ist nun bestimmt, an Luninaras Seite, wenngleich ich schmerzlich erfahren musste, dass ich es nicht allen recht machen kann. Ich habe einen Fehler gemacht, meinem Instinkt zu folgen, mich der besten Freundin zu nähern. Sich anhaltende Freundschaft zu wünschen, schien zu viel verlangt: Silvaine machte mir den Umstand anhand eines Beispiels deutlich - sie zerriss ein Stoffband, und reichte mir beide Hälften. "Versuch' das Band zu flicken, dann weißt du, was ich meine."

Ich flickte den Stofffetzen unbeholfen durch einen Knoten, und reichte ihn ihr zurück. Die beiden Hälften waren zwar wieder vereint, doch der Knoten in der Mitte sah hässlich aus. Er ließ einen daran erinnern, dass das Band einst gerissen war. Und genau so wird es mit unserer Freundschaft sein: Wenngleich wir bald wieder miteinander lachen werden, wird der Umstand in unseren Köpfen verbleiben, dass etwas Wichtiges zerstört worden ist. Der Knoten auf unserem Freundschaftsband hält uns zwar zusammen, lässt die Erinnerung jedoch nicht aus, dass es einst gerissen ist, weckt demnach die Gründe wieder. Ich musste mich damit abfinden, ihr nicht länger alles anvertrauen zu können. "Dafür ist nun Luninara zuständig, nicht ich", sagte sie betrübt, und ich nickte, verstehend.

Ich ließ die Szenen Revue passieren, die wir gemeinsam erlebten: Das Übungsduell bei Celine. Als wir gemeinsam lachten, wenngleich uns gleichzeitig die Lungenpest heimgesucht hatte. Als wir vor der Tür des "Kessels" zu Adoran warteten... Ja, sie war mir ans Herz gewachsen, und ich musste mich mit dem Gedanken abfinden, dass nichts mehr so sein würde, wie früher, während sich mein Magen verkrampfte. Ich hatte meine Zukunft an Luninaras Seite gefunden, und dennoch hinterließ das gerissene Band der Freundschaft mit Silvaine eine Narbe in meinem Herzen. "Das zwischen dir und Luni geht zu schnell. Ich wünsche mir für dich, dass sie dich nicht verletzt", äußerte Silvaine mit nachdenklicher Miene, ehe sie die Taverne "zur Felsspalte" Berchgards verließ.

Geliebte Luninara - ich möchte dir vertrauen, dass du mich nicht enttäuschen wirst...
Gast

Beitrag von Gast »

19. Alatner 255 - Geheuchelte Tugendhaftigkeit?

Ein leichtes Zucken durchfährt meinen Leib, ich atme tief durch, lasse meinen Blick langsam zur Seite schweifen und ziehe die Felldecke von meinen Beinen. Luninara schläft, ich spüre ihren ruhigen Atem, während ihr Kopf auf meiner Brust liegt, betrachte sie mit einem versonnenen Lächeln und streichle ihr liebevoll durch das blonde Haar. "Ist's schon Morg'n?", nuschelt sie schlaftrunken, ich beuge mich ihrem Gesicht zu, und hauche ihr einen Kuss auf die Wange. "Nein, Liebste, ich kann nicht schlafen", antworte ich beruhigend, und lasse erneut meine Hand durch ihr Haar gleiten. Sie strafft ihren hüllenlosen Leib, um mir mit müdem Blick in die Augen zu sehen. Für einen kurzen Moment halte ich den Atem an, betrachte sie langsam von Kopf bis Fuß; ihre Schönheit fasziniert mich nach wie vor. Mein Gesicht wird heiß, ich fühle mich durch den bewundernden Blick erwischt, doch sie lächelt mich an, legt ihre Hand auf meine rote Wange und gibt mir einen Kuss. Ich liebe diese Frau; rasch keimt das Gefühl des Glücks wieder auf, ihre Lippen fühlen sich weich an, meine Arme wandern um ihren verführerischen Körper, ich schmiege sie an mich heran, und wir widmen der zarten Berührung unserer Lippenpaare Leidenschaft. Sie bereitet mir Lust, ihr Duft betört mich, doch ich lehne meinen Kopf zurück, beende widerwillig den feurigen Kuss: "Schatz, ich werde etwas spazieren gehen", hauche ich ihr zu. Sie nickt lächelnd und legt sich wieder schlafen. "Bis nachher, mein Liebster", schnurrt sie, und fällt wieder bequem auf die Matratze. Ich betrachte meine Partnerin eine Weile, streichle versonnen ihre Seite, und decke sie wieder zu.

