Wege der Valtaris

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Viktoria Ravent

Wege der Valtaris

Beitrag von Viktoria Ravent »

I.

Nachdenklich saß sie im Sessel neben dem Kamin und blickte versonnen auf die Umrisse des Mannes, welcher friedlich in den Fellen vor den leise knisternden Flammen schlief. Dann sah sie voran, beobachtete eine Weile die winzige, zusammen gerollte Kugel unter dem Eisbärfell. Nach dem unglücklichen Unfall gestern, als Esteban vom Wildkraut genascht und sich dann mit ein wenig Nachhilfe auf dem Fußboden entleert hatte, war der kleine Gauner ziemlich rasch eingeschlafen und hatte den Raum mit wohligem Kinderschnarchen erfüllt. Nun saß sie hier, übermüdet, Garrett vor dem Kamin, Esti in der Schlafstelle, und ließ den merkwürdigen Abend Revue passieren.
Sie hatte unerwartet Besuch von Aki bekommen, mit welchem sie und Esteban einige Stunden mit einfachen Gesprächen und Würfelspielen verbracht hatten - doch kaum, da der Kleine ins Reich der Träume gesunken war, kam die Wendung,
mit der Hayden wirklich nicht gerechnet hatte.
Sie hatte den Schmied eigentlich für unbedarft gehalten.
Ein ganz normaler, gesetzestreuer Bürger mit Anstand und Zurückhaltung.... Da hatte sie sich geirrt. Doch genauso geirrt hatte er sich, wenn er geglaubt hatte, dass auf Cabeza die Frauen automatisch wie Rum flossen und sich unterwürfig jedem in die Arme warfen, der danach verlangte. Vielleicht hätte sie ihm den Weg zu Minfays zeigen sollen, als er die Grenze überschritt und ein Machtspiel herausforderte.
Zugegeben - er war überdurchschnittlich gutaussehend, nicht auf den Mund gefallen und auch sonst wäre er es wert gewesen, einen genaueren Blick auf ihn zu werfen.
Störend war lediglich die Tatsache, dass er scheinbar nicht begriff, wer hier der Jäger sein wollte
und wer in die Rolle des Gejagten gedrängt werden musste...
Vermutlich war auch der Rum daran schuld, dass er sich am Ende beinahe vergaß und sie mit Hilfe
ihres Dolches eine deutlichere Grenze ziehen musste.
Dennoch. Den Kuss bereute sie nicht, immerhin sehnte sie sich ebenso nach Abwechslung aus dem tristen Alltag wie er.
Allerdings würde es da noch einige Kleinigkeiten zu klären geben, wenn sie ihn denn wiedersehen sollte.

Anders verlief der Abend mit Garrett, und sie schmunzelte unweigerlich bei dem Gedanken daran, wie sehr sich zwei Menschen doch voneinander unterscheiden konnten.
Als sie den älteren Krieger das erste Mal im Weinkeller angetroffen hatte hielt sie ihn für einen Idioten, und der Zustand dauerte sogar eine Weile an.... inzwischen wurde sie natürlich eines Besseren belehrt und wusste dafür nun, dass er vollkommen verrückt war – auf eine positive Art und Weise verrückt. Es blieb nur die Frage, was sonst noch dahinter steckte. Der Abend hatte zwar Neues in Erfahrung gebracht, wie zum Beispiel seine Vorliebe für Würste und einige Details aus seiner nicht wirklich beneidenswerten Vergangenheit, und dennoch blieb in ihr das Gefühl, dass sie ihn nicht wirklich fassen und begreifen konnte.
Wenn er sie ließe würde sich das eventuell irgendwann ändern…
Vorausgesetzt, Rasven käme nicht dazwischen.
Den Abend über hatte sie oft an ihn denken müssen.
Schmunzelnd spielte sie gedanklich die Szene durch, in welcher er Aki und sie beim Küssen erwischte – vermutlich wären sie beide mit einem Bolzen in der Stirn geendet.
Doch die Eifersucht und sein übersteigerter Beschützerinstinkt waren nur zwei seiner vielen Eigenschaften, die sie schätzen und lieben gelernt hatte.
Wer weiß - vielleicht würden sie sich eines Tages alle die Hand geben und lachend und gröhlend im Weinkeller das Leben feiern....

Hayden gähnte leise und erhob sich aus dem Sessel, um sich zu dem kleinen Knäuel Esteban zu legen.
Dabei fiel ihr einer der hartnäckigen Kirschflecken auf dem sonst makellos-weißen Eisbärfell auf und sie seufzte leise, ehe sie den Jungen in die Arme schloss und versuchte, noch ein paar wenige Stunden Schlaf nachzuholen…
Zuletzt geändert von Viktoria Ravent am Montag 26. März 2012, 17:03, insgesamt 1-mal geändert.
Rasven Valtaris
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Beitrag von Rasven Valtaris »

Regel 8: Es ist besser um Vergebung zu ersuchen, als um Erlaubnis zu fragen.




„Gib mir noch nen Schnaps…“ Viel mehr sprach er seit einigen Minuten nicht. Den Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt, den Kopf schwer von Gedanken auf die Hand gebettet, saß Rasven auf seinem Hocker in der Taverne und starrte aus dem Fenster. Viel war in den letzten Tagen geschehen, seit er hier auf Gerimor angekommen war: Einige Dinge waren schön, andere eher unangenehm, die meisten verwirrend – besonders die, die sich um seine Schwester Hayden drehten.

<Hrrrmpf.. Schwester… dabei sind wir vermutlich noch nicht einmal leiblich verwandt. Wir sind zusammen in der Sippe aufgewachsen… wie Bruder und Schwester… sie kam zu uns als noch ein kleines Ding war. Damals war sie noch richtig süß – kein Wunder, konnte ja auch noch nicht reden. Keine Spur von der großen Klappe, die sie schon weniger Jahre später als Kind bekommen sollte. Hrmpf… Hayden. Hayden… sie und ihre unbekümmerte und lockere Art. Die hat damals schon den anderen Jungs den Kopf verdreht und das war jetzt genauso… Scheissdreck. Garrett. Das war einer von ihnen…>




Als er an diesem Abend nach La Cabeza ging hatte er wie üblich ein kleines Präsent bei sich, das er ihr mitbrachte. Am Anfang war es ein wenig Vulkanasche, welche sie beiläufig erwähnt hatte. Er hörte zu, auch wenn er manchmal ziemlich abweisend und schweigsam wirken mochte; Das konnte man ihm wirklich nicht vorwerfen. Auch bei den anderen Besuchen hatte er immer etwas für sie dabei. Hayden beispielsweise gefiel dunkle Kleidung, glänzendes Geschmeide und natürlich Leder. Was lag da näher, als passend zu ihrer Rüstung ein kleines Geschenk für sie holen: Eine Drachenledermaske. Dunkel, schimmernd, aus Leder. Perfekt.

Mitten auf einer Bank am Hafen saß sie nun. Hayden hatte ihren traurigen Blick aufgesetzt und wirkte recht aufgewühlt und irgendwie verletzt – Das gefiel Rasven gar nicht. Er hasste es, wenn seine Schwester so drauf war und meistens war der Grund dafür eigentlich nicht sonderlich schlimm. Sie war dramatisch und in ihrem Zorn auch gern mal wie ein kleines Kind: Bockig, sinnlos und laut. Das Temperament der Sippe Valtaris, kam es ihm mit einem Schmunzeln in den Sinn. Der Übungsschild, den er für sie hatte, konnte sie kaum ablenken. Es ging um Garrett. Das war der Kerl, der fast jede Nacht bei ihr auf der Matte stand und dann mit ihr seine Zeit verbrachte. Versteckt im nahen Dschungel, hoch oben in einem der Bäume oder verkrochen in einen der Sträucher, hatte er das schon einmal gesehen. Schon damals war es wichtig zu erfahren, wer oder was das ist, den er durch Zufall sah… nicht, dass sie an die falschen Leute geriet.

Die zierliche Schurkin erzählte ihm durch die Blume von verschmähter Liebe, einseitiger Gefühle, falsch geweckter Erwartungen und einer zweiten Frau, die nun anscheinend zurück ist. Die Entscheidung war ziemlich klar: Ras musste seine Rolle als großen Bruder erfüllen und sich den Kerl für ein Gespräch schnappen. Hayden war da eindeutig anderer Meinung, weshalb es verständlich ist, dass bald darauf ein Streit aufflammte.


„Lass uns wenigstens eine Abmachung treffen, Frate.“ , sprach sie beinahe resignierend und mit einer Spur Verzweiflung. Sie kannte ihn und wusste, dass er nicht von etwas abließ, das er sich einmal in den Kopf gesetzt hat. Die Beute und das Ziel wird niemals aus den Augen verloren: Regel 24.

„Ich scheiss auf deine Regeln. Das ist meine Angelegenheit! Ich mein es ernst…“ Wie auf Bestellung erschien Esteban und suchte irgendwas, das er Kolumus nannte. Der Kleine war die Freikarte aus dem Streit und der angespannten Situation, die sofort ergriffen wurde. Die nächsten Stunden vergingen, in denen er nach Garrett suchte. Er wollte mit ihm reden… dringend.




„Noch einen einen Schnaps!... Verdammt gib die Flasche her!“.

<So war es schon besser. Jetzt musste ich mir die Visage der Schankmaid nicht noch länger ansehen. Was heutzutage alles in einer Taverne arbeiten konnte… und dann geifern der auch noch irgendwelche Trunkenbolde nach. Ha! Porcule! Arschloch! Eigentlich wirkte der am Anfang gar nicht so schlimm. Schweigsam, irgendwie ein wenig minderbemittelt… mit solchen Leuten kann man es gut aushalten, wenn es sich um einen Kumpel oder Kameraden handelt. Der hat doch tatsächlich gesagt, dass er versteht was ich will. Hrmpf. Labar.>





Rasvens Suche ging bis weit in die Nacht hinein. Erst durchkämmte er den Dschungel und den Strand, da sein Ziel sich dort angeblich zuletzt aufgehalten hatte. Danach legte er sich einfach wieder auf die Lauer. Er war sich sicher, dass Garrett auch diese Nacht vor Haydens Behausung auftauchen würde. So würde es ein Leichtes werden, ihm vorher den Weg abzuschneiden. Und genau so war es tatsächlich auch. Das Problem war, dass Garrett schon wieder auf und davon war, bevor der Jäger sein Versteck verlassen konnte, um sich die Beute zu greifen. Aber er kam nicht weit und wenige Minuten später lud er den deutlich älteren Kerl auf einen Schnaps ein. Blöd nur, dass Hayden auch gerade des Weges kam und das ganze mitbekam – Scheissdreck. Die Unterredung musste warten, nicht nur weil Rasven von dem überschäumenden Wesen überraschend stark weggezerrt und grob beschimpft wurde. Der anschließende Streit war ziemlich heftig und es fielen Worte, auf die keiner der beiden in Nachhinein stolz sein würde. Man bezeichnete einander, wie sich selbst unleibliche Geschwister nicht nennen sollten: Schlampe, Drecksack, Arschloch, Wichser und Lügner gehören dabei zu der Auswahl der netten Titel. Nachdem der grimmige Waldläufer zur Hölle gejagt wurde, rauschte das Energiebündel davon und ließ ihn ziemlich dumm stehen. Garrett war weg. Seine Sora war stink sauer. Der Weg führte ihn zurück in den Wald. Dort war alles einfacher. Die Natur hatte ihre Regeln, die er zu verstehen glaubte. Man hatte seine Ruhe, keine Menschen, kein Streit, keine Eifersucht… einfach nur Tiere, Bäume, frische Luft und Arbeit. Schon hier vernichtete er mehr Schnaps, als er hätte sollen. Einige Zeit später, Rasven hatte schon den Überblick verloren, latschte er durch Zufall in Garrett. Eigentlich wollte er nur noch eine Flasche besorgen, damit die Nacht nicht so langweilig und kalt wurde und die Gedanken in seinem Schädel endlich aufhörten ihn zu quälen. Er wollte schlafen, er wollte vergessen, er wollte Frieden.




Die zwei Männer saßen neben einander auf einer Bank direkt am Bajarder Hafen und starrten auf das dunkle Wasser und die angelegten Schiffe hinaus. Wirklich redselig war keiner der beiden, das war schon nach den ersten Momenten deutlich. Von früheren Treffen und Erzählungen kannten sich der ergraute Krieger und der verstrubbelte Waldbewohner schon – Wirklich redetet haben sie nie, warum auch? Endlich wurde das Schweigen gebrochen:


„Du und Hayden treffen sich fast jede Nacht.“ Er bemühte sich, den Zorn, der noch immer vom Streit in ihm kochte und seine Geringschätzung runter zu spielen.

„Das ist harmloser als es klingt. Ich kam eines Abends an ihrem Haus vorbei und hörte Lärm. Sie wurde von einem Letharen bedroht und ich verscheuchte ihn. Seitdem sehe ich ab und zu, ob es ihr gut geht, weil sie fürchtet, dass dieser Lethar ihr Haus klauen will… Was auch immer ein Lethar mit einer Hütte auf La Cabeza will.“ Garret wirkte dabei gefasst und ruhig, fast eine Spur gelangweilt.

Die Geschichte kannte Rasven. Die kleine Unterredung wurde immer wieder von der die Hand wechselnden Flasche unterbrochen. Jeder nahm einen oder zwei Schlücke, verzog mehr oder weniger das Gesicht und reichte weiter. So machte man das unter Kameraden. Garrett sollte denken, dass er einer ist… Alkohol lockert die Zunge. Das Thema drehte sich zuerst um irgendeine Bleibe auf der Insel und um den „König der Piraten“, der für ihn noch keine Zeit fand. Die Ablenkungsversuche wurden mit scharfer Stimme unterbunden, der Fokus auf die angebliche Geliebte gelenkt, die von ihrer Reise zurückkam: Eine Enttäuschung. Sie wollte erst einmal nicht viel mit ihm zu tun haben und die alten Gefühle sind weg… Rahat. Natürlich wünschte er ihm viel Glück bei der Rückeroberung. Wenn das klappen würde, wäre er aus dem Bild und seine Gedanken und Nächte wieder so ruhig, wie sie früher einmal waren. Sei’s drum: Zeit direkter zu werden.

„Mir liegt Hayden sehr am Herzen, verstehst du? Sie wirkt vielleicht stark… aber man kann sie leicht verletzen. Das will ich nicht. Nimic. Klar?“, mit einem prüfenden, grimmigen Seitenblick.

„Ich habe nicht vor sie zu verletzen.“ Beeindruckt oder wirklich ernsthaft eingeschüchtert war etwas anderes.

„Du bist fast jede Nacht bei ihr, Garrett… das spricht eindeutig für ein Anliegen. Du solltest dir besser mal klar werden, was du willst. Du erweckst sonst einen falschen Eindruck, klar? Du verletzt nicht nur deine ehemalige Geliebte, sondern auch Hayden… und das gefällt mir ganz und garnicht, da?“ Noch deutlicher konnte er sich nicht ausdrücken. Die Grenze zur Drohung wurde schon stark gerammt, wobei die Stimme nach wie vor beherrscht, ruhig und dadurch irgendwie monoton klang.

