Tag ein, Tag aus, war es nun seit etwas mehr als einer Woche genau das gleiche. Zwei Stunden vor Dienstbeginn stand er auf. Waschen, Frühstücken, entweder zur Adlerfestung, oder seit neuem nach Adoran zum Regiment. Dienst. Die Gedanken sprengen jede Decke, das Herz liegt im Keller. Doch trotzdem war er nicht nur Anwesend, sondern gab sich nach bestem Willen Mühe, richtig Dienst zu leisten. Der Tag ging vorbei, was er vor allem daran merkte, dass er etwas müder wurde, als er es am Morgen ohnehin schon war. Rückkehr nach Berchgard, Marzius ein murren schenkend, begab er sich in den Keller, setzte sich auf den Sessel, harrte aus.
Meistens schlief sie, wenn er Anwesend war. Wohl war sie wach, wenn er nicht da war. Vielleicht war es besser so. Er selbst fand zwar ebenfalls etwas Schlaf, doch war es zweifelsohne zu wenig über lange Zeit. Wirklich länger konnte es nicht so weitergehen, dessen war er sich bewusst. Gefesselt harrte sein Blick auf ihr. Sein Glück, seine Liebe, die nun weg war. Seltsamerweise konnte er keine Tränen darüber verlieren, er hätte sich somit einen kleinen Funken Hoffnung selbst genommen. Er traute sich nicht einmal, sie zu berühren, sich ihr zu nähern, wobei er sich nichts anderes wünschte, als neben ihr einschlafen zu können. Doch eine Frau die dich nicht kennt, reagiert unter normalen Umständen auf solche Taten ein wenig gereizt. Und doch war das alles, so sehr es ihn erschütterte, nicht mehr als ein schlechter Witz, dessen einzige Besonderheit war, dass er keinen wirklichen Urheber hatte.
Es war keine Eingebung, kein wirklicher Entschluss. Nur war er zur Erkenntnis gekommen, dass er so nicht weiterleben wollte. Anstatt zum Dienst ging es an diesem Morgen zum Glaubenshaus in Adoran. Das Allianzpferd war für einmal mit Taschen und Riemen versehen. Die Taschen bis zum Rand gefüllt, an den Riemen hatte er sein Rüstwerk befestigt. Da er weder Lust auf Fragen hatte, noch sich sonderlich Zeit lassen wollte, gab er einigen, auf der Gasse spielenden Kindern ein paar Münzen. Daraufhin trug die Kinderschar seine Habe ins Glaubenshaus. Eine einzige Spende. Sein Gold, sein Rüstwerk, seine Waffen, wie auch seine sonstige Ausrüstung und gar die Kleidung, die er nicht gerade trug. Nur die Dinge, die der Allianz oder dem Regiment gehörten, behielt er bei sich. Noch bevor ein eventuell verwunderter Bruder aus dem Glaubenshaus hätte zu ihm stossen können, stieg er auf das Pferd und ritt gen Kloster, verliess das Glaubenshaus unerkannt. Sein Name war nicht wichtig, hätte der Tat nur einen Makel beigefügt. Der erste Teil war getan.
Am Kloster angekommen, liess er sich ebenso keine Minute länger Zeit als es notwendig war. Sein Besuch, nachdem man ihn eingelassen hatte, war ein kurzer, eher symbolischer. Es wäre Frevel gewesen, ihn zu irgendetwas anderem zu erklären. In der kleinen Kapelle angekommen, kniete er sich nieder und betete. Etwas, dass er bei aller Ehrlichkeit sehr selten Tat. Er betete zu Eluive, von welcher er sich am ehesten so etwas wie Güte versprach, er betete zu Temora, deren Name er vor nicht zu langer Zeit angefangen hatte zu rufen, ehe er in den Kampf zog. Er leistete gegenüber Temora einen einfachen Schwur, seine Waffe nie im Namen eines anderen Gottes zu erheben, auch wenn er kein Krieger des Glaubens war, sondern ein einfaches Schwert der Allianz, ein zu formender Rekrut des Lichtenthaler Regiments. Eluive bat er darum, ihm alles zu nehmen was er nicht brauchte, er gab es gar freiwillig her. Nur bat er sie um die Aussicht darauf, dass einzige, was er eben nicht brauchte und sich doch danach sehnte, eines Tages zurückzuerhalten. Bis zu diesem Tag sollte jedes weltliche Gut in andere Hände gelangen, würde er jede Ehrung oder Beförderung verweigern. Da er weder besonders um die weitläufige Form von Gebeten und Bittstellung wusste, noch sich sonderlich um eine formelle Richtigkeit in den Augen anderer scherte, führte er lediglich seine Hand zum Herzen, als er ein letztes mal die Aufrichtigkeit seiner eben leise gesprochenen Worte wiederholte. Dann stand er auf, und ging zurück nach Berchgard. Der zweite Teil war getan.