Rasch ziehe ich mein Jagdhemd aus dem Kleiderschrank heraus, schlüpfe in eine bequeme Stoffhose, und schnüre meine abgenutzten Stiefel zu, die ich seit der heimatlichen Abreise trage - es wird höchste Zeit für neues Schuhwerk. Ein letzter Blick gleitet über meine Schulter zu der warmen Felldecke hinüber, worunter sich Luninaras schöner Leib, zum entspannten Atemrhythmus, hebt und senkt, ihren Schlaf wiederfindend, während mich erneut ein warmes, hoffnungsvolles Glücksgefühl beim Anblick meiner Liebsten erfüllt. Die Türklinke wird möglichst geräuschlos gesenkt, und mein Weg führt mich in die nächtliche Kälte hinaus, die mir mit einem starken Zittern bewusst wird. Mein Körper beginnt unangenehm zu schwitzen, um seine Temperatur der Witterung anzupassen, und ich spüre die Feuchtigkeit in meinen müden Augen erkalten. Es fällt mir schwer, keinen Rückzieher zu machen, als mir der Gedanke an Luninaras warmen Körper unter den Felldecken durch den Kopf geht, und ich stiefle - mit den Händen in den weiten Hemdtaschen versteckt und bei geneigtem Kopf - in Richtung Berchgarder Bank hoch. Dort treffe ich das Fräulein Ira. Ich erzähle ihr von Silvaine, vom gerissenen Freundschaftsband, und dass mir gerade der Schlaf fehlt. Sie lädt mich in der Taverne "zur Felsspalte" zu einem Getränk ein: "Dann wollen wir doch etwas gegen Eure Schlaflosigkeit tun", sagt sie, und führt mich ins warme Innere. Es riecht nach Zimt, Kakao und Gebäck, offenkundig fand vor Kurzem ein kleines Fest statt, und entsprechend ermüdet servieren die Kellner Ira eine Schnapsflasche mit zwei passenden Gläsern.
Schnaps... Wann habe ich ihn zuletzt getrunken? Gemeinsam mit Raphael, bei den Mönchen im heimatlichen Kloster, als ich mir erstmals ein Grinsen nicht verkneifen konnte, ihn beim vermeintlichen Wetttrinken geschlagen zu haben. Irgendwie fehlt er mir.

Nachdem wir uns einen Sitzplatz ausgesucht haben, und die ersten Schnapsgläser zügig geleert werden, erklärt mir Ira, dass sich Silvaine Hoffnungen gemacht habe, nicht nur der Liebe wegen; sie war aufgewühlt, weil ich ihr versprochen hatte, auf sie zu warten. Ein weiteres Missverständnis, wie ich aufklären musste: Kiara sprach davon, das Land mit mir zu verlassen, um sich Vaters Willen zu beugen, und Raphael zu heiraten; viele unserer Freunde wussten, dass die Thanels bald abreisen würden. Selbstsicher hatte ich Silvaine bestätigt, dass ich auf sie warten, nicht verreisen, würde. Was sie sich jedoch unter der Äußerung, und dem Versprechen, erhofft hatte, war etwas völlig anderes. Ich erzähle Ira, dass es mir Leid tut, mich angenähert zu haben, dass ich den Stein ins Rollen brachte, um die Freundschaft zu gefährden. Ebenso berichte ich ihr von Silvaines Beispiel mit dem zerrissenen Band, zeige ihr meine Hälfte von diesem. "Ein Knoten hält das Band nur temporär zusammen. Wenn Ihr es anständig flicken wollt, müsst Ihr mehr Aufwand in Kauf nehmen, und Werkzeug - Nadel und Faden - benutzen. Obgleich die Naht Euch dennoch daran erinnern wird, dass das Band einmal gerissen war."