„Und das wollen wir ja nicht… Aber ich verstehe worauf du hinaus willst und stimme dir vollkommen zu.“

Noch einige Minuten saßen sie da, tauschten sich über die Familiengeschichte und das Leben in der Sippe und damit Rasvens und Haydens Vergangenheit aus, dann trennten sich die Wege ziemlich unspektakulär und die Schritte lenkten ihn wie von selbst schon ziemlich angetrunken in die örtliche Kneipe, die zu der Stunde ausgestorben war.



[img]http://i2.photobucket.com/albums/y45/VitaniTheReal/Unbenannt-2-12.jpg[/img]

Und da saß er noch, oder eher lag halb über dem Tisch, den Blick irgendwo an die Wand geworfen. Der Wirt schaut ihn mittlerweile schon fast unverhohlen verachtend und geringschätzend an – kein Wunder, wenn man noch wach gehalten wird, weil irgend so ein verwildert aussehender Kerl mitten in tiefster Nacht sich einen ansaufen will und dabei noch allein ist, sodass man nicht einmal ein wenig Unterhaltung bekommt.

<Verdammt, was mach ich nur mit ihr? Garrett sollte jetzt erst einmal aus der Welt sein… Penner. Der hat ja sogar schon graue Haare und bringt sein Maul nie auf. Was findet Hayden bitte an dem Kerl? Hrmpf… Frauen. Und die schlimmste von denen. Aber sie ist, wer sie ist… und ich, wer ich bin. Sollte wohl mit ihr reden. Habe ja erreicht, was ich wollte… der Kerl wird nun entweder fernbleiben oder sich entscheiden und dann Gnaden ihm die Götter, wenn er noch einmal Mist baut. Ich jag dem Labar einen Pfeil ins Kreuz. Scheiss drauf. Ich geh jetzt zu ihr. Mehr als zum Teufel jagen kann sie mich nicht und das hat sie eh schon.>




Das kleine Mitbringsel zu jener Stunde war das, was er eben noch kurzfristig auftreiben konnte: Ein süßes Zimt-Kirschgebäck, das eigentlich ziemlich lecker aussah und duftete. Was genau er holte war eigentlich egal. Die Hauptsache ist, dass man mit liebgewonnenen und alten Traditionen nicht bricht. Die mit Leder umwickelte Schnapsflasche hatte er sich an den Gurt gehangen, die Nascherei in gewachstes Papier eingeschlagen, damit sie nicht schmutzig wird.

Einige Zeit später stand er schließlich in den Gassen der Insel, wie er es schon oft in der Nacht getan hat. Er trug seine dunkelbraune Kleidung, den Umhang um die Schultern und die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Eigentlich wollte er Hayden überraschen und direkt bei ihr vorbei kommen. Mit Garrett, den er überraschenderweise ebenfalls dort antraf, hätte er hier wirklich nicht gerechnet. Nicht nach dem Gespräch. Vielleicht wollte er ja einen Schlussstrich ziehen und verkünden, dass er zur Einsicht kam? Gut so. Verborgen in den Schatten, die eine Laterne scharf zeichnete verharrte Rasven also an Wand und Efeu gepresst. Der Schnaps kreiste verheerend in seinen Adern, vernebelte ihm die Gedanken und auch die Sinne, wobei die Worte laut genug waren, dass er sie noch verstand. Still beobachtend stand er einfach nur da ...
Zuletzt geändert von Rasven Valtaris am Montag 26. März 2012, 17:09, insgesamt 9-mal geändert.
Viktoria Ravent

Beitrag von Viktoria Ravent »

Jemandem zu erklären oder auch nur selbst zu verstehen, was an diesem Tag und in den sich anschließenden, frühen Morgenstunden des nächsten geschehen war, würde eine Aufgabe sein, die Hayden noch lange beschäftigen sollte.
Der Tag begann so vielversprechend...
..und endete in einem Dilemma.

Als sie mit Garrett in der Dunkelheit vor ihrem Haus stand und in den Schatten nur vage die Konturen und Umrisse seines Gesichtes erkennen konnte hatte sie nur einen Gedanken: Wie war es in wenigen Stunden so weit gekommen?
Gestern noch hatten sie zusammen gelacht und getrunken, jetzt standen sie vor einem unsichtbaren, doch beinahe greifbaren Lebewohl. Sie wollte und durfte ihm nicht die Schuld daran geben. Was konnte er dafür, wenn sich in ihrem Kopf eine Hoffnung oder Vorstellung ausgebreitet hatte, von der er vermutlich nicht einmal etwas ahnte? Er hatte ihr nie etwas versprochen, sie nie zu solchen Gedanken ermutigt - im Gegenteil. Und doch...was konnte sie denn dafür? Das oft und vielbesungene Ding, das sich Herz schimpfte, machte mit ihr eben was es wollte. Und im Moment zog es sich krampfhaft in ihrer Brust zusammen und schmerzte, dass es beinahe absurd war.
Es hatte sich eine tiefe Stille zwischen ihnen ausgebreitet. Keiner wollte sagen, was gesagt werden musste, keiner wollte den Anfang machen.
Sie hatten schon seit einigen Minuten herumgedruckst, um den heißen Brei geredet und versucht, die Totenstimmung, die zumindest Hayden wie ein kalter Hauch umfasst hielt, mit halbgaren Scherzen und trockenem Humor zu verschleiern, doch nun war die Zeit des Abschieds gekommen.

"Wir können es nicht mehr ändern. Von wegen Karren im Dreck, und so...Du weißt schon." Murmelte sie leise und verfluchte jedes einzelne Wort im selben Atemzug. Warum konnten sie es denn nicht mehr ändern? Warum war der Karren im Dreck? Weil Gefühle, die hier nichts zu suchen hatten, alles zerstörten, was angenehm und schön gewesen war und vielleicht noch eine lange Zeit so hätte bleiben können.
"Ich verstehe." Er sprach kurz, bündig. Als hätte er die Schnauze voll.
"Nein. Das ist ja das Traurige."
"Wir reden ein andernmal darüber. Ich wollte dir nur sagen, dass ich wieder in der Herberge schlafen werde und du nicht auf mich warten musst." Das war deutlich gewesen. Hayden hatte sich die ganze Zeit vor diesem Augenblick gefürchtet, an dem der ergraute Krieger, wie er es so oft tat, von einer Minute auf die andere schroff, unnahbar wurde, wo er soeben noch gelächelt hatte. Sie hasste das. Es war ihr unmöglich einzuschätzen, wann dieser Moment kommen würde und ob er es absichtlich tat, ob er wusste, wie es auf sie wirkte, oder ob er selbst nur ein Sklave verrückt spielender Gefühle und Gedanken war.
In jedem Fall hatte er seinen Standpunkt nun deutlich gemacht.

"Keine Sorge.." hörte sie sich selbst leise sprechen. "Ich werde nicht mehr auf Dich warten."
In diesem Moment schien irgendetwas in ihr zu zerreissen. Es war nicht das böse, eigenwillige Herz, das, wie sie schon oft verwundert feststellen musste, irgendwie immer weiter schlug. Doch was es auch war, es schmerzte ebenso sehr und für einen Moment lang wünschte sie dem, der diesen Schmerz verursacht hatte, die Pest an den Hals.
"Schade, aber gut. Schön." war Garretts einzige Erwiderung auf ihre Worte. Es wirkte beinahe gelangweilt. Sie spürte den kochenden Zorn und die alles mit sich reissende Enttäuschung in sich aufsteigen und wandte den Blick ab, als er sich ohne ein weiteres Wort entfernte.
Er brauchte nicht zu sehen, dass er es, mutwillig oder nicht, geschafft hatte, Tränen fließen zu lassen - und nichts anderes tat sie, gut verborgen durch die Dunkelheit, stumm und ohne jedes Drama. Das hatte man ihr schon als Kind abgewöhnt. Es half nichts, zu weinen. Es hatte schon früher nichts geholfen. Regel Zwanzig: Warte nicht darauf, dass dir irgendwas an den Arsch getragen wird - Kümmere dich verdammt nochmal selbst drum!
Hayden musste innerlich schmunzeln. Als ob die Tränen sich darum scherten, dass sich durch sie nicht das Geringste änderte.

"Bûna Seara. Fall' nicht in's Wasser..." brachte sie noch mit dem letzten Rest an Beherrschung hervor, als sie dem Krieger nachsah.
Jener hielt am Ende der Straße kurz an, wechselte ein paar Worte mit jemandem, den sie nicht erkennen konnte, doch es schlich sich bereits eine vage Vorahnung heran, die ihr endgültig Magenschmerzen bereitete.
Sie sah Garrett nach, bis er in der Dunkelheit der Gassen verschwand...und dann trat Rasven aus den Schatten langsam auf sie zu, die Arme hinter dem Rücken versteckt.
Der Zorn in ihr loderte gefährlich auf. Nachdem sie sich am frühen Abend im Streit getrennt hatten, in dessen Zuge wüste Beleidigungen gefallen waren, hatte sie ihn nicht wieder gesehen und es auch nicht bereut. Nun wagte er sich ausgerechnet jetzt bei ihr aufzukreuzen. Ihre Stimme bebte vor Wut, als sie ihm schon von Weitem zurief:

"Satisfâcut, Frate? (Bist Du zufrieden, Bruder?)"
"Esti? (Bist du's denn?)" kam es hallend zurück und bei der Antwort überschlug sich ihr Tonfall beinahe.
"Sehe ich so aus?!" Sie spürte wie ihre Beine nachgaben und all die Kraft, die sie in den letzten Stunden dafür aufgewandt hatte, sich zu beherrschen und gefasst zu geben, mit einem Mal aus ihr entwich. Langsam ließ sie sich auf den kleinen Schemel am Hafenbecken sinken und vergrub das tränenfeuchte Gesicht in den Händen. Sie hörte Rasvens Schritte näher kommen und spürte seine Anwesenheit bald direkt neben sich.
Ungeachtet ihrer Kraftlosigkeit drückte sie sich wieder auf und trat mit zügigen Schritten zum Hafen. Sie spürte, dass Rasven ihr folgte. Selbst als sie das Schiff nach Bajard betrat war er dicht hinter ihr und ließ sich wortlos in der Kajüte neben ihr nieder. Es dauerte eine Weile, ehe er das Schweigen durchbrach.

"Rechts oder Links, Sora?"
Sie schnaubte und versuchte, es spöttisch, abfällig klingen zu lassen, doch sie konnte ihre Verzweiflung nicht länger verbergen. Seine Anwesenheit war das Letzte, das sie nun gebrauchen konnte.
"Was willst Du? Nachsehen, ob ich mich nicht lüstern schreiend dem nächsten an den Hals werfe?" zischte sie leise in die eigenen Hände und scherte sich nicht darum, ob ihre Worte die Situation weiter anstachelten. Der Abend war vorbei. Alles war erst mal vorbei die nächste Zeit. Sie hatte keinen Grund, sich weiter zurück zu halten. Keinen Grund und keine Kraft. Nicht einmal mehr dafür, sich darüber zu wundern, dass Rasvens Antwort merkwürdig ruhig ausfiel, auch wenn er, das bemerkte sie immerhin noch, ein wenig lallte.
"Rechts oder Links." beharrte er einfach.
Sie entschied sich für die linke Hand. Auch jetzt noch im tiefsten Streit hatte er daran gedacht, ihr etwas mitzubringen, wie er es immer tat, wenn er sie besuchte. Es war ein Kirschgebäck, das sie unter anderen Umständen vermutlich sofort in Sicherheit gebracht und in sich hineingestopft hätte. Er kante sie gut. Und trotzdem brodelte es in ihr, wenn sie daran dachte, dass er mit einem verfluchten Kirschmichel versuchte, sie zu besänftigen, die gesagten Worte einfach ausradieren wollte und vorallem davon ablenkte, was er getan hatte: Sie vor Garrett lächerlich gemacht und sich wie eine Glucke in ihre Angelegenheiten eingemischt, obwohl sie ihn ausdrücklich beschworen hatte, es nicht zutun.
Die Stimmung blieb gedrückt. In der kleinen Schiffskajüte wurde der Geruch nach Alkohol deutlich, den Rasven verströmte.
Ihr Bruder hatte getrunken und offenbar nicht wenig. Wie so oft änderte sich seine Stimmung plötzlich. Dann wurde er weniger beherrscht, neigte zu Ausbrüchen und das Temperament kochte gern unter seiner Stirn über. In jener Nacht war das nicht anders. Das Gespräch kam wieder auf Garrett zurück, darauf, ob er tatsächlich bei ihr gewohnt hat.
Hayden bejahte seine Frage und hatte dabei völlig vergessen, dass sie ihm vor einigen Tagen noch versichert hatte, ausser ihr und Dolli würde niemand in ihrem Haus übernachten.
Als das Schiff im Hafen Bajards einlief gingen sie zügig an Land. Mit unnachgiebiger Härte schlug ihnen die eisige Kälte ins Gesicht.

"Wieso belügst Du mich?" forderte Rasven zu wissen und sah sie mit zornfunkelnden Augen an.
"Denk' doch mal scharf nach!" Gab sie fauchend zurück und wandte den Blick ab.
Es dauerte eine Weile, bis er antwortete, doch seine Stimme schwoll vor Wut an.

"Glaubst du nicht, dass deine Lügen daran schuld sind, dass ich alles nachkontrollieren muss?!"
Hayden traute ihren Ohren nicht. Seit sie denken konnte hatte sie Rasven nicht belogen, zumindest nicht absichtlich. Wie konnte er es wagen, sie aufgrund dieser kleinen Notflunkerei, ohne die er vermutlich schon mehrmals vollkommen ausgerastet wäre, Lügnerin zu schimpfen?
Der Zorn weckte neue Kräfte in ihr und sie schrie ihn an, warf ihm in ihrer Verzweiflung Worte an den Kopf, die sie später bereuen würde.

"Glaub' mir, am liebsten würde ich Dich..."
Der Alkohol in Rasvens Blut zeigte seine Wirkung. Mit funkelndem Zorn sah Hayden zu, wie er sich von seiner Rüstung befreite und spöttisch die Arme ausbreitete.
"Was? Willst Du mich schlagen? Dann komm' schon, ein paar Narben mehr machen's auch nicht schlimmer!" warf er ihr höhnisch entgegen und trat herausfordernd auf sie zu.
Irgendetwas in ihrem Kopf setzte aus, als sie die Hand von einem blinden Instinkt getrieben an ihren Dolchgurt legte.

"Willst Du mich jetzt abstechen, Hayden? Ja? Mach's doch, komm' her!" Provozierte er und in einem klareren Moment hätte sie gemerkt, dass er selbst nicht mehr Herr über sich selbst war und sein Temperament ihm zu Kopf stieg.
Der Abend jedoch war zu viel für sie gewesen. Die Enttäuschung, Garrett, der Streit, die Provokation, sie konnte nicht mehr klar denken. Von blinder Wut getrieben sprang sie auf und zog im selben Atemzug den Pyriandolch, riss ihn nach oben und setzte die Spitze kaum eine Haaresbreite entfernt an Rasvens Hals.

