Da hing die Mutter vom Balken der kleinen Kate am Rande des Nirgendwo.
Der Vater schon lange fort, kein Mensch wusste wohin, niemand konnte sagen ob er noch lebte, doch so wenig wies den Vater scheints kümmerte war es auch einerlei was mit ihm war.
Das wenige Ersparte war bald aufgebraucht und schnell stellte sich heraus, dass die Mutter nicht wusste wie man überlebte, ihr Leben verkam mehr und mehr zu Angst und Jammerei. Immer seltener verließ sie die Hütte war krank, müde, antriebslos und alsbald schaffte sie nicht mal mehr die Kate wenigstens einigermaßen sauber zu halten.
Dem Bruder hatten sie letzthin die Hand abgeschlagen und damit ein jeder sah, dass er ein Gauner war wurde ihm das Diebesmal in die Wange gebrannt. Dass sie ihm nicht gleich den Garaus gemacht hatten war eher ein Wunder, aber statt daraus zu lernen trieb er sich nun mit Saufbolden der schlimmsten Art herum und begab sich in Schlamassel der ihm wohl in absehbarer Zeit den Kopf kosten würde.
Die Schwester hatte einem stattlichen, fahrenden Spielmann, mit blonden Locken und rehbraunen Augen, mit schmeichelnder Zunge und um keine Lüge verlegen, die Röcke gelüpft und ihm damit allem Anschein nach so viel Vergnügen bereitet, dass er sie mit genommen hat. Wahrscheinlich hatte er sie nach ein paar Wochen schon satt gehabt und das dumme romantische Mädchen, das noch immer von der großen Liebe und dem ewigen Glück träumte irgendwo zurück gelassen.
Ashlin hatte Glück gehabt an diesem Tag, einen strammen Rammler hatte sie mit dem alten Bogen erlegt und war, zwar knapp aber doch, dem Wildhüter entwischt und somit einer Strafe wegen Wilderei entgangen. Den Hasen an den Ohren, einem zufriedenen Lächeln und einem Gruß auf den Lippen betrat sie mit Schwung die Hütte und prallte sogleich zurück als wäre sie gegen eine Wand gelaufen. Die Grußworte blieben unausgesprochen, das Lächeln erstarb, der Hase entglitt ihrer Hand und prallte dumpf auf den Boden, ihr Mund weitete sich zum Schrei und doch kam kein Ton aus ihrem Halse und die Augen, weit aufgerissen vor Schreck und Unglauben, konnte sie nicht abwenden obwohl der Anblick schrecklich war.
Da hing die Mutter vom Balken der kleinen Kate am Rande des Nirgendwo....
.... und Ashlin war allein; bis sich eine schwere Hand auf ihre Schulter legte.
"Hab ich dich du Luder!", tönte es nahe an ihrem Ohr. Der Atem der ihr dabei entgegenschlug stank nach Schnaps und Zwiebeln und ein wenig sauer wie nach Erbrochenem, der Wildhüter! Wie ein störrischer Esel schlug sie nach hinten aus und traf ihn, wohl mehr durch Glück als durch Können genau gegen das Knie, Ashlin nahm sich keine Zeit sich umzusehen, kaum hatte sich der Griff gelockert rannte sie los, nur mit dem was sie bei sich trug, und das war wahrlich nicht viel, und rannte, rannte, rannte bis sie keinen Atemzug mehr tun konnte ohne das Gefühl zu haben von einem Speer bis ins tiefste Innere durchbohrt zu werden. Nach langer aber erfolgreicher Suche fand sie einen Winkel in dem man sich gut verkriechen konnte und dort breitete sie ihre wenigen Habseligkeiten vor sich aus. Nicht mal ganz eine Krone, ihr alter Bogen der schon seit langem eine neue Sehne brauchte, eine Hand voll Pfeile, ein halbes Brot das sich sicher auch schon geeignet hätte Nägel in eine Wand zu schlagen, Käse den sie aber sofort entsorgte da er grün vom Schimmel war, und ganz gewiss kein Schimmel der edlen, leckeren Sorte, Nüsse, ein Beutelchen mit Beeren, ein paar Holzperlen, ihr Messer und ein Kamm. Zurück konnte sie nicht mehr. Wozu auch? Zum einen gab es in der Kate auch nichts zu holen was ihr geholfen hätte, zum anderen wollte sie nicht mehr sehen was die Mutter da getan hatte. Ashlin hatte kein schlechtes Gewissen die Mutter einfach da hängen zu lassen, schließlich hatte diese Frau, die ihr einst das Leben schenkte, auch keinen Gedanken daran verschwendet, dass Ashlin diesen Anblick würde ertragen müssen.
Am nächsten Tag also marschierte sie los, sie hatte so vieles noch nicht gesehen, war nie weiter als einen Tagesmarsch von zuhause weg gewesen und sie war sicher, irgendwo da draußen gab es Dinge die auf sie warteten und Eluive würde sie nicht vergessen.
