Vielleicht hätte er nicht sagen sollen, dass er in Bajard anlanden wollte.
Noch immer war er regelrecht empört über die Nachricht, die er überbringen sollte. Julian wollte gerade das Schiff verlassen, als der Kapitän ihn freundlich fragte, ob er ihm eine kleine Gefälligkeit erweisen könnte. Nach der nicht gerade angenehmen Fahrt auf seinem Schiff, aber heilen Ankunft (die Julian nicht allein dem Mann zuschrieb, sondern in weitesten Teilen den lichten Göttern), hatte er das Gefühl ihm wenigstens etwas schuldig zu sein, weshalb er einwilligte.
Entweder hatte der Kapitän einen seltsamen Humor, den Julian nicht verstand, oder aber er hörte nicht zu, wenn ihn jemand im Namen Temoras grüßte. Jedenfalls besaß der versoffene Kerl die Unverschämtheit ihm einen Brief an den Statthalter Rahals auszuhändigen.
Gut, vielleicht dachte dieser vermaledeite Drecksack, dass Julian sich nicht auskannte in dieser Region. Nach der längeren Reise mit diesem Mann konnte er sich darüber hinaus bildlich vorstellen, wie der Kapitän für gewöhnlich mit Schwierigkeiten umging. Weiträumig und stets auf dem leichtesten Wege. Dementsprechend war er vermutlich froh den Brief einfach nur los zu sein, wer ihn weitergab oder nicht, scherte ihn nicht mehr, sobald er ihn aus der Hand gegeben hatte.
Was der Kapitän allerdings nicht wusste: Julian war nicht unvorbereitet die Reise angetreten und gut über die Gegebenheiten und die Grenzen vom alumenischen und alatarischen Reich informiert. Er hatte auch nicht unbedingt mit seinem Gewissen zu ringen, das Siegel zu brechen und den Brief zu lesen, als er dem Schiff den Rücken gekehrt hatte und sich alleine wähnte. Die Enttäuschung war groß, als es nur einer dieser Briefe war, die nichts herzugeben schienen, als müde Floskeln und irgend ein Dank, der sich auf etwas bezog, was nicht näher ausgeführt wurde. Ob der Brief nun ankam oder nicht – es würde keinen Unterschied machen.
Das Pergament wurde unliebsam in die Innentasche des Mantels gestopft und dem Dorf, in dem er angelandet war, mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Ein flüchtiger Rundblick machte schnell deutlich, dass hier nicht viel mehr zu finden war, als einfache Dörfler, noch einfachere Häuser, ganz was man von einem Fischerdorf erwarten durfte.
Dass die erste Begegnung mit den Menschen hier allerdings direkt derart alarmierend klang, machte ihm schon sorgen. Irgendein Kerl mit einer Axt, der offenbar nicht gerade von froher Natur war. Um was es genau ging, wusste Julian nicht, so lange verweilte er auch nicht.
Ihm war es erstmal wichtig eine Unterkunft zu finden, frische Kleidung zu bekommen und vor allem das Kloster aufzusuchen. Genau aus diesem Grund hatte er das Dorf gewählt um anzulanden. Die Karten sagten, dass das Kloster direkt dahinter lag.
Überdies war es an der Zeit einen Brief in die Heimat zu schicken, um die glückliche Ankunft kundzutun und einen Eintrag ins Tagebuch zu verfassen. Es war ein ganz Neues, ein Geschenk des Vaters zum Abschied, wohingegen die Mutter ein ganzes Sammelsurium an guten Federn dazu getan hatte, die Schwester ein Tintenfass und der Bruder eine Lederrolle voller sauberer Pergamente für die Briefe an daheim.
Kleider waren, dank guter Hilfe, relativ zügig besorgt. Bestimmt keine Maßanfertigung, sehr schlicht und einfach gehalten, aber sehr zweckdienlich und vor allem warm. Eine Unterkunft war danach auch schnell gefunden und der erste Besuch im Kloster wurde auf den nächsten Tag verschoben, denn als er sich auf das Bett setzte, fühlte er sich mit einem mal völlig erschlagen.