Der Wind fegte in heftigen Böen durch die Straßen. In der nächtlichen Stille verschluckten die Schatten der Nacht die angespannten Körper der Rivalen.
Rasven hatte die Augen geschlossen, noch immer streckte er die Arme von sich und Hayden spürte seinen bebenden Atem, der ihr verriet, dass er die Situation inzwischen als heikel einstufte. Wie von einem roten Schleier geblendet funkelte sie ihn an. Ihr Körper zitterte vor Wut und es kostete sie Beherrschung, die Spitze des Dolches nicht wenigstens einen dünnen Schnitt in den ausgelieferten Hals ziehen zu lassen.
Als der schmerzhafte Stoß ausblieb öffnete Rasven langsam die Augen und sah sie an. Im Nachhinein überlegte Hayden, weshalb dieser Moment die Stimmung in eine beängstigende Richtung trieb und die Atmosphäre plötzlich kippte.
Sie spürte wie sich ihre Anspannung löste und der überschäumende Zorn allmählich abebbte. Was um alles in der Welt hatte sie gerade vorgehabt...?
Rasvens Blick erhellte sich unter dem Anflug eines Lächelns, das fern von heiter war, und seine dunkle Stimme drang in die Stille.

"Nun, dragul meu...?"
Ihre Brust zog sich bei den Worten zusammen. Hier lief etwas grundlegend falsch und sie wusste nicht, was es war. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie bemerkte erstmals, dass die Hand, die ihren Dolch noch immer in tödlicher Nähe am Hals ihres Gegenübers hielt, zitterte. Was geschah hier gerade? Mit pochendem Herzen sah sie zu, wie Rasvens Hand sich um ihr eigenes Handgelenk schloss und den Dolch überraschend sanft und ohne Gewalt von sich abwendete. Verunsichert und irritiert erwiderte sie seinen Blick, der ihr mit einer Intensität entgegensah, die sie zuvor noch nie bemerkt zu haben glaubte.

[img]http://i2.photobucket.com/albums/y45/VitaniTheReal/HayRasDolch-1.jpg[/img]

Es waren Sekunden die sich wie Stunden zogen.
Noch immer zitterte sie, doch es war nicht die Kälte Bajards, die daran Schuld war. Rasven trat einen Schritt auf sie zu und überbrückte die Kluft, die sie mit dem tödlichen Dolch zuvor zwischen sie geschlagen hatte, und sie meinte beinahe seinen Herzschlag spüren zu können. Vermutlich jedoch war es ihr eigener. Ihre Gedanken waren still in diesem Moment. Allein das schmerzhafte, unangenehme Ziehen in ihrer Brust erinnerte sie daran, dass irgendetwas an der Situation nicht richtig war, nicht richtig sein konnte, als sie die warme Hand des Mannes, den sie so gut zu kennen glaubte, an ihrer Wange spürte. Sie wusste, was passieren würde, und sie unternahm nicht das Geringste dagegen, wohl aber dafür, als Rasven sich langsam hinab beugte und sich ihre Lippen in einem ebenso unsicheren wie wehmütigen Kuss vereinten. Ohne nachzudenken, ohne das unwohle Gefühl, das ihr sagte, sie begehen einen Fehler, zu beachten, lehnte sie sich ihm entgegen und ihre Hand fand Halt an seinem Rücken. Geräuschlos fiel der Dolch in den frischen Schnee und blieb der einzige greifbare Beweis dafür, dass in dieser Nacht am Hafen von Bajard etwas geschehen war, das zwei Leben verändern sollte. Wie sehr, das konnte lediglich die Zukunft zeigen...

"Larta-ma..." hauchte Rasven leise.


Der Abschied war kurz.
Es hatte gedauert, bis sich beide darüber im Klaren wurden, was soeben geschehen war, und jeder würde seine eigene Zeit brauchen, um damit umzugehen. Mit zusammen gepressten Lippen sah Hayden zu, wie ihr Bruder, dessen Blut sie nicht teilte, in der Nacht verschwand.
An Schlaf würde heute nicht zu denken sein.
Zuletzt geändert von Viktoria Ravent am Montag 26. März 2012, 20:54, insgesamt 3-mal geändert.
Viktoria Ravent

Beitrag von Viktoria Ravent »

Die Sonne steht bereits im Zenit, als es energisch an der Tür der kleinen Hütte klopft. Im Innern des Hauses regt sich nichts. Totenstille.
Alle Vorhänge sind zugezogen.
Dann setzt das Klopfen ein weiteres mal ein, lauter, energischer.
In die dicken Eisbärfelle kommt Bewegung. Rotes, strubbeliges Haar und blutunterlaufene, bernsteinfarbene Augen die zwischen den Strähnen glasig und verschlafen zur Tür schauen. Es ist stockdunkel im Haus.

"Rahat mare..."
"Aufmachen!! Wir müssen mal reden!!" Tönt es lautstark von draußen.
"Ce..? Sine...? Garro? Ras?" Die Stimme ist leise, rau und lallt.
"Mach gefälligst die Tür auf Du..."
Aus dem Innern des Hauses dringt Flaschengeklirr und ein lauter werdendes Schlurfen. Dann öffnet sich die Tür einen spaltbreit und der Besucher stößt einen kurzen Schrei aus.
"Wie siehst du denn aus!"
Hayden weiß es nicht. Sie kneift die Augen zusammen und blinzelt ins gnadenlose Sonnenlicht, ihr Kopf fühlt sich an als wolle er platzen.
"Hannchen....was kann ich für dich tun...?" Das Lallen wird deutlicher.
Die Krämerin vom Nebenhaus blickt einen Moment lang unentschlossen drein. Eigentlich war sie ja gekommen, um dem liderlichen Frauenzimmer nebenan die Leviten zu lesen für die ewigen Unverschämtheiten, aber gerade war sie sich nicht sicher, ob dafür der richtige Zeitpunkt war.
"Komm doch rein....is' kein Rum mehr da, aber..."
"So ein Unsinn! Mein Gott, ich hab's schon geahnt als ich dich damals neben meinem Laden hab' rumschlurfen sehen, ich dachte: Pass' auf, die zieht in die Kaschemme nebenan und das Weib sieht nach Ärger aus! Was war ich froh als dieser Roberto weg war und ich nicht jeden Abend Frauengeschrei anhören musste, und da kommst Du!"
Hanne schimpft fürchterlich und greift Hayden unter die Arme um sie zu stützen. Die junge Schurkin bekommt es kaum mit. Alles dreht sich und ihr ist übel. Wo ist Garrett? Und wo ist Ras? Und wo ist überhaupt Dolli? Esteban? Und was um alles in der Welt war passiert, dass sie in ihrer eigenen Kotze aufgewacht war?
"Komm', du siehst aus wie der Tod auf Wildkraut und riechst schlimmer als der Kanal!"
Die Krämerin schleift Hayden in den Laden.
"Ich lass' dir 'n Zuber ein und dann wäscht du dich. Was auch immer passiert ist, nichts auf der Welt ist Grund genug, so auszusehen!"
Hayden sieht die Krämerin mit glasigem Blick an. Die Erinnerungen kommen langsam zurück. Jede einzelne mit einem heftigen Stoß, der ihr die Luft abschnürt. Sie sagt nichts und ist dankbar, dass sie die beste Nachbarin der Welt hat...
Rasven Valtaris
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Beitrag von Rasven Valtaris »

Als Rasven Valtaris an diesem Morgen erwachte, erwachte er in seiner eigenen Kotze. In der Felsspalte, die schon wie eine kleine Höhle anmutete war es bereits hell. Die Augenlider pressten sich erst einmal wieder zusammen, zu viel Licht konnte auch schaden und blenden – besonders einen Zecher nach dem Aufstehen. Die Sonne ließ sich also heute schon blicken. Die Welt ging offenbar noch nicht unter, so sehr sein Schädel auch hämmerte und so verwirrend die letzte Nacht doch war. Der Arm streckt sich über den Rand der Flechtmatte hinweg, die Hand stößt gegen etwas: Klirr. Der Schnaps von letzter Nacht stand also noch da. Viel, dass man noch hätte verschütten können, gab es hingegen nicht. Endlich in aufrechter Haltung verschaffte er sich träge einen Überblick über das Chaos, das er hier hinterlassen hatte: Zwei leere Flaschen, verteilte Rüstungsteile, einige Zweige von draußen und natürlich die Pfütze direkt neben ihm. Viel drückender und verwirrender waren aber die Gedanken und Erinnerungen an die letzte Nacht, die episodenhaft wiederkehrten: Ein Besuch auf La Cabeza, Streit mit Hayden, ein Gespräch mit Garrett, wieder ein Streit, der Dolch an der Kehle… der Kuss…


Der Kopf rauschte von dem Gelage, das er sich gegönnt hatte, nachdem das vermeintlich klärende Gespräch mit dem ergrauten Krieger abschloss. Anfangs waren es nur kleine Holzbecherchen, die er sich gönnte, später trank er einfach direkt aus der Flasche. Die wärmer werdende, aber immer noch kalte Luft war kaum noch zu fühlen, so sehr pulsierte das Rauschmittel in seinen Adern. Was Ras wohl spürte, war hingegen die noch weitaus kältere und scharfe Klinge des Dolches an seinem Hals. Regungslos verharrte er, die Arme als Zeichen des Ausgeliefertseins ein Stück weit erhoben, die Hände weit weg von dem eigenen Messer am Gürtel. Lediglich die flache und rasche Atmung verriet, dass ihn das ganze doch ein wenig nervös machte.

„Nun… Dragul meu?“Endlich durchbrach er die Stille, erhob Stimme und Mundwinkel nur ein kleines Stück weit. Beides konnte nicht durch Frohsinn überzeugen. Ohne Gewalt oder Zwang führte er die Klinge weg von der Schlagader, die durchtrennt nicht nur ihre Kleidung sehr schnell vollsauen, sondern auch dafür sorgen würde, dass er bald darauf zusammensackt – Regungslos. Die Blicke der beiden schienen sich nicht voneinander losreißen zu können. Auf der einen Seite das Grünbraun, auf der anderen das Gelbbraun. Jeder suchte bei dem anderen nach Motiven, nach einem Anfang, nach irgendwas, das Aufschluss gab, woher diese unangenehme und doch knisternde Spannung kam. Dann geschah es: Er tastete sich vor, ließ sich hinreißen, sie folgte und die Lippen schmiegten sich an einander. Beide legten die Arme um einander.


<Was ist da nur in mich gefahren? Horteras… hab‘ ich wirklich Hayden geküsst? Das kann doch nur vom Schnaps kommen… wer weiß, was die in Bajard für einen Dreck zusammenmischen. Oh.. Rahat! Mein Kopf platzt.>




Im einfachen Unterhemd und der Lederhose saß er zwei Stunden später am Fluss und ließ den Blick um sich herum schweifen. Neben ihm auf der Wiese lag die Rüstung, nun gereinigt von den greifbaren Überresten der Nacht. Die zum Mittag warme Sonne sorgte davor, dass sie die Klamotten schnell wieder durchtrockneten. Rasven genoss tatsächlich den Moment, den kurzen Augenblick der Seligkeit. Die greifbaren Spuren der Nacht, die ab dem Moment, in dem die beiden sich gleichzeitig verlegen und wortkarg verabschiedet hatten, waren beseitigt. Tief in ihm begannen die weniger handfesten Eindrücke erst richtig seine volle Tragkraft zu entfalten.


<Also hab ich sie tatsächlich geküsst… verdammter Dreck. Was habe… ich mir nur dabei gedacht? Labar! Wars der Schnaps? Bestimmt… aber nur wegen dem küsst man doch kein Mädchen. Naja… schon… aber nicht das Mädchen. Nicht Hayden. Nicht ich. Das verrückte Miststück wollte mir echt die Kehle durchschneiden… von einem Ohr zum anderen. Und ich hab‘ sie dafür geküsst… oder trotzdem. Gerade deswegen? Was soll ich jetzt nur tun? Bin ich wirklich schon so einsam geworden oder sollte ich echt mit dieser Sauferei aufhören? Achwas… das war nicht der Schnaps. Das war auch nicht nur die Aufregung und heiß pochende Blut.

Bine bine… wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Das letzte Mal sah ich Hayden, da war sie vielleicht elf oder zwölf Sommer alt – Ich weiß eigentlich gar nicht, wie alt sie wirklich ist. Ich sollte sie mal fragen… wenn sie noch mit mir redet. Ist ein stattliches Weib geworden. Klar… keine vollbusige Schankdame, aber doch ansehnlich… Vielleicht war es ja, weil sie auf einmal so groß geworden ist? Cacat. Alles Drecksmist.

Früher sahen wir uns fast täglich. Sie ging in die Stadt… einige Frauen und Männer vollführten herrliche Kunststücke und allerlei Spielmannswerk, während die Kinder durch die Menge gingen und fetten Wichsern die Goldbeutel abschnitten. Da. Verdient haben sies. Vielleicht fehlt mir einfach die Sippe… ach… das waren Zeiten. Hayden erinnert mich an früher… wir haben so viel erlebt. Darum nennt sie mich ja auch Bruder und ich sie Schwester… wir waren irgendwie wie Geschwister – ohne welche zu sein. Es war nicht einfach, aber es war schön. Von Stadt zu Stadt, immer zusammen. Dann verloren wir uns aus den Augen… wurden getrennt. Womöglich sehe ich in ihr die Vergangenheit, die mir zurück wünsch? Ich weiß es einfach nicht… vielleicht alles zusammen. Aaach verfluchte Scheissnacht! Verfluchter Schnaps! Verfluchte Sehnsucht! Und verflucht warum klopft mir mein verdammtes Herz immernoch?!>





In solchen Situationen half es immer zu wandern, neue Dinge zu sehen, den Kopf frei zu bekommen. Die Spekulationen, Erklärungen und Eindrücke jagten sich noch bis in die Nacht durch die Windungen seines Gehirns. Stetig stapfte er durch die langsam aufblühende Landschaft, unbewusst darauf bedacht keinen Zweig unnötig abzureißen, kein Tier aufzuscheuchen. Viel Erkenntnis gewann Rasven daraus aber nicht. Das bisschen Einsicht, das bisschen Klarheit, das dabei raus kam, konnte man ziemlich leicht zusammenfassen: Seitdem er sie zufällig hier auf Gerimor wieder fand, wurde sein früher so einfaches Leben wirklich kompliziert.

[img]http://i1163.photobucket.com/albums/q550/Siralein/the_first_snow_in_rashemen_by_isbjorg-d30705n1.jpg[/img]




In den Anfangstagen auf der Insel lebte er nur so in den Tag hinein. Die Höhle, zu der er komischerweise auch in dieser einschneidenden Nacht gefunden hatte, diente ihm als erstes Lager. Als Sohn des fahrenden Volkes und langjähriger Soldat war das Überleben in der Natur für ihn kein Kunststück. Rasch fand er im Wald zwischen Adoran, Bajard und Berchgard die Spalte, die ihn vor Wind und Wetter schützte. Seine ersten Aktivitäten bestanden hauptsächlich aus der Jagd nach Essbarem oder der Suche danach, dem Holzsammeln und der Erkundung der Gegend. Nichts war wichtiger, als die Gegend gut zu kennen, um Gefahren aus dem Weg gehen zu können und im Zweifelsfall einen Vorteil auf der eigenen Seite zu haben. Täglich durchstreife er sein „neues Revier“ und wanderte weit. Als täglich Werkzeug dienten ihm das Beil, seine beiden Messer und ein selbst geschnitzter Speer. Die Reise geschah nicht unbedingt freiwillig. Als Deserteur war ihm der Strick oder noch etwas Grausameres gewiss, wenn die Häscher aus Tecklenstein ihn schnappen würden. Seinen geliebten und selbst gebauten Bogen musste er zurück lassen, was das Überleben natürlich entsprechend erschwerte. Auch war das gute Stück mit vielen Erinnerungen verknüpft: schönen und weniger schönen. Ein neuer musste so schnell wie möglich her – passend zum neuen Anfang hier. Der sollte aber seinem Vorgänger in keiner Weise nachstehen. Er sollte ihn eher noch in seinen Eigenschaften übertrumpfen.