Sie hat Recht - der schnelle Knoten verbindet meinen Wunsch nach einer baldigen, mühelosen Freundschaftserneuerung, doch so einfach ist das nicht, und ich muss kämpfen, Silvaines Vertrauen wiedererlangen. Wie mit Nadel und Faden zu arbeiten, wird der Weg zu einer sich wieder aufbauenden Freundschaft ein beschwerlicher, mühsamer sein, doch sie hat es verdient, dass ich ihn beschreiten werde. Raindri hasst mich vermutlich, und Ira kann mir die Befürchtung nicht nehmen, zumal er an Silvaines Seite die Rolle eines beschützenden Bruders übernommen hat, so wie ich bald meine Schwester Kiara verteidigen möchte.
"Wenn du sie einfach nur flachlegen wolltest, hättest du es tun sollen", fügt Ira im frechen Tonfall hinzu, und lässt mich am Schnaps fast verschlucken. Im seriösen Tonfall antworte ich ihr, dass ich solcherlei Absichten generell nicht befürworte, und das weibliche Geschlecht mit Respekt und Anstand behandle; nicht, wie einen vermeintlichen Gegenstand.
Zudem sei meine Bemühung um tugendhaftes Handeln nicht mit einem Agieren zu verbinden, das Frauen lediglich für den Liebesakt in Erwägung zieht. "Dann seht zu, dass Ihr Euch vor lauter pflichtbewusster Tugendhaftigkeit nicht selbst belügt, Leon", warnte sie mich nachdenklich. "Wenn ich vor einer Horde von rahalischen Gardisten stehe, sagt mir der Glaube, Respekt zu zeigen, und keine - den Zorn nährende - Furcht. Aber ich scheiß' mir dennoch eher die Hosen voll und habe nun einmal Angst; meint Ihr das?", frage ich sie in einem ungewöhnlich gelassenen Tonfall, der bereits vom Alkohol geschwängert erklingt. Sie nickte bekräftigend. "Was war mit Eurem potentiellen Schwager? Habt Ihr ihn nicht gehasst? Wie geht Ihr mit seinem Tod um?", fragt sie. "Er hat meine Schwester geschlagen und seine gerechte Strafe erhalten", antworte ich. "Und Ihr hättet eher versucht, mit ihm zu reden, von wegen 'Tugendhaftigkeit' und 'Mitgefühl'?", hakt Ira mit ungläubiger Miene nach und legt den Kopf leicht schief, nachdem sie das nächste Schnapsglas leergetrunken hat, und ich ihr die Auswirkung des Alkohols deutlich anmerke.

