Eifersucht und andere Geister

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Genevra

Eifersucht und andere Geister

Beitrag von Genevra »

Eisig kalt kribbelte das klare Meerwasser auf Genevras nackter Haut. Sanfte Wellen umspülten den Körper des Mädchens und wogen ihn sanft hin und her. Wie ein Schleier floß das braune Haar um ihren Kopf, verlief sich in einzelne Strähnen und vereinte sich ein kleines Stück weiter wieder. Auf dem bleichen Gesicht reflektierten einzelne Wasserperlen das silbrige Licht des Mondes, der mit seinem Glanz über die Nacht herrschte. Der Blick aus den nussbraunen Augen lag starr auf der hellen Scheibe, welche sich so faszinierend vom Schwarz der dunklen Tageszeit abhob. Schwerlich waren die flachen Atemzüge zu erkennen, die die frische Nachtluft in die Lungen sogen und sie zwischen den leicht geöffneten Lippen wieder entließen. Ein ganzes Stück entfernt, am Ufer der kleinen Insel, stieß ein zierliches befelltes Wesen ein sehnsüchtiges Maunzen aus, jedoch ohne eine Antwort zu ernten.

Hier im Wasser fand Genevra Ruhe. Hier fühlte sie Geborgenheit. Hier erfuhr sie Sicherheit. Vor einiger Zeit noch konnte sie sich diesen Elementen im Kreise ihrer Schwestern gewahr werden. In der Anwesenheit von Vivianne, ihrer Mutter. Im Beisein von Ryanna, ihrer Freundin. Doch die Welt stand nie still und so waren neue Schwestern in das kleine Haus im waldenen Sumpf gezogen. Alle wurden sie von Vivianne heimgeführt, wie auch sie selbst einst von ihr heimgeführt wurde. Und mit jeder Ankunft einer neuen Tochter, rückte Vivianne ein Stück weiter weg von Genevra. Längst war sie nicht mehr die jüngste Schutzbefohlene im Kreise, andere zogen nun die Aufmerksamkeit der Herrin des Sees auf sich. Genevra kannte die Gesichter ihrer Schwestern, ihre Namen waren ihrem Bewußtsein fremd. Sie hörte ihre Stimmen ohne selbst ein Wort zu verlieren. Das unter Viviannes Hand aufgeblühte Leben verlohr seinen Glanz, welkte Tag um Tag ein kleines Stückchen mehr. Genevras Gestalt glich mehr einem unscheinbarem Schatten, der über die Insel strich als dem frohen Lebensmut.

Ein nasser Schleier legte sich über ihre geöffneten Augen, in ihrem Mund sprudelte salziges Meerwasser. Vergessen die trüben Gedanken, vergessen die Eifersucht, vergessen die Angst ... für einen Moment, nur um zu sinken.
Genevra

Beitrag von Genevra »

Mit vor Entsetzen geweiteten Augen sah Genevra zu, wie der Kopf Ryanas unter der Wasseroberfläche verschwand. Wassertropfen spritzten wild umher, aufgewühlt durch Ryanas panisches Umherrudern mit den Armen. Genevra verstand nicht, was die ältere Schwester in den Tiefen des Meeres suchte und konnte sich erst aus ihrer Bewegungslosigkeit befreien, als auch die Nasenspitze Ryanas unter Wasser verschwand. Mit hastigen Zügen brachte sie sich zu der Ertrinkenden, ihre Hände packten in die Tiefe, hoffend irgendetwas von Ryana in die Finger zu bekommen. Es war ein Arm, den sie zu Fassen bekam und den sie gen Oberfläche zog.

"Halt still, Ryana. Bei Mutter, halt still!" Genevra konnte nur gurgeln, immer wieder floß das salzige Wasser in ihre Mundhöhle. Einige Male musste sie die Worte wiederholen, ehe sie in Ryanas vor Panik vernebeltem Bewußtsein ankamen, sie ihre zappelnden Gliedmaßen zur Ruhe brachte und sich von Genevra zum Ufer ziehen ließ.

Keuchend lagen die Schwestern im kühlen Gras, Ryana fast erdrückt von dem Gewicht ihrer von Wasser getränkten Kleidung, Genevra zitternd aufgrund ihrer Nacktheit. Santaly tappste unter aufgeregtem Maunzen um die Beiden herum, stets darauf bedacht dem nassen Element nicht zu nahe zu kommen.

Minuten vergingen, ehe sich die beiden Töchter vom Boden aufraffen und in das schützende Waldhaus gehen konnten. Gehüllt in neue und trockene Kleidung saßen sie sich im Schlafraum gegenüber. Weiche Felle betteten sie und spendeten zusätzliche Wärme. Es war Ryana, die das betroffene Schweigen brach.
Ryana

Beitrag von Ryana »

Wäre vor einigen Minuten die vermeintliche Rettungsaktion nicht so gehörig schief gegangen, hätte Ryana wohl schmunzeln können bei dem Anblick ihres Gegenübers. Nervös kaute sich Genevra auf der Unterlippe herum, ein Bild, dass Ryana bereits gut kannte. Nachdenklich ließ sie den Blick einen Moment auf Genevra ruhen, ehe sie, kurz durchatmend, schließlich die ersten Worte fand.