Eines Nachts herrschte über dem Waldstück ein so heftiger Sturm, dass die Äste nur so gegen einander peitschten und der Regen innerhalb von Wimpernschlägen auch feste Kleidung aufweichen konnte. Zurück zu seinem Unterschlupf war es nichtmehr weit und man hörte die Stiefel schnell und wenig auf Geräuschlosigkeit bedacht das Unterholz zerpflügen; die kleinen Zweige knackten unter dem Laufschritt. Plötzlich durchzuckte ein greller Blitz den Nachhimmel, der Donner war sofort zu hören. Rasven war sich also klar, dass er sich sputen musste, da das Gewitter direkt über ihm tobt. Endlich erreichte er den schützenden Steinvorsprung und sein provisorisches Quartier. Seine Reisekleidung, über mehr verfügte er noch nicht - bis auf die Haut durchgenässt und die Haut bis auf die Knochen durchgefroren. Dreckswetter. Tosend sauste der Wind durch den Wald. Grelles Licht und völlige Dunkelheit im steten Wechsel. Krachen, Ächzen. Der Blitz schlug unweit direkt in einen der ältesten und größten Bäume ein, wobei er diese Art aus der Heimat und den Regionen, in denen er Kriegseinsätze hatte, nicht kannte. Unter Getöse landete der Ast am Boden, riss Laub und kleines Geäst seiner Nachbarn mit sich in die Tiefe. Richtig still wurde es in der Nacht nie, doch in die Felle vergraben und übermüdet von den ansträngenden Tagen schlief er schließlich ein.

Am nächsten Morgen herrschte fast schon gespenstische Stille. Es schien als hätten sich die Waldtiere noch verkrochen und trauten sich noch nicht aus den Verstecken. Ras wagte sich hingegen schon raus. Mit ruhigen Schritten ging er die unmittelbare Umgebung ab, wollte nach den Schäden sehen. Der Ast, der vom Baum gerissen wurde, war so dick, wie sonst mancher Baumstamm. Bei näherer Betrachtung fiel die ungewöhnliche Maserung auf. Direkt unter der Rinde befand sich etwas helleres Holz, das Kernholz in der Mitte war deutlich dunkler. Nach jahrelanger Erfahrung im Umgang mit dem Bogen verstand er sich auch auf die Herstellung schon ziemlich gut und auch die Eigenschaften verschiedener Hölzer waren ihm nicht fremd. Das ganze erinnerte ihn sehr an seinen alten Eibenbogen: Weichere Fasern für die elastischen Arme und härtere für den Griff in der Mitte, der die Energie so besser aufnehmen konnte. Sein Herz überschlug sich in dem Moment vor Freude. In all den Wochen und Monaten seiner Reise und auf Gerimor hatte er beide Augen nach einem passenden Rohling offen gehalten und hier direkt vor seine Füße hatte Eluive ihm diesen Ast gelegt und ihn auch noch das heftige Unwetter unbeschadet überleben lassen – das muss Schicksal sein. Dieses Holz sollte sein neuer Bogen werden. Er zog direkt vor Ort und begann mit der groben und geschickten Bearbeitung – das Monstrum war ohnehin zu schwer, die Höhle zu klein.

Die Zeit ging ins Land und es dauerte lange. Stunden über Stunden saß er in „seinem“ Wald und schnitzte mit seinem Messer an dem Stück Holz herum, das er in ebenso aufwändiger Arbeit zurechtgestutzt hatte. Mittig befand sich nun das harte Holz, außen herum die immer dünner werdenden Wurfarme, wobei er gerade dabei war eine Krümmung auszuarbeiten. Neben dem Anfang seines kleinen Regelbuches hatte sein Onkel Vladimir Gregori Valtaris Rasven die Kunst des Bogenbaus beigebracht. Durch die doppelte Krümmung konnte man mit einer kompakteren Bauweise deutlich mehr Zugkraft und Reichweite herausholen. Damit würde er kürzer und effizienter als ein üblicher Langbogen sein.




Das alles war aber bevor er auf Hayden und auf Wolf traf. Die erste brachte sein Leben durcheinander und benötigte einen großen Teil der Aufmerksamkeit; Der zweite stattete ihn mit einem passablen Langbogen aus – nichts Besonderes, aber unter Schützen ein guter Standard. Die Notwendigkeit, den Holzrohling fertig zu stellen, schwand. Er fand auch nicht mehr die Muse und Motivation weiter daran zu arbeiten, auch wenn es sich nur noch um den Feinschliff handelte. Das war genau die Art Aufgabe, die er aber jetzt brauchen konnte. Nach langer Pause wagte er sich wieder an das, was sein kleines, persönliches Meisterwerk werden sollte. Er lag noch immer gut verborgen in der Felsspalte, die er zugunsten der Bleibe im geheimen Tal verlassen hatte. Die Fertigstellung würde wohl noch etwas in Anspruch nehmen, doch er hatte Zeit. Er musste nachdenken. Wie sein neuer Bogen aussehen sollte hatte er schon genau vor Augen. Immerhin in dieser Sache war er sich sicher, wusste genau wie alles sein sollte und zu bewerkstelligen war.

Ein doppelt gekrümmter Bogen sollte es werden. Dank des Holzes mit seinen verschiedenen Härten und Biegsamkeit war das Material an sich schon ein Komposit, ganz ohne Horn und Leim, der sich bei Nässe schnell lösen könnte. Den Griff würde er mit dem Rest Drachenleder umwickeln, das von der Maske übrig war, die er Hayden schenkte. Die Sehne für die Waffe würde auch dem Ungetüm entstammen und trocknete bereits neben ihm am Feuer, musste nur noch geknotet, eingedreht und gewachst werden. Die Zähigkeit des Biests würde ihm zu Gute kommen. Alles in der Natur, alles was er fand, alles was sie ihm schenkte könnte man gebrauchen; Von einem erlegten Tier wurde alles verwendet. Er würde perfekt werden. Er würde zu einem Symbol für sein neues Leben hier werden, das war klar. Unklar war hingegen, welche Rolle Hayden dabei einnehmen würde.

[img]http://i1163.photobucket.com/albums/q550/Siralein/0367_recurve_bow.jpg[/img]




Rasven hoffte inständig, dass Einsamkeit, Ruhe und die fast meditative Arbeit ihm helfen könnten einen klaren Kopf zu fassen, denn immer wieder schweiften die Gedanken zu ihr und jener letzten Nacht. Ein wenig schien es zu helfen und die Panik klang ab - Verwirrung blieb zurück. Er war sich nun sicher, dass das kein böser Traum gewesen war, genauso wenig die die Kotze, in der er aufgewacht war. Die Realität ließ sich jetzt kaum mehr leugnen, wohingegen die Motive noch immer im Dunkel lagen.



<Warum hab ich sie tatsächlich geküsst? Warum hat sie mitgemacht und mir nicht sofort eine geklebt? Herrgott sie schlägt mich doch schon, wenn ich nur einmal falsch schaue! Rahat… hätte ich mich nur an meine eigenen verdammten Regeln gehalten. Wie schwer kann das denn bitte sein?!>

Regel 18: Sei Herr über die Lage - Beherrsche sie!

Einen feuchten Dreck beherrschte er.
Viktoria Ravent

Beitrag von Viktoria Ravent »

Müde ließ die Rothaarige den Blick über das Meer schweifen, das sich in sanften Wellen im Sand verlief. Der angenehm warme Wind strich ihr in weichen Böen tröstend durchs Haar, das, seit dem frühen Mittag wieder gewaschen und gekämmt, endlich nicht mehr einem toten Tier glich. Ihre Gedanken flossen nun frei und ohne den schweren Nachgeschmack des 'Totengräbers', dessen sie sich gestern Abend gezwungenermaßen auf die traditionelle Weise hatte entledigen müssen.
Sie schmunzelte bei dem Gedanken daran, wie sie ausgesehen haben muss. Wie eine dreckige, verranzte Füchsin. Umso dankbarer war sie Roberto und Garrett, die sich ihrer angenommen hatten bevor sie an ihrer eigenen Kotze ersticken konnte. Wobei Garrett ihrem Aussehen in nichts nachgestanden hatte. Verdammter, liebenswerter Vollidiot.
Es fiel ihr schwer, ihre Gedanken nicht immer wieder zu ihm zurück schweifen zu lassen, obwohl sie wusste, dass es möglicherweise ein zweiter Fehler sein würde, den sie damit begang.
Es hatte sich merkwürdig angefühlt, plötzlich neben ihm zu liegen, wo in kurzer Zeit so vieles vorgefallen war - zumindest in ihrem Kopf.
Und dennoch hatte der Moment zwischen Wachen und Einschlafen sie das schmerzvolle Ziehen in ihrer Brust vergessen lassen. Beinahe so, als wäre die Welt wieder in Ordnung...

Nachdenklich ließ sie die Finger über den weichen Sand streichen und sah den Spuren nach, die sie dabei hinterließ.
Sie musste mit Rasven sprechen, jetzt, da auch er hoffentlich wieder einen klaren Kopf hatte.
Seit dem Abend in Bajard, in der sie beide vollkommen den Verstand verloren hatten, hatte sie versucht, nicht mehr an ihn und das was geschehen war zu denken. Es war nicht nur falsch, merkwürdig und die falsche Zeit - es war auch noch vollkommen falsch, merkwürdig und vorallem ein ganz beschissener Zeitpunkt.
Sie hasste es, Entscheidungen nicht treffen zu können, da die Umstände einfach noch nicht sicher waren.
Sie hasste es, warten zu müssen.
Und besonders, wenn sie nicht einmal genau wusste, worauf.
Seufzend befolgte den Ratschlag einer ihrer Tanten - sie hatte unzählige Tanten - und versuchte, in sich hinein zu lauschen.
Sie hörte allerdings nichts, bis auf das unzufriedene Knurren ihres Magens und entschied sich daher, ihrem ausgezehrten Körper zumindest ein wenig Kraft zurück zu geben. Wenn Belinne sie in den letzten zwei Tagen hätte sehen können, verlottert, betrunken und weinerlich, dann hätte sie ihr vermutlich ein kurzes, aber schmerzvolles Ende bereitet.
Zu Recht, entschied Hayden, und trat in gemächlichem Tempo den Heimweg an.
Vor ihrer Tür ließ sie den Blick an Hannes Gemischtwarenladen vorbei zu Garretts Hausschild schweifen, während sie nach ihrem Schlüssel suchte, und musste unweigerlich lächeln.
Ungeheuertöter.
So ein verrückter Hund.
Und während sie sich ein karges Frühstück hineinzwang - Appetit hatte sie nach alldem nicht - kamen ihr Jackies Worte in den Sinn.

"Hast du schon einmal darüber nachgedacht anzuheuern?"
Bei den Göttern, das hatte sie...
Sie brauchte etwas, das sie tun konnte, etwas, das sie davon ablenkte, sich zu sehr auf eine einzelne Person zu konzentrieren und ihr damit jede erdenkliche Macht über sie zu erteilen. Das klang dramatisch - war es auch. Hayden wusste um ihre instabile Verfassung wenn es darum ging, ihr Herz an Personen oder Dinge zu verlieren.
Was fehlte, waren Ziele und Perspektiven.
Wer konnte schon wissen, ob sie nicht beides an Bord des Schwarzen Schiffes finden würde?
Sie hoffte inständig, dass Esteban seiner Mutter nicht verraten hatte, dass sie nicht schwimmen konnte. Das zu lernen würde sie umgehend nachholen müssen. Blieb nur zu hoffen dass sie keine geborene Bleiente war...
Rasven Valtaris
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Beitrag von Rasven Valtaris »

Die Zeit zog ins Land und noch immer ging Rasven seiner täglichen Routine nach: Holz sammeln, schnitzen, jagen, das Revier durchkämmen. Es war schon Tage her, seit dem er Hayden das letzte Mal gesehen hatte. Obwohl sie wusste, wo sie ihn hätte finden können, war von ihr bisher keine Spur zu sehen. Sie schien mit diesem Garrett so glücklich oder beschäftigt, dass sie ihn vergaß. Gut, so sollte es sein. Er hatte beschlossen, sich aus der Sache raus zu halten und Abstand zu wahren, bis er sich der Dinge klarer wurde und sicher stellen konnte, dass er das „Glück“ nicht zerstörte. Zumindest hielt Hayden es für das.

Er würde der Ereignisse harren. Der Frühling war auf dem Weg, alles in der Natur würde von neuem erblühen – ein neuer Beginn. Auch für ihn? Die Zukunft wird es zeigen...
Viktoria Ravent

Beitrag von Viktoria Ravent »

Seit sie den Entschluss gefasst hatte, ihr Leben für einige Zeit wieder aufzuteilen, hatte sie sich vor dem Moment gefürchtet.
Der Moment, an dem sie nicht mehr wusste, wer sie war und wer die andere.
An dem sie sich nicht mehr erinnern konnte, was genau Hayden ausmachte, wie sie war und weshalb, und warum sie nicht war, was die andere vorgab zu sein. Sie hatte das Spiel mit den Masken schon immer gehasst. Für einen Auftrag konnte es zeitweilig amüsant sein - für einen Abend lang, vielleicht wenige Tage. Doch auf Dauer raubte es ihr jede Kraft. Sie lebte für zwei, dachte für zwei, arbeitete für zwei. Was hielt sie auf La Cabeza, ausser Garrett? Diese Frage war es, die ihr an dem Abend die Kehle zuschnürte. Und was hielt sie an Garrett? Weshalb setzte sie alles für ihn auf's Spiel? Ausserdem - alles....was war überhaupt 'alles'? Was hatte sie denn? Sie hatte nichts.

Während sie sich mühevoll die helle Schminke aus dem Gesicht schrubbte ließ sie den Blick über Viktorias Kleidung schweifen. Stadtwache Rahal. Ihre neue Familie. Sie schmunzelte bitter bei dem Gedanken. Es war unheimlich, wie gut diese Rolle auf sie zu passen schien, wie leicht sie hineinschlüpfen konnte....nur heraus, das war bedeutend schwieriger, schon jetzt, nach wenigen Tagen.
Wenn man jederzeit sein konnte, wer man wollte, war es schwer sich zu erinnern, wer man wirklich war.
Für Hayden gab es in dieser Hinsicht nur wenige Stützpunkte. Personen, an denen sie ihr Leben, ihr wahres Ich festmachten konnte. Rasven. Garrett. Dolli. Sie waren die Anker, die sie zurückholen konnten, mussten, wenn sie sich selbst vergaß. Garrett...seinetwegen hatte sie das Spiel begonnen, und seinetwegen würde sie es zuende bringen. Danach konnte sie aufhören. Musste sie aufhören...

Sie wusch die schwarze Farbe aus und löste die sorgfältig befestigten, schwarzen Pferdehaarsträhnen aus ihrer eigenen Mähne. Langsam erkannte sie sich im Spiegel wieder. Sie sah müde aus. Ohne die blasse Schminke, die ihre Wangenknochen so betonte und ihren Zügen etwas Strenges, Unnachgiebiges verlieh, hatte sie wieder die üblich runden, mädchenhaften Wangen. Ihr Gesicht. Haydens Gesicht.
Der Magen der jungen Schurkin zog sich zusammen. Sie vermisste Garrett. Wie sehr sie ihn in diesem Moment gebraucht hätte, einfach um wieder daran erinnert zu werden, dass das, was sie tat, einen Sinn, einen Zweck hatte. Dass es ein Auftrag war, nichts weiter. Ein Auftrag, den sie sich selbst gestellt hatte. Und dass ihr Platz auf der Insel war.