"Nein", antworte ich mit nachdenklich geneigtem Kopf, "Ich habe ihn gehasst, und mein Schwert durch seinen Leib zu führen, hätte meinem Rachewunsch Genugtuung bereitet", gestehe ich ihr. "Und dafür schämt Ihr Euch?", fragt sie ruhig und betrachtet mich eingehend. "Solche Emotionen sind menschlich. Temora wird Euch deswegen schon nicht verurteilen", bekräftigt sie. Wieder muss ich ihr Recht geben. Was bringt mir erzwungene Tugendhaftigkeit? Wie Hochwürden Prochska sagte, ist es wichtig, diese nicht zu forcieren, sondern dem Alltag durch Kleinigkeiten zu entnehmen, wie der demütige Gruß einer Adligen gegenüber, oder das instinktive, tapfere Beschützen eines geliebten Menschen. Dieses reine, unwillkürliche Befolgen sei der Schlüssel zur inneren Ruhe und vollkommener Tugendhaftigkeit. Nachdem ich Ira aufgeholfen und sie gebeten habe, ihrer Trunkenheit wegen, gleich in der hiesigen Gaststätte zu nächtigen, bezahle ich ihr ein kleines Zimmer und verabschiede mich aufgewühlt. Ich muss mich mehr mit meinem Glauben identifizieren, mich jedoch auch nicht belügen, wenn ich in einer Situation Tugendhaftigkeit zeigen möchte, anstatt meine wahren Empfindungen zu demonstrieren. Wenn ich Angst habe, habe ich nun einmal Angst. Wenn ich hasse, empfinde ich Zorn. Wenn ich Luninaras nackten Leib vor mir sehe, komme ich nicht um aufkeimende Gier herum. Das ist alles menschlich, "normal", und sicherlich wird die Herrin mich nicht abweisen, wenn mein Empfinden nicht immer im Einklang mit ihrer Vorstellung von Tugendhaftigkeit steht. Ich müsste darüber bald mit jemandem sprechen, der weise im Glauben ist; Schwester Eliana, Bruder Mandred oder Hochwürden Prochska werden sicherlich Rat wissen.
Mein Weg führt mich wieder nach Hause. Ich lege mich neben Luninara unter die wohlig warme Felldecke, schwinge meinen Arm um ihren Körper und schließe die Augen. Ihre Nähe wirkt tröstend, und rasch finde ich meinen Schlaf.
Gast

Beitrag von Gast »

25. Alatner 255 - Luninaras Heimat

Zur achten Stund' legte gestern das Schiff, am Hafen Berchgards, ab. Meine Partnerin und ich hatten am Vorabend das notwendigste Gepäck für die lange Reise vorbereitet: Ein paar Kleidungsstücke, Proviant für den ausgiebigen Fußmarsch zwischen Hafen und Luninaras Heimat, eine beschauliche Waldsiedlung, und unser Rüstwerk. Ich kam nicht um ein Schmunzeln herum, und meine Liebste lächelte mich vielsagend an, als wir gleichzeitig Waffen und Ausrüstung vorbereitet hatten. Wir sind Kämpfer, die ungern nackt das Haus verlassen; wobei das Wort, in unserem Sinne, 'schutzlos' bedeutet.

Dichter Nebel hüllte Berchgard ein, als wir kurz vor der achten Stunde am Morgen unseren Wohnraum über dem alten Rathaus verlassen hatten, und die morgendliche Kälte schien in unsere Knochen zu dringen. Wir zitterten, ich hörte mich etwas von "Scheißwetter" brummen, während Luninara tapfer voranschritt. "Gewöhn' dich daran, Schatz, daheim wird's nicht viel wärmer sein", neckte sie mich mit herausgestreckter Zungenspitze, und ließ mich verlegen grinsen. In der Regel war ich Kälte gewohnt, in meiner nördlichen Heimatsiedlung herrschten Witterungen, die die Kälte Berchgards verspottet hätten. Selten brachen Sonnenstrahlen durch die dichte Wolkendecke, und der Schnee begann bei winterlichen Temperaturen bereits im Herbst zu fallen. Luninara hatte Recht, ich sollte mich nicht beschweren.

"Arrr, da seid ihr endlich! Schnell, hüpft an Bord, ihr jungen Landratten!", empfing uns der Kapitän mit einem kehligen Lachen. Er erfüllte jedes Klischee eines alten Seebären: Langer Weißbart, Augenklappe, Strickmütze, großer Bauch, untersetzte Figur, und schätzungsweise Mitte Sechszig. "Was habe ich dir gesagt, Leon? Piraten gibt's doch!", scherzte meine Liebste hinter vorgehaltener Hand im Flüsterton. Ich lächelte sie an. Sie war gut gelaunt, und der Funke sprang auf mich über.
Der vermeintliche Freibeuter half uns, das Gepäck in unsere Kajüte zu bringen, und als wir diese betreten hatten, wirkte meine Partnerin erfreut. Ich weiß, wie sehr sie ein bequemes Bett schätzt, wenngleich sie meine Fürsorge zunächst als überschwänglich empfunden hatte. Ich hatte keine Kosten und Mühen gescheut, um uns in dem alten Kutter die gemütlichste Schlafmöglichkeit zu reservieren. Schließlich würde die Überfahrt bis zum späten Abend dauern, und am Vortag hatten wir beide wenig Schlaf. Ich war viel zu aufgeregt, im Gedanken, bald die Eltern meiner wahrscheinlich Zukünftigen kennenzulernen.

