Wind im Haar und Salz im Gesicht

Geschichten eurer Charaktere
Raissa Nadeira

Beitrag von Raissa Nadeira »

Glamorous stars darken the day
The shadows of night lighten their way
The wisdom of fools is not easy to learn
So go one step ahead and two in return


Sie schloss die Augen, wandte ihr Gesicht in den aufkommenden Wind. Salz, frische Meeresluft. Eine wunderbare Abwechslung nach dem trockenen Staub in der Amtsstube und den alkoholgeschwängerten Gerüchen in der Taverne, vermischt mit dem Schweiß zu vieler Abende. Dieser Abend endete für ihre Verhältnisse zu früh, sie war noch längst nicht müde, doch war ihr Denken, ihr Empfinden zu aufgewühlt für belangloses Gerede oder weitere Fragen Iras.

Meuterei.

Das Wort hatte im Raum geschwebt wie ein verdorbener, perverser Gestank nach Verwesung. Sie hatten es nicht ausgesprochen, doch beiden war klar gewesen, dass es genau das war. Wie konnte man nur so lange um ein Wort herum lavieren? Ein Kompromiss. Eine notwendige Entscheidung, immerhin war es notwendig das man Handlungsfähig blieb. Hübsche Worte. Worte die beider Gewissen beruhigten und um das böse, drohende Wort im Raum herum tanzten. Eine vorübergehende Entscheidung. Er könnte das Ruder wieder übernehmen wenn er zurück kam.

Meuterei blieb Meuterei.

„Egal was das für die Insel bedeuten würde?“ hatte sie gefragt und es ernst gemeint. Es war eine Frage der Prinzipien. Seine Antwort war so schlicht gewesen. Nur ein einziges Wort, doch sie brauchte seine Zustimmung. Sie konnte das nicht tun, ohne seinen Rückhalt, ohne seine Unterstützung. Also hatte sie seiner Bedingung zugestimmt. Vorerst. Das Wort war vermieden worden, die Spannung langsam von ihr gewichen. Aber das Gefühl blieb. Konnte sie das wirklich? Nein, die Frage war nicht ob sie es konnte, sondern ob sie eine andere Wahl hatte. Sie hatte keine.

Kälte legte sich über ihre Gedanken, ihr Empfinden, und dieses Mal hieß sie diesen Effekt des Paktes mehr als bereitwillig willkommen. Ob die anderen das Lauern ebenfalls spürten? Die Erwartung in der Luft, das pulsieren in ihrem Blut? Fühlten sie die Veränderung, die der Wind mit sich trug?

Nur langsam drangen die Worte aus der Taverne in ihren Verstand vor, breiteten sich in ihrer vollen Tragweite vor ihr aus. Raindri war ein Idiot. Nun gut, das war nichts neues. Raindri war verletzt. Nicht gut, der Gedanke behagte ihr nicht, aber sie war zu wütend auf ihn um sich bei ihm sehen zu lassen und damit das Risiko einzugehen, dem Regiment in die Arme zu stolpern. Ira würde einen Mann suchen der sie Raindri vergessen ließ, und es würde kein Nestor sein. Gut, mit dem letzten Punkt konnte sie sich im Zweifel anfreunden, aber was sollte das bedeuten, Ira würde einen Mann für sie suchen?

Entsetzen legte sich wie eine Decke über die schwarzhaarige Piratin und ließ sie einen Moment erschaudern. Natürlich, Ira kannte sie verhältnismäßig gut, aber die beiden Frauen legten doch einen gewissen anderen Schwerpunkt bei der Männerwahl. Am Ende würde sie ihr noch irgendeinen Regimentler bringen, und dann wäre Raissa gezwungen, sie umzubringen. Langsam. Nun, sie könnte natürlich immer noch ablehnen... aber so etwas ließ sich nicht machen ohne die Freundin zu beleidigen. Sie könnte behaupten es gebe keinen der das ersetzen könnte, was sie verloren hatte, aber auch das würde Ira höchstens anspornen, und wer wusste schon was sie DANN aussuchen würde?

Nein, das Beste würde es wohl sein abzuwarten und dem Kerl dann höflich zu verstehen zu geben dass sie an Frauen interessiert war. Oder an Feldhamstern. Oder Kaninchen. An allem – außer ihm. Wenn sie Glück hatte würde Iras Vorhaben im Alkohol- und Krautrausch untergehen und sie würde es vergessen. Einen kurzen Moment hielt sie inne, überdachte diesen Gedanken noch einmal. Es ging um sie. Resigniert seufzte sie auf. Nein, das Vorhaben würde nicht im Rausch verloren gehen, und Ira würde sich mit aller Ernsthaftigkeit zu der sie fähig war dem Vorhaben widmen. Blieb zu hoffen, dass es keine zu große Katastrophe werden würde.