Garrett...seine Anwesenheit hätte so vieles leichter gemacht. Doch er war fort und würde es noch einen guten Wochenlauf bleiben.
Bis dahin musste sie in ihrem Projekt Fortschritte erzielt haben...
Für einen Augenblick hatte sie sogar daran gedacht, Marzius Windwarden an Rahal auszuliefern. Möglicherweise könnte sie sein Leben irgendwann gegen das von Garrett eintauschen oder ihre Position in der Garde mit seiner Auslieferung festigen.
Es wäre ein harter Schritt. Irgendwas an dem stinkreichen Holzarbeiter mochte sie - und es war nicht sein Gold. Doch um ihre Ziele zu erreichen hatte sie früher schon Schritte ergreifen müssen, die nicht unbedingt angenehm waren - für sie selbst oder für andere.
Fürs erste jedenfalls verwarf sie den Gedanken. Rasven hatte Recht. Sie durfte nicht immer alles überstürzen. Ihre Ungeduld war ihr schwerstes Laster, das ihr möglicherweise eines Tages zum Verhängnis werden konnte...
Rasven. Der Mann, der blieb. Sie schmunzelte unweigerlich bei dem Gedanken daran. Zu ihm empfand sie eine Liebe, die sie mit Worten nicht beschreiben konnte. Sie liebte ihn wie einen Bruder - und doch war da noch etwas anderes. Sie hatte sich selbst dabei ertappt, wie ihre Blicke ihn streiften und ihr Körper sich stets nach Nähe sehnte - und wenn es nur ein Schlag vor den Hinterkopf war. Zwischen ihnen war eine Vertrautheit, wie sie nur die Jahre aufbauen konnten. Sie entschied sich, ihn in der nächsten Zeit öfters zu besuchen. Er würde ihr jede Sympathie zu Rahal schon aus dem Kopf schlagen, und wenn sie an seine Narben dachte, die ihm damals zugefügt worden waren, spürte sie den Zorn in ihrer Brust aufflammen.
Nein. Viktoria war ein Werkzeug und nichts weiter. Sie, Hayden, würde die Kontrolle über das Spiel behalten. Sie machte die Regeln, sie war der Leiter, und sie konnte abbrechen, wann immer sie wollte.
Auch, wenn sie die Zeit, in der sie Viktoria war und nichts weiter zu tun brauchte, als Befehlen zu befolgen, genoss, musste sie sich daran erinnern, dass sie unabhängig war und frei. Das hatte sie sich selbst ausgesucht. Und es war gut so.

Langsam öffnete sie die Türen des massiven Kleiderschranks und zog das Kleid hervor, das die Schützin ihr damals geschenkt hatte. Menekanische Mode. Ein schönes Stück. Die verrückten Turbanträger verlangten dafür mindestens fünfzehn Kronen...
Sie zog das Kleid über den Kopf und zupfte die Ärmel zurecht.
Die nächsten Tage würde sie mehr Zeit mit Dolli verbringen. Als Mutter taugte sie wirklich nichts. Manchmal wünschte sie sich, selbst wieder Kind in der großen, schützenden Sippe zu sein und mit Gregori und Tantchen und all den anderen am Lagerfeuer zu sitzen und wilde Lieder zu singen.
Sie konnte die Stimmen und das Gelächter noch hören, das beruhigende Prasseln des Feuers, das Schellen der Glockenkränze und die rauen, doch melodischen Gesänge der Muttersprache...
Besonders die Zeilen eines einzelnen Liedes blieben ihr heute im Gedächtnis...


[img]http://i2.photobucket.com/albums/y45/VitaniTheReal/wanderer.jpg[/img]

"Astazi poate nu gandesti
Nu-ti dai seama ca gresesti
Ca pe un strain tu ma privesti
Maine o sa-ti para rau
Shi-ai sa vii la pieptul meu
Sa te iert cum te-am ïertat mereu"

[Vielleicht denkst du heute nicht nach
Du merkst nicht, dass du einen Fehler machst
Du siehst mich an, wie einen Fremden
Morgen wirst du es bereuen
Und du wirst zu mir kommen
Damit ich dir vergebe, wie ich es immer getan habe...]



Sie dachte an Rasven.
Und heute hasste sie das Leben, das sie sonst stets zu schätzen wusste.
Die Tür fiel lautstark hinter ihr ins Schloss...
Rasven Valtaris
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Beitrag von Rasven Valtaris »

Mit einem leisen, hellen Geräusch peitschte die Sehne nach vorne und schleuderte den Pfeil surrend durch die Luft. Die rötlich schimmernde Spitze drehte sich im Flug, ehe sie auf ein schwarzes Kettenhemd traf und dort unter gequältem Ächzen die Ringe aufsprengte. Von weiter schräg hinter ihm surrte ein anderes Geschoss zielgenaue durch Luft. Fump. Mitten im Galopp fiel ein gepanzerter Reiter wie ein nasser Nack von seinem Ross, das noch etwas weiter lief, schließlich in den Trab überging.

„Halten Pferd!“, sprach der Wolf, der nach vorne auf den gestürzten Mann zutrat. Mit einem gezielten Tritt beförderte er den Rabenschnabel des Landsknechts außer Reichweite und begutachtete die Wunden des Kerls. „Leben wird er.“

<Nachdem der Labar zu sich gekommen war, haben Lupul und ich den Drecksack weggehetzt. Wer ist so abscheulich und greift als Panzerreiter ein Packpferd an? Porcule! Hat den armen Gaul einfach geprügelt… rein aus Spaß. Als wir dazu kamen meinte der auch noch große Töne spucken zu wollen. Hrmpf.>



Es war nun schon Wochen, gar Monate her, seit dem er Hayden das letzte Mal sah. Viele, viele Momente grübelte er anfangs nach, konnte seine Gedanken und seinen Kopf nicht von ihr lösen. Doch wie der Schnee vom letzten Jahr dem Frühling in seiner Blüte, dem Sommer in seiner Wärme wich, so wichen auch langsam die Erinnerungen. Die Zeit, die er damit verbrachte, sich mit Alkohol zu betäuben und nicht auch nur einen Fuß weiter aus seiner Höhle zu setzen, als es nötig gewesen wäre, schien vorbei zu sein. Alles, was den grimmigen Ras noch ablenken konnte, waren Jagd und Arbeit. Seine Ankunft in der Gegend lag schon lange zurück und bis jetzt hatte er es nicht geschafft, sich mit all dem einzudecken, dass für ihn wichtig war.

Es war an einem dieser Tage, in denen er wie so oft die nahen Wälder und Pässe durchstreifte, um sie von Untier und Unleben zu säubern. Alles schien seinen Gang zu nehmen, wie es besser nicht hätte sein können. Die Position, die er eingenommen hatte war erhöht, sodass er unter sich einen Pfad zwischen den Felsen ausmachen konnte. Das grüne Gras war befleckt. Rotes, zähes Blut klebte schon halb geronnen an den Halmen.


<Schon wieder? Ich war doch erst letzte Woche hier. Cacat! Die Überfälle werden schlimmer.>

Mit raschen Schritten und zugegebenermaßen schon einem oder zwei Schlücken zu fiel im Schälen ging er oben am Hang, der den Weg säumte, entlang. Mit suchenden grünbrauen Augen sah er nach unten, in der Hoffnung er könnte auf Überlebende oder zumindest die Räuber stoßen. Sie waren es, die er schon seit einiger Zeit verfolgte und es gelang ihm sogar schon zwei von ihnen mit einem gezielten Schuss zu töten – offenbar war das noch nicht genug und sie wollten sich nicht vertreiben lassen. Rasven war so fokusiert, dass er nicht bemerkte, das hinter ihm die eigentliche Gefahr lauerte.

„Argh! Ce draku?! Blestemat!“ schrie er vor Schmerz laut auf. Mit einem ekelhaften Knirschen bohrten sich lange, spitze Krallen durch das Leder seiner einfachen Rüstung. Sie gruben sich durch die Haut in die Schulter darunter. Als er ein Messer aus der Gürtelscheide riss und blindlings nach hinten Stach, ließen die kleinen Dolche von ihm ab und er hörte wie sich flatternd und schrill aufschreiend die Harpie in die Lüfte erhob. Mit hässlich verzogenem Gesicht ließ er seinen Dolch fallen. Als er den Blick hob, sah er, dass sich der Angreifer zu weiteren seiner Art gesellte, die am nahen Berg herumschwirrten. Der Griff ging flink nach dem Bogen, doch statt, dass er heldenhaft Pfeil um Pfeil auf die Abnormitäten schoss, nahm er die Beine in die Hand und rannte so schnell er konnte den Hang hinab, um im Wald Schutz zu suchen. Dort könnten sie ihn nicht von der Luft aus verfolgen, dort hätte er einen Vorteil. Regel 21: Nimm nicht jeden Kampf aus falscher Ehre an, suche den passenden Ort und Moment. Ein offenes Feld war kein passender Ort, um sich dieser Art Feind zu stellen. Eine verletzte Schulter, mit der man nichtmehr richtig kämpfen konnte war auch kein passender Moment. Der Weg zur Sicherheit war lang. Insgesamt noch zwei Mal stürzten die Raubvögelweiber auf ihn hinab und rissen durch Leder und Haut. Blutend und keuchend gegen einen Baum gestützt beschloss der Waldläufer in diesem Augenblick, dass er dringend neues und besseres Rüstzeug braucht, dass ihn vor Krallen, wie vor anderen widrigen Umständen schützt.



Das Pferd, das er Cal nannte, bekam er erst am Vortag beim Handwerkshaus von Gerimor. Als er zufällig einige Waren tauschen und erstehen wollte, wurde ihm erzählt, dass das Tier ein Fall für den Schlachter wäre, da man es nicht durchfüttern kann und für ihn keine Verwendung mehr hätte. Zum Verkaufen wäre er nicht gut genug gewesen. Nach nur sehr kurzem Nachgrübeln entschloss er sich gern dazu, sich um ihn zu kümmern. An Platz und Gesellschaft mangelte es im Wald nie. Nach dem Zwischenfall mit dem Debilen brachte Rasven Cal auf die Koppel im geheimen Tal, auf der schon einige Artgenossen ein friedliches Leben verbrachten und frei waren, bis einer der Brüder oder eine der Schwestern ein Pferd kurzzeitig benötigten. Keiner von ihnen ritt wirklich gern oder viel – durch das Gestrüpp kam man alleine viel leichter und unbemerkter.

Zurück in seiner anfangs nur provisorischen, jetzt dauerhafteren Bleibe im verborgenen Tal, holte er aus seiner Bettkiste das Prachtstück heraus. In der Zeit nach dem lehrreichen Vorfall mit den Harpien hat er das Saufen aufgegeben – zumindest auf der Jagd… Fast. An den Schultern erkannte man mattes, dunkelbraun lackiertes Metall, das im Zweifelsfall vor Bestienklauen oder auch den Angriffen verrückter Landsknechte schützen sollte. Rasven erinnerte sich zurück: Verschiedene Lagen – Zweikopf, Oger, sogar die Haut eines Dämonenfürsten – wurden geschickt über- und ineinander gearbeitet. Wie das ganze gemacht werden könnte zeigte ihm Wolf. Rasven hatte dem alten, seltsamen Kerl einiges zu verdanken. Eluive schien diesen Typen fast immer zu schicken, wenn er ihn brauchte: So auch an seiner Rückkehr mit zerfetzter Rüstung, vom Blut durchtränkt. Der Wolf war es auch, der ihm beibrachte und half, wie man die verschiedenen Lagen übereinander legen konnte.

Die Arbeiten an der Rüstung dauerten unzählige lange Stunden, denn der Prozess war aufwendig und erforderte eine Art Leim, den man nur an gewissen Orten finden konnte. Diese Orte waren nur wenigen bekannt, vermutlich ausschließlich dem Waldvolk. Das Harz sorgte mit dem magischen Flusswasser und einem Pulvergemisch aus Stechdorn, Dämonenknochenmark und Mabipilzen dafür, dass die Häute wie zu einer verschmolzen, ohne viel von den Eigenschaften einzubüßen. Das Resultat an sich war schon eine außergewöhnliche Rüstung, die jedoch noch mit maßgefertigten Beschlägen und Legierungsplatten aus einer Diamantstahllegierung verstärkt wurde. Im Vordergrund stand jedoch, dass das Metall niemals behindern oder gegen einander scharren und klappern dürfe. Rurik Donnerkeil, ein Schmied, den Rasven vor einigen Monaten kennenlernte, übernahm diesen Teil – keiner im Tal kannte sich wirklich tief gehend genug mit der Schmiedekunst aus. Der Zwerg hingegen war ein Meister seines Fachs, der auch unter seinen Artgenossen sicher nicht viele hat, die mit ihm gleichziehen können – zumindest sagte er das immer. Während der, der einst Valtaris genannt wurde, seine Kiste weiter behutsam ausräumte, kamen Gürtel und Hose zum Vorschein, die auf gleiche Weise gefertigt waren. Mit nachdenklich zu Falten gefurchter Stirn, schaute er auf die Kostbarkeit und sah doch durch sie hindurch.


<Hayden ist also wieder da… zumindest war sie das mal… sagt Sophie. Aufgesucht hat sie mich aber nicht. Dragul meu. Es ist so viel passiert, seit du gegangen bist, und doch hat sich nichts verändert. Jedes Mal, wenn du in mein Leben trittst, steht es auf dem Kopf. Was willst du hier? Was ist mit deinem Garret? Prostovan. Verfluchtes Arschloch. Du wirst ihr also nie weh tun? Ha! Das haben wir gesehn, Labar. Sie ist hier und das ohne dich. Mir hat mein Instinkt gleich gesagt, dass dir nicht zu trauen ist. Arme Hayden. Immer das falsche.. die falschen. Und lässt deinen eigenen Frate, deinen Bruder, für ihn sitzen. Einen Brief hast du mir dagelassen. Einen Brief. Wie soll ich den bitte lesen?! Cacat! Der alte Wirt meinte, dass irgendwas von Flucht und Abschied drin steht. Besoffener, stinkender Mistkerl…> Rasven wandte den Kopf zur Seite und spuckte verächtlich auf den Boden. Einmal für den „Monstertöter“ und einmal für den Schankmann, der sein Bier verdünnte.

<Warum hat sie mich immer noch nicht besucht? Bin ich wirklich aus ihrem Leben, nur weil ich den Scheisskerl nicht mochte? Hätte ich etwa mit den beiden fliehen sollen? Aber… selbst, wenn sie sauer war. Was ist das für ein jemand, der zwar eine neue Bekannte wie diese Sophie besuchen kann, sich aber nicht bei mir meldet? Wir sind zusammen aufgewachsen… schon immer gemeinsam. Sie war mir wie eine Schwester… oder ist sie es noch?>



Noch bis die Flamme in der Öllampe neben dem Strohbett flackerte, da das Öl knapp zu werden drohte, saß er mit angestrengtem Blick, gefurchter Stirn und wilden Gedanken da. Wie sehr er sich doch in diesem Moment nach einer Flasche Schnaps, nach einer Pfeife voll Wildkraut sehnte, doch das Leben lag hinter ihm. Alkohol und Rauschmittel waren Teil eines vergangenen Lebens.