Die See war stürmisch, als der Kurs in Richtung Osten bestimmt wurde, doch der Kapitän machte seinem Vorurteil eines erfahren aussehenden Seemannes alle Ehre, und sorgte für eine sichere Ankunft. In der Zwischenzeit fragte ich meine Liebste über ihre Eltern aus. "Ach ja, Leon; wundere dich bitte nicht. Vater kann in seiner unendlichen Fürsorge ziemlich aufdringlich sein", warnte sie mich mit einem verlegenen Grinsen. "Letztendlich ist er ein sehr herzlicher, gutmütiger Mann."
Ich war gespannt, und bekam vor Nervosität keinen Bissen runter, während sich Luninara genussvoll an den Hackfleisch-Brötchen labte, die ich am Vorabend eingepackt hatte. Anschließend kuschelte sie sich unter die Decke des bequemen Doppelbettes, ich streichelte ihre Seite und gab ihr mit einem versonnenen Lächeln einen Kuss auf die Stirn. Vor lauter Aufregung blieben Appetit und Schlaf aus. Ich schlich mich ans Deck. Es regnete, die Wellen prallten gegen das hölzern quietschende Schiff, während mich der Kapitän am Steuer, mit seiner Pfeife im Mundwinkel natürlich, fragte: "Arrr, was is' los, mein Jung', kannste nicht pennen?"
Mit den Händen in meinen Hosentaschen nickte ich scheu, und betrachtete die Schiffsapparatur neugierig. "Hochzeitsreise? Oder was führt dich und deine Süße in diese gottverlassene Gegend? Harrr!", lachte er rau auf. "Äh, nein. Ich werde ihre Familie kennenlernen", erklang meine verlegene Antwort. "Uh, heikle Sache, mein Jung'; weißte... Als ich die Eltern von meinem Weib kennenlernen musste, wollte ich sie sofort verlassen. Ihr Vater hat gestunken, als hätte er sich wochenlang nich' gewaschen, und die Mutter hatte 'nen Bart!"
Der Augenklappen-Träger wollte nicht mehr mit dem Reden aufhören, doch sah ich nachdenklich durch den aufsteigenden, bläulichen Pfeifenrauch hindurch. Nicht nur, weil ich bemüht war, die Gedanken an eine hängebrüstige Kapitänsfrau mit buschigem Schnauzer zu unterdrücken, sondern Luninaras Eltern wegen: Was, wenn sie genau so streng waren, wie Vater? Was, wenn ich ihre Vorstellungen nicht erfüllen konnte? Was, wenn sie mich auffordern würden, meine Partnerin zu verlassen, weil ich nicht gut genug für sie wäre?
"Jung', Jung'! Nicht einpennen!", brummte mich der Kapitän an, und schnipste mir mit den Fingern vor meinem nachdenklichen Gesicht herum. Ich hustete, als mir zu viel Pfeifenqualm die Lungen füllte, und lächelte ihn verlegen an. "Verzeiht, ich hatte wenig Schlaf", entschuldigte ich mich mit geneigtem Kopf und er klopfte mir auf die Schulter. "Kein Problem, Kleiner. Leg' dich zu deiner Süßen und penn' ruhig 'ne Runde. Dauert eh noch 'n paar Stund'n, bis wir drüben sind.", empfahl er mir. Ich nickte dankbar, und fand meinen Weg unter Luninaras Decke. Mit einem versonnenen Lächeln auf den Lippen schlief sie und kuschelte sich instinktiv an mich heran. Ich legte meinen Arm um sie und fand unter den gelegentlichen Geräuschen vom hölzernen Knarren, sowie dem Schiffswanken, Schlaf.