Also nahm er das in Leder gebundene Tagebuch zur Hand und machte sich an seinen allerersten Eintrag in den neuen Landen. Die erste Feder spitzte er sorgsam mit einem kleinen Federmesser an, tauchte sie in die Tinte und begann zu schreiben.
Gegeben am 1. Lenzing 255, Bajard
Es ist vollbracht. Das Schiff ist endlich angelandet und ich habe ein Bett gefunden für die Nacht in dem kleinen Fischerdorf, das sich Bajard nennt. Nach einem ersten spärlichen Eindruck, den ich gewinnen durfte, muss ich schon jetzt feststellen, dass es viel zu tun geben wird für mich, möchte ich dem gerecht werden, was ich mir vorgenommen habe. Doch eines nach dem anderen, Schritt für Schritt, nur nicht allzu sehr überhasten.
Ich habe mir vorgenommen morgen das Kloster zum ersten Mal aufzusuchen und hoffe dort Einlass zu bekommen und jemanden dort anzutreffen, der mir weiterhelfen kann bei meinem Ansinnen. Ich muss gestehen, ich bin aufgeregt und trotzdem ich mich völlig erschlagen fühle von der Reise, werde ich vermutlich die Nacht kaum ein Auge zutun.
Vorgenommen habe ich mir außerdem für den nächsten Tag in die Stadt zu reisen und vorstellig zu werden dort, allein schon deshalb, weil es nicht schaden kann den nötigen Anstand zu zeigen und wenigstens einmal guten Tag zu sagen. Wenn nämlich alles den eigenen Vorstellungen entspricht, werde ich dort des Öfteren zugegen sein und so wird es mir gewiss ein paar Vorteile verschaffen, gleich von vorne herein den nötigen Respekt zu erweisen. Selbst wenn ich es gewagt haben sollte, über die Stränge zu schlagen bei meinen Hoffnungen und Träumereien, die mich die Seefahrt über begleitet haben, wird es gewiss nicht schaden.
Da sind noch so viele Fragen, die ich habe, die ich noch stellen werde müssen, eigentlich Belanglosigkeiten im Anbetracht dessen, welchen Weg zu gehen ich mich entschlossen habe, die aber dennoch den Geist ständig beschäftigen, dass ich mir überlegen muss, ob diese je eine Antwort finden, oder ob ich sie überhaupt stellen sollte oder will.
Eines habe ich auf der Reise jedenfalls gelernt: Müßiggang führt zu allerlei seltsamer Gedanken und Pläne, von denen die Hälfte vermutlich nicht einmal realisierbar sind, aber es ist ein netter Zeitvertreib zu träumen – Effizienz hingegen ist etwas ganz anderes. Ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, welches von beidem mir lieber ist, aber ich neige zur Effizienz.
Noch eines habe ich in der Zwischenzeit gelernt: Heimweh ist eine verzwickte Angelegenheit. Ich vermisse meine Familie, insbesondere meinen Bruder und die Schwester, aber auch die weisen Ratschläge meiner Eltern. Da ich noch nie so lang und so weit von daheim fort war, schon gar nicht alleine, kommt mir alles im Augenblick sehr trostlos und ich mir verloren vor. Ich hoffe inständig, dass sich das bald ändert. Stets aber, so kann ich doch mit Sicherheit sagen und das ohne jeden Zweifel, war und ist es mir ein großer Trost mich ins Gebet zu fliehen und darüber Zwiesprache mit der Ehernen zu halten, was mir erneut aufzeigte, aus welchem Grund ich den Weg auf mich genommen habe. Genau so werde ich es nun ebenfalls halten und danach versuchen Schlaf zu finden, um am morgigen Tag nicht auszusehen, als hätte ich eine durchzechte Nacht hinter mich gebracht.