Regel 25: Irgendwann wird uns unsere Vergangenheit einholen.

Eine Vergangenheit, in der es auch noch Hayden gab. Er vermisste sie, auch wenn er es sich nicht gern eingestand. In seinem Kopf flammten Bilder auf: Ein breites Lächeln, ein Kuss, eine wutverzerrte Fratze, eine Ohrfeige. Lag dies alles wirklich schon hinter ihm? War es das was er wollte? Seine Sora hinter sich lassen? Bei dieser Vorstellung brannte es unter seiner Brust. Dafür würde ihn aber auch in Zukunft nicht die beste Rüstung beschützen können.
Zuletzt geändert von Rasven Valtaris am Mittwoch 19. Dezember 2012, 09:28, insgesamt 2-mal geändert.
Hayden Valtaris

Beitrag von Hayden Valtaris »

Wie viele Monde seit ihrer Abreise tatsächlich vergangen waren hatte sie nie gezählt. Zu viele vermutlich. Zeit, in der sie ihre Lieben im Stich gelassen hatte. Und das ohne auch nur ein Wort des Abschieds.
Es hatte sich einiges verändert seitdem. Während der Zeit mit Garrett war sie glücklich gewesen. Sie hatten manches von der Welt gesehen und schlussendlich zurückgezogen genug gelebt, um die wunde Vergangenheit zu begraben, die sie beide - jeder für sich - hinter sich gelassen hatten.
Und dennoch hatte ein besonderer Schmerz nie aufgehört, sich wieder und wieder mit steigender Intensität zu melden.
Es dauerte nicht lange, bis sie wusste, dass ihre Entscheidung die Falsche gewesen war. Es dauerte nur, sich diesen Fehler einzugestehen. Mit ihm zerbrach die wohlige Illusion des Friedens, die sie und Garrett gemeinsam geschaffen hatten, und ließ Hayden mit schmerzender Leere und dem nagenden Gefühl zurück, das Wichtigste verloren zu haben. Waren es die merkwürdigen Gefühle gewesen, die sie letztendlich zur fluchtartigen Abreise getrieben hatten? Die Gefühle, die eigentlich nicht sein durften, die sich gleichzeitig falsch und doch so drängend anfühlten, dass es weder auszuhalten war, sich ihnen hinzugeben, noch ihnen abzuschwören?

Hayden schloß die Augen und konzentrierte sich einzig auf den kühlen Winterwind, der ihr mal in sanfteren, mal in heftigeren Böen ins Gesicht schlug und sie zittern ließ. Die Abenddämmerung brach bereits herein und der Gesang der Vögel klang nur noch gedämpft und vereinzelt durch die dicht verflochtenen Baumkronen des Waldes. Es roch nach Kälte, Schnee und nassem Holz. Kein Geruch, der Aufschluss über die Anwesenheit einer Person geben würde. Keine Rauchschwaden gelöschter Lagerfeuer oder das Geräusch zerbrechender Äste unter schweren Stiefeln. Einzig Waldesstille. So oder so - Sie hätte ihn ohnehin nicht gehört, wenn er es nicht gewollt hätte. Im Wald war er ein ebenso lautloser Jäger wie sie ausserhalb. Seufzend öffnete die junge Schurkin die Augen und blickte sich um. Natürlich vergebens. Rein einer blinden Hoffnung folgend, die ebenso schmerzte wie die drückende Leere, das Gefühl der Angst. Sollte sie ihn wirklich verloren haben? Ein einziger Abend, eine einzige, dumme Entscheidung, die ihre Schicksale für immer trennen sollte?

[img]http://i2.photobucket.com/albums/y45/VitaniTheReal/elven_forest_2_by_thephoenixdark-d5mx7ug-2.png[/img]

"Am nevoie de tine...." flüsterte sie in die Stille und hoffte, er würde sie hören. Es war ihr gleich, wie lächerlich sie sich machte, und ebenso wenig interessierte es sie, ob er sauer auf sie war oder nicht. Natürlich war er es. Er hatte jedes Recht dazu. Und doch hätte sie jeden Zornesausbruch, jede Wut über sich ergehen lassen, wenn sie dafür nur sicher sein konnte, dass er noch lebte, dass er Gerimor nicht verlassen hatte und sie sich immer noch sehen konnten. Dass sie immer noch seine Sora war. Oder vielleicht...etwas ganz anderes...

Als der Himmel sich zunehmend verdunkelte und auch der fahle Mondschein nicht mehr durch die kahlen Baumkronen bis auf den Waldboden reichte, zündete Hayden die Laterne an und machte sich auf den Heimweg. Ein weiterer Tag ohne ein Zeichen. Beobachtete er sie? War es seine Absicht, sie leiden zu lassen? Wann würde es vorbei sein und er sie wieder in die Arme schließen? Es half nichts. So sehr sie sich bemühte, ihre Gedanken zu ordnen, so sehr kreisten sie in einem wilden Chaos um ein und dasselbe Problem. Sie musste ihn finden, was auch immer es kosten sollte. Wenn nicht heute, dann morgen. Wenn nicht morgen, dann übermorgen. Und wenn nicht auf Gerimor, dann auf einem anderen Kontinent...

Als Hayden mit dem kleinen Schiff wieder auf La Cabeza eintraf, dämmerte bereits der Morgen. Noch war es frisch auf der Insel. Die schwüle Hitze sollte sich erst in ein paar Stunden ausbreiten. Mit müden, unsicheren Schritten taumelte Hayden über den Hafen auf das äusserste Gebäude geradeaus zu. Arte del Cuerpo. Sophies Laden.
Der Gedanke an die hübsche, exzentrische Magierin ließ sie für einen Augenblick den Schmerz vergessen. Sie hatte sie bei sich aufgenommen, als wäre Hayden nie ohne ein Wort fort gereist. Noch dazu war sie nun schwanger... Vallas verschollen, viele neue Gesichter, Aki Mitglied bei der Bruderschaft...es hatte sich so vieles verändert, und doch fühlte es sich an, als sei sie nur für ein paar Tage auf Reisen gewesen.
Abgesehen von Rasven.

Leise schloss Hayden die Tür auf, schob sich so lautlos wie möglich durch den schmalen Türspalt und achtete darauf, nicht versehentlich auf eine der herumstromernden Katzen zu treten oder gar eine aus der Haustür entwischen zu lassen. In der Dunkelheit tastete sie sich vorsichtig zu den zwei halbhohen Holztörchen, drückte sie auf und trat geräuschlos die steinerne Treppe empor. In der Küche streifte sie Mantel, Lederwarms und Stiefel aus und trocknete das vom Schnee feuchte Haar notdürftig mit einem Handtuch, ehe sie, ungeachtet ihrer eiskalten Haut, leise zu Sophie unter die Bettdecke im Schlafzimmer schlüpfte, sich vorsichtig an sie schmiegte und ihr Gesicht lautlos seufzend in der schwarzen Haarflut verbarg.

Auch in dieser Nacht träumte sie unruhig.
Träume, die besonders nach dem Aufwachen schmerzten.....

[img]http://i2.photobucket.com/albums/y45/VitaniTheReal/nwn___and_who_is_the_hunter_now__by_smailika07-d5a43rq1.png[/img]
Gast

Beitrag von Gast »

"Mir fehlt Haydi", hörte ich mich vor wenigen Tagen am Lagerfeuer vor Bajard seufzen. Eine Katze saß auf meinem Schoß. Ich kannte das Tier - Haydens Katze, die sie immer auf La Cabeza besuchen ging. "Ja, streu' noch mehr Salz in die Wunde", hallte Tristans Stimme durch meinen Kopf. Tristan? Ehrlich? Ungläubig sah ich in die großen Augen des Katers, und mein Streicheln hielt inne. Das Tier sprang mit Samtpfoten auf den freien Baumstamm und nahm seine menschliche Gestalt an, umhüllt vom dunklen Rauch. Tristan, in Persona, grinste mich an, ehe ich Nachdenklichkeit im Gesicht des Arkorithers ausmachen konnte. Sie fehlte ihm auch...

Weißes Haar schimmerte im Schein der knisternden Flammen, während Garretts Schritte näher kamen. "Sei nicht traurig, kleine Sophie. Hayden turnt gerade sicherlich über die Dächer einer fremden Siedlung. Ihr geht es gut", versuchte er mich zu ermutigen und nahm mich in die Arme. Ich nickte, wollte ihm Glauben schenken, aber warum sollte sich Hayden nicht melden? Ich hatte befürchtet, ihr unwichtig geworden, und in Vergessenheit geraten zu sein. Wirklich? Würde sie mich vergessen? Wir haben viel miteinander erlebt, und die freche Schurkin ist mir ans Herz gewachsen. Sollte sie, die für mich wie eine Schwester war, die Erinnerungen tatsächlich verdrängt haben? Nein! Damit wollte ich mich nicht abfinden. Aber andererseits war ich ohnehin nicht fähig, etwas zu unternehmen; Hayden würde nicht zurückkehren. Dieser kleinen, schelmischen Person schrieb ich zwar Widerstandsfähigkeit zu, allerdings hatte sie ihre Grenzen. Und sie wirkte ohnehin angeschlagen, als wir uns das letzte Mal sahen. Zu viel schwirrte in ihrem feuerroten Schopf herum, was ich nicht erfahren hatte. Anstatt ihr die Ohren mit meinen Problemen voll zu jammern, hätte ich Empathie zeigen können. Hätte, hätte, hätte... Der Mensch sinniert gerne über Probleme, wenn es längst zu spät ist. Der Konjunktiv verbleibt, weckt Fantasien, unrealistische Gedanken. Er tröstet. Irgendwie.

"Hayden! Komm' mal her, Jaron ist da!", brach Rohnjas Stimme die gestrige Abendstille der cabezianischen Insel. Nicht, dass es hier jemals richtig ruhig wäre, aber es war - ja - ruhiger, als sonst. Ruhig genug, um mich der Arbeit zuzuwenden: Leonas Tätowierung wollte fertiggestellt werden; die arme, junge Heilerin tat mir Leid. 'Was schreit die jetzt so herum!?', muss sie sich entnervt gedacht haben, als ich sie hörte: Hayden! Tatsächlich!? Sie war da! Sie war zurück auf La Cabeza: "Is' gut, ich komm' schon", rief sie. "Ach, du Scheiße! Hayden!? Bist du's!?", schrie ich zurück. Aber anstatt Hayden, antwortete Rohnja zuerst: "Sophie, du schwangere Seekuh! Beweg' deinen Arsch hierher!" - Dann drang erneut Haydens Stimme durch die abendliche Ruhe: "Sophiebebi, wo bist du?" - "Hier! Im Laden!", als ob sie hätte wissen können, wo der sich nun befand. Vieles hatte sich verändert, seit ihrem letzten Aufenthalt auf der Insel, als wir gemeinsam 'Arte del Cuerpo', unser Geschäft für exzentrischen Körperschmuck und Tätowierungen, eröffnet hatten. Ich spürte, wie mir die Tränen heiß über die Wangen liefen, und ich war froh, ein verständnisvolles Lächeln auf Leonas Lippen zu sehen. "Ist sie das?", fragte sie mich im hauchend leisen Tonfall.
"Ja."
"Na los, lauf' zu ihr hin!"
"Sie hat mich gehört, und sie ist wieder hier. Das reicht mir, Leona."
"Sophie, kommst du jetzt oder nicht!?", schrie Rohnja.
"Ich muss arbeiten!", antwortete ich grinsend, und war dankbar, dass La Cabeza meine Stimme geschult hatte, was das Durch-die-Gegend-brüllen anging. Keine zwei Atemzüge später, ich hatte Leonas Hautbild fertiggestellt, klopfte es an der Türe. Jaron, Rohnja und Hayden stürmten in den Laden. Wortlos warf ich meine Arme um meine rothaarige Freundin und drückte meine Stirn an ihre Schulter. Wieder spürte ich Tränen auf meinen Wangen. Verfluchte Tränen! "Wehe, du haust wieder wortlos ab", lauteten meine ersten Worte des Wiedersehens.

Nun liegt sie neben mir, in dem großen Bett an der Wohnküche. Sie muss unter die Decke gekrabbelt sein, während ich schlief. Habe ihr gesagt, sie könnte mit mir zusammenwohnen, den Laden wieder aufmachen. Hab' ihr die Schlüssel gegeben. Ich fahre gedankenverloren mit der Linken durch das braunrote Haar und lächle selig. Sie schläft. Meine Schwester im Geiste ist zurück. Endlich...
Rasven Valtaris
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Beitrag von Rasven Valtaris »

Die Gräser sind plattgewalzt, die Büsche mit grober Klinge zur Seite gehauen worden. Das Laub und die Äste, die dabei auf den Boden gefallen sind, haben sich durch dutzend von Stiefeln festgetreten und einen Trampelpfad gebildet, der in leichten Schlangenlinien durch den Urwald führt. Die Respekt- und Achtlosigkeit der verdorbenen Völker. Selbst Monate nach dem großen Krieg auf Lameriast, sind die Orks niemals ganz zurückgedrängt worden. Einzelne, kleine Trupps strömen immer wieder vom Fort aus, dringen durch das Dickicht vor und suchen in beständiger Gier nach Beute, befriedigen ihren Drang nach Zerstörung. Das ist einer der Gründe gewesen, weshalb der mürrische Waldläufer die Insel seither nicht verließ, nicht zum Festland zurückgekehrt ist. Hier sind die Wälder gefährlich und schier endlos - der Winter nicht so verflucht kalt, wie auf dem Festland. Hier ist er vor allem weit weg, von dem, was er vergessen will. Von dem, was ihn hinter sich gelassen hat. Es sind schmerzvolle und gleichzeitig schöne Erinnerungen an eine Zeit, die ewig ihm so ewig vorkommt. Ausgelassenes Lachen, Feiner Sand, weiche Haut, neue Brüder, aber auch Schreie der Agonie, gezielte Hinrichtung, falsche Gefühle, tiefer Schmerz, brennende Eifersucht.


[img]http://i2.photobucket.com/albums/y45/VitaniTheReal/JUNGLE.png[/img]


Die vom Tageswerk rauen Hände umfassen den Steinmörser, lassen ihn behäbig in der Schale kreisen. Nach wenigen rührenden und stampfenden Bewegungen wird das grobe Pulver vorsichtig in die Pfeife umgefüllt. Routiniert greift Rasven nach einem Stück getrockneten Dschungelgras und entzündet es am Feuer, danach das Köpfchen der grob geschnitzten Pfeife. Zwei kräftige Züge und das Kraut beginnt zu glühen. Die Lippen schließen sich gespitzt um das Mundstück. Der kurze, stoppelige Bart wurde länger und länger. Das zugewucherte Gesicht, wird von langen, filzigen Haaren eingerahmt und vervollständigt das Bild des Einsiedlers. Eine kleine Wolke steigt auf zum Dach der kleinen Hütte auf. Das Schicksal meinte es gut mit dem Heimatlosen. Kurz nach seinem Exil vom Exil, stieß er auf einige kleinere Hütten, die praktischerweise auf Pfählen standen, damit sie nicht von Raubtieren heimgesucht wurde. Warum die Vorbesitzer alles zurückließen, ist ihm bis heute ein Rätsel: Sei’s drum. Für ihn reicht es auf jeden Fall. Man könnte ein zufriedenes und erlösten Seufzen hören. Einer wie er kennt gegen fast alles die passende Pflanze – auch gegen Verletzungen, die man sonst nicht sehen kann.