Das laute Dröhnen des Schiffshorns riss Luninara und mich aus dem Schlaf. Wir blickten zum kleinen Fenster unserer Kajüte heraus und sahen Mondstrahlen durch das dicke Glas brechen. Endlich hatte der Regen aufgehört. Der dickbäuchige Schiffsführer klopfte zweimal lautstark an die Türe: "So, ihr Turteltaub'n! Raus mit euch! Wir sin' da!", brummte er gut gelaunt, und half uns, das Gepäck aus der Kajüte zu führen. "Ich hoff', ihr hattet, trotz des beschissenen Wetters, 'ne angenehme Fahrt?", ließ er seine Stimme ohne jeden Selbstzweifel erklingen, und legte das Doppelkinn schief. "Natürlich, Ihr seid ein hervorragender Kapitän", bedankte sich Luninara mit einem ehrlichen Lächeln und ich nickte bekräftigend zu ihren Worten. "Harrr, Puppe, da sagste 'was! Bin der beste Käpt'n weit und breit", antwortete der Weißbärtige wie eingeübt, als hätte er auf diesen Satz gewartet. "Dann weiterhin 'ne gute Reise, ihr zwei. Passt auf euch auf", meinte er fast väterlich, und hob winkend die rechte Hand an, während er zurück zum Bug stiefelte. Ich legte den Kopf schief, als ich Luninara beim Vorbereiten ihres Köchers und dem Schultern ihres Bogens zusah. Sie schien sich langsam an den Umgang zu gewöhnen, und ich musste erröten, als ich die Szene in meinem Kopf Revue passieren ließ, in der sie mir, durch eine unwillkürlich laszive Bewegung zum Bogenspannen, erstmalig ihre blanke Brust zeigte. Meine Partnerin musste selbst lächeln, als hätte sie den gleichen Gedanken gehabt. "Zieh' dein Schwert, Schatz, auf dem Weg durch den dichten Wald gibt's diebische Goblins", warnte mich die erfahrene Jägerin gut gelaunt.
'Goblins, oh Freude.' Ironischer hätte meine Gedankenstimme nicht klingen können. Ich hasse diese nervigen kleinen Mistviecher!

Mit gezücktem Säbel und Rundschild übernahm ich die Führung durch den langen Waldweg, und hackte störendes Buschwerk ab. "Na loz, gebähn Goblinz viel Glizzah, odah Humiz tot", vernahmen wir die piepsige Stimme eines Goblins, der einen Feuerpfeil knapp an meinem Rundschild vorbeisausen ließ. Mein Herz stieg mir in den Hals, ich atmete tief durch, und schnitt einem, mit Speer und Holzschild, heranstürmenden Wicht den Kopf ab. Luninara indes ließ einen Pfeil nach dem anderen gekonnt durch die Dunkelheit sausen, und immer wieder hörte man ein blutiges, matschiges Geräusch, sowie ein gequältes Quietschen, wenn sich ihre Geschosse durch die kleinen Köpfe der nervigen Monster bohrten. "Humiz zu stark, heute kein Glizzah. Rückzug!", heulte einer der Widersacher, der mit einem Schamanenstab in der Hand ihr Anführer zu sein schien, und das kleine, diebische Wegelagerer-Grüppchen verkroch sich raschelnd im Wald zurück.
Ich konnte mir ein triumphales Grinsen nicht verkneifen, und klatsche Luninara in die Hand, woraufhin sie ihre Arme ruckartig um meinen Nacken warf, und mich innig küsste. "Ich sag' doch, du wirst besser. Lass' den Kopf nicht hängen, Liebster", hauchte sie mir ermutigend zu, und ich berührte zum Dank erneut ihre Lippen mit einem sinnlichen Kuss. Erotisches Verlangen keimte auf, etwas Animalisches hatten der bluttriefende Sieg über die Goblins und der aufmunternde, leidenschaftliche Kuss meiner attraktiven Partnerin in mir geweckt, und so verlockend das Risiko schien, dass wir uns gleich im dichten Wald lieben konnten, umso schwerer fiel es mir, mich wieder zu besinnen. "Lass'... Lass' uns weitergehen, Schatz", hauchte ich ihr widerwillig zu, und sie nickte; nicht minder erregt, nicht minder um Sinnesbeherrschung bemüht. Das Blut in Wallung gebracht, bahnten wir uns einen mühsamen Weg durch den Rest des Waldes.