Mit einem Lächeln wandte sie sich dem Weg auf die Klippen zu. Ein bisschen frische Luft würde ihr wirklich nicht schaden... Frische Luft und die Vorfreude auf den Unterricht, um den sie die beiden Nestor-Brüder bitten würde.
Raissa Nadeira

Beitrag von Raissa Nadeira »

Standing by the window
Eyes upon the moon
Hoping that the memory will leave her spirit soon
She shuts the doors and lights
And lays her body on the bed
Where images and words are running deep
She has too much pride to pull the sheets above her head
So quietly she lays and waits for sleep


Mit einem leisen seufzen schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich mit geschlossenen Augen einen Moment lang dagegen. Endlich Ruhe. Der Abend war lang gewesen und hinter ihren Augen pulsierte quälender, pochender Kopfschmerz der sie beinahe zum Wahnsinn trieb. Daran waren nicht nur endlose Pergamente schuld, sondern vor allem dieser verfluchte Bastard von einem Letharen. Ein leises, fast schon lautloses Zischen drang zwischen ihren Lippen hindurch, dann schlug sie die Augen wieder auf und betastete die Schwellung an ihrem Kopf mit einem grimmigen Lächeln. Zwei ihrer Leute verletzt, wenn man sie selbst nicht einrechnete. Eine Quote die alles andere als gut war. Doch vorerst war das nichts, worum sie sich kümmern musste. Es gab anderes, dringenderes was ihrer Aufmerksamkeit bedurfte, und dabei konnte sie Kopfschmerzen nicht brauchen.

Ihre Gedanken wanderten zu dem Ziel, das sie für den Moment beschäftigte, während ihre Füße sie ziellos durch das leere Haus führten. Auf Naurin würden sie nicht zählen können. Es war nicht abzusehen, ob es jemals wieder der Fall sein konnte. Alessio? Eine gute Frage, er würde sie in ihrem Bestreben bedingungslos unterstützen, aber ihn hatte sie für einen anderen Ort vorgesehen. Nach diesem Abend war sie für diese Idee auch mehr als dankbar. Die beiden Nestor-Brüder in jedem Fall. Jeder für sich war schon kaum zu schlagen, gemeinsam allerdings... Ihr stockte für den Moment der Atem als sie sich vorstellte, die Brüder gegen sich zu wissen, ehe sie diesen Gedanken rasch wieder abschüttelte. Es würde nicht so kommen, definitiv nicht. Vielleicht zeigte auch einer der Neuzugänge genug Talent. Aber es würde Arbeit auf sie zukommen... Und nicht nur Stefano für einen Moment weit genug von Scherzen und Rum weg zu halten um ihm ihr vorhaben zu erläutern.

Mit einem verwirrten Blick bedachte sie die Hängematte, zu der ihre Schritte sie unweigerlich geführt hatten, dann zuckte sie die Schultern, entkleidete sich und legte sich seufzend nieder. Sie war nicht müde. Zu viele Gedanken kreisten in ihrem Kopf herum und dazu dieser eine, dieser letzte Gedanke, den sie nicht denken wollte, den sie nicht denken durfte. Das letzte was sie von ihm gesehen hatte, die letzten Worte die sie gewechselt hatten, bevor er wieder einmal verschwunden war. Am liebsten hätte sie sich zusammen gerollt und sich still in den Schlaf geweint, doch es war lange her, das eine Träne ihre Augen verlassen hatte. Sie würde jetzt nicht damit anfangen. Es wurde Zeit allein zurecht zu kommen, zu tun was ihre Aufgabe war.


She stares at the ceiling
And tries not to think
And pictures the chain
She's been trying to link again
But the feeling is gone
And water can't cover her memory
And ashes can't answer her pain
God give me the power to take breath from a breeze
And call life from a cold metal frame


Still rollte sie sich auf den Rücken und verfolgte die unregelmäßigen Brüche in der Mauer mit ihren Blicken, richtete ihre Gedanken allein darauf, was in der Zukunft lag. Doch eigentlich wollte sie auch daran nicht denken, denn etwas zu verändern bedeutete immer noch ein Risiko. Ein Risiko von dem sie nicht wusste, ob sie es eingehen konnte ohne daran zu zerbrechen. Bereits jetzt spürte sie, wie ihre Umgebung, die Menschen mit denen sie umging sie veränderten. Es war ein Gefühl als würde stetig etwas an ihr zupfen, zerren, kratzen und reißen um sie dazu zu zwingen, die Dinge wahrzunehmen vor denen sie ihre Augen verschloss. Zum Beispiel der Umstand, dass sie imstande war, Zuneigung, Freude und Angst zu empfinden – selbst wenn sie es besser versteckte als so mancher andere.

Sie versuchte verzweifelt eine Verbindung zwischen dem herzustellen, was gewesen war, und dem was noch kommen sollte, doch sie stand in der Luft, gefangen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ein Gefühl von Hilflosigkeit und Wut machte sich in ihr breit, doch die Resignation, das stille sich in die Gegebenheiten fügen war irgendwo gewichen. Draußen klirrte Glas auf den Pflastersteinen und wütende, cabezianische Flüche drangen durch die geschlossenen Fenster zu ihr hinein und ließen sie leicht lächeln.

Verwirrt legte sie die Fingerspitzen an ihre Mundwinkel. Ein Lächeln. Ein echtes, das sie tatsächlich berührte statt dem aufgesetzten Verziehen ihrer Mundwinkel, das nur die Illusion von Freude vermittelte. Dieses Lächeln war ebenso echt wie das Lachen am Strand vor einigen Tagen, die Wut die sie empfunden hatte als Falco sie herum getragen hatte oder die Erleichterung als sie Bartos Blut an ihrer Klinge sah. Veränderung tut weh. Veränderung macht Angst...

In with the ashes
Or up with the smoke from the fire
With wings up in heaven
Or here, lying in bed
Palm of her hand to my head
Now and forever curled in my heart
And the heart of the world
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