Wenn man sich auch nur flüchtig in der Hütte umsieht, merkt man schnell, dass er sich nicht sonderlich um die Sauberkeit und den Zustand kümmert. Die leeren Ton- und Glasflaschen haben inzwischen eine Ecke komplett für sich in Anspruch genommen, liegen dort einfach herum. Der starke Fusel, den man hier bekommen kann, sorgt dafür, dass er sich fast kontinuierlich in einem dumpfen Rauschzustand hält. Es gab in der Vergangenheit schon Zeiten, in denen er dem Laster erlegen war: Die Zeit nach Tecklenstein, nach der Kompanie. Jahre waren vergangen. Jahre in denen er sich wieder im Griff hatte und die Schrecken seiner Vergangenheit hinter sich lassen konnte. Den Rum bezieht er von der örtlichen Taverne in Neuhafen. Bis auf diese regelmäßigen Erledigungen, hat er seither mit fast keiner Menschenseele mehr gesprochen, sich komplett in den Schoß der Natur zurückgezogen. Bei seiner Erscheinung und der entsprechenden Duftnote vielleicht besser. Früher hat er mehr wert auf die Hygiene gelegt, allein schon, damit ihn wilde Tiere schwerer wittern konnte. Jetzt rafft er sich nur unregelmäßig zum Gang im See auf, obwohl der direkt vor der Hütte zu finden ist. Die Einsamkeit wird betäubt, die Depression versucht mit Kraut in den Griff zu bekommen. Die Übergriffe der Orks sind dieser Tage durch das Zutun der Thyren und anderen Recken selten geworden. Kleine Grüppchen und Einzelne lassen sich aus dem Hinterhalt selbst vernebeln noch gut vertreiben. Sicherlich trifft bei weitem nicht mehr jeder Pfeil genau in sein Ziel, aber für die primitiven Kreaturen reicht es meistens.



Jeder Tag gleicht dem anderem: Ras steht auf, fühlt seinen Kopf heftig pochen, greift neben sich und wühlt sich durch leere Flaschen, bis er die findet, in der noch ein Rest zu finden ist. Gierig wird der Inhalt die Kehle heruntergeschüttet. Ein warmes, irgendwie beruhigendes Brennen breitet sich aus. Nach der ersten Pfeife, dröhnt es nicht mehr. Ein angenehmer Nebel, eine Leichtigkeit umhüllt ihn. So lässt sich der Tag immerhin überstehen. Im Trott kontrolliert er seine Fallen, streift durch den Wald. Wenn nichts passiert, also zur meisten Zeit, schnitzt er oder angelt sich sein Abendessen. Tief in der Nacht, an der Feuerstelle der Hütte, schläft er irgendwann vor Erschöpfung ein, bis er am nächsten Tag von vorne anfängt. In diesem Zustand hat er wenig Augen für die paradiesische Schönheit der Insel, die ihn anfangs zum Erkunden und Genießen einlud: Herrliche Gebirge, klare Gewässer, ausgedehnte Sandstrände, urbelassene Wälder, exotische Tierwelten. Alles verschwindet hinter dem Schleier, den er schwer durchbricht.

Das einzige Problem in diesem Traum von einem Leben ist, dass sich sein Körper immer weiter an die Drogen gewöhnt. Er braucht immer mehr, um sich so stark zu sedieren, dass er die Erinnerungen und die damit verbundenen Träume und Gefühle unterdrücken kann. Es ist aber nicht immer genug zu finden, genug einzutauschen. In letzter Zeit plagen ihn die alten Träume. Träume von Personen aus einem Leben, das so fern scheint. Träume von einem glücklichen und besseren Leben, in dem er den Alkohol nicht braucht. Das sehnsüchtige Ziehen in der Magengegend ist schlimmer, als die Kopfschmerzen. Innerlich weiß er genau, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Eines Tages muss er sich stellen oder wird sich unweigerlich tot saufen. Es ist aber immer ein Unterschied die Wahrheit zu kennen oder sie sich einzugestehen. Sein Onkel Vlad hatte recht, als er gesagt hat, dass die Vergangenheit zurückkehrt.



Wenn du versuchst deine Probleme und deinen Schmerz zu ersäufen, lernen sie irgendwann zu schwimmen.
Zuletzt geändert von Rasven Valtaris am Dienstag 15. Januar 2013, 17:06, insgesamt 3-mal geändert.
Hayden Valtaris

Beitrag von Hayden Valtaris »

[img]http://i2.photobucket.com/albums/y45/VitaniTheReal/Pirate_Ship_Graveyard____by_Miggs69-1.png[/img]

Ein Sturm brach über die Insel herein.
Erst war es nur ein Grollen in der Ferne, das langsam näher rückte und eine dichte Wand schwarzer Wolken vor sich herschob.
Dann brach der Himmel auseinander und prasselnder Regen ergoß sich monsunartig über die tropische Insel, während donnernde Blitze die aufgezogene Düsternis erhellten. Der Wind peitschte Hayden schneidend ins Gesicht und zerrte an ihrem Haar. Sie verengte die Augen, blickte aus nassen Wimpern aufs offene Meer hinaus, beobachtete die Wellen, die sich gefährlich auftürmten und dann brachen - in der Ferne glaubte sie, ein Schiff zu erkennen. Möglicherweise aus Bajard. Vielleicht würden seine Trümmer bald an den cabezianischen Strand gespült. Es kümmerte sie nicht. Ihre Gedanken schweiften mit dem Wind in alle Himmelsrichtungen, drehten sich um sich selbst, um kürzliche Ereignisse, um Personen - vorallem um eine. Sie hatte Rasven nicht finden können.
Sie hatte Tage und Nächte in den Wäldern verbracht, hatte geflüstert, geredet, geschrien - kein Lebenszeichen von ihm. Es blieben nur zwei Möglichkeiten. Entweder er war tot ... oder er hatte Gerimor verlassen. Niemals hätte er sie so lange ohne ein Zeichen suchen lassen, wenn er sich ihrer Anwesenheit bewusst gewesen wäre. Sie verdrängte die erste Möglichkeit und ging stattdessen in Gedanken all die Orte durch, an denen er sich aufhalten konnte, doch es waren zu viele. Woher sollte sie schon wissen, was in seinem verletzten Hitzkopf vorgegangen war, seit sie damals mit Garrett abgereist war?
Das regendurchnässte Haar fiel ihr in dicken Strähnen ins Gesicht, als sie im nassen Sand nach ihrer Rumflasche tastete und die Lippen um den Flaschenhals schloss. Rum war in dieser Zeit der beste Freund.
...Neben Bartos, musste sie zugeben. Der alte, verrückte Pirat war ihr binnen weniger Tage ans Herz gewachsen und gab ihr trotz seiner - oder vielleicht sogar gerade dadurch - herzlich, schroffen Art ein Gefühl von Halt und Geborgenheit in diesen verworrenen Momenten, in denen sie ein Strudel von gegensätzlichen Gefühlen in die Tiefe zu ziehen drohte.
Wie immer hatte sie aus einer puren Laune heraus gehandelt, als sie sich kurzerhand dazu entschloß, sich mit ihm eine Wohnung zu teilen.
Warum auch nicht? Sie brauchte Gesellschaft. Er auch. Schon längst glaubte sie nicht mehr daran, dass er so einfältig und oberflächlich war, wie er sich der einfachheithalber gern gab.
Es steckte IMMER mehr dahinter, als es den Anschein machte. Der Gedanke, in ihm einen Verbündeten, einen Freund gefunden zu haben, mit dem sich die Zeit vertreiben ließ und der gleichzeitig Ansprechpartner und Trost in schwierigen Situationen sein konnte, stimmte sie ein wenig versöhnlicher mit ihrem Leben. Sie versprach sich insgeheim, ihm dieselbe Stütze zu sein, die sie in ihm sah.

Schmerzhafter hingegen war der Gedanke an Garrett.
Seit ihrer Rückkehr hatte sie oft an den Augenblick gedacht, an dem sie ihm wieder gegenüber stehen würde. Sie wusste, er würde nach ihr suchen. Und sie wusste auch, dass er sie finden würde - irgendwann. Sie hatte viele Nächte lang wachgelegen und versucht, die passenden Worte zu finden - die, die die Wahrheit sagten, ohne zu verletzen. Doch es gab sie nicht.
Sie musste Garrett verletzen, wie sie zuvor Rasven verletzt hatte. Und jedesmal war die Klinge zweischneidig und grub sich ebenso erbarmungslos in ihr eigenes Fleisch.
Als sie den weißhaarigen Krieger schließlich des Nachts in Bajard antraf, schweigsam in Sophies Begleitung, war sie gänzlich unvorbereitet. Die Worte fielen wie spitze Körnchen - schmerzhaft, gezwungen. Er verstand sofort. Natürlich...
Sie spürte den Aufruhr in ihm, auch, wenn er sich gefasst gab, kühl, unnahbar. Sie spürte es genau daran. Als er ging, riss das Band zwischen ihnen endgültig, hinterließ eine schmerzende Wunde voll Schuldgefühl. Hayden verdrängte die Erinnerung und stellte die Rumflasche ab, um das triefendnasse, fuchsfarbene Haar auszuwringen.

Dann dachte sie an Jane. Die aufbrausende Piratin, deren Sohn sie schon das ein oder andere Mal aus dem Wasser hatte fischen müssen. Jetzt war er auf See, und Janes Mann Jaron Gouverneur.... Sie schätzte Jane für ihre direkte Art und ihren Mut, zu sagen, was sie dachte - ganz gleich wem gegenüber. Sie war nicht bloß ein freches, kaltschnäuziges Gör, von denen es auf Cabeza so einige gab - sie war eine Frau mit Charakter, Verstand und einer gehörigen Portion Mumm, die nicht nur gespielt, sondern echt war. Sie nahm kein Blatt vor den Mund - auch nicht gegenüber Alessio. Nachdenklich rieb Hayden den nassen Sand von Armen und Beinen, während sie aufs Meer hinaussah. Der Sturm hatte sich gelegt, die Wolken zogen weiter...bald würde wieder die Sonne scheinen, als sei nie etwas gewesen. Aus der Ferne trieben Trümmer immer näher, schrammten an den steilen Klippen vorbei.
Alessio...
Er war der Erste gewesen, den sie auf La Cabeza kennen gelernt hatte. Der erste, zusammen mit Esteban. Sie war dem Jungen aufs Schiff gefolgt, hatte im Weinkeller Anschluss gefunden - im ersten Moment hatte der gutaussehende, breitschultrige Pirat ihr die Sprache verschlagen. Zu behaupten, sein Charme hätte sie damals kalt gelassen, wäre eine glatte Lüge gewesen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie merkte, dass er an ihr nicht das geringste Interesse hegte - jedoch an nahezu jeder anderen Frau, ob Insulanerin oder Festländerin. Mehr als einmal hatte sie eifersüchtige Stiche gespürt, wenn er den anderen Frauen nachpfiff und die Ausschnitte begaffte, als handele es sich um Kisten voll Gold. Irgendwann war die Eifersucht geschwunden. Sie hatte sich damit abgefunden und war im Nachhinein erleichtert darüber, als eine der Wenigen von sich behaupten zu können, nicht mit ihm in den Fellen gelandet zu sein. Betthäschen war einfach kein Nebenberuf für sie. Ganz oder gar nicht. Und das gab es bei Alessio nicht. Zumindest damals nicht...

Während ihrer Abwesenheit hatte sich einiges verändert.
Insulaner waren gegangen und gekommen, und Alessio hatte eine beängstigende Sympathie für Rahal entwickelt, die der jungen Schurkin die Galle aufsteigen ließ. War er damals für sie das Symbol La Cabezas gewesen, so spürte sie heute blanke Wut, wenn sie an seine Worte dachte.
Sollte hinter ihm wirklich nichts weiter als ein geiler Hengst stecken, dem die Worte "Freiheit" nichts bedeuteten, als zu besteigen, wen immer er wollte? Hatten die Pantherdiener es tatsächlich geschafft, den Piraten in ihre Fänge zu ziehen? Hayden spuckte angewidert zur Seite aus und griff die Rumflasche erneut aus dem Sand.
Er würde sich entscheiden müssen. La Cabeza oder Rahal.
Jane hatte Recht. Die Insel brauchte eine neue Ordnung. Sie brauchte Zusammenhalt und Konsequenz. Und Hayden würde tun, was immer nötig war, um dieses Ziel durchzusetzen...

Sie war zurückgekehrt, um Rasven zu finden.
Stattdessen hatte sie eine Aufgabe und einen Freund gefunden.
Beides würde zumindest zeitweise helfen, die reissende Sehnsucht in ihr zu betäuben...

Die Frage war nur, für wie lange.
Zuletzt geändert von Hayden Valtaris am Donnerstag 14. Februar 2013, 14:52, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

"Mama? Wo bist du?"
Ein kleiner Junge mit schwarzen Haaren und grünen Augen dreht den Kopf in meine Richtung. "Mama, Hilfe", höre ich ihn flehen - ist das mein Sohn? Ich versuche meine Hand nach ihm auszustrecken, rühre mich jedoch nicht vom Fleck. "Das ist ein böser Mann. Er wird mir wehtun, Mama. Hilfe!" - "Ich kann nicht..."
Eine mir unbekannte Macht hält mich fest. Keine Magie. Ich werde nervös und starre den Jungen hilflos an. "L-Lass' mich frei, w-was auch immer du bist!", stottere ich nervös, und ein schallendes Lachen sollte als Antwort fungieren. Der Raum ist schwarz, grauer Nebel lässt den Jungen, der eindeutig meine Züge trägt, verschwinden, saugt ihn förmlich auf. "Mama, hilf mir!", schreit er, und Tränen schießen mir in die Augen. "Bitte tu' ihm nichts, lass' ihn gehen", flehe ich. Wieder ertönt das spöttische Lachen, ehe es in einem leisen Echo abebbt. Mir kommt die Stimme bekannt vor und ich stutze. "Drakhon..."

"Nein!"
Mein Herz rast, ich reiß die Augen auf, und schnappe stöhnend nach Luft. Mein Körper bebt, Schweiß glänzt auf meiner Haut, und ich brauche einen Moment, um mit geschlossenen Augen zu realisieren, dass ich gerade aus einem Traum erwacht bin. Meine Hand drückt gegen die Stirn, während die Katze, ihren Kopf an meinen Unterarm schmiegend, nach Futter maunzt. Ich nehme sie in die Arme, kraule ihren Rücken, und wirke gedankenverloren. Was sollte der Rabendiener von meinem Kind wollen? Das war, hoffentlich, bloß ein schlechter Traum. Ruckartig lasse ich die Katze los, mein Herz macht einen Sprung, und ich führe die Fingerspitzen über meinen schwangeren Bauch. Tief durchatmend, vor Erleichterung, entsende ich Eluive einen stummen Dank, ehe ich mich mühsam aus der warmen Decke schäle. Es ist kalt geworden, ungewöhnlich kalt, selbst für La Cabeza. Ich setze einen kleinen Topf mit Mokka über die Feuerstelle, und kümmere mich darum, meine beiden Stubentiger mit Futter zu versorgen, die unablässig maunzen und ihre kleinen, pelzigen Köpfchen an meine Beine schmiegen. Sie trösten mich ein wenig darüber hinweg, dass Hayden nicht mehr im Haus ist.