Ich sah eine Lichtung, deutete auf diese und lächelte Luninara erschöpft an. "Da geht's aus dem Wald raus, Liebste", äußerte ich, tief durchatmend, und sie korrigierte mich sanftmütig: "Nein, Leon, meine Heimatsiedlung wird von diesem Wald umgeben; aber im Prinzip hast du Recht: Wir sind da."
Ich ließ in der idyllischen Waldsiedlung meinen neugierigen Blick umherschweifen, blickte auf lachende Kinder, die in der Nähe eines fast zugefrorenen Teiches spielten, der das Mondlicht reflektierte. Dann sah ich mir die spärlichen Holzhütten an, die zwar provisorisch wirkten, jedoch durch liebevolle Baukunst errichtet: Jedes Haus hatte seine individuellen, unverkennbaren Details. Ein wenig weiter den Hügel hinab muhten Kühe, und das dumpfe Gackern von Hühnern entkam einem Stall. Der Geruch der Siedlung erinnerte mich an frischen Tau, an Regen. Luninara umgriff meine Hand und führte mich in ihre kleine Hütte, nachdem sie einige aufgeregte Bekanntschaften begrüßt hatte, die sich freuten, sie wieder zu sehen. "Vater, Mutter? Seid ihr daheim? Wir sind angekommen", rief Luninara durchs Fenster, klopfte mehrmals an diesem und grinste amüsiert. "Wer ist 'wir'?", drang eine brummige Männerstimme aus dem Holzhaus und ich spürte Nervosität meine Eingeweide verknoten. "Nun beweg' deinen Arsch zur Türe, Kerl, ich muss kochen!", forderte eine ältere Frauenstimme neckisch. Der Mann lachte gut gelaunt, die stampfenden Schritte näherten sich und er öffnete uns.

Langsam blickte ich in das Gesicht des breitschultrigen, bärtigen Mannes hoch, der aussah, wie ein gesunder Mensch in den Vierzigern, und wenngleich man sein Temperament der sprichwörtlichen, zerzausten Mähne entnehmen konnte, strahlten seine Augen - die Luninaras ähnelten - etwas Sanftmütiges, Väterliches aus. Ohne mich zu beachten warf er die muskulösen Arme um seine Tochter, drückte sie an sich und lachte herzlich. Luninara lächelte versonnen, klopfte ihrem hochgewachsenen Vater auf die breiten Schultern und gab ihm einen Kuss auf die bärtige Wange. "Was für eine Überraschung, meine liebste Tochter, dass du uns besuchst! Komm' herein, komm' herein, und nimm' deinen scheuen Begleiter gleich mit, bevor er wie angewurzelt in der Kälte erfriert", fügte er lachend hinzu, und deutete ein gutmütiges Lächeln in meine Richtung an. "D-Danke, der Herr", stammelte ich, erwiderte das Lächeln unbeholfen und folgte Luninara ins warme Innere, nachdem sie meine Hand ergriffen hatte.