Was nun folgte, war der schwerste Teil. So einige Male hatte er sich mit ihr darüber unterhalten. Immer ging es um die Ansichten der beiden, die sich nunmal unterscheideten. Glück und Freiheit, ganz einfach gesagt. Immer ging es ihr darum, dass er tat und tun sollte, was ihn Glücklich machte. Stets war seine Antwort die wiederholte Beteuerung, dass sein Glück an sie gekoppelt war. Daraus entstand kein Streit, für den Moment gab es nur Harmonie.
Und doch wusste er, dass die Freiheit, nach der sie sich sehnte, die sie in die Gesellschaft der Waldläufer brachte, etwas war, was er ihr nicht nur eingestehen sollte, sondern was er ihr von Herzen gönnen musste. Ohne den geringsten Zweifel war sie derzeit nicht Glücklich. Offenbar erinnerte sie sich weder an ihn, noch an Berchgard oder irgendetwas aus den letzten Monaten. Er konnte es nur wiederholen, es kam ihm wie ein schlechter Scherz vor. Er hatte nicht den Willen, die genauen Umstände zu erörtern, wusste nur dass wohl ein Unfall die Ursache war. Ebenso wollte er nicht ausloten, wo die Lücke anfing, und wo sie aufhörte. Dass gerade Marzius sie fand, machte die Sache nicht besser, doch Heute würde er sie von seinem Haus weg bringen. An einem Ort, an dem sie hoffentlich Glücklicher sein würde. Zumindest bestand dort Aussicht darauf. Gedächtnis hin oder her.
Es brauchte einiges an Überzeugungskraft. Erst als er ihr von ihrem Freund erzählte, zu dem er sie bringen wollte, und ihr ihre Ausrüstung übergab, die er in halb Berchgard zusammengesammelt hatte, willigte sie ein und folgte ihm. Er war der einzige, der ein Auge auf sie haben und ihr gleichzeitig die notwendige Freiheit geben könnte.
Er erinnerte sich nur vage an den Weg, noch nie war er ihn gegangen, kannte ihn nur aus ihrer Erzählung, um die sie selbst nicht mehr wusste. So dauerte es länger als er es sich dachte, ehe er eine Vermutung bekam, bald am Ziel angekommen zu sein. So lang der Weg auch war, kein Wort kam ihm über die Lippen, wenn sie selbst ihn dazu nicht erst aufforderte. Die Pferde an den Zügeln nehmend, näherten sie sich seiner Höhle, und doch war Er es, der die beiden bemerkte. Seltsamerweise stellte er kaum Fragen, doch als Meena von selbst zur Höhle ging, wendete Beletrian selbst das Wort an den Waldläufer. Kurz erklärte er ihm, was geschehen war, weswegen er sie her brachte. Doch auch hier hielt er sich kurz. Er sagte ihm noch, dass er den Ort nicht noch einmal aufsuchen würde, es an ihr liegen würde. Kurz wurde das Schwert erwähnt, welches er noch immer für ihn aufbewahrte, doch dieses war hier immer noch am richtigen Ort. Von ihr verabschiedete er sich nicht. Es hatte keinen Sinn, er war ein Fremder für sie. Ebenso wollte er es sich nicht schwerer machen als notwendig. In Eile, den Ort nur noch möglichst schnell verlassen wollend, stieg er wieder aufs Pferd, und ritt davon. Der letzte Teil war getan, nun würde er erstmal den Versuch unternehmen, etwas zu schlafen.