Ein wirrer Traum
Nichts ist friedlicher als eine weite, schier endlose, grüne und saftige Wiese unter wolkenlosem Himmel. Die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlte war fast schon zu real, um wirklich von einem Traum zu sprechen. Äußerst vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen um die Unendlichkeit des Grases zu erkunden. Doch er war nicht so einsam auf dieser Weidefläche wie er bisher, in den wenigen Momenten, angenommen hatte. Während sich zu seiner Linken eine unvorstellbar große Herde an weißen Schafen ansammelte, geschah auf der rechten Seite exakt das Gleiche mit Tieren, deren Wolle schwarz war. Nur zu gerne hätte er in diesem Moment an sich herunter geblickt um festzustellen, zu welcher Herde er gehörte. Wurde auch viel ermöglicht in einem Traum, so blieben einem manche Erkenntnisse und Einblicke verwehrt.
Doch wo zuvor nur Wiese war, stand plötzlich noch etwas anderes. Zwischen den beiden Herden war ein einfacher Holzzaun mit zwei Querbalken, die ein Durchschlüpfen zwar ermöglichten aber dennoch anstrengend gestalteten. Inmitten dieser Absperrung stand ein einziges Schaf, einsam und alleine. Die strahlend blaue Wolle fing seine Aufmerksamkeit für mehr als nur einen kurzen Augenblick. Eine ganze Weile stand er regungslos an Ort und Stelle und beobachtete dieses doch so einzigartige Tier. Wie eine zähe Flüssigkeit bewegten sich die beiden Herden inzwischen, bis letztendlich vereinzelte Schafe sich loslösten und sich durch das Gatter zwängten. Manche schnupperten neugierig an dem farbenprächtigen Tier, einige bedachten es mit einem kritischen Blick, während ganz andere es für eine Weile besprangen und dann ebenso wieder ihres Weges gingen.
Gerade als er sich selbst auf dieses Tier zubewegen wollte, standen plötzlich zwei Schafe vor ihm; aus jeder Herde ein Exemplar. Während das Weiße einen Plattenpanzer um den Körper und einen Strohhut auf dem Kopf trug, war das Schwarze in eine lange Robe gekleidet und der rechte, vordere Huf war wie ein spitzer Dolch geformt. Es wäre unmöglich gewesen, zu bestimmen, welcher Anblick ihn mehr verstörte. Das Tier mit dem Hut trat einen Schritt voran, Entschlossenheit im Blick, und sprach: "Määääähhh!" Ein verächtliches Schnauben des anderen Tieres, welches mit funkelnden Augen erwiderte: "Määäähhhh!". Ein vorbeiziehender Rabe am Himmel fing seine Aufmerksamkeit. "Orhohn! Orhohn!", krähte dieser lautstark und schlug mit den Flügeln. Daraufhin begannen alle Schafe übereinander herzufallen und bald war der farbliche Unterschied kaum mehr zu erkennen. Blut floss aus dem Leib des blauen Schafes und die dichte Wolle nahm einen Violett-Ton an.
Er erwachte und fand sich im Keller des Kunsthauses wieder, den Blick auf seinen violetten Mantel gerichtet. Nicht nur Verwirrung, auch Wut fühlte er. Unbändige Wut. Wenige Schritte weiter schlief der Direktor friedlich zusammengerollt auf dem Boden und für einen Moment, wenn auch nur einen ganz winzig kleinen, hätte er ihm liebend gerne die Faust ins Gesicht gerammt um das Wohlgefallen ein für alle Mal aus seiner Visage zu wischen. Doch kurz darauf war schon ein Seufzen zu hören und er ergriff den langen, prächtigen Bart um ihn einmal in der Mitte zu falten und den Kopf darauf zu betten. Während die Gesichtsbehaarung seine Wangen umschmeichelte und vereinzelte Härchen in seinen Ohren kitzelten, fragte er sich unweigerlich, was im Leben wirklich wichtig war.