"Oh, welchen hübschen jungen Mann hast du uns da mitgebracht, Schatz?, fragte Luninaras Mutter, eine vollbusige, und in Anbetracht ihres augenscheinlich auf die Vierzig zugehenden Alters ausgesprochen attraktiv wirkende, Frau, mit hellem, blondem Lockenhaar, die Tochter in ihren Armen, während auch sie mir ein warmes, herzliches Lächeln zukommen ließ. Ich musste erröten, zumal ich mich alles andere als 'hübsch' hielt. "Es ist mir eine Freude, die Familie meiner Liebsten kennenzulernen", stotterte ich, und neigte höflich den Kopf. Dann herrschten Stille und sprichwörtlich herunterklappende Kinnladen vor Verwunderung. Ich musste erneut erröten und hatte das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben. "So so, 'Liebste'... Und warum wissen wir nichts davon?", erfolgte die Frage der Eltern, wie aus sprichwörtlich einem Munde. "Tut mir Leid, wenn ich... O-Oh!"
Meine Absicht, einer nervösen, doch höflichen, Entschuldigung wurde unterbrochen, und ich spürte, wie mich die üppige Mutter mit kräftigem Ruck herzlich an ihre Brust drückte, mein heißes, rotes Gesicht zwischen die Hände nahm, und mir einen Kuss auf die Wange gab. "So ein lieber Kerl!", entgegnete sie mir mit gutmütigem Blick, und ich hörte Luninara aus dem Hintergrund lachen. "Mama, er gehört immer noch mir!", warf sie amüsiert ein. Ich löste mich langsam aus der Umarmung, grinste verlegen und kratzte mir unbeholfen den Nacken. "Na los, setzt euch. Ihr müsst Hunger haben. Schatz, wolltest' nich' die Ente zubereiten?", erinnerte sie die Stimme des Mannes und die Ehefrau begab sich, Luninara und mich lächelnd zu sich winkend, in die Essküche.

Langsam breitete sich der Duft des saftigen, zarten Entenfleisches im Raum aus, und mir lief beim Anblick der knusprigen Haut, die in würzig-scharfer Weinsauce badete, das sprichwörtliche Wasser im Munde zusammen. Dann bemerkte ich den stechenden Blick des Vaters. Er wirkte nicht unfreundlich, jedoch offenkundig neugierig.
"Verzeiht; Leon, mein Name. Leon Thanel. Ich diene und lerne im Orden der Temora, als Schüler des Glaubens und des Schwertes", stellte ich mich höflich vor. Damit war die Neugier des Vaters jedoch nicht gestillt, und er wollte sowohl über den Glauben, als auch über den Orden selbst Näheres erfahren. "Ein Mann mit dem Herzen am rechten Fleck, der auf meine Tochter aufpassen kann", brummte er zufrieden, lachte erfreut auf, und gab mir einen derart starken Klaps auf die Schulter, dass ich mich beim Genuss des wunderbar herzhaften Entenfleisches fast verschluckt hatte. Er sah mich väterlich an, und aller Verlegenheit zum Trotz, musste ich erleichtert auflachen. Es war ein schönes Gefühl, man hieß mich willkommen, und die Herzlichkeit der Eltern ließ mich bereits ein Teil der Familie sein. Ein ungewohntes Empfinden, und die Anerkennung, die mir zuteil wurde, die ich von meinen eigenen Eltern vermisst hatte, trieb mir fast die Tränen der Freude in die Augen. Ich genoss die Feiertage, und beantwortete mit einem versonnen ehrlichen Lächeln die Frage der Mutter, während sie auf dem Balkon unter vier Augen mit mir sprach; Luninara und ihr Vater schliefen bereits: "Ihr sagt uns vor der Hochzeit aber rechtzeitig Bescheid, ja? Da wollen wir unbedingt dabeisein!" - "Mit dem größten Vergnügen, werte Frau." Ich fasste mir ans Herz, schloss die Augen, genoss die kühle Nachtluft und hörte meine Gedankenstimme im Kopf zu meinen stummen Lippenbewegungen erklingen: 'Ich liebe dich, Luninara.'
Übermorgen werden wir aufbrechen. Dann rufen die Pflichten. Luninaras Familie kennenzulernen war mir eine wertvolle Erfahrung. Und ich spüre das Band zu meiner Liebsten stärker werden. Ich kann mich glücklich schätzen, sie als meine Partnerin zu wissen. Am liebsten würde ich den Rest meines Lebens hier an ihrer Seite verbringen.
Antworten