Tage des Regens
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Salvo Salussolia
Tage des Regens
Regen, seit Anfang der Woche versinkt das Land im Regen. Das ständige Grau macht mich krank, oder meine kalte, vom Nass der Tropfen durchgeweichte Kleidung. Schutzsuchend betrete ich das Gasthaus am Ende der Straße. Der Charme des modrigen Holzes, sowie der Gestank billigen Fusels lockt mich, wie Licht die Motte - ich beginne mich wieder mit dem ewigen Grau der Regentage anzufreunden, wäre es nicht so kalt. Nach kurzem Zaudern betrete ich das Loch von Spelunke und suche mir eine Ecke, in welcher ich von den Blicken der kleinbürgerlichen Gäste geschützt bin. Als ich meine Augen über die ausgelesene Gesellschaft schweifen lasse, fällt mir der hohe Anteil an gewaltbereiten, geistlosen Versagern auf, welche sich am fauligen Fleisch und dem wässrigen Bier laben. Ich entscheide mich dazu, um unauffällig zu bleiben, davon abzusehen meine Kapuze ins Gesicht zu ziehen und handel dabei gegen einen tief in mir liegenden Reflex. Als die zahnlose Kellnerin an meinen Tisch gehumpelt kommt, welche wohl ähnlich viel Matrosen gesehen hat, wie dieses schäbige Loch, komme ich zu der Übereinkunft es bei einem Glas Wasser und der Tagesspeise zu belassen, welche als "Falscher Hase" ausgeschrieben ist - ich bange um meine Gesundheit. Während ich auf mein Essen warte beobachte ich die unterbelichtete Stammkundschaft. Sie machen dem Ruf des Bauern alle Ehre, auch wenn manche von ihnen Waffen tragen und sich militärische Ränge um die Ohren werfen. Dieses mit Testosteron überfüllte Pack beginnt jedes weiblich anmutende Geschöpf in diesem Raum zu umgarnen, auch ich komme mir in meiner hageren Hülle bedroht vor. Den Unterkiefer vor schiebend und meine äußeren Extremitäten von mir rückend versuche ich männlicher und weniger Einladend zu wirken - es hilft, niemand beachtet mich. Langsam merke ich wie mich die Wärme des Raumes durchdringt und die Gelenke meiner knochigen Finger wieder beweglicher werden, mittlerweile habe ich mich gar an den ekelerregenden Gestank gewöhnt, welcher einer Dunstglocke ähnlich im Raum gefangen gehalten wird . Jetzt wo wieder Leben in mich kehrt, beginne ich mich der architektonischen Meisterleistung anzunehmen. Dieses aus Treibholz gefertigte Gebäude, verdient sich nicht nur jeden Funken meiner haltlosen Bewunderung, es steht auch ganz im Sinne der Zeit. Während ich mich noch darüber wunder, das durch die locker zusammengeschusterte Decke, kein Regenwasser eintritt, fällt mir mehr und mehr, der Kohlewolken spuckende Kamin ins Auge, welcher mehr als nur Wärme in den Raum transportiert - ich bin begeistert. Als endlich meine Bestellung eintrifft, hatte ich diese bereits vergessen. Mit nachdenklicher Miene betrachte ich das zusammengewürfelte, undefinierbare Etwas, von welchem noch leichte pulsierende Bewegungen auszugehen scheinen. Sicherheitshalber durchbohre ich den Feind im Kartoffelmantel mit der hölzernen Gabel, ehe ich diese zu meinen bleichen Lippen führe und vorsichtig zu kauen beginne. Es ist ein zähes Martyrium, welches sich Fleisch schimpft und mir alptraumhafte Krämpfe in der Wangenmuskulatur prophezeit. Nachdem ich mich an dem Fleisch verausgabt habe, greife ich mit kaltschweißigen Fingern nach dem, nach Algen stinkenden Brachwasser, der Drang dieses aus Knorpeln und Gummi bestehende Tier runterzuspülen, besiegt den Eckel. Ich Gönne mir eine Pause von dem Festmahl und ermahne meinen Magen jegliche Aktivität zu unterlassen - ich brauche Zeit um zu genießen. Es vergehen ein paar Stunden ehe ich aufgebe, von der Tagespreise besiegt ziehe ich mein ernüchterndes Resümee - dieses Etablissement sieht mich nur noch von hinten. Gerade als ich dem Wirt, mit aufgeblasener Gestik, meine unverhohlene Bewunderung, gegenüber seiner Kochkunst breit machen will, kröne ich die Peinlichkeit damit, meine Geldbörse verloren zu haben. Nach kurzer, der Räumlichkeiten angepassten, dezent gedämpften Diskussion, kommen wir zur Übereinkunft, dass ich dem Wirtshaus eine Gefälligkeit schulde. Mit einer, vom freundlichen Wirt gesponserten Mordmaschine, welche ich nach kurzer Analyse als veralteten Reisigbesen enttarne, begebe ich mich in das Kellergewölbe - möge die Rattenjagt beginnt...