Where there is desire
There is gonna be a flame
Where there is a flame
Someone's bound to get burned


Rasch schlüpfe ich in den warmen Morgenmantel, und bin froh darüber, pessimistisch gedacht zu haben: "Auch auf La Cabeza wird's sicherlich mal kalt werden", habe ich zu Luni gesagt, und das Kleidungsstück kurzerhand mitgenommen. Während ich einen Teller aus meinem Küchenschrank ziehe, fällt mir ein ledernes Etui auf den Boden. Tabak- und Krautröllchen befinden sich darin. Ich hebe den Gegenstand auf, und verdränge rasch den Gedanken, meinen Kummer im Rausch zu ertränken; das Kind wäre über eine neuerliche Abhängigkeit sicherlich nicht erfreut. Etwas widerwillig werfe ich das Etui aus dem Fenster in den schmutzigen, cabezianischen Straßenfluss, und setze mich, tief durchatmend, an den Frühstückstisch. Seltsame Mischung, muss ich feststellen - aber sie schmeckt: Erwärmte Bratkartoffeln vom Vortag mit ungesüßtem Mokka. Vermutlich spielt mir die Schwangerschaft wieder einen Streich; für gewöhnlich hasse ich bittere Speisen und Getränke. Während ich lustlos einen Happen nach dem anderen kaue, lasse ich den Blick über die restlichen drei Sitzplätze gleiten, und stelle mir kurz Haydens Silhouette vor, wie sie mich anlächelt. Freundinnen haben mir versichert, für mich da zu sein, und dennoch schnürt mich das Gefühl der Einsamkeit ein. Ich weiß nicht, ob ich mir das alles wirklich gewünscht habe - für mein erstes Kind: Aufgewachsen in den Armen einer Alleinerziehenden, gemeinsam mit einem Mann, der einer festen Beziehung absolut abgeneigt war; wenngleich sie, was das Körperliche anging, dennoch funktionierte. Immerhin freut er sich. Dann schüttle ich den Kopf, und sinniere darüber, wie es außerdem hätte es sein können: Unter einer Brücke auf dem Festland schlafend, und mit dem Kind im Bauch langsam den qualvollen Kältetod sterbend. Nein, vielleicht sollte ich tatsächlich glücklich sein...

Funny how the heart can be deceiving
More than just a couple times
Why do we fall in love so easy
Even when it's not right



(Lyrics: Pink - "Try")
Rasven Valtaris
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Beitrag von Rasven Valtaris »

Zufrieden mit seinem Streifzug durch die Urwälder der freien Insel kehrte zu den Hütten zurück, in denen er sich häuslich niedergelassen hatte. Die Routine des Tages hatte ihn langsam zurück und er bildete sich sogar ein, dass er wenig soff wie früher. Naja. Vielleicht erinnerte er sich auch einfach nicht mehr daran, wie es anfangs gewesen war, als er nur ein Quartier für den kalten Winter suchte. Es war nicht geplant gewesen, dass er für lange Monate aussiedeln wollte, doch genoss er die Ruhe, Abgeschiedenheit und Einfachheit. Durch den grünen Vorhang des Dschungels konnte man schon die Holzbehausungen erblicken, doch etwas stimmte nicht. Mit scharfem Blick stellte er fest, dass einige Sträucher zu Seite gehauen waren. Es lagen Ästchen auf dem Boden. Jemand war hier. Auf möglichst leisen Sohlen schlich er sich weiter voran. In automatischer Trance klemmte sich die Nocke um die Bogensehne. Noch zwei Schritte und er würde sehen, was sein fragwürdiges Paradies störte.

<Ich hab echt gedacht, dass dasn verfluchter Räuber ist und mir meinen Schnaps klaun will. Aber ich war auch schon recht besoffen, muss ich zugeben. Mit allem hätt ich gerechnet, aber damit.. Rahat...>

Die Gestalt dem bärtigen, miesgelaunten Rasven gegenüber war viel zu dürr für einen Ork. Außerdem tragen Orks keine so feinen Rüstungen. Es musste sich demnach um eine Vorhut oder eine Dirne oder beides handeln. Der Pfeil durchschnitt mit einem leisen Pfeifen die Luft und bohrte sich tief in den Erdboden zu ihren Füßen. Der Warnschuss konnten sie nicht vertreiben, nicht einmal dazu bewegen, ihre offensichtliche Bewaffnung zu zücken und auf ihn loszugehen. Es folgte auch kein Schrei, der möglicherweise versteckte Kumpane herbeirufen würde. Sie stand einfach nur da und schaute ihn an. Er brüllte, mit einem lallenden Tonfall: „Verpiss dich! Ich hab nichts! Der nächste Pfeil sitzt!“ Es dauerte eine kleine Weile, bis die Gestalt sich überhaupt rührte – einen weiteren bis sie sprach. Im ersten Augenblick schien es, als wäre sie es gewesen, die nach ihm geschossen hätte. Die Worte drangen tief in ihn ein, durchbrochen Rüstung, Dreck, Haare und sogar den Schleier des Rauschmittels. Es war die Sprache seiner Heimat. Die Sprache der fahrenden Leute, der Tunichtgute, der Gaukler, der Akrobaten, der Außergewöhnlichen… und denen, die an keinem Ort sehr lange willkommen waren. Es war die Sprache der Sippen, zu denen er auch einmal gehört hat.

„Ras… was ist los mit dir?“ Hayden sprach mit brechender Stimme – lauter als zuvor, als hätte er sie nur angebrüllt, weil es sich wirklich um eine Verwechslung, ein Missverständnis handelte.

„Hier gibt’s keinen Ras. Der hat Gerimor lang den Rücken gekehrt.“ Dabei umgriff er den Bogen fester, senkte das Haupt, als könne der Vorhang aus filzigen, langen Haaren in Verbindung mit dem vollbärtigen Gesicht über seine Identität hinwegtäuschen. Es gab schließlich überall Räuber und anderes Gesindel – auch hier.

„Mach was du willst mit mir, Frate, aber tu mir das bitte nicht an… Ich hab alles verdient, aber bitte nicht das.“

„Du willst also zu deinem Bruder? Wie du willst.“ Abermals spannte sich die Sehne in einer flüssigen Bewegung. Durch die puscheligen Dämpfer an den Enden wird der Knall stark gedämpft. Der Pfeil zischt keine Handbreit an ihrem Haar vorbei, zieht es im Luftstrom sogar kurz mit sich. „Wehr dich verdammt! Dein Bruder ist tot!“ Die Stimme des Waldläufers ist zu einem Brüllen angeschwollen. Durch den fettigen, filzigen Vorhang verborgen, bahnt sich eine verzweifelte Träne den Weg über die Wange des Waldläufers. Sie nimmt dort den trockenen Staub auf, färbt sich zu einem tiefen Braun.
Doch die zierliche und im Vergleich saubere Gestalt lässt sich davon nicht aufhalten. Kaum ein Zucken geht durch ihren Leib. Statt, dass sie ihre Waffe zieht oder das Weite sucht, geht sie einfach mit langsamen Schritten auf ihn zu. Der Bogen landet mit einem leisen Rascheln auf dem nahen Gebüsch. Nach den lauten Worten in der Heimatzunge, kehrt nun Stille ein. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck sinkt der nunmehr knochig gewordene, magere, ungepflegte Kerl auf die Knie, an der grünen Grenze des Waldes.


„Verschwinde. Verschwinde endlich. Du bist nicht echt. Du bist weg… verschwinde aus meinem Kopf. Das ist nur wieder einer dieser Träume.“ Fast erbärmlich flehend klingt die Stimme Rasvens. Selten hatte man den Eindruck, dass er dem Wahnsinn so nahe war. Einsamkeit, Alkohol, spezielle Pilze, Sehnsucht, Ungewissenheit und kein Ziel können selbst einen starken Baum in fällen. Schon längst konnte auch die, die er am längsten kennt, nicht ihre Fassung halten. Aber immerhin kullern ihre Tränen mit einem großen Maß mehr würde aus ihren Augenwinkeln. Er hatte kaum bemerkt, dass sie sich ebenfalls hinabsinken ließ und sich ihre Arme um ihn geschlungen haben. Alles schien wie in seinen Träumen langsam und verschwommen zu passieren. Schon oft hatte er Bilder im Kopf, in denen sie wieder zurückkehrte oder gar nicht erst einfach verschwand. Es waren jene Eindrücke, die ihn immer wieder marterten und verhinderten, dass er endlich vergessen konnte. Zitternd drückte er die Beine durch, versuchte sich zu erheben, doch selbst ihr eigentliches Fliegengewicht war für ihn zu viel und so plumpste er zurück auf das weiche Gras.

„Iarta ma, frate. Vergib mir.“ Immer noch die Worte der Heimat, die durch den Schleier seine Wahrnehmung erreichten. Dem Schmutz und Geruch zum Trotz ließ Hayden nicht ab, sondern klammerte sich einfach stur weiter an ihn.

„Du kannst nicht einfach… nicht einfach so wiederkommen, nachdem du mich für Monate allein gelassen hast Ich dachte… ich wusste gar nichts! Kein Zeichen! Keine Nachricht!“ Mit verzweifelter Kraft konnte er sich schließlich befreien. Wacklig erhob er sich und strich die wallenden Haare zurück, um besser sehen zu können, um Klarheit zu bekommen.

„Es war der größte Fehler, den ich machen konnte. Ich war dumm. Tu mit mir was du willst. Schlag mich, sei wütend… aber stoß mich bitte nicht weg!“

„Cacat! Es waren Wochen… Monate.. es war verficktnochmal mehr als ein Jahr! “ Seine Stimme hob sich wieder an. Sein Temperament fand den Weg zurück zu ihm. Er wurde lauter und leidenschaftlicher. Man konnte regelrecht sehen, wie seine Stimmung umkippte, sich der Groll aufbaute.

„Verfluch mich solange du willst. Lass mich einfach nur deine Sora sein. Ich weiß… es war lange und ich… sag es einfach. Ich tue alles!“ Es war eindeutig Verzweiflung, die man aus ihr sprechen hörte.

„Lass mich… einfach in Frieden! Geh zu Garro, Alessio oder für wen auch immer du deinen Bruder vergisst. Wer auch immer so wichtig ist, dass ihm den Dolch in sein Herz rammst. Den scheiss Diamantstahldolch, den er dir schenkte!“ Mit offener Verachtung und Zorn stieß er sie vielleicht doch ein wenig zu fest von sich weg und spuckte dann neben sich auf den Boden aus – ein eindeutiges Zeichen seiner Wertschätzung und Meinung über die vergangenen Ereignisse.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dann wäre es nur gerecht, wenn es deiner Sora auch so geht. Sag es und ich mach es.“ Rasven hatte sich bereits abgewandt und wollte fast feige vor weiterem Schmerz oder der Konfrontation fliehen. Dieser Momente reichte, dass Hayden erstaunlich flink an ihren Oberschenkel griff und eben jene meisterliche Klinge aus Zwergehand zog. Zielsicher setzte sie die Spitze auf ihren linken Brustpanzer. Die Bernsteine in ihren Augen glänzen von den salzigen Tränen.

Der große Kerl mit den eingefallenen Wangen wandte sich ihr wieder zu. Noch in der Drehung hob er ruckartig sein Bein. Man hörte ein leises, unangenehmes Knacken, als die verstärkte Stiefelspitze ohne Rücksicht oder Mitgefühl das Handgelenk trafen. Der Dolch wird ein kleines Stück weiter in die Wiese geschleudert, findet aber von keinem der beiden Beachtung. „Catea nebun! Ich hoffe es tut weh, damit du jedes mal dran denkst, wenn du so ‚n Dreck vorhast! Leid macht anderes nicht ungeschehen, macht es nicht besser. Leid kann man nicht teilen. Es wird nur doppelt so groß!“

„War.. war es das? Ich tu alles, frate.“Sie klemmte die Hand unter die Achsel und sah ihn mit traurigen, schmerzlichen Blicken an. Auch wenn der Schmerz lähmend sein musste, verbarg sie ihn recht gut.

„Kannst du die Zeit zurückdrehen? Alles ungeschehen machen? Und denk nicht dran sowas nochmal zu machen. Ich erlaub dir nicht, dich feige vor deiner Schuld zu verkriechen. Du kannst meine Vergebung nicht einfach erzwingen! Und jetzt steh auf, Porcule, und geh zu nem Heiler! Mit offener Verachtung und Zorn stieß er sie vielleicht doch ein wenig zu fest von sich weg und spuckte dann neben sich auf den Boden aus – ein eindeutiges Zeichen seiner Wertschätzung und Meinung über die vergangenen Ereignisse.

„Mir kann aber kein Heiler helfen… Ich kann nichts von dem, was war ungeschehen machen… auch wenn ich wollte. Es gibt andere Dinge, die gebrochen sind. Schlimmer als meine Hand.“Ihr Bruder mit den verschiedenen Eltern hat sich inzwischen zum Brunnen gestellt und starrte auf das Wasser hinab. Langsam und noch immer das gebrochene Gelenk umklammert folgte sie und gesellte sich neben ihn. Das sonst so hitzköpfige Gemüt schien ungewöhnlich ruhig. Die Kampfeslust, die sie ihm sonst entgegenbringt, schlummerte.

„Ich hab dich oft gesehen… im Traum. Manchmal warst du dann doch nur ein Fell. Manchmal warst du auch im Wald und dann ein Baum, als ich näher kam. Doch jedes Mal warst du weg, bliebst nicht. Alles was blieb…“ Der Satz bleibt unvollendet. Stattdessen betrachtet er sein heruntergekommenes Selbst als Reflexion im stillen Wasser unter sich. Die Gestalt war einem Ureinwohner Lameriasts näher, als dem Waldläufer, der er war. Nach dem Ausbruch vor nur wenigen Momenten, ist auch er wie gezähmt. Ratlos und gedankenverloren betrachtet er den Spiegel. „Warum bist du zurückgekommen? Du kannst nicht einfach… jedes Mal wieder kommen. Ich werde dir jetzt nicht vergeben. Und jetzt geh verdammt nochmal zum Heiler. Ich schwörs… Ich stech dich doch noch mit nem Giftpfeil ab und trage diese bewusstlose Lächerlichkeit eines flachbrüstigen Körpers zum Heiler.“

„Du wirst mich so schnell nicht los… Denk nicht dran. Ich dich nicht mehr in Ruhe lassen, ob dus willst oder nicht.“Sie war im Gespräch neben ihm angekommen und beugte sich mit ein wenig Abstand zu ihm über den Steinrand. Ihr Gesicht leistete dem wilden Gesicht dort unten im Wasser Gesellschaft. Für wenige Liedschläge konnte man sehen, wie beide nebeneinander waren. Es vergingen schweigende Atemzüge, in denen beide sich sehen konnten: Mitgenommen, schmerzlich und doch nebeneinander… Es sah aus, als würde Hayden den Kopf an Rasvens Schulter legen.
Der friedliche Moment hielt nicht lange. Vorerst gab sie sich geschlagen und ging. Rasven blieb zurück, den Kopf voll Gedanken, das Herz voll Widerspruch. Auch wenn er gerade nicht so recht Ordnung bringen konnte, wusste er doch, dass sie zu stur war, um jetzt los zu lassen.
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