Ob sie öfters im Winter schwimmen ginge, wollte sie wissen. Ob sie des öfteren dabei anderen das Gefühl vermittelte, sie sei in Gefahr, sie würde untergehen. Sie bereute ihre Worte schon, als sie diese ausgesprochen hatte, denn zu der Nervosität Genevras gesellte sich nun noch eine ordentliche Portion Scham hinzu. Das folgende kurze Gespräch war geprägt von Unsicherheiten, Entschuldigungen und Schuldgefühlen. Ryana wurde bei jedem weiteren Wort ihrer jungen Schwester nachdenklicher. Verwundert nahm sie die unterschiedlichen Gefühle ihres Gegenübers wahr, verstand nicht, warum scheinbar ein Missverständnis, eines das keine schwerwiegenden Folgen hatte, soviel auslösen konnte. Es musste mehr hinter alledem stecken.

„Ich wollte doch nur...“
Da war es. Ryana vertrieb ihre Gedanken, sah Genevra direkt an und hakte nach, ließ das plötzliche Abbrechen der Worte nicht zu. Und nun war es an ihr die Schwester mit einem Ausdruck von Erstaunen und Unverständnis entgegenzublicken. Geborgenheit? Sie suchte Geborgenheit? Wer suchte Geborgenheit, in dem er bei eiskalten Temperaturen untertauchte, und fand sie so vielleicht noch? Ein Gefühl, dass ihr allgegenwärtig war und auch Genevra ebenso bekannt sein sollte? Kurzerhand stand sie auf, ließ die Felle zu Boden gleiten und streckte ihr eine Hand entgegen. Das Zögern Genevras übergehend, schloss sie ihre Hand fest um die unsicher dargebotene. Sie forderte sie auf ihr zu folgen, ließ erst gar keinen Widerspruch zu und zog sie fast mit auf die Füße.
Ihr Weg führte sie zum Platze Mutters. Erst dort löste sie die Hand und deutete ins Innere des Kreises. Ohne ein weiteres Wort wartete sie ab, sah zu wie Genevra den Kreis betrat und verharrte, der Blick aufmerksam auf ihrer Schwester ruhend, an dessen Rande.
Genevra

Beitrag von Genevra »

Es gab einen Ort auf dieser Welt, an dem es den Schwestern vergönnt war Mutter besonders nahe zu sein. An diesem Ort konnten sie sich in ihren zarten Armen wiegen, mit ihr lachen und weinen sowie Kraft und Hoffnung schöpfen. An diesem Ort konnten sie sich ganz und gar dem rhythmischen Herzschlag Mutters hingeben und sich von ihm tragen lassen. Doch Genevra hatte sich verirrt. Der Weg zu diesem Ort schien aus ihrem Bewußtsein gelöscht. Genevras Weg hatte in die Einsamkeit geführt. In die Kälte des Wassers hatte er sie gelockt und ihre Schwester Ryana in Gefahr gebracht.

Umso intensiver brandete nun die Wärme und Geborgenheit Mutters an Genevras Herz, als sie von Ryana zurück in den Kreis geführt wurde, zurück auf den richtigen Weg. Das Eis auf ihrer Seele schmolz, die Trauer in ihrem Inneren wich. Aus den nussbraunen Augen blickte Genevra zu ihrer Schwester, die am Rande des Kreises stand. In ihren Augenwinkeln sammelten sich salzige Tränen, doch sie versuchte sie mit einem Blinzeln zurückzuhalten. Stockend gestand sie Ryana ihre Angst davor, nicht mehr beachtet zu werden. Ihre Befürchtung nur noch eine von vielen Schwestern zu sein, unter denen man die Aufmerksamkeit aufteilen musste. Und während die Worte von ihren dunklen und zitternden Lippen brachen, sank Genevra hinab in das weiche grüne Gras. Das noch immer feuchte Haar hing in dicken Strähnen bis auf die Brust herab und hier und da löste sich die ein oder andere glitzernde Wasserperle und tropfte auf den Boden hinab. Genevra spürte die Hände Ryanas, die sich auf ihre Schultern legten. Sie spürte die Wärme, die in der Umarmung mitschwang. "Ich habe mich allein gelassen gefühlt", perlte es von Genevras Lippen, während sie ihre Stirn an Ryanas Schulter lehnte. "Wir sind hier", erklang sanft die Stimme der älteren Schwester, "wir sind immer hier gewesen. Du musst lernen Dein Herz zu öffnen, dann erkennst Du, dass Du nie alleine warst und nie alleine sein wirst. Mutter, Vivianne ich .. wenn Du es nur zugelassen hättest". Zarte streichende Handbewegungen über Genevras Rücken und Haar begleiteten die Worte der Hüterin. "Öffne Dein Herz und verschließe es nicht vor den Dingen, die Dich umgeben." Gedämpft klang das leise Schluchzen Genevras aus der Umarmung heraus. "Das Wasser, es hat mich so umarmt wie Du es jetzt tust". "Oh, ich hoffe, dass ich weder so kalt, noch so nass und so salzig bin", entgegnete Ryana mit einem leisen Lachen. Und auch Genevra konnte sich dem Anflug eines Glucksens nicht entziehen, hatte der Humor ihrer Schwester den Weg in das Herz der jungen Tochter gefunden.

Vorsichtig löste sich Genevra aus der zärtlichen Umarmung und mit dem Handrücken wischte sie die letzten Spuren der silbrigen Tränen aus ihren Augenwinkeln. Als sie den Blick anhob um in Ryana Augen zu sehen, stahl sich ein scheues Lächeln auf die dunklen Lippen. Und Ryana entgegnete das Lächeln in liebevoller Wärme.
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